Nr- 67.- 1915. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Z«»»»dr»d, AK Pin, ZruhlingZ Schwirrt es in Sen Güsten wieöer! Güer narrt uns nur die Sage, öaß nach öüft'rer Winterplage mit üem hellen Sonnenkuß frühlingfrohes Sanggefieöer kommen muß! In öen Sirken zwitschert's leise. 5a, es wehte Süüwinü gestern. Stare äugen aus öen Nestern, horch, nun fügt stch Klang an klang. Eine alte Heimatweise flötet meinen Weg entlang. Wie fle laut dies Dasein loben! Jubel, Liebe ist's und Wonne, ist ein Singen in der Sonne ohne Haß und Harm. fröhlich lärmend senkt von oben Schwärm stch nun um Schwärm. Ueberall aus Zrühlingswlnden schwirrt's so auf die Erde nieder, sucht die alten Nester wieder, die ihm einst gehört. Werden's doch nicht alle finden; Manches Nest, es ist zerstört. Mancher Saum ist jäh zerbrochen von des Krieges blut'gen Krallen; Stadt und Dörfer find zerfallen, Türme sanken um. Wo des Zornes fldern pochen, ward der Zrühling stumm. Sproßt wohl aus zerßhoss'nen Zweigen, keimt wohl aus zerwühlter Erde. flus den Gräbern treibt das Werde wohl die Slüten rot. Doch die Jubellieder schweigen..» Hier fingt fleghast nur der Tod. S m fr p r c cz an g. Die Kriegsgefangenen in Sibirien. Jreu!nt»e, Im« Kinegsfreiwilligan im Reserve-Jnfanjeri tegu«attt.... Martin Kr. und Kurt' X. aus Breslau, gerieten am L2. RoveniNer, kurz vor dem berühmten Xurchbruch bei Lodz. in russische Gefangenschaft. Außer einer kurzen Postkartennachrickt aus Warschau voni 30. November, die am 16. Januar in Breslau eintraf, sind am 7. März den Angehörigen nachstehende Briefe aus Tschira sin TranSbaikalien an der sibirischen Bahn) zugegangen, die von der„Schle fischen Ztg." bcrösfentlicht werden: Tischi ta(Sibirien), den 29. Dezember 1914. Nach Wtägigcr Bahnfahrt auf der. berühmte,: sibirischen Balm sind wir endlich an unserem Bestimmungsort angelangt. Ihr müßt 67) Ueberfiuß. Von Martin Andersen c x ö. Frau Rask beugte demütig den Kopf und sagte mchtä mehr. „Uebrigens könntest Tu dem Madchen wohl begreiflich madien, daß sie den Tee rechtzeitig briilgt, ich bin mit dein Kase bald fertig.—- Es hat keinen Sinn, daß man sein Essen trocken zu sich nimmt und nachher trinkt," fuhr er einen Augenblick später fort. �oeine Frau versuchte, nach dem Mädchen zu rufen; als er aber die Brauen riuizelte, erhob sie sich erschrocken und schleppte sich an den Möbeln entlang in die Küche. Er folgte ihrer eingeschüchterten Gestalt verstohlen mit den Augen. Eigentlich hätte er sie nicht ausschelten, sondern selbst gehen müssen, und es war ein Jammer, daß die Men- scheu gedemütigt werden mußten, um die Dinge großzügig und verständnisvoll zu betrachten. Aber die Stunde konnte sehr wohl kommen, wo sie als gute Ehefrau auf die Probe gestellt wurde imd Verwendung für all ihre weibliche Demut haben würde.— Und als sie wieder hereinkam, in Begleitung des Mädchens mit dem Tee, erhob er sich vom Tisch und ging in sein Zimmer mit den Worten:„Nun kannst Du Dir die Mühe sparen, Frau, ich bin fertig." Kurz daraus kamen Sörcnsens. Aage war aufgeräumt und begann sofort von einem erfrorenen Mann zu erzählen, den er vom Packeis hatte nach Hause transportieren helfen: ..ES war Lars Rurup drüben aus dem Loch. Die alte Hexe hat fast getanzt, als wir mit ihm ankamen." ..Er hat ibr auch wahrhastig so viel Prügel gegeben, daß sie für den Rest ihres Lebens genug daran hat," sagte Sörenson. ..Ist es wirklich so kalt, daß man erfrieren kann?" fragte der Kandidat.