Nr. 7t.- tAö. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Dmlnrrstftg, 25. März. von öer Einarmfihule. Von P�iv�idozent Dr. v. Aü Utzberg, Leiter der Einarmfchule in Heidelberg. �Nachdruck gestattet-� Der Gedanke, eine besondere Schute für Einarmige zu gründe», entstand in Oesterreich, in Wien, wo der Architekt Grotzelfinger bald mich Kriegsausbruch mit diesem Plaue in die Oeffenttichkeit trat»ud inr Spätherbst 1914 seine Schule im Ncscrvefpital Ata- dcmisches Gymnasium eröffnete. Da er selbst seit 30 Jahren nur »och den linken Arm besitzt, trotzdem seit Beendigung der Hochschul- studien seinem technischen Berufe ungehindert nachgeht, so wußte er am besten zu beurteilen, ivas für Willeiisanstrentzuug es kostet, sich selbst zu überwinden und gegen die Vorurteile der anderen anzukämpfen, und so ist in ihm der Gedanke gereift, seine Er- fahrungelt in den Dienst de» Vaterlandes zu stellen, indem er anderen Einarmern zur Bcrufsmöglichkcit und Berufsfrendigkcit ncr hilft. Wer ihn im Kreise seiner Schüler gesehen hat, dem ist die Berechtigung, ja die Notwendigkeit einer Einarmschulc nicht mehr zweifelhaft. Es lag nahe, auch im Deutschen Reiche eine solche Schule zu gründen. Zuerst hat sich dieser Gedanke in Heidelberg verwirklicht, wo im Vercinslazarctt Leser die Einaruiigen gesammelt und schul- mäßig ausgebildet werden. Die Schule entstand im Zusammen- wirken von Stabsarzt Prof. Dr. Wilmanns vom'Saiiitatsamt des 14. Armeekorps in Karlsruhe und mir. Aehnliche Einrichtungen lvcrdcn an anderen Orten geplant. Die Euuirinschule dient einem doppelten Zweck: In erster Linie soll sie dem Einarmigen be- hilstich sein, sich wieder im täglichen Leven zurccht zu finden, in zweiter Linie soll sie es ihm cruiöglichen, seinen bürgerlichen Berus möglichst gut weiterznsübren. Wo daran nicht mehr zu denken ist, soll sie ihn mit Kenntilissen und Fähigkeiten ausstatten, die einen Berufswechsel vorbereiten. Vor allem mutz der Lebensmut, der Glaube an sich selbst geweckt, gefördert und gestärkt tverdcn. Ein so schwerer Verlust, tvie cS namentlich der des rechten Armes ist, der treuen arbeitenden und verdienenden Hand, des beste» Freundes, bringt begreiflicher- tocisc vielfach eine außerordentliche Hemmung der Arbeitslust, ja eine Lähmung des guten Willens mit sich, so daß der Glaube an die eigene Arbeitsfähigkeit erheblich gemindert ist, die Zukunft nur grau in grau gemalt erscheint. Leider wird diese Lähmung oft noch gefördert durch eine gedankenlose llmgebung, die unsinniger- weise glaubt, durch iveichliches Bemitleiden und laute Klagen diesen ernsten Kriegsschäden die gebührende Rücksicht entgegengebracht, Wohl gar die Betroffenen getröstet und erleichtert zu haben. Und dockt ist der Verlust einer Hand oder selbst eines Armes durchaus noch kein Grund, auch den Kopf zu� verlieren. Auch die Fähig- feite, i des Handwerkes hatten ihren Sitz nicht ausschließlich in der Hand, sondern im Gehirn. Im eigenen Interesse unserer ganzen Volkswirtschaft liegt es, das Kapital, das in der erworbenen Be- russbildung, in den Berusskenntnissen jedes Einzelnen steckt, nicht einfach mutlos aufzugeben, wenn das bisherige Haupttverkzeug, die Hand, verloren geht. Kann der Kopf seine Fähigkeiten nicht mehr durch die rechte Hand in Arbeit umsetzen, so mutz er eben vou»un an der linken seine Aufträge erteilen. Die linke Hand mutz uich kann dazu ausgebildet werden, die rechte zu vertreten und für beide zu arbeiten. Ucbcrzeugende Beispiele dafür, daß Geduld, Ausdauer und fester Wille imstande find, den einen Arm so auszubilden, daß der fehlende andere nicht mehr entbehrt wird, gibt es wohl>n allen Berufen. Daß nian sie nicht allgemein kennt, ist ein Be- was dafür, wie unauffällig solche Erscheinungen im Leben sind. Dem Soldaten am nächsten stehen die bekannten Beispiele deS Ritters Götz von Berlichingen, des englischen Admirals Nelson und des französischen Generals Pau; der jetzige Weltkrieg wird diese soldatischen Beispiele vermehren, las man doch bereits vor einiger Zeit von einem deutschen Adjutanten, der, obwohl jetzt einarmig, wieder seinem Dienst nachkommt. Das Büchlein des Grafen Zichy, das durch lebendige Sprache und überzeugende Bilder so außer- ordentlich geeignet ist, Mut. zu machen, hat ihn zum allbekannten brüderlichen Freund aller Einarmigen gemacht. Es gäbe noch viele andere zu ertvähnen, aus allen Berufen und Ständen, Offiziere, Architekten. Rechtsanwälte, Eisenbahner. Kanzleibeamte. Kaufleute. Stenographen, Schlosser, Schreiner, Steindrucker, Uhr- machcr. Maurer, Schuhmacher. Schneider, Landwirte, Forstleute