# 4.-1915 Unterhaltungsblatt öes Vorwärts'8,.� „Saint Sulpice", das Jtfyl öer Flüchtlinge. Im..Nieuwe Amsterdamsche Courant" �schildert der Pariser Korrespondenz das Leben der im Seminar Saint Sulpice unter- gebrachten Flüchtlinge aus Nordfrankreich und Westbelgien: Derweil die Möglichkeit, mit einigest Zeppelinbomben Bekannt- schaft zu machen, viele Herrschaften der oberen Zehntausend, die das Vertrauen zur Regierung in die Residenz gelockt hatte, wieder schleunigst in den Süden zurücktrieb, bleibt für die unglücklichen Flüchtlinge aus den Nordprovinzen Paris nach wie vor der Zu- fluchtsort. den fte mit Vorliebe aussuchen. Das konnte ich kon-» statieren, als ich gestern eines der Pariser Asyle besuchte, nämlich das alte Seminar„Saint Sulpice", das an dem Platze und der Kirche gleichen Namens liegt. Das große, Jahrhunderte alte Gebäude, welches seit Jahren leer steht und bestimmt war, die Schätze aufzunehmen, die das Luxcmbourg-Museum nicht mehr fassen kann, ist seit dem Beginn des Krieges als Stätte für die Flüchtlinge eingerichtet. Was be- sonders interessieren wird, ist, daß, obwohl es von Staat und Ge- nieinde subfidiert wird, es ein reines Privatunternchmen ist. Und zwar sind es die Ladeninhaber und Polizeiagenten des 6. und 14. Arrondissements, die es eingerichtet haben und alle ihre freie Zeit der Versorgung■ der unglücklichen, vor der Invasion geflüchteten Obdachlosen zur Verfügung stellen. Was das heißt, wird man in Holland verstehen, wenn ich bemerke, daß das Gebäude 1200 Personen faßt und fortwährend von oben bis unten besetzt ist. Die Einrichtung dieses alten Hauses, dessen Oberstock in eine für die Studenten bestimmte Reihe Kämmerchen eingeteilt ist, er- weist sich zur Unterbringung von Familien als besonders geeignet. In jedem Kämmerchen haust eine Familie, die auf diese Weise eine Art eigene Wohnung besitzt und es sich darin, so weit es die Um- stände zulassen, bequem machen kann. Am Komfort hapert es frei- lich ziemlich; so z. B. sind die meisten Kammern nicht heizbar, so daß die Bewohner, wenn sie frieren, die Kachelöfen auf den Gängen aufsuchen müssen. Zum Glück ist es noch nicht sehr kalt gewesen, und dann— so ein Geplausche am Kachelofen hat ja auch sein« Reize. 'Als ich meinen Besuch machte, war gerade Essenzeit. Aus gewaltigen Töpfen wird in der Küche die duftende Suppe in große Schüsseln geschöpft und in den Eßsaal getragen, wo an langen Tafeln viele hungrige Gaumen darauf warten.... Ich brauchte nicht zu fragen, ob es schmeckt, so eifrig atzen sie davon. Mit Suppe, Fleisch, dazu nach französischer Art viel Brot, imd noch einen kleinen Nachtisch, stellte sich das Essen als ein ganz gutes Mahl dar. Viele arme Teufel, die sonst kaum satt zu essen hatten, haben es hier besser als je. Und doch werden sie zeitweise be- schwerlich. So erzählte mir der Magazinchef, der mich seine Vor- räte sehen ließ(worunter auch einige von guten Gebern gestiftete Fässer Wein für die Kranken waren), daß sie unter keinen Um- ständen Reis essen wollten.„Ballen hoch liegt er nun— ein Geschenk eines Großhändlers— aufgestapelt, aber der Vorrat nimmt nicht ab. Sie essen lieber nichts, als daß sie Reis essen, und ich weiß wirklich nicht, was ich nun anfangen soll."— Die Verwaltung des Asyls beschränkt sich jedoch nicht allein auf die Verschaffung von Nahrung und Unterkunft, sondern es wird nach Möglichkeit danach getrachtet, den Männern Beschäftigung zu suchen, was in vielen Fällen auch gelingt. Für die Kinder wird Schule gehalten. Das brachte insofern einige Schwierigkeiten mit sich, als ein großer Teil der belgischen Kinder kein Französisch ver- steht, aber man hilft sich so gut man kann. Das niedlichste des Asyls ist die„pouponnerie", die Säuglingsabteilung, wo die kleinen Babys gepflegt werden. In einem hellen, äußerst reinlichen Raum stehen in langen Reihen die Wiegen nebeneinander, und eine Anzahl Pflegerinnen ist andauernd damit beschäftigt, die kleinen, zierlichen Puppen zu versorgen, zu be- sänftigen, zu waschen und ihnen zu trinken zu geben. So tut man, tvas man kann, um den Flüchtlingen das Leben so erträglich als möglich zu gestalten, und dankbar wird dies auch anerkannt. Was aber alle beseelt, ist der eine Gedanke: Zurück in ihre Städte, ihre Dörfer, ihr Haus, um zu wissen, was der Krieg für ihr erbärmliches Leben noch übrig gelassen hat.... I. Z. sij Ueberfluß. Von Martin Andersen Nexö. Ein stiller Ernst lag über ihm, der seinem Wesen lange fremd gewesen war; langsam nahm er Papier hervor und setzte sich zum Schreiben hin: Domborg, 17. September 92. Lieber Vater! Ich danke Dir für Deinen Brief und für die Aufrichtig- kcit, die trotz allem aus jeder Zeile hervorleuchtet. Du windest Dich unter einem recht begreiflichen Gram und stellst Dich zynisch. Du übergibst Dich auf Gnade und Ungnade der Ge- meinheit und nennst Dich befreit. Warum auch nicht? Ich finde nur, Du solltest gegenüber einer möglichen Vaterschaft keinen Vorbehalt treffen. Sollte ein Mann mit Deiner Bildung und Deinem freien Blick sich nicht über solche Kleinigkeiten hinwegsetzen können, wie zuni Beispiel darüber, daß seine Frau ihm mit Hilfe des Kommis ein oder zwei Kinder schenkt— Du bist ja doch Demokrat! Und Kinder sind ja doch eine ziemlich logische Folge des Rechtes der Eheleute, einander zu umgehen, wie Du selbst an- erkennst. Selbst wenn Du auf diese Weise das Dutzend voll bekämst, darfst Du Dich darum doch nicht auf die Hinterbeine fetzen. Neulich hat es einen Fischer hier betroffen, und ob- wohl der Mann nie den Katechismus