üt. 56.- 1915. Unterhaltungsblatt des vorwärts Aomltllg, 7. Marz. /tos Sriefen Scharnhorsts. Von den Briefen Scharnhorsts waren bisher nur Verhältnis- .wstig wenig veröffentlicht, und so kann Karl Linnebach in seiner Ausgab; des Briefwechsels Scharnhorsts, deren ersten, die Privat- brief� umfassenden Band der Verlag von Georg Müller in München demnächst erscheinen lassen wird, eine reiche Fülle noch unbekannler Brstefe des grasten Strategen zur Mitteilung bringen. Es sind keine„literarischen" Briefe. Scharnhorst war kein Meister der«prache, wie etwa Gneisenau oder Clausewitz; seinen Briefen fehlt, wie der Herausgeber bemerkt, alles Glänzende, Witzige und Unterhaltsame, die leichte Beweglichkeit, das Spiel der Phantasie. Sie entschädigen uns aber dafür durch innere Gediegenheit und edle Schlichtheit. Als Kind seiner Zeit wird er in dem Geiste erkennbar, der z. B. in seinem Briefe an den Obersten von Tempelhof in Berlin vom 27. Januar 1793 zu spüren ist:„In 29 Jahren, hoffe ich, werden die höheren Stände schon gebildeter und billiger denken.... Tagegen halte ich es für Pflicht, wo man kann, den höheren Ständen in Gesellschaften ihre schlechte Denkungsart, ihre Ungerechtigkeit vorzuhalten und ihnen zu zeigen, daß dies nicht mehr so in der Folge bestehen kann. Ich habe dieses freimütig getan; denn diese zum Teil argen Menschen verführen überdies noch die Fürsten und stehen der menschlichen Glückselig- keit dadurch auf manche Art im Wege." Die Zeit war nicht danach angetan, Scharnhorsts ideale Wünsche zur Wirklichkeit werden zu lassen. Den tatfrohen Mann ergriff beim Anblicke des Zeitjammers mehr und mehr tiefer Mißmut. Als sein in Halle studierender Sohn Wilhelm im Jahre 1895 ihm gegenüber geäußert hatte, wenn alles„über und über ginge", könne cr sich nicht enthalten mitzufechten, da mußte ihm der Vater schrei- ben:„Dies macht Deinem Mute und Deinem Patriotismus Ehre. Lerne aber, mein Sohn, diese Tugenden früh besiegen. Sie haben mir von jeher, und vorzüglich auch in diesem Augen- blicke, mehr Kummer als irgend ein Laster gemacht. Ucbrigens lvünsche ich nicht, daß Du jemals als Soldat auftrittst; schwerlich würdest Du hier Befriedigung finden. Den Franzosen würdest Du nicht dienen, und die übrigen Armeen befinden sich größten- teils in solchen Verhältnissen, daß auch bei ihnen in der Zukunft wenige Ehre zu ernten ist. Alter. Schwäche, Untätigkeit, Un- tvissenheit und Unmut auf der einen Seite, Tätigkeit und Ent- schlossenheit auf der anderen." „Schon das nächste Jahr sollte Scharnhorsts trübste Ahnungen bestätigen. � Er erlebte den Zusammenbruch des preußischen Staates bei Jena— Auerstädt mit und cr empfand als ein Glück, daß er die Ehre dcw deutschen Waffen durch seine Teilnahme an Blüchers kühnem Rückzüge retten konnte. Damals lernte er diesen Mann würdigen, vor dem er dann in der entscheidenden Stunde des Jahres 1813 bescheiden zurückgetreten ist. Nach den Tagen von. Lübeck schrieb er seiner Tochter über Blücher:„Nie hat eine größere und innigere Freundschaft und Zutrauen stattgefunden, als zwischen diesem braven, mutvollcn Mann und mir. Wir allein waren immer gutes Muts, wenn die Not am höchsten war; nie war eine Differenz der Meinung zwischen uns, nie ver- schiedene Gefühle; wir waren eine Seele, ein Gedanke, ein Ent- schluß. Tic Tage, die ich bei ihm gewesen, waren mühsanl und latiguaiu(ermüdend) für mich, aber mir merkwürdig, so lange ich leben werde." Es folgte die Zeit seines großen Reorganisationswerkes. Die ganze Bitterkeit seines Herzens schüttete er einmal im März 1812 in einer Aufzeichnung„an Freunde"(vielleicht Gneisenau und Boyen) aus:„Mit wehmütigem Herzen nähere ich mich Ihnen, um mit Ihnen zu trauern