Br. 38.- 1915. Unterhaltungsblatt öes Vorwärts Sslllltag, 14. Ftdrosr. Im Zojlener Gefangenenlager. Das Zossener Gefangenenlager hat in der Stockholmer Zeitung .Aftonblader" eine ebenso unbefangene, wie anschaulich und an- ziehende Schilderung gefunden, die auch deutschen Lesern mancherlei neue und interessante Züge bringt. Der Erzähler berichtet zunächst über seinen Besuch in den Baracken der Franzosen. Hier ist die deutsche Ordnung und Disziplin durch den französischen Geschmack ergänzt worden, und man hat den Franzosen keinerlei Hindernisse in den Weg gelegt, um sich ihren Zustand durch allerlei Einrichtungen zu erleichtern, die darauf abzielen, das Leben behaglicher und an- genehmer zu gestalten. Obgleich es Winter war, konnte man beut- liche Spuren künstlerischer Gartenanlagen wahrnehmen, die unter der Leitung eines sranzösischen Gartenkünstlers hergestellt waren. Wie bekannt, dienen die französischen Geistlichen als Gemeine im Heere, und auch unter den Gefangenen in Zossen befinden sich sechs oder sieben französische Priester. Diese liegen nun im Lager der Seelsorge ob und finden auch dankbare Zuhörer. Der Schwede sah eine katholische Kapelle, wo gerade mehrere Andächtige versammelt waren. Ein hübscher Altar isi dort aufgebaut und reich ausgeschmückt worden, und schon ist ein zweiter Altar im Entstehen, so das; zwei Priester gleichzeitig die Messe werden lesen können. Die Gottesdienste sind zahlreich besucht; besonders war dies während der Weihnachtszeit der Fall. Es scheint, als ob der Krieg auch bei den Franzosen das religiöse Gefühl neu belebt bat..Aber die meisten Franzosen sind wohl keine gläubigen Katholiken?" fragte der Besucher den ihn begleitenden Hauptmann..Jedenfalls gehen sie fast alle zur Kirche/ war die Antwort. Im Zossener Lager hat auch ein französischer Bildhauer seine Werkstatt aufgeschlagen. Es ist kein gewöhnlicher Handwerker, sondern ein wirklicher Künstler, der den Rompreis davongetragen und bereits Ruf gewonnen hat. Die aus seiner Hand hervor- gegangenen Werke waren sehr stimmungsvoll; zumeist waren es Soldatengcstalten von einem ernsten, um nicht zu sagen düsteren Gepräge. Einige seiner Schöpfungen waren auf den Gräbern in Zossen gestorbener Krieger aufgestellt. Eine andere Kunst, die im Zossener Lager fleißige Pflege findet, ist die des Gesangs. Der schivedische Besucher wurde zu seiner Ueberraschung Zeuge eines er- greifenden Konzertes in einem der Säle. Es war ein französischer Kapell- meister, der da einen Chor von etwa 70 Personen leitete, unter dem ein prächtiger junger Tenor, der auch Solo-Borträge leistete, besonders auffiel. Zur Aufführung gelangte eine ergreifende Tonschöpfung des Leiters, die sich„Sonnenaufgang" nannte. Vom Konzertsaal ging der Weg zur Küche, wo das Esten gekostet wurde. Die Tages- Mahlzeit bestand aus vortrefflich schmeckendem Reis, ö Tage in der Woche gibt es Fleisch, und an den zwei Tagen, wo die Fleischkost ausfällt, lvird ein besonderer Zuschuß an Brot gewährt. Das regel- mäßige Brotmaß beträgt auf den Kopf und Tag ein halbes Kilo. Alle Gefangenen sahen wohlgenährt aus, nnd die frische Luft sowie die schöne Umgebung trugen dazu bei, ihnen