g,.70-1915. Unterhaltungsblatt öes vorwärts MoZerne Zpklspen. Von R i ch a r d W o l d t. „DieicZ Geschlecht ist eisern! Nicht bei Tage, bei Nacht ruben die Verworfenen aus von ihren Beschwerden und Mühen, denn die drückendsten Sorgen entsendeten ihnen die Götter." So Heist! es in einer alten Sage, und ein tiefer Sinn wird damit ausgedrückt: die eigentliche Menschheiisgeschichte beginnt in der Vorstellungswell der Allen erst mit der Anwendung des Eisens, mit dem„eisernen Zeitaller". UndHephästos wirdverherrlicht, der Schiniedc- gott, der Gott des Feuers. Seine Gehilfen find die Zlstloven, die Riesen. Wenn sie den AmboS schlugen,„dröhnte es rings wie Donner", und wen» sie den Blasebalg traten,„schien Sturmwind zu rauschen". Auch die moderne Technik hat ihre Zhklopen, ihre Schmiede- gesellen. Aber jetzt sind es Maschinen, riesenhafte Ungeheuer von kolossaler Kraslentfallung und Stärke, zugleich lenkbar, uncriniidlich und gehorsam dein Willen des Menschen Untertan. Diese grandiosen Arbeitsmaschinen schmieden und walzen, pressen und ziehen jetzt iür den Krieg. Eindrucksvolle Bilder sind es, wenn wir Arbeitsstätten der Kriegsindustrie besuchen. In seinem berühmten Gemälde„DaS Walzwerk" hat uns der alte Menzel diesen Arbeitsprozest festgehalten, ivie aus einem Wärmeofen die Arbeiter einen rotglühenden Elsenblock heranziehen, ihn auf die Blockkarre verladen und zur Walze hinfahren. In dem engen Raum müssen die Arbeiter kräftig und keuchend zugreifen. Alles in diesem Bilde ist Leben und Bewegung, und selbst der Arbeiter, der hinter einem BcrsÄlage das von seiner Frau mitgebrachte Essen schnell verzehrt, versinnbildlicht die Hast und die Hetzjagd der Ar- bcitsweise. Und doch ist das Bild von Menzel in der Wiedergabe der tech- nischen Einzelheiten nicht mehr zeitgemüst. WaS der Künstler mit wunderbarer Anschaulichkeit festpehall'en hat, ist der Arbeitsprozeß eines Walzwerkes vor 30—40 Jahren. Heute hantieren die Walz- arbeiter nicht mehr vor solchen technisch primitiven Arbeitsmitteln, ivie sie Menzel sah; imposanter in seiner Maschinenwirtschaft istdaS niodcrne Walzwerk geworden. Wir sind in Rbeinland-Westfalen irgendwo zum Besuch eines Hüttenwerkes eingekehrt. Und nun stehen wir in der Walzwerkhalle. Dämmerlicht liegt über dem grosten Raum. Plötzlich ein dumpfes Brausen. An der Decke bewegt sich etwas. Ein Kran kommt lang- fam hcrangcfahren. In seinen Klauen hat er den rotglühenden Block eingespannt, der ans dem Wärmeofen kommt und nun ausgewalzt werden soll. Die schwere Last von etiva 2000 Kilo trägt der Kran mir anscheinend spielender Leichtigkeit. Der Block wird behutsam auf den Boden hingelegt, die Klemmbacken lösen sich, ohne dast ein Mensch zugreift. Der Kran hat seine Last abgeliefert und geht eilfertig wieder zurück. Rolgliiheitd liegt der Eisenblock nun träge und schwerfällig auf dein Boden. Plötzlich wird er in Bewegung gesetzt, der Kran hat ihn nämlich auf eine Bahn gelegt, die breite Laufrollen besitzt. Ein Hebcldruck des Maschinisten oben vom Führersland der Walze aus: die Rollen drehen sich, der Block kommt angekrochen, bis er an das Maul des Walzwerkes angelangt ist. Einen Moment inacht er Halt. Nur einen kurzen Augenblick. Und auch die Maschine steht still. ES ist, als wollte sie die Kraft sammeln. Und nun vollzieht sich etwas Aufregendes: der schwere klobige Eisenblock wird mit ungeheuerer Gewalt gepackt, wird von beiden Walzen ergrisien, ob er will oder nicht, er must hindurch, er wird zusammenge'vrestt, wird schmäler und länger. Da lieg: er nun ans der anderen Seite. Aber auch hier nur wieder einen kurzen Augenblick. Er wird ein wenig von unsichtbarer Hand beiseite ge- schoben, so dast er vor ein ueueö Walzcnpaar zu liegen kommt. Hier wird er gepackt, und nun geht es zurück, und wieder wird seine Forin verändert. Hin und her jagt mau ihn aus der Marterbank, bis er lang und schlank zu einer