über das Schicksal der deutschen Völker. Nichts hält jetzt den großen Gang der Weltbegebenheiten auf.... Unsere Regenten kennen keine Ruhmbegierde; sie wurden von Schulmeistern und Stockkorporalen gebildet; unsere Großen kennen keine Nittersitte, wollen bloß die Welt genießen. Die Gefühle und der Geist der höheren Stände bezeichnen eher den Sklaven als den freien hochgeborenen Deutschen." Alle Bitterkeit aber, aller Unmut waren vergessen, als endlich, nicht zum geringen Teile dank seiner unausgesetzten Wirksamkeit, die Stunde der Tat schlug. Unter ungezählten Widrigkeiten schuf er Preußens neues Heer. Am 19. März 1813 schildert er selbst in einem Briefe an seine Tochter mit kurzen, markigen Worten seine Wirksamkeit:„Ich habe mit unbeschreiblicher Anstrengung für König und Vaterland gearbeitet, ich habe mein vornehmstes Augen- merk auf die Belebung des Geistes gewandt, und durch die Herbei- ziehung und Enthusiasmierung der jungen Männer meinen Zweck erhalten und so das Interesse aller Familien an den Krieg ge- kettet.... Alles ist im Fortschreiten, nun gehe ich gegen den Feind; ich habe die Gelegenheil, auf die Operationen einen enw scheidenden Einfluß zu haben, die unzähligen Schwierigkeiten des Fortgbnges derselben zum Tri! zu heben, wenigstens viel Gutes zu stiften." Die Hemmungen, auf die er bei der Erfüllung dieser Aufgabe stieß, waren freilich schier unermeßlich.„Ich ärgere mich unauf- hörlich— so schrieb er der Tochter am 2. April— über die Unwissenheit und Schlechtigkeit, werde aber dagegen durch den guten Geist, der im allgemeinen herrscht, wieder erquickt." Trafen ihn schon die vielen Fehler, die von feiten der Verbündeten gemacht wurden, als schwere Schläge, so verzehrte sich dieser Feuergeist dann vollends, als er verwundet, ohnmächtig auf dem Krankenbett lag und den Dingen untätig zuschauen mutzte, die er, wie er fühlte, hätte meistern können. Damals schrieb er ans Znaim am 21. Mai 1813 an seine Tochter jenen Brief, der wohl den tiefsten Einblick in die Tragik dieses Lebens eröffnet: „Ich will nichts von der ganzen Welt; Ivos mir wert ist, gibt sie mir ohnehin nicht.... Mir ist eine stelle, wenn ich herge- stellt bin, bestimmt. Eine sonderbare. Mir ist das aber gleich- gültig. Könnte ich das Ganze kommandieren, so wäre mir daran viel gelegen, ich halte mich in aller Vergleichung ganz dazu fähig. Da ich das aber nicht kann, so ist mir alles gleich.... An Distink- turnen ist mir nichts gelegen; da ich die nicht erhalte, welche ich verdiene, so ist mir jede andere eine Beleidigung und ich würde mich verrachten, wenn ich anders dächte. Alle 7 Orden und mein Leben gäbe ich für das Kommando eines Tages. Daß dies, was ich hier schreibe, ganz meinem Wesen zuwider, daß ich nichtsverlange, nie mich unzufrieden äußerte und jetzt so ganz anders Dir schreibe, wird Dich befremden. Es ist aber dies kein Brief, sondern eine eigentliche Nachricht für Dich, wie Dein Vater dachte, wenn ich einst nicht mehr da sein sollte." Wenige Wochen später war Scharnhorst nicht mehr. Cwalö von Kleist. Garnisondienst war ihm zuwider. Immer wieder dachte cr daran, sich aufs Land, in eine Oberforstmeisierstelle, zurückzuziehen. Als der Siebenjährige Krieg losbrach, jubelte er vor Freude, endlich nicht länger in Potsdam stillsitzen zu müssen, und wünscht- sich nichts sehnlicher, als„299 Mann kommandieren zu dürfen und von 2999 Oesterreichcrn angegriffen zu werden". Anfang 17S7 war der Dichter, dessen Name allmählich solchen Klang gewonnen halte, daß selbst der König daraus Rücksicht nahm, Major geworden. Aber in den eisten Jahren des Krieges, in den er mit einer gewissen Todes- ahnung, ja mit Sehnsucht nach dem Tode gezogen war, gelangte cr zu