Nr. 32.- 1915. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Sonntag, 7. Februar. Cm Mann öer wiffensthast. Heinrich Morf,_bcr bekannte Romanist_ber Berliner Uni- oersilät, richtete zu �emesterbeginn an seine bindenden eine An» spräche, deren Tept in der„Internationalen Monatsschrift für Wissenschaft, Kunst und Technik" veröffentlicht wird. Wir ent- nehmen ihr folgende Stelle: „Ich möchte zu Ihnen von französischer Kultur der Vergangen- heil so sprechen, wie ich es immer getan, seit ich vor 35 Jahren diese Aufgabe in Bern, an der dcutsch-französischen Sprachgrenze, zum erstenmal übernahm, mich damals schon auf Goethe berufend, der uns gelehrt hat, wie mit sympathischem Interesse für das Romanische sich tiefe Liebe zum eigenen. Germanischen, verbinden kann. Und indem ich das vor Ihnen ausspreche, steigt die Gestalt meines Lehrers Gaston Paris, steigen die Studienjahre und die Studien- genossen zu Paris vor mir auf, mit denen unverlierbare ör- inncrungen aus fernen Jugendzeiten und aus jüngstem Zu- sammensein mich verbinden. Sie haben die Namen dieser Ar- beitsgenossen und Forscher ja oft von mir gehört. Was unsere Wissenschaft ihnen schuldet, was ich selbst ihnen verdanke, habe ich oft hier ausgesprochen. Wir werden ihrer nach wie vor im näm- lichcn Geiste gedenken. Jenseits des blutigen Ringens der Gegenwart steht Gaston Paris' beherrschende Persönlichkeit. Tankbar grüße ich von dieser Stelle aus seine Erscheinung. Ten tiefen, entscheidenden Ein- fluß, den er auf mich gehabt hat, habe ich schon oft bekannt: das Beste was ich Ihnen geben kann, ist in mir durch ihn geweckt worden. Höre» Sie, mit welchen Worten er 1870 im belagerten Paris seine Vorlesung wieder aufnahm:„Im allgemein»» glaube ich nicht, daß der Patriotismus irgend etwas mit der Wissenschaft zu tun hat. Die Lehrstühle find keine Tribünen. Wer sie benutzt, um etwas, was außerhalb ihres rein geistigen Zweckes liegt, zu verteidigen oder zu bekämpfen, der entfremdet diese Lehrstühle ihrer wahren Bestimmung. Ich vertrete uneingeschränkt und ohne Vorbehalt die Lebre, daß die Wissenschaft als einziges Ziel die Wahrheit, die Wahrheit um ihrer selbst willen, anerkennen soll, ohne irgend darum besorgt zu sein, daß diese Wahrheiten der Praxis gute oder schlimme, bedauerliche oder erfreuliche Folgen haben kann. Wer aus patriotischer, religiöser oder auch moralischer Rücksicht in den Tatsachen, die Objekte seiner Forschung sind, oder in den Folgerungen, die er ziebt, sich die kleinste Vcrheim- lichung, die leichteste Veränderung gestattet, der ist nicht würdig. seinen Platz zu haben in dem großen Laboratorium, in welchem Ehrlichkeit ein viel unerläßlicherer Rechtstitel ist als Gcschicklich- kctt. Wenn man die gemeinsamen Studien so auffaßt und in diesem Geiste betreibt, so werden wir hoch über den Schranken der feindlichen Nationalitäten ein großes Vaterland bilden, das kein Krieg befleckt, kein Eroberer bedroht/ und wo die Geister jene Zuflucht und Einigung finden, welche zu anderen Zeiten die Civitas Dei(die Kirche) ihnen geboten bat." Ich wollte vor Ihnen an die Worte dieses Edelu und Starken erinnern, der Bodenständigkeit und Weltbürgertum, Vaterlands- liebe und Wahrheitsliebe in vorbildlicher Harmonie geeinigt hat. Mögen seine Worte nicht umsonst gesprochen sein." Musik. Friedrich- Wilhelm st ädtisches Theater:„Fi- garos Hochzeit". Tie ani