den Druck deS Gc- sangenenlebenS zu erleichtern. Ein sehr schwieriges Problem bildet die Arbeitsgelegenheit für diese 15 voll Gefangenen. Vorläufig kann man ani Tage durch- schnilllich nur etwa llOOV von ihnen zur Arbeit anstellen; kommt aber erst die warme Jahreszeit, so wird sich in Wald und Feld mehr Arbeitsgelegenheit für sie finden. Die Wintcrbaracken haben die Ge- sangenen sich größtenteils selbst erbaut. Verschiedene Werkstätten, zum Beispiel eine Tischlerwerkstatt mit einer ganzen Anzahl Hobel- bänken, sind im Betriebe. Im allgemeinen ist man mit dem Fleiß und dem Betragen der französischen Gefangenen deutscherseits sehr zufrieden. Sie stehen unter dem Befehl ihrer eigenen Unter- osfiziere, sind in Kompagnien von 300 Mann eingeteilt und strenge militärische Disziplin wird unter deutscher Leitung be- obawlet. Ganz anders ist das Verhalten der Halbwilden, die in Zossen gefangen sind. Es stellte sich die Unmöglichkeil heraus, sie zu- lammen mit anderen Gefangenen zu halten, und man mußte sie daher in einer eigenen Abteilung unterbringen, die von einem hohen Holzzaun umschlossen und besonders streng bewacht ist. Die verbündeten Feinde der Deutschen haben, wie der Schwede bemerkt, von ihre» exotischen Bundesgenossen wenig Ehre. Oft ge- raten sie init einander in Streit, und dann spielen die Tischmesser eine Rolle. Die Deutschen nehmen auf die Verschiedenheit der Sitten und Religionen dieser Halbwilden soviel Rücksicht wie mög- lich. Die Jndier z. B. essen lein Schweinefleisch, die Bramahnen auch kein Rindfleisch und so erhalten diese Hammel- und Ziegen- fleisch, das sie sich nach ihrem eigenen Ritus allein schlachten. Von den indischen Soldaten zeigen viele Mongolentypus; andere da- gegen gehören zur reinen Rasse und unter ihnen finden sich wahre Prachtexemplare von Schönheit. Es geht aus den Erzählungen der indischen Soldaten mit Bestimmtheit hervor, daß sie nicht wußten, wohin oder gar wofür sie in den Krieg ziehen sollten. Erst hieß es, sie sollten nur nach Kalkutta, und auch nach ihrer Ankunft in Europa erfuhren sie nicht, gegen welchen Feind sie kämpfen sollten. Die französischen exotischen Truppen sind schlechter diszipliniert als die englischen, und besonders sind die nord- afrikanischen Mohammedaner durch Wildheit ausgezeichnet. Mo- hammedanische Geistliche haben Zutritt zu diesen Gefangenen er- halten, um sie nach der Lehre des Propheten zu erbauen und um sie über die Lage der Dinge aufzuklären. Die französischen Hilfstruppcn zeigen außerordentlich verschiedene Typen bis zur reinen Negerrasse. Man kann noch sehen, daß ihre Uniformen sehr glänzend gewesen sein müssen, und die Neger in ihren roten Turbanen und blaugelben Uniformen mögen einmal gar prächtig ausgesehen haben.