„Dann ist er wohl besoffen gewesen?" »Ja, das ist eben das Merkwürdige, denn dann verträgt man gewöhnlich ani meisten Kälte und Widerwärtigkeiten," sagte Sörensen. „Wie nun zum Beispiel beim Hungern; die Leute brau- chen gar nichts zu essen, wenn sie täglich nur ihr Nößel oder ihr halbes Liter am Tage kriegen. Viele helfen sich jetzt auf diese Weise, darum ist es auch keinen sauern Hering wert, in solche» Zeiten Abstinenzlerwirt zu sein— von der Ksache gar nicht zu reden. Dauert dieser Winter tätige so behalten wir schließlich kein männliches Mitglied." Euch nun etwa keine allzu schlimmen Vorstellungen von Sibirien machen. Es läßt sich auch hier'ganz gut leben, nur Geld müßte man haben. Tschita ist, soweit ich' es auf meinem Durchmarsch durch die Stadt sehen konnte, ein ganz hübsches Städtchen lnatür- lich ganz andere Anlage und Bauart, als eine deutsche Gstadt) von etwa 30 000 Einwohnern. Ein Lehrer aus Berlin, der Russisch spricht, und au den ich mich mit D. enger angeschlossen habe, konuie utts mancherlei erklären Und übersetzen. So gibt's z. B. in dem Städtchen einen'Zirkus, Kino, eine schöne Apotheke, Konditorei und viele hübsche Läden. Wir Gefangenen sind in einer Kaserne einquartiert und schlafen auf Pritschen. Der Ordnung wegen sind wir in Korporalschaften zu je 20 Mann eingeteilt, die immer ein Unteroffizier führt. In-dieser. Korporalschait erhalten-wir auch unser Essen, und zwar besitzt jede Korporalschaft zwei Schüsseln und eine Teekanne. Tee ist nämlich hier doch das Nationalgetränk. Nur muß man stch den Tee selbst.kaufen, ebenso Zucker, von dem bier leider ein Pfund 2 Kopeken, gleich 40 Pfennig etwa, tostet. Ter Tee ist natürlich verhältnismäßig billiger. Das Essen ist gut und reichlich. ES gibt Suppe als Hauptfpc.ise, dann ein Stückchen Ueisch und für je drei Mann ein rundes, an Größe unserem Konsumbrpt entsprechendes Kommißbrot. Hunger babe ich um die Mahlzeiten herum immer ganz beträchtlich, und es schmeckt mir auch immer ganz gut. Gestern gab's zur Abwechselung- einmal Fisch- suppe. Aber wehmütig denkt man doch an Muttels gute Küche. Den 31. Dezember 1914. Heute gehl nun das alte Jahr zu Ende, das für alle Welt und speziell auch für mich so voller Bedeutung werden sollte. Hoffen wir alle von dem neuen Fahr, daß es uns recht bald wieder alle in alter Gesundheit und Fröhlichkeit zusammenbringe/wie es früher war! Dieses, und daß ich Euch allen zu Hause viel Glück und Segen wünsche', ser mein etwas verspätet ankommender Reujahrs- ivunsch für Euch, meine lieben Eltern und Geschtvister. Das schönste Fest dieses FahreS, das liebe Weihnachtsfest, konnte ich ja leider diesmal nicht in Eurer Mitte verleben. Tausende Kilometer von Euch fern, mußte ich es diesmal im Eisenbahnwagen auf der sibirischen Bahn verleben. Wir 23 Mann in dem Waggon hatten uns allerdings auch ein Bäumchen mit Liäitern besorgt, auch wir sangen das liebe, alte„Stille Nacht, heilige Nacht" und die andere» schönen Weihnachtslieder, doch wie so ganz anders sah es dabei um uns und in uns aus als sonst. Als Weihnachtsgeschenke für Kamerad D. und mich fungierte etwas Backwerk, das wir uns für wenige Kopeken zur Feier des Tages geleistet hatten. Dazu tranken mir Tee aus unserer blechernen Teekanne, die wir uns schon vorder als unentbehrliches Möbel angeschafft hatten. Wie unsere Gc- danken dabei bei Euch weilten, dos brauche ich Euch wohl nicht erst zu beschreiben. Hoffen wir, daß das Ostey- oder wenigstens Pfrngstfest ein doppelt fröhliches-Fest wird und die versäumten Wcihnachtsfreuden reichlich nachholt. Ich tvürdc Euch ja bitten, mir Geld zu schicken, doch weiß ich nicht, ob mich das Geld erreichen würde, denn erstens hoffen