Eisenbahn- schiene geworden ist. Die Rollen auf der Transportbahn be- fördern ihn in seiner fertigen Gestalt nach der Schere, hier wird er in vorstbriflSmästiger Länge zerschnitten, und dann �greift ein anderer Kran die Schienenendcn um sie dem Lagervlan zuzuführen. ?illchher beugen an der Wasserkaute ein paar Werftarbeiter die Schiene zu einem Spanten für dcir Rumpf eines Kriegsschiffes. Nikolaus Welter bat in seiner Gedichtsammlung„Hochofen" diesen Walzwerkprozest in schöner Sprache beschrieben: Knirschend klemmt die Walze. Ihre Kiefer knacken, Wenn sie den verhastten Lichtblock packen. Wie er schäumt, er wird gereckt. TOi Ueberßuß. Loil Martin Andersen Nexö. In der Wohnstube unter seinem Zimmer konnte er gehen und reden hören, auch hin und wieder ein einzelnes Wort unterscheiden. Es lag etwas Gedämpftes über dem Treiben da unten; er wußte/daß man Rücksicht auf ihn nahm, aber auch, daß das nicht ganz natürlich war. Er war nicht mehr die Seele des Hauses, sondern nur ein Kranker, mit dem man Mitleid hatte; wenn die da unten glaubten, er höre es nicht. ließen sie sich ruhig gehen. Und er hörte viel mehr, als sie ahnen konnten. Mit jedem Laut im Hause hatte er sich vertraut gemacht bei dem violtägigen Liegen und Lauschen; er kannte Elses Gang und ihre Art, die Türen zu handhaben, und wußte immer, ob sie zu Hause war und was sie tat. Er glaubte auch aus der Art ihres Treibens schließen zu können, ob sie an ihn dachte oder nicht. Er hatte sie mehrere Tage nicht gesehen, ihre Mutter pflegte ihn und saß bei ihm, wenn sie Zeit hatte und er eS wünschte; aber so oft er nach Else fragte, machte sie Aus- flüchte. Er verstand, daß die beiden zusammenhielten; und trotzdem, wenn er dem Blick der Mutter begegnete, sah er, daß er ihr leid tat, und daran klammerte er sich. Kritisch wie er war, wußte er auch, was Else abstieß und von ihm fernhielt: jetzt, wo sie sich nichts mehr aus ihm machte, mußte es ihr peinlich sein, sich bei jeder Bewegung von seinen bettelnden, vorwurfsvollen Augen beobachtet zu wissen. Sein klebriger Blick widerte ihn selbst an, doch ohne daß eS darum anders wurde. Jetzt ging sie aus der Stube! Von der Tielc aus ant- wartete sie der Mutter und kam die Treppe herauf. Er runzelte die Stirn, er wollte sich einen gleichgültigen Gesichts- ausdruck abzwingen. Es klopfte leicht, und die Tür zu seinem Zimmer ging aus. doch ohne daß sie zum Vorschein kam.„Mutter bat mich, Dich zii erinnern, daß Du Deine Medizin nähmst," sagte sie vom Speicher aus. „Tann muß ich frisches Wasser haben," erwiderte er an- gestrengt! es war nickst Luft genug in seinen Lungen, die Worte richtig herauszubringen. „Ich werd es Dir bringen," erwiderte sie und flog hin- unter. Er wollte sich ihr Arsenik nicht einfüllen und sich künst- Wie er bäumt, er wird gestreckt; Wird gerecht und ausgezwackt, Wird gestrccki und abgehackt. Wird vom Pratzenkran mit grimmigem Behagen Weitem Marlern zugetragen; Must im Walzenfieber Durch die sämtlichen Kaliber; Jetzt als Riese, bann als Krüppel, Hier als Träger, dort als Knüppel So als Schiene, so als Droht Aus erschütternd grauenvollem Leidenspfad. Das Eisen kann aber auch einen anderen Werdegang durch- laufen. eS kann ausgeschmiedet werden. Dampfhammer oder hydraulische Schmiedepresse werden die Werlzeuge, die am Material die notwendigen Formgebungsarbeiten verrichten. Solch ein Dampfhammer ist ein ungefüger Sckimiedegeselle. In einem grosten Eisengestell hängt ein Klotz, der Hammerbär. Die Unterlage ist der Ambost. Der Dampf lästt den Hammerbär auf den Ambost auf und ab geben. Je gröber die ganze Hammcranlage, desto wuchtiger die Schlagwirkung. Und doch haben zugleich die Riesenbammer eine bewundernswerte Geschwindigkeit und Präzision der Bewegungen. Auf einem Wagen wird ein Schmiedeblock herbeigefahren, in Ketten eingehängt, mit Zangen und Hebel dirigiert und auf den Ambost gelegt. Ein kleiner Steuerhebel wird