der Freien im Geiste gelesen hat, erfüllt er in jeder Beziehung seine Verpflichtungen als Ehemann und Versorger. Möchte er Dir ein leuchtendes Beispiel sein! Natürlich mußt Du Dein Haus nicht nur dem Kommis, sondern jedem anderen Liebhaber öffnen. Wozu hat Deine Frau sonst ein wohlmöbliertes Heim? Ob man ein bißchen Bordellwirt mehr oder weniger ist, kann Dich wohl nicht genieren. Ist die Ehe trotz allen ihren Unflätigkeiten nicht doch eine menschenfreundliche Einrichtung, wenn man nur die rechte Auffassung von ihr hat? Die Alten haben sie nicht: sie verlangen, daß die Ehe vollständig und trotz allem aufrechterhalten werde: einige von uns Jungen wollen sie ganz ausgerottet sehen, aber Du und die Deinen, Ihr habt gezeigt, daß man sehr gut die Institution beibehalten und in ihrem Schutz seinen kleinen Neigungen, ein jeder für sich, nach- gehen kann. So wird das Heim zugunsten des aufwachsenden Gescklechts aufrechterhalten, und die Verhältnisse entwickeln freien Blick, Nachsicht und diejenige Toleranz, die das Kenn- zeichen wahrer Bildung ist. Hat nran Anlagen, so kann man es allmählich dahin bringen, dem Liebhaber seiner Frau von Japan nach Deutjchlanö. Eine Dame, die nach zwölfjährigem Aufenthalt in Japan während des Krieges nach ihrer deutschen Heimat zurückgekehrt ist, schildert der„Köln. Ztg." ihre Heimreise in folgenden Ausfüh- rungen: Meine Freunde waren entsetzt, als ich ihnen von meinem Plan sprach. Ich ließ mich indessen nicht abhalten, die nötigen Vor- bereitungen zu treffen. Zunächst begab ich mich zur Nippon Düsen Kaisha, einer der größteil Dampfschiffahrtsgesellschaften, um mir eine Fahrkarte zu besorgen. Bezeichnenderweise erklärte man mir, es sei nicht erlaubt, Karten an Deutsche, auch nicht an Damen, zu verkaufen. Die Gesellschaft habe von der englischen Regierung die strengste Anweisung erhalten, Deutschen die Mitnahme zu ver- weigern. Die englische Regierung erlaube keinem Schifs, in den Hafen von Hongkong einzulaufen, wenn auch nur ein deutsches weibliches Wesen an Bord sei. Erst durch die Fürsprache des mir bekannten japanischen Verkehrsministers gelang es mir, die Reise- erlaubnis zu erhalten, wobei sich die japanischen Behörden für meine Person verbürgen mußten und mir verboten wurde, in den englischen Häfen an Land zu gehen. So konnte ich dann am 4. November mit meiner Familie, fünf kleinen Kindern und der Erzieherin, mit der Jasaka Maru von Jokohama abreisen. Bis nach Nagasaki verlief die Fahrt ohne besonderen Zwischen- fall; nur gab es kurz vor dem Einlaufen in den Hafen eine große Aufregung: Durch Funkspruch wurde die Einnahme von Tsingtau gemeldet. An Bord blieb alles ruhig, nur in Nagasaki herrschte unendlicher Jubel. Ueberall wehten Fahnen, die Schulen ver- anstalteten Umzüge, und dieses Feiern dauerte mehrere Tage. Das war der letzte Eindruck, den ich aus dem Lande mitnahm, in dem ich zwölf Jahre gelebt, das ich liebgewonnen hatte. Ich möchte hier einige Bemerkungen über die Behandlung der Deut- scheu in Japan während des Krieges einschalten. Bei Beginn des Krieges hatte die Regierung strengen Befehl gegeben, allen Deut- schen die größte Zuvorkommenheit zu erweisen. Man war äußerst höflich zu den Ausländern und zeigte gerade den Deutschen be- sondere Sympathie. Die Stimmung des Volkes war gegen den Krieg, und auch in den regierenden Kreisen hörte man immer wieder die Entschuldigung: Wir waren als Verbündete Englands gezwungen, am Kriege teilzunehmen. Fahrgäste hatten wir bei der Abreise nur wenige an Bord, und das waren nur englische Freiwillige; sie stiegen in den verschiede- nen Häfen zu. Weiteren Zuwachs an Freiwilligen erhielten wir in Schanghai. Sie erwiesen sich als nette Reisegefährten. Es waren Männer aus gebildeten Kreisen, die mit großer Begeiste- rung dem Kriege entgegensahen. Mehrere unter ihnen hatten früher schon gedient, und diese benutzten ihre soldatischen Kennt- nisse zum Einexerzieren der anderen. Alles ging mit großer Be- geisterung ans Werk: morgens und nachmittags wurde je eine Stunde exerziert. Zu meinem Erstaunen beobachtete ich aber, daß die Beteiligung immer schwächer wurde, und daß zuletzt das Exer- zieren ganz aufgegeben werden mußte, da keiner mehr mitmachen wollte. Ganz besonders ergötzten sich die mitreisenden Japaner an der Energielosigkeit dieser Soldaten und sie ergingen sich in beißenden Spottreden über die Unfähigkeit der englischen Soldaten überhaupt. Sie meinten, es gäbe überhaupt nur zwei Völker, die gute Soldaten lieferten, die Deutschen und die Japaner. Immer wieder sagten mir die Japaner, ich solle mich nur ja nicht ängstigen, die Engländer könnten unmöglich siegen. Als dann eines Tages durch drahtlose Telegraphie die Nachricht kam, unser Dampfer würde wahrscheinlich nicht bis London fahren, da die Deutschen bereits die englische Küste beschössen, herrschte unter den Japan er n ein großer Jubel. Erregt lief einer zum andern, lobte die Deutschen, und alle bedauerten, nicht mitmachen zu können beim Verhauen der Engländer. Diese Ansicht habe ich in Japan wiederholt gehört, und jeder meiner japanischen Be- kannten, der nach Tsingtau ging, sagte:„Ich wünschte, es ging gegen die Engländer, nicht gegen die Deutschen." Der gleiche wütende Haß war auf der englischen Seite zu finden, und das Schimpfen auf die Japaner nahm kein Ende. Als das Schiff bei Hongkong festgemacht hatte, kamen mehrere englische Offiziere an Bord, die meine Papiere verlangten und mich einem längeren Verhör unterzogen. Daraus wurde mir strengstens untersagt, das Schiff