f 0 Zonnttstllg, L8. Mm. Wie etttche von pikrocholSers tzaupt- leuten ihn öurch hitzige Rcckfchla'ge in Gefahr brachten. Bon F r a n 9 o i» R a Zd c l a i s.� AIS sie die licbon Wcckcn heroinbugskrt Ijittten, tonten der Herzog von Borztittgen, Graf Raufocgcn und Hauptmann SchiffM- dutz vor ihren König und Huden an:.Hoher Herr, heute noch machen Untertänigsten Dank! Mit schuldigem Gehoriain? Unser Plan ist so: Ihr lasset einen Hauptmann mit ein paar Soldaten zum Lchuhe dieses Platzes, der imi mit den Wällen, die nach«äurcr Hoheit Plänen aufgeworfen sind, reichlich stark befestigt erscheint. Euren Heerhaufcn teilt Ihr in zwei, wie Ihr das ja bei Eurer Weisheit von selbst angeordnet härtet. Tie eine Schar fällt über diesen Graunzgoscher und sein VöMein her und lvirft Q->, versteht sich, beim ersten Ansturm wie im Hcmdutndr>chen! Nun bcrstärit Ihr Enrc Kcicgskpisc; denn der Schuft hat Geld in Hüll« und Fülle. Ter Schuft, sagen wir, denn ein anständiger Fürst hat niemals Geld. Tukalcn hüten ist schuftig. Tic andre Abteilung zieht uvterdeS nach OniS, AngomoiS und Gaslonien. dann im Hui imch lötedoc, Perigord und der Bordcauxcr Heide. Ohne viel Federlesens nimmt sie Städte» Schlösser und Festungen. In Bayonne und Forrtcrrabic seid Ihr Herr über alle Echifse und segelt der Küste entlang nach der Paskci und Portugal. Ihr plündert alle Hafenplätze bis mach Lissabon und erbeutet im Hui alles, was ein' Eroberer braucht, Potzhagelwettcr! Spanien � fällt Euch zu Füsien. Was sollen die Hundsfötter sonst tmr� Ihr fahrt durch die sibyllinische Meerenge und pflanzt zum ewigen Ge- dächtniS Eures Namens zwei«äutcn, die ans des Herakles seine herunwrschauen ivic auf Zwetschgcnkerne. Und die Meerenge wird von Stund an die Pickcrkoller Stiwsic heitzcn. Ihr segelt da vorbei, und Khair Eddhn üiotbart übergibt Euch seinen Säbel und wird Euer Sklave."—„Ich werde ihn gnädig be- handeln," nickte Pikrocholler.—„Wohlgvohl," pflichteten sie bei, „aber taufen muß er sich lassen! Darauf erobert Ihr die Reiche von Tunis, Hivpo, Algier. Karthago, Cyreno, kurzweg das ganze Berber- gebiei. Ptajorka, Minorka. Sardörien, Korsika fallen Euch in die Hand samt den andern Inseln des ligurischen und baleariscken Meeres. Ihr haltet Euch nach links und unterwerft das navbonnische Gallieit, die Provence, die Allloürogcr, Genuesen, Florenz, Lucca, und dann gute Nacht, Rom! Ter amuc Herr Papst fällt schon in Todcskrämvse vor Angst."—»Ha, bei meinem Bart, ich lüsi' ihm den PanioncI nicht!" krofcclto Pitrocdollcr. .,Ital?en steck: Ihr in die Tasche, und Neapel, Ealabricn, Apulien, Sizilien und Malta bindet Ihr als Teckel obendrauf. Schade, da? die netten Iohanmterritie.r nicht mehr dort sind; ich möchte die'Herrletn gar zu gern vor Angst ihr Wasser abschlagen sehen."— Nach Loretto Word' ich gerne vilgern," meinte Pikro- chollcr.—„Keine Rede," wehrten sie ab,„erst auf dem Rückweg. Vorderhand machen wir Candien. Eypern, RhoduZ und die Enklaven uns zu eigen und sabren dann über Moroa her. UnS gebort eS! Heiliger Truthahn! Gott schütze Jerusalem! Smou schmilzt der Sultan vor Eurer Allgiuvalt."—..Wcrd' ich," wart der König ein. „den Tempel Lmlomonis ausbauen lasten's"—„Nein, nein, noch nicht; wartet noch ein Weilchen. Ihr seid viel zu rasch und hitzköpfig. Wißt Ihr nicht, was Oktcwianus AugufluS sagte? llcstine lente! Eile mit Weile! Erst müßt Jbr Kleinas ictn untersochen und Caricn, Lstkien. Pamphilicn, Cilicien, Lydien, Phrchgicn, Mysien, Bethynicn, Eharazien,«atolien. Castameua. Savaj«, bis zu:u Euphrat."— „Bekommen wir." fragte Pitrocholler.„auch Babylon und den Berg Sinai zu sehen?"—-„Das braucht's jetzt»rcht. Habt Ihr denn nicht genug, wenn Ihr das hyrlanisch« Meer zu wchiff, beide Armenien und alle drei Arabien zu Pferd durchquert habt?" „Ach du lieb« Zeit, was sind wir für Toren," klagte der König plötzlich,„wir armen Würmer!"—„Wieso denn?" fragten sie.— „ Ja, was sollen wir denn in der Wüste trinken? Julian AugustuS und sein ganzes Heer ging dort vor Turst elendiglich zugrunde, wie die Geschichte vermeldet."— Da beruhigte« sie ihn:„Tafür haben � Ein zeitgemäßes Kapitel aus dem„Gargantua" des fraw zäst schon Aufklärers und Satirikers Rabohiis, der im Iii. Jahr- hundert lebte. Wir benutzen die ausgezeilcknete Ucbcrsetzung. die Engelbert Hegaur und Dr. Owlglaß vor einigen Jahren bei Alben Langen ljaoen erscheinen lasten. »vir bereit? gesorgt. Im syrischen Meer schwimmen Euch 9014 große Schiffe voll des besten WeineS der Welt; sie steuern nach Jaffa. Tort waxtcn schon 920 000 Kamele und 1600 Elefanten, die Ihr aus einer Treibjagd bei SigeilmiS gefangen habt, als Ihr nach Lydien rücktet, wobei Euch auch die ganze Karawane von Mekka in die Hände sicl. TaS reicht doch wohl, um Euch nicht ohne Wetu zu lassen?"— „Ja, ja; aber er ist nicht sehr frisch, find' ich," meinte er kopfschüttelnd.—„Potz Karpsenleber," fluchten sie,„ein Held, ein Er- oberer, ein WeUbozwmger kann nicht immer alles nach Wunsch ge- polstert und gefüttert haben. Tankt Gott, daß Ihr mit Eurem Heer heiler Haut wenigstens bis zum T'gris vorgedrungen seid." __„Aber," fragte cr_ dazwischen,„was schaffen unterdes meine vaoldamu. die das Bürschlein von Grandgosier durchgewalkt haben?" —„Ol die faulenzen auch nicht," beruhigten sie;„die stoßen jetzt glctcb zu uns. Sic haben nämlich inzwischen die Bretagne,!:>tor- mandic, Flandern, Hennegau, Brabant, Artois, Holland und See- land erobert. Sind über den Rhein gerückt, trotz der Schweizer und Landsknechte; etliche haben auch Luxemburg, Lothringen, die Champagne und Savoycn bis Lyon zahm gemacht, und dort treffen sie Eure Besatzung, die von einem Mittclmeerzng triumphierend heimkehrt. Sie vereinen sich wieder im Böhmcrlaüdc, nachdem sie Schwaben, Bayern, Oesterreich, Mähren und Steiermark ausgc- beutalt haben. Dann gebt» lustig über Lübeck, tstouocgen, Schwe- den, Dazieu, Gotland, Grönland und Esthland bis zum Eismeer. Fallen drauf über die Orlädcn her und machen Schotilmid, England uiid Irland zunichte. Fahren dann durchs Sandmocr und das Sarmaiengeb ic: und werfen Preußen, Polen, Litauen, Rußland, die Walachei, Ungar», Bulgarien und die Türkei vor sich nieder und stehen, eh' man's denkt, in Konstantinopel."