Freitag gegebene Over Mozarts bildet den zweiten Schritt der Direktion Gustav Friedrich auf dem Wege zu einem gediegenen Spielplan. Dies ernsthafte Bestreben fchelnl auch voin Berliner Pubtikuni, soweit man sehen kann, nach Kräften uniersttipl zu werden. Der Thealerraum war nämlich gut beieyr. Und das heißt für ein Mozartiches Werk in dieser Zeil doch viel und beißt noch mehr, wenn man am starken Betfall, iogar bei osiener Szene, die gesteigerte Anieilnahmc der Zuhörer er- mißt. Freilich: cS ging ein frischer Zug durch die ganze Aufführung. Otto Urack hält sein kleines, aber lcistungs- fähiges Orchester vortrefflich zusammen. Und die Vorgänge auf der Bühne nicht minder. Die Spielleitung ruht sicher in Herrn Friedrichs Händen. Daß emsiges Siudimn aus die Darstellimg ver- wendet wurde, merkie man an der Sicherheil, mU der alles von stallen ging. Unter den Mitwirkenden begegne: man ebenso lüchligen GeiangSkräflen wie Darstellern. Gustav Kirch, Berg van Eyck(Graf Almavival, Hanna von Gran, Feld(Gräfin), Adelheid Pickert(Susanne) und Hellmut, Berndsen(Figaro) boten prächtige Leistungen. Aber auch die kleineren Rollen wurden entsprechend durchaesübrt. Die Oper bewegte sich in einem stimmungsvollen Rahmen. Wir 1 glauben, die Direktion wird Mozanscher Musik ncnc Freunde und ( Verehrer gewinnen._ ek. Kleines Zeuilletsn. Ein blauer Tag im Monat Iebruar.... Wie ist die Sonne doch so mild und klar! Fühl's, in den Lüften schwingt verschwiegne Süßigkeit! Ein blauer Tag im Monat Februar... Nun sind die Veilchen und die Primeln nicht mehr weit. Ein Vogel singt verschüchtert einen hellen Ton— er kam wohl fern, fern aus Italien her... Was willst du, einsamer Sänger, schon? noch ist bei uns die Flur von Blüten leer. So voller Blut und Hoffnung war kein Frühling nicht, der jetzt das deutsche Land begrüßt, und so ersehnt noch nie das reine Licht, das alle Schatten von Zergrämten Stirnen küßt! O Sehnsucht, die inbrünstig um den Frieden ringt, o würdxn deine Träume wahr! ... Ein scheues Lied, das uns ein Vogel singt an einem blauen Tag im Monat Februar... _ Max B a r t h e l. Deutsche Malerei. In dem Salon von Fritz G u r I i t r ist eine Zusammenstellung von Bildern, die sich inr Besitz von Privatleuten befinden, zu feben. Damit ist gesagt, daß die Bilder, die so vereinigt wurden, nicht zu den großen Schlagern und aufregenden Museumsstücken gehören. sie haben bürgerliches Format, sie sind aber gerade darum vortreffliche Beispiele für die Lebensart und die Leistungsfähig- keit jener deutschen Künstler, die etwa in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts geboren wurden und zumeist au der Schwelle des zwanzigsten starben. Nur deutsche Künstler wurden zugelassen: Boccklin, Buch- holz, Feuerbach, Hagem ei st er, Knaus. Leibi, Menzel, Meyerheim, Schuch, Schwindt.Sperl, stauffcr- Bern, T r ü b u c r, Anton v. Werner. Nur Hagemeistcr und Trübner sind von diesen noch am Leben. Sie leben aber künstlerisch völlig anders als damals, da sie die Bilder malten, die hier hängen. Das zeigt sich sehr deutlich an einem Bilde T r ü b n c r s:„Im Atelier". Es stammt aus den siebziger Jahren, vielleicht aus den achtzigeru; es wurde aber später um eine Figur vermehrt. Die Dissonanz zwischen der einstigen und der jetzigen Malweise des Künstlers ist verblüffend; ist dem Äünst- ler aber nicht günstig. Etwas Merkwürdiges zeigt sich; der