Nr. 36.- 1915. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Freitag, 12. Februar. In öer Bukowina. Es vmr eine N'dte und ermüdende Reise, im Frieden nach der östlichsten Provinz Oesterreichs, dem Herzogtum Bukowina zu gelangen— nach diesem eigenartigen iland, das Joseph II. von teil Türken gewann und das in seiner bizarren Völkermischung ein wadres Älein-L eitere eich ist. Wohnen doch in dem Lande, das sich zwischen Galizie», Rußland und Rumänien erstreckt und sich an die östlichsten Karpathen, die Transslstvanischen Alpen lehnt, neben- und durcheinander Polen, auch polonisiertc Armenier, Deutsche, Ruthenen, Rumänen, Pigcuner, die in den Bergen herumstreifen- den Huzulen und Lippowäner— diese russischen Glaubens— und viele tausend Juden, die im großen und ganzen weniger die mittel- allcrliche Gettoabschlicßung zur Schau tragen und wohl auch nicht ganz so„chassidisch"— strenggläubig— sind, wie die Hundert- tausende ihrer Brüder in Galizien. In der Bukowina gibt es auch nicht wenige jüdische Landwirte, die man ruhig alö Bauern bezeichnen kann. Der Vorpoitencharakter des Landes war es vielleicht, der ihm ein fühlbares Oesterreichertum eingeprägt hat. Wenn man aus Wien mit scinein Skeptizismus und seinem nur der eigenen Stadt. niemals dem Staat gewidmeten Gefühlsüberschwang nach der fernen Bukowina kam, spürte man, daß sich diese Menschen als Oesterrcicher fühlten, vielleicht als Kulturbringer gegenüber dem barbarischen Rußland Podolicns, gegenüber dem feudalen und großes Elend bergenden Rumänien und selbst gegenüber Ungarn, da- ja immer nur ein magyarischer Staat sein lvollte, während fast alle in der Bukowina in nationaler Freiheit lebenden Völker ihre Volksgenossen drüben, jenseits der grün-weiß-roten Pfähle in ganz anderen und weniger sympathischen Verhältnissen wußten. Vielleicht entstand der plötzliche Eindruck des vorher kaum gekann- ten Eesterreichertums auch daraus, daß nun, nach der langen Fabrr durch das weite grüne Galizien, hier, wo am Horizont wieder blaue Berge auftauchten, alles wieder deutsch sprach, wenigstens auf dem Bahnhof— so, als wäre man ins Salzkammergut ge- fahren und nicht in ein Land, in dem vor 120 Jahren noch der Halbmond geherrscht hatte. E z e r n o w i tz, die Landeshauptstadt. Weit sauberer, netter und lebhafter als galizische Städte von derselben 20«XXl-Einwöhner- Größe: die ganze liebe Stadt auf einer Hochebene über dem Pruth, der unten träge und seicht dahinglitzerte, um ins ferne Ausland, »ach Südosteuropa, hinauszugehen. Amtsgebäude, Kasernen, Theater, die jüngste österreichische Universität mit ganz deutschen Vorlesungen, deutsche Zeitungen, deutsche Aufschriften, ich glaube, selbst mit deutscher Anitsspracke in der Gemeinde— natürlich. welche denn sonst? Freilich auf der Straße hörte man wohl alles mögliche: das italienisch klingende Rumänisch, das zischende Pol- uisch, das schmatzende Russisch, das dunkle Ukrainisch und vielfach den mittelalterlich-mittelhochdeutsch verschnörkelten, gurgelnden Jargon der Ostjuden, die da alle Gewerbe treiben und besonders das des Droschkenkutschers und Flickschusters erkoren zu haben scheinen. In der glühenden Sommersonne bekommt die Stadt mit der immerhin der Nähe des Orients geschuldeten Lässigkeit ihrer Obst- und Melonenstände lcickt etwas Orientalisches. Schon gar, wenn man an der Ecke einen Mann mit einem Lcfchen findet, fast wie ein Wiener Maroni- und Bramburimann aussehend, der seine gebratenen Edelkastanien und Salztartoffeln, auch Bratäpfel und selbst ge.backcne Haselnüsse krcuzerweisc absetzt, iudein er dabei un- ausgesetzt in die Kälte ruft:„Heißße Maroni beißße, Bramburi!!" Aber hier in Czernowitz und im Hochsommer gibt- was anderes an dem Straßenofen: gesottene und gebratene Maiskolben, Kukuruz genannt, von denen man die sehr wohlschmeckenden Körner abißt, indem man den heißen.Kolben an seinen Enden häll. Als ich da war. kostete so ein Kukuruz, für den man in den Wiener Gast- . Häusern wohl 20 Heller zahlte, einen Kreuzer— zwei Heller. Weiter nach Süden geht die Babn, ziemlich gerade auf die Grenzorte im Süden los— auf Suczawa, Kimpoluug und Jtzkany- Bukowina, wo es nach Rumänien geht, ober auch nach Rus-Molda- »ütza, dem„Russischen Moldauufer". Mehrfach geht die Grenze sogar mitten durch die Orte, und so gibt es bei den Bukowinaer Juden, wie ich inich eriniierc. ein österreichisches Lanilla und ein russisches, wo vielleicht keine Juden wohnen dürfen und dos jeden- falls den gebräuchlichen Namen„Go ifch(Christlich-)-Banilla" führt. Bevor man aber soweit nach dem Süden kommt, zweigt von dein.,ur Abwechselung wieder einmal echt magyarisch klingenden Sri Hadikfalva eine Kleinbahn ab, die gemütlich neben oder gar auf der Landstraße daherfäbrt und noch dem jetzt in den Kriegs- berichten soviel genannten R a d a u tz führt. Diese für ostcuro- päische Begriffe ganz ansehnliche Stadt liegt nun schon im rein