—„Ja! und da vereinen wir uns alsbald mit ihnen," bcrrästigtc Pitrocholler, „denn ich möchte noch Kaiser von Trapezunt werden! Und sollen ivir nicht diese Hunde von Türken und Mohcnmnedancrn alle um- bringen?"—„Ei freilich! Was denn sonst? Potz Teufel! Und ihr Hab und Gut schenkt Ihr Euren getreuen Dienern."—„Ganz recht, so verlangt's die Billigkeit. Ich Übertrag' Euch Earamanien, Syrien und ganz Palästina."—„Ol" wehrten sie,„Herr König, zuviel der Gnade! Untertänigsten Tank! Gott erhalte Euch seine Huld!" Da» alles hörte ein alter Rittersmann mit an, der im Kriege wohl erfahren und mit bieleu Wastern gewaschen war. Er hieß Wismund und bemerkte auf die Grohmäulereicn der anderen: „Ich fürchte bloß, dies ganz Wegewesen nimmt ein Ende wie die Geschichte mit dem Milchtops, von dem ein Schuhflicker träumte, wie reich er damit fei; da zerbrach am anderen Morgen sein einzig Näpflein, und er hatte nichts zu beißen noch zu uagen. Was soll die ganze Eroberet? Was wollt Ihr denn mit Euren Kreuz- und Ouerfahrten?"—„Behaglich ausruhen wollen wir uns, wenn wir »aiedcr daheim sind," antwortete Pitrocholler.—„Und wenn Ihr gar nicht mehr heimkommt? Tic stieisc scheint mir lang und ge- sahrltch. War's nicht gescheiter, jetzt gleich auszuruhen, ohne Eure Haut er!t zu Markte zu tragen?"—„Ei ja, warum nicht gar," höhnte Graf Raufdegen, �.das ist ein löblicher Borschlag; setzen wir uns doch in den Ofemvinkel und helfen unseren Damen Perlen einfädeln oder Wolle wickeln, wie weiland Konig Sardanapat. Wer nicht wagt, der gewinnt weder Pferd noch Esel, sagt Salomo."— „Und wer zuviÄ wagt," gab WiSmund zurück,„verliert Pferd und Esel, antwortet Marlolf." „Basta! lassen wir das," rief Pitrocholler;„aber ich fürchte mich bloß bor diesen verteufelten Legionen des Grandgosier; was machen wir, wenn sie uns tu den Üiucken fallen, derweil wir in Mesopo- tamien liegen?"—„Ganz einfach," bedeutete shn Hauptmann Schissenbutz,„Ihr schickt den Moskowitern eine schöne Empfehlung, und sie stellen Euch unweigerlich ein Heer von 4ö0000 auserwähl- tcu Soldaten auf die Beine. Macht mich zu ihrem Befehlshaber, und ich töt' Euch eine Stopfnadel für einen Allerweltskrämer, verzeiht, nein, umgekehrt. Ich hau', ich mord', ich stoß', ich treff', ich sckstag', ich beiß', ich reiß', ich schmeiß, ich scheiß..."— „Hurra," brüllte Pitrocholler,„aus, auf! Macht Euch fertig! Wer mich lieb hat, folgt mir nach!" pariser Cinörücke. „Es möge einem in der Kunst des Schreibens wenig Geübten verziehen fein, wenn er bei dem Versuche, seine Eindrücke von einer kurzen Pariser Reise festzuhalten, ctivas ungeschickt und ver- worren verfährt und hin und wieder den Gaul am Schwänze auf- zäumt." So schreibt jemand in der ttstölnischc» Zettung". „Ich bin oft in meinem Leben in Paris gewesen, habe das Treiben darin gesehen, wenn der Framdenstrom am stärksten war, habe mich der großen Ruhe in den Sommermonaten gefreut und lim cigeuttich in Paris immer am besten auf meine Rechnung Sekommcn, wenn andere Leute fanden, es sei gar nichts los. Diesen instand erwähne ich darum, weil er für die Beurteilung meiner jetzigen Eindrücke lvichtig sein wird. Ter Zufall wollte es, daß ich in den ersten Tagen der frau- zösischeu Mobilisation in Paris festlag. Mit einem Schlage stand irr/ffft-firw»"WiiMviiiiMMr4 htPifr{-vf/'tM fti ff*T if* ÄTOfff: iDlirbtlll auf zogen wa tische» Feuer verdeckte vieles. Mä'uuiglich war unruhig und be- sorgt. In den Häusern sah man bekümmerte Mienen. Aver nach außen hielt mau sich wacker mch trug eine um so größere Begeisterung zur Schau, je zachaftcr man innerlich war. Alle Fenster schmückten sich mit den Fahnen der Verbündeten. Kein Fahrzeug rollte durch die Straßen, das nicht die französischen, englischen oder russischen Landesfarben geführt hätte. Es kam so weit, daß die Regierung Einhalt gebieten mußte, damit die Mstitärfahrzcuge ohne weiteres von den bürgettichen unterschieden werden lömrtcn. Wer immer die Mobilmachung in Paris mit eigenen Äugen ange- sehen hat, der wird davon einen guten Eindruck gehabt haben. Man haiic das Gefühl, es herrsche Ordnung. Tic Leute und be- sondors die Offiziere sahen gut auS. Ihre Haltung wap im allgemeinen ernst und würdig. Da und dort sind wohl AuSschrci- tunacu vorgekommen, die meist dem Alkoholgenuß zugeschrieben werden müssen. Weit weniger ruhig war die ZivilbevMcrung. Tic Austritte und Ausschreitmigen der ersten Tage sind bekannt. Aber als einmal der Wirtschaftsschluß streng durchgeführt war, als eine Anzahl Unruhestiffter gehörig bestraft wurde, und als die unermüdlichen Streifzüge der Militärbehörden die äußersten Quar- tiere von ihrer unruhigen und lichtscheuen EiMoohiierschast ge- säubert hatten, da wurde Paris ruhig. Diese Ruhe nahm mit ;edem Tage zu. Unaufhörlich rollten die Züge nach Norden und Osten iind entvölkerten die sranzösische Hauptstadt immer mehr. Tie Pariser Garnison verschwand in den Ortschaften, die den AutzclisortS am nächsten liegen. Tag und Nacht� durchstreiften starke Patrouillen