Jüngere war der Alimeisterliche, der moderne Trübner ist virtuoser, er hämmert mit wilden Strichen, sehr sarliig, sehr tempera- mentvoll; der junge Trübner war voll schöner, durchdachter Aus- geglichenheit. solche Feststellung erschließt etwas Typisches; sie ließe sich für alle übrigen hier gezeigten Maler wiederholen, wenn deren Spätwerke zum Vergleich neben ihren früheren Arbeiten zu sehen wären. Ganz augenfällig gilt das für Anton v. Wer- n e r. Bon ihm kann man bei Gurlitt einige ganz frühe Arbeiten sehen; ein jugendliches Selbstbildnis ist von überraschender Naivi- tat des Blickes und mit leichter, gewandter Hand anspruchslos hin- gesetzt. Ein Kinderröpschen, das er 18(31 als ein Achtzehnjähriger malte, wirkt in seiner zärtlichen Blondheit überaus irisch und pulsierend. Selbst im Jahre 188:2 matt der Mann der Schreckens- Panoramen noch Gartenbilder von amüsanter Lebendigkeit; er sieht den blauen Schatten im Innern eines Sonnenschirms spielen, er weiß mit weichem Pirrseltanz die Schmeicheltöne einer Katze in frisches Grün zu setzen. Man begreift nicht, wie derselbe Mensch zu den starren Iliierträglichteiten seiner offiziellen Paradebilder gekommen ist. Man begreift es. wenn man hört, daß er selber den beiteren Eindrücken ans seiner Jugendzeit nur den Korridor der Meiftcrwohnung einräumt. Es scheint dies Erstarren im Alter ein Schicksal der deutschen Maler zu sein. Es gilt für Menzel, für Boecklin und bis zu einem gewissen Grade auch für Feuerbach. Wir treffen in dieser Aus- stellung ein kleines Aquarellblatt Menzels, einen Kakadu, der rosa und kreischend sich schaukelt. Man denkt an Slevogt. Man ist fast bestürzt, den Greis der Friedrichsbilder so voll moussierender Laune zu sehen. Um 1853, mit 38 Jahren, bat er in ganz kleinem Format eine Feuersbrunst gemalt, ein Gewühl von Flammen und Rauch, eine Erregung des Elementaren. Wiederum fragt man: Wie kam dieser malende Sinnenmensch zu den starren Historien, die ihn berühmt machten') Tie Frage birgt die Antwort und löst das Schicksal, das über den meisten deutschen Malern schwebt, sie wollen Anerkennung finden, sie finden sie, sie werden geeint und vergiften sich an der beharrenden UnProduktivität der offiziellen und akademisch anerkannten Gewohnheit. Das Schicksal der deutschen Maler ist ein kulturpolitisches. Auch Liebcrmann hat es erlebt, als er kürzlich die Russen durch das Brandenburger Tor marschieren ließ und seinen Polospieler als Gardercitcr maskierte. Tann Feuerbach; er füllt einen ganzen Saal der Gurlitt- Ausstellung. Einige der gezeigten Bilder waren bis jetzt un'bc- kannt; sie werden der Feuerbachforichuug zwar nicht neue Wege weisen, aber ihr eine wiUlmnmene Bereicherung sein. Eine Tafel. kaum größer als eine Postkarte, aus dein Jahre 1815 zeigt den Herrn Trenelle. bei dem der junge Feuerbach als Schüler der Düsseldorfer Akademie wohnte. Ein Selbstbildnis von 184(3 ist noch ganz unbeholfen; es bat aber schon den sentimentalen Dunst- kreis, in dem Kenerbach bis zu seinem Tode lebte. Der Locken- köpf eines schlafenden Kindes ist schön und unmittelbar gemalt; der erste Entwurf zum Gastmahl des Plato zeigt, wieviel freier und ergreifender die erste Vision gegenüber dem vollendeten Werk (das in der Berliner Nationalgalerie hängt) gewesen ist. In den besonderen Schätzen der Ausstellung gehört ein Mädchenkopf, den Leibi aus einem melodiösen Grau mit genialer Schöpferkraft weckte; eine Ueberraschung ist das blumige Kinderbild des Anton Romako, eines Wieners. � Die dekorativen Tändeleien des heutigen Klimt und die Maniriertheit des ganz modernen Oppenheimers find anmutig vorweggenommen und erschöpft. Eins bleibt noch zu sagen: Wie wären alle diese Maler und ihre Bilder denkbar ohne den bestimmenden Einfluß des damaligen Frankreich.