ür. 58.- 1915. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Nwch. 19. WSn. Märzwinter. Kälterückfällc im Frühling. ->iach einem Winter, der so mild verlaufen ist. dag man oft wochenlang noch im Herbst oder schon im Vorfrühling zu sein glaubte, hat der Märzbeginn plötzlich ein gar gestrenges Regiment eingeführt, nicht als wenn es in den Frühling, sondern als ob cS geradenwegs in den Winter ginge. Der Rückfall begann mit häufi- gen, vielfach starken Schneefällen, denen ziemlich strenger Frost gefolgt ist. Und dieses Mal handelt es sich augenscheinlich nicht um eine nur vorübergehende Wetterlaunc; es sieht vielmehr ganz so aus, als ob die winterliche Witterung es sich einstweilen in Mittel- europa beonem machen wollte. Besonders bemerkenswert ist dabei der Umstand, daß in der westlichen Hälfte Teutschlands und in den angrenzenden tücbieten noch jungst srühlingsbafte Wärme Platz gegriffen hatte, während gleichzeitig in Listdeutschland wie in ganz Rord» und Osteuropa der Kälteeinbruch erfolgte. Es war einer der ibpischen Kämpfe zwischen Wärme und Kälte, aus denen sich im «sirunde genommen der ganze mitteleuropäische Frühling zusammen- setzt. Eine ziemlich schmale Tiefdrucksurche, die aber von der Nord- see bis zu den Karpathen in südöstlicher Richtung den Erdteil durch- zog, trennte Europa in zwei scharf von einander geschiedene Witte- rungdgebiete, ein winterlich kaltes im Nordosten und ein früblings- baft mildes im Südwesten des Erdteils. Die Elrenzc dieser beiden Wilternngsjjebiete bildete in Deutschland etwa die Elbe, und zwar so, daß in deren Nähe ungemein gros« Temperaturgegensätze bestanden. An dem genannten Strome selbst lagen die letzten Aus- läufer des Wäruiegebietö mit für die Jahreszeit recht hohen Temve- raturen. So hatte am Schlüsse der vorigen Woche Hamburg eine Morgentenrperatur von 6, Dresden sogar von S Grad Wärme bei Winden aus westlicher Richtung. Nur wenig östlich der Elbe aber gingeil die Winde bereits in östlicher Richtung über und die Tempe- ratureit lagen unmittelbar an oder unter dem Gefrierpunkt. Berlin hatte noch 1 Grad Wärme; Stettin und Breslau, also die Oder- linie, hatten jedoch schon 2 Grad Kälte. An der Weichsel lagen die Temperaturen schon 7 Grad unter Null, und Memel hatte 1~ Grad Kälte. Der Temperaturunterschied zwischen Mittel- und Nordost- deutschland betrug somit nicht weniger als 21 Grad Celsius. In diesem Kampfe zwischen Winter und Frühling hat diesmal der Winter die Oberhand behalten. Von den beiden Hochdruck- gebieten über Nordost- und Südwesteuropa behauptete sich das nord- östliche und drängte die anfänglich nur schmale Tiefdrucksurche nach dem Süden des Erdteils ab. wobei sie an Ausdehnung erheblich gewann. So kam es, daß die Wetterkarte von Montag, dem H. März, eine L uftd ruckverteilung zeigte, die von der am Schlüsse der Vor- woche wesentlich verschieden war. DaS nordöstliche Maximum hatte sich behauptet und seinen Bereich über ganz Nordeuropa sowie über den größten Teil Mitteleuropas ausgedehnt. Ueber Skandinavien und Finnland überstieg der Luftdruck 770 Millimeter Höhe; die Kälte erreichte zu Haparauda 27, zu Hernösand in Mittelschweden ltz Grad unter Null. Die diesem Maximum entströmenden Nord- ostwinde. die naturgemäß recht kalte Luft über die Ostsee zu uns führten, drückten auch in ganz Teutschland die Temperaturen er- heblich unter den Gefrierpunkt. Das Minimum des Luftdrucks unter 715 Millimeter Tiefe dagegen hatte sich im Bereich des Adria- tischen Meeres verlagert. Das frühere südwestliche Maximum war uordwestwärts zurückgewichen und in Verbindung mit dem nord- europäischen Hochdruckgebiet gelangt. Die Folge war, daß auch im westlichen Mitteleuropa, in dem ursprünglichen Wärmegebiet, die Winde von Südwesten nach Nordosten umgesprungen waren und wie in Ostdeutschland die Temperaturen unter Null gedrückt hatten. Aachen z. B., das Sonnabend früh 7 Grad Wärme gehabt hatte. hatte Montag morgen 4 Grad Kälte, und in Dresden war das Ouecksilber innerhalb von zwei Tagen sogar von 9 Grad Wärme auf 5 Grad Kälte gesunken. Dementsprechend fiel nun au allen diesen Orten«chiree, während es unter der Herrschaft der milden Tempe- ratur geregnet hatte. ES verdient beachtet zu werden, daß diese Entwicklung der Wetterlage schon an sich noch typisch winterlich ist. Strenge Frost- verioden werden fast stets durch das Vordringen russischer oder skandinavischer Maxima hervorgerufen. Hat dagegen der Frühling erst einmal eingesetzt, so tritt bei Kälterückfälleii die umgekehrte Erscheinung ein. Dann bringen atlantische, von Westen her vor- dringende Hochdruckgebiete mit ibrcn rauhe» Seewinden den Kälte- rücksall, wogegen den östlichen Hochgebietcn infolge der rascheren Erwärmung der zusammenhängenden osteuropäischen Landmassen Wärme entströmt. Das kann bei besonders zeitigem Anbruch des Frühlings sehr wohl schon in der ersten Märzwoche der Fall sein, und solche warmen Vorfrüblingstage sind zu Beginn deö Monats März ja auch keineswegs eine Seltenheit. Nur dürfen die konti- ueutaleu Maxima nicht wie diesmal aus dem hohen Norden vor- dringen, sondern sie müssen aus dem Südosten des Erdreils heran- nahen, noch besser vom Südwesten durch atlantische Depressionen nach dem Südosten abgedrängt werden. In den letzten Jahren waren winterliche Rückfälle im Frühjahr dem allgemeinen Charakter der fast durchweg milden Winter ent- sprechend ziemlich selten. Einen fast durchweg kalten März hatten wir nur im Jahre 1909, in dem erst mit dem Aequinoktimn die Temperaturen den Gefrierpunkt überstiegen. Aber in jenem Jahre >var ohnehin der Winter streng gewesen und die Kälte hatte sich