Nr. 43.- 1915. Unterhaltungsblatt des vorwärts Sonnftbeud, 20. ftbriwr. Cme Stranöwäjchergefthichte.� Von Anders I. Eriksholm. Es war eines Abends im Spätsommer. Die Sonne war eben untergegangen. Von der See herüber blies ein kühles Lüftchen, und die schnell am Himmel dahinjagenden Wolken ließen auf einen Um« schlag der Witterung, schließen. Wir lagen aus einer kleinen, eiförmigen Insel draußen im Fjord. Wir— das heißt einige Damen, der Kapitän und ich— halte.; uns in das lange Strandgras geworfen, da-Z noch nie von eines TicreS Zahn oder einer Sense berührt worden war, und wir lagen da und sahen hinüber auf die roten Ziegeldächer der Stadt, die mehr und mehr in der Dämmerung des Abends verschwanden. Die Jolle, in der uns der Kapitän herübergerudert hatte, lag auf dem Ufersande, und nachdem wir unseren niilgebrachten Kaffee getrunken, sollle�jemand aus der Gesellschaft eine Geschichte erzählen. „Glauben Sie. Herr Kapitän, daß wir die Nacht Sturm be- kommen werden fragte eine der Damen und sah nach der vollen Mondscheibe, welche zwischen den treibenden Wolken Versteckens spielte. „Kann sein/ antwortete der Kapitän.„Sehen Sie nur den Mond! Wenn er beginnt sich auf den Rücken zu legen, muß der Seemann auf der Hut sein." Er begann nun von dem Leben des Seemanns in stürmischen Nächten zu erzählen, und wir lauschten gespannt, während die schwachen Wellen unablässig gegen den Strand und wieder zurück plätscherten. Eine der Damen hatte sich erhoben, um nach Vogeleiern zu suchen. Sie kam jedocti bald wieder zurück und erzählte, daß im Grase auf der anderen Seile der Insel etwas liege, das einen ab- scheulichen Gestank verbreite. „Es ist vielleicht ein Slrandwäscher", sagte der Kapitän. „Oha," sagte die Dame schaudernd. „Wollen wir eine Expedition ausrüsten, um die Sache näher zu untersuchen v" fragte die muligste der jungen Damen. Es herrschte aber keine Stimmung für eine solche Expedition. Wir lagen so �hübsch im Grase— und wir blieben liegen. „Haben sie/chon einen Strandwäscher gesehen, Herr Kapitän?" fragte das Fräulein eine Weile später. „Ja, Fräulein, mehr als einen; und es ist kein schöner Anblick. Der letz'te, den ich gesehen habe, war am schauerlichsten. Wir be- fanden uns auf Langfahrt. Eines Tages rief ein Matrose:«Was treibt denn dort? Das sieht ja aus wie ein Mensch, der auf dem Kopf steht und die Beine in die Höbe streckt." Und er nimmt einen langen Haken und zieht die Beine au-s dem Wasser. Aber er wäre beinahe hintenüber gefallen, als er sah, was er aufgefischt hatte. Es war ein Strandwäicher, aber nur die Beine und etwas von dem Oberkörper waren noch übrig geblieben, Kopf und Arme waren weg--" „Hören Sic auf, Kapitän sagten die Damen schaudernd. „Ja, cS war ein unheimlicher Anblick. Man kann schlimm zu- gerichtet werden, wenn man dem Gutbefinden des Meeres und der Haifische preisgegeben ist.— Aber das erste Mal, da ich es mit einem Strandwäscher zu tun hatte, war es nicht so schlimm— es ist übrigens eine kleine" Geschichte, und sogar eine, die ein ganz hübsches Nachspiel hatte." „Erzählen Sie— bitte, Herr Kapitän!" baten wir.— Und er erzählte: „tsehen Sie, es war in einem der Fischerdörfer drunten bei Friedrichswerk. Dort stand meine Wiege, und ich war damals noch ein junger Bursche, so um die Zwanzig herum. Ich hatte im Augen- blick keine Heuer, und eines Tages sagte man mir:„Segele hinaus und sieh nach,' da draußen liegt sicher ein toter Mensch, etwas links vom Dorf, nur ein paar hundert Meter vom Strande!" Ich setzte mich in die Jolle und ruderte hinaus. Und ganz richtig— ich erblickte etwas, das draußen ini Wasser bald auf eine loaudbank, bald wieder ins Wasser zurückgerollt wurde und einem Menschen gleichen konnte. Ich halte ein Seil mitgenommen und es gelang mir,' dieses um die Leiche zu schlingen,'so daß ich sie ans User schleppen konnte. Der Slrandwäscher war im Gegensatz zu dem, von welchem ich vorbin erzählte, noch vollständig in Form, .aber er roch nicht gut, weshalb ich ihn nicht in meiner Jolle barg; *) Strandwäscher ist im Dänischen die Bezeichnung für eine an die Küste angeschwemmte Leiche. ich wollte den Gestank nun doch nicht gleich unter meiner Nase haben. Als ich nun nach dem Ufer zurückrudere, begegnet mir Sören Bcntzen, ein junger Fischer aus dem Dorfe, und als er sah, welche Last ich nachschleppte, rief er: „Laß ihn nur schwimmen! WaZ kümmert Dich der Strand- Wäscher?" „Was sagst Du. Sören?" erwiderte ich.