—'• It. Notizen. — M u s i! äb r o n i k. Im Schiller-Tb eatcr E h a r- lottenburg findet diesen Sonntag, mittags IL Uhr, da» dritte diesjährige s o ii n t a g s k o n z e r r statt.— Im S ck i I l e r° jaal wird Sonnlag, abends S'/.j Uhr, ein„Schumann-Abend" ver- anstaltet.— Für das erste Sonnlagmiriag- Konrert des Verbandes der Freien VoUSbühnen inr Theater am B ü l o w p l a tz find iämiliche Karten vergriffen. Das zweite Konzert nndet unter Mit- Wirkung der Barthiwen Madrigat- Vereinigung und �der Kammermusik- Bereinigung der königlichen Kapelle am Sonntag, den 21. Februar, mittags 12 Uhr, statt. — Vorträge. Ueber Wohnungswesen und Städtebau in der neuzeiilickien Großstadt sprickt Professor Dr. Eberstadt am Mittwoch, den 10. Februar, abends 8 Uhr, in der Aula der Handels-Hoch schule Berlin, Svandauer Str. 1. Der Vortrag wird durch Lichlbilder ergänzt. Einlaßkarten sind unent- gelrlich beim Pedell der Hockischulc zu haben und werden auf briei- liche Bestellung auch vom Sekretariat übersandt.— Im Institut für Meereskunde spricht Dienstag Ernst Graf zu Reventlow über„die Ungunst unserer geographischen Lage für Seemacht und Seehandel", Freitag Prof. W. Stahlberg über„das Nachrichtenwesen als moderne Waffe". Prof. A. Penck beginnt seine Vortragsreihe: „Im Britischen Weltreich während des Krieges" am Montag(Bis zum Ausbruch des Krieges), und setzt ihn Sonnabend iorl.(Reisen in Australien.)— In der Urania. wird Prof. Georg Wegener, der seil August als Krtegsberichlerstatrer der„Kölnischen Zeilung" auf dem westlichen Kriegsschauplatz wellt, am Dienstag und Donnerstag einen Vortrag über den bisherigen Feldzug in Belgien und Frank» reich halten.(Mit Lrchlbilderii.) -Nikolaus als Liebesgabe. Wie aus Petersburg gemeldet wird, begibt sich ein Bemnler des Heiligen Synods in diesen Tagen nach Lemberg, um drei Waggons mit Liebesgaben dorlhin zubringen, darunter befinden sich 20 000 Kaiserbilder, Schul- und Lesebücher, sehr viele russische Heiligenbitdcr und Lruate für orthodoxe Geistliche.— Das sind zweifellos alles Dinge, die beweisen, wie uneigennützig der russische Befreier seine Rolle spielt. Für die russischen Lesebücher wäre in Rußland die beste Verwendung zu finden in diesem klassischen Lande des AnalphabeieniumS. — Woklmangel in England. Das englische KriegSamt beabsichtigt nach dem„Daily Telegr.", die Territorialmiliz mir baumwollenen Ähakiuniformen auszurüsten, die über Zivil- lleidung und Sonnneruniformen geiragen werden sollen, da alle wollenen Khakiunisormen für die Mannschaften an der Front ge- braucht werden sollen. 32) Ueberfluß. Von Martin Andersen Ncxö. Es wurde Bänder erst klar durch ein Gespräch, das er acht Tage später mit einem Bürger hatte.„Daß der Kandidat sich betrunken hat, das ist es ja nicht," sagte er.