bewegt, und nun schlägt der Hammerbär auf den Eisenblock. Je nacb der Stellung des Hebels saust der Bär entweder mit starken Schlägen auf das Arbeitsstück nieder oder tänzelt mit zierlichen Bewegungen auf und ab. Regulierung von Stärke des Schlages und Tempo der Be- wegungen liegt in der Hand jenes Arbeiters, der den Steuerhebel bedient. Und das ist das Charakteristische, das einen bei der Betrachtung einer solchen Arbeitsgruppe gefangen nimmt. Die Arbeit ipannt vollständig die ganze Aufmerksamkeit der Männer an. jeder sieht auf seinem Poston. Ein wunderbares Zusammenspiel. Wir haben zunächst die Illusion, als wenn der groste uniörmliche Dampfhammer lebendig geworden wäre und nun Verstand und Willen bekommen hat, als wenn er wüstte, worauf es jetzt an- kommt. Ein Zeichen des Vorarbeiters! Geschickt schieben die Männer den rotglühende» Eisenblock in einer ganz bestimmten Lage aus den Ambost. Wieder ein Zeichen, und nun beginnt der Hammer den Eisenblock zu bearbeircn. Zunächst erfolgen dumpf, schwer und lang- sam die Schläge. Das sind die Vorarbeiten, das rohe Ansschmieden. Dann werden die Schläge feiner, leichter, schneller. ES sind die letzten Formgebungsarbeiten. Die Arbeiter aber drehen und wenden den Block hin und her, denn jeder Schlag soll auf der richtigen Stelle erfolgen, bis aus dem rohen Elsenblock ein schön geformtes Maschinen- glied geworden ist. Die hydraulische Schmiedepresse. Schon der Dampfhammer ist in seiner konzentrierten Kraftentfaltung ein Arbeilsriese. Der be- rühmte, jetzt auster Betrieb gesetzte Hammer„Fritz" bei Krupp in Essen konnte mil einem Bärgewicht von 00 000 Kilogramm, gleich der Last einer neueren Schncllzuglokomotive, auS einer Höhe von drei Meter auf den Ambos fallen. Aber geradezu unheimlich ist die Kraft einer hydraulischen Schmiedcpresse. Im Museum für Meisterwerke der Naturwissenschaft und Technik in München liegt ein Stablklotz von einem Meier Höhe und einem Meter Breite. An einer Stelle hat ihm der Hammer„Fritz" einen Hieb versetzt und eine Vertiefung von 30 Millimeter hervorgerufen. Dann bat eine hydraulische Schmicdepresse denselben Block vorgehabt und ein Einschnitt von 500 Millimeter ist geblieben. Wie Kuchenteig hat die uiiwideistehliche Kraft der Schnuedeprcsse den Block an der Berührungsstelle platt gedrückt. Im Gegensatz zun: Dampshammcr, der seine Arbeit brüllend und lobend verrichtet, nimmt die Schmiedepresse das Arbeitsstück in eine lauilose Umarmung: Ventile werden geöffnet. Pumpe» treiben das Wasser in einen grosten Prestkolben und die beiden Klemmbacken der Presse drücken das Arbeitsstück mit einer solchen Gewalt zu- sammen, dast das Schmiedestück funkcnspriihcnd ächzt und stöhnt und doch von der Kraft der Maschine bezwungen die Form an- nimmt, die gewollt wird. Und wieder ist Zweck der Arbeit ein Glied zu einer Kriegsmaschine, ein Eisenteil zu einem Riesen- geschütz. Draußen aber auf den Schlachtfeldern toben und brüllen die Kanonen, die Völker stehen sich gegenüber, ausgerüstet mit Waffen titanisch gesteigerter Zerstörungskräfte, wie sie nur die moderne industrielle Kriegsschirnede zu liefern imstaildc war. Die wacht an öen Dardanellen. „Ganz Konstantinopel hallt � wider von dem schweren und gleichmästigeii Tritt der iürkischen Soldaien," so schreibt Carlo s-ear- foglio in einen! Konstantinopeler Briefe, den er in der„stampa" veröffentlicht.