„Sollten wir die Leiche gerade vor unseren Augen als Fischfutter liegen lassen?" „Sie mutz dann doch begraben werden," sagte Sören und schielte mich von der Seite an. „Natürlich mutz sie begraben werden!" „Und die Kosten willst Du vielleicht tragen?" „Nein, das ist Sache der Gemeinde." „Sache der Gemeinde? Hat sich lvaS mit der Gemeinde I Da bist Du auf dem Holzwege! Der Gemeindevorsteher sagt, daß der- jenige, der einen Strandwäscher findet, ihn auch begraben lassen muß, wenn er nicht direkt an die Küste angetrieben ist." „Du hast ihn also gefragt?" Aber Sören antwortete nicht. Und so ruderte ich dem Strande zu, Sören segelte hinaus. Er war ein aparter Bursche, dieser Sören, aber ich dachte nicht weiter über die Sache nach. Im übrigen war Sören ein strebsamer und braver Mensch, der sich etwas Geld gespart hatte und gerade dabei war, ein hübsches, steinernes Haus mit Ziegeldach für sich und seine alte Mullr zu bauen. Aber als ich nach Hause kanr, erwähnte ich mein Gespräch mit Sören, und mein Vater sagte:„Ihr sollt sehen. Sören hat den Strandwäscher schon früher gesehen, war aber bange vor den Begräbniskosten und hat ihn daher liegen lassen." Und als ich an den einfältigen Blick dachte, den Sören mir zu- geworfen hatte, als er sagte:„Er mutz dann doch begraben werden," leuchtete es mir auch ein, daß mein Vater nicht so ganz unrecht haben könnte. Ja, der Strandwäscher sollte als ein Chrisicnnlensch begraben werden. In früheren Zeiten kam man billiger davon. Da grub »ran einfach ein Loch in den Sand, wo der Strandwäscher ange- trieben war, und legte ihn ohne viele Umstände hinein. Wenn es hoch kam, steckle man ein einfaches Holzkreuz in den Sand, das so lange stand, bis es eines Tages von der See Iveggespült wurde— und dann sah man keine Spur mehr von einem Grabe.— Aber nun wieder zu unserem Strandwäscher! Ich erstattete der Obrigkeit Meldung von meinem Funde, und sie besorgte dann das Begräbnis. Allein ob es nun der Gemeindevorsteher oder Sören selbst es war, der über die Sache plauderte— genug: es stellte sich heraus, daß Sören den Strandwäscher zuerst entdeckt und sich auch mir ihm zu schaffen gemacht, ihn aber dann wieder hatte schwimmen lassen. Sören wurde vor Gericht gelade», und gleich- zeitig mutzte auch ich erscheinen, um meine Erklärungen abzugeben. Sören leugnete nicht, aber als ihm der Untersuchungsrichter das Unrichtige seiner Handlungsweise vorhielt, platzte er heraus: „Ich baue in diesem Jahr— ich habe kein Geld, um auch noch Begräbnisse herzurichten!" Der Richter und die anderen lächelten bei diesem Argument. Und da kein Zweifel bestand, daß Sören in gutem Glanben ge- handelt hatte, kam er mit einem Verweis davon und es wurde ihm ausdrücklich gesagt, daß er nicht zu befürchten hätte, Begräbniskosten in solchen Fällen zahlen zu müssen. So lief die Sache für Sören glücklich ab. aber nun kommt das Nachspiel. Die Leiche des toten Seemannes war schon in Verwesung über- gegangen und mutzte schleunigst begraben lverden. Aber unter seiner Hemdenbrust fand man init rotem Wollsaden die Buchstaben„E. A. Läsö" eingenäht. Es wurde also nach Läsö geschrieben, und nach einiger Zeit kam die Antwort, daß cS der Seemann Erich Andersen sein müsse, der mit dem Schoner„Marie" gesegelt und bei dessen Untergang umgekommen war. Und so glaubten wir, daß da- mit die Angelegenheit erledigt wäre, was sie ja eigentlich auch war. Aber eines TageS kommt ein junges fremdes Frauenzimmer ins Dorf und es fällt gerade in das Haus von Sören Beutzen, als dieser gekochten Schellfisch mit Butlerkartoffeln zu Mittag atz. DaS fremde Frauenzimmer war ganz schwarz gekleidet und trug einen Kranz in der Hand. Sören erzählte später, daß er so- wohl als auch seine Mutter beim Anblick der schwarzen Gestalt ge- dacht hätten:„Ob es sich hier nicht ivieder um den Stranöwäscher dreht?" Und sie hatten richtig gedacht: schon die ersten Worte des fremden Weibes bestätigten es. Sie war von Läsö, und ihr Name war Dore Ltiruin. Und sie kam, weil der Seemann Erich Andersen auf dem Kirchhof dieses Fischerdorfes begraben lag. Sie war an der Türe stehen geblieben, und Sören schielte nach ihr hin und nickte— es war etwas an diesem hübschen, fremden. schwarzgekleideten Frauenzimmer, das Sören gar gut gefiel. Seine Mutter lud sie ein mitzuessen, und Dore ließ sich nicht lange nötigen. Sörens Mutter verhörte sie nun, in welchem Verhältnis die Fremde zu dem Toten gestanden, während sie Teller und Gabeln hervor- nahm. Und Dore erzählte, daß Erich Andersen und sie gute Freunde gewesen, und nun wollte sie ihm diesen Kranz auf sein Grab legen. Dabei wischte sie sich eine Träne aus den Augen. Ja. das wäre so verständlich, meinte sowohl Sören als auch seine Mutter. „Du lieber Gott, ja." seufzte Dore.„es ist eme Fugung ocS Himmels, aber sie ist schwer. Erich Andersen war die Gutheit selbst, und er war ein schöner Manu au Leib und Seele." „DaS konnte man ihm nun nicht ansehen", sagte Sören trocken und dachte daran, wie er aussah, als er ihn gefunden hatte. „Er wurde schön begraben", sagte SörenS Mutter tröstend. „Fast das ganz- Dorf ging mit". rL-. „Und ich war es, der thn zuerst fand!' bemerkte Sorcn und sah Dore Byrum an. Und Dore Byrum sab ihn wieder an— es war etwas Weiches in ihren Augen, etwas Warmes, schönes, das Sören an Sties- Mütterchen und Veilchen denken ließ, trotzdem er sonst gar nicht poetisch veranlagt war. Sie plauderten noch eine Weile von dem. Toten. Dore er- kundigte sich nach dem Weg zum Kirchhofe und ging dann mit ihrem Kranz zu Erich Andersens Grab. AlS sie fort war, sagte SörenS Mutter:.Sie ist gewiß ein rechtschaffenes Frauenzimmer." „Kann sein", stimmte Sören zu. „Und ich werde nun alt und kann nicht mehr so arbeiten wie früher." „Nein, das kannst Du wohl nicht mehr." Die Mutter schwieg eine Weile. Dcmn begann fie wieder: „Ich denke. Du solltest Dich nun endlich verheiraten, Sören." „Ja— a!" Und dann wurde nicht mehr über diese Sache gesprochen Sören ging an seine Arbeit; er hatte eS eilig, mit der Fischerei sowohl als auch mit dem Hausbau. Gegen Abend, als Sören gerade in die Stube getreten war, ging die Haustllre auf und Dorr Byrum trat wieder über die Schwelle.