der republikanischen Garde zu Fuß, zu Pferd und zu Rad die Stadt. Das Straßcirbild veränderte sich zu- sccheudS. Viele Geschäfte schlössen, loeil die Inhaber mobilisiert oder verreist wäre». Die schweren Autobusse verschwaiidcn, weil die Annce sie brauchte. Tic übrigen Kraftwagen wurden immer seltener. Hatten zu Anfaug die zahlrcickcil� TrubpentranSporje die Neugierigeu noch angelockt, so wurde dieses Schauspiel bald alltäglich und verlor seine Zugkraft. Paris schlief ein. Schlief, bis es die deutschen Tauben und der blitzschnelle Gang der Er- eigirrjse jäh aus seiuein schweren Schlafe weckten. � Dann bcgaii n die zweite Zeitspanne der Aufregung und die Masscilflucht. Wer immer die Mittel hatte zu fliehen, floh, und jetzt iwch werden die Leute nicht müde, von den Auftritten zu erzählen, die sich�on allen Bahnhöfen aögsfpiett Hab eil, wo die Gccmgstiatcn zu Tausenden und aber Tausenden lagerten, bis es ihnen gelang, in einem Eisenbahnwagen ein Plätzchen zu ergaltern. Und jetzt leben die Pariser in einer dritten Periode. Man ist zurückgokichrt. Tie vosittscha Welt hat sich wieder eingefunden, die kleinen Bürger sind wieder da, die Geschäftsleute, die einige Aussicht haben, in bissen schlechten Zotten wenigstens den Lebensunterhalt herauszuschlagen. Wer die Mittel hat, fern von der Hauptstadt zu leben, scheint es mit der Rückkehr weniger eilig zu haben. Noch sieht man in den vornehmen Vierteln �mehr ge- schloffene als offene Fensterladen, sei es, daß die Herrschaften es vorziehen, auf ihren Landsitzen zu weilen, sei es, daß sie im Ans- lande das Ende des Krieges abwarten. Man ist im Ausland leicht geneigt, sich falsche Vorstellungen zu machen, auch wenn man die Schilderungen der Presse genau verfolgt. Ich machte mich bei meiner Abreise nach Paris auf alle mögliche» Schwierigkeiten gefaßt, weil ich gehört hatte, chaß man es mit der Prüfung der Pässe und des Gepäcks äußerst peinlich nehme. Langwieriges Warten und Herumstehen schieil unvcr- meidltch. Alle Reisenden hatten sich im voraus demütig damit abgefunden. Uni so angenehmer tvar die Ucberraschung, als sich alles an der Grenze über Erwarten rasch abwickelte. �Jm Nu waren die Pässe durchgesehen, und die Zollbeamten quälten die Reisenden nicht lange. Ter größte Teil des Gepäcks mußte gar nicht geöffnet werden. Schneller ist auch im Frieden ine Zoll- abfcrttgung nie vor sich gegangen. Und bei der Ankunft in Paris, die sehr pünktlich erfolgte, warteten irie sonst auch Träger in geirügendec Anzahl aus den Zug. An Autouiobilen war lein Mangel, und ich stellte fest, daß ich eine Viertelstunde schneller als gewöhnlich in meinem Gasthause war. In den frühen Morgen- stunden sieht Paris nie freundlich aus. Es liegt dann immer wie käj Ueberfluß. Von Martin Andersen Ncxö. Die hob den Kopf und sah ihn an: „Aber wenn es nun doch ein anderes gäbe, irgendein anderes, das uns zusammen sein ließe? Wenn Du es doch nur glauben wolltest!" „Glaubst D u denn daran?" Sie nickte:„Ich finde, es kann unmöglich anders sein, da wir einander so sehr lieb haben." „Eine neue Beweisführung," sagte er lächelnd,„aber iiumer ebensogut wie die teleologische." Er fühlte sich jetzt ganz ruhig und wohl, nur im Hintergründe seines Wesens lauerte ein wenig Verstimmtheit und verlieh allem einen eigentiimlichen Glanz, wie eine Abendbeleuchtung nach dem Regen. Er nahm Else bei der Hand und iah ihr ins Gesicht.„Sic vergißt schnell", dachte er, als er sah. wie ihr rotgeweintes, geschwollenes Gesicht ihm cntgegcnlächeltc.—„Aber ich vergesse ganz, g a n z." Dann ging er still init nach Hause und kroch ins Bett. 26. Der Januar brachte strengen Winter. Der Fjord fror ganz zu, und der Hafen wurde von Packeis blockiert, so daß alle Schiffahrt stockte. Tie Hafenarbeit hörte auf. Seeleute, Hafenarbeiter und Segelmacher sogen an den Pfoten, in kleinen Gruppen versammelten sie sich im Hafen und an der Häuserreihe längs des Fjords, wo die Mittagssonne stand. Hier und da ging ein Fischer auf den Fjord hinaus und hackte sich eine Wuhne, um Aale zu stechen, oder ein anderer kletterte über das Packeis nach dem offenen Wasser hin, um Seevögel zu schießen. Dann war bei der Eisenbahn Schnee zu schippen, und hundert dunkle, armselige Gestalten kamen aus ihren Winkeln, machten sich wie gefräßige Ameisen darüber her und verschwanden wieder. Das waren die Pro- letarier des Städtchens, Heute, die nichts anderes gelernt hatten als zufälligeil Verdienst zu wittern und zu kapern,— doch das verstanden sie. rat Arbeitslosigkeit Hacken trat. Aber es erscholl keine Klage. Tie Handwerker arbeiteten nickst bei Licht, und am Tage gingen sie meist, ans alter Gewohnheit, mit einem Werkzeug in der Hand umher und sahen einander an. Anfangs fanden sie es ganz spaßig, so zu feiern, aber dann begannen die Klagen, und die pflanzten sich fort, von den Gesellen zu den kleinen Hairdwerkermeistcrn und den Kleinkaufleuten— selbst die Wirte begannen zu stöhnen. Von Haustür zu Haus- tür entwickelten die Meister einander ihre Bedenken, sie holten aus diesen Gesprächen die Kraft, sich einzuschränken, und eigentliche Gefahr war ja nicht vorhanden, selbst wenn der Betrieb einen oder zwei Monate ruhen sollte. Die wirkliche Armut belvcgtc sich still und stumm, aber sie war um so sichtbarer; just da, wo sie sich am meisten ver- steckte, sprang sie am stärksten in die Augen derer, die sehen wollten. Längere Zeit hindurch liattcn der Kandidat und einige von den anderen Wohlhabenden der Stadt tsiahrungsmittel verteilt. Aber die Armut verbreitete sich immer mehr und mehr und ließ die Arbeit des einzelnen recht aussichtslos erscheinen; man beschloß darum, eine gemeinschaftliche Tätig- kcit nach hauptstädtifckiem Muster zu entfalten, �mit Aufruf, Einsammlung und Speisung in größerem Stil in der Bürgerschule. Es lvar notwendig, sofort mit der Speisung zu be- ginne«, aber die nötigen Mittel fehlten, da die Einsamm- lang noch keine Erfolge gezeitigt hatte. Pastor Krag, der an der Spitze des Uitternehmens stand, ging daher zu den ver- schiedeneu Zeichnern und versuchte, einen Vorschuß von fünft hundert Kroucu zu erheben, wurde aber überall abgenneseu. Es tat allen sehr leid, aber sie hatten nicht so viel Geld, hatten schon lange nicht so viel Geld gesehen.