gr. so.— isis. Unterhaltungsblatt öes Vorwärts Der wieöeraufbau Ostpreußens. Durch die Berliner Städtebau-Ausstellung im Jahre 1910 sind zum ersten Male Probleme in den Vordergrund des Interesses gerückt worden, die nicht nur den Baumeister und Techniker, den Sozialpolitiker und Hygieniker angehen, sondern die vor allem auch eine Lebenssrage für die breite Masse der Bevölkerung be- deuten. Das war ja auch der Zweck der Ausstellung: das, was schon lange die angedeuteten Fachkreise bewegt, was sie an den berrschenden Verhältnissen auszusetzen haben, einmal durch ein reichhaltiges Anschauungsmaterial der weiten Oeffentlichkeit zu unterbreiten und letztere aufzurufen zum Kampf gegen die Miß- stände im heutigen Wohnungswesen. In Beispiel und Gegen- beispiel wurden Stadtanlagen gezeigt, wie sie sind und wie sie sein sollten. Gartenstädte der Zukunft— auf dem Papier oder in Modellierton— wurden vorgeführt, wie sie der Traum eines So- zialisten nicht schöner ausmalen kann. Dabei waren sich die Aus- stellungsveranstalter der Schwierigkeiten zur Verwirklichung ihrer Pläne wohl bewußt. Die Stadt der Zukunft kann nicht irgendwo nüllkürlich hingesetzt werden, sondern sie muß organisch aus Be- stehendem hervorwachsen� wenn sie lebensfähig und keine Luxus- stadt rentenverzehrender Parvenüs sein soll. Jeder in kommunal- politischen Dingen Erfahrene weiß, welche Hindernisse meist zu überwinden sind, wenn es gilt, eine Straße nur um einen Meter zu verbreitern oder einen bescheidenen Schmuckplatz im Stadt- inner» anzulegen. Der Klassenegoismus feiert auf dem Gebiete der Kommunalpolitik seine glänzendsten Triumphe, sonst wäre jene Beherrschung des Berliner Stadtbildes durch die Mietkaserne nicht möglich, wie sie sich in den sechziger und siebziger Jahren unter der Aera der städtischen liberalen Selbstverwaltung an- bahnte.� Und bis heute sind die Bedingungen für ein gesundes, zweckmäßiges Bauen in den Großstädten trotz des Einziehens von Vertretern der Arbeiterklasse in die Stadtparlamente nicht gün- stiger geworden. Noch heute— und wohl noch auf Jahrzehnte hinaus— harren die Projekte für die Ausgestaltung Groß-Berlins, die aus einem Wettbewerb anläßlich der Städtebau-Ausstellung 1910 hervorgingen, ihrer Verwirklichung, wenn sie überhaupt in der kapitalistischen Gesellschaft zu verwirklichen sind.— Anders liegen die Erfolgsmöglichkeiten da, wo es sich um den Wiederaufbau ganzer Städte oder Stadtteile handelt, wie es in den vom Kriege zerstörten Teilen Ost- und Westpreußens der Fall ist. Durch Brandlegung und Geschützfeuer sind ganze Häuser- dlocks vom Erdboden verschwunden, andere bilden nur noch ge- spenstisch gen Himmel ragende Ruinen. Wenn auch nicht völlig neue Städte aus der Asche hervorwachsen werden, da der Kosten- crsparnis wegen an vorhandene Reste angeknüpft werden muß, so wird sich doch vieles zweckmäßiger und schöner gestalten lassen als es vorher war. Denn bei all den Schilderungen grotzstädti- scheu Wohnungselends hat man meist übersehen, daß eine der wichtigsten Ursachen der oft beklagten Landflucht in den schlechten Wohnungsverhältnissen auf dem Lande zu suchen ist. Prof. Th. Glocke wirft in der Januar-Nummer des „Städtebaus" mit Recht die Frage auf, ob die Dörfer im alten Sinne noch dieselbe Daseinsberechtigung haben wie früher; denn die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse sind seit ihrer Grün- dung andere geworden, die gesundheitlichen Anforderungen hinzu- gekommen. Wo früher die Kirche allein die Vermittlerin und Hüterin kultureller Güter war, werden heute auch Forderungen in bezug auf Lebensfreude und