„denn das kann dem Besten �Passieren; aber er hat diese Übeln Frauenzimmer aufgesucht, Sie wissen ja. Nun, er ist zwar nicht der erste, der das getan hat, und der Mann war, wie gesagt, berauscht, doch wenigstens hätte er warten können, bis es dunkel wurde. Aber am helltmleu~-agc, so daß alle es sehen können, das geht— zum Teufel nrnh mal— nicht an, das können Sic wohl ver- stehen! senken Sw doch an unsere Frauen und Töchter— Don der äugend gar nicht zu reden. Es muß ein Exempel statuiert werden, anders geht es nicht." Das Gymnasium, die Realschule, sowie der Abstinenzler- verein nnt.Herrn s>orensen an der Spike nahmen an der ae- meinsamen Aktion gegen den Kandidaten teil; der sittliche Ün- Wille über sein Tun war allgemein. Seiner Lehrtätigkeit an genocr rsrunuruge. ou...«vro oim neuem m oen Abstinenzler verein eintreten und der Sichule mit einer Summe von sechs- raufend Kronen über eine augenblickliche Schwierigkeit hin- weghelfen.-... �. Ter Abstmenzlerverem stellte für seine Wiederaufnahme Bedingungen mehr ideeller Natur. Er sollte dein Verein eine seidene Fahne schenken und die Halste der Unkosten eines Aus- flugs nach einer kleinen Insel, die etwa zehn Meilen entfernt war, bestreiten. Bänder imißte, daß der Kandidat ohnehin gratis an der Schule unterrichtete, daß er außerdem eine dritte Hypothek von zehntausend Kronen, die keine Zinsen trugen, auf die Schule hatte eintragen lassen, und daß er endlich dem Ab- stinenzlervercin schon beträchtliche Summen geopfert hatte; er war daher gespannt zu sehen, ob der Kandidat sich fügen würde.--- Es verstrichen einige Wochen, ohne daß Bauder den Kan- didaten selber zu sehen bekani. Dieser hielt sich zu Hause, ver- mutlick grämte er sich über die Behandlung, die die Stadt ihm zuteil werden ließ; und es verlautete, daß die Verhandlungen zwischen ihm und der Schule noch in der Schwebe seien. Dagegen war Bauder häufig mit Aage Sörensen zu- sammen, der ihn zweimal wöchentlich zu einer Segelpartie oder Wagenfahrt abholte. Er war froh und dankbar ob dieser Gesellschaft und sehnte sich nach dem Freunde, wenn dieser aus irgendeitlem Grunde ausblieb. Aber er konnte es nicht über sich bringen, selbst zu ihm zu gehen und ihn in seinem Hause aufzusuchen; jener Abend mit seinen ehelichen Szenen hatte einen zu unheimlichen Eindruck auf ihn gemacht, und er wußte von Aage. daß sich das Verhältnis zwischen den Eltern beständig verschlimmerte. Es war in den letzten Tagen mit ihm bergab gegangen; er schlief in der Nacht wieder schlecht, sein Schlaf war ruhelos und voller Träume, so daß er oft todmüde war, wenn er des Mor? gens aufstand, oder die Angstgefühle hielten ihn wach; ange spannt lauschte er jedem unbedeutenden Laut, der sich in seiner erregten Phantasie oft zu einem ganzen Blutdrama auswuchs. Doch alles in allem batte er mehr Kräfte und mehr Appe tit als früher. Durch die Gastfreundschaft der Wirtin ge nötigt, hatte er beschlossen, sich von ihr beköstigen zu lassen, und er mußte zugeben, daß ihm die regelmäßigen und wohl- zubereiteten Mahlzeiten gut bekamen. Er war kein unbedingt angenehmer Zimmerherr. Oft war er unterhaltend und behaglich, aber im Innern seines Wesens nagte das Uebel wie ein Fremdkörper, der in ein edles Organ eingedrungen ist. Und sein Sinn wurde unzu- verlässig und schlug— anscheinend ohne allen Grund— von gutmütigen Späßen in boshaften Spott um. Zu anderen Zeiten war ihm überhaupt nicht nahezukommen, so verdrieß- lich und renbiir konnte er fein. Seine Wirtin schrieb das der Krankheit zu, und es tat ihrer Fürsorge für ihn keinen Abbruch. Sie hatte eine