wir 'hier täglich aus Frieden, so daß mich bei der langen Fahrtdauer, die das Geld braucht, dieses vielleicht nicht mehr erreichen würde; zweitens ist es doch bei den setzigen Kricgszeitcn sehr unsicher. Bald erfahrt Ihr mehr. Mit dem Wunsche, Euch alle zu Hause gesund und munter zu wissen, grüßt Euch tausendmal Euer Martin. Tschita, den 1. Januar 1913. Meine Lieben! Den 1. Januar 1913, bei Euch in Breslau noch Nacht, bei uns bereits Neujahrsinorgen. Möge das neue Jcchr uns allen mehr Glück bringen als das alte, vor allem den laugerschnten Frieden und eine baldige Heimkehr-. Hoffen wir, daß dieses Jahr ein Glücksjähr für uns wird. Ich will Euch nun einiges, über unsere Erlebnisse berichten,' und zwar soll dieser Brief als Ergänzung von Martins Brief dienen. Am 22: November—lZlst, früst, wurden wir von den Rüssen ge- fangen genommen. Den Tag über blieben ivir in einem kleinen Hause. Hier wurden wir gut verpflegt. Ju der Nacht ging es zum Xivisionsstav nach Turchin. Der schleppte uns glücklich unter Bewachung von den schon mehr als schlecht gemachten Kosaken eine Woche umher. Solange wir nämlich bei den Kosaken waren, ging es uns mit am besten. In einer größeren Stadt angekommen, wurden tvir vom Stabe getrennt, verhört und marschierten danr» nach Lodz. Hier kamen wir in ein Hotel, in dem der Komman- dierende persönlich uns verhörte, nachher in eine schauderbaste Ka- ferne. Nächsten Abend um II!-- Uhr giug eS in einer riesig lang- farnen Fahrt nach Warschau, ani nächsten Tage kamen wir dort an. Auf den Straßen herrschte noch sehr viel Leben, wir wurden reich- lich mit Zigaretten und anderen Sachen beschenkt. Einen Tag blieben wir hier. In der Rächt vom 30. November bis 1. Dezember 1914 ging-es los nach Sibirien. Aus dem Petersburger Bahnhos stand unser Zug. Tie Wagen wurden mit Oefen versehen. Wir bekamen zum Glück einen Fensterplatz. Gegen Morgen setzte sich der Zug in Bewegung, und nun ging, es immer weiter von der Heimat weg. Auf den einzelnen Stationen umr ein schwunghafter Handel. Die' Fährt durch das flache Land' war sehr eintönig. An durch Napoleons Zug bekannteli Städten, Minsk, Smolensk, ging eS vorbei. Welche Leistung dieser Mann durch einen Marsch nach Moskau vollbracht hat. kann man erst ermessen, wenn man Ruß- land gesehen hat. Hin und wieder kamen wir au Verpflcgungs- stationen vorbei. Wir sollten 23 Kopeken den Tag bekommen, aber——I Aus den Stationen besahen wir uns die schönen Eß- waren, und manchmal kauften wir uns auch einen Rosinenfladcn oder ein Stück Fleisch zu 3 Kopeken. So kamen wir dem Ural immer näber. Als die ersten Berge zu sehen waren, freute man sich ordentlich über die Abtvechselung. Die Bewachung lvar immer weniger streng.. Im Wagen war überhaupt keine Wache, und wir tonuten tun und lassen, lvas wir tvollien. Scbön kalt war es manchmal, bis 35 Grad Celsius.?lber die Kälte ist nicht so empfindlich wie bei uns, denn wir gehen ohne Mantel auf den Beseitigungen einher, ohne besonders zu frieren. Sonst machen wir hier in Gefangenschast nichts als essen und Chat(Tee) trinken. Wie habt Ihr Neujahr verlebt? Wir feierten eS 6 Stunden eher als Ihr,«? war ganz gemütlich durch die gefangenen Oesterreicher. Nun viele Grüße an Euch alle! Euer Kurt. Bei uns sind Friedensgerüchte, hoffentlich ist es wahr. Die jetzige Hauptstadt Serbiens. Ein Korrespandent jics„Algemcen Handelsbläd" schickt seiner Zeitung eine lebhafte Schilderung von Nisch, der gcgeiUvärtigen Residenz von Serbien. Der türkische' Geist— berichtet er— ist noch nicht ganz gewichen aus dieser erst seit 1878 zu