usw. Verschiedene anschauliche Bilder enthält die Aufklärungs- schnst Biefalskis„Kriegskrüppelfürsorge". Jeder einzelne von den erwähnten Einarmern hat sich selbst, durch eigene Kraft frei und unabhängig gemacht, manchmal in jahrelangem Ringen, nach mancherlei Hindernissen. Nun mehrt der Krieg die Zahl der Einarmigen beträchtlich, es stehen viele vor der Aufgabe, zur Einhändigkcit umzulernen. Wenn aber mehrere solcher Kaineraden, die dasselbe zu überwinden haben, in einer Schule vereinigt sind, so gilt für sie nicht bloß das Sprichwort, daß geteiltes Leid halbes Leid ist, daß der Einzelne sein Unglück nicht mehr für das größte halten kann, wenn er sichere das Gleiche tragen sieht, sondern, was mindestens ebenso wichtig ist, sie kommen in gemeinsamer Arbeit schneller vorwärts. Dazu kommt noch cni anderes, der einarmige Lehrer. Sich selbst überlassen, wird mancher Einarmige lvohl jahrelang brauchen, bis er sich in allen Vorkommnissen des täglichen Lebens selbst zu helfen weiß. Er wird auf die nötigen kleinen Handgriftc und Vorteile je nach Bildung, Willenskraft, Erfindergabe früher oder später, oder auch gar nicht vou selvst kommen. Wenn ihm aber vou vornherein langjährige Erfabrung zur Seite steht, wenn jemand sein Lehrer und Ratgeber ist, der selbst alle diese Versuche erprobt hat, dann wird ihm vou Anfang au viel Mühe und Arbeit, manche Enttäuschung und Entmutigung erspart. Es ist gelungen, für die Einarmschule einen solchen erfahrenen Ratgeber zu ge- Winne», der in der Schule wohnt und so in der Lage ist, auch außer der Unterrichtszeit die ganze Tätigkeit zu überwachen, nach- zubessern, vorzumachen. In der Einarmschulc werden also dic�Schülcr zur Selbständig- keit in allen Hantierungen dcS täglichen Lebens angehalten. Sie sollen lernen, ohne jede Hilfe sich anziehen, sich waschen, rasieren, essen usw. zu können. Ferner �wird durch körperliche Uebungen dafür gesorgt, daß sowohl der Stumpf sich kräftigt, als auch vor allem der gesunde Arm besondere Gewandtheit und�Kraft erwirbt. Gelehrt und geübt wird sodann da» tochön- und Schnellschreibcn (mit der linken Hand), Rechtschreibeu, Rechnen, cstenographic, Maschinenschreiben. Dazu komnit noch Buchführung, Zeichnen und andere kaufmännische und gewerbliche Fächer. Daß die Erlernung der Kurzschrift als eine vortreffliche Schulung und Zucht zur sicheren genauen Lwiensühruiig viel beiträgt, zur Uebung der Hand und auch nebenbei zur Verschönerung der gewöhnlichen Handschrift, weil das überhastige Schreiben des Nichtstenographen entfällt, das ist ja offenkundig. Nicht alle Ein- armer werden Stenographie lernen, die Teilnahme soll freiwillig sein(in unserer Schule, etwa ein Drittel): ciner schtvereu Zimmer- maiiushand wird»ach jahrzehntelanger harter Arbeit niemand den hurtigen Stift ausdräugeti. Linkshäudigkcit aber an sich ist kein Hindernis für die Stenographie— ich hatte einen linkshändigen Stenographiele.hrer—, ebensowenig ist es ausgeschlossen, mit einer künstlichen Hand ein flotter Jünger Gabelsbergers zu sein, wie ein mir kürzlich bekannt gewordener Fall dartnt. Noch näher liegt dem Einarmigen die Maschinenschrift. Die zahlreichen Tasten fordern geradezu heraus, an ihnen zu tippen, auf ihueu die Finger spielen zu lassen.. Auf Fingerfertigkeit, auf Gelenkigkeit jedes einzelnen Fingers kommt es aber jemand, der von nun an mit fünf Fingern ausreichen muß, außerordentlich a». Die Gewandhcit des Klavierspiels kann auch aus der Schreib- Maschine erreicht werden, und oft wird die letztere die nützlichere sein. Es ist begreiflich, daß die große Mehrzahl unserer Schüler sich für den Schreibmaschinenunterricht gemeldet hat. Die einstigen Klavierspieler und Geiger haben natürlich einen Vorsprnng. Tie erprobte Opferbereitschaft eines.Handelslehrers hat es möglich gemacht, in der Einarmschule selbst Buchhaltniigsunter- richt zu bieten. Eingehendere Ausbildung in kaufmännischen Fächern lvird. wenn sie im Einzelfalle illüuschenSwcrt ist, zweck- mäßig außerbalb staltsindcn. Dafür haben lvir die Zusage der offenen Tür in der Handelsschule. Ebenso steht es mit den ge- werblichen Fächern lZeistznen, Rechnen, praktischen Arbeiten), für die ein dringendes Bedürfnis vorhanden ist. Da hat uns die Ge- tverbeschule mit warmem Herzen und offenen Armen aufgc- nommen. Gerade da ist die Hilfe besonders tvertvoll, weil namentlich zur Ausübung gewerblicher Berufe beide Hände er- forderlich zu sein scheinen. Daß sie es tatsächlich nicht sind, das