keiner Betätigung. Zu seinem Verdruß bleibt er den großen Schlachten fern, bis der Tag von Kunersdorf, der 12. August 1759, kam. Da der Kommandant seines Regiments fiel, mußte er es führen. Beim Sturm wird er an der Rechten verwundet. Er ruft die Fahnen seines Regiments zu sich, greift den Degen mit der Linken und stürmt vor, bis ein Schuß auch die Linke trifft. Wieder ergreift erden Degen mit der blessierten Rechten, bis ihm in einem Augenblick, da der Sieg sicher scheint, eine Kanärschenkngel das rechte Bein zerschmettert. Soldaten tragen ihn hinter die Front, wo cr, als dann die Preußen fliehen müssen, hilflos liegen bleibt. So geriet cr in die Hände der Kosaken, die ihn ausplünderten bis auf den nackten Körper und ihn an den Rand eines Sumpfes warfen. Am Abend fanden ihn russische Husaren und nahmen sich seiner an. Aber gegen Morgen mußten diese fort und wieder kamen Kosaken und raubten ihn nochmals aus. Erst am Abend dieses Tages fand man ihn und schaffte ihn nach Frankfurt a. d. O., wo er am 24. August starb. Seine Freunde Gleim. Bodmer, Lessing, Abbt widmeten ihm Nachrufe, und zu Lessings„Tellheim" soll er die edelsten Charakterzüge geliefert haben. Er halte gefunden, was er sich in einem Gedichte gewünscht: „Auch ich, ich werde noch, vergönn' es mir, o Himmel! Einher vor wenig Helden ziehn! Ich seh dickt, stolzer Feind, den kleinen Haufen fliehst, lind find' Ehr' oder Tod im rasenden Getümmel." Geboren am 7. März 171 ö. Der Name Ewald von Kleist erweckt bei seiner Nennung in uns nur eine Erinnerung: das Gedächtnis seines Todes in der Schlacht bei Kunersdorf. Sonst ist dieser Kleist allenfalls eine Erinnerung aus der Literaturgeschichte. Seine Naturbilder, wie das Gedicht„Der Frühling", bedeuteten in ihrer Zeit gewiß viel, und um 1759 war er eine der wenigen literarrsch wertvollen Erscheinungen. Aber als Dichter ist Kleist uns heute nur noch historisch interessant, als ein Vorbereiter. Halb gehört er zu den spielerischen Anakreontikern, neben seinem Freunde Gleim; halb zu den Schweizern um Bodmer, die, wenn auch in einer sentimentalen Art und Weise„zur Natur" zurückzuführen suchten. Ja, sein Naturempfinden ist unbedingt echt. Aber seine Dichtungen geben uns heute gar nichts mehr, und wenn man seiner gedenkt, geschieht es auf dem Umwege über das tragische Ende seines Dichter- und Soldatenlebens. Dieser erste Dichter, den das alte pommersche Geschlecht der Kleist hervorgebracht, wurde am 7. März 1715 auf dem Stamm- schloß Zeblin Pommern geboren. Seine Eltern hatten ihn für die juristische Laufbahn bestimmt, trotzdem er von Anfang an mehr Liebe zu den schönwisscnschaftlichen Studien zeigte. Aber dann ver- anlaßten ihn widrige pekuniäre Verhältnisse, gegen seine Neigung, um der rascheren Karriere willen, der Anregung hochgestellter Ver- wandter zu folgen und in die dänische Armee einzutreten. Vier Jahre, bis 1749, diente er dort, als eine Verordnung Friedrichs II. ihn nach Preußen zurückrief. Als Seconde-Leutnant kam cr ins Re- giment 35 nach Potsdam, das damals„das Aussehen einer großen Kaserne bot". Der Dienst unter des 5lönigs Augen war pedantisch streng, und Kleist fühlte sich in ihm tvcnig wohl/ Sein Wesen stieß hart gegen den Geist des Preußentums, der ja niemals sehr für's „Poetische" war, und die Kameraden sagten ihm wenig zu. Da lernte er 1743 Gleim kennen, der damals Sekretär bei dem Prinzen Schwedt war. Kleist war in einem Duell verwundet worden. Gleim horte von der Geschichte bei Tafel, eilte zu dem Krauken und besreundete sich bald mit dem jungen Offizier. Ja, cr rettete ihm auf eine sehr lustige Weise das Leben. Kleist litt sehr an seiner vernarbenden Wunde, und Gleim las ihm vor. Bei einer solchen