zu verlassen und den Hafen zu Photographie- ren. Stets umgaben uns Geheimpolizisten. Die Stadt Hongkong war im Kriegszustand, alle Männer in Uniform, wie uns unsere Freunde erzählten. Die Engländer selbst machten sich lustig über Ratschläge zu erteilen, wenn man ihm auf dem Wege zu der eigenen Mätresse auf der Treppe begegnet. Was hindert Dich wohl daran, feig Deiner Wege zu laufen, unter dem Vorwand, die Stellung werde Dir zu ge- mein, und Deinen Sohn in die traurige Lage zu versetzen, kein Heim zu haben! Welch entsetzlicher Gedanke, wenn die Ehen und mit ihnen die Heimstätten aufgelöst würden! Man denke, wenn das kommende Geschlecht während seines Wachs- tums die Ofenecke für Halbheit, Anpassung und Kompromisse, wie ein Heim sie darbietet, entbehren müßte! Aber dank Eurer Toleranz haben w i r einen Ort gehabt, wo wir lernen konnten, uns den praktischen Forderungen des Lebens anzupassen. Wir sahen, wie Ihr Euch zu Hause zanktet, manchmal prügeltet, aber Ihr seid nicht auseinander- gelaufen, im Gegenteil, Ihr habt einander zärtlich angelächelt, wenn Ihr unter Menschen wäret, und habt Euch— beholfen, so gut es ging. Und im Lauf der Zeit habt Ihr gelernt, ein- ander zu ertragen, in den mageren Perioden vielleicht sogar vorlieb miteinander zu nehmen. Welche Schule für uns! Und wir, wir fingen an, auf die freie Liebe zu schwören, in voller Gewißheit, daß es keine andere gab. Aber Eure nnldcn Augen begleiteten uns. Eure Toleranz machte uns weich, und wir glitten zur bürgerlichen Ehe hinüber und von da, einer nach dem anderen, auch zum kirchlichen Segen. Da nicktet Ihr anerkennend: man kann recht gut radikal sein, ohne Anstoß zu erregen. Wenn das Ganze verrechnet werden sollte, schuldeten wir Euch sicherlich viel! Aber dieser und jener verschrobene junge Mann glaubt, daß dies Verfall sei. Und er fragt sich, wie viele Ge- nerationen noch verfallen sollen, wieviel Jugend noch bei dem Beginn des Kampfes und der dann folgenden Entwaffnung durch das milde, weltkluge Lächeln der Äelteren demoralisiert werden soll.— Der junge Mann war so idiotisch zu glauben, daß er Menschen finden würde, die sich das Recht vorbehielten, alles zu untersuchen— und eines Tages den Zweifel und die Analyse abzuschütteln und ein neues Leben in der Er- kenntnis aufzubauen. Er glaubte, zusammen mit ihnen die ersten Umrisse einer neuen hohen Moral ziehen zu können, deren Grundlage vielleicht all das wäre, was die jetzt geltende verwirft. Aber er stieß nur auf alte Dogmen, neue Dogmen — oder eine Vereinigung von beiden. Und er weinte vor Un- willen, weil es ihm schien, als wären der milde Blick, die Toleranz und das Kompromiß die Folgen eines geistigen Schadens und nicht geistiger Kraft und Uebcrlegenheit. Willst Du glauben, daß es wirklich solche Idioten in unserer klugen, durch und durch gebildeten Gesellschaft gibt? den allzu strengen Kriegszustand, der in Hongkong herrschte. mußten sie doch zu ihrem größten Kummer schon um 5 Uhr zum Schiff zurückkehren. Wenn man die herrliche Stadt sieht, umringt von hohen Bergen, wie in einem Tal gelegen, zu dem man nur durch zwei enge Meerstraßen gelangen kann, deren Ufer von mächtigen Forts geschützt sind, so versteht man angesichts der Un- angreifbarkeit dieses Ortes den übermäßig strengen Kriegszustand nicht, der über ihn verhängt wurde. Auf Umwegen, niit abends abgeblendeten Lichtern, fuhren wir weiter. Bisweilen erhielten wir durch Funkspruch die Nachricht, ein türkisches Schiff sei in Sicht, da verstummten dann plötzlich die Lieder, die soeben noch gemeinsam in die dunkle Nacht hinausgesungen worden waren. Kurz vor Singapur führten die Japaner lebende Bilder und aller- haud Vorstellungen auf, von denen ich zwei ganz besonders er- wähnen möchte. Das eine lebende Bild stellte die Eroberung Tsingtaus dar: zwei Soldaten, die triumphierend mit gezücktem Säbä auf einem Hügel standen, ein anderer Soldat erstürmte gerade diese Höhe. Dann gab es einen Schwerttanz, der die Ein- nähme Kiautschous versinnbildlichte. Mit zorngerötetem Gesicht und furchtbaren Gebärden führte der Schwertkämpfer diesen sym- bolischen Tanz aus, eine höchst lächerliche Sache. Bald liefen wir ,n den Hafen von Singapur ein, wo wieder die Untersuchung der Papiere erfolgte. Man sagte mir sogar, daß ich unter Umständen aussteigen und mich in Kriegsgefangenschaft be- geben müsse, wenn meine Papiere nicht in Ordnung seien. Nach einigen angstvollen stunden kam der beruhigende Bescheid, daß der Paß in Ordnung sei. Hier erhielten wir nun wieder einen ganzen Schub von englischen Freiwilligen, so daß wir nunmehr 03 Mann an Bord hatten. Am selben Tage verließen noch fünf Schiffe den Hafen von Singapur, die sämtlich englische Freiwillige führten. Zwischen Singapur und Penang war die Angst vor feind- jichen Schiffen besonders groß, denn hier war das Tätigkeitsgebiet der Emden gewesen. Man hatte einen heiligen Respekt vor den deutschen Kriegsschiffen und war voller Bewunderung für den Kommandeur der Emden. Mit falschen Kursen und ohne Lichter fuhren wir weiter nach Penang, wo wir drei Tage liegen mußten, weil, wie man sagte, zwischen Singapur und Penang eine neue Schlacht stattfand. Einen Tag lang hörte man den Kanonen- donner. Bei der Ausfahrt aus dem Hafen von Penang sahen wir ein gesunkenes französisches Schiff, von dem nur noch der Schorn- stein und ein Mast zu sehen war. Sehnsüchtig schauten wir, als wir uns Kolombo näherten, hinüber in die ragenden Palmenhaine unter dem tiefblauen Tropenhimmel, alles erstrahlend in blenden- den