>sie nickte und lächelte nun, als ob sie eine alte Bekannte des Hauses Beutzen gewesen wäre. „Ich komme, um Ädjeu zu sagen, ehe ich wieder heimreise." „Das ist sehr schön von Ihnen", sagte die alte Frau.„Wollen Sie sich nicht setzen?" Dore setzte sich und mußte dann Abendbrot miteffen. Und sie erzählte von ihrer Heimat, von ihren alten Eltern und von einer ganzen Kiste voll Kleider, die sie zu Hanse stehen hätte. Aber Erich Andersen erwähnte sie nicht mehr. Sic lachte sogar manchmal über das, was sie erzählte— und Sören sah ihre weißen, kräftigen Zähne hinter den roten Lippen und lachte mit. Als die Jett herangekommen war, da sie zu Bette gehen wollten. machte die Alte das Nachilager für ihren Gast in Ordnmig. Und Sören sah zu seiner Verwunderung, daß sie aus der Truhe die neuen, felbstverfertigten Bettücher herausnahm, die, wie sie einmal gesagt hatte, für sein Hochzeiisbelt bestimmt waren. Dore half ihr dabei.„Es ist im Grunde ganz sonderbar," sagte sie,„ich bin ganz fremd hier, und doch ist es mir, als ob wir uns schon viele Jahre gekannt hätten." Und Sörens Mutier schien es auch so. Sören aber sah stillverwundeit aus Dore. Sie verstand zu arbeiten, das merkte er. und schön war sie auch. Ihre blauen Augen hallen einen so weichen Glanz und er mußie wieder an die Stiefmütterchen und Veilchen denken.— Am nächsten Tage mußte Dore das neue steinerne Haus mit dem roten Ziegeldach sehen, und sie lobte alles in den höchsten Tönen. Auch diesen Tag blieb sie und den folgenden, und dann dachte niemand mehr daran, daß sie nach Hause reisen wollte. Aber sie legte sich nicht auf die faule Seite, sondern faßteübcr- all kräftig mit an. Und sie konnte arbeiten. Sörens Mutter brauchte nichts mehr zu tun; sie ging nur umher und nickte be- deutungsvoll mit ihrem Kopfe. Sören erzählte mir alles. Er war in dieser Zeit recht redselig geworden. Und ich neckie ihn ein bißchen, aber nicht eher, als bis ich alles aus ihm herausgepumpt hatte. m Ueberfluß. Lon Martin Andersen Ncxö. 18. Air dem Tage, als er krank zu Bett lag, maß Karl Bauder dem Umstand, dag Else ihn geküßt hatte, keine Be- deutung beir Auch auf ihre Freundlichkeit legte er keinen Wert oder gnf die- Aufmerksamkeit, mit der sie ihm folgte und feine Wünsche und Bedürfnisse erriet. Er hatte Angst, sich auf etwas einzulassen, dao ihm hernach eine Enttäuschung bereiten konnte.- Und doch war er fröher als zuvor. Was er sich selbst nicht /ingestehen wollte, daran glaubte er ganz im Innern, und ein Nebel heimlicher Freuds entstieg der Tiefe feines Wesens und legte sich verschleiernd über' alles. An dies? Unklarheit klammerte er sich. Mehr als einmal, wenn er an Else vorüberging, fühlte er sich getrieben, den Arm kirn sie zu legen und sie an sich, zu ziehen; aber er hatte nicht den Mut;' Angenommen, es würde eine Niederlage werden, sie wiese ihn ab, machte sich nichts aus ihm! Toch. eines'Morgens, als er in sein Wohnzsimner kam, sah er, dag der Strauß, der ihm am Tage vorher gebracht worden, weder geordnet war noch frisches Wasser bekommen hatte; und er wußte, daß Else an diesem Tage in seinem .Ziimiicr leingemacht hatte. Hell durchfuhr es ihn: war es Vergeßlichkeit, oder war Else eifersüchtig auf diese Unbekannte, die ihm die Blumen schickte'?! Uiid dort, bescheiden in einer Ecke versteckt, stand ein anderes Bukett, aus prachtvoll gefärbten Zweigest: Eberesche, Buche und wilder Wein in goldenen,, nußbraunen und blutroten Farben, die ganze Herrlichkeit des Herbstes. Das niußte- Else sein, niemand anders hatte diese un- berührte Naturfreude, diesen reinen Schönheitssinn. Er nahm Frau Sörensens Blumen, öffnete das Fenster und warf sie weit ailf den Weg hin, setzte dann Elses Bukett auf seinen Tisch und betrachtete es lange. Berauscht versenkte sich sein Blick in diese wunderschönen Farben, von denen jede ihr, ihr Bild war. „Vielen Dank für den Strauß," sagte er, als er hinunter- kam und sie traf,„er ist hübsch. Aber hören Sie mal, Dortea Heinsen"(sertdeüi seine Wirtin ihgl ihre Geschichte erzählt hatte, nqnqte er sie immer mit ihren beiden Namenl,„wenn noch mehr von diesen— diesen buntscheckigen Straußen kommen sollten, so sind Sie wohl ,o gut, die Annahme zu ver- weigern. Ich beabsichtige wirklich nicht, das so weiter hin- gehen zu lassen.