„Aber der Kandidat steht ja mit auf der Liste, und er kann unmöglich wollen, daß eine Weigerung von seiner Seite unter den Leuten bekannt wird. Gehen Sie zum Kandidaten!" so sagte man. Pastor Krag hatte Mitleid mit dem � Kandidaten, der immer herhalten mußte; und außerdem Ijatle er die Ersah- rung gemacht, daß man der tüchtigsten Henne das Legen ver- leiden konnte, wenn mau in einem fort das letzte Ei aus dem Nest nahm. Und drittens war er der Ansicht, daß dies eine Frage der Gemeinde sei, die von den eigenen Mitgliedern der Kirche gelöst zu werden verdiene und nicht von diesem edeln Heiden, dessen gute Taten aus die Tauer schwächend auf das Glaubensleben Wirten müßten. Aber da es keinen anderen Ausloeg zu schneller Hilfe gab. klingelte er ciues Tages in der Dämmerung an der Tür des Kandidaten. Er war in seiner eigentümlichen Laune und sagte bei seinem Eintritt nicht Guten Tag, sondern ging in Rasks l Arbeitszimmer umher und starrte in die Ecken der Decke hin- auf; er schüttelte seine große, wohlgenährte �Gestalt und grunzte behaglidi über die Wärme, sein glattes Schauspieler- gesicht bewegte sich nach allen Richtungen. Dann zeigte er mit fragendem Blick aus die Tür zum Wohnzimmer, nickte selber bestätigend und ging zur Frau dcö Hauses hinein, d;c dort bei der Arbeit saß. „Nun, gnädige Frau, wie geht es denn mit den Beinen? Sic werden schwächer— hm! Aber die Geduld wird im gleichen Verhältnis größer?— Dann ist es ja gut.— Hm! Hm, hm, hm, hm!" Er ging im Zimmer aus und ab und schüttelte lebhaft den Kops, als ivuudere er sich gewaltig. „Hä!" hörte man dann, als den Anfang eines ausbrechenden Gelächters, das jedoch bei dem einen Laute fein Bewenden hatte, und er wanderte aus der cinen Ecke der Stube in die andere, machte den Mund scharf und steckte die Nase bald hierhin, bald dorthin.„Hä!" ertönte es überrumpelnd. „Hä, häl". ri.. Frau Rask lächelte. Gott mochte wissen, an was für eine drollige Geschichte er dachte! Sic beobachtete seine Be- wegungen und Gesten, hütete sich aber, es ihn merken zu lassen, da er dann kühl und abweisend wurde. Der stand idat kam herein und blinzelte seiner Frau zu. während er dem Pfarrer zunickte:„Er ist heut gutgelaunt!" Und sie antwortete mit bejahendem Lächeln. Einen Augen- blick blieb Rask in der Türöffnung stehen und verfolgte den Pastor mit den Augen; dann fühlte er einen unwidersteh- lichcn Drang, zärtlich zu seiner Frau zu sein, setzte sich neben sie und ergriff ihre Hand. Der Pastor trat hinzu. „Dieses unbegreifliche, aber schöne, schöne Verhältnis!" sagte er mit oratorischem Klang und legte seine Hand auf die ihren.„Lassen Sie mich Ihnen meine Bewunderung be- zeugen, so gewiß, wie ich bei diesem Händedruck meine eigene Schwachheit doppelt empfinde. Und lassen Sie mich Ihnen noch eiumal— mündlich— den Dank der Gemeinde für den louirdecschonen Kronleuchter dardringen! Wir haben de- schlössen, Ihren mrd Ihrer Frau Namen sowie den Tag der Ilederreichung des Geschenks darauf anbringen zu lassen." Der Kandidat machte eine abwehrende Bewegung. „Lieber, das ist gar kein Ansuchen, sondern eine Mit- teilung. Sie können dem gar nicht entgehe», denn es ist be- reits erfolgt," sagte der Pastor lachend.„So bescheiden, so bescheiden!" fuhr er halb singend fort und ging wieder auf und ad.„Und er war nicht einmal ganz billig?" Sein Ge- ficht nahm einen sehr irdischen Ausdruck an.(Forts, folgt.) feine KaterstlUimung über dieser Stadt. Die Straßen sind noch nicht gereinigt, nnd vor den Hänsern harrt der Unrat auf die Sammeltvagen. Diese trübe Stimmung wnrde diesmal noch da- durch erhöht, daß man an vielen Häusern noch den Fahnen- schmuck vom August her hatte hängen lassen. Die farbigen Tücher sind nun verwittert und schmutzig und hängen traurig an den Stangen. Der Kraftwagen saust, was er geben kann; denn noch ist der Wagenverkehr äußerst gering; die Trambahnen fahren seltener als sonst, und das große Hindernis, der Autobus, fehlt vollständig. Der Lenker unseres Kraftwagens ist ein Mann in den besten Jahren aus dem Süden Frankreichs. Andere Wagen- lcnker mögen Ausländer sein; jedenfalls herrscht daran kein Mangel. Die Gilde der Droschkenkutscher ist beinahe unverändert geblieben, da zu ihr ohnehin bloß die Alten gehörten. Es ist möglich, daß die Zahl der Kutschen eine Beschränkung erfahren bat; aber es fällt dies nicht ohne weiteres ins Äuge, was bei dem schlag der Pariser Droschkenpferde ja auch nicht verwunderlich ist. In der Folge merkt man dann allerdings deutlich, welche Per- änderungen die unmittelbaren Erfordernisse des Krieges in das Pariser Straßenbild gebracht haben. Die vielen Herrschaftspferde, die munteren Rosse der Warenhäuser, die prächtigen schweren Zug- Pferde sind vollständig verschwunden; die Lastautomobile sind seltener geworden, und man fragt sich, wie die Nahrungsoersorgung der Stadt dennoch ohne besondere. Schwierigkeiten bewältigt werden kann. Denn daß alles bewältigt wird, ist Tatsache. Der Pariser