„Sicher, die Truppen, die ich vorüberziehen sehe, sind schöne Truppen. Der iürkische Soldat, der lange Zeit hindurch als das Musler der Soldaten gegollen halte, hat emc zu starke Herab- setzung in der öffentlichen Meinung nach den Kaiastrophen in den Balkankriegen erfahren, die zweifellos nicht dem Versagen des MenschenmaleriatS, sondern der schrecklichen Verwirrung zuzu- schreiben waren, die überall herrschie. Der türkische Soldat bleibt trotz alledem, besonders in dem jetzt vorherrschenden Element der asiatischen Truppen, ein prächtiger Soldat von mittlerem und auch höherem Wüchse, breit gebaut, ein ausgezeichneter Marschierer, nüchtern und gehorsam, ein vorzügliches Werkzeug in der Hand eines guten Konimandaiiten. Die Verwandlung der wirren Haufen von in Lumpen Gekleideieil, die sich auf drei Fronten im Balkauknege gegen drei vollkommen ausgerüstete Heere zeigten, in dieses kleine, aber gutbcwaffnete und gutgekleidete Heer fällt sehr auf. Die türkische Unifonn ist wohlbekannt, sie ist zugleich praklisch und militärisch. Der Schritt deS iürkischen Soldaten ist kurz und schwer, zeigt aber ein miliiärischeS schnelles Vorwärts- drängen. Fügt man hinzu, dast der türkische Soldat im Schützen- graben sich ininier als tüchtig erwiesen hat, wenn er gut geführt wurde, so kann man anliehiiisn, dast man zwischen Bulair und Gallipoli an den beiden Küsten, zu beiden Seiten der Dardanellen interessante Dinge zu sehen bekommen wird. Die letzte Woche ist in schweigender Erwartung und fieberhaften Vorbereitungen vorübergegangeii. Vom 20. Februar ab bören wir täglich durch die kurzen und seltenen offiziellen Mitteilungen das dumpfe Klopfen von Batterien am Tor, und wir vernehmen von fern her, wie ein Schlafloser in einer einsamen Stadt, das Geräusch der Dietriche, die dieses Tor öffnen wollen. So etwa ist das Geiühl, mit dem die bürgerliche Bevölkerung von Konstaiitinopel die Meldungen von dem englisch- französischen Versuch, die Dardanellen zu zwingen, aufnimmt. Seit einigen Tage» erwecken die Vorsicht und die'LangsalilkeU der Operationen von leiten der Belagerer, die nnvorbergeseheiloZAbfahrt eines Teiles ihrer Elotte und die folgende Beschiestung von SmYnia groste Hoffnungen. tan atmet viel leichier, und schon verbreitet sich die Meinung, dast die Flotte der Verbündeten auf den Versuch verzichten kölme. In den niilitärischen Kreisen glaubt natürlich iiieniand, dast die Ver- bündetcn dies tun werde», che sie unüberwindliche Schwierigkeiten gefunden haben, nachdem der eiste Kanonenschuß daö Gelingen zu einer Ehrensache für sie gemacht hat...." Scarfoglio schildert nun die Schwierigkeiten, die der Kampf der Schiffe gegen die schweren Fesiungsgeschütze an der Meerenge finden must. die in jedem Falle eine lange Dauer der Operatioilen erforderlich machen.„Aber wenil nun die mittleren Forts zum Schweigen ge- bracht würden und geletzt den Fall, dast die Verbündeten sie erobern oder in die Lust sprengen lönnten, da schliestlich kein llnteriiehmen im BclagerungSkricg unmöglich ist, wäre damit die Aufgabe der verbülideien Flotte erfüllt� Ich weist nicht, WaS man über die Operationen in Europa denkt, aber hier sieht man die militärische Lage so, dast eS zlveifellos für die Verbündeten sehr schwierig sein wird, sich wirklich der Dardanellen zu bemächtigen, ohne eine Land- schlackst an ihren Küsten zu liefern. Die Hügel, die sich längs der Meerenge hinziehen, sind in der Tat von einer grosten Zahl von Batterien»iittlercr Kaliber, ivie sie in den modernen Kriegen verwendet werde», besetzt, die die Stellungen verteidigen und nicht so wie die feste»» Besestiaungeu zerstört werden könne»». Die Einnahme der Forts würde daher nur die schnelle Durchfahrt von Kriegsschiffen sichern, und auch diese wäre nicht ohne Gefahr. Aber die läglicke Benutzung der Dardanellen als Transportweg»ach und von Rußland würde solange für Frachtdampser nicht möglich sein, als türkische Streitkräfte an den lUern der Meerenge stehen. Nach der Eimrahiiie der Dardanellen stünden die Verbündeten vor dem Dilemma: entweder die Kapitulation der türkischen Regierung durch- zusetze» oder die beiden Ufer der Dardanellen und die nichl weniger gefährlichen des Bosporus fest in Besitz zu nehmen. Die erste Möglichkeit ist für jetzt völlig ausgeschlossen. Auch abgesehen von dem Verlranen auf den Widerstand der Be- testigungcn ist die türkische Regierung zum Widerstand bis zuiir Aeustcrilen entschlossen. Ein Marsch auf Kvifftantinopel würde nur die Verlegung der Hauptstadt und die Verteidigung der Stadt zur Folge haben. Die Verbündeten würden nur den Besitz von Kon- Uch mästen lassen wie eine alte Mähre! Aber er wollte sie sehe n, sie zwingen, hervorzukommen, wenn sie niit ihm sprach, und sich nicht so anzustellen. eoic brachte ihm ein Glas Wasser und einen reinen Löffel.