— Höchst wahrscheinlich will mich irgend- jemand zum Narren halten," fügte er hinzu, um seinen auf- fälligen Stimmungswechsel zu erklären. Else blickte ihn in entzückter Verwirrung an, und ihre Augen blinzelten unaufhörlich. Als die drei beim Mittagessen saßen, bemerkten sie draußen ans dem Wege einen Mann mit einem Packen von Plakaten überm Arm und einen großen KIcistertopf in der Hand; er klebte ein riesiges rotes Plakat an den Telegraphen- pfähl vor dem Gartenpförtchen und ging weiter. Else lief hinaus, um das Plakat zu lesen; ganz außer Atem kam sie wieder ins Haus: „Denk Dir, Mutter, der feinste Zirkus der Welt ist in der Stadl angekommen und spielt heute abend drüben auf dem Platz!" „Spielt— fragte Bauder lachend. „Ja, spielt natürlich ZirkuS," warf sie zu ihm hin und wendete sich wieder der Mutter zu.„Und sie haben über zwanzig Pferde— und einen Mann, der sich vor den Augen der Zuschauer selber ganz aufißt." „Haben Sie noch nie einen Zirkus gesehen, Else?" fragte Karl, dein ihr Eifer Spaß bereitete. „Doch, solche, die in ihrem eigenen Haus auf der Land- straße gefahren kommen; aber wenn es drauf ankam, dann war's nichts als Prahlerei, und sie hatten keine Pferde." „Sollen wir nicht alle drei beut abend in den Zirkus gehen?" fragte Karl.„Ich sorge natürlich für die Billetts." „Ich wero keine Zeit haben, ich muß bis morgen be- stinnnt zwei Ballkleider fertig plätten. Aber Else hat ja Zeit mitzugehen." „Ach, Mutter, dann plätten wir, wenn wir zurück sind. Geh doch mit!— Es ist auch ein starker Mann da, der dem- jenigen, der mehr heben kann als er, zweihundert Kronen be- zahlen will." „Ich habe wirklich nicht vor, mir das Geld zu verdienen — wäre es wenigstens ein starkes Weib gewesen." „Aber das ist auch da— jawohl! Und sie will dem, der sie Wersen kann, etwas geben. Komm mit!" Sie lief vor- aus zu dem Plakat, und die beiden anderen folgten. Da stand richtig, ganz unten ans dem Programm: „D i e Glanznummer des Abends! Einzig dastehend! Großartig! Die Frau des Direktors, die Königin der Welt im Ring- knnips, liefert ihren mit kostbaren Kroiidiainaiiten besetzten Mcistcrschaftsgürtel, den sie in dem großen Kampfe um die Weltmeisterschaft auf den zweitausend jährigen Ruinen von Karthago gewonnen hat, derjenigen von den anwesenden Frauen aus, die sie im Laufe von zehn Minuten werfen kann! Das Publikum wird gebeten, für keine der Kämpfen- den Partei zu ergreifen." „Siehst Tu, Mutter, Du kannst Dich auch prügeln," sagte Else. Es war ihr unmöglich stillzustehen; unruhig trippelte sie umher. „Ich will aber trotzdem nicht mit," erklärte die Mutter bestimmt. Am Abend gingen Karl Bänder und Else dann in den Zirkus. Er war auf einem großen grasbewachsenen Platz westlich vom Hafen errichtet und schob sich Ivic ein Keil von dem eigentlichen Hafenterrain zwischen die Häuser und dem Fjord. Vor dem Zelte waren Gruppen von Seeleuten, Handwerkern und Knechten versammelt. Jeder Stand hielt sich für sich, während Dienstmädchen und Näherinnen in Trupps oder einzeln zwischen ihnen umherschlenderten und auf eine Ein- ladung warteten. Rings um das Zelt schlichen Lehrlinge und Laufburschen herum und lauerten ans eine Gelegenheit, unter der Leinwand hineinzuschlüpfen. Das Zelt war recht geräumig. Der Manege zunächst lagen vier Reihen von Sitzplätzen, die von den Stehplätzen dahinter durch eine Schnur getrennt Ivarcn. Ganz außen lief eine Bank herum, auf der man stehen konnte. Das einfache Publikum, das sich allitiählich zahlreich ein- fand, hielt sich ausschließlich an die Stehplätze, von den besseren Bürgern, auf die die teureren Sitzplätze berechnet waren, waren nur solche erschienen, die in irgendeiner Eigen- schaft freien Zutritt hatten. Karl und Else saßen darum ganz allein, und Karl empfand mit Unbehagen, daß alle Blicke auf sie gerichtet waren. Er war ja der feine Herr aus der Haupt stadt und sie die Tochter der Plättmadam! Hätte Else einen Seemann oder Handwerker neben sich gehabt, so würde, nie- mand etwas darin gesunden haben, aber dies war ein Ein griff, und er meinte, in den Augen der Männer Feindschaft und Spott, in denen der Frauen Neid und Schadenfreude zu lesen. Die Folge davon war, daß die Situation ihm vein- lidi wurde und er Else nicht unterhalten konnte, sondern die ganze Zeit darüber nachsinnen niiißte, ob man nicht den Platz verlassen und sich unter die Stehenden mischen sollte. Else dagegen fühlte sich gar nicht bedrückt, sie kassierte alle diese Blicke als etwas Selbstverständliches ein, das isir mit Recht zukam; und da saß sie neben ibm und sprach mit ihm, mit einer Unbefangenheit und Ruhe, um die er sie beneiden mußte. Während er nutzlos darunter litl. darüber grübeln zu müssen, was für Gedanken ein jeder von diesen Menschen sich wob! über ihn und sie machte. Und sich nicht zu bewegen wagte, ans Furcht, mit einem neuen Blick bedacht. zu werden, zog sie ungeniert ihren Mantel aus und legte' ihn Unb Dore blieb wo sie war. Eines TageS kam eine Kiste mit de» Kleidern und obendrauf stand mit altmodischen Schnörkeln „LäSii" gemalt. Was dann später geschah, wunderte niemand mehr im Dorfe. Als das neue HauS fertig war, zogen Sören und Dore hinein als Mann und Frau. Der Slrandwöscher halte also doch einen Nutzen gebracht— es war, als ob Erich Andersen sich selbst seinen Nachfolger ausgesucht hätte, da er an Land trieb. Aber ob Dore jemals erfuhr, wie