„Wenn man diese Halb- wilden sieht und die Berichte von ihren„Heldentaten" hört, so muß man doch sagen, es ist ein Weltskandal erster Ordnung, daß diese Horden auf Europa losgelassen werden, um gegen Chri'stenvölker zu kämpfen. Aber vielleicht bestätigt sich wieder einmal das Wort: Weltkrieg ist Weltgericht". Mit diesem Hinweise beschließt der Berichterstatter von„Aftonbladet" seine fesselnde Schilderung des Zossener Lagers. Mufik. SmetanaS„Verkaufte Braut" im Deutschen Opernhaus. Reichlich ein Vierteljahrhundert verging, bis sich die Oper dieses Namens auch auf allen deutschen Bühnen ihr Vereins- recht eroberte. Friedrich Smetana allerdings lag da schon seit acht Jahren im Grabe— er starb, in Wahnsinnsnacht verfallen, 1884— aber nun erkannte man, daß er schon bei Lebzeiten auf den Ruhm eines„böhmischen Mozart" vollen Anspruch Halle. In allen seinen Opern, Sinfonien und Streichquartetten klingt die Seele seines tschechischen Heimatvolkes. Dort wurzeln seine Stoffe; dorther quillt seme Anschauung, sein Melodienborn. Man darf also bei Smetana, so tief er unfern deutschen Meistern bis auf Wagner, für den er sich begeistert einsetzte, verpflichtet ist, wirklich von tschechischer Nationalmusik reden. Auf diesen Ton ist auch„Die verkaufte Braut" gestimmt. Gleich in der Ein- lettung vernimmt man Moldauklänge. In diesem Flußgebiet liegt auch der Schauplatz der einfachen dörfischen Handlung. Treue Liebe spielt darin die Hauptrolle. Ihr vermag selbst ein verschmitzter Heiratsvermittler wie Kezal nichts anzutun. Aus der Fülle der sich ergebenden Kontraste hat Smetana seine Musik gestaltet. Sie ist so charakteristisch wie jene, besser noch, sie vertieft sie in starker Weise. Smetanas slawische Melancholie stimmt so echt wie sein Humor! Und so entstand ein köstliches Werk, das auch heute noch zu froh- sinniger Laune verführt. Es ist gut, daß das Deutsche Opernhaus an die Aufführung heran ging. Nicht bloß in einen Nahmen von wundervoller böhmisch- dörflicher Bildlichkeit wußte man hier das Werk zu setzen. Auch der Darstellung an sich haftet dies glückliche Merkmal an. Ignatz Wag- Halter kostete es wahrlich wenig Mühe, der Smetanaschen Musik das ihr innewohnende Heimalkolorit zu entlocken. Es sprang aus dem'Or- chester, wie aus dem Gesang und Spiel auf der Bühne. Kurt F r e d e r i ch offenbarte wieder seinen frischen Tenor, ivic ein frisches, obzwar mehr salonlirolerisches denn böhmcnländliches Darstellungstalent. Daß Julius L i e b a n einen echt stotternden Wenzel beisteuern werde, konnte man sich leicht vorstellen. Hertha Stolzenberg gab, abgesehen von einigen schauspielerischen Effektmittelchen die Marie recht hübsch und natürlich, zumal in ge- sanglicher Beziehung. Eduard Ä a n d l gestaltete den Heirals- vermittler wirksam ergötzlich. Ansprechendes gaben auch alle übrigen Mitwirkenden. Die Jahrmarkts- und Tanzszenen waren recht plastisch und lebeudig-luftig herausgearbeitet. Das Publikum ging freudig mit, und so erzielte die Oper einen lebhafte» Erfolg, der Dauer verspricht. eü. Kleines Feuilleton. Die Stimmung öe? vermunöeten. Dr. L. Mehler, leitender Arzt am Krankenhaus des Bethanien- Vereins in Frankfurt a. M. hat Beobachtungen aus dem Ilmgange mit Verwundeten in einem Aufsatze in der„Umschau" veröffentlicht. Einiges daraus interessiert auch weitere Kreise. Ist der Kranke zu gewöhnlichen Zeilen schon gern geneigt, sich dem Arzt anzuvertrauen, so ist in den Lazaretten für den Ver- wundelen, der fast stets fern der Heimat und seinen Angehörigen liegt, der Arzt oder die Krankenschwester oft die einzige Person, denen er