lediglich vom Februar in den März hinein fortgesetzt; um einen Rückfall handelte es sich demnach nicht. Den wegen seiner histori- scheu Bedeutung am bekaiiiitesten gewordeiie» Kälterückfall im März brachte das Jahr Ibtztz. Am 10. März dieses Jahres, dem Tage, an dem Kaiser Wilhelm I. beigesetzt ivurde, herrschte in Berlin wie in ganz Nord- und Ostdeutschland tiefster Winter. Es herrschten 12 Grad Kälte und eS lag fußhoher Schnee. Die Wetterlage, die an jenem Tage herrschte, hatte denn auch eine ziemliche Aehnlich- keit mit der gegenwärtigen. Einem Hochdruck- und Kältegediet über Skandii'.avicn lag damals eine Depression gegenüber, deren Mini- mum sich allerdings am Kanal befand. Eine gewisse Aehiilichkeit mit dem diesjährigen Winter hatte auch der von 1898/99, der gleich- falls ganz besonders mild war, aber in der zweiten Märzhätfte plötzlich so strenge Kälte brachte, daß niedrigere Temperaturen vorkamen, als sie die vorangegaiigenell eigentlichen Wiiitermonate gehabt hatten,«w wurden am 24. und 25. März 1899 in Thüriiigen, Hannover sowie in ganz Ostdeutschland Temperaturen unter zehn Grad Kälte registriert; Erfurt hatte daiiials 14, Neustrelitz 16, Memel 18 und Lüneburg sogar 19 Grad Kälte. Das sind aber noch lange nicht die lüedrigslen Märztemperaturen, die während der letzten Jahrzehnte in Deutschland vorgekommen sind. So brachte es Niarggrabowa in Masureu am lö. März 1888 aus nicht weniger als 29K> Grad Kälte! Ostpreußen zeichnet sich von allen Gebieten Milreleuropas ja überhaupt durch seinen hartnäckigen, nur schwer weichenden Winter aus. In Mittel- und Westdeutschland dagegen bringt gerade der März besonders gern ungemein große Tempe- raturgegeusätzc. Ein geringer Windwechsel genügt gelegentlich, um das Ouecksilber innerhalb weniger Tage um 20 bis 30 Grad disfe- rieren zu lassen, und oft genug folgt dem verspäteten Winler dann ein jäh hcreilibrcchender Frühling. Das war auch in dem schon er- ivähnteii März des Jahres 1888 der Fall, in welckem die letzte Mouatspeutade plötzlich ganz früdlingshast wurde. Selbst in Ost- deutschland, wo zehn Tage vorher noch 16 bis 17 Grad Kälte ge- wescn waren, stieg das Ouecksilber aus über 20 Grad Wärme; es wurde also geradezu somiiierlich, und es kamen auch schon Wärme- gewittcr vor._ Napoleons wieöerkehr. ,,AI? die Wächter geschlafen haben und die Herren um den Mantel stritten und würfelten, hat der böse Geist, den man sorglos sich selber zur Bewachung übergeben, den Stein von seiner Höhle weggerückt", so verkündete G ö r r e s im.Rheinischen Merkur" die Rückkehr Napoleons von Elba nach Frankreich. Ter erste, der aus deutschem Gebiet die Kunde erhalten hatte, war Metternich, der in seinen nachgelassenen Papieren darüber berichtet. In der Nacht vom 0. zum 7. März hatte er bis 3 Uhr früh eine Konferenz gehabt, und dann seinem Kammerdiener befohlen, ihn nicht im Schlafe zu störe»...Ungeachtet dieses Befehls brachte mir derselbe gegen 6 Uhr früh eine inittels Estafette eingelangte, als dringend bezeichnete Depesche. Als ich auf dem Kuvert die Worte.vom k. k. Geueralkonsulatc in Genua" las und kaum zwei Stunden im Bette >var, legte ich die Depesche uneröffnet auf den nebenstehenden Nacht- tisch und überlieh mich wieder der Ruhe. Einmal gestört, wollte der Schlaf sich nicht wiederfiiideii. Gegen 7ii Uhr morgens entschloß ich mich, die Sckirifl zu erbrechen. Sie enthielt in sechs Zeilen die Anzeige: der englische Kommissar Campbell sei soeben crschie- ! neu, um sich zu erkundigen, ob sich Napoleon zu Genua habe blicken j lassen, denn von der Insel Elba sei er verschwunden." Die Rach- I richt gelaugte nun sofort an die auf dein Kongreß versammelten Fürsten, die nun alle ihre eben noch so heftig aufgeloderten Zwistig- reiten begruben und sich einmütig gegen den Abenteurer wandten. Das größere Publikum des Kongresses erfuhr die aufredende Bot- schaft erst am Abend, wo man sich zu einer Festlichkeit mit lebenden Bildern und Ball auf der Burg versammelte. Die Gräfin B ernstorff berichtet in ihren Erinnerungen, ihr Mann habe es ihr während der Vorstellung zugeflüstert;„denn laut durfte der Rame des besiegten Feindes noch nicht wieder gc- uairnt werden, wenn man auch bis zu diesem Tage gehofft hatte, daß er für immer verbannt sei. Ungeachtet die Politiker gewohnt waren, sich zu beherrschen, so blieb diese Schreckensknnde in ihren Mienen doch deutlich zu lesen. Am tiefsten war sie Tallcyrands Zügen eingegraben; am lautesten äußerte sie sich bei Steward, und Alexanders Blässe, feine gedrückte Physiognomie sprachen deutlich aus, was sein Mund um reinen Preis gestanden häiie. Jetzt schon war seine sonst immer so triumphierende Miene gewichen... Ter Kongreß glich einem Schauspiele bei brennendem Hause. Ter letzte Akt ivurde den Künstlern erlassen. Man dachte allein an Rettung für den Augenblick." Talleyrand hatte auch den meisten Grund zur Angst, denn, wie Erzherzog Johann in sein Tagebuch schrieb: „Es handelt sich um seinen Hals, wenn Napoleon siegt". Es war, wie wenn das steinerne Bild des Komthurs auf Don Juans Freu- dengelage erscheint. Ein anschauliches Bild von dem jähen ischrecke», der alle ergriff, gibt de la Garde in seinem Gemälde dcS Wiener Kongresses:..Tie hohen Herren waren eben auf einem Ball versammelt, als die Nachricht von Napoleons Landung und seinen ersten Erfolgen eintraf. Die Kunde verbreitete sich mit der Schnelligkeit eines rlekiristhen Funkens: der Walzer wird nnier- brachen; vergebens spielt daS Orchester weiter... Der König von Preußen winkt dem Herzog von Wellington: beide verlassen den Ballsaal. Gleich darauf folgen ihnen der Kaiser Alexander, der Kaiser Franz und Herr von Metternich." Wilhelm von Humboldt schrieb am 7. März an seine Frau über diese Vorgänge:„Ich habe Dir heute, geliebtes Herz, eine merkwürdige Neuigkeit zu sagen, die Dich freilich nicht wun- dem wird, weil Du dies Ereignis oft vorausgesagt hast. Napoleon ist mit seiner ganzen, freilich nur 1000 bis 1500 Mann starken Armee von der Insel Elva verschwunden, und man weiß bis jetzt nicht, wohin er sich gewendet hat. Die Nackricht ist heute durch einen Kurier des englischen Gcsandlen in Florenz hier angekom- wen und ist also zuverlässig... Hier wird zwar mit großer, aber des Korsen.