Soren seinen Vorgänger empfangen hatte, das weisi ich nicht." Der Kapitän schwieg. Das Dunkel der Nacht hatte sich in- zwischen über Meer und Land gesenkt; die weiße Mondscheibe glänzte zwischen den jagenden Wolken und ihr Schein fiel in Streifen über die See. Aber drüben von der Stadt leuchtete uns das Licht der Laternen am Hasen entgegen. Der Dart öes Kriegers. Die meisten Krieger an der Front prangen heute im Schmuck ihres Bartes, und die Franzosen haben sogar aus diesem Merkmal em Kennzeichen des Felddienstcs hergeleiter, den» sie nennen alle in der Feuerlinie befindlichen Soldaten„Poilus", d. h. Behaarte. «elbst die Nation der Glaltrasierie», die Engländer, kehrt zu dem Wahrzeichen der Männlichkeit über der Lippe zurück, und der Schnurrbart scheint in ihrem neuen Heer, zum mindesten für die Offiziere, zwangsweise zu sein. Das Wort bärtig ist ja längst für uns mit dem Krieger ganz natürlich verknüpft, und wir können vcr- folgen, daß auch in der Vergangenheit die Kämpfer meist„Poilus" waren, z.?. weil nun einmal der Bart ein Sinnbild de? Männ» lichcn ist und Haarsülle dem Gesicht einen starke» und trotzigen Ausdruck verleiht. Tie alten Germanen schreckten durch die Länge ihrer Haare und die Wildheit ihrer Barte die glattrasierten Römer, und auch heute noch läßt sich bei primitiven Völkern feststellen, daß sie die Bärle wachsen lassen, um den Feinden Furcht einzujagen. Bei den Germanen waren Bart und Haar zum Svmbol der Freiheit und der Ehre geworden. Nach dem Bericht des Taciituö wurde der Unfreie oder Entehrte kahl geschoren. Auch von dem stolzesten dtriegSvolk des klassischen Altertums, den Spartanern, dürfen wir annehmen, daß sie im Gegensatz zu den übrigen Griechen Bärte trugen, denn den Besuchern der Stadt des Lycurg wurde der Rat gegeben,„sich den Barr wachsen zu lasicn und die schwarze Suppe zu essen", weil sie sich sonst niißliebiq von den andern unterschieden hätten. Im übrigen unterscheidet sich der Grieche von dem„Bar- baren" durch Bartlosigkeit, und Alexander d. Gr. hat sogar seinen Soldaten das Tragen von Bärten verboten,„damit die Feinde beim Handgemenge nichts fänden, woran sie sich festhalten könnten", cm Befehl, der uns in die damalige Kampsesarl von Mann gegen Mann einen tiefen Einblick tun läßt. Alle greiibaren Gegenstände wurden freilich damit nicht aus deni Gesicht geschafft, denn selbst der große Mazedonier konnte seine Leute nicht veranlassen, sich die Nasen abzuschneiden. Später inuß der Barl den Feinden wohl nickt mehr eine so gesährliche „Handhabe" geboten haben, denn die bärtigen Germanen wurden dadurch in ihren Eroberungszügen nicht aufgeholten; sie setzten so- gar einen Stolz in die Pracht ihres Lippen- und Kinnschmuckes, und nach Paulus Diaeonus führten die Langobarden ihren Namen wegen der Länge ihres Bartes, auf den sie besonders stolz waren. Bei den Franken wurde der Vollbart zu einer Auszeichnung, die nur den Tapfersten gestaltet wurde; so konnte mau dem Krieger vom Gesicht ablesen, welche Taten er vollbracht hatte. Eine Zeit der Bartlosigkeit führt dann das Rittertum herauf. Der Kampf der Angelsachsen mir den Normannen bietet ein welt- geschichtliches Schauspiel des Zusammenstoßes zwischen Bärtigen und Bartlose», zwischen altem Germanentum und neuem Rittergeist. Da die Normannen in der alten Heimat den Bart für die„Blume der Männlichkeit" hielten und in Norwegen noch zur Zeit der Eroberung Englands sehr lange Bärie trugen, so niüijeii die Eroberer diesen Brauch erst in Frankreich abgelegt haben. Als Wilhelm mit seinen Mannen in England landete, schickte Harald Späher ans, und diese meldeten mit größter Verwunderung, daß da? Heer der Feinde ganz aus Priestern bestehen inüsie; denn nicht ein einziger hätte ein Haar im Gesicht. Nach der Unterwerfung der Angelsachsen erließ Wilhelm ein strenges Gesetz, daß alle glatt- rasiert'gehen müßten. Durch mehrere Jahrhunderte hin hat der Kampf um den Bart getobt: stets waren es die Krieger, die sich diese Zierde nicht nehmen lassen wollten und sie geg«n den Mode- gcschniack verteidigten. Erst das Zeitalter der Landsknechte brachte dem Soldaten lvieder sein ungeschmälertes Recht auf den Bart, und nun waren es zum Teil abenteuerliche Formen, in denen sich die Freude an diesem männlichen Schmuck austobte: die Spanier trugen riefige. keck nach oben sich sträubende Schnnrrbärte, die Franzosen lange Knebel- bärle, die Deutschen große Vollbärte. Als dann das 17. und 18. Jahrhundert wieder das glattrasierte Gesicht vorschneben. suchte man sich wenigstens durch eine ftattlicke Haartracht zu entschädigen. Die Krieger trugen ungeheuere Perücken, und als die Uniformen eingeführt ivurdcn, den ellenlangen Zopf, diese„Blüte des Gamaschendienstes". Gewisse Regimenter bewahrten sich auch jetzt noch das Vorrecht des Barttragens, vor allem die Kavalleristen, unter denen sich die Husaren durch ihre herabhängenden Scknauz- bärle auszeichneten. Die berühmten Garden Napoleons trugen einen kurzen Backenbart, und die Sappeure auffallend lange Voll- bärte, jenen„Sappeurbart", der später im Heer immer