neben Angaben über sein körperliches Befinden, Eindrücke aus dem Krieg, Gedanken über die Zukunft usw. mitteilt. Die Stiminung der Verwundeten bei der Ankunft im Lazarett ist geivöhnlich sehr gehoben. Die Verwundung wird als gering be- zeichnet, in kurzer Zeit muß man wieder gesund sein, um sobald als möglich wieder inS Feld zu kommen. Auf Fragen, wie es draußen steht, wird geantwortet, daß alles vorzüglich vorwärts geht. Die Verluste der Feinde sind ungeheuer— auch die unsrigen werden als sehr groß angegeben— unseren Angriffen sind sie nicht gewachsen, ebensowenig unserer Taktik. Eigene Taten werden selten erwähnt, wohl aber werden die der Kompagnie oder des Regiments lobend hervorgehoben. Die Angaben über Stellungen sind oft ungenau, manchmal sicher falsch, Stellungen anderer Regimenter, soweit iie nicht Seite an Seite gestanden haben, unbekannt. Jedoch auch richtige Orientierung ist nicht selten.— Im allgemeinen darf man den Angaben der Verwundeten nicht allzuviel trauen: der glücklicher« weise an der Front herrschende Optimismus bleibt nicht ohne Ein- Wirkung auf die Erzählungen. Auf die gehobene Stimmung der ersten Tage folgt nicht selten eine kurze Periode psychischer Depression, bis der gute Schlaf und der allezeit vortreffliche Appetit die alte Lebenslust wieder anfacht, die sich zuerst darin zeigt, daß der Barbier das Aeußere möglichst vorschöncrt und die Zigarre, der unzertrennbare Genosse des Soldaten, wieder ständig qualmt. Verstümmelungen, selbst schwerster Art, scheinen leichter ertragen zu werden als im zivilen Dasein. Wenn nur die Möglichkeit be- steht, den allen Beruf auszufüllen oder lvenigstenS sich ernähren zu können, wird vertrauensvoll der Zukunft entgegen gesehen. Die Kameradschaftlichkeit scheint etwa? so Selbstverständliches, daß gegen- seitige Hilfe verlangt und gewährt wird ohne jedes Wort dabei. Kommen neue Verwundete, so sind die bereits Eingewöhnten zu jeder Unterstützung bereit; alles wird getan, was den Neuen zur Er- leichterung dienen kann, die Güte des Lazaretts wird betont:„man wird wieder völlig gesund— das Essen ist gut usw." lieber die Verwundung fällt kein Wort, das ist«chicksal; Kleinmütige, die weh- klagen, werden mit nicht immer zarten Scherzen auf ihr unmänn- liches Wesen aufmerksam gemacht; aber derselbe, über den sich der ganze Saal lustig gemacht hat, findet geradezu rührende Hilfe, lvcnn er zum erstenmal das Bett verläßt, oder wenn er, unfähig sich zu bewegen, auf andere angewiesen ist. Notizen. — Vorträge. Im Institut für Meereskund e spricht Dienstag Professor Baschin über„Das Wetter in seiner Bedeutung für den Krieg". Freitag Dr. Glaesncr über „ T r i e st und Venedig". Vortragsreihe Professor Penck-Berlin: Montag: ,. D u r ch den Indischen Ozean i n F l u ch t v o r S. M. S., Em den' und.Königsberg'." Sonn- abend:„Von Aden über Suez nach Malta und Gibraltar".— Dr. Traub wird in der Urania am Freitag, den 19., einen Vortrag„Krieg und Kultur" halten. Am Mittwoch(17.) und Sonnabend(20.) wird Herr Dr. Spethmann unter Vorführung zahlreicher Lichtbilder sprechen über„ D c ir Kanal und die Küste Englands".