Farben, sprühender Beleuchtung. Zu meiner größten Freude erlaubte mir diesesmal der Offizier, an Land zu gehen, unter der Bedingung, daß einer der englischen Freiwilligen uns begleitete. Mit nicht zu beschreibenden Gefühlen betraten wir nach langer Zeit zum ersten Male wieder festen Boden, rot leuchtende, glühend erscheinende Erde, sahen die blendend weißen Häuser, die dunkeln Palmen und saftig-grünen Rasenplätze, über die herrliche Menschen- gestalten wandelten, stolz und aufrecht wie Bronzestatuen. Ssnder- barerweise war Kolombo der einzige Platz, der sich nicht im Kriegs- zustande befand, ungestört konnte man zu später Stunde an Bord zurückkehren. Mit der üblichen Vorsicht setzen wir die Fahrt bis Eues fort. Außerordentlich fesselnd war die Fahrt durch den Sues-Kanal. Unzählige Soldaten belebten seine stillen Ufer. Auf beiden Seiten des Kanals erstreckten sich große Lager mit Tausenden von Zelten, die von englischen und indischen Militärs besetzt waren. Auf den lehmigen Feldern wurden große Uebungen abgehalten, von denen ganz besonders die der Kamelreiter einen interessanten Anblick boten. Von Zeit zu Zeit ertönte Ruf und Gegenruf zwischen unseren Freiwilligen und diesen Soldaten, ein hastiges Fragen über den Stand der Dinge und dann ein begeistertes Hurra, denn natürlich hatten die Verbündeten gesiegt, und die Vernichtung Deutschlands ging Schritt für Schritt voran. Das waren die Nach- richten, welche die Küstenzeitungen brachten. Unsere Hoffnung. in Port Said aussteigen zu dürfen, tourde schmählich enttäuscht. Ms wir dort anlangten, erklärte man uns in schroffer Weise, daß es nicht erlaubt sei, auszusteigen. Einer meiner englischen Freunde, der sich an Land zum englischen Gouverneur begab, um sich für inich zu verwenden, wurde kurz und grob abgewiesen, nachdem man ihn dreimal sich hatte entkleiden lassen und ihn von oben bis unten untersucht hatte. Man bat ihn, sich nicht für mich zu ver- wenden, da er dadurch Unannehmlichkeiten haben würde, denn mau vermute, daß ich eine Spionin sei, vor deutschen Frauen müsse man sich überhaupt in acht nehmen, sie seien schlimmer als die Männer. Noch schlimmer erging es einem anderen Reisegefährten, einem Italiener, der ebenfalls für mich sein Bestes versuchte: ihm nahm Der gesunde Gang der Ereignisse macht sie jedoch immer gründlicher zuschanden,— um im Zeitungsjargon zu reden; und Du und ich, wir haben nichts anderes zu tun, als ge- bührenden Abstand von ihnen zu nehmen. Wenn Du diesen Brief gelesen hast, wirst Tu wahrschein- lich sagen, mir fehlte das Verständnis und der daraus folgende weite Blick. Im Gegenteil! Ich kenne recht gut das Gesetz des Verfalls und erwarte bald zu hören, daß Du Dich dem Trunk ergeben hast. Mir selbst geht es so lala. Freundlichen Gruß Dein Karl. Er stand auf und schloß den Brief. In seinem Wesen war nichts von der verbitterten Stimmung, die der Brief barg, vielmehr nur steinerne Ruhe. Der Zorn lag hinter ihm, in dem physischen Leiden des gestrigen Tages und der Nacht. Sein Geist war zu erschlafft gewesen, den starken Schlag empfangen zu können, und hatte ihn auf den Körper nieder- gehen lassen. 17. In der nächsten Zeit bekam Baudcr wiederholt Briefe von Frau Sörensen. Meist waren es kurze Schreiben mit einer besorgten Anfrage nach seinem Befinden oder einer halb verschleierten, vertraulichen Mitteilung: aber obwohl er nie antwortete, wurden die Briefe immer häufiger, länger und ihr Inhalt intimer. Offenbar verbohrte sie sich allen Tatsachen zum Trotz immer mehr in die Vorstellung, daß er ihr leohafte Teilnahme entgegenbringe, und wollte mit Ge- walt ihr Schicksal an das seine knüpfen. Die Briefe waren sehr verschieden. Einige waren über- wiegend ruhig und atmeten ersahreue Resignation, der Grundton anderer war eine unbegreifliche Selbstsicherheit, ein Stolz, wie ihn sonst nur ganz junge, prächtig ausgerüstete Frauen besaßen. Aber inmitten des Stolzes und der Selbst- sicherheit hieß es dann: sie habe das Beste in ihrem Leben vergeudet und wolle nun die Reste aufsammeln, um zu versuchen, von ihnen zu leben. Sie wolle von ihrem Manne fort, wolle ihn abschütteln, ihn und ihre ganze Vergangenheit, und dann— werde ihr die Welt offen stehen mit all ihrem Glück und Glanz. In den Strom wolle sie hinaus, wo die Mätressen der Reichen sorglos Feste feierten voni Gelde dieser Männer,— und mit plötzlicher Jämmerlichkeit bat sie dann um einen guten Rat und fragte, wieviel eine alleinstehende, anspruchslose Frau als Mindestsumme brauche, um in Kopen- Hagen leben zu können. Und im nächsten Satze hatte sie Stolz und Demut vergessen und teilte mit geschwätziger Freude mit, die Frau des Kandidaten sei nur eine Mutter für ihn und fühle sich glücklich dabei, man zur Belohnung nach dem Aus- und Ankleiden seine Papiere ineg und lieg ihn außerdem verhaften. Bei der Abfahrt des öhifses stand er traurig zwischen zwei Polizeibcamtcn am Hafen- aitter und winkte wehmütig Abschied. Ter Kapitän, der ebenfalls ivi der Behörde vorstellig wurde, bekam die Antwort, daß man mit der Angelegenheit eines Teutschen nicht beläftgt zu werden ivünfche. Ich mußte also weiterfahren, einer Ungewissen Zukunft eutgegeu. TaS Verhalten der Franzosen bildete einen bemertenowertcn Unterschied zu dem der Engländer. In Marseille behandelte man UNS lNit ausgesuchter Höflichkeit, und nach 21 Stunden kam von der Polizei die erlösende Botschaft, die nns die freie Weiterreise zu- sicherte. Höflich bat man uns um Entschuldigung dafür, daß man uns Ungelegeitheiten bereitet habe und bat, darüber