erhält zur gewohnten Stunde seine Milch, sein Brot, und in jedem Viertel sind die Märkte und Krämer zeitig versorgt. Die Preise der Lebensmittel sind, so sagte man mir, kaum merklich gestiegen. In der Tat sind die Preise in den Speisehäusern ungefähr die- selben geblieben. Allerdings hat die Zivilbevölkerung von Paris um ein bedeutendes abgenommen, und die Bedürfnisse eines großen Teiles der Daheimgebliebcnen sind durch die Beschränkung der Mittel bedeutend herabgeschraubt. Viele sagen, daß die Einwohner- zahl von Paris auf die Hälfte gesunken sei. Wer davon etwas merken will, der muß in die Außenquartiere gehen, die in den Tagesstunden auffällig menschenleer sind. Im Innern der Stadt ist das Treiben und das Menschengewühl nach wie vor recht lebhaft. Als ich den ersten Spaziergang über die Boulevards, über den Opernplatz, über die Nue de la Paix und die Champs Elysees machte, nahm ich mir vor, recht unbefangen zu sein und mir Mühe zu geben, jeden Gedanken an den Krieg auszuschalten. Die Aufgabe ist sehr schwierig; denn man wird auf Schritt und Tritt au den Krieg erinnert. Unwillkürlich fängt man Bruchstücke von Unterhaltungen auf. Fast alle drehen sich um den Krieg. Die Leute erörtern die Ereignisse, fragen nach dem Befinden und Ver- bleib gemeinsamer Bekannter. Die Ausgaben der Blätter finden reißenden Absatz. Und da fällt einem wieder auf, daß die meisten Zeitungsverkänfer junge Mädchen sind, die teilweise nicht weniger abenteuerlich aussehen als ihre männlichen Vorgänger, die jetzt wohl im Felde stehen oder in den Kasernen gedrillt werden. An allen Straßenecken stehen Händler und Händlerinnen. Die einen verkaufen Zuckerzeug, das die Soldaten unfehlbar vor jedem Husten schützen soll, die anderen bieten all den Kleinkram au, den der Soldat nötig hat. Spottlieder auf Deutschland und seinen Kaiser werden feilgeboten, jedoch nicht mit großem Erfolg. Ein gutes Geschäft machen die Ansichtskartenverkäufer. Ganze Häuserfronten haben sie tapeziert. Man sieht da hübsche Aufnahmen der ver- schiedenen Waffengattungen bei den verbündeten Armeen, die Bilder der volkstümlichsten Generale sunmittelbar nach Joffre kommt der General Foch), sämtlicher Männer des Tages. Auch Geschmack- losigkeiten fehlen nicht: plumpe Verhöhnungen des Gegners. Hier ist übrigens offensichtlich, daß die Behörde einige Kontrolle übt; denn Unflätigkeiten, wie wir sie in anderen Ländern gesehen haben, fehlen fast vollständig oder sind wenigstens nicht öffentlich aus- gestellt. Das Neueste ist eine Karte, die einen Tamenmund darstellt. Darunter steht die Vorschrift, daß der Käufer oder die Käuferin diesen Mund küssen und dann die Karte an den Teuern im Felde absenden soll. Der Empfänger küßt denselben Mund und ist dadurch gegen jeglichen Unfall gefeit. Diese Karte soll einen riesigen Absatz haben! Bor allen Ständen staut sich in den Nach- mittagstunden ein zahlreiches Publikum. Auch das Geschäft in den Warenhäusern scheint toieder angezogen zu haben. Printcmps, Galeries-Laffayette sind zwischen 4 und 6 Uhr überfüllt. Auch das Flanieren auf den Boulevards ist nicht aus der Uebung ge- kommen. Die Massen sind nicht so dicht wie sonst, aber doch recht ansehnlich, so daß man stellenweise Mühe hat, vorwärts zu kommen. Es ist, als habe alles, was sich noch in Paris besindet, das Be- dürfnis, sich zu bestimmten Stunden in der Stadt Stelldichein zu geben, damit man sich gegenseitig sehen kann. Tarin scheint man einen besonderen Trost zu finden. Anderseits gibt der allgemeine Stillstand in der Luxusindustrie vielen Leuten Muße zu Nach- mittagsspaziergängen.(Schluß folgt.) Die Sekömmlichkeit öes Kriegsbrotes. Ueber die Bekömmlichkeit des KriegsbrotcS fand in der Mcdi- 'zinischen Gesellschaft eine interessante Diskussion statt. Professor Posner hatte einen Vortrag über Farbenanalyse des Brotes ge- halten, worin er Methoden erläuterte, durch die man erkennen kann, ob der vorgeschriebene Kartoffelznsatz im Brot auch wirk- lich enthalten ist. Die Diskussion wurde aber von der Frage der Kontrolle sofort auf die der Bekömmlichkcit des Brotes hinüber- geleitet. Der Leiter eines großen Privatsanatoriums für Darm-, Magen- und Zuckerkranke behauptete, daß sich die Beschwerden von Kranken über das ihnen jetzt allein zur Verfügung stehende Brot mehren, und daß dafür gesorgt werden müsse. Kranken, speziell Zuckerkranken, ein reines'Weizenmehlgebäck zugänglich zu machen. Ein praktischer Arzt schloß sich ihm an, auch er habe in seiner Praxis, sagte er, die Erfahrung gemacht, daß bei Kranken durch das Kriegsbrot Magen- und Darmstörungen hervorgerufen werden. Er regte au, reines Weizen- und reines Roggenbrot, das in ftädti- scheu und staatlichen Anstalten hergestellt werden könne, den Apo- theken zur Verfügung zu stellen, die es nur auf ärztliche Berord- nung abgeben sollten. Sämtliche anderen Redner aber widersprachen sehr energisch sowohl dieser Anregung wie auch der Behauptung, daß das Kriegs- brot nicht bekömmlich sei. Soweit sorgfältige Beobachtungen vor- liegen, sprechen sie für die Bekömmlichkeit deS Kriegsbroteö, höchstens könne man sagen, die Bekömmlichkeit für Kranke sei noch nicht völlig erwiesen, dagegen sei die Behauptung des Gegenteils sicher unzutreffend. Allerdings wurde mehrfach betont, daß die Art des Backens namentlich im Anfang nicht dem Kartoffelznsatz angemessen gewesen sei, doch habe sich das jetzt gebessert. In London wird, so ermahnte ein Redner, dem Brot anstandslos ein Kartoffelzusatz von 40 Proz. schon seit langer Zeit zugefügt, ohne daß irgendwelche Klage über schwere Äerdanlichkeit laut ge- worden wäre. Der