— Wilhelm Bölsche spricht am 16. Februar in der Singakademie über„Kampf, Heldentum und Waffe in der Natur". — Konzertchronik. Der Berliner Volks-Chor veranstaltet am Sonnabend, den 20. d. Mts., abends S'/g Uhr, im großen Saal der Neuen Philharmonie, Köpenicker Str. 96/97, einen Chopin-Abcnd unter Mitwirkung des Herrn Egon Petri(Klavier). Einlaßkarten a 20 Pf. an der Abendkasse.— Beim 2. K o n z e r t in der„Volksbühne, Theater am B ü l o w p l a tz" am Sonntag, 21. Februar, mittags 12 Uhr, wird die Kammermusik- Vereinigung der Kgl. Kapelle mit Prof. R. Kahn am Flügel, das Klarinelten-Trio und das Bläser-Quintett von Mozart aufführen. Die Barthsche Madrigalvereinigung singt Madrigale von Haßler, Orlando di Lasso und Isaak. Eintrittspreis(auch für Nichlmitglieder) 75 Pf. — Theaterchronik. Im Deutschen Künstler, Theater geht an diesem Sonntag zum ersten Male Ibsen- „Peer G y n t", in der Darstellung des Lessing-TheaierS in Szen� An allen anderen Tagen der Woche bleibt das Theater Ivcgen Vo�j bereitung zu der am Dienstag, den 23. Februar, stattfindend� Erstausführung von G o e t h e' s„Egmont" geschlossen. ULberfluß. Von Martin Andersen NexL. So saß er da und starrte und fühlte über sich eine singende Monotonie.„Vater, Vater!" wiederholten einförmig seine Gedanken und fuhren fort, bis ihn fein Gehirn schmerzte. Eine Weile fühlte er, daß er feucht von Schweiß war, dann kam es ihm vor, als wäre sein Hinterkopf zu schwer und wollte hiritenüber kippen, wenn er nicht achtgab. Hierauf empfand er eine überwältigende Müdigkeit, die sich seinen Rücken und seine Lenden hinaufschlich, bis in die Finger, wie bleierne Schwere; er hatte das schnurrende Gefühl einer Lähmung im ganzen Körper, und ein unbezwingbares Gähnen befiel ihn. Im Halbschlummer erhob er sich nnd ging ins Schlafziminer, kleidete sich aus und kroch ins Bett. Da lag er lange mit geschlossenen Augen und wußte nicht, ob er schlief oder wach war. Dann öffnete er die Augen, starrte verwirrt in die Luft und bewegte die Lippen ein wenig. Mit schmerzlichem Ausdruck flüsterte er vor sich hin, schwieg nnd flüsterte, und die Stimme kam zum Durchbruch in ge- dehnten, unverständlichen, unheimlichen Klagen. Sie stiegen an zu einem Schrei nnd fielen wieder zu gedänipftem Singen. Seine Wirtin klopfte an und trat ein. „Aber Herr Baudcr, sind Sie krank geworden? Ich dachte mir ja, daß etwas nicht in Ordnung sei, als ich hier drin jemand stöhnen hörte." Da er nicht antivortete, ging sie zum Bett hin und zog die Decke von seinem Gesicht fort. „Steht eS so entsetzlich schlimm um Sie?" fragte sie teil- nehmend nnd befühlte seine Stirn.„Sie Aernister, Ihr Kopf ist ja ganz heiß. Es ist gewiß das Beste, daß Else den Arzt holt."" Lächelnd schüttelte er den Kopf. Die ruhige Ueberlegen- beit dieser einfachen Frau tat ihm wohl.„Nein, ich danke Ihnen, ich brauche keinen Arzt," sagte er. „Möchten Sie denn nicht etwas Gutes haben— ein Glas Wein?" „Nein, ich bin bloß so müde. Wenn ich mich richtig aus- geruht habe, dann ist, denke ich, das Ganze überstanden." „Wir wollen's hoffen.— Na, ich muß jetzt zu meiner Wäsche hinunter— ich werd nachher nach Ihnen sehen." Ein trauriger Ausdruck glitt über sein Gesicht:„Sie haben unheimlich viel zu tun, wie immer." „Ja, Gott sei Dank.