wegzusehen, wenn ein Polizeibcamtcr bis zur italienischen Ercnze mitfahre. Ter Abschied von den Freunden an Bord war rührend. Alle Zücrten für unser Leben und baten nnS, wir möchten doch in einem neutralen Lande bleiben und uns nicht dem Tode im Vaterland aussehen. Außerdem waren die Engländer sehr niedergeseblagen darüber, daß die Franzosen großzügiger gehandelt hatten als die Engländer, die doch ihre Zusage der freien Reise gebrochen hatten. Rur noch einmal gab es mehrere Stunden Aufenthalt an der italienischen Grenze, wobei die Schwierigkeiten durch Vorzeigen eines Briefes dcS italienischen Botschafters in Tokio beseitigt wurden. Dann durften wir in Genua endlich in Ruhe und Frieden 2öcihnachtcn verleben._ Schwinöeihaste Kriegserfinöungen. In der„Umschau'' schreibt Ingenieur F. Hermann über die „Kriegsindustrie". Dabei kommt er auch auf allerlei schwindelhafle Erzeugnisse dieser Industrie zu sprechen, wie ja im Kriege überhaupt so mancher Schwindel„erfunden" wird: „... Für Millionen von Soldaten werden heute ülierall in Teutschland passende Liebesgaben gefordert, und die Industrie bemüht sich, diesen Forderungen nachzukommen. Daß die plötzlich entstandene Nachfrage daS Angebot manchmal übertrifft, daß nicht bei allen der angebotenen Liebesgaben der geforderte Preis im richtigen Verhältnis zum Werte steht, läßt sich bei einer plötzlich ins Leben gerufenen Jndustric, bei der Tausende Berufener und Un- berufener verdienen wollen, unmöglich vermeiden. Auch läßt sich hier nur schwer die Grenze ziehen, wo der reelle Handel aufhört und der Schwindel anfängt; was der eine als Wunder des Er- findungsgeisteS preist, für das er gern einen erheblichen Mehrpreis über den eigentlichen Material- und Bearbeitungswert iablt, daS erklärt ein anderer für amerikanischen Humbug. der auf eine ungerechtfertigte Ausnutzung der immer urteilslosen Menge hinausläuft. Daß eine solche Ausnutzung tatsächlich vielerorts und bei den verschiedensten KriegSbedarfsanikeln versucht wird, das beweisen die behördlichen Warnungen vor Ankauf solcher Artikel, die keineswegs selten sind. So warnt daS stellvertretende General lommando de» 1. Bayerischen Armeekorps in München vor einem sogenannten„Jdeal-Kaffee, Marke fif",.Thalers O r i g i n a l- Kr a f t- K a f f e ep u l v e r".„ThalerS Sriginal- Krait-Kaffee-Tabletten" sowie„ThalerS Original- Kraft-Kakao-Tabletten", weil Kaffee bezw. Kakao nur in ganz geringen Mengen in den angebotenen Erzeugnissen enthalten ist und der wirkliche Wert in gar keinem Verhältnis zu dem ge- forderten Preis steht.— Der Sladlmagistrat Nürnberg wendet sich gegen ein Präparat mit der Bezeichnung.alkoholfreier Punsch in der Tüte", dessen Auflösung in heißem Waffer Punsch, ja sogar Burgunder-Punsch geben soll. ES handelt sich dabei um eine mit einem Teersarbstoffe gefärbte und mit künst- lichen Aromastoffen parfümierte Mischung von Zucker und geringen Mengen Weinsäure. DaS daraus hergestellte Getränk schmeckt nicht entfernt nach Punsch un ist geeignet, den Magen zu verderben.— Ferner erläßt das stellvertretende Generalkommando deS 1. Bayerischen Armeekorps noch nachstehende Warnung:.Gewarnt wird vor dem Ankauf von Dr. Oppenheims echten Grogwürfeln, Marke Südpol. Sie sind in Feldpostbriefe verpackt und für unsere Soldaten im Felde bestimmt. Nach dem Aufdruck auf den Eiikellen bestehen diese Würfel angeblich aus feinstem Rum und Zucker und 'ollen in heißem Wasser aufgelöst ein Weinglas von Grog ergeben. Tatsächlich beträgt der Mkoholgehalr nur ö,S v. H.: dem Zucker ist Gelatine beigemengt; es läßt sich selbst mit Beigabe von nur geringen Mengen heißen Wassers kein grogähnliches Getränk erzielen. DaS Rohmaterial für sechs Würfel kostet ungefähr 10 Pf., der Verkaufspreis beträgt 1 M.'— Auch von den Kleidungsstücken, die als besonders geeignet für die ün Felde Stehenden angepriesen werden, sind nicht alle zweckentsprechend, wie folgende amtliche Mitteilung zeigt:„Durch marktschreierische Angeboie werden sogenannte Militärwestcn aus S eichen sto ff als Kälte- und Nässeschutz empfohlen. Die hierzu verwendeten Seidenstoffe für die Herstellung von Schirmen können keineswegs als geeignetes Material siir Militärwesten an gesehen'werden. Sie sind zu dünn, um Wärme zu spenden, und die Appretur der Stoffe bietet nur geringen Schutz gegen die Feuchtig- keil. Zudem siebt der Preis für seidcnwesten in gar keinem Per hältnis zu dem für andere sogenannte Militärwesten. Während für Seidenweslen 6 bis 12 M. gefordert werden, sind Westen anS im prägnierten Stoffen mit oder ohne Wolliutter in bester Ausführung schon zum Preise von 3 bis 5 M. erhältlich."— Auch direkt gefahr- erhvhends schiitzkleisung wird angeboien. Davon gibt folgende Be kannimachung des stellvertretenden kommandierenden Generals des 18. Armeekorps Kunde:„In zahlreichen, durch die Zeitungen der- öffentlichten Anpreisungen werden zurzeit K u g e l s ch u tz p a n z e r der verschiedensten Art zum Verkauf gestellt. Diese Panzer erfüllen durchweg nicht den versprochenen Zweck, sind vielmehr, wie ein Ber- suchssckneßen aus den von Maschinenfabrik, Rochlitz i. S.. einer Firma G. Schneider u. Co., in den Handel gebrachten„Kugelichutz gegen Jnfanleriegeichosse" beweist, dazu angelan, schwere Per- ivundungeu herbeizuführen. Abgeiehen hiervon sind sie auch ge- eigner, den Träger in seiner BsivegungSfreiheit zu hemmen und ihm dadurch die Erfüllung seiner Aufgaben tu erheblichem Maße zu er- schweren. Vor Ankauf wird gewarnt." .Karl schämte sich dieser Briefe von einer älteren, �ver- heirateten