Gelegenheit, da Gleim eines seiner kleinen scherzbasten Lieder las, geriet Kleist in's Lachen, und infolge einer jähen Bewegung sprang die Wunde auf. Das war ein Glück, da sich bereits kalter Brand einzustellen drohte. Von dieser Zeit datiert die innige Freundschaft zwischen den beiden Männern. Gleim war es, der die poetische Gabe in dem preußischen Leutnant entdeckte und ermunterte, und cr brachte Kleist auch mit andern literarisch interessierten Menschen zu- sammen. Seitdem war das Lebeir Kleists, der eine schwere melancholische Natur war, noch zwiespältiger. Unter seinen Käme- radcn galt es als„eine Art Schande, Dichter zu sein", und der Musik. Königliches Opernhaus:„D�i e sieben R ab e n". Märchendichtung von Hans Joachim Moser; mit der Musik zu „Enryanthe" von Weber.„Weber starb an der Sehnsucht, Wagner zu werden," hat Peter Cornelius einmal gesagt. Im Hin- blick auf„Euryanthc" stimmt dies Urteil; denn die Musik zu ihr verrät die Merkmale des späteren Wagnerschen„Musikdramas", insoweit solche sich in„Lohengrin" offenbaren. Aber während hier ein Tichter-Komponist Text und Musik aus einem Geiste erschuf, war Weber auf das Libretto eines anderen angewiesen. Die im Kern miserable„Enryanthe"-Dichtung der Chezy war Schuld daran, daß das Werk in Vergessenheit geraten war. Dies Los verdiente nun die geradeswegs herrliche Musik ganz und gar nicht. Alle Versuche jedoch, das Libretto zu verbessern, scheiterten. Wie nun, wenn es gelänge, der Musik eine neue Dichtung unterzulegen? Dies Wagnis hat jetzt ein junger Poet, namens Moser, unternommen. Das Märchen von den sieben� Raben schien ihm als der geeignetste Vorwurf. Und der starke Erfolg, �den es mit der Euryanthe-Musik bei seiner Erstaufsührung am Freitag davontrug, bestärkt uns in dem Glauben, daß Moser einen glück- lichen Griff getan. Im Bestreben psychologischer Vertiefung cr- fand er sich allerdings auch einige Personen und Motive. Be- dingung war, daß nichts von der Musik geopfert würde und daß Wort und Handlung ihr sich so organisch als irgend denkbar an- schmiegte. Uns deucht, diese Absicht sei Moser gelungen, selbst dann, wenn man der Meinung wäre, als habe er dem schlichten Märchen Gewalt angetan. Das Werk erfuhr dekorativ, gesanglich und darstellerisch eine erlesene Ausführung. Die Damen: Hasgren-Waag(Spinnerin), Leffler-Buckard(des Kanzlers Weib), Cläre Dux(Fee) und die Herren: Bischoff(Kanzler), Unkel(Königsohn) leisteten Schönes; nicht minder das Orchester unter Leo Blech. Warum man aber zwei so geschmacklose Puppen als Kinder der Spinnerin vorführen mußte, bleibt rätselhaft. �_ ek. kleines Feuilleton. Oer Kohlenverbrauch öer Gasanstalten. In der letzten Sitzung der Deutschen Bcleuchtungstechnischcn Gesellschaft machte Geheimrat Frank, einer der Senioren der deutschen chemischen Wissenschaft, einige interessante Mitteilungen über die Benutzung englischer Kohle durch die deutschen, speziell 56) Ueberstuß. Von Martin Andersen Nexö. Die Zeit schlich hin; sie war in der Nacht nicht im Bett, sondern saß aus dem Stuhle und starrte. Von Zeit zu Zeit kam ein Mädchen oder der Hausknecht ins Zimmer, stellte sich erstaunt, daß sie immer noch da war, verrichtete irgend etwas in herausfordernder Art und ging wieder. Sie geradezu auf die Straße zu werfen, wünschte oder wagte man nicht. Und so blieb sie sitzen, hartnäckig. Niemand sollte es mit ansehen, daß sie ihrer Pflicht untreu wurde oder aus dem Wege ging. Einen einzigen Augenblick sah sie sich über dunkles, plätscherndes Wasser gebeugt stehen, aber dieses Bild wich schnell vor anderen, helleren. Hier und da nagte der Hunger an ihr, so daß Herz und Zwerchfell ihr weh taten. Aber der Hunger kam wie etwas Lichtes und brachte