Serbien gc- hörenden«taM. Nisch macht nach immer den Eindruck eines orienialisäsen Ortes, es ist orientalisch mäfcrisch, aber auch orientalisch schmutzig. Als der Holländer vor etwa sechs Monaten, alia ziemlich zugleich mit der serbischen Regierung hinkam, watete mau dort durch Berge von Schmutz und erstickte in dichten Staubwolken. Denn eine Stratzenreinigung lvar in Nisch so gut wie unbekannt und fegte man je einmal die Hauptstraßen und-den Marktplatz-- die Nebenstraßen ließ man in ihrem Urzustand-st, sc» blieben die großen Schmubhausen am Rande des Fußioeges liegen, bis der Wind sie wieder über die Straßen verbreitete. Durch die immer größer werdenden Haufen bewies die Etraßcnrcinigung idcc Eristenz und Tätigkeit. Was ihr um so leichter wird, als der Wind, wie heftig er auch sein kann, den Schmutz nie aus Rischs Gebiet hinauszuwehcn vermag. Denn die Stadt ist mit ihren Vororten rings von Bergen eingeschlossen, als läge sie auf dem Boden eines Kessels. Allerdings werden setzt zu Ehren der Regie- rung die Straßen öfter gefegt, und der Schmutz wird auch entfernt, das geschieht aber mitten am Tage und obne�einen Tropfen Wasser, wodurch die Spaziergänger— und es gibt seit dem Kriege hier eine Menge Müßiggänger— in wahre Staubwolken gehüllt werden. Die echten Nischer vom alten Schlage aber sehen diese Neuerung mit scheelen Äugen an und hasten sie für einen Luxus in diesen cleuden Zeiten.•! Tie Hauptstraßen von Nisch hohen ihr türkisches Gepräge per» loren. Hier und da trifft man wohl; noch' ciiicn kleinen Laden aus der Türteuzeit. Tie meist engen, krummen oder gar im Zickzack laufenden Nebensttatzcn aber sind noch'ganz türkisch. Sie haben unansehnliche kleine Geschäfte und niedrige Häuser. Die Woh- iinngen liegen entweder zu ebener Erde aus dem Hos oder springen mit ihren Vordergiebcln weit, in die Straße hinein. Eine gerade Linie ist all-diesen Straßen fremd. Das Pslaster ist besonders ni den Nebenstraßen abscheulich, und' da abends kein Licht brennst ,st man hier in ständiger Gefahr, stch die'Glieder zu brechen. Wasser- leitung kennst' Nisch nicht. Gossen sucht man hier vergeblich, und das Wasser flwßt da. wo es gerade einen Weg findet. Elektrisches Licht aber iit vorhanden, doch geht man damit, wce bereits angc deutet, bezüglich der Straßenbclcmhwng sehr sparsam um. TaS liegt in dem System des NlscherS, der noch mit Groschen rechnet- er sagt nicht 3 Dinare, sondern 23 Groschen—. uild weise Vater, die mit Groschen rechnen, huldigen eben dem System des Nehmens, weniger öenr des Gebens.. Daß sie gern nähmen, mußten wir auch bei dem Mutten unseres Zimmers fühlen. Da dieses ganz„Nischer Stil" ist, sei es hier geschildert: Ein Raum von etwa 4—3 Ouadratmctcr für „Aber das ist ja die umgekehrte Welt," sagte Frau Rask. „Es müßten doch eher mehr eintreten, jetzt, wo es in so vielen Haushaltungen schwer hält durchzukommen." „Ja— da enipfrnden die Wirte die schlechten Zeiten am wenigsten, während wir. wie gesagt, keine Spur zu tun haben. Das liegt nun mal so in der menschlichen Natur, ein Mann kanir es nicht ruhig mit ansehen, wenn Frau und Kinder hungern." „Ich versteh es trotzdem nicht," sagte Frau Rask. „Das ist doch ein Gefühl, in dessen Respektierung alle einig sein müßten," sagte der Kandidat streng.