zeigen die zahlreichen Beispiele einarmiger Handwerker, dazu heften die kunstreichen Prothesen, die künstlichen Arbeitshände. Und wer wirklich den erlernteii und ausgeübten Beruf nicht mehr mit der Hand fortführen kann, kann ihn vielleicht leitend mit Kopfarbeit fortsetzen, Ivenn er noch Gelegenheit hat, sich etwas weiter auszubilden. Es wird auf solche Weise in vielen Fällen eine Hebung innerhalb des Berufes möglich sein. Wenig befähigte ungelernte Arbeiter wird man bald an einen leichten Posten stellen tönnen, während es sich lohnt, an den Be- gabtc» und Lerneifrigen zur Hebung in seinem Berufe oder zum Umlernen einen Schulbesuch vou längerer Dauer anzuwenden. Vielfach wird der Wiedereintritt in den Beruf eingeleitet werden durch praktische Arbeit bei einem Meister oder auft dem Lande, mitunter wird es sich als zweckmäßig erweisen, zur Uebung der lebendigen und der Kunsthand eine Ucbungstverkstättc zu besuchen. Jedenfalls wird als Leitsatz festzuhalten sein, daß die Kriegs- verletzten nicht wieder sich selbst überlassen sein dürfen, wo sie den Mut vertieren und in unpassende Stellungen gedrängt werden könnten, sondern, daß ihnen möglichst bei Austritt aus der Schule eine feste Arbeitsstelle und Broterwerb neben ihrer Rente, die darum nicht geschmälert wird, offen steht. Tie Stelle wird ihnen von der Schule besorgt oder vom Ausschuß für Erlverbsfursorge. zu dem die Schule engste Fühlung hat und dessen Erfahrungen und Beziehungen unseren Schülern zugute kommen. Es lvärc ein großer Vorteil, wenn sich die Einarmschule zu einer Versuchsstelle von Gegenständen für Einarmige und zu einer Sammelstelle und Austauschstelle für Erfahrungen Einarmiger ausbildete. Ich möchte jedermann, der da in irgend einer Weife nützlichen Rat zu geben weiß, herzlichst auffordern, uns Mitteilung zu machen. Tics kann nun so geschehen, daß ein Geschäft einen Gebrauchsgegenstand, Vlester, Werkzeuge aller Art, BcklciduugS- stücke usw. vertreibt, der für unsere Ztoecke bestimmt und ge- eignet ist, und uns davon verständigt und Gelegenheit zur Provc gibt—(z. B. welche Fabrik hat'bereits Links-Sensen?>)—: noch ivcrtvoller wird es sein, wenn Einarmige der verschiedensten Berufe uns bekannt machen, in welcher Weise sie sich in der Ausübung ihres Berufes be helfen. Bon besonderer Wichtigkeit wären da Ratschläge deö arbeitenden Standes, vor allem einarmiger Hand- werker, die hiermit gebeten sind, nicht nur über ihre besonderen Werkzeuge, sondern auch über die Einrichtungen ihrer künstlichen Hand Mitteilung zu machen.' Ja schon die Nachricht, daß jemand einen bestimmten Beruf tatsächlich einhändig ausübt, kann für einzelne Kameraden von Wert sein. Bei der Ermittelung köliiitc» sich die Bandagisten verdienstlich machen. Die Schule ist gern bereit, auch ihrerseits Anfragen Einarmiger zu beantworten. Es lvird z. B. manchem Linkshänder von Nutzen sein, zu erfahren. welche Federn sich besonders für Linksschrift eignen. Daß die Schule um so mehr Auskünfte geben kann, je mehr sie ein Sammelplatz wird, ist offensichtlich. Schon jetzt haben wir tvert- volle Winke dieser Art bekomme». Diese Kriegshilfe der Ein- armigen, zu der, ivie ich eben erfahre, in Ungarn und Oesterreich Gras Zichy mit sehr großem Erfolge aufgerufen hat. wäre auch für spätere Zeiten von dauerndem Segen. Und nun eine Bitte an das Publikum. Es möge sich von den Einarmigen ivie von allen anderen Kriegsverletzten recht eindring- lich sagen lassen:„Wir stellen uns nicht zur Schau, drum wollen wir nicht begafft werden. Wir jammern nicht, drum wollen wir nicht bemitleidet werden. Wir betteln nicht, drum wollen wir keine Almosen."_ Ms öen berliner Kunftsalons. Einen Augenblick zögert man, ob es sich wohl verlohnt, auch in diesen Zeiten von den Ereignissen in den Kunstsalons zu be- richten. ES ist dort nichts Neues zu sehen, nichts UngeivohnteS in dem Sinne, lvie jetzt täglich hundertfach Neues und Ungewohntes über uns kommt. Die Kunst schreitet langsamer als das Leben. Wenn dieser Krieg überhaupt das künstlerische Geschehen irgendwie beeinflussen wird, so kann das sich erst offenbaren, nachdem die rauhe Wirklichkeit längst zur Ruhe gekommen ist. Die Kunst braucht Abstand. Darum darf es uns nicht verdrießen, in den Ausstellungen immer noch denselben uns gewohnten Malern zu begegnen, Wie wäre es auch möglich, daß über Nacht neue Persönlichkeiten reisten. Die, die vielleicht einmal die künstlerische Ernte dieser Blutjahre in die Unsterblichkeit der Form zwingen iverdeu, können beute bestenfalls