geistige Anregung gestellt, die die Siedlungen auf dem Lande in ihrer jetzigen Form nicht befriedigen können. Wie sehr im Osten das Wohnungswesen im argen liegt, erhellt z. B. aus der Tatsache, daß in einer Kleinstadt wie Grau- dcnz acht Zehntel der Grundstücksfläche bebaut werden darf, für die Zufuhr von Luft und Licht also nicht viel übrig bleibt. Viel- fach ist die durch die Fortschritte der Bautechnik und Wohnungs- Hygiene längst überholte Berliner Bauordnung auf die Klein- und Mittelstädte des Ostens übertragen worden. Die übertriebenen Anforderungen an Mauerstärken, Treppenbreiten, Treppenzahl, Stockwerkshöhe usw. mögen für die Mietkasernen der Großstadt noch eine gewisse Berechtigung haben, werden aber für das Acker- dürgerhaus einer Kleinstadt zu einer lästigen Behinderung bau- licher Entwickelung. Der Krieg bietet nun hier einmal Gelegenheit, kulturfördernd zu wirken. Wenn auch mit dem Wiederaufbau der zerstörten Städte und Dörfer nicht eher begonnen werden kann, bevor alle Gefahr der Wiederzerstörung beseitigt ist, so kann doch dem Er- blühen neuen Lebens aus den Ruinen vorgearbeitet werden. Be- scheiden sind allerdings die Mittel, die hierfür zur Verfügung stehen. 409 Millionen Mark hat der preußische Landtag für Ost- preußen vorläufig bewilligt, die aber zum größten Teil aufge- voj Ueberfluß. Von Martin Andersen Nexö. So oft er an den Schenktisch kam, notierte er etwas mit seinem Bleistift. Der Katalog sollte etwas Ordentliches werden. Es war nur dumm, daß er nicht mit älteren Jahr- gängen aufwarten konnte, so ein kleiner 1879er würde sich großartig ausnehmen— zum Beispiel von diesem Moseltyp, von dem er so viel erwartete.„M ä d ch e n t i t t" nannten ihn die Stammgäste, aber im Katalog sollte er natürlich einen schöneren Namen haben. Er dachte an„I u n g f e r n m i l ch". Er rieb sich die Hände und vergrößerte seine Runde— um den Schenktisch an der einen Seite herum und an der anderen hinaus. Auf einem der kleinen Tische sah er einen klebrigen, braunen Ring von eingetrocknetem Malzbier, er schrapte mit dem Daumennagel� daran und wischte mit dem Handballen nach. Man hätte eigentlich Marmortische haben müssen, die ließen sifh leichter abwischen und waren appetit- licher— besonders im Sommer. Gott weiß, ob es sich nicht geradezu lohnte? Man verzehrte mehr an einem Marmortisch. Ein Junge kam herein und lieferte einen Frachtbrief ab. „Stinel" rief der Wirt.„Stine!" Bald darauf kam sie, naß und schmutzig, vom Hof und stellte sich dicht vor ihm auf. „Ach, Stine, nimm den Handkarren und fahr zum Hafen wegen der Sachen da!" Er reichte ihr den Frachtbrief.„Tu kannst sicher das Ganze auf einmal holen, wenn Du vorsichtig fährst! es lohnt sich nicht, Liese wegen so einer Kleinigkeit aus dem Stall zu ziehen. Aber fahr vorsichtig, es sind Flaschen." Stine ging, und einen Augenblick darauf hörte er sie den Handwagen auf die Straße rollen, wo ein paar Straßenjungen sie niit lautem Freudengeschrei in Empfang nahmen. Er ging ans Fenster und sah hinaus. Sie schössen hinter ihr her. so daß sie laufen mußte. So, jetzt warfen sie sich auf einmal über den Wagen, so daß sie beinahe in die Höhe ge- wippt wäre! Na, Stine war schwer und hielt ihr Ende unten— und es schadete nichts, wenn sie ein bißchen schnell von der Stelle kam. Er nahm seine Wanderung wieder auf. Auf einem der Gänge fiel sein Blick in den Büfettspiegel, und hastig, fast erschrocken, fuhr er mit der Hand ins Gesicht und wischte etwas aus dem einen Mundwinkel fort, während ihm unwill- kürlich seine Frau vor Augen trat. braucht werden zur Linderung der Not, die durch den