— Langweilt es Sie, allein zu liegen? Ich bin leider mitten im Plätten, aber könnte Else nicht bei Ihnen sitzen— bloß bis ich fertig bin?" „Danke schön, wenn sie will. Mich verlangt gerade jetzt so nach einem Menschen." „Das will sie gewiß niit dem größten Vergnügen. Else ist ein gutes Mädchen." Damit stopfte sie die Bettdecke um seine Füße und ging hinunter. Einen Augenblick darauf kam Else. Sie hatte eine Näh- arbeit bei sich und setzte sich ans Fenster. Er betrachtete sie aufmerksam. Dieses frischgewaschene Kattunkleid,' das ihre jungen Formen bedeckte, wirkte so ge- fällig. Und so freundlich und anziehend anspruchslos wie alles hier im Hause. Und da saß sie nun und war bedrückt und gequält wegen seines Benehmens und wagte ihn weder anzureden noch anzusehen; und saß doch da, weil ihn danach verlangte und sie ein guter Mensch war. Ja gewiß, sie war gut. Und ihre Mutter war gut; und sein Vater war gut. Seine Mutter vielleicht auch? Ja, so- gar sie war gut! „Glauben Sie nicht, daß alle Menschen gut sind, Fräu- lein Else?" fragte er. Sie zuckte ein wenig zusammen und drehte sich halb nach ihm um.„Doch," sagte sie,„sie--" Aber es legte sich etwas über ihre Stimme und hinderte sie daran fortzufahren. „Was wollten Sie sagen?" fragte er unruhig. „— sie— möchten es gewiß gerne sein," stotterte sie und beugte sich tief über ihre Arbeit. „Es ist ihr peinlich, mit mir zu sprechen," dachte er lang- sam.„Und da niuß ich still sein, denn alle niöchten gewiß gerne gut sein." Er fuhr fort, sie zu betrachten, und lounderte sich über die kleine Hand, die so geduldig Stich an Stich fügte, so nutzlos, so nutzlos, wenn man in Betracht zog, was an Energie, Verstand, Fertigkeit und Geduld in Bewegung ge- setzt werden mußte, um diese unbedeutenden Stiche zu schaffen. Die verwickeltste, wunderbarste aller Maschinen, damit be- schäftigt, Fäden aus und einzuziehen, damit ein Taschentuch, das acht Oere kostete, am Rande nicht ausfranste. Geduld, Geduld! durchfuhr es ihn, und er fühlte, wie er in matten Schweiß geriet; er spürte die milde Kühle um seine Stirn, während der Schweiß verdampfte, und hatte das vage Bewußtsein, daß er jetzt einschlief. I Als er die Augen aufschlug, stand Else hinter seinem Kopfkissen und betrachtete ihn; sie stützte sich init beiden Händen auf das eiserne Bett und beugte sich vor. Er hatte die unklare Empfindung, daß sie ihm die Stirn abgewischt hatte. Sie wurde verwirrt, doch er lächelte ihr zu, und um ibre Verwirrung zu verbergen, hob sie das Kopfende seines Bettes, senkte es wieder und lachte kindlich. Er aber streckte seine Arme hintenüber, faßte sie um beide Handgelenke und be- trachtete sie eindringlich. Und sie beugte sich tiefer und tiefer, bis ihr Mund den seinen berührte. Dann richtete sie sich verstört auf und lief aus dem Zimmer. Nicht lange darauf kam ihre Mutter herein. „Nun bin ich fertig für heute," sagte sie vergnügt,„aber jetzt machen Sie sich vielleicht nicht einnial etwas aus meiner Gesellschaft?" „Doch, bleiben Sie ein wenig hier, da Sie ja doch nichts dabei versäumen. Sie sind immer so guter Laune!" „Ja, ich habe reichlich zu arbeiten