Heranwachsende sein. So freuen wir uns also, die Zukunft erhoffend oder fürchtend, uns längst Vertrauten zu begegne». Bei Schulte(Unter den Linden 7S) gibt es eine Erinue- rungsausstcllung für den verstorbenen O t t o v. F a b er d u F a u r. Sie ist darum besonders zeitgemäß, weil sie kriegerische Bilder, Reiter- und Kampsszenen zeigt. Dieser Faber.. du- Faur ist im Jahre 1829 in der Stahe von Stuttgart geboren. Er starb 1901 zu München. Er hat bei Piloty studiert, empfing aber seinen ent- scheidenden Einfluß vou Delacroix, dem revolutionärsten und leiden- schaftlichsten der französischen Maler. Es ist sehr interessant zu sehen, wie das blutige Temperament und die gepeitschte Nervosität des Franzosen sich bei dem Deutschen in eine phantastlsckie Romantik verwmidelt hat. Delacroix war ohne Ztveisel ein wesentlich stärkerer Maler als Faber du Faur; dieser ist mehr Poet gewesen. Dröhnt durch die Bftdcr des Delacroix das Fansarenpathos der Oper, fo webt in den zärtlich gepflegten Tafeln Fabers das. Lied tvie kiin Erinnern an irgendwelche Zaubermärchen. Die Bilder des Deut- scheu sind dünner, vielleicht auch sterblicher, zaghafter, und.gewiß weniger ureigentlich als die des großen Franzosen. Aber sie kommen uns näher und wirken auf uns inniger als' die brausendeu ViJ Ueberfluß. Lon Martin Andersen N c x ö. Um ihn war cS klebrig, elend lind unheimlich— ein Graben— etwas mit Schlamin. Er lag� auf dem Rücken, wurde festgehalten von diesem klebrigen Stoff und knirschte in schnöder Ohnmacht mit den Zähnen. Aber in weiter Ferne entzündete sich ein Licht und wanderte, wie Sonne über gelbe Stoppeln hin. Das war das Leben, golden und sonnenbc- leuchtend fuhr es über die weiten Aecker wie ein hochbeladener Erntewagen, es schwankte und bog sich unter seinem Ueber- fluß und ließ ihn an allen Wegen und Gräben entlaiig zu Boden rieseln, es schleifte die goldnen Nehren unter die drei- ten Räder, rührte sie tief in den Schmutz und zermalinte sie. In der Brust verspürte Karl einen üppigen Freudenkitzel, er reckte die Hände empor, um eine einzige goldene Garbe zu sich ins Elend hinabzunehmen. Aber die Fuhre schwankte vorbei, und nicht weit davon sah er die Garbe hinunterfallen und im Schmutz überfahren werden. Da begann er bitterlich über diese grenzenlose Willkür zu weinen---- Sein eigenes Schluchzen lveckte ihn, und er entdeckte, daß er große Tränen auf den Wangen hatte. Er wischte sie nicht fort, sondern verhielt sich ganz still; dieser Zustand nach dem Weinen tat so eigentümlich wohl; er fühlte sich so erleichtert, so frei von allem Kummer und aller Schwere, als hätte sein Elend nur von einer Spannung in den Tränendrüsen her- gerührt. Aber plötzlich durchzuckte ein Stoß sein Herz, und er lauschte gespannt: er hatte eine Männerstimme unten gehört. War es wieder Aage,— ohne herauszukommen und nach ihm zu sehn? Freilich war er in der letzten Zeit abstoßend gegen den Freund gewesen; aber man rächte sich doch nicht an einem, der frank war und vielleicht auf dem S-terbebette lag. Und ivenn Aage sich nichts mehr aus ihin machte, warum kam er dann andauernd ins Haus? Karls Gemüt wurde finsterer und finsterer, während er lauschte, den Kopf über de» Bettrand gebeugt; aber er konnte die Stimme nicht erkennen. Jetzt gingen die da unten über den Korridor, und es kamen mehrere die Treppe herauf; Dortea Hansen sprach über seinen Zustand. Die Stimme ant- ivortete, und vor seinem Bewußtsein flatterte es im Nu lvie der Schlag großer weißer Flügel; all das Traute in seinem Leben überfliitetc ihn niit weicher Woge, die ein Gesicht, ernst, ruhig-bekünimert, in den Armen trug.„Vater!" rief er und richtete sich auf. Seine Wirtin legte ihn hastig und entschieden nieder und deckte ihn zu, dann zog sie sich leise scheltend zurück. „Es geht Dir wohl ernstlich schlecht, mein Freund?" sagte der Vater und betrachtete ihn aufmerksam.„Uebrigens finde ich nicht, daß Du besonders abgenommen hast." „Nein, den Vorzug hat ein Schwächling nun mal," er- lviderte Karl aufgeräumt.