Kunde von jenen Zeiten, als sie die Kraft im Hause war und es den Ihren ganz armselig ging. Es brutzelte und prasselte in der Bratpfanne, und das glühende Fett bespritzte ihre nackten Arme: Pferdefleisch, in Pferdefett gebraten. Und aus ihren Augen sielen Tränen binab Just so brannte es in der Herzgrube! Aber der Tust war belebend, und neben ibr stand ein kleiner Junge und hüpfte ungeduldig. Ihr selbst wurde der Mund wässerig, und sie spürte Wohlgeschmack und war glücklich darüber, ge- schafft zu haben; aber wenn sie und der Junge aßen, weinte sie wieder bei dem Gedanken an den Augenblick, wenn nichts mehr da sein würde. Das waren die glücklichen Zeiten mit den Kämpfen und Qualen für eine Wirklichkeit, für die Er- Haltung des Heinis. Damals fehlte ihr nichts, und sie genoß es lote einen Sieg, so oft es ihr gelang, den Hunger einen oder zwei Tage fernzuhalten. Und dann die Angst, daß ihm etwas zustoßen würde. die sie zittern ließ, wenn sich zur Nachtzeit ein Wagen näherte! Und die Freude darüber, ibn zu sehen, völlig betrunken viel- leicht, aber atmend und mit gesunden Gliedern! Auch das war ein Glück, so armselig es auch erscheinen mochte. Doch dann folgte das Unbegreifliche: seine merkwürdige, plötzliche Bekehrung, der Fortschritt zu Hause— dieses wirklich große Glück, das zu ertragen sie nicht vcrnwckt hatte, wie ihr ein vages Gesuhl jetzt sagte. Sie war e»schlaftt, hatte das Interesse für das Wohl des Heims verloren; das seltsame Ereignis, daß er ordentlich wurde und selber den Haushalt aufrechterhielt, hatte sie geradezu krank gemacht. Sie hatte ihm das Ganze überlassen, ihm dabei entgegen- gearbeitet und sich dazu aufgeschraubt, unsinnige Ansprüche an seinen Charakter zu stellen— warum, begriff sie nicht. Was machte es wohl aus, wenn er ein bißchen Wirtshaus spielte, da er ja sein Abstinenzlergelübde streng befolgte! Das war ja gerade das Rührende. Aber sie hatte ihn nur geliebt, solange er ein Vieh war,— so war sie nun einmal. Und wie garstig, schlecht und ungerecht war sie gegen ihn gewesen,— alles aus dem Bedürfnis nach Liebe heraus. Denn Liebe war etwas Böses, Garstiges, darum wurde sie dadurch bestraft, daß sie nie zu ihm zurückkehren durfte, zu ihm, der ihr nichts Böses wünschte, sondern nur mild und gut war.— Zwei Tage waren verstrichen, und die Nacht verrann, ohne daß Frau Sörensen es merkte; sie hatte kein Licht an- gezündet, sondern begnügte sich mit dem Schein von draußen; sie wußte unklar, daß es über Mitternacht war, denn die eine Reihe der Laternen war ausgelöscht worden. Mit geschlossenen Augen, in milder Gemütsstimmung, saß sie da. Tie Liebe ihrer Jugend niit ihrer Erwartung und ihren Stelldichein war an ihr vorübergeglitten, und sie fühlte, daß sie eine glückliche Jugend— ein glückliches Leben überhaupt verbracht hatte. Jetzt hörte sie, wie ein Schlüssel ins Entreeschloß gesteckt wurde, und vernahm schleichende Tritte; dann wurde ihre Türklinke niedergedrückt.„Nun kommt er," dachte sie init einem Lächeln. Sie war zu tief in ihren Träumereien, sich klarzumachen: wer; auch der Haß war fort und die Angst vor der Schande; ihr war zumute wie dem, dem ein glück- licher Traum in Erfüllung geht. Agent Jochumsen ging gleich an den Tisch und zündete Licht an. Er pfiff gemütlich, aber plötzlich gewahrte er Frau Sörensen drüben in dem Lehnstuhl und hielt mit einem Fluch inne. Ein junges Weib vom Fabrikmädchentypus hatte sich in- zwischen draußen im Entreee vorwärts getastet und trat jetzt ein.„Da haben wir die Bescherung!" rief sie, als sie ihre Nebenbuhlerin bemerkte. Frau Sörensen erhob sich schnell, als sie das junge Mädchen sah. „Meine Schwester, Frau Sörensen," sagte der Agent haftig,„und dies ist Susanne. Sie kennen sich ja beide schon vom Hörensagen," fügte er spöttisch hinzu.