„Bitte schön." sagte sie und setzte die Sachen ans den Ldrankentisch, ohne ihn anzusehn, und dann drehte sie sich hastig nach der Tür. „Else," flüsterte er. „Za." Sie blieb stehen, mit der Seite nach dem Bett hin und die Hand auf der Klinke. „Warum hast Du solche Eile?" Er streckte die Hand nach ihr ans; der Ausdruck seines Gesichts war bittend, fast beschwörend. „Wir bereiten je heute die Wäsche bor." „Mach nur schnell, daß Du fortkommst," sagte er bitter, „ich könnte Dich sonst anstecken." Sie zögerte, etivaS beschämt.„Wünschtest Du etwas?" fragte sie und biß sich auf den Finger. Sie permied es immer noch, ihn anzusehen. „Ich liege so schlecht; wenn Du unter mir ein wenig glatt machen möchtest?" „Ja, dann will ich die Mutter bitten, mir zu helfen," sagte sie schnell und öffnete die Tür. Sein Gesicht verzerrte sich:„Nein, ich danke, es ist schon gut." „Soll ich doch nicht?" fragte sie zurück. „Na, ja. ja!" Sie schloß rasch die Tür und lief die Treppe hinunter, erleichtert, wie es ihm schien. Und er schämte sicki, daß er wieder schwach gewesen und sich eine so erbärmliche Blöße gegeben hatte. Was hatte er denn gewollt? Sie liebkosen, sie erwürgen oder sie anflebn? Oder sie vielleicht bloß noch einmal um sich fühlen? Er hatte fa seinen Entschluß gefaßt! Und trotzdem handelte er ihm gerade entgegen. Seltsam, daß er, der so eifrig an sich selbst in seinem Verhältnis zum großen Leben gearbeitet hatte, der so nüchtern gewesen war, auch wo es im tiefsten Sinne ihn selber galt, daß er so hartnäckig, störrisch hieran hängen konnte! In dem grauen Nichts luachte es doch keine Freude, Leidensgefährten zu haben! Aber das war das Lustgefühl in seiner niedrigsten Form — als Zerstörungssncht; auf seinem Wege zur Vernichtung hin mußte er rückwärtsgehn und den Standpunkt des Kindes und des Wilden passieren! Tie Erklärung befriedigte ihn, und während er den Schneeschippern draußen ans dem Wege lauschte, vergaß er den Godanten. Er hörte die dumpfen Laute des regelmäßigen Ganges der Arbeit, die hier und da durch einen Zuruf oder Fluch unterbrochen wurde oder durch den Klang der Schau- fein, wenn die Leute mit ihren Holzschuhen den Schnee davon losschlugen. Er hob sich auf den Ellbogen und setzte sich aufrecht, trotz der Schmerzen im Rücken. Er sah, ivie die Schaufeln mit großen Schneeblöckcn in die Höhe kamen und diese auf den gewaltigen Hügel warfen, der sich im Schutze des Hauses aufgetürmt hatte und in einer Spitze weit drüben auf den Aeckern endigte. Von dem äußersten Schneeschipper konnte er auch den Kopf sehn: der Mann führte setzt gerade eine Flasche an den Mund und trank; er lehnte sich dabei so weit hintenüber, daß er die Mütze verlor. Daun kam eine Hand heran, packte die Flasche nnd nahm sie ihm mit einem Ruck fort.„Verschütte nichts, Du Schwein," rief eine Stimme, und Karl hörte die Leute prusten und lachen, als ob sie nliteiu- ander rängen. Dann wurde es ruhig.„Laß mir auch einen Tropfen übrig, Heinrich!" erscholl eine andere Stimme, und das Schneeschippen begann von neuem. Karl fiel ivieder zurück, von Müdigkeit überwältigt. Er schloß die Augen und sank durch etwas Unbestimmtes hindurch, aber dann hellte es sich auf— es lvar Schnee, in großen Hügeln. Er sollte eine unbedeutende kleine Summe für das Fortschaffen des Schnees bekommen— wenige Oerc, aber die Arbeit erschien ihm ungeheuer groß und wichtig, und er setzte all sein Können ein. Wenn er müde wurde, so hatte er eine Flasche, in der Lebenskraft war, aus der trank er; von Zeit zu Zeit