und das Recht zu tun, was ich will." „Solange Sie nichts tun, was gegen den guten Ton ist?" „Darauf nehm ich wirtlich keine Rücksicht, wenn ich selbst eine andere Ansicht habe." „So sagen alle, und wenn's darauf ankonnnt, dann... Aber es ist nicht der Mühe wert, Worte daran zu verschwenden. Wo ist Fräulein Else, ist sie zur Stadt gegangen?" „Nein, sie sitzt unten und irnterhält ihren Vater." „Ihren Vater? Aber lebt er denn?" fragte Bauder und richtete sich auf dem Ellbogen auf. „Ja, wissen Sie das nicht? Ich dachte, es wäre allge- mein bekannt." „Ich habe dies und jenes gehört, hielt es aber mehr für Stadtklatsch.— Und Sie bekommen Besuch von ihn, von Ihrem— von dem Vater des Mädchens!" „Ja, das heißt, er kommt einmal im Jahr, um mir Geld anzubieten— und um meine Hand anzuhalten, wenn Sie es denn durchaus wissen wollen." „Nun wird es mir wohl zu verwickelt," sagte Karl und legte sich müde zurück.„Ein Mann, mit dem Sie eine acht- zehnjährige Tochter haben, konimt hierher, besucht Sic und hält um Ihre Hand an. Und Sie nehmen ihn nicht, obwohl Sie ein Kind mit ihm haben, machen sich also' gar nichts aus ihm? Er hat Sie doch wohl verführt, Sie betört, wie man es nennt,— ohne daß Sie eigentlich etwas für ihn empfanden?" (Forts, folgt.) Hierdurch beehren wir uns anzuzeigen, baß die unserem Verein angeschlossenen Vrauereien unier dem Druck der Verhältnisse leider gezwungen find, von Mittwoch, dem 17. d.M. an eine Preiserhöhung von 2 Pfennig für das Liter Vier in Fassern und Flaschen eintreten zu lassen. Dieser Preisausschlag deckt nur zum Teil die dauernde Steigerung der Gestehungskosten für das Äier, die durch die fortschreitende gewaltige Verteuerung aller Rohmaterialien und Bedarfsartikel— im besonderen der Gerste und des Malzes— das Anwachsen der Vertriebsspesen und viele andere Mehrbelastungen verursacht wird. Wir dürfen deshalb hoffen, daß die Äe- Verlin, den 1Z. Februar ins. rechtigung dieser im Interesse der Aufrechterhaltung der Vrauereibetriebe unbedingt notwendigen Maßnahmen nicht verkannt wird. Verein der Brauereien Berlins und der Llmgegend Jedes Wort 10 Pfennig. Das fettgedruckte Wort 20 Pfg.(zulässig 2 lettgedruckte Worte). Stellengesuche und Schlafstellen-Anzeigen 5 Pfg.; das erste Wort(fettgedruckt) 10 Pfg. Worte ruit mehr als IS Buchstaben zählen doppelt. ) Kleine Anzeigen ANZEIGEN fQr die nächste Nummer werden In den Annahmestellen für Berlin bis I Uhr, für die Vororte bis 12 Uhr, in der Haupt-Expedition, Lindenstrassc 3, bis S Uhr angenommen. Verkäufe. Teppiche mit tleinem Fehler, sehr billig.(Äordmeit, Portieren, Siepv- i cckcn, Tischdecken, Diwandecken, sehr billig. Dorwärlsleser 5 Prozent illabaii. TedpichbauS Brünn, Hackescher Markt 4(Bahnhof Börse). 24(1/4- Mvnatsanziige. nur wenig ge- iragcn, PaletotS, Nister, Hosen. Ge- scllschaiiSanzüge werden spottbillig verlaust. Tie elegantesten Anzüge sind leihweise billig zu haben. Alt- bekannte Firma. Max Weiß, Große Franksurterstraße 88._ ♦ Bettenverkausl Prachtbolle 5,75, 7,50, 9,75, Brautbetten 12,75, 15,75. Daunenbetten 19,50, 22,50. Neue Aussteuerwäsche sb ottbillig! Teppiche! 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