„Ich weiß nicht, ob Frau Sörensen erlaubt, daß Susanne heut nacht hier bleibt, da sie ohne Logis ist? Die beiden Dainen könnten vielleicht zusammen im Bett schlafen, dann leg ich mich auf die Chaiselongue? Oder auch— wenn Frau Sörensen vor- ziehen sollte?" Er grinste verschmitzt. „Nee, ich werd den Teufel tun, ich mag nicht zusammen- liegen mit so'nem Streikbrecher," erwiderte Susanne aufge- bracht.„Ja, gaffen Sie nur, ich weiß recht gut, was Sie für eine sind! So'ne Großmutter, die ihrem Mann fortgelaufen ist. Pfui!" Frau Sörensen antwortete nicht. In Eile zog sie ihre Sachen an und eilte hinaus, öffnete die Entrcetür und stürzte die Treppe hinab. „O, Susanne, süßes Puppchen, renn runter und laß sie hinaus. Ich selber getrau mich nicht." „I, die Haustür ist ja offen," antwortete Susanne zärt- lich und schlüpfte aus den Kleidern. Frau Sörensen lief sinnlos geradeaus durch ein paar Straßen und kam nach Nörrevold; hier brach sie auf einer Bank vollständig zusammen vor Müdigkeit. Hin und wieder durchlief ein heftiges Zittern ihren Körper, aber sie fühlte das nicht, sie schlief. Als sie erwachte, saß eine Mannsperson neben ihr; cr hatte den Arm hinter ihr ans die Banklehne gelegt, als ob er zu ihr gehöre, und bemühte sich, unbemerkt die Hand unter ihre Taille auf die Brust gelangen zu lassen. Mit einem Schrei fuhr sie auf, und er schlich fort. Tann ging sie matt weiter und wagte nicht, sich wieder zu setzen, aus Furcht, ausgeplündert zu werden; sie schlief im Gehen. Die Knie wankten unter ihr. Ein Herr strich dicht vorbei und sah ihr ins Gesicht. Und dann kam cr von hinten neben sie, steckte seinen Arm unter den ihren und erklärte ihr seine Liebe. Es durchzuckte sie vor Schreck bei dem Worte Liebe. Lieben-- das Widerwärtigste von allem! Daß sie das doch nie wieder loswerden konnte, so todmüde wie sie war! Dieses Wort klang, als ob jemand mit einem Hammer auf ihren kranken Kopf schlug. Sie weinte wimmernd vor Schlaffheit und Qual, stürzte da- von, ohne den Herrn anzusehen oder zu antworten, konnte ihn aber nicht abschütteln. In ihrer Verzweiflung lief sie zu einem Herrn, der drüben auf der anderen Seite des Boulc- vards ging, und bat ihn, ihr den zudringlichen Menschen vom Halse zu schaffen. (Forts, folgt.) norddeutschen, Gaswerke, für die sich insolge btx billigen Tee- s rächten die Beschaffung der englischen Kohle wesentlich billiger gestellt bat als der Bezug aus den obcrschlesischcn und wcstsäli- scheu Bcrglverksrevicrcn. Tie Forderung des gesanitcn Ttcinkohlcnbergbaues Deutsch- lands ini Betriebsjabr l9lZ betrug rund IQl'A Millionen Tonnen, von denen ölK- Millionen Tonnen ausgeführt wurden nebst 6,4 Millionen Tonnen Koks, die rund V Mill. Tonnen Steinkohle cnt- sprechen. Ferner wurden noch Millionen Tonnen an Stein- tohlcnbrikettS an.Sgefübrt. so daß die für die Ausfuhr geförderten Treinkoblen sich aus Millionen oder Ü4 Proz. der Gesanit- 'orderung belanfen. Eingefübrt wurden nach Teutschland l6,ö Millionen Tonnen, und zwar hauptsächlich englische Kohle. Tie deutsche Gasindustrie erzeugte im Betriebsjahre 1913 316!» Millionen Kubikmeter Gas, wozu bei einer durchschnittliche?! Ausbeute pon 300 Kubikmeter pro Tonne rund 10 503 000 Tonnen Tloinkohle verbraucht wurden, ein Betrag, der 554 Proz. der deut- schen Gesamtstrderung entspricht, freilich zu einem nicht unerbeb- lickeu Teil, wenigstens in den norddeutschen Gasanstalten, nnS englischer Koble gedeckt wurde. Tic Berliner städtischen Gas- »oerkc zum Beispiel, lvohl die größte Gasanstalt Teutschlands, die 0 1 7 000 Tonnen Steinkohle im Betriebsjahr 1913 vergasten, entnahmen nur'370 000 Tonnen