drehte er den Kopf nach den andern um und fluchte, und sie lachten stirtd' fluchten wieder. Das mit dein Schnee wollte kein Ende nehmen; sie arbei- teten und arbeiteten, ohne die Sache sattzukriegen: und wenn einer ermattete, nahm er einen Schluck. Zwischendurch fluch- len sie einander zu»nd lachten einfgltig; es war wie ein weit- läufiges Gespräch. Und inzwischen wuchs seine Kraft, sie ent« faltete sich in seinem Handgelenk und sprengte die Bluse, strömte seinen Hals hinauf und in die Beine hinab, so daß die Erde selber nachgab. Die ganze Erde konnte er zwischen seinen Händen zerreiben und tat es nicht; es wunderte ihn selbst, daß er nicht einmal daran dachte, sondern sich hier bloß andern für ein paar Oere nützlich erwies; aber er lvar ja ein Idiot und unbändig glücklich!-- Da sah er ein Grab vor sich— sein eigenes, er hatte es selber geschaufelt. Seine Gut- mütigkeit verschwand, er lvurde rgsend und empfand wilde Freude darüber, so übermächtig stark zu sein; mit beiden Häu- den umfaßte er die Erde; alles Lebendige, alle Lebenskeime starben unter seinem Griff, nnd er fiel um, sank nnd ver» schwand in etwas, in der Freude, alles mit sich genommen zu haben.---—(Forts, folgt.) siantinopel crrciificit, aber dieser würde sie nicht der Notwendikikeit überheben, in das türkische Gebiet mit einem Heer von 200—300 000 Mann einzudringen. Eine solche Operation würde zu den schwierigsten militärischen Aufgaben gehören; die Landung unter feindlichem Feuer gebort zu denen, die den Ruhm eines Generals begründen könnten. Für den Punkt der Landung haben die Verbündeten keine groge Wahl. Gegen diese zweite Phase des feindlichen Abschnittes aber kann der türkische Generalstab seine Vor- sichtsmabregeln treffen und eine Verteidigung vorbereiten. So sieht man gegenwärtig die militärische Loge hier an...* Kleines Jeuilleton. Vie sich Schiffe jetzt für ihre fahrten rüsien. Von dem Dampfschiff„Koningin Emma", das am 27. Fe- bruar aus Amsterdam abging und am 0. März in Genua ankam. erhält der„Nieuwe Rotterdamsche Courant" von dem letztge- nannten Ort aus den folgenden Bericht: Wie es nun Brauch ist, unternahmen wir unsere Fahrt in einem garstigen Aufputz: An beiden Seiten des Schiffes mit großen Buchstaben der Name und der Platz der Abfahrt; am Vorder- und Hinterbug eine riesenhafte, von einem Orangcband umgebene holländische Flagge; am Vorder- top eine eiserne holländische Flagge, ain Achtertop eine eiserne Flagge der Reederei; außerdem mittschiffs und hinten große Namenschilder, die nachts elektrisch beleuchtet wurden. Ist es da ein Wunder, daß wir, auf meilenlange Entfernung erkennbar, kein deutsches Unterseeboot gesehen haben? Aber wir waren nicht das einzige Schiff, das seine Nationali- tut so deutlich zur Schau trug. Alle neutralen Schiffe, denen wir begegneten, hatten auf die eine oder andere Weise dafür gesorgt, daß ihre Nationalität bereits aus der Ferne zu unterscheiden war. Das Mittel, Flaggen auf den Bug zu malen, hatten sie alle benutzt. Die englischen Schiffe aber hatten ihren Namen mit einer Farbe überstrichen, die sich nur wenig von der des ganzen Schiffes unterschied, wodurch der Name schwer zu lesen toar, während die Bezeichnung des Ortes, in den das Schiff gehört, beseitigt war. Augenblicklich können die Deutschen mit Bestimmtheit annehmen, daß jedes Schiff, das nicht aus großer Entfernung kenntlich ist, den Engländern oder Franzosen gehört. Viel haben wir denn auch von dem Krieg nicht bemerkt. Zwei englische Minen, die man an ihren horizontalen Kontaktarmen erkennt, sahen wir bei Schevcningen treiben, und ohne Zweifel werden sie bei dem scharfen Nordwest, der gerade wehte, wohl wieder an der holländischen Küste gelandet sein. Das englische llntersuchungsschiff hielt nnS vier Stunden auf. Ein Marine- lcutnant, dem die Untersuchung oblag, zählte genau alle Kisten Butter und Käse aus dem Verzeichnis auf und mußte