Leiter eines großen städtischen Krankenhauses führte ans, daß gerade auch bei Magenkranken nach seinen Beobachtungen gar keine üblen Folgen nach dem Genuß des Kriegsbrotes eingetreten wären; allerdings müssen die Kranken, deren Magen- und Darm- Verdauung gestört sei, angewiesen werden, dieses Manko durch eine gründliche Mundverdauung zu ersetzen und das Brot gründlich zu kauen. Gewiß gibt es viele Kranke, auch Magenkranke, welche über das Brot klagen. Das ist aber das große Heer der Neurasthe- niker, die durch ihre Krankheit zum Nörgeln veranlagt sind, und die stets Ausstellungen zu machen haben, auch wenn mau ihnen das beste gibt. Bei anderen Kranken sind Beschwerden nicht vor- gekommen, wenn das Brot fein geschnitten und sie angewiesen wurden, eS sehr fein zu kauen. Selbst Leute mit Darmkatarrhen haben das Brot sehr gut vertragen, wenn sie es nur ordentlich ge- kaut haben. Es würde geradezu ein Unglück sein, wenn man Weizenbrot auf ärztliche Verordnung zur Verfügung stellte; die Zahl der Magenkranken würde unheimlich in die Höhe schnellen, die von den Aerzten eine Bescheinigung hierüber wünschen, denn es gibt eine ganze Menge Leute, die sich gern von jedem Opfer drücken. Was speziell die Zuckerkranken betrifft, so sei absolut nicht einzusehen, wieso Kartoffelmehl von ihnen schlechter ver- . Verantwortlicher Redakteur: Alfred Wiel-pp, Neukölln. Für de tragen werden soll, wie jedes andere Mehk. Nach seinen Beobachtungen ist das durchaus nicht der Fall. Diese Ausführungen entsprachen auch dem übereinstimmenden Urteil aller anwesenden Aerzte mit(janz geringen Ausnahmen, so daß wir die sichere Gewähr haben können, daß das Kriegsbrot der Gesundheit in keiner Weise abträglich ist. Gberhofpreöiger Drpanöer über öen Krieg. Der Ober Hof- und Dom Prediger Ernst D r h a n- der in Berlin hat eine Broschüre„Weihnachts-Gedanken in der Kriegszeit" erscheinen lassen, die vermutlich eine Wechnachts- predigt wiedergibt. Wir führen daraus einige Stellen an: „... Aber welch ein entsetzlicher Widerspruch, dieses Evange- lium weltversöhnender Liebe zu feiern mitten in der Wut eines Krieges, der fast die gesamte christliche Welt widereinander in die Waffen gerufen hat. Fast noch vernichtender als diese den Leib tötenden und verstümmelnden Waffen ist der Haß, der diese christ- lichen Nationen vergiftet, vor dessen Ausbrüchen der Christ sein Haupt verhüllt und dessen Ueberwindung nur durch ein Wunder in das Gebiet der Möglichkeit gerückt werden kann. Daß das Ver- brechen dieses Krieges überhaupt möglich war: schlägt es nicht allem Christentum dieser-Nationen ins Gesicht? In den Ge- sprächen der Mannschaften in den Schützengräben oder in den öden Quartieren des Ostens schrieb mir vor kurzem ein Unteroffizier, ein gebildeter Mann, ist das das unermüdlich wiederkehrende Thema, wie Christentum und Krieg zueinander stimmen. Wie oft mag dabei angesichts der grausen Wirklichkeit auch noch der letzte Rest von Christentum ans dem zweifelnden Herzen herausgerissen werden und nur der Eindruck seines völligen Bankerotts zurück- bleiben! Sie haben recht, wenn sie als Maßstab für dieses Urteil das Christentum der Bergpredigt anlegen. Wo sich das verwirklicht, hört der Krieg von selbst auf; wo noch Krieg möglich ist, ist von ihm nichts vorhanden. Im Reiche Gottes, dessen heiliges Gesetz Jesus in der Bergrede darlegt, gibt es kein anderes Mittel, den frevelnden Rechtsbrecher zu entwaffnen, als die Liebe, die den Haß überbietet. Wer dich eine Meile ihn zu begleiten nötigt, mit dem gehe zwei. Und wer dich auf die rechte Backe schlägt, dem biete die linke auch dar. Hier lautet die unverbrüchliche Regel: „Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, bittet für die, die euch beleidigen und verfolgen." Aber dies Christentum der Bergpredigt ist in dieser Welt der Sünde tatsächlich nicht verwirk- licht und wirh auf Erden nie völlig verwirklicht >n er de n. Nur langsam erobert das Reich Gottes die Herzen. Wie ein Sauerteig durchdringt es die Anschauungen, Gesetze, Ein- richtungen der Menschen. Unter seinem Einfluß ist das entstanden, was wir, wie unvollkommen sie sei, eine christliche Welt und christ- liche Gesittung zu nennen pflegen. Sie hat mit der Aufrichtung des Rechts und der Gerechtigkeit wenigstens die Bedingungen und den Boden geschaffen, auf dem die höhere Sittlichkeit der Liebe ge- deihen kann. Dies Recht zu verwirklichen, ist die Aufgabe des Staates. Dazu trägt er auch nach Paulus' Auffassung das Schwert und hat die Pflicht, die Uebertreter zu strafen. Freilich sind gerade die Staaten mit ihrer rücksichtslosen Selbstsucht, ihrer Verfolgung eigener Interessen immer wieder die brutalsten Verletzer des Rechts gewesen und haben ihrerseits die Kriege heraufbeschworen, die sie verhindern sollten.... ... Auch die edelste Nation entzieht sich nicht dem verrohenden Einfluß, der von der Kriegführung ausgeht. Nur da kann das Recht zum Kriege vorhanden sein, wo nicht ein einzelnes mehr oder weniger geringwertiges Recht in Frage gestellt ist, sondern wo das Gesamtrecht des Volkes verneint wird, wo es zum Streite für seine Existenzbedingungen... gezwungen ist. In diese m Sinne aber gehört dann auch der Krieg in die göttliche Weltordnung, wie sie durch die Sünde der Men- scheu sich gestaltet, hinein und wird in des allmächtigen Gottes Hand ein ernstes Erziehungsmittel der Völker. In diesem Sinne geführt kann auch der Krieg ein heiliger sein.... ... Zu dem Furchtbarsten, was dieser Krieg hervorgerufen hat, gehört der Haß, der die Völker heute scheidet. Greueltaten fallen immer nur einzelnen zur Last. Sie finden, wenn