rnmänischcn Teil des Landes, ist ober selbst fast ganz jüdisch- deutsch. Aber die Religion der Mehrheit der Stadtbevölkerung hielt, soviel ich sah, ein niedliches feistes Schweinchen nicht ab, aus dem Ringplatz seine ausgedehnte Verdauungspromeuade zu unter- nehmen. Damals war Radautz freilich ein sehr friedliches Nest. Man saß tvodl in der Delikatessenhandlung und Frühstückitube. die sich— wie alle in Galizien und Lodomerien und den umliegenden Gegenden— den weit berühmte» Hawelka zum Muster genommen hatte. Man saß da. trank und speiste und besprach gemächlich die Ereignisse der Stadt und des Reiches und guckte mal auf, wenn draußen eine Uniform vorüoerkam oder vorbeikutschiertc. Nahe bei Radmitz ist nämlich eines der bedeutendsten k. u. l. Gestüte, Unter-Wikoiv(bitte das w auszusprechen!i, und es wurde gar oft von schneidigen Kavalleristen aus der Monarchie besucht, sandte auch nicht selten seine Fuhrwerke in die Stadl. Sonst gab es nur Gendarmerie da, deren jetziger Landeskommandant Oberst und wohl schon Generalmajor Fischer zuerst wahrhaftig aus einem Nichts die Landesverteidigung gegen die Russen organisiert und sie schon einmal zum Tempel hinausgejagt hat. Auf krachenden Bretterwagen fuhren uns die rumänischen Bauern hinaus aufs Land, und da ich ein paar Wochen dort vcr- brachte, lernte ich sie ziemlich kennen. Lanier große, prachtvolle Gestalten, die Sommer und Winter den gleichen weitzledernen Schafpelz tragen— nur daß sie im Sommer das Fell, im Winter das Leder nach außen kehren. Für die Mode der Damen in Weit- enropa. die bei dem so schrecklichen Berliner oder Pariser Winter das kostbare Pelzwerf ihrer Jacken zur Schau tragen, dürften die Bukowinaer Bauern wenig Verständnis aufbringen. Stets gingen sie ohne Hut und trugen langes Haar zum Zeichen, daß sie freie Männer sind. An den Festtagen sparten sie nicht mit der schönste» Butter, die sie als RoSmetikum verwendeten und dann verdiente auch die Propination etwas— der jüdische Pächter des der Guts- Herrschaft zustehenden Sckmapsausschankrechts. Eine Zeitlang tranken die Rumänen allerdings gar nichts. Zu der Zeit nämlich, wo ein ausgedienter Korporal vom Czernowitzer 4l. Infanterie- rcgiment Erzherzog Eugen im Lande herumzog und seinen Lands- loulen mit solch biblischer Kraft vom Trinken abriet, daß die Bauern den Schnaps feierlich abschworen. Aber das hielt nicht auf die Dauer. Item— diese Riesen hiellen schon was aus, und sie soffen auch nicht alle Tage. Freilich, wenn die Zeit da war, dann taten sie es ordentlich. Tann sprachen sie wohl auch den Fremden an, der aber nur gelernt hatte zu sagen:„Nufchtiu rumaneschti oder„Nufchtiu moldowanaschti"— ich verstehe nicht rumänisch, ich verstehe die Bauernsprache nicht. Daß die Volkssprache dos„Motdowaneschti" ist. zeigt die Bedeutung des Moldau fluffes, der durch das Land nach Süden zieht und fern in Rumänien in die Donau fällt; nach ibm hießen die Tonaufürstentümer Moldau und die Walachei. Es ist freilich eine andere Moldau als jener stolze böhmische Strom, von dessen Uferbergen die Sagenburg Vvschcürad und der herrliche Hradschin mit dem St. Veitsdom herniederschauen. � Diese östliche Moldau ist in ihrem Oberlauf ein rasches klares Wasser, von dessen Holzbrückcn man jeden Kiesel auf seinem Grunde sehen kann. Dort unten im Süden de» Landes sind die weiten schönen Buchenwälder, von denen das Land seinen Namen haben soll. Sie gehören zumeist dem Baron Popper oder dem reichen griechisch orientalischen Religionssonds. Diesen Religionsfonds hat Kaiser Joseph l l. die von ibm säkularisierten Besitztümer der Klöster über- wiesen, damit aus ibren Einkünften die.Kultusausgaben gedeckt werden. Da der Religionssonds so in manchen Provinzen, auch im Buchenlande, einer der größten Grundbesitzer ist, hat er auch das Wahlrecht in der Großgrundbesitzerkurie, und bevor das gleiche Wahlrecht zum Abgeordnetenhause in Wien eingeführt war, sah man dort auch immer einen weißbärtige» Popen mit goldenem Kreuz, vielfarbigem Ornat und dem glänzenden Seidenkegelftutz auf dem Haupte— den Archimandriten Repta, der von den Groß grundbesitzern der Bukowina gewählt war. Tics in den Wäldern rasselten die Brettersägen, von roschen Gebirgsbächen getrieben. Draußen aber auf der weiten Ebene brauste der Kacpathensturm über die Maisfelder, der Sturm, der jetzt vielleicht den Klang des Eisens und den Donner der Geschütze daherträgt und das reiche Land befreit von den brutalen Scharen Väterchens.