Krieg über die Bevölkerung der zerstörten Provinzen hereingebrochen ist. Für den Wiederaufbau nach modernen städtebaulichen Grundsätzen wird nicht viel übrig bleiben, wenn man unter modernem Städtebau nicht nur den ganzen Komplex von Fragen verkehrstechnischer, sozialpolitischer und hygienischer Natur versteht, sondern auch künstlerische Probleme mit einbezieht. Aber zweifellos werden bei etwas gutem Willen durch Zusammenarbeiten von Staat und Ge- meinden wesentliche Verbesserungen zu erzielen sein, wie ja auch neuerdings die Budgetkommission des preußischen Landtags„Ber- bindung von Zweckmäßigkeit und Schönheit bei Errichtung neuer Gebäude" in ihr Programm für den Wiederaufbau Ostpreußens aufgenommen hat. Die Geldzuschüsse der Regierung an die Ge- meinden stellen ein Zwangsmittel dar, mit Hilfe derer sie starr- köpfige, von selbstsüchtigen Interessen beherrschte Äommunalver- waltungen zwingen kann, Maßnahmen zu treffen, die eine fort- schrittliche städtebauliche Entwickelung gewährleisten und den zeit- lichen ästhetischen und gesundheitlichen Anforderungen genügen. Hier wird eine Straße, die bei der ursprünglichen Anlage als Wohnstraße gebaut war, sich aber zur Hauptverkehrsader cnt- wickelt hat, zu verbreitern oder durchzubrechen sein; dort wird die Einmündung einer solchen auf einen Platz oder die Kreuzung zweier Straßen sich schöner und zweckmäßiger gestalten lassen. An einer anderen Stelle wird ein allzu großer Baublock durch Ein- legen einer neuen Straße wirtschaftlicher zu erschließen sein; die Anlage von Schmuck- und Spielplätzen wird auch in den kleinen Städten immer mehr zu einem dringenden Bedürfnis; und fo lassen sich in mannigfaltiger Weise die Aufgaben erweitern, die dem Städtebau bei dem Wiederaufbau Ostpreußens harren! Doch bevor diese Entwurfsarbeit des Städtebauers beginnt, hat der Landmesser in Tätigkeit zu treten. Zunächst ist der Grad der Zerstörung festzustellen, inwieweit stehengebliebene Bau- werke Verwendung finden können. Vermessungen haben ftattzu- finden, und daraufhin mutz das vorhandene Kartenmaterial ge- prüft und berichtigt werden. Denn durch Genauigkeit zeichnen sich die alten Stadtpläne meist nicht aus. Vorhandene Baumreihen in den Straßen, lebende Hecken, Grabensohlen, Dammkronen, ein- zelne Gebüsche, schöne Bäume, Brunnen und Denkmäler sind Dinge, die für die Entwnrfsarbeit des Städtebauers und Architek- ten von großer Wichtigkeit, auf den Stadtplänen aber meist nicht verzeichnet sind. Die Landmessertätigkeit wird sich auch auf die Neuvermessung von Höhen erstrecken müssen, im Hinblick auf die Anlage von Baublocks und die Straßenführung, durch deren Be- rücksichtigung sich malerische Effekte für das Stadtbild erzielen lassen. Zu diesen Vorarbeiten— mit denen nicht bis nach Beendi- gung des Krieges gewartet zu werden braucht— gehört auch die Nachprüfung der geltenden Bauordnungen, die dem Ressort der Polizei unterstehen, die bisher nur„die nötigen Anstalten zur Erhaltung der öffentliche» Ruhe, Sicherheit und Ordnung und zur Abwendung der der Oeffentlichkeit drohenden Gefahren zu trefferT hatte. Wirtschaftliche, soziale und schönheitliche Rücksichten kann- ten die ftüheren baupolizeilichen Vorschriften nicht..Es muß jetzt mit der Schablone gebrochen, die Bauordnung muß abgestuft wer- den nach Zwecken, denen die Bauten zu dienen haben. So muß z. B. prinzipiell unterschieden werden zwischen Wohn- und Ver- kehrsstraßen; Geschäfts-, Wohn- und Industriegebiete sind von- einander zu trennen usw. Zur Erzielung schöner Stadtbilder wird es sich empfehlen, den Ortsbauplänen Modelle von Haustypen