sich erst telephonische Aufklärung darüber einholen, ob es uns auch erlaubt sei, Butter und Käse zu verschiffen. Ein großer Vorteil war es für uns, daß die Lichter an der Südküstc Englands wieder brannten; wir konnten dadurch unseren Lotsen an den Dünen ab- geben und brauchten nicht erst nach Wight, waren also nicht den Gefahren bei Beachy Head ausgesetzt. Kartoffelmehl und Schmierseife. Behörden und Private sind eifrig darauf bedacht, jede nicht nötige Verwendung von Nahrungsmitteln zu anderen Zwecken, für die sie nicht absolut nolwendig sind, zu verbieten und zu verhindern. Und doch findet ungehindert eine nicht unbedeutende und eigentlich zwecklose Verwendung von nicht unbeträchtlichen Mengen eines wichtigen Nahrungsmittels statt, ohne daß bis jetzt von den Be- Hörden dagegen eingeschritten wird. Jede Woche werden in Berlin und anderwärts von den Seifen- fabrikanten mehrere Zentner Kartoffelmehl unter Schmierseife ver- rührt und darin zu Gallerte verkocht, ohne daß die Seife dadurch an Wirksamkeit etwas gewinnt. Nur an Umfang und Gewicht ge- winnt sie durch diese Verdünnung; aber wenn es eine Fabrik ungehindert macht und machen kann, so sind die andern gezwungen, es auch zu macheu. Tatsächlich hat der Slärkezusatz zu Seife keinen andern Zweck und keine andere Wirkung, als die Seife zu füllen und sie scheinbar zu verbilligen. Weder gewinnt die Seife durch diesen Zusatz an Reinigungskraft, noch erleichtert sie das Waschen. Sogar der größte und nicht der am wenigsten maßgebende Teil der Seifenindustriellen würde ein gesetzliches Verbot des Füllens der Seife mit Kartoffelmehl und überhaupt mit Mehl mit Freuden be- grüßen, um von dieser unwürdigen Manscherei loszukommen. Denn das Füllen der Seife mit Mehl ist technisch durchaus keine sehr ein- fache Arbeit: aber da der Fabrikant mit Rücksicht auf die liebe Kon- kurrenz genötigt ist, den Zusatz von Stärke immer noch weiter zu erhöhen, so kann es ihm eigentlich nur erwünscht fein, wenn einem solchen Zustande durch eine gesetzliche Bestimmung ein sür allemal ein Ende gemacht wird. Und dazu ist gerade jetzt der beste Zeit- punkt, wo mau_ so wie so an allen Ecken an allen wichtigen Nahrungsmitteln sparen muß, damit kein Mangel daran eintrete. „Mnnneken-Pis"' unter deutscher Herrschaft. Brüssels berühmtes Wahrzeichen, der im Jahre 1610 nach einem Modell von Duques noy in Bronze ausgeführte Cupido, das „Manneken-Pis", das nach altem Herkommen an hohen Festtagen bekleidet wird, hat sich, seitdem die Deutschen in Brüssel eingezogen sind, seiner lästigen Hüllen entledigt. Darüber belehrt uns der Brüsseler Berichterstatter des„Giornale d'Jtalia", C. G. Sarti. „Mein erster Gang," schreibt der Journalist,„galt natürlich Brüssels berühmter Persönlichkeit. Wer nur halbwegs mit Brüssels Hauptstadt bekannt ist, weiß, daß ich darunter das„Manneken- Pis" verstanden wissen will. Der Besuch des hübschen Buben ist für jeden, der Brüssel besucht, unerläßlich. Man muß ihn gesehen haben, wie man in Rom den Papst gesehen haben muß. Der lachende Junge hat so viele und so verschiedene Regierungs- gewalten in Brüssel erlebt, daß ich vor Begierde brenne, zu er- fahren, für welche Kleidung er sich in diesen kritischen Tagen ent- schieden hat. Er hat seine Gewandung wirklich oft genug zu I wechseln Gelegenheit gehabt. Im Jahre 1698 trug er ein Gewand in der himmelblauen Farbe Bayerns. Im Jahre 1747 umgürtete I er seine Lenden mit der französischen Schärpe. Im Jahre 1700 prunkte er mit der brabantischen Kokorde, die er dann im Jahre 1703 mit der Phrygischen Mütze vertauschte. Dann zog„Manneken- Pis" die Staatsuniform eines Kammerherrn Napoleons I. an. Das war im Jahre 1810. Fünf Jahre später steckte er sich die orangefarbene Kokarde an den Hut, und wieder nach fünfzehn Jahren zog er sich die Bluse des belgischen Patrioten an. Vor fünf Jahren sah ich ihn in der schmucken Uniform eines belgischen Divisionsgenerals, und heute war ich darauf vorbereitet, ihn in Feldgrau und Pickelhaube zu finden. Aber ich erlebte eine große und angenehme Enttäuschung.