___ R. B. Soissons während öes Bombardements. Der Pariser Korrespondent von„SvenSka Dagbladet" schreibt: Dank einem ftanzösisch-anierikanischen Arzt war es mir möglich, einen Blick hinter den eisernen Porhang zu werfen, der Paris den Krieg verbirgt. Ter Arzt gestattete mir. ihn auf seiner Fahrt nach Soissons zum Einholen von Verwundeten zu begleiten. Die Ambu- lanzkolonne. mit der wir fuhren, bestand aus zwölf großen grauen Automobilen, die als Krankenwagen benutzt wurden. Als wir �ims Villers Cotteret näherten, einer reizenden kleinen Stadt an der Oise, die nun aber zur Hälfte zerstört ist, passierten wir ein Lager von blauen algerischen Tiraillcuren und roten Zuaven, die sich ihren Reis kochten. Hier vernahmen wir den ersten von Norden kommenden Kanonendonner, und allmählich unterschied man auch die Explosionen der deutschen„ManuueS", wie hier die ungeheuren Bomben gc- nannt werden. Tie Straßen von Villers Eotteret waren mit Truppe» überfüllt, Ossi ziere ritten hin und her, und Auto», mit Verwundeten überladen, vahntcn sich mühsam den Weg. Diese Verwundeten tamcn direkt vom Kampfplatz und waren nur provisorisch verbunden. Mavute von ihnen waren gutes Mutes, andere aber starrten totenbleich vor sich hin, nicht wissend, was um sie her geschah. Der Arzt ging in die im Güterschuppen am Bahnhos eingerichtete Ambulanz, wo die Verwundeten untersucht wurden. Aufgeregt erklärte er, alsjw zurückkam:„Es muß entsetzlich sein dort drüben, wir haben 5000 Ver- wundete. Die Deutschen bombardieren Soissons." Als lvir weiterfahren wollen, nähert sich uns ein junger Sergeant, der Sohn des General» Caftelnau, des Kommandanten der Armee bei Soissons. Er steigt in unser Auto, da er den Arzt gut kennt, und erzählt uns natürlich von der soeben beendigten dreitätigen Schlacht bei Soissons, infolge deren die Franzosen die Orte rechts des Aisne- ufers räumen mußten../Papa hatte nicht genug Mannschaften, da war la fatalite," sagt der Sergeant. Er hatte nur drei Brigaden auf der anderen Seite des Flusses, und als der übertrat, war es nicht möglich, die Brücken iustandzuhalten. Vor Vregny, wo die deutschen Reserven am dritten Tage ihren entscheidenden Ausfall unternahmen, hatten lvir nur ein Regiment, und die Pontonbrücke bei Missy wurde wiederbolt vom Strom fortgerissen, io daß lvir den Kameraden auf der anderen Seite keinen Entsatz bringen konnten, �ie schlugen sich bis auf den letzten Mann." Je mehr wir uns Soissons näherten, desto mehr Truppen bc- gegneten wir. Die Wege waren hier von den schweren Gefährten zerfahren, und die Soldaten marschierten bis zu den Knöcheln im Schlamm. Sie sahen erschöpit ans, und ihre Uniformen waren bespritzt und schmutzig. Vielen hingen um die Beinkleider lange Schmutz- fransen, die Schöße der Mäntel waren ihnen auf den Körpern ver- fault. Ganz dicht vernahmen wir nun den Kanondendonner. Wir sahen die„Marmitcs" am linken Aisncufer einschlagen, dichte schwarze Rauchsäulen stiegen auf. Kleine weiße Flocken schwammen in der Lust, wo die Granaten explodierten. So rasch wie möglich fuhren wir über die enge, lehmige Landstraße, ans der wir immer wieder ausweichen oder anhalten mußten. Fliehende Bürger kamen aus der bombardierten Stadt. Eine alte Frau hatte ihre Habseligkeiten auf einen kleinen Wagen gehäuft, der von einem Esel und einem Hund gezogen ivurde. An manchen Stellen war die stratze voll- kommen aufgerissen von den deutscheu Granaten, so daß man auf das Feld nebenan lenken mutzte. Dicht neben einem Trupp, der vor uuS marschierte, explodierte eine Granate, so daß die Erde die Sol- daten über und über bespritzte. Gegen Mittag fuhren wir in Soissons ein. Das Bombardement hatte im Moment aufgehört, doch da» Artillerieduell zwischen den französischen Batterien an den nahen Hügeln südlich der Aisne und den deutschen, die sich irgendwo dort am blaugrauen Horizont bi> fanden, dauerte fort. In einer der Hauptstraßen, der Rue de Eom- merce, waren alle Häuser geräumt. Hier lvaren die Dächer, dorr die Mauern geborsten, voller Spalten und gähnender Löcher. Ein einziges Geschäft in der ganzen«tratze. war noch offen. Da die Stadt seit vier Monaten dem jelveiligen Bombardement der Deutschen ausgesetzt gewesen war, hatte bereits vor den letzten Kämpfen der größte Teil der Bevölkerung und fast alle Zivilbehörden sie verlassen. Aber um so mehr Militär war da. Ueberall begegneten lvir Jiifanteric- und Artillerieabteilungen, reitenden und fahrenden. Offiziere galoppierten im gestreckten Galopp durch die engen Straßen. Es herrschte eine Hast, als bereite man sich auf einen feindlichen Angriff vor. Die Deutschen sind ja auch tätsächlich nur noch ein paar Kilomeier von der Stadt entsernt. Ihre Infanterie ist sogar bereits in eine der Vorstädte jenseits der Aisnebrücke ein- gedrungen, aber durch einen wahnsinnigen Bajonettanfalt wieder hinausgedrängt worden. Unsere Kolonne hält vor dem Lazarett, die Sanitäter bringen Verwundete auf Bahren herbei, der Kampf tobt also noch immer. Man ist im JBegrisf. das Lazarett zu räumen, da es den Ver- mundeten keine Sicherheit mebr bietet. Mehrere Bomben haben es bereits getroffen.