eigne, unbefangene Art. seiner Verdrossenheit zr begegnen, die ihn den Umständen nach noch mehr reizte oder ihn veranlaßte, in sich zu gehen. Gegen Fräulein Else benahm er sich dagegen ziemlich gleichmäßig, ihr gegenüber hatte er eine Haltung überlegener Ironie angenommen. Sie antwortete ihm nie auf seine kleinen, spitzen Bemerkungen, nahm sie sich aber sehr zu Herzen. Bei Tisch sah sie ihn nie an. sondern starrte aus ihren Teller und fühlte sich unsicher und ungeschickt. Oft war sie dein Weinen nahe. Er konnte nicht umhin, darauf zu achten, und es erfüllte ihn mit eigentümlicher, boshafter Freude, zu wissen, daß er ein unberührtes junges Mädchen zwang, insgeheim vor ihm zu erschaudern und stets an ihn zu denken. Darin lag eine Art Rehabilitierung. Bei all seiner Verachtung den Frauen gegenüber gab eS nämlich einen wunden Punkt in seinem Leben: daß er sich selbst, sein Inneres, seineu jämmerlichen Körper, gegen sich hatte und keinen Eindruck auf sie machte. Er erregte zwar ihr Mitleid, sogar in reichlichen! Maße, aber den brutalen Eindruck von Geschlecht zu Geschlecht hervorzurufen, der so ein junges Mädchen dem Manne gegenüber scheu machte und es trotzdem in seine Nähe zwang, war ihm versagt. Er unternahm täglich weite Spaziergänge, und zwischen den Ausgängen lag er im Halbschlaf auf seinem Sofa. Zum Lesen konte er sich nicht bringen; es verlangte ihn schmerzlich danach, praktischen Nutzen zu stiften, aber er hatte nicht die Kräfte dazu. So grübelte er denn. Alle Erscheinungen ging er durch; er zerlegte sie, versuchte ihnen auf den Grund zu kommen. Aber das war eine Arbeit voller Leiden und Hoffnungs- losigkeit. Nicht er allein, vielmehr die ganze Generation, dereir erste Jugend in die achtziger Jahre fiel, schien ibm völlig nutzlos zur Welt gekommen zu sein— ohne Ziel, weil eine neue Zeit gerade mit der vorigen Generation gesiegt hatte, und mich ohne Mittel, weil diese Menschen geborene Skeptiker waren. Nirgendwo war nach außen hin etwas für ihn und seine Leute zu tun, es war nicht einmal Platz da; denn auf allen vorgeschobeneu Posten saßen ergraute Raditale, die längst autorisierte Bürger in der Gesellsckast hätten sein müssen, saßen und hielten sich jung in dieser anhaltenden Opposition. Und sie ivaren eifrig entflammt, hatten Kampfes- erinnerungen und Siegerfreude; denn sie hatten gesiegt—- in der Idee. Aberer und die Seinen stagnierten, der ganze Wurf miß- riet im Schatten jener. Man hatte nicht ihren brennenden Glauben, der Skeptizismus war nicht länger ein:„Wache heraus!" Er lag im Blut und ichlug seinen scharfen Zahn in Neues so gut wie in Altes. Deiin die neuen Ideen standen sippig und friedlich neben den alten und hatten ein Koni- promiß geschaffen, das unheimlich und demoralisierend ge- rade auf die Jungen wirken mußte, bei denen ja das Neue das Festgetvurzelte, Angeborene war. Ob wohl das Bestehende jemals in dem Grade eine Lüge gewesen war wie jetzt, wo es so verschieden von allem recht- schaffeneil Bewußtsein tvar? Es siel ihm sdiwer, das zu glauben. Schlaffheit und Unehrlichkeit ivaren die Begleiter des Kompromisses, und er traf diese beiden Faktoren überall an— auch in sich selbst. (Forts, folgt.) Im Krieg wi stets volles Gewicht zum alten Preis! I Pfund-Paket 1 Pfund-Paket (Nctto-Inhalt 5ÜÜ grj äa*f(Nctto-Inhalt 500 gr) 65 Pfg. 65 Pfg. 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