„Aber lvas willst Du hier?" „Ja, sieh, das läßt sich gar nicht so einfach erklären. Aber nun Hab ich das Geschäft ja abgegeben und treibe mich ohne Tätigkeit herum, und da Hab ich Lust gekriegt, mich ein wenig in der Welt umzuschauen und meinen Sprößling aufzusuchen." „Sag mal, waren unten in der Stube noch andere Männer außer Dir, Vater?" „Nein, warum?" „O, ich fragte nur so. Ich dachte bloß, ich hätte die Stimme des Doktors gehört." „Nein, dagegen war ein allerliebstes junges Mädchen da. Das ist wohl die, von der Du geschrieben hast?" Er blickte den Sohn forschend an. Karl nickte. Die Mutter berührten sie mit keinem Wort. Es war wie ein stillschlveigendcs Uebereinkommen zwischen ihnen, daß sie aus dem Dasein der beiden getilgt sein sollte. „Willst Du nun den Rest Deines Lebens auf dem Alten- teil verbringen?" fragte Karl. „Du findest vielleicht, daß das nicht genug Beschäfti- gung ist?" „Ja, auf die Dauer dürfte es leicht langweilig werden." „Ich Hab auch schon mal daran gedacht, eine Kinder- bewahranstalt zu errichten," rief der Vater lachend. „Das oder was andres," sagte Karl, ohne sich beirren zu lassen.„Man muß irgendetwas tun— um seiner selbst willen; wenn nian nicht zerbrochen ist." „Ich habe auch große Pläne, ich will hinaus und die Welt kennen lernen. Namentlich habe ich Mut zu einer Fahrt nach Amerika,— um einmal Menschen arbeiten zu sehen! Aber nicht bevor Du gesund bist und mitkommen kannst." „Wenn dann nur etwas draus wird." „Sicherlich! Du mußt ja bald abgehärtet sein vou all den Krankheiten,— dann verleben wir den Winter in Kali- fornien; da soll es ganz großartig sein, ein ivniiderbares Klima und noch schöner als im Süden. Und schöne Frauen." „Hast Du davon nicht genug gekriegt?" fragte Karl lächelnd. „Genug gekriegt— Du vielleicht? Ich fange ja erst an." Einen Augenblick schaute er ernst vor sich hin und begann dann, von den Schwierigkeiten zu erzählen, die es ihn gekostet hatte, das Geschäft ordentlich zu verkaufen. Karl lag mit geschlossenen Augen da und hielt seine Hand. Er antwortete nicht, hörte auch nicht auf die Worte, sondern lauschte bloß der Stilnme, die weiter brummte, io bekannt, so beruhigend— und sich mehr und mehr entfernte, bis das feine Gesumm eines Infekts daraus wurde. Lange saß der alte Bauder da und betrachtete seinen schlafenden Sohn. Endlich erhob er sich, machte vorsichtig seine Hand frei und schlich hinaus. „Sie haben noch ein Zimmer, kann ich das bckonimc'n?" fragte er Dartea Hansen, als er hinunterkam. „Mit dem größten Vergnügen." „Aber Sie. müssen sich darauf gesaßt machen, daß Sie »lich fürs erste nicht wieder loswerden. Ich bleibe hier, bis die Dinge eine andere Wendung genommen haben, entweder so oder so." „Ja, und ich danke Gott, daß Sie gekoninien sind! Er kann fast auch meinen Anblick nicht ertragen, und alle andern jagt er sofort hinaus. Was ist das für ein Jammer, krank zu sein. Unsereins, der seine Gesundheit hat, begreift es gar nicht, sondern hält es für Unvernunft. Das Wasser kommt mir sonst nicht so leicht in die Augen, aber ich habe oft darüber geweint, wie er zu leiden hatte; es war, als müßte er sterben, könnte aber nicht, als vermöchte sich die Seele nicht vom Körper loszureißen. Es war für mich recht bös, das mitanzusehen und gar nichts tun zu können, wo ich ihn wie einen Sohn lieb gehabt habe. Manchmal fuhr er auf und drohte, und ivenn es am schlimmsten um ihn stand, knirschte er mit den Zähnen; dann durfte überhauvt keiner bei ihm iui Zimmer sein, obwohl er im nächsten Augenblick sterben konnte." Die kräftige Frau weinte.„Doch jetzt sind Sie ja hier und können rhu zur Verirunft bringen." „Aber diesen Eindruck habe ich nicht von ihm bekommen." „Nein, denn in den letzten Tagen bat er sich gewissermaßen znsammengenommcn. Aber so war er früher mich schon, und es ist doch wieder gekouunen— bloß viiZ ärger." „Es lvird jetzt gewiß besser mit ihm' werden, glauben Sie nicht?" fragte der alte Bauder eindringlich. „Ich würde dem lieben Gott auf den Knien dafür.danken. Abtzr wenn es nicht sein soll, dann wünschte ich ihm baldige Erlösung; es ist nicht auszudenken, daß ein Mensch so viel Gewalttaten des romanischen Klassikers, der sglxich dSi! Phalanx seiner Nachfolger Courbet und Manet» eine vollendeie Synthese aus Gotik und Renaissance, aus dramatischem Drang und geklärtem Formwillen, genannt werden kann. Die Bilder des Fader du Faur sind weniger heldenhaft als bürgerlich. Es rst m ihnen eine balladenhafte Stimmung: Uhland und Bürger, dcS Sängers Fluch und Leonore. Man sieht Napoleon vor einem Haufen von roten Husaren; das Rot trommelt in den Lüften. Ein andermal stürmen schwarze Kürassiere über zerschellte Erde; man fühlt das Stampfen der gespenstischen Rosse, man hört das kalte Klirren von Panzern »,nd Waffen. Dann wieder steigen die Pferde des Emir wie schwarze Flammen; die Schabracken glühen in Purpur und Gold. Dieser Schlachtenmaler zeigt uns, daß auch das Malen von Reitern Kunst sein kann, nicht langweilige Registratur, fondern Gestaltung von rhythmisch erlebtem