„20110 Verwundete sind schon expediert worden," sagt ein„inlirmier"(Krankenpfleger), der mit unserem Arzt spricht. Doch neue.füge kommen ununterbrochen. Und dennoch mußten viele in den Händen der Deutschen ans der anderen Seite des Flusses bleiben. Alle herbeizuschaffenden Wagen und Autos be- fördern Verwundete zur nächsten Bahnstation. In Soissons selbst ist nämlich die Station geschlossen. Sie war ein zu häufiges Ziel 8Sj Ueberfluß. Von Martin Andersen Ncxö. „Wir sprechen so oft zusammen darüber und gehen die Kartest durch," fuhr sie fort. ,'J ch finde nun. er sollte Land kaufen und Farmer werden. Dann sollte er sich von hier aus der Heimat eine recht starke gesunde Frau mitnehmen! denn au den Frauen drüben ist gewiß nicht viel dran: man iagt. daß die Dienstmädchen Klavier spielen. Aber Platz, sich zu rühren, ist jedenfalls vorhanden." „Fühlen �ie sich durch die kleinen Verhältnisse hier in der Heimat bedruckt? fragte Bauder den Kandidaten. „Ja, hier ist kein Ellbogcnrauin für den, der wirklich etlvas auf dem Herzen bat— und Gehör kann man sich auch nicht verschaffen. Tie Leute sind zu dünkelhaft. Tchon in der schule soll man die Gören über den Unterricht mit zu Rate ziehen, und die Idioten— entschuldigen Sie. daß ich einen so starken Ausdruck gebrauche, aber die große Mehrzahl ist vorläufig leider nichts anderes— alle diese unbegabten Wesen soll man hübsch nach ihrer Meinung fragen. So Hab ich zum Beispiel neulich einen Arbeiter darauf aufmerkfam gemacht, daß er seine Hebestange verkehrt gebrauche, aber der Mann lachte mich bloß aus, obwohl ich viele Jahre Mechanik studiert habe. Und was kannte es nützen, daß ich so einem mit mathematischen Beweisen kam? Er versteht sie ja nickt. Ret», Autoritätsglaube muß sein, und der existiert nickt mehr unter den Männern irgendeiner Gesellschaftsklasse— nickt einmal unter den Schuljungen. Die Frauen sind die einzigen, die sick etwas davon bewahr: haben." „Meinen Sie. in ihrem Verhältnis zum Manne?" fragte Bauder lachend. „Ja, wie nun zum Beispiel eine gute Ehefrau— oder noch lieber eine Mutter. Sie versteht die Interessen ihres sohnes vielleicht gar nicht, aber sie glaubt an ihn und ist überzeugt davoi,. daß seine Sache die einzig richtige ist. Das ist das unmittelbare, kiudlich-imerschütterliche Vertrauen, das der Mann doch nicht zu entbehren vermag." „Aber warum nicht? Meinen Sie. er als Ganzes könne nicht vor dem Richterstuhl der weiblichen Kritik bestehen?" fragte Bauder und sah den Kandidaten ironisch an. „Ich verstehe so gut, was mein Mann meint," sagte Frau Rask und hob den Kopf von ihrer Arbeit.„Am Manne ist so vieles, was wir Frauen nicht verstehen, und womit wir uns nicht leicht vertraut machen können, wenn wir erst an- fangen, ihn zu kritisieren. Aber da kommt uns gerade das Vertrauen zu Hilfe I Ick denke oft. die Männer wären viel- leicht gar keine Männer, wenn sie nicht alle diese— sagen lvir einmal: robusten Neigungen hätten. Und dann sind sie doch viel klüger als wir." „Tja, es inag ja sehr angenehm für die Männer sein, sich blindlings bewmidcrt zu wissen.— Ich ziehe aber die Frauen vor, die wie jener Arbeiter sich aus ihre eigene Er- fahrung verlassen und über die angemaßte Autorität lachen. Aus diesen Mann paßte das Wort Idiot wohl kaum." „Angemaßte. Donnerwetter!" brauste der Kandidat auf. „Aber die Mathematik, mein Lieber?" Bauder zuckte mit den Schuttern. Er merkte, daß er sich zu ereifern begann, aber es war doch zu lächerlich, einen Menschen wie den Kandidaten feierlich zu nehmen. Er stand aus, um sich zu verabschieden. „Wollen Sie nicht hier bleiben und mit uns zu Abend essen?" fragte Frau Rask. Tann könnten Sie meinem Manne Gesellschaft leisten; es ist nicht gut für ihn, so viel allein zu sein." ..Ein Ehemann darf sich nicht einsam fühlen." erwiderte Bauder lachend. Was sollen wir anderen armen Wesen dann machen?" „Ich bin zu dumm und unwissend, ihm etwas sein zu können. Ich kann ihn nur bewundern, und das ist ans die Dauer gewiß ermüdend. Nicht Louis?" Der Kandidat brummte undeutlich. „Na— man kann dock allerlei vertragen," antwortete Bauder und verabschiedete sich. Der Kandidat ging unruhig durch die Zimmer.„Das ist ein ebenso anspruchsvoller wie oberflächlicher Herr," sagte er plötzlich und blieb seiner Frau gegenüber stehen. „Ja, das weißt Du natürlich am besten, Louis, da Du ihn kennst. Aber ich finde----- war nicht doch etwas daran—?" „Keine Spur! Gott bewahre!" sagte der Kandidat bc- stimmt, ohne sie ausreden zu lassen. „Er will doch gewiß, daß wir Frauen klüger gemacht werden, damit wir neben Euch bestehen können?" „Klüger?— Neben uns bestehen?