ver- schicdener Art beizugeben, um Abwechselung im Straßenbild her- vorzurufe», ohne daß der Gesamteindruck dadurch gestört wird. Daß die zu errichtenden Städtebauämter auch zugleich Baubera- wngsstclle sein müssen, ist nicht die letzte Forderung, die die be- treffenden Fachkreise für den Wiederaufbau Ostpreußens erheben. So eröffnet sich dem Städtebauer durch den Krieg eine Fülle von Aufgaben, die zu erfüllen ihm in Friedenszeiten bisher ver- sagt blieb. Die Zukunft wird lehren, inwieweit die Kriegs- h i l f s k o m m i f s i o n in Königsberg i. P r., der der Wieder- aufbau Ost- und Westpreußens obliegt, die berechtigten Wünsche der Städtebauer— und wohl auch der stcuerzahlenden Bevölke- rung— erfüllen wird!— Paul Lenzner. Theater. Kamm er spiele:„Der Scharmante", Lustspiel von Karl Sternheim. Für die Bewunderer«-ternheims, die in den karikaturistischen Verzeichnungen seines„Bürger Schippet" und seines„Snob" nicht eine Unsicherheit des Augenmaßes und der Hand, sondern den Ausdruck ganz eigenartiger Originalität er- blicken toollten, muß dieses neue Lustspiel, in das beim besten Willen kein geheimer Tiefsinn sich hineininterpretieren läßt, eine Sie hatte ihn Schwein genannt— just diesen unparlamentarischen Ausdruck hatte sie gebraucht, bloß weil er von Zeit zu Zeit etwas von diesen unschuldigen Pfeifenresten nahm, die ebenso sauber waren, wie so vieles andere und obendrein nichts kosteten.— Und doch entbehrte er sie! Nun hatten sie so viele Jahre zusammen zugebracht, und er hatte sich an ihren stummen Protest und ihre scharfe Kritik gewöhnt. Allerdings waren Unannehmlichkeiten damit verbunden ge- Wesen; aber alles in allem ging es so, wie sich das Verhältnis allmählich gestaltet hatte, wirklich gut, und nach außen hin war er wegen seines Verhaltens gegen die Ehefrau geachtet und angesehen gewesen. Wenn es jetzt aber bekannt wurde, daß sie weggelaufen war,— denn die Wahrheit würde ganz sicher trotz allen Vor- sichtsmaßregeln doch durchsickern,— dann kam er in ein lächerliches Licht, mochte er auch recht haben,— denn so waren die Menschen nun einmal. Sie stellten sich auf die Seite der ungetreuen Gattin und erhoben sich über den rechtschaffenen Ehemann. Tag für Tag hatte er im stillen geglaubt, sie werde wieder zurückkehren, und wenn der Dampfer kam, machte er sich jedesmal im Hafen etwas zu tun, damit es nicht so sonder- bar aussah, wenn niemand da war, um sie in Empfang zu nehmen. Sie kam ja sicherlich! Wenn nicht eher, so doch dann, wenn sie mit den fünfzig Kronen zu Ende war, die er ihr in seiner einfältigen Güte gegeben hatte. Aber er würde noch hundert dazugeben, wenn sie nur schon da wäre, so daß man wieder in sein altes Geleise käme; au so viel Hausfrieden war er nicht gewöhnt, und er litt förmlich darunter. Bekannte stolpernde Schritte tönten durch den Torweg, und der Kandidat schob seinen langen Körper durch die niedrige Tür; er war im Ulster und hatte einen Reisekoffer in der Hand. „Guten Tag, guten Tag, Kandidat," sagte der Wirt vergniigt,„wollen«sie verreisen?" „Ja, wir haben Kartoffelferien in der Schule, und da Hab ich Lust gekriegt, eine kleine Tour nach klopenhagen zu unter- nehmen. Von Zeit zu Zeit tut einem so ein kleiner Hauch aus der großen Welt not." „Gewiß, obwohl wir für so eine kleine Stadt doch auch reckt weit sind, so hatten wir neulich den Zirkus, der sehr gute Kräfte gehabt haben soll— ich selbst bin nicht da gewesen. Und wir sollen auch Gas bekommen! Ich habe kürzlich mit fatale Enttäuschung sein. Vielleicht wird ihnen nach dem„Schar- manten", in dem der Autor die Kunst des Bluffens nicht fo