deutschen Werken, während 071(»00 Tonnen oder 73 Proz., also fast drei Viertel des Betrages, englische Koble ivar. Noch ungünstiger in bezug auf die Per- gasung deutscher Koblen stellt sich das Resultat in den Clmrlotten- ourger städtischen Gaswerken,»oo 193 800 Tonnen Steinkohlen im Betricbsjahre 1918 zur Vergasung kamen. Hiervon waren 104 250 Tonnen, nicht weniger als 8454 Proz., englische Kohle und nur 29 550 Tonnen oder 1514 Proz., kaum mehr als der 7. Teil waren de» deutschen Bergwerksreviercu entnommen. Einen Vorwurf, etwa gar wegen unpatriotischen Verhaltens, kann man allerdings den Gaswerkeil» die mit dem Gelds der Steuerzahler zu wirtschaf- !'» haben, hieraus gewiß nicht machen, denn die englische Kohle stellte sich loto Charlottenburger Gaswert aus 10.40 M. pro Tonne, :'ia oberschlesische dagegen aus 15,38 M., und die westfälische gar •ms 22,59 M., und für Berlin werden die Preise und Prsisdisfe- cenzc» wohl ähnliche gewesen sein. Freilich kann sich jept zur »riegszeit durch das plötzliche Abschneiden der englischen Zufuhr für manches städtische Gaswerk eine gewisse Verlegenbeit ergeben, wenn die deutschen Zechen besonders erschwerende Bedingungen für die Lieferung des nötigen Quantums Steinkohle stellen. Aber ganz abgesehen davon, daß eine zureichende Beleuchtung der(Großstädte auch ein erhebliches öffentliches Interesse darstellt, sind die bei der Gasproduktion gewonnenen Nebenprodukte auch für die Kriegszwecke von großer Wichtigkeil, Ivorauf natürlich nicht näher eingegangen werden kann. Tesbalb dürfen den WaSanstal- (en, wie lkrank mcimt, unnötige Schwierigkeiten beim Bezug der Steinkohlen keineswegs gemacht werden. Zur Geschichte öes Kriegsbrots. Das KriegSbiot ist durchaus keine neue Erfindung, sondern schon von alter? her in mancherlei Formen bekannt. WaS war es anders als eine Kriegs- oder Notstandsmaßregel, wenn die Israeliten beim AuSzug aus Aeghplen, weil es an Zeit gebrach, ungesäuertes Brot buken' Aber nicht mir von der Rückkehr zu unvollkommeneren Back- und Mahlverfabren, sondern auch von„Streckungen" des Brotnichlö wissen Geschichte und Völkerkunde zu berichten. Fast unübersehbar ist die Reibe der Zusätze, die sich das Getreide in Kriegszeiten und nach Mißernten gesalle» lassen mußte. Die Not zwang die Menschen, nicht nur zerkleinerte Hülsenfrüchte, Roßkastanien, Maronen, Eicheln, Bucheckern und Wurzel- slücke verschiedener Farnkräuter mit dem Brotkorn zu vermählen, londern dein Mehl iogar unverdauliche Stoffe, wie zer- riebene Baumrinde. Ton und Infusorienerde, beizumischen, wie dies in Deutschland während des Dreißigjährigen Krieges im nördlichen Schweden und in Finnland bis in die neueste Zeit hinein geickah, Ziemlich weit zurück reiche» auch die Versuche, aus Karloffelmehl Backwerk herzustellen, F-laden aus geriebenen Kartoffeln waren in einigen Gegenden icfcon im 17. Jahrhundert bekannt In Savoyen begann sich um 1750 ein zwicbackähiiliches Kariossclgebäck einzubürgern. Damals suchte man namentlich in Frankreich eifrig nach einem Ersatz für das Brotgetreide, das der häufigen Kriege und inneren Unruhen wegen nicht immer in genügender Menge angebaut werden konnte und auch viellach mißriet. In einer 1773 erschienenen Schrift des Apothekers Parmcntier, betitelt: Exaineii ehymiquo des pommes de terre»chemische Untersuchung der 5larioffcln). sind einige Backvorschtiiien angegeben. Ein Preis, den die Akademie der Wissenschaften in Besanoon für die Namhaft- machung von Nutzpflanzen ausgesetzt hatte, die in Zeiten der Teuerung an die Stelle des Getreides treten könnten, wurde diesein begeisterten Fürsprecher der damals noch als giftig verschrienen Kartoffel für eine von ihm eingereichte Denkschrift