„Aber Du scheinst Dich auf das Ergebnis zu versteifen, das allerdings — das gebe ich zu— in diesem Fall weniger glücklich ist." „Dann koninlt ja auch in Betracht, daß die Leute den Mut dabei nicht' verlieren. Mau mag vom Alkohol denken-, wie man will, jedenfalls hat er doch die merklvürdige Eigen- schaft, einen munter zu halten; Seele und Körper werden durch nichts mitgenommen,— Na, meinetwegen mag es init dem Verein kommen, wie es will, denn ich sage mich bald davon los." „Was, wollen Sie sich vorn Vorsitz zurückziehen? DaS ist ja etwas ganz Neues," rief der Kandidat. „Nein, mein Mann ist schon lange müde," sagte Frau Sörensep. „Ja. müde und müde! Wenn man vcwgebens arbeitet, dann bekommt man's ans die Tauer satt, Kräfte zuzusetzen, wie Sie wohl verstehen werden." „Der strenge Winter nimmt auch einmal ein Ende, und dann treten die Leute wieder ein." sagte Frau Rask tröstend. „Trotzdem— ich habe keinen Glanben mehr daran; meine Frau übrigens auch nicht." „Ich sage, Du sollst machen, wozu Du Lust hast, Sörensen." „Und dann sehen Sie mal, es ist keine einzige Flasche von meinen Delikata rings in der Umgegend abgesetzt; so was nimmt einem auch den Glauben an einen Forfichntt. Ich habe doch nicht so wenig in die Sache hineingesteckt. Und dann all die Kritik, die über einen herfällt; man hat doch gc- tan, was man konnte." Der Kandidat nickte hin und wieder, verstand aber kein Wort. Es brauste ihm vor den Ohren, und ieden Augenblick nahm er einen Anlauf zu einer Frage, ohne sie über die Lippen zu bringen.„Wie geht es ihr— dem Mädchen?" fragte er endlich leichthin. „Ja, Tod und Teufel, es muß ja bald so weit sein; ich sah, daß Laura gestern nach alt ein Kinderzeng suchte. Wann ist es, was meinst Du, Mutter?" „Es ist überhaupt nicht klug aus ihr zu werden," sagte Frau Sörensen kopfschüttelnd.. „Nein, darin hast Du recht, denn sie antwortet gar nicht. Der Pastor hat sie ztveimal norgenommen, um ans ihr her- auszukriegev, wer der Vater ist, und wir haben uns auch ein bißchen mit ibr abaegcben, aber sie benimmt sich ganz komisch — wie ein Geizhals, der sein Geld verwahrt hat und nicht sagen tvill, wo. Den Mund halten kann sie, so einfältig sie ist; und ich glaube auch nicht, daß wir etwas zu erfahren he- koulinen, denn wenn sie sich erst eine Sache in den Kops gesetzt hat, können zwei Pferde sie nicht davon abbringen. Na, dos Unglück ist ja nicht besonders groß, da sie wohlhabnedc Per- wandte hat." „Sie ist sa auch unzurechnungsfähig," sagte der Kandi- dat.„Also selbst wenn sie irgendjemanden bezichtigen würde, kann das wobl kaum Gültigkeit haben. Püh, Anina, ihr heizt zu toll ein," fügte er hinzu und wischte sich den Schweiß von Hals und Stirn. „Nein, D» bist nicht gesund, Louis. Wenn eS nur feine Influenza ist!" „Oder die Grippe," sagte Sörensen lachend,„denn eins von beiden ist es immer. Aber im Ernst, Sic sollten einen recht starken Numtoddy trinken, bevor Sc sich hinlegen. Meine Frau hat mir neulich mit List einen zugeführt, als mir alle Glieder wehtaten. Sie können mir glauben, das hals. Es kommt darauf an, so was beizeiteu cinznnchinen, das siebt man an Bander, der schwitzte auch immer so und wollte nicht glauben, daß es etwas'zu bedeuten habe." „Ach, Herrgott, der arme Kerl, steht es wirklich so schlecht mit ihm, wie die Leute sagen?" fragte Frau-RclSk, und ihr alter Kopf zitterte. „Ja, ich war heute draußen," berichtete Agge.„Er lag mit dem Rücken nach oben und wollte; gär nicht mit mir sprechen." „Der arme Mensch! Es muß auch schwer sein, sterben zu sollen, wenn man io jung ist: und er und die Tochter baben sich obendrein lieb gehabt." Frau Rask strich zwei Tränen von ibren buschigen Augenlidern fort. „Ta6 ist längst an?," sagte Aage eifrig.