Frau, schämte und grämte sich als junger Mann darüber, daß die Liebe ihm nichts als eine solche Karikatur zu bieten hatte. Aber er wagte es nicht, sich die Briefe z» verbitten; selbst eine abweisende, ja grobe Antwort würde sicherlich als Ännähenrng aufgefaßt werden. Er härmte sich und konnte sich gleichzeitig einer gewissen Wehmut nicht erwehren. Aus dem, was er erfahren hatte, erkannte er, daß ihre heftige Hysterie aus ihrem ehelichen Verhältnis völlig zu erklären war. Sie war ganz in ihrem Recht, wenn sie behauptete, daß sie hübsch, gesund und gut in die Ehe eingetreten, aber darin zugrunde gegangen sei. Und ihr verzweifelter Entschluß, sich dem ersten besten unter jeder Bedingung hinzugeben, zeugte davon, wie unendlich sie ge- litten,— wie die Sehnsucht nach Liebe sie verzehrt hatte. Das, ja, daS erinnerte in unheimlicher Weise an die Opfer der Hungersnot, die sich wahnsinnig auf alles stürzten, was nur den Schlund passieren konnte, ohne die Fähigkeit zu be- urteilen, ob es überhaupt Nohrnngsstoff für den ausgc- mergelten Körper enthielt. Aber unheimlich war es, wie krampfhast sie sich an ihn festsaugte— doppelt unheimlich durch die blutige Ironie, die darin lag. Er sollte das Glück sein! Er, ein armer Schwäch- ling, welk, griesgrämig— der dem geringsten Verdruß erlag — von dem sich noch kein gesundes Weib angezogen gefühlt, weil die Luft um ihn eine warnende Schärfe hatte wie um ettie Giftpflanze!— Aber darin lag wohl unbewußte Be- rcchrntttg: ihr Instinkt hatte ihr gesagt, daß die Möglichkeiten bier größer seien als bei den meisten Männern.— Bei alledem wurde etwas in ihm wach. Was im Grunde als Schmach über ihm gelegen hatte, als letztes, überflüssiges Zeugnis seines Unvermögens in allen Punkten, das nahm jetzt die Form bewußten Entbehrens an. Infolge seiner Kränklichkeit hatte er lange einen ganz jugendlichen, fast kindlichen Ausdruck behalten. Und überall, loa er mit Frauen zusammengewesen war, hatte er ihr Mitleid erregt, und sie hatten ihn wie ein Kind bchandett. in dessen Nähe sie nicht schamhaft zu sein brauchten. Viel Ver- trauen und viele kleine Liebkosungen, die keinem richtigen Manne zuteil geworden wären, waren für ihn abgefallen; mehr als einmal war es vorgekomnien, daß junge Frauen ihm über die Wange oder das Haar strichen. Eine Zeitlang sagte ihm das zu; als er aber erst über die Zwanzig hinaus war, verstand er, warum sie es taten, und da begann der Zorn in ihm emporzulodern. Als Mann süsilte er sich in seiner Ehre gekränkt, aber seine Perion be- traf das nicht— er war zu schwach, etwaS zu empfinden. lForti. iolgtZ Wmternacht im Schützengraben. Aus einem Feldpostbrief entnehmen wir die nachstehende Schilderung: Ich möchte Dir nun heute einen Tag im Schützengraben schildern. Es ist Dir ja schon aus den vielen, vielen Feldpostbriefen bekannt. Aber ich glaube, wenn ich Dir eine kleine Schilderung gebe, wird sie doch etwas anders ausfallen. Nachdem ich am Tage in demselben Unterstand, in beul ich jetzt schreibe, verweilt hatte, ging es abends nach fünf Uhr(Eintritt der Dunkelheit) vor zur Ablösung. Drei Kilometer hatten wir noch zu marschieren. Unterwegs bekamen wir noch jeder ein Bündel Stroh oder ein Danges Breit und weiter ging es im Jdunkel über gefrorenen Sturzacker. Gräben und alte verlassene Stellungen. Links vor uns befindet sich die Schlachtfront, noch etwas nach rückwärts im Verhällnis zu den von uns abzulösenden Kameradeli. Daher kam es, daß ab und zu einmal ein Geschoß über unS oder zwischen uns hindurch ging. Tic Artillerie schoß nur noch wenig und so haben wir ziemlich unbehelligt unsere Slellungeu erreicht. Ganz überrascht war ich, als es hieß: schwärmen und einrücken. Ich hatte geglaubt, wir würden durch längere Lausgräben die Schützengräben besetzen, so daß uns die Gegner nicht bemerken würden/ Es war nur gut. daß die Russen nur vereinzelt schössen, sonst wären wohl nicht viele in den Graben gekommen. Nachdem die alte Besatzung abgezogen, mußten unsere letzten drei Gruppen des dritten Zuges, zu denen auch ich gehörte, noch 150 Meter weiter vor und einen neuen Graben, welcher wohl einige Tage vorher ausgeworfen worden war, besetzen und weiter ausbauen. Wir vervollkommneten die Flaiikenschutzwehreii, errichteten Schießscharten und bekamen so eine ganz gute, feste Stellung. Diese Arbeit wurde unter dem Feuer der Russen ausgeführt. Diese mußten wohl durch Leuchtkugeln, welches alles beleuchteten, bemerkt haben, was bei uns vorging. Gegen Morgen wurde das Feuer so stark, daß die Schanzarbeiten eingestellt werden mutzten. Ich setzte mich in meine Ecke und versuchte ein wenig zu schlummern. Aber vergebens. Ter Boden, auf dem ich lag, war feucht vom durchsickernden Grundwasser. Ich setzte mich nun auf meinen Tornister und legte mir unter die kalten durchnäßten Füße eine Handvoll zusamm n.gerafftes Stroh und versuchte so, an die kalte nasse Erdwand geleynt, zu schlafen. Durch die Anstrengungen ist der Körper dermaßen erschlafft, daß man auch in der unbequeulsten Lage einnickt, so ging es auch mir. Ich träumte mich zu Hause und konnte gar nicht begreifen, daß, als ich plötzlich geweckt wurde, ich mich hier im Schützen- graben befand. Ich stand auf, die Glieder steif, frierend am ganzen Körper, hatte ich nun eine Stunde Lauschposten. Ich mußte durch eine Schießscharte nach vorn die Stellung der Ruffcn beobachten. Ich stehe und lausche. Ich friere. Langsam fängt es an, zu schneien. Mich schüttelt'S. Ich hülle mich in meine Zeltbahn und setze mich— meine stunde ist um— wieder in meine Ecke. Das Feuer der Russen wird stark. Einige von uns schössen. Dadurch haben die Russen bemerkt, daß unser neuer Graben besetzt iit. sie legen 700 bis bOO Meter von uns entfernt. Mit bloßen Augen kann man nichts von ihnen entdecken. Unheimlich wird ibr Feuer. sie zielen sehr gut. Nur zu oft pfeifen die Geschosse durck, untere Schießscharten. Das ist gerade das Gegenteil von manchen Er- zählunqen. Die Russen scheinen uns alle vernichten zu wollen. Frierend gebe ich zu einem befreundeten Kameraden. Er hat eine etwas günstigere Ecke und hat sich mit noch einem Kameraden einen kleinen Zeltunterftand errichtet. Wir drängen unS dicht zusammen. Ter Schnee hat alles mit einer weißen Decke belegt. 