— Aber. Frau, wie Du doch sprichst! Man sollte glauben, dieser alte Zyniker hätte Eindruck auf Dich gemacht. Da bin ich denn doch der Meinung, daß ich die Frau bedeutend höher einschätze als er: daß sie aber, was den Verstand angeht, neben dem Manne stehen soll, das mach ick nicht mit, dazu bringt mich keiner. Herzenswärme ist ihre Sache— alles, was die Sprache des Herzens redet, versiebt sie— ober Verstand? Wir wünschen es nicht einmal bei ihr, weil es Unnatur wäre." „Nein— fuhr er fort icnd ging eifrig dabei auf und ab, und seine Stimme bekam Klang,„nein, wir wünschen es ob- solut nicht. Well wir nicht daran mithelfen wollen, die Schön- hell aus dem Dasein zu verbannen. Ick weiß reckt gut, daß das Herz bei der Jugend unserer Zeit in Mißkredit gekommen ist, aber wenn der Verstand nicht länger ausreicht, wenn alles nach außen hin versagt oder sich gegen uns wendet, dann freuen wir uns doch darüber, daß zu Hause eine sitzt. die uns nicht mit neuem Verstand entgegenkommt, sondern die nur Herz ist— lauter Herz. Und das Weib müßte stolz sein auf seine Aufgabe, zu mildern und zu besänftigen, denn das Herz ist doch unser Verhältnis zum Höheren. Und ich glaube nicht, daß jemand auf die Dauer sich auf sich selbst verlassen kann." Frau Rask holte tief Atem:„Tu sprichst so schön, Louis — und so groß. Du hättest eine junge, hübsche Frau haben müssen, die Dich so recht an ihr Herz hätte nehmen und Dich alles Schleckte in der Welt hätte vergessen lassen können." „Na na! Ich beklage mich ja nicht." „Nein, und ich will nicht mehr unbillig sein— ich will vernünftig sein! Komm mal ein bißchen her, mein Junge!" Zögernd beugte er sich über sie, und sie umfaßte seinen Kopf mit beiden Händen. In ihren matten Augen waren Tränen: „Du darfst nicht mehr zornig sein, weil ich Dir beul noch- mittag Vorwürfe gemacht habe; es war garstig wm mir. Aber— aber könntest Du nicht ein andermal eine andere wählen? Nicht so eine?" Sie schluchzte laut.„Ich finde es lo entsetzlich, mit so einer teilen zu sollen," stammelte sie zur Entschuldigung und versuchte zu lächeln.„Ich bin doch auch ein Mensch, wenn ich auch alt bin! lind es gibt doch andere, die— ordentlich sind." Vor Tränen konnte sie nickt sprechen. „Aber Anina. ich war ja— meiner selbst nicht mächtig. Sonst hätte ich ja gar nicht-- Du kennst doch meinen Standpunkt zur Genüge." „Ja, das ist auch wahr— und ich hin eine dumme Gans. Du wußtest überhaupt nicht, was Du tatest, nicht wabr. mein Junge?" Sie trocknete ihre Tränen.(Forts, folgt.) für die iviiirdk Artillerie gewesen, und die deutsche Flieger Batten die Hugvcrvindungen eifrig crruudet.' Etil einziges(5afe ist in der Eiudt iloch llüru. ES ist üder- fiillt.mit Offizieren u.ud Soldaten. Und plöglich— Pang!— ein tveios«. als hätte der.Omner ins Enis eingeschlagen. Das Glas, d'-s ein mit mir redender Offizier rbeii. r.nm Munde führen null. fällt ihm aus der Hund, du"uft druck beuimmt einem den Atem. Eine derbe ttnft erfüllt den Raum.... tvor dein Cafe. NN! anderen Cnde des Afaritplcches war eine. Bombe erplodiert. Als der lltnuch sich verteilt hat. sieht man dvrl einen Körper ausgestreckt auf der Crde liegen. Seine Uniform ist ein blutiger Fetzen. Das Bombardement hat also wieder begonnen, das toai. der erste Besuch ge- inefen. Man hört nun aus verschiedene, l Teilen der Stadt die Crplasionen iii ZUnfchsiiräumeii von einer halben Minute, oder mehr. Der ununterbrochen rollende Kanonendonner Ivird heftiger. Stuf dem Rückweg mm Lazarett komme üb an der Kirche Saint aean des MgneS vorüber. Der eine ihrer beiden Türme und das Dach sind zerschossen. Auch die Kathedrale hat fclir gelitten. Die ganze Stadt scheint eine Ruine zu sein, nur wenige Häuser sind unbeschädigt. Die Milchstraße/) llntcr allen Erscheinungen des Sternenhimmels mutzte von früheiter Zeit an das Band der Milchstraße Geist und Phantasie des HimmelÄbetrachters am stärksten locken. Ein Nebelweg hoch zwischen glitzernden Sternen, der sich vom Firmament aus nuer- forscht er Ferne em porhebt, in schwindelnder Höhe das Land über brückt und jenseits hinter den Bergen, hinter denen das Glück wohnt, geheimnisvoll versinkt— kann etwas die Sehnsucht des Menschen mehr reizen, den Wissensdurst des Denkers mehr cnt- fachen? In den ältesten Volksmärchen und Göttersagen der grauen Vorzeit taucht das Problem der Milchstraße hervor. Im Kreise dieser Volksvorstellungen wurde die. Wissenschast geboren. Lei Chinesen, Indern, Aegypten! und Chaldäern blühte die Astronomie, als Europa noch eine Wildnis war. Aber ihre Wisicuschaft war auf das P rattische gerichtet ynd beschränkt auf Landvermessung, Kaleuderkundc und Finsternisberechnungeu. Für die Nckbclferne der Milchstraße hatten die Slstronomen zu Peking nnd die Jrispriestcr am Nil kein Auge, lim sich mit einer so wenig hervortrcteNden schattenhaften Erscheinung zu befassen, mutzte man Philosoph sein und den Himmel nicht als ein Kaien darium, sondern als eine Naturerscheinung, als ein Welträtsel betrachten, das man zu lösen sucht. Daher finden ivir die ersten ernsten Gedanken über die Milchstraße bei den griechischen Philo- sophen. Wie es sich oft ereignet, daß man in kindlicher llnbe- iangcnbeit im ersten Zugreifen der Wahrheit näher kommt als durch gewisscuhafte Bemühungen, so erfaßten die griechischen Philo- söphcn obne alle, unssenschaftlichen Grundlagen nur von Vernunft, Gedankenklarheit, Schöicheitssinn und Wahrheitsdraug geleitet das Bild der