„Er hat die Sache selbst gelöst. Jetzt ist er so weit, daß er sie auffressen möchte, wenn sie ihm bloß nahekommt. Als ich neulich bei ihm war, kam sie herein und zeigte ihm einen niedlichen Kranz, den sie gebunden hatte und für ihn verschicken wöllte — zum Begräbnis seiner Mutter. Aber er nahm den Kran; und riß ifm entzwei. Nachher hatte er Fieber und phänta- üerte.„Sagt der Jugend, daß sie-ihre Gefühle: nickst ver- flachen lassen darfs" wiederholte er in einem fort � unh meine Frau und mich, darin zwei Betten. Tjart wie Bretter, drei harte Hvlzstuhle, von denen der dritte als Waschtisch dient— kommt ein Gast, so stellen wir die Schüssel unter den Stuhl—. ein kleiner Tisch mit meinen Schreibereien. Zum Essen legen wir auf die Este des Tisches eine selbst mitgebrachte Serviette, und nach jedem Gericht waschen wir den einen Teller, den wir erhalten, ab. Ferner steht auf dem Tisch eine kleine Oellampe, System„Fledermaus". Und dafür verlangte man monatlich 120 Fr. Entsprechend teuer ist das ganze Leben in Nisch. Nicht nur infolge der Bevölkerungs- zunähme der letzten Zeit, sondern auch der erhöhten Einfuhrpreis« und der Steigerung des Goldagios bis zu 40 Proz. Manche In- dustrieartikel sind kaum zu haben. An allem anderen aber herrscht durchaus kein Mangel. Nisch ist nun also das Zentrum Serbiens geworden, wenigstens des Serbien im europäischen Kriege. Hier wird beraten über den seroischen Anteil an dem großen Ringen. Wir sehen hier eine fremde Botschaft nach der anderen erscheinen. Englische Offiziere mit dem Dreimaster, russische Offiziere mit dem Säbel am Bande- lier, französische Matrosen mit blauen Mützen in der Form eines Pfannkuchens, in dessen Mitte ein roter Pompom sitzt, französische und griechsche Marineoffiziere, serbische Bauern und Bäuerinnen, auch ein paar Tataren, alle in ihrer malerischen Nationaltracht. Und zwischen den serbischen Ochsenkarren und serbischen Bauern sähen wir auch die hageren Brüder Buxton des englischen Balkon- Komitees. Ein buntes Gewimmel. Aber alles sehnt sich nach ruhigeren Zeiten. Theater. Deutsches Theater:«Schluck und Jau", roman- tisches Posscnspiel von Gerhart Hauptmann. Der starke Beifall, der am Schluß losbrach, war von den Darstellern der beiden Titelrollen wohl verdient. Ueber das Stück, das beim Er- scheinen vor anderthalb Jahrzehnten auf der Brahmichen Bühne nur eine kühle Aufnahme fand, dürften die Meinungen sich seither nicht geändert haben. Es trägt neben der verfehlten Komödie der «Jungfern von Bischoffsberg" unter allen Dramen des Dichters am wenigsten persönlich HauptmannscheS Gepräge. Daß er einen alten Stoff, den Shakespeare schon im Borspiel zu„Der Widerspenstigen Zähmung" und Holberg später dann im„Jeppe vom Berge" aufs Theater brachte, hier von neuem aufgegriffen, war gewiß sein gutes Recht, wenn ihn dabei der Trieb geleitet hätte, das Alte, der eigenen Individualität gemäß, in neuem Lichte darzustellen. Doch eben da- von leider spürt man nichts. So unverhältnismäßig enger sich die Hoffmannsthalsche„Elektra" an das Sophokleische Original an- schließt als Hauptmann hier an seine Vorbilder, erscheint sie doch, an solchem Matzstabe gemessen, um vieles origineller. Das Ueberlieferte ist da mit andern Augen, mit Augen unseres Zeitalters gesehen. Während der griechische Dichter, so sehr er Elektras rachsüchtige Leidenschaft betont, der Volksauffassung folgend, die zum Muttermord Aufrufende zugleich als Heldin und als Werkzeug göttlicher Gerechtigkeit verherrlicht. die Ehöre ihre und des Orchesters Tat in triumphierenden Strophen preisen läßt, führt HoffmannSthal die ganze Handlung, losgelöst von jenen, uns heute ganz fremden Hintergründen, als bloß talsächliches Geschehen vor, in welchem