geschickt gehandhabt hat wie sonst, nun auch das Frühere, das hinter gro- teskem Aufputz das gleiche Unvermögen menschlicher Gestaltung barg, in einem weniger glanzvollen Licht erscheinen. Im Grunde ist es die gleiche Art, die hier wie in den anderen Stücken, seit der „Hose", dem wirklich lustig slotten Erstling, inimer wiederkehrt. Ein paar satirische Einfälle, Beobachtungen, Reflexionen, z» möglichst paradoxen Konseguenzen ausgesponnen, liefern das Programm, das dann mit Hilfe einiger Puppenschemen, deren Erfindung von vornherein auf Menschenmöglichkeit verzichtet, zur Ausführung gc- langt. Züge, die ebenso wie die oft ganz papierne, ins Dozieren verfallende Sprache an manche Werke Wedekinds erinnern. Immerhin, im„Bürger Schippe!" und im„Snob" wurde nach solchen Methoden das Strebertum verschiedener sozialen Sphären verhöhnt; der Gegenstand, weit abseits von den ausgefahrenen Gleisen des üblichen Komödengenres, bot hier ein Interesse. In dem„Scharmanten" kommt auch das in Wegfall. Man hat es da mit jenen vornehmen Tagedieben und Schürzenjägern zu tun, die in unzähligen Exemplaren die ftanzösischen Schwäncke und Konversationsstücke bevölkern. Die Lebensweisheit dieser Herrschaften, die von dem Leben wie der Blinde von der Farbe reden, werden in neuem Aufgusse serviert. Aber wie unglaublich fadenscheinig, so- gar an den Maßstäben dieses Patchoulimilieus gemessen, nehmen sich die Argumente des siebcngescheiten Räsonneurs und Liebhabers, die Rezepte, nach denen er die Dante feines Herzens von dem „scharmanten" Gatten loseist, aus. Die junge Gräfin, die, zwei Jahre lang von dem Gemahl vernachlässigt, sich scheiden lassen möchte, um mit dem Verehrer eine neue Ehe einzugehen, hat nach dein Ratschluß des Verfassers keine Ahnung, daß sie bei hundert- fach erwiesenem Ehebruch des Mannes jederzeit die Scheidung vor Gericht erzwingen kann. Auch des Liebhabers überlegener Geist ermangelt solcher Einsicht. Beide müssen sich stellen, als hing: ihre Eheschließung vom guten Willen des Herrn Grasen ab, der neuerdings zur Abwechslung in seine Frau verliebt scheint. Stait die Geliebte in ihrem Vorsatz zu bestärken, jede Annäherung schroff abzulehnen, beweist der Sternheimsche Freier seine Pfiffigkeit da- durch, daß er ihr rät, die Zärtliche zu spielen. Denn, so erklärt der Menschenkenner, dies neue Werben ihres Mannes sei nur ein Aus- fluß eroberungssüchtiger Eitelkeit und werde, wenn sie sich etwas entgegenkommend zeige, auf der Stelle schwinden. Auf solchen wesenlos fatalen Tüfteleien baut sich die Handlung ans, die mit psychologischem Getue llnniöglichkeiten an Umnöglichketten reiht und es bei aller Schlüpftigkeit doch nirgendwo zur ausgelassenen Komik eines besseren Pariser Schwankes bringt. Ohne jede Spur von innerer Motivierung vollzieht sich, als die seelenvolle Dame irmt der vorgeschriebenen Komödie beginnt, der prophezeite Umschlag. Am nächsten Tag räumt auch der Gatte schon das Feld. Ein paar epi- grammatische Sticheleien auf Modegeckcn-Eitelkeiten verbleiben als der einzige Ertrag. Die glänzende Gewandtheit und Anmut Lcopoldine Konstantins in der weiblickcn Rollo und Waßmanns gelungene Uebersetzung des Grafen ins Waßmannsche entfchädigen zu einem Teile für die Armut des Sujets, verhalfcn dem Mittclakt sogar zu einem stär- kercn Applaus._ dt. kleines Feuilleton. Die Reifung öes Ileifches unü ihre Ursachen. Unsere Haussrauen wissen es schon lange, und unsere Kricgcr draußen haben es lernen müssen, daß srischgcschlachtetes Fleisch zäh, fest und geschmacklos ist. Erst das Ablagern des Fleisches während einiger Tage macht es zart, saftig