Lehen. Die Schlachtenmaler, die uns nickst vorenthalten bleiben werden, hätten Ursache, von»hm zu lernen. Bei Paul C a s s i r e r hängt eine Kollektion von Ulrich Hübner. Diese Landschaften sind nicht gerade aufregend; aber sie wahren ein anständiges Niveau. Sie sind sogar van einer über- raschenden Sinnlichkeit; sie zeigen Erde erdig und Wasser feucht und fließend. Ein erfahrener Techniker weiß mit allem fertig zu werden. Er malt die Havel bei Glienicke, melancholisch und ganz in die schwarze Einsamkeit der Mark eingetaucht; er malt das dekorative Abenteuer eines Mühlenbrandes, zwar nicht so gut wie Menzel oder van Gogh ähnliche Farbengegenspiele vrwäliigten, aber immerhin lebendig. Er malt am liebsten den behaglich schaukelnden Hafen von� Travemünde oder die behäbigen Schiffe von Lübeck. Etwas holländisch und mit sehr viel französischer Technik. � In dem Saal, an dessen Wänden diese Hühners hängen, stehen außerdem Holzplastiken von Ernst Bar lach. Sie zeigen, soweit wir sie noch nicht kannten, daß dieser dem Holzwesen verwemdtc Mensch der großen Absicht, die ihn treibt, der Versöhnung der ge- Heimen Naturkräfte mit der Sehnsucht- der sozial Belasteten, immer näher kommt. Es ist seltsam, wie Barlach in dem Stöhnen der Baumwurzeln und in dem Aechzen der vom Wind gebeugten Stämme das Schreien der Kreatur, den Kummer der Heimatlosen und die Ohnmacht der Verlassenen erlebt. Ganz dumm sind die Leute, die gegen Barlach den Vorwurf des Stillstandes erheben; als ob es notwendig sei, daß ein Künstler dem Publikum(und dem Kritiker) dauernd neuen Gesprächsstoff zu geben habe. Gerade umgekehrt: der Künstler, der den Betrachtenden schweigen imscht, ist der größere. Vor den ganz einsamen Holzstückcn Barlachs, vor diesen dumpfen Gestalten, die sich, wie im halben Schlaf, aus der Mystik des toten Seins, zum Leiden des Lebens lösen,-oird man still. Das aber bedeutet, daß die Kunst Gewalt über uns bekommt. R. 23 r. praktische Kochrezepte. Gebratener Sellerie. Eine Sellerieknolle wird sauber gewaschen und gebürstet. Dann gibt man sie in kochendes gesalzenes Wasser und läßt sie gar, aber nicht zu weich kochen. Der Sellerie wird in fingerdicke Scheiben geschnitten, wenig gesalzen, in einen dicken Mehlbrei getaucht, dann in geriebener Semmel gewälzt und in Palmin zu schöner Farbe gebraten. Schmeckt vortrefflich mit Bratkartoffeln. Sauerkohl mit Graupen ffür 6 Personen). 2 Pfund Sauerkohl. 3 gehäufte Löffel voll grobe Graupen, 3 Löffel Zucker. Nach Belieben 3 Aepfel. Der Sauerkohl darf nicht gewaschen werden, damit ihm der wertvolle Milchsäure- und Nährsalzgehalt nicht entzogen wird. Die Graupen hat man 12 Stunden vorher eingeweickt. Sie werden mit dem Kohl zusammen zum Feuer gebracht. Man fügt so viel Wasser hinzu, daß das Gemüse knapp bedeckt ist. Zucker und Aepfel, die durch eingeweichte Ringäpfel ersetzt werden können, nach Be- lieben auch fortbleiben dürfen, werden gleich mit hineingegeben. Nun läßt man alles unter gelegentlichem Rühren auf schwachem teuer gardämpfen oder man kocht das Gericht in der Kochkiste, im ochbeutel oder in einer dicken Papierhülle fertig. In der Zu- sammenstellung mit Graupen schmeckt und bekommt Sauerkohl sehr gut. Sa u erk r autfu ch e ir. Ein sehr empfehlenswertes Restegericht I Kalte, gekochte und geriebene Kartoffeln oder übrig gebliebener Kartoffelbrei vermischt man zu ungefähr gleichen Teilen mit fertig gekochtem Sauerkraut, einer in Butter gelb gedämpften Zwiebel und etwas Kümmel. Eine Form, Pfanne oder Schüssel, die Backhitze verträgt, streicht man mit' Fett aus, füllt die Masse hinein und bäckt sie im heißen Ofen J/.3 bis Ii Stunden lang. Der Sauerkrautkuchen kann auch in einer gefetteten Pfanne auf der Herdplatte gebacken werden, muß dann aber vorsichtig einmal gewendet werden. Erdschocken. Erdschocken, auch Erdbirnen oder Topinambus genannt, sind die kartoffelähnlichen Knollen einer Sonnenrosenart. Das Pfund ist für 20 Pf. käuflich. Sie geben ein gutes Gemüse. Die sauber ge- durcsiniachen mutz. Er sagt selber, er erleide den Tod jeden Tag." 28. Es war Ssnntagmorgen, am lehten Tage im Februar. Der Abstinenzlerwirt Sörcnsen kam aus dem Hafen- Hotel, gerade als die Glocken begannen, die Leute zur Kirche zu laden; er war im Hotel gewesen, um nach dem erprobten Freunde seiner Jugend, dem alten Funk, zu sehen. Geteilte Ansichten und mehr noch die höchswerschiedene Lebensstellung der beiden Männer hatten viele Jahre lang bewirkt, daß sie einander auswichen; doch nun lag Funk an Lungentenzündung zu Bett