„Ein sonderbarer Wechsel der Dinge," schrieb damals der Freiherr vom Stein.„Er, der mich am 15. Dezember 1808 ächtete, wird gegenwärtig in eineii ähnlichen und weit Mim- mere» Rechtszustand durch einen Beschluß der großen, europäischen Mächte gesetzt." Nach Berlin waren Gerüchte von der Flucht Napoleons über Wien am Morgen de? 13. März gedrungen; die ganze Stadt war voll davon; die Zeitungen freilich machten erst am 14. dunkle An- deutungen, und die Wahrheit über die gewaUigen Erfolge Napoleons erfuhr man in den Berliner Zeitungen erst am 6. April. Die Stimmung aber war hier viel geroßter und hoffnnngsfreildiger als in Wien. Wie Stein in dem Wiedererscheineu des Bösen ein Fingerzeidheu Gottes sah, der Preußen helfen wolle, so gab Karo- line von Humboldt die preußische Stimmung wieder, wenn sie am 21. März ihrem Mann schrieb;„In dem großen Weltgericht, das gehalten wird— denn ich gestehe Dir, mir kommen alle Legeben- heiteu so vor— wird es nötig sein, daß dieser Stoff der Gärung dazwischen falle, damit das Gute und das Böse, die Wahrheit und die Lüge sich schärfer sondern." Auch Arndt, der sogleich nah Berlin eilte, war der Hoffnung, daß die lliückkehr des„Greuels" Preußen nur„zu Glück und Ehre" ausschlagen köiinc. Was „Dummheit und Schlechtigkeit versäumt hatten, die notwendige Sicherheit der westlichen Grenzen, das sollte jetzt�„die Not" schaffen. Preußen stand auf wie ein Manu. Die stutze Stimmung und die trotzige Kraft des Voltes, mit der es„das letzte verzweifelie Wage- stück" des großen Abenteurers auftiahm, kennzeichnet Marwitz mit den Worten:„Von Wien her erscholl also wieder die Kriegs- trompete, und da zeigte sich wieder recht lebhaft, wie hoch unser Volk steht über seiner Regierung. Trotz des unverantwortlichen Bctra- gens dieser letzteren war lein Vorwurf, kein Unmut zu hören, und alle? lief augenblick wieder zu den Waffen, beinahe wie vor zwei Jahren. 58] Ueberfluß. 'Zon Martin Andersen Nexö. „Hast Du auch nicht vergessen, die Winterstriimpfe an- zuziehen?" flüsterte Else. �„Ja. und die dicke Leibbinde?" fragte die Mutter.— „Sie hätten gewiß zwei Eier zum Frühstück bekommen sollen," fügte stc bekümmert hinzu. „Gib acht, daß Tu Dich nicht noch mehr erkältest," er- niahnte Else. „Sie haben wohl ein Auge auf ihn?" sagte ihre Mutter, zu Aage gewandt. Dieser lachte gutniütig.„Soll besorgt werden," er- widerte er. Dann saßen sie endlich in der Gig und rollten davon. „Er ist wirklich ungeheuer lieb, Mutter," sagte Else, als die beiden Frauen wieder ins Haus gingen. „Aber gewiß,— es sagt ja auch niemand das Gegen- teil," entgegnete die Mutter lachend. „Aber Du könntest es recht gut selber einmal sagen, — ich muß es immer zuerst tun!" „Ich kann Dir doch nicht nach dem Munde schwatzen wie ein Papagei. Du sagst ja immer dasselbe." „Aergerst Tu Dich auch nie darüber, daß es so ge- kommen ist?" .Mein, warum wohl, dummes Ding?" „Manchmal sagst Tu gar nichts,— das ist dann so sonderbar, und ich glaube, daß Du doch böie bist." „Was ist das für dummes Zeugl Aber nun mach schnell und hol die Holzkohlen. Und nun denk mal nicht an ihn." Es war klares, kaltes Novcmberwctter, hier und da sah man Spuren van Nachtfrost. Karl und Aage fuhren um die Svitze des Fjords herum, rollten über die Brücke an der Wassernüihle und bogen dann zum..Nordwald" hinüber, während sie von allem möglichen sprachen, von Frauen, Geld und Zukunftsplänen. Karl hatte in der Nackst gut geschlafen und war in ausgezeichneter Laune. „Du tust gewiß zu wenig für Deine Arbeit," sagte er. nachdem sie das Fuhrwerk in ein Waldhüterhaus gebracht hatten und einen morastigen Waldweg entlangschlenderten. „Ich fange an. ein schlechtes Gewissen zu bekommen, weil ich Dich so sehr mit Beschlag belege. Wenn Du nun Dein Examen nicht bestehst, was dann?" „Dann zerschmettere ich die Examinatoren." sagte Aage und lachte sorglos. „Das ist allerdings ein Ausweg, um versorgt zu werden. Hilft Nask Dir inuner noch bei der Mathematik?" „Ja, aber ich sänge an zu glauben, daß mir das eher schadet als nützt,— er ist so ausschweifend in seinen Gedanken- gängen." „Er betreibt wohlfeile Philosophie.— Du solltest Dir von mir in den Sprachen helfen lassen." „Ich uiag loirklich nicht so viel über den Büchern sitzen, und wenn die Zeit kommt, findet sich wohl immer ein Aus- weg, durchzuschlüpfen." „Wie denn? Denn Du darfst nur gar nicht glauben, daß Deine Kräfte auf die Examinatoreu Eindruck machen. Leute wie Tu verfallen leicht dem Aberglauben, daß Kräfte alles ausrichten können." „Das glaube ich gar nicht. Aber ich denke oft daran, ob ich nicht die Sache abbrechen und eine Stelle annehmen soll, loo ich meine Talente anwenden könnte. Ich hätte große Lust aufzutreten." „AI? starker Mann— Pum! Guf!" Und Karl pustete sich auf, bis er einen ganz roten Kopf bekam, streifte die Äermel zurück und begann stöhnend mit eingebildeten Lasten zu arbeiten. „Nein, nicht mit Kugeln und Handgewichten. Es müßte etwas Gefährlicheres sein— Tierbändiger zum Beispiel." „Da sind; Kräfte lange nicht