und wohlschmeckend. Auch in seinem Aeußcren ändert es sich. Die anfangs glasig durchscheinende Muskelfaser wird trübe und die Elastizität läßt nach. So b.etannt diese Dinge auch sind, so wenig Genaues weiß man doch über die Vorgänge, die zu den Veränderungen führen. Ein Teil der Forscher nahm an, daß sie durch die Mitwirkung der Bakterien, ein anderer glaubte fermentative Prozesse vor sich zu haben. Ein neuer Beitrag, der zu dieser Frage aus der Feder des Tierarztes Dr. Hermann Kern in der Wiener Tierärztlichen Monatsschrift vorliegt, will zeigen, daß es sich um eine chemische Zersetzung des Eiweißes, eine sogenannte Hydrolyse, die eine Spaltung des komplizierten Eiweiß- molelüls durch Wassoraufnahme handelt. Stickstoffbeftimmungen an verschiedenen alten Fleischstücken wiesen darauf hin, daß sich vom Eiweiß dessen Bausteine, die Aminosäuren, während des Neifungsprozesses in immer größerem Maße abzufallen beginnen. Ob dies unter Mithilfe von Fermenten geschieht, ist nicht sicher, aber auch nicht unwahrscheinlich. der Hebamme gesprochen; die sagte, es wäre noch nie so viel zu tun gewesen wie in diesem Jahr. Es herrscht ein regeL Leben in der Stadt, aber, versteht sich, Kopenhagen bleibt Kopenhagen. Sonst möchte ich sagen, daß es stark abge- nommen hat mit dem Wallfahrten nach der Hauptstadt, seit- dem die drei Schwestern Jensen sich hier niedergelassen haben; es ist früher viel Geld aus der Tasche der Stadt gewandert, gar nicht vom Umland zu reden, das jetzt hierher kommt. Es wäre also doch klug, wenn die Behörde ein Auge zudrückte. — Na, von mir können Sie nicht fett werden, aber man ist liberal, und mein Wahlspruch ist immer gewesen: einem jeden sein Vergnügen! Und was man auch sonst davon sagen mag, stützt es ja faktisch die Ehe." Der Kandidat nickte anerkennend:„Das ist in Wirk- lichkeit auch das einzige, was zur Entschuldigung für diele. Frauen dienen kann. Dieser Stroni von— sagen wir: un- regulierter Erotik würde auch die Familien überspülen und ihren Frieden trüben. Auch ich bin nicht borniert, aber Wir könnten unsere Frauen leicht einer unfeinen Konkurrenz auL- setzen, wenn wir den natürlichen Abfluß des Stromes ver- sperrten, und dann wäre es unwiderruflich vorbei mit der Reinheit des Heims." „Nicht wahr? Denn auf unseren Frauen beruht die Reinheit und Tranlichkeit des Heims," erwiderte Sörensen bewegt.—„Ich verstehe übrigens recht gut, daß man, wenn man sich für diese Dinge interessiert und die Mittel dazu hat, vorzieht, nach Kopenhagen zu fahren— moralisch betrachtet—, um kein Aergernis zu erregen. Von der Macht des Beispiels bin ich selbst immer überzeugt gewesen. Und dann sind da ja größere Verhältnisse, wie Sie vorhin sagten — etwas für jeden Geschmack. Aber das Geld fließt auf die Weise doch aus der Tasche der Stadt." „Es wäre wohl auch denkbar, daß andere Dinge die Leists nach Kopenhagen locken," erwiderte der Kandidat plötzlich verletzt. „Tarin haben Tie sicher recht. Ich vergesse zum Beispiel nie die Tuborger Flasche. Ja, ist das nun nicht zum Toll- werden, worauf die Menschen verfallen können? Eine richtige Flasche bayerisches Bier, aufs Haar, bloß noch höher als unser Kirchturm! Ja, Sie haben sie natürlich gesehen.— Vielleicht waren Sie auch oben drin?" Der Kandidat schüttelte den Kopf und sah auf seine Uhr. (Forts, folgt.) .£ngws-£s*0er�v " HaiinerTLSchlera%-]mere'rnstr Sörzerllcue Boannnsj-Jlnritstunsen ia jeder Hulr- und Stilart, cur erstklassiger Ausführung zu WM--- nzlos.....-" liefern direkt an Privato als Spezialital; konkuncn/ljs M mg™ Treben. 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