Welt in jenen Grundzügen der Wahrheit, die erst durch eine jahrtausendlange Forschung Allgemeingut der Menschen geworden sind. Man könnte die g r i e ch i s ch e n P h i l o s a p h e u geradezu die Propheten der Wissenschaft nennen. PythagoraS hat das Wesen der Algebra, Euklid die Fundamente der Geometrie, Aristoteles die Methoden der lllaturbeschreibung, Temokrit die Atomlehre. Aristarch die Mechanik unseres Sonnen- systems, Epikur mit Lukrcz später den Entwickelungögedanken mit allen seinen Konsequenzen durchgeführt, liuscre. ganze moderne naturwissenschaftliche Weltanschauung, die sich erst im 1Ü. Jahr- hundert zur vollen Blüte entsaltetc, finden wir bei den griechischen Philosophen vor über llCOO Iahren als Knospe sprießen. Im Kreise dieser Männer tvnrde das Mi Ich strg ßenproblcm zum erstenmal als wissenschaftliche Frage ausgeworfen. Die Phtbn- goräer knüpfen noch an die Phaetonmythcsonneusyftcm, iit Giordano Bruno für die Firjterne, für die Milch- straße, für das Weltall. Während Kopernikus als libschlutz Des ec- forschlichen Diesseits die Kristallsphäre der Alten mit den in ihr schsvebeuden Fixsternen bestehen ließ, zerbrach Giordano Bruno das gläserne Gewölbe, zerstörte den Wahn von der Uedersinnlich- keit der Stcrnenwelt und eröffnete der Forschung das llniversum, die schrankenlose ätherersüllte Unendlichkeit, wie er cs selbst in poetischer Verzückung ausgesprochen in den Versen: Die Schwingen darf ich selbstgeivitz entfalten, nicht furcht' ich ein Gewölbe von Kristall, wenn ich des Äelhers blauen Duft zerteile, und nun empor zu Sternenwelten eile, tief unten lassend diesen Erdenball und alle niederen Triebe, die hier walten. Als erster Sterblicher, der die Gedankcnfahrt hinauswagt aus dem engen Bezirk unseres Sonnensystems in die unermeßliche Weite der Sternenwelt, berauscht sich Giordano Bruno förmlich an der Größe und Schönheit des Alls.„Einzig ist der Himmel," so beg»nut einer seiner berühmten Dialoge,„der unermeßliche Raum, das Universum, der allumfassende Aethcr, in dem sich alles regt und bewegt. In ihm sind unzählige Gestirne, Welt- kugeln, Sonnen und Planeten, wahrnehmbare und unzählige andere nicht mehr wahrnehmbare müssen vernünftigerweise angenommen werden."„Es gibt zahllose Sonnen und zahllose Erden, die alle in gleicher Weise ihre Sonnen umkreisen, so wie ivir es an den sieben Planeten unseres Systems sehen. Wir erblicken nur die Sotmen, weil sie die größten Körper sind und leuchten. Ihre Planeten aber bleiben, weil sie kleiner sind und nicht leuchten, für uns unsichtbar." Er durchdenkt diesen Gedanken bis in seine letzten Folgerungen und kommt zu der Ilebcrzeiiguug von der Bewohnbarkeit der Welten:„Die unzähligen Welten des Alls sind um nichts schlechter nnd um nichts weniger bewohnt als unsere Erde. Denn unmöglich kann ein vernünftiger Verstand sich einbilden, daß»cne unzähligen Welten, die doch ebenso und vielleicht noch prächtiger sind als unsere, denen doch ebenso wie uns eine Sonne befruchtende Strahlen zusendet, unbewohnt seien und nicht ähnliche oder gar vollkommenere Bewohner trügen als unsere Erde. Die ungezählten Welten des Alls sind alle von der gleichen Gestalt, demselben Rang, denselben Kräften und denselben Gesetzen Untertan." Mit seinem Seberauge schaut er in die Zukunft kommender Jahrhunderte und prophezeite der Wissenschast ihre Auf- gaben und Erfolge:„Schenk uns die. Lehre von der U n i v e r s a- l i t ä t der irdischen Gesetze auf allen Welten und von der Gleichheit aller kosmischen Stoffe! Vernichte die Theorien von dem Weltmittclpunkt der Erde! Zerschmettere die überirdischen Mächte, die die Welt bewegen sollen, und die Schalen der sogenannten Himmelskugeln! Ocssuc uns das Tor, durch tvelches wir hinausblicken können in die unermeßliche, einheitliche, ohne Ihrterfchicbc zusammengesetzte Sternenwelt, zeige uns, daß die anderen Welten im Acthermecr schwimmen wie die unsere! Er- kläre uns, daß die Bewegungen aller Welten aus inneren Kräfte» Hervorgehen, und lehre uns, im Lichte solcher Anschauungen mit sicherem Schritt vorwäns schreiten in der Erforschung und der Erkenntnis der Natur." Hoffnungsvoll ruft er seinen Jüngern das Zukuniiswort entgegen:'„Seid getrost, die Zeit wird kommen, wo alle feilen werden, was ich sehe!" Schöner, als er es ahnen konnte, kam diese Zeit. Zwar schien es hoffnungslos, daß man jemals das Rätsel der Sterne lösen könnte. Keine Kunde dringt zu uns aus jenen Fernen, leine Sphärenmusik klingt, wie die Pythagoräer glaubten, durch den Weltraum. Nacht für Nacht zieht das Heer der Sterne schweigend herauf und hernieder. Nur ein einziger stummer Bote eilt vom Himmel zu uns herab: das Licht. Aber bringt uns dieser Bote aus teucktenden Schwingen auch eine Kunde? Birgt sieh hinter diesen Lichtpünktchen des Himmels eine Sprache, wie hinter den Punkten des Morsctelegramms? Wird je eine Zeit kommen, in der die Menschen diese Himmelssprachc auch enträtseln? Diese Zeit kam. Die Schulbi!