zuerkannt, in der er gleichfalls ein ans dem Bodensatz geriebener Kartoffeln zu- bereitetes Brot empfahl. Auch sonst trat Parmeniier in Wort und Schrift für die Beimengung von Kartoffelstärke zum Brolmebl ein. Dadurch wurde sein Name so bekannt, daß Neider seinen Ruhm durch den Vorwurf zu verkleinern suchten, er habe ihnen seine Vorschläge entlehnt. Das damalige Karloffelbroi war jedoch weder schmackhaft noch bekömmlich, auch stieß seine Herstellung auf Schwierigkeiten, da die Kartoffel zu ivenig von dem zur Teigbildnng erforderlichen Kleber enthält. Günstigsten- falls gelang es. Kartoffelmehl zu einem kuchenähnlichen Olebäck zu verarbeiten. Besseren Erfolg hatten die Backoersuche mit Gemiichen von Kartoffel- und Getreidemebl. 1780 ordnete ein franzofiicher Ver- waliungsbeainicr an, daß in seinem Dienstbereich bei Geireideknapp- Heit Kartoffelstärke unter da-S für die minder bemiiielie Bevölkerung bestimmte Mehl gemischt werden müsse. Das auf diese Weise be- rettete Brot darf als das erste Kriegsbrot in unserem Sinne gelten. �_ A. Kh. Notize». — M u s i k ch r o n i k. Mehuls„I ose s" gebt am Mittwoch im Deutschen Opern Hause zum erstenmal in Szene. — Vorträge. Am 11. d. M., abends 8 Uhr, hält in der Landwirtschasilichen Hochschule, Hörsaal 0, Dr. Ramme. Assistent am Königl. Zoolog. Museum, einen Lichrbildervortrag über seine vorjährige Ii eise nach Südrußland und der Türkei. Eintritt frei. — Eine neue Ha udelshoch schule, die bkertc � in Preußen und die siebente in Deutschland, wird im nächsten Semester in Königsberg eröffnet, — Kriegs sammlung der K gl. Bibliothek, T'.e Kgl. Bibliothek in Berlin ist schon seit Ansang des Krieges bemüht, eine möglichit vollständige Sammlung der die Zeitereignisse be- treffenden Drucksachen anzulegen, um der Nachwelt ein leben- diges Bild der großen Zeit zu übermitteln. Sie richtet an alle, die dazu in der Lage find, die Bitte, ihr bei der Sainmlung von Drucksachen über den Weltkrieg behilflich zu sein und ihr geeig- netes Material zugehen zu laffeu. — Anpassung an den Krieg. Die Statistiken der Pariser Stadtbüchereien weisen eine auffällige Zunahme der ent- liehenen Bücher auf In den ersten Monaten des Krieges, im August und September, war Paris so fieberhaft erregt, daß man nur die täglichen Berichte der Heeresleitung las. Tie Zahl der ausgeliehenen Bücher ging in dieser Zeit bei den Stadtbibliotheken auf unter 40 000 zurück. Im Januar aber war die Zahl aus 112 000 gestiegen, und diese Zifser ist beträchtlich höber ms die in dem entsprechenden Monat der Jahre 1913 und 1914! S:e steigt Heims verbringen und sucht sich die Langeweile durch Bücher zu vertreiben. Im 20. Bezirk, wo fast nur Arbeiter wohnen, ist die Ausleiheziffer am stärksten gestiegen, während der 1. Bezirk, in dem die Gebtldeten überwiegen, die geringste Ziffer in der«-tu- ttstik auftoeisi. — In dem Briefe eines belgischen Soldaten. den wir am Freitag mitteilten, ist gleich zu Beginn ein Satzfebler ent- standen. Der Brief muß natürlich beginnen:„Es liegt nicht an dem Charakter der Soldaten dieser oder jener Nation.. SalemMeikum Ol � Alyaretten für unsere Kneyer bnrch öie Ielöpost Preis N? 311 4 5 6 8 lO 4 5 6 8 lO Pfg. d. Stck. 20 öfcF. Salem Zigaretten portofrei! 60 Stck. Salem Zigaretten lOpf.porto! U Cigarefien-Fabr. Jnh.HuqoZietz., Orient Tabak-u .Venidze,"Dresden_ Hoflieferant S.M. d.Königs v Sachsen H.& P. Uder, Tabak-trroßhanrtlnng und Tabakfabrik. Spezialität: Nordhäuser Kautabak vo» Q. H. JtanewacUer, QHmm$ Triepel ——— Stets frisch zu den äußersten Enj-rospreisen. Amt Morltapl. 30 14. Sclrwarase uncS Sslaue Aoalllge Chevio;,. ammaam- Cheviot, Tuch-Kammgarn. 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