so wichtig wie ein starker Wille, und der ist eine Folge der Intelligenz." „Aber wenn die Tiere trotzdem Geschichten machen?" „Eine loohlgezielte Kugel kann einen Löwen fällen— und kleine, magere Leute sollen, wie man sagt, die besten Schützen sein." „Ja, ihn fällen, aber nicht bezwingen! Ich glaube auch nicht an den Willen und den Blick. Ich bin an einen wüten- den Stier herangegangen und habe ihn bei den Hörnern ge- packt, und er hat nur nickits getan, nnd ich will Dir jeden be> liebigen Kettenhund losmachen, von dem Tu's verlangst. Jedes Kind, das keine Angst hat, kann dasselbe tun, denn auf die Furchtlosigkeit kommt es an, und die haben die Starken." „Nein, ich kenne starke Leute, die richtige Memmen sind. Gott weiß, ob Du selber nicht auch so eine halbe bist?" sagte Karl etwas ärgerlich. Aage tat, als ob er nichts hörte: „In Havre habe ich einmal einen Löwenbändiger gesehen, der mit sechs Löwen zu gleicher Zeit manöverierte— sechs Löwen. Du! Er nahm den größten und gefährlichsten von ihnen und trug ihn auf dem Rücken im Käfig umher, während die anderen knurrend hinter ihm schlichen. Als er das Tier aber hinunterwarf, sprang es ihn von hinten an und biß sich in seinen Ann fest. Die Wärter kamen mit Revolvern ge- laufe», um ihm 5" helfen, aber er rief ihnen zu. sie sollten draußen bleiben; sonst lväre es mit dem Respekt wohl ans gewesen. Er schleppte den Löwen mit sich dorthin, wo die Peitsche lag, und peitschte ihn durch, bis er von seinem Herrn abließ. Dann verfolgte er ihn durch den Käfig inmitten der anderen Löwen, die sämtlich Lust hatten, sich auf ihn zu stürzen, und peitschte ihn, bis er auf dem Bauche vor seinen Füßen kroch. Siehst Du, das kann der tun, der die Kräfte hat," sagte Aage und spannte unwillkürlich die Muskeln seines Armes, während seine Augen leuchteten. „Ja, ich danke! In der Gefangenschast hat man die Tiere feige gemacht. Aber nimm mal an, er trifft densetben Löwen draußen in wildem Zustande, dann wird er lvoht nicht so ohne weiteres mit ihm fertig werden. Da ist die Büchse nottvendig, und die ist mit dem Gehirn erfunden und kann ebensogut von einem Scliwaiben wie einem Starken benutzt werden," sagte Karl hochmütig. „Als wir einmal in Kalkutta lagen," fubr Nage mit un- erschiitterUcber Rusic fort,„traf ich einen Missionar, einen richtigen Hünen, der den linken Arm im Kampf mit einem Tiger verloren hatte. Das Tier überraschte ihn, bevor er seine Bückse ergreifen konnte, und da stieß er ihm den Ell- bogen in den Racken und hielt ihn mit dem rechten Arm um den Stacken fest. In richtigem Ringkampf wälzten sie sich auf der Erde, und während der Tiger ihm mit den Krallen Rücken und Brust zerfleischte, stieß er ihm das Knie so kräftig in den Unterleib, daß er für eine Weile die Fassung verlor. Inzwischen zog der Mann sein Messer und tötete das Tier. Aber sein linker Arm war zerschmettert und mußte abge- nomnien werden, und sein Körper war mit langen Starben bedeckt. Da war also von keiner Buchse die Rede, sollt ich meinen." „Er gebrauchte das Messer, da§ kommt wohl ungefähr auf eins heraus." „Der Tiger hatte doch Zähne und Krallen." „Na ja, er hat etneni Tiger den Garaus gemacht— was denn? Eines schönen Tages verschluckt er einen Cholera- bazillus und schwillt an, sein Leib wird wie ein Trommelfell, das mit Tinte überschüttet ist, und er stirbt— unter fürchter- lichen Qualen, dank seinen Kräften. Der Tod verschont nie- manden, er quält bloß die Starken zehnfach." „Kräfte sind doch dos einzige. Die nehmen c? oft mit dem Tode auf, sollt ich meinen." „Ja. damit tröstest Tu Tick,— nnd während Du den einen Angriff abwehrst, erliegst Du einem anderen. Ich habe einmal einen Mann gekannt, der an Magenkrebs litt; die Aerzte hatten ihn aufgegeben und erklärten eine Operation für den sicheren Tod. Trotzdem verlangte er, operiert zu werden, und überstand es. Als er aber ganz gesund war, be- kam er Lmigenentznndimg und starb innerhalb drei Wochen. Man kann sich ans jede Weise schützen, sich abhärten und trainieren, kann vorsichtig, enthaltsam und stark lvie ein Bär sein— und liegt dann trotzdem auf der Niisc. Während der Schwache frei ausgeht. Meine Tante hatte ztvci Brüder, dex Zur Psychologie öes Kriegsfluges. Was die Militärflieger im Kriege leisten, davon erfahren wir lvrhl einiges; was sie aber bei ihren Taten empfinden, darüber ist bisher mir ganz wenig in die Oeffentlichkeit gedrungen. Deshalb verdient ein Beitrag zur„Psychologie de» Kriegsfluges" Beachtung, den ein medizinischer Mitarbeiter der„Times" auf Grund der Er- Zählung eines Militärfliegers bietet. Ter Flieger hatte den Befehl erhalten, nach einem bestimmten Platz zu fliegen und dort Bomben herabzuwerfen,.sein Weg führte an der Meeresküste entlang über ein Landgebiet, das vom Feinde besetzt und sehr stark gegen feindliche Flugzeuge befestigt war. Kurz nachdem er in den Feuerbereich hineingekommen war, sah er sich nach einer Deckung in einer Wolke um, um den: Gegner kein Ziel zu bieten.