'Auch über uns bat er ein dünnes Leichentuch gebreitet. Wir frieren. Trotzdem versuchen wir, etwas einzunicken. Aber die Russen lassen uns keine Ruhe. Wütend pfeifen die Geschosse über unsere Köpfe hinweg. Auch die Artillerie feuert sebr lebhaft. Es ist wie in einem Höllenkessel. Ein unheimliches sausen. Zischen, Pfeifen und Krachen. Langsam schleichen die Minuten und Viertelstunden da- hin. Deutlich stehen mir die Stunden bei si. Ghislain (der Genosse war im August bei st. Ghislain in Belgien an Hand und Fuß verwundet worden und steht jetzt zum zweiten Male im Felde) vor Augen. Plötzlich ein Gerenne und Lärm in unserem Graben. Alles an die Gewehre! Einige von uns haben beobachtet, daß die Russen Verstärkungen erhalten. Telephonisch teilt der Beobachter dies unseren Batterien mit. Ich bin an meinen Stand geeitt und sehe, wie die Granaten in die russischen Kolonnen und Unterstände einscblagen. Auch von uns wird nun lebhast gefeuert. Endlich läßt das Feuer nach. Ich drücke mich in wieder in meine Ecke. Langsam schleichen die �tunden dahin. Endlich werden wir abgelöst. Tic Ablösung war eine sehr gefährliche.'Aber vom Glück begünstigt, kommen wir abends in unsere, was man so Ouarticrc nennt. Wir halten nur einen Verwundeten. Das waren meine ersten vicrundzwanzig Stunden im Schützengraben. Theater. Im„Theater am Lülowplatz" gab es eine Neuheit— wenn man das anderwärts schon versuchte Schauspiel.Sänke E r i ch s e n" von Gustav Frenssen noch io nennen mag. Frenssen wird ja auch manchen Arbeiterleiern als Verfasser des seiner Zeit vielbesprochenen Holsten- Romans„Jörn Uhl" sowie der Kolonial- erzählung„Peter MoorS Fahrt»ach Südwest" bekannt sein. Der Hinweis hierauf erscheint in gewissem Grade berechtigt; denn erstens svielt die Handlung deS bis jetzt einzigen Frenssenschen Dramas in den Holsteinischen Marschen und zweitens hat dieses mit dem „Iörii° Uhl" mancherlei Einschläge des Gespenstischen gemein. Frenssen schrieb das slückchen auflragniäßig für die Gedenkfeier eines holsteinischen Marschenstädtchens. Obschon er ihm durch Be- arbeitungen eine veränderte Gestalt gab— den Charakter, doch auch die schwächen eines Gelegenheitsdichters vermochte er nicht zu be- seitigcn. DaS Ganze ist in der Skizze stecken geblieben. Aus der Titelssgur guckt eine Mischung von„Jörn Uhl" und Friedrich Hebbel. An diesen erinnert die Wesensanlage ziemlich deullich. Sänke Erichsen ist auch ein armer Junge, dem die Segnungen einer besseren Schulbildung verwehrt blieben. Dann wurde er Magistratsschreiber. Einen Tag aber vor der deutsch-französtscheii Kriegserklärung, von der er aus einem Schreiben der Militärbehörde an die Bürgermeisterei Kenntnis erhielt, griff er in die Amtskasse und entwich nach Amerika. Da man ihm das Leben in der Heimat schiver gemacht hatte, wollte er dem Baterlande, daS ja für ihn bloß ein Begriff gewesen, auch keür Blutopfer bringen. Vierzig Jahre lang zieht er„drüben" umher erwirbt wohl Geld— aber keine Heimstatt. Endlich treibt ihn im- bändige Sehnsucht zur Geburtsstadt zurück. Natürlich widerführt ihm hier eine ablehneudc Behandlung, wohin er sich wenden mag. Daran ist cr zwar selbst schuld. Warum? Er ist der harte Trotz- köpf von ehemals geblieben. Frenssen übersah vollständig den um- ivandelnden Einfluß, den Welt und Menschen draußen aus jedes Individuuni haben müssen. Weil aber Söuls Erichsen anders gc- raten ist, so läßt ihn der Dichter auch sündig werden. Indem Erichsen sein Erbrecht an die Geburtsbeimal mit Trotz zu erkämpfen sucht, wird cr zum Mörder seiner allen chwester, die um seine Jugendveriehlungen gewußt bat. entgeht er: Frenssen läßt ihn Herzen sterben— eilt ciwos Er erhielt Bekräftigung dadurch, daß Inge Lornsen und Kapitän Timm, gleichialls zwei hartgcraiene Menschenkinder, sich als Liebespaar zur Versöhnung die Hände reichen— gleich den beiden Frauen in Ibsens„Gabriel Bork- mann". Als Dramatiker wird man Frenssen schwerlich ansprechen. Seine Leute reden mehr, als sie tun; auch reden sie oft papiern. Die Szene der drei Schulknaben wirkt aber belustigend. Dem Stück Hai Paul Kalbeck eine sorgfältige Inszenierung zuteil werden lassen, linier den Minvirkenden war Rudolf Wciner als Sänke Erichsen eine überragende Erscheinung. Eine vorzügliche Bühnengestalt schuf Agnes Werner-Wagner als Frau Timm. ok. Der gerichtlichen Sühne vorzeitig an gebrochenem melodramatischer Schluß. kleines Feuilleton. Vas können Sie öafür l Dem Briefe eines ungarischen Genosien, der als Artillerieuuter- ofsizier in Galizicn mitkämpft, enlnimnit die Wiener„Ärbciler- Zeitung" das Folgende: Die Lagerfeuer werden gewöhnlich dicht umstanden, neue Hin- zukömmliuge finden schwer Zutritt. Auf einmal ertönt eine Stimme:„Brüder, gebt Raum zweien Russen, mögen auch sie sich wärmen." Ter geschlossene Kreis wurde sofort geöffnet