mehr Ein- gang fand._______ kleines Zeuilleton. Das Vetter auf öen Kriegsschauplätzen. Während der Winter in Deutschland, vom äußersten Nordosten abgesehen, nur kurze Gastrollen gegeben hat, ist er in den Gebieten, in denen sich während der letzten Zeit die gewaltigen Kämpfe des ö st l i ch c n Kriegsschauplatzes abgespielt haben, von längerer Dauer gewesen. So bat in Polen bis zum Ende der vorigen Woche ununterbrochen Frost geherrscht, der zwar nicht bc- sonders streng war, der aber doch ausgereicht hat, die miserablen russischen Landstraßen passierbar zu machen, zumal das Land eine zusamenhängende Schneedecke trug. Tie Ausdehnung des mittel- europäischen Tauwetters auf den Osten dürfte allerdings in diesen Tagen bis auf die polnischen Kampfplätze gelangt sein, wo sich vermutlich die Wegeverbälti'.isse wieder verschlechtern dürften. Wesentlich strenger als in Polen aber war der Frost in M a- s u r e n, das ja als die kälteste Region Mitteleuropas bekannt ist. Unsere Truppen hatten zwar schwer unter den Unbilden des Winters, namentlich durch den Schnee zu leiden; aber der fest- gefrorene Boden machte die Truppen doch auch wieder weit be- wcglicher, als sie es bei Regen und Schlamm gewesen wären. Auch am anderen Flügel der riesigen Front, in der Bukowina, haben unsere Verbündeten den dort jetzt noch herrschenden tiefen Winter rechtzeitig ausgenutzt, bevor die dort bald beginnende Schneeschmelze die Operationen zu bindern anfängt. Auf den w e st I i ch e n Kriegsschauplätzen herrscht, soweit die ebenen Gebiete in W e st f l a n d e r n und in Nordfrankreich in Betracht kommen, nach wie vor Tauwetter, und die gelegentlichen Nachtfröste vermögen daran nichts zu ändern. In den V o g e s e n allerdings ist zurzeit der Winter noch nicht überwunden, und es sind erst dieser Tage dort wieder starke Schneefälle vorgekommen. neben sich, ordnete das ftleid unter sich, fühlte nach ihrem Haar und sah sich mit der Ueberlegenheit einer Weltdame um, sie, die kleine, naive, gute, unschuldige Else aus der Plätterei. Allmählich aber, je dichter die Zuschauer sich hinten drängten, krochen immer mehr und mehr unter der Schnur durch und nahmen die reservierten Plätze in Besitz, und bald waren Karl und Else auf allen Seiten von Zuschauern um- geben. . Die Vorstellung begann damit, daß ein kleiner Junge, der als Clown verkleidet war, hereinkam und allerlei Sprünge und Faxen machte. Es kam noch einer und noch ein dritter hinzu, und sie fingen an zu turnen. Aber Karl sah sie nicht, die Lichter und die schnellen Bewegungen, die kurzen, stimu- lierenden Rufe der Knaben und der Beifall der Zuschauer— alles dies wurde zu einer Atmospäre von leuchtenden Flocken und tanzenden weißen Blättern, von Schneekristallen, die im Sonnenschein fielen! Nein, das war es nicht— es war das Funkeln in Elses Blick, ihr halboffener Mund, das Lächeln in ihrem entzückten Gesicht, die warme Hand, die er in der seinen hielt. Wie war diese Hand in die seine gekommen? Ahnte sie nicht, daß er sie hielt? Würde sie sie zurückziehen? Heftig drückte er sie, in dem blinden Entschluß, sich Be- scheid zu verschaffen— und sie drückte wieder. Und aber- nials tanzte es vor seinem Blick und Bewußtsein: wirbelnde weiße Blütenblätter, leuchtende Schneeflacken. „Wenn er nur nicht auseinanderplatzt," hörte er eine Stimme dicht bei sich sagen. Ein schmerzlicher Stich durch- zuckte ihn, er raffte sich auf und sah den größten der Knaben mit den beiden anderen auf den Schultern abwärtssinken, mit einem Bein nach jeder Seite gleiten, bis er auf die Erde ausstieß. Mit gespreizten Beinen saß er ein Weilchen da und lächelte den Zuschauern zu— ein krankes Lächeln. Dann raffte er sich auf, einmal, zweimal; es sah aus, wie wenn eine Mähre, die ans glattem Wege unter einer zu schweren Last gestürzt ist, sich müht und müht, um in die Höhe zu kommen, aber es nicht fertigbringt und beschließt, liegen zu bleiben. Tie Züge in seinem Gesicht erschlafften, er gab die Sache auf. Aber während er seine Schultern von der Bürde befreien wollte, tobte über ihm der Beifall der Zuschauer gleich Pcitschenschlägcn und Flüchen; mit nngeheurer Äraft- anstrengung raffte er sich auf und stieg empor, langsam glitten bie Füße unter ihm zusammen, und er stand. Hi— hopp! Cr sprang unter seiner Bürde fort, warf den kleinsten der Kameraden über seinen Kopf und lief, ihn auf den aus- gestreckten Armen haltend, hinaus; er schlingerte ein wenig mit den Knöcheln und Knien, aber er war vergnügt. __>______________________ Horts, folgt.) Veranlwortlichcr Redakteur: Aljrcd Wiclcpp, Neukölln. flus öer Geschichte öer Kartoffel. Bekanntlich haben sich der Einführung dieser südamerikanischen Knollenfrucht, die etwa uni 1360 überSpanien nachJialien undBurgund und 1381 nach England kam, starke Widerstände cntgegengesetzl. In Oesterreich ist man erst 1686. in Sachsen 1703 zu ihrem Anbau übergegangen, und in unserem engeren Vaterland bedurfte es eines starken behördlichen Drucks und sogar Gewaltmaßregeln, um die bestehenden Vorurteile auszurotten. Mißwachs und