öung im öeutjchen Heere. Die Leistungsfähigkeit der Truppen im modernen Kriege hängt bis zu einem gewissen Grade auch von dem Niveau der intellektuellen Bildung eines Volkes ab. Sie ist nicht ausschlag- gebend, aber sie ist ein sehr wichtiges Hilfsmittel, um der Tüchtigkeit auf raschestem Wege Geltung zu verschassen. Je allge- meiner und intensiver die intellektuelle Bildung eines Volles ist, desto potenzierter kommen seine Aulagen zur Geltung. Daß daö intellektuelle Niveau des deutschen Volkes im Durchschnitt gemessen höher steht, als daS seiner vereinten Gegner, darf wähl ohne llebertreibung behauptet werden. Statistisch haben wir leider nur ein ziemlich bescheidenes Merkmal, das uns einen gewissen Erfolg der Schulbildung erkennen läßt. Aber es genügt immerhin, um toenigstenS zu zeigen, wie der Mangel an Schulbildung im Laufe der letzten Jahrzehnte immer weiter zurückgeganaen ist. Bei der Relruteneinstelltmg werden nämlich durch eine Prüfung die Mannschaften ermittelt, welche in leiner Sprache genügend lesen oder ihren Vor- und Familiennamen nicht leserlich schreiben können. Wenn man die Ergebnisse dieser Prüfung für einige Jahrzehnte zurück verfolgt, dann erhält man folgende Ergebnisse: tv Eingestellte darnnier ohne Schulbildung Mannschaften absolut in Proz. 1873 133 852 3 ZU 2,37 1880 151 187 2 406 1,59 1885 152 943 1 657 1,08 1890 193 361 1 038 0,54 1895 250 712 376 0A5 1900 267 859 189 0,07 1903 261 032 118 0,05 1910 291837 1.36 0,05 1913 363 311 147 0,04 Die Zahl der Rekruten ohne Schulbildung ist demnach von 237 aus 10 000 Mannschaften im Jahre 1875 bis auf 4 auf je 10 WO im Jahre 1918 zurückgegangen. Tie Zahl der Personen im deutschen Volke, die weder lesen noch schreiben könne», ist danach sehr minimal; sie wäre aber noch geringer, wenn die im Ausland Geborenen, die ohne Schulbildung sind, unberücksichtigt blieben,«so bestanden z. B. 1913 47 Rekrute», die in Rußland geboren waren, die Prüfung nicht. Geroda in den Armeekorps, in denen die Zahl der Rekruten Lnjetateuteil�rätttwu�Th.GlockcZBerliiu Druck u.Berlag: Vorwärts ohne Schulbildung noch relaiivhoch erscheint, stammen sehr viele Rekruten aus Rußland. w z. B. im zwanzigsten mit 20 Analphabeten, von denen 8 in Rußland geboren sind, im siebzehnten mit 16, von denen 13 ans Rußland stammen, im zweiten mit 13, davon 7 aus Rußland, und im fünften mit 12. davon wieder 7 aus Ruß- land. Einen besonderen Grad der intellektuellen Ausbildung weisen die Einjährig-Freiwilligen aus, die im Jahre 1913 22 052 betrugen. Apch ihre Zahl ist im Lause der Jahre sichltiai gestiegen, wiewohl genaue statistische Vergleiche hierfür nicht vorliegen. Für das Jahr 1912 betrug ihre Zahl 18 240. Daß die Zahl der sogenannten A n- alp Hab eleu im feindlicheu Ausland e viel größer ist als bei uns. das zeigen gewisse Vergleiche aus früberen Jahren. So konnten bau je 100 ehcichließenden Männern etwa Mitte der neunziger Jahre den Heiratsvertrag nicht unterschreiben in Preußen 0,70, in England 5,10, in Irland 18,00, in Frankreich 7,38. Auch in Belgien ist die Zahl der des Schreibens und Lesens uu» kundigen Personen relativ nvch sehr groß. In Rußland freilich ist der Mangel an intellektueller Ausbildung fast am allergrößten. Von je 10 000 Ausgehobenen konnten 1875 7877, 1885 7312 und 1895 6110 weder lesen noch schreiben. Wenn auch seit 1895 der Prozent- satz von 61 Proz. weiter zurückgegangen ist, so wird man doch an- nehmen können, daß fast noch die Hälile deö russischen Heeres aus Analphabeten besieht. Vielleicht noch höher ist der Prozentsatz in Serbien, wo 1881 von den Rekruten 79,31 Proz. nicht lesen und schreiben konnten und wo 1890 von der über sieben Jahre alten Bevölkerung noch 85,8 Proz. Analphabeten waren. Kleines Feuilleton. »Der Krieg für Deutschlonös Freiheit.' Wenn man gewissen ausländischen Blattern glauben könnte, würde der Weltkrieg geführt— um Deutschland zu befreien. Viktor Hugo hat ja ähnliches schon vor Jahrzehnten prophezeit— gcwisler- maßen als Ersatz für die Befreiung Frankreichs vom Jocbe Navolcon des Kleinen, die der Krieg von 1870,71 brachte. Auch Gustav Hervö, der mehr phantastische denn sozialistische Herausgeber der „Guerre sociale" ist täglich damit beschäftigt, sich in Utopistereien über die Befreiung irgend eines Volkes aus deutscher oder österreichi- scher Knechtschaft zu ergehen. Daß England und Rußland die halbe Welt gegen ihren Willen beherrschen und daß da zweifellos sehr viel mehr zu befreien wäre als Polen, scheint er zufällig zu übersehen. Aber der lose Vogel meint es nicht so wörtlich wie sein Erguß über Palästina zeigt,„Palästina soll der alten und glorreichen jüdischen Nation zurückgegeben werden, die seil 2000 Jahren in gewissen Ländern, wo sie verfolgt wird, das Kommen des Messias und das Reich der Gerechtigteit und des Friedens auf der ganzen Erde erwartet". Armer Hervö, wie werden