und zwei Iuian- teristeu mit aufgepflanztem Bajoneu brachten zwei russische Soldaten. Noch vor kaum einer Stunde hatten sie in hartem Kainpfe mit ihnen gestanden. Und wie die beiden Jnianiensten. so benahm sich der ganze Kreis, der aus verwundeten und maroden Soldaten, Munition und Schanzzeug herbeischaffenden Ariillerislen bestand. Man beichenkle sich gegenseitig mit Zwieback, Zigaretten und Zucker. Tie Russen wollten unS Andenken geben, die wir jedoch nicht an- nahmen, da sie alles, was sie bei sich hatten, selbst gebrauchen konmen. Mir Hilfe eines slowakilchen Unteroffiziers haben wir uns sebr gut versländigr. Diese Offenbarung der Menschlichkeil inmitten der Schlacht machte einen liefen Eindruck auf mich, schon de-- halb, weil unsere Soldalen, selbst intelligente Leute, von ihren AngehörigeiiLriefe erhalten, die von dem stärksten Haffe gegen dicRujscn diktiert sind. Ich gab meiner Freude Ausdruck, daß die? nicht vergiftet gewirlt habe. Darauf bemerkte ein Honved, im bürgerlichen Leben ein schlichter Bauer, auf die Russen zeigend:.WaS tonnen die dafür! Man hat sie herbefolilen." Aehnliche Zeichen der Menschlichkeit konnte ich den ganzen Tag noch sehen. Hier sah man einen russischen Schwerverwundetci!, der, auf zwei Honveds gestützt, von unseren Aerzlen verbunden, daherkam; dort wurde auf einer Tragbahre ein Russe von unseren Sanitätern getragen. Auf den Sanitätswagen saßen unsere und die russischen Soldaten gemengt durcheinander. Viele verwundete Russen sind freiwillig zu uns gekommen, weil unsere Verbands- Plätze näher zum Kampfplatz waren als die ihrigen. Dieses humane Benehmen den Verivundelen und Gefangenen gegenüber beruht nämlich auf Gegenleiligkeit. Wen» hier ein Gesangenentransvort anlangt, so ist das erste, daß die Leute Menage bekommen. Und dasselbe geschieht auch im russischen Lager. Ilcbereinstimmend er- zählen uns die Gefangenen: Mag bei ihnen Speise und Trank auch knapp sein— die Gefangenen kommen zuerst an die Reihe. Ich bin herzlich froh, daß ich hier so viel über Menschlichkeit ichreiben und die hier geschilderten Bilder noch einmal vor meinen Augen vorbeiziehen sehen kolinte.— puccim. Der italienische Komponist halle den Proteit gegen die Zerstörung von Löwen und der Kalbedrale von ReimS'nicht unterzeichnet. Die chauvinisliiche Presse Iranlreichs fiel deswegen über Puceini ber, der sich nun folgendermaßen gegen allerlei Verdächtigungen wehrt:„Ist es denn zu verwundern. daß ich mich jeder Kundgebung von Deutichenscheu«tecksscolobiai enthalten habe Meine Kunst hat mit einigem Erfolge die Bühnen Europas beschreiten dürfen; ich bin daher durch die Bande der Dankbarkeit, Freundschaft und Zu- neiguug verpflichtei, mich von leidenschaftlichen Kundgebuiigeu fernzuhalten und nicht zwischen meinen Fremideu in Deutschland und in Frankreich zu wählen. Das ist nicht etiva eine geschäftliche Frage für mich, denn meine Werke werden in dieser Zeit weder auf deutschen noch auf srauzösischen Bühnen aufgeführt; es ist die Frage einer sittlichen Schwierigkeit, und freie Geister werden sie zu würdigen wissen. Diesen gegenüber könnte ich aussprechen, daß ich daS Gefühl der Entrüstung über Ausschreitungen, die diesen Krieg begleiten, vollständig teile; aber jede genauere Erklärung, zu der ich mich ver- stände, würde von niedrigen Erwägungen eingegeben scheinen, und deshalb lasse ich mich nicht darauf ein." Eine Mahnung an Sie KZnüer. Der englische Lehrerverband„Society of FriendS" hat in seiner Jahresversammlung am ö. Januar beschlossen, an die Schüler der An- stalte», wa Lerbandsmilglieder unterrichten, eine Art Flugblalt zn verteilen, das unter anderem folgende Sätze enthält:„Es ist Euer Vorrecht, in einer bedeutenden Zeitepoche zu leben, und wenn Ihr auch nicht berufen seid, zu handeln, so seid Ihr doch berufen. Euch zum Handeln in der nächsten Zukunft vorzubereiten. Ihr braucht Euch noch keine Meinung über Dinge zu bilden. über die die Leute, die älter sind als Ihr, u n e i n ö find. Ibr dürft noch aus dem Auslug stehen und trachten. Euch ein eigenes Urleil im Licht EureS eigenen Denkens zu bilden.— Die Billigkeit fordert. Euch daraus aufmerksam zu machen, daß nur ein kleiner Teil der Wahrheit jetzt vor Euch offen liegt. In diesem Augenblick werden nicht nur T a I s a ch e u, sondern au» Meinungen zurückgehalten. ES ist nickt unmöglich. daß Ihr später dahinter kommt, daß Eure L a n d e S g e n o s s e n jetzt weit weniger einmütig sind, als m a n ch e c s uns glauben machen wollen. Da Eure Eltern nickt her- mocht haben, Rechi und Forlschritt in Europa zu sichern, muß irum dies mahnen. Euch selbst zu besrageu, waS Ihr tun weidet, wenn Ihr auf ihrem Platze stehen werdet.... Wenn Ibr die i.ettung leset, versucht Euch einmal vorzustellen, daß Ibh j* � anderen Seite st e h t. Bedenkt, ivaö Ihr tun wuroet, wenii Ihr berufen wäret, selbst den Schiedsspruch zu tun. Erzieht Euren Geist zum Schiedsrichter!" � Theaterchronik. Im Notizen. Iolksbühnen- Theater -t". i i<. Kreuzel schreib er" am Bülowplatz gelangen am Freitag ,D r e Kr e u z e t l cy r e rv er zum 25. Mal zur Aufführung.— In der ersten Auffuhrung des inländischen Drama»„B- r g E Y w. n d u n d s--n We 1 6 werden die Hauptrollen von Friedrich Äaytzlet mid Helene Fehdmer dar- aesiellr werden— Im F r l e d r i ch- W i l h elm st a d tr, ch c n Theater gelangt Sonntag den 21. Februar, die Johann Strauß- sche„Die Fledermaus" zur Aufführung. ■" Verantwortlicher Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Lerlagsanstakt Paul cinger& Co, Berlin S\Y.