„Während ich die Atmosphäre unter diesem Gesichtspunkt durchforschte." erzählt der Flieger,„erblickte ich eine schwere Wolke vor mir, die über dem Meere hing. Es war eine graue Wolke; sonst wäre ich nicht hineingeflogen, schwarze Wolken sind ja als äusierst gefährlich bekannt. Fch flog in einer Höhe von etwa 7ötX) Fug, als ich in die Wolke hineinkam. Einige Augenblicke schien alles gut, und die Deckung, durch die ich den Blicken der Feinde verhüllt war, erschien mir sehr willkommen. Die Wolke war von der Art der schäfcheuwolken, und ich konnte meinen Kompasi und Barometer ganz deutlick erkennen. Aber nach kurzer Zeit wurde der Nebel dicker, und ich fühlte, dasz ich meine Erientievung verlor. Ich flog sehr rasch, aber ich mutzte nicht, in welcher Richtung. Mein Kompatz drehte sich ganz sonderbar und unverständlich, und das Baro- meter sing an zu fallen." Diese Beobachtungen riefen bei dein Flieger� noch keine Unruhe bervor; aber recht unangenehm lvar ihm die sache. Infolge der itarken und gegensätzlichen Luftströmungen, die sich in der Wolke begegneten, begann die Maschine heftig hin und her zu schwanken Der Flieger wurde so stark von einer seite nach der andern ge- schleudert, datz es ihm sehr schwer wurde, das Steuer weiter zu handhaben. Ter Wind heulte und sauste um ihn, die Dichtigkeit der Wolke wuchs von Augenblick zu Augenblick, und schlietzlich konnte er überhaupt nichts mehr sehen, hatte keine Ähnung mehr von der Stellung der Maschine im Raum. Plötzlich wurde es ganz dunkel, so undurchdringlich finster, datz er die Hand bor den Augen nicht erkennen konnte. „Ich war auch jetzt noch nicht erschreckt," berichtet der Flieger über seine Gefühle.„Aber ich dachte allmählich, datz von dem Feinde erschossen zu werden das kleinere von zwei Uebeln gewesen lväre. Doch zuin vielen Nachdenken hatte ich nicht Zeit; ich mutzte vielmehr all meine Ueberlegung in dieser schwierigen Lage zu- sammcnnehmen. Ich fühlte mich vollständig verloren. Ich mutzte nicht einmal, in welchem Winkel zur Erde die Maschine dahinflog, und befürchtete jeden Augenblick, datz sie bei dein furchtbaren Schwanken ganz umkippen und sich umdrehen könnte. Daher machte ich den Versuch, aus der Wolke herauszukommen, handhabte d .Höhensteuer, und im nächsten Augenblick war alles um mich herum vollkommen still. Aber meine Maschine gehorchte mir nicht mehr. Alles drehte sich um niich herum, und ich weitz nicht, was vor sich ging. Ich fühlte, datz der Gurt, der mich hielt, sich ganz straff zog; datz ineine.Körperlage sich verhängnisvoll veränderte. Ich suchte mit allem Ausgebot meiner Kräfte mich ausreckt zu erhalten, uiid dann kam eine stumpfe Verzweiflung, ein Gefühl der völligen Leere über nlich, wie wenn alles aus wäre. Aber plötzlich machte diese Verzweiflung einer großen Ruhe Platz. Ich hatte alles versucht, und mir war alles mißglückt. Ich wußte das ganz genau, und doch überkam mich statt der Angst ei» wuirdervolles Sicherheitsgefühl; es war die angenehmste Empsinduiig, die ich je gehabt habe. Unter» dessen fiel ich mit meiner Maschine unaufhörlich in einer Ge- schivindigkeit von etlva 300 Kilometer in der Stunde. Das Nächste, an das ich mich erinnere, ist, datz mein Haltegnrt ivicder schlaffer wurde; ich klammerte mick automatisch an meinen Sitz und ücmrnte die Knie an, um mich festzuhalten. Nun hatte ich gar keine Angst mehr. Ich fühlte überhaupt nichts. Dann fiel die Maschine auf einmal aus der Wolke heraus, und ich sah das Meer unter mir schäumen und branden. Meine Hände ergriffen automatisch die Steuer, und in einer Höbe von t500 Futz bekam mein Apparat sein Gleichgetvicht. Dann hörte ich in kurzen Unterbrechungen ein merkwürdig schnappendes Geräusch in meinen Ohren und stellte fest, datz ich taub lvar. Ich konnte meine eigene Maschine nicht mehr bören." Tie Taubheit kam von dem sehr schnellen Herabfallcn�und dem plötzlichen Anwachsen des atmosphärischen Druckes. Äie hatte augenscheinlich auf den Flieger eine psychologische Wirkung gehabt, indem von ihr jene Stille und Ruhe ausging, die dem Mann seine Sicherheit wiedergegeben hatte. Trotz der Erschütterung seiner Nerven durch den ganzen Vorfall flog er bis zu der befohlenen stelle und warf feine Bomben. Kaum hatte er dies getan, so trat eine völlige Veränderung seines Gefühls ein.„Ich war sv glück- lich, datz ich jauchzte," bekennt er.„Ich konnte mich gar nicht halten und fühlte in allen meinen Taschen nach, ob ich nicht nock etwas zum Herunteriversen hätte. Ich fand aber nur meine Streich- Hölzerschachtel, und so schmiß ich die noch herab." Für die An- nähme, datz die Maschine sich während des Falles wirklich um- gedreht hat, spricht die Tatsache, datz der Revolver des Fliegers aus seiner Tasche ans dem Apparat herausgefallen war. eine lvar als Junge kränklich und saß immer in der Stube; er lebt heute noch und hat Kind und Kindeskinder. Ter andere war ein kräftiger Knabe, der immer im Freiem sein und sich Bewegung machen mußte. Eines Tages spielte er mit einigen anderen Jungen oben auf dem Speicher Auf- hissen. Beim Spiel bekam er den Strick um den Hals, und lot lvar er." Aage hatte angefangen zu pfeifen.„Ich finde diese Ge- schichten nicht sehr amüsant," sagte er, als Karl innehielt. „Das wollen sie auch gar nicht fein, sofern Tu den Tod nicht als den großen Humoristen auffassen willst. Nimm eininal an, er wäre hinter einem von uns beiden her, und als das Leckermaul, das er in Wirklichkeit ist, erwischte er Dich lind ließe mich laufen; das wäre doch ganz witzig, was?" Aage zuckte mit den Achseln.