die neunzehn eliässiscben und drei portugiesischen Juden, die das französische Zensorcnkollegium bilden, dir mitspielen, wenn sie dice Idee ernst nehmen. Und so wie die Juden dürften sich noch verschiedene andere Völker für die ihnen zugedachte Befreiung bedanken. ES müßte denn die von einem Landsmann Hervös während der napoleonisckieti Kriege in der Lüneburger Heide entdeckte Ration der„Heidschnucks" sein, die immer noch ihrer Befreiung harrt. Wenn der gute Herve Geschichte studieren würde, insbesondere die Stellung, die Marr und Engels zu der angemaßten Befreietrvlle des ZarentumS unb anderer eingenommen haben, so würde er viel« leicht entdecken, daß Vinter dieser Maskerade höchst egoistische und sehr wirtschaftliche Motive stalen. Um diesen Exkurs zu beschließen, wollen wir eine Kleinigleit aus der konservativen englischen„Ehurch Times" hersetzen, die dem Humor zu seinem vollen Recht verhilft. Dieses christliche Wochen- btalt schrieb: „Für welches Volk fechten wir mehr als für daS, da�- zwischen Maas und Elbe in Knechtschaft wohnt? Ich will den Krieg als einen Krieg ftir die Freiheit Deutschlands betrachten. Wir werden zwar Deutschlands Glieder verwunden müssen, wenn wir feine Fesseln durchhauen, aber es ist ja nicht Deutschland allein, das leiden »ruß. Welch ein Äuirnhr in der Welt! Ilm Fraiiksnrl a. M. zu befreien, brechen Australier in die Inseln des Süllen Ozeans ein. sammeln sich Burenkommandos, reisen die Kosaken vom Altai über endlose Steppen, machen Jäger nnd Gräber den langen Zug vom Bukvn, überschreiten Radschputentürsten das Schwarze Meer, weinen englische Frauen stolze und stille Tränen, liegen französische Bauernhöfe verwüstet, jagen Schiffe über alle Meere, blutet Belgien." Ja, der Edelmut unserer Gegner ist grenzenlos. Ader die„Befreiung Deutschlands" einschließlich Frankfurts a. M. werden sie uns schon selber überlassen müssen. Gemüsezubereitung. Ein vielfach geübter Mißbrauch ist es. die Gemüse in Salz- Wasser abzukochen und sie dadurch ihrer Nährsalze zu berauben. Die Kochbücher erteilen dann den Rat, das übrigbleibende Wasser zu Snvpen zu verwenden; d. h. sie führen die entzogenen Nährstoffe auf Umwegen dem Körper wieder zu. Praktischer und wohl- schmeckender ist die süddeutsche Kochweise, bei der jedes Gemüse, Mohrrüben, Weißkraut, Kohlrabi, Bohnen usw. gleich in heißem Feil angedämpfr wird. Nach einiger Zeit, wenn das Gemüse fast weich ist, stäubt man etwas Mtcht darüber, füllt langsam Wasser nach und fügt die ortsüblichen Gewürze hinzu. Ganz besonders empfehlenswert ist diese Zubereitung bei Spinat, der in der Kranlenküche und bei ErnährungSluren so werlvoll ist. Der von den Wurzeln befreite Spinat wird gewaschen, fein gehackt, oder besser durch die Hackmaschine getrieben, mit dem Wasser, das sich beim Zerkleinern gebildet hat, in das heiße Fett geschüttet(für Kranke Butter oder Pflanzenbuiier), etwas Mehl daran gestäubt und das Gemüse langsam mit Milch aufgeUilll.— Gute Verwendung für Magermilch.— Bei besonders eritährungsbedürftigeu Patienten statt der Milch einige Löffel steif geschlagener ungesüßter Schlag- sahne unter das Gemüse peitschen. In Anbetracht der großen Schwierigkeit, die gerade„die KricgZküche" in der Äranlenpftege bieten wird, ist eine gesundheitSgemäße, alle Nährstoffe ausnutzende Zubereitung der Gemüse von großer Bedeutung. Notize«. — D i e Kündigungen in der„V o l t s b'ü h n e". Ter Vorstand der N e u e n s r e i e n L o l t S d ü h n e bittet uns um Aufnahme folgender Mitteilungen: „Tie seitens der Direktion der Volksbühne— Theater am Bulow- platz— vorgenommenen Kündigungen des größten Teils des künit- lerischen Personals sind in der Oeffentlichkeit mehrfach so ausgelegt worden, als eck das linternehme» sich in einer Krise befände und die Maßnahme lediglich von wirtschaftlichen Verhältnissen dilti et sei. Tics ist nicht der Fall. Selbstverständlich leidet der Betrieb des Theaters unter den Kriegszuständen ebenso wie ber jedes anderen Berliner Theaters, jedow nicht so, daß eine finanzielle Gefährdung des Unternehmens in Frage lammt. Die vorgc- nommenen Kündigungen sind aus Grund vertragsmäßiger Rechte erfolgt, um für das nächste Jahr, vorwiegend in künstlerischer Hin- ficht, für die Organisation des Theaterbetriebes völlig freie Hand zu behalten." Diese Beruhigungsaktion wendet sich gegen die alarmierenden Nachrichten, die in einem großen Teil der bürgerlichen Presse er- schienen waren. Tatsache ist also vorderhand nur: 1. die Direktion hat ihrem Personal zum Juni gekündigt, 2. sie hat sich das Recht vorbehalten, die Verträge auch eher zu lösen, sobald es aus ivirt- ichaftlichcu Gründen nötig wird. Hoffentlich verhindern tüchtige Leistungen der Bühne und ein weiteres Ähflauen der AnbeitSlosig» kett das Eintreten dieser Eventualität, die an einem sozialen Theater sehr bedauernswert wäre. Buch bruckerei u. VerlctgSanjtalt Paul Singer& Co., Berlin SW.