und hatte wahrscheinlich nicht mehr lange zu leben, und Sörensen, der im stillen Funk als einen mit Unrecht vom Glücke begünstigten betrachtete, hatte sich über seinen eigenen kleinen Groll und die Rücksicht auf seine Stellung hinweg- gesetzt, um ein letztes Mal mit dem alten Kumpan zusammen zu sein. Nur war er so vorsichtig gewesen, nicht durch den Hauptcingang des Hotels zu gehen, sondern den Weg hinten durch die Küche zu benutzen. Mit gemischten Gefühlen hatte er da den unverbesser- lichen Alten auf dein Sterbebett liegen sehen, umgeben von Flaschen, von denen' keine einzige etwas mit der Apotheke zu tun hatte. Aber nian mutzte doch sagen, datz seine Tochter und sein Schwiegersohn ihn keine Not leiden ließen. Und dann hörte man ihn über die Erkältung fluchen, die schuld an dem Ganzen war und sich leicht hätte vermeiden lassen, wenn er nicht so leichtsinnig gewesen wäre, sich zwei Tage hintereinander den fremden Getränken anzuvertrauen, ohne das Gegengewicht, das der Schnaps war. Fatalerweise war der Besuch auch in ein Auffrischen der Heldentaten alter Zeiten ausgelaufen, aber man konnte sich doch nicht daran niachen, niit einem Sterbenden ins Gericht zu gehen! Doch weniger alles dies machte Sörensen mißmutig, als er das Hotel, gleichfalls hinten herum, verließ und an den Hafen schlenderte. Aber der Alte war spöttisch, beinahe ver- letzend gewesen, und das tat um so mehr weh, da Sörensen im stillen zugeben mußte, datz der Alkohol in allen Teilen den Abstinenzgetränken weit überlegen war. Als kluger General hatte er. auch diesen Punkt sofort aufgegeben und die dreißig- tausend Netto ins Feld geführt, aber da klärte ihn der alte Funk mit triumphierendem Grinsen über seine wirkliche Stellung in dem Hotel auf und gab einige Zahlen zum besten, die äußerst entmutigend wirkten._(Forts, folgt.) Verantwortlicher Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln. Für den waschenen und gebürsteten Erdschocken kommen in siedendes, ge- salzenes Wasser und müssen einige Minuten darin fortkochen, bis die Schale sich abziehen läßt, nicht länger; sonst verhärtet sich die Schale, während das Innere der Knolle zerfällt. Aus hellem Schwitzmehl, Wasser und Milch stellt man eine Sauce her, in der die in Scheiben geschnittenen Erdschocken gar kochen müssen. Man würzt mit Salz, Muskatnutz und einigen Tropfen Zitronensaft. Kuheuter mit Meerrettichsauce. Kuheuter wird in Wasser mit Salz, Wurzelwerk und Gewürz weichgekocht. Es mutz sehr lange kochen, mindestens fünf bis sechs Stunden. Dann� schneidet man es in Scheiben und richtet es mit einer Meerrettichsauce an. Helles Schwitzmehl wird mit etwas Brühe vom Kuheuter verkocht, nach Belieben eine halbe Tasse Milch hinzu- gefügt und � dann zum Schluß der geriebene Meerrettich hinein- gegeben, mit dem vermischt die Sauce aber nicht mehr kochen darf. Wer es liebt, kann die Meerrettichsauce auch süßsauer abschmecken, muß dann aber den Milchzusatz fortlassen. Die übrige Brühe vom Kuheuter wird zu Graupen- oder Kartoffelsuppen verwendet. Braungeschmorte Kohlrüben(für vier Personen). 1 Kohlrübe(4 Pstind). 1 Pfund Schweinebauch, 2 bis 3 Eßlöffel Fett, IVa bis 2 Eßlöffel Mehl, 2 Eßlöffel Zucker, l'/i Liter Wasser, Salz, Majoran, Pfeffer oder Paprika, Muskatblüte. Der Schweinebauch wird in dem gesalzenen Wasser gargekocht. Den Zucker bräunt man in dem Fett, fügt die in längliche Streifen geschnittenen Kohlrüben hinzu, die nur gewaschen, nicht aber ge- wässert oder abgewellt sein dürfen. Man läßt die Kohlrübenstückchen eine Weile dünsten, streut das Mehl darüber, rührt es gut durch, füllt die auf etwa 3/4 Liter eingekochte Brühe von dem Schweine- bauch darüber, kocht alles glatt und würzt mit Salz, reichlich Majoran, wenig Pfeffer oder Paprika, Muskatblüte und läßt das Gericht lang- sam garschmoren, wobei man es vor dem Anbrennen bewahren mutz. Besser ist es, man läßt die Kohlrüben nach 16 Minuten langsamem Vorkochen in zwei Stunden in der Kochkiste gar werden. Einige Tropfen Maggiwürze beim Anrichten untergerllhrt ver- feinern das Gericht. In Salzwasser gekochte geschälte Kartoffeln werden nebenher gereicht oder unter das Gemüse gemischt. Dies ist die wohlschmeckendste Bereitungsart für die oft falsch behandelten und dann' mißachteten Kohlrüben. ick. Lt. Schühengrabenkmg vor 100 Jahren. Der Stellungskrieg, wie er sich heute auf den Schlachtfeldern von Frankreich entwickelt hat, ist gewiß eine einzigartige Er- scheinung der Kriegsgeschichte; doch führkn immerhin Fäden der EntWickelung von der Vergangenheit