Hungersnot, wie sie nach den drei ichlcsischen Kriegen herrschten. mußten erst kommen, um die Anstrengungen, die sich Friedrich Wilhelin I. und Friedrich II. mit der Einführung der Kartoffel gaben, erfolgreich werden zu lassen. Und in Frankreich war noch kurz vor der großen Revolulion die Kartoffel so gut wie unbekannt. Nach den Berichten damaliger Reisender hatten sich von 166 Bauern wohl 99 geweigert, sie nur in den Mund zu nehmen. Das ist anders geworden. Einmal hat sich, wie so häufig, der Geschmack an die ungewohnte Frucht allmählich angepaßt. Dann hat die bessere Belehrung über Kultur und Anbau der Kartoffel verhütet, daß, wie im Anfang nicht selten, unreife Knollen oder statt der Knollen sogar die Früchte verzehrt und dadurch Krankheiten hervorgerufen wurden. Heute steht Deutschland mit seinem Kartoffel� anbau in Europa an erster Stelle. Die Kriegsschonzeit üer Wilögänse. Von der Nordseeküste wird uns geschrieben: Ter ge> loultigc, männcrmordende Krieg, der hundert- und tausendfach Elend und Unglück unter die Menschheit trägt,� ist von niemand lieber gelitten als von der Wildgans und ihrer Sippe. In großen scharen erfreut sich gegenwärtig das schnatternde Geflügel in den Küstengewässern der Nordsee des ungezwungensten und durch nichts gestörten Daseins. Ter gefürchtete Jägersmann, der zu anderen Zeiten in Begleitung seines Hundes unheiltündend über die Deiche schritt und dessen Schießgewehr mit weithin ballendem Knall so oft die Gänse aus ihrer Ruhe aufscheuchte— er hat sich zur maß losen Verwunderung der gefiederten Gesellen in diesem Jahre überhaupt nicht blicken lasicn. Statt seiner äugt seit Monaten schon in unerschütterlicher Ausdauer die deutsche Küstenwacht über die Wogen. Sie aber hält offenbar Ausschau nach einem anderen Wild und hegt keine Feindschaft gegen das Geschlecht der Wasser- Vögel, die sich in ausregender Geschwätzigkeit über den Watten tummeln, als mühten sie es sich mit jedem Tage aufs neue er- zählen, daß, solange die Mensche» untereinander Jagd machen, muntere Gänslein von ihnen nichts zu befürchten haben. Die Wirkung öer Z0,S-Zentimeter-Mörser. Ein Georgswalder Artillerist schildert in einem Briefe, den die „Wiener Arbeiter-Zeitung" abdruckt, anschaulich die Wirkung der großen Motormörser. Er berichtet:„Ein schöner Wintertag. Gleich früh begann unser Feuer. Die Wirkung war fürchterlich. Der erste Schutz galt einem Dorfe, in dem sich viele Russen befanden. Drei Häuser stürzten sofort ein und Teile von Pferden und Menschen flogen in die Luft. Der zweite galt einem Train, bei dem sich viele Russen an Fuhrwerken zu schaffen machten. Mehrere Fuhrwerke samt Bespannungen und viele Menschen wurden mehr als l(XZ Meter hoch in die Luft ge- schleudert und in weitem Umkreis durch den Luftdruck alles getötet. Ter dritte Schuß war gleich verheerend. Viele Neugierige hatten sich um die Unfallstelle gesammelt. Der dritte Schuß rötete alle in weitem Umkreis. Nun fluchteten die Russen in fürchterlicher Auf- rcgung, sogar aus den Schützengräben der Umgebung an einem Waldessaum. Da kam der vierte Schuß. Nachdem der Rauch ver- .zogen war, sahen wir nichts als eine weithin geschwärzte Schnee- decke und einen großen Trichter. Das Leben war in der ganzen Gegend erstorben. Ucberdies wurden an diesem Tage von unserer schweren Artillerie ganze Schützengräben zugeschüttet, mit Gra- naten natürlich. Tie Feinde sendeten uns vierzig Schrapnells, doch wurde bei uns kein Mann getötet. Ein gefangener russischer Offi- zier erklärte: Die Russen flogen zerfetzt auf die Dächer weitent- fernter Häuser."_ Wie man im Kriege naffe Stiefel anzieht. Das ist für viele im Kriege eine sehr wichtige Angelegenheit, denn gar mancke, die tagelang im Schnee oder Regen marschiert sind, wagen es oft nicht, sich zur Nachtruhe der Stiefel zu entledige», weil sie fürchten, sie dann nicht oder wenigstens nicht so schnell anzu- bekommen, wie es bei Alarm nötig ist. Ein Kriegsteilnehmer von 1870/71, der als Unterarzt den Krieg mitmachte, der spätere Bonner Gynäkologe Geheimtat Frilsch, teilt in seinen Kriegserinnerungen folgendes mit: „Wir hatten eine Methode kennen gelernt, beim Alarm die Stiefel schnell an die Beine zu bekommen. Der Bursche mußte den Schaft halten, daß man leicht hineinschlüpfen Konnte. Nun wurde eine brennende, große Zeitung, ein brennender Strohwisch oder eine Handvoll brennendes Heu in den Stiesel geworfen, und möglichst schnell kroch der Fuß in die Flammen hinein, sie schnell erstickend. Man behielt warme Füße, und die Wärme wiederum hatte das voll Fett gesaugte Lcder schlüpfrig gemacht. Wer diese Methode noch nicht kannte, hatte Angst sich zu verbrennen; das war aber bei einiger Fixigkeit nicht möglich," Prosesior Ftitich schteibt noch, daß er von einer alten Dame, der Mutier eines verstorbenen Freundes, fortwährend Strümpfe betam, mit denen er viele Kameraden glücklich machte.