düstere, ungezügelte Affekte primärer Menschen aus Barbarenzeiten elementarisch ihren Ausdruck finden; gibt er ein Bild, das gänzlich abweichend als eine Art naturalistischen Dokuments auf unsere Empfindung wirkt. Gerade von Hauptmann, der in den„Webern", in„Hannele" und sonst so oft das tiefste Mitfühlen für die Leiden der Aermsten und Verachteten zeigt, hätte man erwarten sollen, daß. wenn er überhaupt jener Geschichte von dem sinnlos betrunkenen Vagabunden, den die Laune eines Grand Seigneurs für vierundzwanzig Stunden zum Schloßherrn avancieren läßt, Interesse abgewinnen konnte, er in ihrer Ausgestaltung Züge dieser seiner Denkart offenbaren würde. So hätte aus dem Alten etwas Neues werden, der rohe Spaß, den sich der Mächtige mit dem armen Schelm erlaubt, vielleicht m eine nachdenkliche Komödie sich wandeln können, die den Spott des reichen Herrn auf ihn selber zurückwirft. Indes nicht einmal die Ansätze dazu sind zu entdecken. Haupt- manns Jon Rand und seine zechende Jägerkompanei erscheinen— soweit geht die Nachahmung Shakespeares—_ den zerlumpten Burschen gegenüber, die statt in Wein in Brannt- wein exedieren, ganz so zweifelsfrei untadelig wie der Lord, der in der„Widerspenstigen Zähmung" sein Spiel niit dem am Wege aufgelesenen Schlau treibt. Ja es ist eigentlich noch Gnade, daß sich der hohe Herr zu einem solchen Mummenschanz herbeiläßt. Ursprünglich hat er Schluck und Jau, da sie unverschämterweise ihren Rausch öis zu dem Schloßtor trugen, in den Block sperren lassen wollen.— So kommt nichts anderes heraus, als eine Ausspinnung der Possenszenen des Motivs, die bei Shakespeare und Holberg nur Episoden bilden, zur Länge von fünf Allen. Die paar Reflexionen des Fürstenfreundes Karl am Schlüsse, daß das ganze Leben, gleich oine ganze Menge solch komisches Zeug. Ich sagte natürlich ja zu allem, aber unheimlich war es." „Ja, so etwas: einen Kranz für die eigne Mutter!" sagte Frau Sörensen schaudernd. „Er hat sich verstockt, hat sich mit einer Schale umgeben," warf der Kandidat düster ein.„Wenn ein Mann im Ernst ausspricht, daß ihm das rein tierische an den Menschen sym- pathisch sei, und daß sie in demselben Grade vorwärtsschreiten, in dem sie diese tierischen Anlagen pflegen, dann steht er nach meiner Ansicht sehr tief. Jeder andere würde doch danach streben, wenigstens seine Vorsätze rein zu erhalten." Bc- deutungsvoll sah er seine Frau an. „Ja, das ist wahrlich ein hartes Wort," erklärte Sörensen.„Wir sollen uns wohl geradezu hinlegen, auf allen Vieren kriechen und uns hinten einen Schwanz anbinden,— um richtig ähnlich zu sehen, was? Und wenn die Leute dann zu uns kämen und von der Fahne der Idee schwatzten...?" „Dann könntest Du mit dem Schwänze wedeln, Vater," sagte Aage mit einem Anflug von Ironie, die er durch den Ilmgang mit Karl erworben hatte. „Wie? Was?— Na ja, prost Mahlzeit, das würde sich schön ausnehmen? Ein Tier fein--- Hör mal, Mutter, sollte er es etwa fein? Mit der Zeit könnte es passen." Frau Sörensen warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu. „Ach richtig. Du bist ja ebenso in ihn vergafft wie Aage. Es war auch bloß«cherz von mir: er ist.sicher ein großer Schelm und sagt allerlei, loas er nicht denkt. Kandidat? Ein- mal wollte ich ihn dazu veranlassen, eine Adresse an die Re- gierung zu unterschreiben: da antwortete er, wenn der Staat mitwirken solle, so müsse es durch Gratisverteilung von Alkohol sein. Was sagen Sie zu so einer Idee?' Nicht davon zu reden, daß man eine Masse Gewerbetreibende brotlos machen würde— es gäbe ja auch die fürchterlichste Sauferei im Lande. Hihihi, man könnte sich nicht rühren vor Be- f'mnknen! Doch gut erdacht ist die Sache.