„Manneken-Pis" zeigte sich splittcr- nackt. Und er wirkte deshalb nur um so schöner und natürlicher. Notizen. — Theaterchronik. Im Theater in der König- grätzer Straße wird bei der Erstauffübrung von August StrindbergS Paisionsipiel„ O st e r n" ein Orchester und' der Mozart-Chor in Gesamtstärke von zirka 100 Personen miiwirkcn.— Im Kleinen Theater wird Sonnabend Lessings„Phi- l o t a s" mit einem musikaliickien Nachspiel von Konstanz B e r- n e ck e r in Szene gehen. H o l b e r g S Lustspiel„Der politische Kanne ngießer" wird die von Detharding und Gottsched besorgte älteste deutsche Uebersetzung, die aus dem Jahre 1742 stammt, zugrunde liegen. — Musikchronik. Artur Schnabel und Professor Karl F l e s ch werden im I V. Konzert der Volksbühnen an, Sonntag, den 28. März, mittags 12 Uhr.�im Theater am Bülowplatz, Beethovens Frühlingssonate und Sckuberls C-ckur- Fantasie(„Sei mir gegrüßt") vortragen. Professor Flesch wird außer- dem BaäiS G-rnoll-Sonate für Violine allein, Ariur Sckmabel vier Klavierstücke von Brabms spielen.— Der dänische Tenorist Wilhelm Herold hat sich mit einem letzten Auftreten rils Pedro in„Tiefland" von der Bühne verabschiedet. Herold gastierte häufig auch in Deutschland und begeisterte immer wieder durch die vollendete mimische und gesangliche Durch« arbeitung seiner Rollen, die er im jeweiligen Urtext zu singen pflegte, einerlei, ob es sich um den Pedro, den Bajazzo, den Jose oder wen immer handelte. — Vorträge. Die„Funkentelegraphie im Land-, See- und Luftkriege" behandelt mit praktischer Vorführung des neuen Tclefunken-Systems ein gemeinverständlicher Experimental- Vortrag des Hochschuldozenten Pauck am Mittwoch, den 24. und Donnerstag, den 2S. März, abends 8V4 Uhr, im Festsaal des Dorothecn-Realgymnasiums, Dorotheenstr. 12. Donnerstag 4'/z Uhr: Nachmittagsvortrag für verwundete und'be- urlaubte Krieger bei freiem Eintritt.— Am Freitag, den 26. März 1916, abends 8 Uhr, spricht in dem Bürgersaal des Berliner Rathauses, Eingang Königstraße, Prof. L a n g st e i n über: „Ernährungs- und Erziehungsfehler im Kindes- alter". Der Zutritt ist unentgeltlich. twe Verband der Haler, Saetderer, Anstreicher Bureau: Melchiorstraße 28, pari. Fernsprecher Amt Mpl. Nr. 4787. Wisle SerUn. UStt. Arbeitsnachweis: Gormannstraße 13 Fernsprecher: Amt Norden 3701 07 Morgen Donnerstag, den Äs. März, abends 8Vs Uhr, Mitglieder- Versammlung im Gewerkschaftshause, Engelnfer 16(großer Saal). 1. Jahresbericht. Tagesordnung: Neuwahl des Filialvorstandcs. 3. =- HitgHedsbnch legitimiert. Zahlreichen Besuch erwartet Die Jahresberichte sind vom 17. März ab im Bureau, und bei den Hauskassierern zu haben._ 138J19* Verbandsangelcgenheiten. Die Ortsverwaltung. in den Bezirkslokalen ist» iiiii ImiiMngsstelle Sellin. N 54, linienßr. 88—85. Telephon: Amt Norden 186, 1239, 1Z87, 9714. Bureau geöffnet von 9 bis 1 Uhr und von 4 bis 7 Uhr. Donnerstag, den ÄS. März 1013» abends 8l/z Uhr, Allgemeine Klrmpnervechmmlung in den Andreas-�cstsälen, Berlin, Zlndreasstr. iil. Tagesordnung: 1. Lichtbildervortrag:„Bilder vom Kriege". Vortragender: Genosse Ahlemehcr. 2. Verbands- und Branchenangelegenheiten. Das Erscheinen aller Kollegen mit Frauen ist dringend erwünscht. -- Die Bersammlnng wird Pünktlich eröffnet.-- 111/4_______ Ple Ortsverwaltung. Konsum-Fleischerei. " Seltenes Angebot__ äuiT tägUcli frisclior Schlachtung. 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Lichterselder Straße 11—17.• Gköbte Wirtschafts- waagen-Justierer für dauernde Beschäftigung gesucht. FrltsPoppel, Grachftr. SO» Verantwortlicher Redckteur: Alsred Wielepp, Neukölln. Für den Inseratenteil verantw.: Tb. Glocke. Berlin. Druck u.VerIag:Borwärt»Buchdruckeret u. Lerlagsanftalt Paul Singer&(£o, Berlin SW.