„Ich würde dem Tode guten Tag wünschen und meine geballte Faust in seine Knochen- fratze pflanzen," sagte er und lachte etwas gezwungen. „Natürlich I lind ihn kleinhacken und mit Pfeffer und Salz aufessen— nicht? Aber Du. der Tu den starken Manu machst, hast wohl von dem Bleidecker in Kopenhagen gehört? Er war der stärkste Mann in Dänemark und konnte zwölf Mann auf den Schultern tragen; aber eines Tages fiel er nichtsdestoweniger vom Dach und war tot. Ich könnte Hunderte von ähnlichen Fällen aufzählen." „Warum sammelst Du so dumme Geschichten?" fragte Aage unwillig. „Weil ich Gefallen daran finde," entgegnete Karl neckisch. „Du sammelst ja auch Geschichten, aber die Deinen haben Krämermoral, sie berechnen das Tier nach Gewicht und Fett- menge. Die meinen befassen sich nicht mit Moral, sie ver- herrlichen bloß die große Tatsache, die alle durcheinander trifft— Dich auch." Er grinste boshaft, und der scharfe Mund mit den weißen Zähnen und dein blutleeren Zahn- fleisch, die eingefallenen Schläfen und Wangen, die finsteren Schatten unter den Augen,— das Ganze erinnerte Aage einen flüchtigen Augenblick an einen grinsenden Totenkopf. „Wir gehen so langsam," sagte er und schritt schneller aus. Eine Weile wanderten sie schweigend nebeneinander. „Sag mal, Aage," rief Karl plötzlich,„hast Du nie Angst vor dem Sterben gehabt?" „Nein," erwiderte Aage kurz und schleuderte einen Stein in eine Tanne hinauf, und die Tannenzapfen rieselten herab. „Stell Dir ein großes Hackemesser vor, dem Du langsam entgegengleitest— immer ganz wenig, vielleicht nur um eine Linie in der Stunde oder eine jeden Tag, aber unweigerlich bewegst Tu Dich darauf zu. Tu kannst die Augen nicht von dem Messer abwenden, Tu siehst es wiegen und zerteilen. und Du denkst Dich darunter, jede Stunde, und erleidest Deinen Tod unzählige Male, bevor er eintritt. Und wenn er dann wirklich kommt, sind Deine Sinne schlaff und abge- stumpft von allen den eingebildeten Leiden, und Du hast nicht einmal die Fähigkeit, die große Tatsache zu genießen, das ist fast das Entsetzlichste." (Forts, folgt.) Eine einheitliche Weltkarte. In einem„Der gegenwärtige Stand der Länderkunde" betitel- ten Aussatz in den„Naturwissenschaften" berichtet Prof. Sapper auch über den Plan, eine Karte der ganzen Welt nach einheitlicken Grundsätzen herzustellen. Ueber die Grenzen und Ausdehnung des festen Landes ans der Erde sind wir bis auf den antarktischen Kontinent ziemlich gut unterrichtet, aber über die innere Gestal- tung des Landes sind mir noch in weiten Gebieten im unklaren. Im nördlichen Polargebiet hat Nansens genial durchgeführte Drift- fahrt(1893— 1896) mit der eigens für diesen Zweck gebauten „Fram" durch das zufolge der wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Expeditionen der letzten Jahrhunderte ständig verkleinerte unbe- kannte Gebiet ein so Helles Licht über die Natur der betreffenden Erdräume verbreitet, datz die Erreichung des Nordpols durch Pearl) (1999) überraschende Entdeckungen nicht mehr zu bringen vermochte. Die kleine Fläche des arktischen unbekannten Landes östlich von Nansens Route ist neuerdings durch den russischen Forscher Wil- kijzki wesentlich eingeengt worden, dem es gelungen ist, nördlich von Kap Tscheljuskin eine langgestreckte neue Insel zu entdecken. Im Südpolarkontinent hat zwar Amundsen am 21. Dezember 19l1 den Südpol erreicht und ebenso die auf dem Rückmarsch zu- gründe gegangene Expedition von Scott am 18. Januar 1912, und man weiß, datz der Pol in einem Hochland in 2899 bis 2999 Meter Höhe liegt. Aber eine Turchquerung dieses Kontinents von der Weddelsee bis zum Rotzmeer ist zwar von mehreren Expeditionen geplant, bisher aber noch nicht ausgeführt. In Zentralasien ist auf loeite Gebiete durch Sven Hedin, M. A. Stein und andere Forscher helles Licht verbreitet. Ebenso ist Afrika im Laufe der letzten Jahrzehnte recht intensiv durchforscht worden; freilich nicht nnr aus rein geographischem Interesse, son- dern ini Zusammenhang mit wirtschaftlichen und politischen Ge- sichtspunkten. Auch die Wüstengebiete Australiens sind durch ver- hältnismätzig wenige Dnrchquerungen und Vorstöße ziemlich gut bekannt geworden, dagegen sind loeite Urwaldgebiete Neu-Guineas und Borneos und selbst vieler kleinerer tropischer Inseln noch ganz ungenügend bekannt, und auch über viele waldbedeckte Gebiete Mittel- und Südamerikas wissen wir nur wenig Sicheres. Wir müssen sogar annehme», so merkwürdig es auch klingt, datz die Karten, die Cortes 1521 von den Indianern für seinen großen Zug von Südmexiko nach Honduras erhielt, in einzelnen Teilen richtiger gelvcsen sind als unsere gegenwärtigen Karten, so datz man sogar zeitweilige Rückschritte unserer Kenntnisse zugeben mutz. Es kann gar kein Zweifel darüber bestehen, datz besonders südameriM gegen- lvärtig sehr viel weniger gut bekannt ist als Afrika, obgleich die erste Durchquerung Südamerikas schon toll erfolgte, während Afrika erst im letzten Teil des 19. Jahrhunderts zum ersten Male durch- gucrt worden ist. Neben dem geringen geographischen Interesse in vielen Teilen des lateinischen Amerika liegt das an dem Wald- reichtum, da im Urwald der Reisende naturgemäß nicht ein so großes Gebiet überschauen kann wie in einer waldarmen Gegend. Bei der großen Verschiedenheit unserer Kenntnisse über das Innere der Landgebiete— sorgfältige topographische Äandesauf- nahmen auf Grund genauer Triangulation existieren in den außer- europäischen Kontinenten nock recht wenige— stieß der Vorschlag, eine einheitliche Erdkarte im Maßstäbe von 1: 1 999 999 herauszu- geben> den zuerst Peuck 1891 ans dem Internationalen Geographen- kongretz in Bern machie, aus großen Widerstand. Zu Anfang des 29. Jahrhunderts lvurde aber über viele Einzelfragen eine Eins- gung erzielt, und 1999 kam ans Einladung der englischen Regierung eine Weltkartenkoiiserenz in London zustande, die Klarheit über die grundlegenden Fragen der Blattcinteilung, Projektion, Geländedar- stellung usw. brachte. Auf dem Internationalen Geographenkongretz in Rom im Frühjahr 1913 konnten bereits Stichproben von Blättern dieser einheitlichen Erdkarte von verschiedenen Staaten vorgelegt Iverden. Doch zeigten gerade diese die Notwendigkeit neuer Bc- sprechungen, die im Dezember 1913 aus Einladung der französischen Regierung in Paris stattfanden. Freilich konnte auch da noch nicht alles vollkommen