auch nicht eine Entschuldigung, doch häufig eine Erklärung in den Umständen des Augenblicks, in denen sie geschehen. Die Ueberreizung der Nerven, der verrohende Einfluß des Krieges, die Aufpeitschung des Nachegefühls entfesseln Leidenschaften, die wir vielleicht Wilden, wie unsere Feinde sie gegen uns in den Kampf führen, verzeihen können, nicht aber uns selbst verzeihen dürfen. Der Haß aber der Völker erfüllt alle und vergiftet alles. Er ist der Böden, aus dem die Brutalitäten wachsen, unter denen wir leiden, angesichts deren man versucht ist, das Christentum nur für einen dünnen Firnis zu halten, der unter dem zersetzenden Einfluß des Krieges schwindet wie der Märzfchnee vor der Sonne. Dieser Haß ist die eigentliche„Grundsünde im Leben der Nationen". Er fällt zudem mit furchtbarer Gewalt größtenteils auf Unschuldige zurück; nicht nur auf Gefangene, die wenigstens irgendwie an dem Kriege be- teiligt waren, oder auf Landsleute im Auslande, für die man wenigstens einen Schein der Verschuldung erdichten kann. Tausend- fach weben sich heute zarteste Bande der Ehe, der Verwandtschaft, der Freundschafr, der Arbeitsgemeinschaft um die einzelnen Glieder der Völker. In welchem Maße haben die Nationen durch ihre Gaben einander befruchtet und angeregt, zu schöner gemein- samer Arbeit der Kultur auf den verschiedensten Gebieten sich zu- sammengeschlossen. Mit roher Hand hat der Krieg alle diese Ver- bindungen zerstört, die Brücken abgebrochen, die Gemüter ver- bittert. Wenigstens vorläufig können wir uns kaum eine Vorstellung davon machen, wie wir, angewiesen auf einer Erde mit- einander zu leben, wieder den alten Verkehr und daS alte Vertrauen zueinander finden sollen...." Kleines Zeuilleton. Walter ltrane. In London ist Walter Crane gestorben, fast 70 Jahre alt— ein Künstler von einer Vielseitigkeit, wie wir sie in unseren Zeiten kaum noch kennen. Den deutschen Sozialdemokraten war er vertrauter als mancher deutscher Maler. Seine Blätter, die er den englischen Arbeitern widmete, sind bei uns immer wieder reproduziert worden. Es sind graphische Meisterstücke, die man in ihrer wahren Größe, aus gutem Papier mit schönen schwarzen Konturen gedruckt(nicht in den stark ver- kleinerten Reproduktionen) sehen muß, um ihres vollen Wertes inne zu werden. Wir Deutschen mußten dabei an Dürer denken, der auch seine Blätter fürs Volk zeichnete, schnitt und stach,« Crane war bewußter Sozialist. Er hat in Zeiten, wo es noch nicht so leicht war, mit dem Sozialismus zu kokettieren, seine Huldigungen z. B. der Internationale und der Maifeier dargebracht. Aber seine Kunst wies auf andere Ziele, wie wir sie auf dem Kon- tinent gewohnt waren. Es war nicht die erbärmliche Wirklichkeit, von der unsere Elendsmaler ausgingen, die er sich zum Vorbilde nahm. Seine Visionen stammten aus der Welt der Schönheit, die nirgend ist oder war, die aber mit ihrem Schimmer die Seelen er- füllen und erheben sollte. Walter Crane hat sein Werden und Wachsen selber vor einigen Jahren in einer nach englischer Gewohnheit breit angelegten Lebensgeschichte erzählt und seine künstlerischen Ziele entwickelt. (Damals im„Vorwärts" ausführlich besprochen.) Er war der letzte große Vertreter jener englischen Präraffaelitenschule, die gegen die ziellose Unkultur ihrer Zeit die einsacke, strenge, ernste l Lnseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u, Verlag:Borwarti Kunst des Quattrocento(15. Jahrhunderts) ausspielte und inmitten des prunkenden Parvenüwesens wieder organische Kunst pries, die alte, längswergessene und verpfuschte handwerkliche Techniken neu belebte, wieder Geschmack am Einfachen und Natürlichen der guten Arbeit lehrte. Als ein Teil der von Ruskin und anderen aus- gehenden Reformversuche hat diese Richtung ja � in England und darüber hinaus auch bei uns in hohem Maße befruchtend gewirkt: der Ruf nach Qualität im Kunstgewerbe ist von hier ausgegangen. Wie sein großer Meister William Morris, war Crane der Mann der umfassendsten Praxis. Er war nicht bloß Maler. Ja, seine Gemälde sind nicht einmal das stärkste seiner Arbeiten, obwohl sie die Vorzüge und Schwächen der Schule teilten. Er war ein Re- sormator der Zeichenkunde, die er von der blöden Nachahmung zum eigenen Schaffen hinführte. Was Stil, was Ornamenl ist. mag man bei ihm lernen. Wie man in Holz schneidet, wie man ein Buch ausstattet— er hat vortreffliche Kinderbücher geschaffen—, wie man Tapeten ent« wirft, das alles hat er gelehrt und praktisch betätigt. Von seinen kunstpolitischen Schriften sind mehrere übersetzt und haben auch bei uns das ihrige getan, um das Kunsthandwerk wieder auf gesunde Bahnen zu bringen. Gerade als Künstler, der das Leben und die Schönheit liebt, war Crane Sozialist. Er hat unter Kunst das verstanden, als was sie allen echten und tiefen Menschen erscheint: kein Luxusbedürsuis, sondern einer der stärksten Werte, der das Leben durchdringen und erfüllen soll. Der RumenfreimS. Man schreibt uns auS Amsterdam: Kürzlich erschien in der„Düsseldorfer Zeitung" unter dem Titel„Ein Tag i n L ö w e n" ein Feuilleton eines Herrn Walter Nissen. Der Autor erzählt darin, daß er nach Löwen gekommen war, um nach den Wohnungen und dem Eigentum einiger Dculschen zu sehen, so u. a. nach dem Hans des deutschen Gelehrten Professor Bang, der seiner Zeit aus Löwen geflüchtet und um seine Bücher und wertvollen Manuskripte in Sorge war. Herr Nissen be- richtet, daß er diese Recherchen in Begleitung eines Polizeibeamten namens Dimartinelli unternommen hat, welche Gelegenheit Herr Nissen zu einer ausführlich mitgeteilten eifrigen Konversation mit dem