„Eines Morgens z. B.", so erzählt er,„marschierte ein junger Offizier recht trübselig neben mir. Und als ich ihn fragte, ob er krank sei, erzählte er mir, seine Stiesel seien völlig zerrissen und geplatzt. Im Schlafe sei er dein Feuer im Kamin zu nahe gekommen. Jetzt habe er dünne Lacklederstiefeletten an. Sie seien aber sehr eng. Heute früh sei er nicht hineingelommcn und habe deshalb die Strümpfe weg- lassen müssen. Nun marschierte er mit den nackten Füßen in den dünnen Stieseln bei 16 Grad Kälte tit Eis und Schnee l Jetzt zogen wir die Sticiel mit vereinten Kräfien aus, zogen trockene. wollene neue Strümpfe an und bekamen auck mit Hilfe einer brennenden Zeitung die Stiefel wieder an die Füße. Da war denn das Glück groß!"_ Notizen. — Musikchronik. Sonnabendabend 8Vz Uhr, findet im großen Saale der Neuen Philharmonie, Köpenicker Str. 96/97. der vom Berliner Volks-Chor veranstaltete Chopin- Abend statt, an dem Herr Egon P e t r i eine größere Zahl der berühm- testen Klatnerkompositionen des Meisters vortragen wird. Einlaß- karten a 20 Pf. an der Abendkasse. — Vorträge. D i e Internationale Gesell ich oft für Sexualforschung hält am Montag, den 22. Februar, abends 8'„ Uhr, im Herrenhause, Leipziger Sir. 3, eine Versamm- lung ihrer deutschen und östcrreickisck-ungarischen Mitglieder ab. Tagesordnung: 1. Ansprache des Präsidenten Julius Wolf: Die Jnternationaliiät in der Wistenschasi im Hinblick auf die besonderen Auf- gaben der I. G. f. S. 2. Vortrag von Dr. Albert Moll: Krieg und Sexualität. Einführung von Gästen gestaltet gegen Gastkarten, die durch die Geschäftsstelle. Lützowstr. 8S iKurf. 7688), zu erhallen sind. — Nachruf auf einen Papagei. Das artistische Fach- blatt„DaS Programm" widmet dem Papagei Lora folgenden Nach- ruf: Lora, der in aller Welt bekannte sprechende und mit und ohne Orchestcrbegleitui'g singende Papagei von Ernst Pcrzina ist am Freitag, den 29. Januar einem Herzschlag erlegen. Perzina hatte den Vogel ein Jahr in Dressur und debütierte mit ihm ungefähr siinf Jahre lang an allen großen Bühnen des Kontinents. Am Vor- abend vor seinem Tode war das Tierchen, dessen Lied„Unser Kaiser liebt die Blumen" ihm beim Publikum immer großen Betfall ein- brachte, noch in bester Gesundheit und arbeitete seine Nummer aus- gezeichnet und anscheinend in vorzügltckerjtlanne. Für Ernst Perzina ist der Tod von Lora ein schmerzlicher Schlag. Ersiens liebte er das kluge Tier und zweitens verliert er in ihm ein Vermögen von mehreren Hunderttausend Mark. — Das brave deutsche Schwein. Der Direktor eines unserer großen statistischen Remter lämpile kürzlich mit Zahlen gegen den Roggen, Gerste und Mais fressenden Schweineüberfluß. Er sprach vom braven Schinkcntier als dem derzeit neunten Feind. Jetzt antwortet die„Deutsche Tageszeitung". Sachlich bat sie insofern reckt, als der Stalisttker und„Schweinefeind" nicht be- achtet hat. wie viele der nützlichen Schweine in der Hauptsache durch Abfälle fett werden. Weiterhin protestiert sie ober energisch: „Unser braves deulsckes Schwein mit Engländern und anderem farbigen Gesindel aus e i n e S t u f e z u st e l l e n. das ist eine unverdiente Beleidigung dieses unseres nützlichen Haus- tieres!' Schach. 23. S h i n k m a n. 2+(881— il T) Erschienen sind: Schachliteratur. 1911"(I. Teil) von L. Bachmann. C. Brügel u. Sohn in Ansbach. der Eröffnung" von F. Gutmayer Hedewig in Leipzig. Sizilianisch. (Im letzten Meisterturnier 1913 in Wien gespielt.) Oe. A. Kaufmann R. Spialmann 1. e2— el o7— ob Eine nicht ganz gesunde Eröffnung sür Schwarz, die wenig zur Entwick- iung beiträgt. 2. Sbl— c3 Sb8— c6 3. Sgl— e2..... Eine originelle, aber sehr beachlcns- werte Fortsetzung, deren Sinn daraul hinausgebt, mit g'J und Lg2 nebst evein. Sfl ans den Punkt<13 zu drücken. 3...... e7— e6 In Betracht kam gC nebst cvcnt.(16. 1. d2— dl d7— d5 5. e4Xd5 e6Xd5 6. Lei— o3 c5— cl 7. g2— g3 Sg8-f6 8. Lfl— g2 Lc8-e6 9. 0—0 Lf8— e7 10. Tfl— el 0—0 11. a2— a8..... Um den Se2 wcgspielen zu können, ohne die Fesselung Lbl zu fürchten. 11..... h7— h6 12. Se3— tl DdS— d7 13. Ddl— d2 Ta8— e8 14. Sf4Xe6..... Wegen der Schwäche des Kdä konnte Schwarz diesen sür ihn un- günstigen Tausch nicht vermeiden. 11...... f7Xe6 15. 12— kl..... Hiermit wird der rückständige Leb zur ständigen Schwäche des Nach- ziehenden. Alles entwickelt sich sehr konsequent aus der für schwarz un- günstigen Eröffnung. 13...... Le7— d8 Beginn einer„Neugruppicruiig". 16. Kgl— hl Ld8— aö 17. 7X3— gl Sc6— d8 Das Sckachjahrbuch Preis geb. 3 M. Verlag von Dann:„Rätsel und Reichtümer Preis 3 M. Verlag von Hans Bezweckt Sd8— t7— 66— el. Ein langes Manöver, dem der Gegner zuvorkommt. 18. b2— bl oIXbS 19. c2Xb3 Sd8— 17 Um das Manöver ausführen zu können, gehörte sich'?, mit LXS den Sc3 abzutauschen, der das Feld el beherrscht. 20. b3— bl La5-b6 21. Tel— e2 Sf7— d6 22. Tal— ei Tf8— f7 23. Dd2— d3 Dd7— c8 Tfe7 war vorsichtiger. 21. Lg2-h3 Tf7— c7 Schwarz faim 24,____ Sfel doch nicht spielen: wegen 25. 8X65 Vc6!; 26. TXS, DXS; 27. Le2, SXT; 28. LXS nebst Lg6:c. 25. ScSXdS! Sf6Xd5 26. Te2Xe6 Tc7— d7? Verhältnis mätzig am besten war 26____ Te8— eT. Falls nun 27.TXh6, so 27.... IXT: 28. Dh7f, Kf8:c. Schwarz hat in To7— et eine Gegen- chance. 27. DdS— bS Te8Xe6 28. Db3X