geregelt werden, doch sieht man— allerdings erst wenn der Friede wieder ein internationales Zusammenarbeiten er- möglichen wird— der Verwirklichung einer einheitlichen Darstellung der festen Landflächen entgegen. Der Hauptgewinn solcher inter- nationaler Zusammenarbeit wäre eine bessere Nergleichbarkeit der Einzelergebnisse, womit zugleich ihre raschere und vollständigere Auswertung angebahnt würde: ein Gewinn für die Wissenschaft und eine Ersparnis an Arbeitskrast! Der erste Unterseekampf. Schon im nordainerikanischen Freiheitskriege(1775—83) wurde ein Unterseeboot, die Erfindung des Amerikaners David Bushuell, verwendet, um die englische Blockade zu brechen. War auch die Form und Einrichtung durchaus verschieden von der unserer heutige» Tauchboote, so lag ihm doch dieselbe Idee zugrunde. So wurdo das Sinken durch Aufnahme von Wasserballast bewirtt, wobei ein Korkschwimmer in gläserner Röhre die erreichie Tiefe an- gab; ebenso erfolgte der Ausstieg durch Auspumpen des Wassers und nöligeufalls durch Abwerfen eines zwei Zentner schweren Gewichtes von dem mit Blei ausbalancierten Boden. Das schitdkrötensörmig gestaltete Fahrzeug war im übrigen aus Holz gebaut. Es wurde durch eine mit der Hand gelriebeno horizontale und eine venikale schraube fortbewegt und erreichie iin besten Falle eine Geschwindigkeit von 5 Kilometer in der Stunde. Die Steuerung geschah dabei durch ein flossenähnlich gestaltetes Ruder nach dem Kompatz, der durch phosphoreszierendes Holz not- dürftig beleuchtet war. Sonst fiel nur schwaches Dämmerlicht durch die mit dicker Glasplatte verschlossene Einsteigöffnung, wenn � das Boot in geringer Tiefe weilte. Obwohl der Aufenthalt in dem selbst dem Erfinder wenig vertrauenerweckenden Fahrzeug eine rechte Qual sein mutzte, fand sich doch ein Mutiger, der einige Probefahrten wagte und es selbst unternahm, eine mit 139 Pfund Pulver geladene Mine an eines der vor New Dort liegenden Kriegssckisse beranziibringen. Sie sollte durch das Nüttels Uhrwerk ausgelöste Schloß einer Feuersteinflinte zur Entzündung gebracht werden. Das Vorhaben wurde jedoch noch rechtzeitig entdeckt, und nur mit Mühe gelang es dem Tauchboot, zu entkommen. Immerhin bleibt seinem' kühnen Führer das Verdienst, zum erstenmal die Sprengung eines Kriegsschiffes versucht zu haben. Was damals aber mehr ein tollkühnes Beginnen lvar, ist heute der Schrecken des Meeres und des auf seine Beherrschung pochenden Englands. kleines Feuilleton. das Eiserne kreuz öes wilöerers. In der„Deutschen Jägerzeitung" erzählt Dr. Hornung, zurzeit Stabsarzt im Felde, folgendes Schlltzeiistückchen aus dem Felde: Der Sckuhmacker Georg Mühlberger aus Prien am Chiemsee, vom Volte d.r„Radlscknasta" genannt, machte in den letzten Jahren ganz Oberbayern in dem Matze unsicher, datz schlietzlich ein Preis von 499 M. aus seine Ergreifung ausgesetzt wurde. Vor anderthalb Jahren verschwand er. Als der Krieg ausbrach, war der Radlschnasta da. Ick lernte ihn bei folgender Gelegenheit kennen: Das dritte Bataillon des zwölften bäherischen Reserve- Infanterie- Regiments, das sich den Namen des„eisernen Bataillons" verdient hat, sollte einen Graben nehmen. Der Führer der neunten Kompagnie, die zur Wegnahme bestimmt war, wendet sich an eine Gruppe und fragt, wer als childträger, Sckarsschütze usw. vorausgehen will. Die ganze Gruppe, lauter Landwehr II, meldet sich. Der Leutnant be- prickt dann die näheren Anordnungen mit dem Zugführer. Da fragt ein Mann, der aus dem Sckiitzenlvch sehr intereisiert zugehört hat: „Herr Leutnant, darf ich nickt auch mittun? Ich bin nämlich ein Wilderer und schieß' nit schlecht?" Seine Bitte ward ihm na- liirlich gewährt. Dann melden sich die Leute beim Baiaillonsführer mit Namen. Zum Müblberger sagte er:„Also Sie sind der Wilderer?"„Ja. Herr Hauptmann, 499 Mark sind auf mich aus- gesetzt. Glauben's, datz sie mir noch was tun? Gelt, ich glaub' nickt, Herr Hauptmann?" Jeder Mann bekommt ein paar Zigaretten und dann sagt der Hauptmann:„So, nun macht Eure Sache gut, und wenn Ihr Euch brav gehalten habt, gebe ich Euch jedem die Hand I" Es geht auf Leben und Tod, und als Belohnung sieht ihnen ein Händedruck ihres Hauptmanns in Aussicht, bezeichnend für den Geist, der in dieser Truppe herrscht. Am anderen Tage findet der Angriff statt. Mühlberger ist als Scharssckiitze zur Deckung der Schildträger eingeteilt. Da die Grabenbarrikade, über die er schießen soll, hinderlich ist, tleltert er auf sie hinauf und schießt Vvn dort, frei stehend, mittags 11 Vz Uhr. im heftigsten feindlichen Feuer 45 Franzosen nieder. Er selbst wird nur leicht verletzt. Das Eiserne Kreuz und die goldene Tapferkeus-Medaille sind sein Lohn.— Hoffentlich findet sich nach dem Feldznge ein Jagdherr, der die Jagdpassion dieses schneidigen Kerls in die gesetzlichen Bahnen leitet. Er war übrigens während seines anderthalbjährigen Ver- schwundenseins unter falschem Namen in Tirol. Kriegsgebräuche. Der„Komo sapionti" hat zwar, gleich allen anderen Tieren, von jeher lriegerische Instinkte gehabt, aber doch nicht so wilde, datz er nicht— das mutz zu seiner Ehre anerkannt werden— immer den Wunsch gehabt hätte, den Krieg selbst möglichst wenig grausam zn gestalten. Das wird in einer vor kurzem in der„Minerva" ver- öffentlichten Abhandlung über die Kriegsgesetze vergangener Zeiten im einzelnen nachgewiesen. Die ältesten Kriege allerdings— in erster: Linie die Kriege der Sage— waren fast durchweg Ausroltungskriege; aber schon in den indischen Gesetzen Manns, des Vaters der Menschen, findet man Vorschriften über das Verhalten der Kriegführenden. Die Geschichte der großen