Beamten ausnützte. Danach hat Herr Dimartinelli erzählt, daß er Italiener sei, daß über seinem Bett ein von seinem Großvater herrührender Stich hänge, der das Forum Romanum darstelle, und daß er so schon frühzeitig„die Schön- heit der Ruinen" kennen und schätzen lernte,„was ihm heute sehr zu statten käme"... Was das Haus des- Professors Bang betrifft, erzählte Herr Nissen unter Anführung von Details weiter, so hat er an seiner Stelle nur mehr einen Trümmerhaufen vorgefunden. Wie nun die katholische„Tijd", die sich aus irgendeinem Grund für diese Angaben interessierte, berichtet, hat sie sich durch persönliche Informationen an Ort und Stelle davon überzeugt, daß an den ganzen Erzählungen des Herrn Walter Nissen kein wahres Wort i st. Zuvörderst erklärte der Polizeibeamte, daß er, über seinen ila- lienisch klingenden Namen befragt, wohl gesagt habe, daß er ita- lienischer Abkunft sei, daß er aber absolut nichts von einem Stich des Forum Romanum wisse, daß er noch weniger einen von seinem Großvater geerbt, daher auch nichts dergleichen über seinem Bett hängen und demzufolge auch die fragliche Bemerkung über die „Schönheit der Ruinen"— wie übrigens auch die anderen ihm von Herrn Nissen in den Mund gelegten über Löwen— nicht ge- macht habe. Auch das Haus des Professors Bang ist, wie die„Tijd" fest- stellt, gänzlich unbeschädigt, und in der Rue des Ricollels, wo sich das betreffende Haus besindet, hat überhaupt kein Kampf stattgefunden, nichts ist dort verwüstet oder verbrannt worden. Die„Tijd" ist sonst gewiß keine cinwandsreie Quelle, aber es wäre völlig unerfindlich, warum s i e in diesem Falle gelogen haben sollte. Die Vernichtung öer Kleiderlaus. Die Kleiderlaus ist nicht bloß ein lästiges Insekt wie andere Läuse. Sie vermittelt den sehr gefährlichen Flecktyphus. Es ist deshalb das Bestreben der Wissenschaft, radikale Mittel gegen diese Plage unserer Truppen zu finden. Wie in der Wiener Gesellschaft der Aerzte mitgeteilt wurde, ist es durch einen reinen Zufall ge- lungen. das bisher wirksamste Mittel gegen diese Läuse zu entdecken. Der Wiener Universitälsprosessor S. Fränkel berichtete darüber nach der„Neuen Wiener Presse" an der augebenen Stelle: Bei Versuchen im Laboratorium der Krebsgesellschaft sollte ex- perimentell die Wirksamkeit der einzelnen empfohlenen Mittel fest- gestellt werden. Dabei ließ sich Professor Fränkel von seinem langjährigen Jnstitutsdicner auch eines der gebräuchlichsten, aber nicht gerade kräftigsten Mittel reichen, einen Glasbehälter mit Anisöl. Bei den Versuchen zeigte sich nun, daß das allen Voraussetzungen nach schwächste Mittel die stärkste Wirkung zeigte. Dem Forscher kam das Resultat kaum glaublich vor, aber es lag die Tat- fache vor, daß durch die verwendete Substanz am meisten und am schnellsten Tiere getötet worden waren. Noch bedenklicher war das Resultat einer Nachprüfung. Gerade der im Anisöl wirksame Bestandteil, das Anethol, hatte in seiner unvermischten Form die beobachtete Wirkung nicht in � dem gleichen Maße. Dieter Widersinn nötigte zu neuen Nachforschungen, die das Ergebnis hatten, daß der Laboratiumsdiencr durch einen Lesefehler die Ent- deckung herbeigeführt hatte: Cr hatte ein Gefäß mit Anisol statt mit Anisöl gebracht. Das Anisol, das sich als ein so starkes Mittel er- wies, hat aber mit dem Anis wenig zu tun: es trägt den Namen bloß nach seiner ersten Darstellnngsart, von der man aber längst abgewichen ist. DaS Anisol mm ist daS durch Zufall gefundene Mittel, und Professor Fränkel konnte als Resultat seiner Experimente berichten, daß es auf eine Entfernung von sechs Zentimetern alle Läuse binnen 10 Minuten tötet. Dies ist sein Vorzug gegenüber den anderen Mitteln, die die Tiere bloß vertreiben und so bloß dem einen Träger nützen, den Nachbar aber gefährden können. Das neue Mittel wnrde dem österreichischen Kriegsministerium und auch der deutschen Militärverwaltung sofort zur Verfügung ge- stellt. DaS Anisol, daS bisher wenig verwendet wurde und daher erst in größeren Mengen zu beschaffen ist, soll völlig reizlos und ungistig für den Menschen sein. Es kann in verschiedenen Formen zur Bekämpfung der Läuse verwendet werden: mit Harzen, Fetten oder Pulvern vermischt, läßt eS sich in Säckchen tragen, oder kann in die Wäsche eingerieben werden. Auch kann man es in verdünnten Lösungen de? Phenylwettylätherö in den Schlafstellen versprühen. Notizen. — Mus ikchronik. Im Friedrich-Wilhelmstädti- schen Theater wird Hermine B o s e t t i am 27. und 23. d. M. ihr Gastspiel als Adle in der„Fledermaus" wiederholen. — Vorträge. Der Lichtbildervortrag„ H i n d e n b u r g s Wacht an der Weichsel", den der Schriftsteller Erich Köhrer am 20. cr., abends 8�/zUhr, zugunsten deS SckutzverbandeS deutscher Schriftsteller im Sitzungssaale des Abgeordnetenhauses hält, bringt eine Reihe interessanter Aufnahmen aus der Winterschlacht. Ins- besondere werden die Darstellungen aus der Tätigkeit unserer Flieger und dem Leben in den verschneiten Schützengräben eine anschauliche Vorstellung von den Leistungen unserer Truppen geben. — Das Alter der belgischen Kanäle. Schon Nero Claudius Drusus, der Stiefsohn des Kaisers Augustus, durch seine Feldzüge in das Innere von Deutschland berühmt, ist als Gründer dieses Kanalnetzes anzusehen. Drusus, der zwischen dem Niederrhein und der Zuider-See durch einen schiffbaren Kanal eine Verbindung hergestellt hatte, hat in Erkenntnis der militärischen Wichtigkeit der Wasserstraßen seine Kanalisationspläne auch in dem belgischen Gebiet praktisch betätigt._ Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co, Berlin SW.