— Na, aber wir müssen nach Hause, damit der Kandidat in die Klappe kriechen kann," sagte er und stand auf.„Und wenn eestine ihre Pflicht getan hat. werden wir schon dahinterkommen, ob er es ist." i Er blinzelte seiner Frau neckisch zu.„Es müßte ja mit sonderbaren Dingen zugehen, wenn gar keine Aehnlichkeit mit dem Vater vorhanden wäre." Der Kandidat starrte noch lange vor sich hin, nachdem' die Gäste weggegangen waren. Ihn fror, und er schwitzte, und seine Augen überzog ein Schleier, so daß sich ihm alles in Nebel auflöste. Van Zeit zu Zeit durchlief ihn eine schlnch- zende Regung von unten her bis in die Kehle,— ohne jedoch zu einem Laut zu werden/.,, feorff. folgt.) 1 der vermeinten Fürstenberrlichkeit des Jau, ein Masken- scherz sei, den Schicksal und Zufall mit den Menschen aufführen, machen nur den Eindruck eines angehängten Notbehelfs, der das Fehlen einer tieferen Wendung und Pointe entschuldigen soll. Aber auch nach einem Possenmaß betrachtet und abgesehen vom Peinlichen, das das Sujet enthält, zeigt die Durchführung— etwa die Gastmahlsszene abgerechnet, in welcher Jau als Fürst der Tafelrunde präsidiert— doch nur geringe schwankmäßige Erfindungskraft. Es mangelt ihr an Ueber- raschungen. Und die Charakieristik der beiden Gesellen, die nament- lich in der Figur des zulraulich-sreundlichen, durch das Bewußtsein seiner«Künstlichkeit" gehobenen Schluck mancherlei feingesehene Mo- mente aufweist, kann nur zum Teil dafür entschädigen. In Waßmann und Pallenberg besaß das Paar zwei glänzende, jede kleinste Nuance mit virtuoser Sicherheit dcrausholende Vertreter. Jener entfesselte mit der übermütigen Komik seiner verschmitzt zusammengekniffenen Aeuglein, seiner Mienen und Gesten die lautesten Heiterkeiisausbrüche. Dieter zeichnete in die Hauptmann- scheu Umrisse des Schluck ein wunderbar echt anmutendes, in oller Drolerie doch rührendes Menschenbild hinein. Winterstein ver- körperte sehr glücklich die Züge vornehmen Aestheientums, die der Dichter in die Gestalt des Fürsten, zum Teil im Widerspruche zu der Handlung, hiueinverwoben, und Frl. EckerSberg war eine reiz- volle Märchenprinzessin. stt. Deutsches Künstler-Theater: Der Pfarrer von Kirchfeld von Anzengruber. Nicht eindringlich genug kann die Bedeutung Ludwig Anzengrubers für die deutsche Literatur im allgemeinen, für das Volksdrama im besondern betont werden. Er ist und bleibt dessen zuhöchst ragender Gipfel nach zwei Seiten hin: einmal als großer Poet, das andere Mal als sozialethischer Tenidenzprediger. Die von seinen Dramen ausstrahlende reinigende Wirkung muß um so spontaner und tiefer sein, je größer der Re- spekt ist, niit dem die Bühnenkünstler Anzengruber begegnen. Von diesem Respekt zeugt die Aufführung in Barnowskl)s„Künstler- Theater" vom letzten Donnerstag. Seit Jahren sah man keine, die ihr ähnlich, geschweige gleichwertig gewesen. Wer schon manchmal gemeint: es sei dieser Tendenzdichtung die Grenze ihrer lebendigen Wirkung gezogen, konnte jetzt die gegenteilige Erfahrung machen. Alles am Pfarrer von Kirchfeld mutet echt und dauernd an wie am ersten Tage: dank einer wunderbar bodenständigen Einheitlichkeit der sprachdialektischen Behandlung, dank auch einer prachtvollen landschaftlichen Dekoration und, was doch das Wichtigste und Eni- scheidendste: dank meisterhafter Regie und ebensolcher darstellerischer Leistungen. Rudolf Schildkraut als Wurzelsepp dominierte gewiß. Aber wer empfing etwa von Theodor Loos(Pfarrer), D