Völker(Hebräer, Perser, Griechen, Römer) erzählt von gewissen Grenzen, die der Anwendung kriegerische!: Mittel gesetzt waren: es war vor allem verboten, den Feind hinter- rücks zu löten. Der Islam, der den Krieg gegen die Anders- gläubigen als eine Pflicht betrachtete, in der Periode seines Glanzes aber alles nach bestimmten Vorschriften regelte, schuf im Jahre 1289 ein richtiges Kriegsrechtsbuch. Vorher schon hatte die katho- tische Kirche gegen gewisse Auswüchse der Kriegsführung gepredigt, und ein Konzil verdammte im Jahre 1139„die Hassens- werte Kunst der Armbrustichützen". Einige Fürsten kümmerten sich nicht um diesen Bannfluch und rüsteten ihre Truppen trotzdem mit Armbrüsten aus. Also tat auch Richard Löwenherz. Als er dann aber selbst durch einen Armbrustschützen gelötet wurde, sah das Volk in diesem Tode eine göttliche Slrafe, und das Verbot wurde bestätigt. Feuerwaffen galten in der ersten Zeit als un- ritterliche Kampfmittel. Der Marschall Montluc erzählt in seinen „Kommentaren", datz zu seiner Zeit die Träger solcher Waffen nie- mals als Kriegsgefangene behandelt, sondern mitleidlos nieder- gemacht wurden. Ebenso behandelte man lange Zeit auch solche Soldaten, die die Lanze mit der Muskete verbanden und aus diese Weise sich eine Art Bajonett zurechtmachten.... Notizen. — Friedrich-Wilhelm st ädtisches Theater. Her» mine Bosetti ist immer noch eine Gesangskünstlerin von fahelhaftei: Technik und wenn das Orchester nicht reichlich derb und im Tempo nicht manchmal etwas wunderlich geweien lväre, hatte allein schon ihre Susanne genügt, um„Figaros Hochzeit" auch an dieser Slätte hörenswert zu machen. Zum Glück war aber auch bei den lokalen Kräften nicht nur viel Eifer, sondern auch allerlei Talent zn spüren. Sv verhalfen Julie Kaesser als Gräfin und besonders Hellmuth Berndsen als Figaro manchen! Ensemblesatz zu schöner Wirkung. Reckt gut. wenn auch gerade keine Mvzartsängerin, ist ferner Rosa Sachse-Friedel. — Theaterchronik. In M o n t i s Operettentheater findet die Erstaufführung des Alt-Wiener Singspiels„Hoheit tanzt Walzer" nunmehr definitiv am Sonnabend, 13. März, statt. — Die„Neue M ü n ch e n e r Sezession" erlätzt folgende Erklärung:„Wir wurden anläßlich unserer FrühsahrS-Ausstellung im Kunstverein vvn einem großen Teil des Publikums und der Presse in einer Art und Weise angefeindet, die jeder Sachlichkeit Huhn spricht. Münchener Persviilichkeilen spendeten diesen! Belragcir Beifall. Man nennt uns entartet und irrsinnig, � Jugendverderber, tlnratsverbreiter und Nachschleicher der Kunst unserer Feinde, kurz Verräter am deulschen Geiste. Diese sinnlose Anmaßung weisen loir zurück, die Beschimpfungen prallen an uns ab. Wir sind von unseren Bestrebungen überzeugt, und deutsch ist, datz wir dafür kämpfen und uns nicht beirren lassen. Wir arbeiten weiter." — Die Erfindertätig keit während desKrieges in Deutschland hat, wie aus der Statistik des laiserlichen Palein- amtes hervorgeht, nicht nur nicht gelitten, sondern ist zweifellos durch den Krieg wenigstens ans einzelnen Gebieten angeregt worden. In der ersten Woche nach Kriegsausbruch liefen noch 287 Palen!- anmetdungen ein, ihre Zahl fiel in der letzten Sepiemberwoche ans 291 und stieg in der letzten Woche, die die Statistik noch aufweist (9. bis 14. November) auf 339. Die Zahl der Patentanmeldungen hat durchschnittlich wöchentlich nach einer Kriegszeit von vier Mo- naten um mehr als 199 gegenüber normalen Zeiten zugenvniinen. — Krieg und K o r n p r e i s e. Eine vergleichende Zusammen- stellung der ainerikanischeu Kornpreise in früheren Kriegen veröffent- licht„Scotsman" vom 3. März. In den napoleonischen Kriegen stiegen die Kornpreise von 3 s W/.j d den Buihel auf beinahe 12 ss 6 d, im Krimkriege von 1 s 7 d den Bushel auf beinahe 7 l 8 d, im amerikanischen Bürgerkriege von 2 s 7 d den Busbel auf beinahe 11 s Od, im spaiiiich-amerikanischen Kriege von 2 s 7 d den Busbel auf beinahe 7 s 8 d, im russisch-japanischen Kriege von 3 s 1 d den Busbel aus beinahe 5 s, im russisch-türkischen Kriege von 3 s 5 d auf 7 s B d. — An Lazarettbüchereien hat die Deutsche Dichter- Gedächlnis-Slistung in Hainburg-Grotzborstel im Februar verleill: 4659 Bücher, 2349 Zeitschriftenhefte, 371 Bilder. 4 Spiele und 199 Karten. Seil Ausbruch des Krieges ist die Zahl der durch die Sliflung an Lazarette verreilien literarischen Gaben auf folgende Summen gestiegen: 73 791 Bücher, 33 515 Zeilichriftenhesle, 3925 Bilder, 18 Spiele und 499 Karten. In letzter Zeil sind be- sonders zahlreiche Gesuche der Truppen in der Front um Ueber- sendung von Büchern und Zeitschriften eingetroffen. — Die verwandelte Venus. Ein Bild des alte» biederen Cranock. der aber auch ganz gern nackte Mädchen malte, in der Schleitzheimer Galerie stellt eine heilige Jnliana vor. Bei einer vorgenommenen Restauration stellte sich nun heraus, datz die Heilige durch Uebermalung einer nackten Venus entstanden lvar. — Amerikanischer H u in o r. Ein amerikanisches Blatt bemerlt zu der internationalen Lage:„Wenn die Schiffsankaufs- Vorlage durchgeht und die Regierung deutsche Schiffe lauft— und die Deutschen die Schiffe, die sie eben gekauft haben, in die Luft sprengen— und das Verkaufsgeld für die Schiffe sich in den Schiffen selbst befindet, wenn sie auf dem Wege nach Deutschland in die Lull gesprengt werden: werden dann Amerika und Deutschland nicht einen Haufen Geld aneinander verdienen? I" Vecänkwörtlicher ReLftuur: Alfred Wiclepp, Neutölln. Für den Lnseräkenteil veranlw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u-Berlag: Vorwärt» Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co* Berlin SW,