in die Gegenwart. Auf eine besonders interessante Episode der napoleonischen Kriege, in denen bereits der Schützengrabenkrieg in großem Maßstabe durchgeführt wurde, weist G. Lenotre im„Teinps" hin. Es handelt sich um bie befestigte Stellung, die Wellington bei Torres-Vedras in Portugal einnahm, um den Vormarsch der französischen Truppen gegen Lissabon zu verhindern. Die Gräben und Verschanzungen, die der englische Feldherr damals von 26000 Arbeitern während eines Monats aufführen ließ, erinnern durchaus an die heutigen Feld- befestigungen; sie bestanden aus einer vorderen und einer Hinteren Linie, von denen die erstere 43 Kilometer lang war und sich mit einer Seite an den Tajo-Flutz anlegte. Die zweite kleinere sollte als Stützpunkt für die eventuell zurückgeworfenen Truppen dienen. Die Gräben, die 6 Meter breit waren, hatten eine Umwallung von 3 Meter Dicke, besaßen geräumige Höhlen und Unterstände, in denen die Soldaten wohnen konnten, und waren durch Laufgräben miteinander verbunden. Aus den Erinnerungen Messenas, der die srcmzösische Armee befehligte, ist zu ersehen, wie ungewohnt und unerträglich den Kriegern Napoleons diese Art von Stellungskampf war. Vergebens versuchte man, den Feind aus seinen Löchern herauszulocken; Wellington blieb innerhalb feiner 83e- festigungen. Die französischen Garden schimpften zwar furchtbar über die„Feigheit der Engländer, die sich in Mauselöchern ver- kriechen", aber sie konnten nichts gegen sie erreichen und weigerten sich, zu dem gleichen Mittel zu greifen. Die Leute, die zum Aus- heben von Schützengräben kommandiert wurden, taten ihre Arbeit unwillig und ungenügend: selbst die Offizier� weigerten sich, „gegen die Erregung des Schlachtfeldes die ermüdende Ruhe des Lebens voll Entbehrungen einzutauschen." So blieb Massena nichts anderes übrig, als den Rückzug zu befehlen, und der Schützengraben hatte damit einen ersten Sieg auf offenem Felde tn der Kriegsgeschichte errungen. Von den Mühen und Qualen des Lebens in den Schützen- graben erzählt auch eine soeben erschienene französische Veröfsent- lichung, die die Briefe eines jungen Leutnants aus der Belagerung von Sebastopol enthält. Anschaulich schildert Paul Goedorp, ein 19jähriger Leutnant, der in den Schützengräben vor Sebastopol 1856 durch eine Granate getötet wurde, in diesen Briefen an seine Familie von der entnervenden und niederdrückenden Einwirkung dieser Kriegführung auf den französischen Soldaten. „Ter Kampf unter freiem Himmel, in voller Sonne," schreibt er, „scheint nur ein Kinderspiel im Vergleich zu dieser Arbeit in den Eingeiveiden der Erde, die uns zu Maulwürfen erniedrigt, und zu den Gefahren, die sie begleiten." Zwei Tage und eine Nacht muß man sich„begraben", d. h. in den Gräben aushalten, bis die Soldaten auf einige Zeit abgelöst werden. Der junge Offizier empfindet dieses Liegen und Wühlen in der Erde als seiner un- würdig und schreibt z- 23.:„Jetzt tun wir gar nichts; wir liegen im Graben und werden dabei dezimiert. In einem einzigen Monat sind 700 Mann unseres Regiments getötet und verwundet oder von den Anstrengungen krank geworden. Ein schönes Re- giment, wie das unsrige, muß auf eine so dumme Weise zugrunde gehen. Wahrlich, ein schönes Schicksal, in einem Graben getötet zu werden!"_ kleines Feuilleton. Die jchweizerüeutsche Solüatensprache. lieber dieses Thema plaudert recht unterhaltend ein Mit- arbeiter der„Basler Nachrichten". Zuerst einiges über die militä- rischen Grade. Der Gefreite erhielt 1912(seit damals erst gibt es im schweizerischen Heer Gefreite) den Namen„Schmalspur- korporal", weil seine Gradabzeichen nur halb so breit sind wie die des Korporals. Gelegentlich wird der Gefreite auch„Vorarbeiter" genannt.„Korpis" für Korporal ist rotwelsch; die ältere Form ist Corpus. Der Feldweibel heißt„Feldmetz"; sein viel geplagter Stellvertreter, mit billiger Silbenumstellung,„Stellweibelfeld- Vertreter", auch„Stellweibelfeldvcrtrainper". Die Sanitätsmannschaften sind für den schweizerischen Soldaten„Kranken- Mörder". Neu ist die Bezeichnung„Oberländer" für Oberleutnant, während„Lcfzg" für Leutnant alt und weitverbreitet ist. Der Hauptmann wird in Erinnerung an früheres Jndianerspiel „Häuptling" genannt; er heißt aber auch„der Alt". Der Major kommt mit dem etwas matten Witzwort„Majer" davon. Der Feldprediger trägt den rotwelschen, eigentlich jüdisch-deutschen Namen„Galasch", von hebräisch gslach, geschoren, womit also zunächst die tonsurierten katholischen Geistlichen, dann die christ- lichen Geistlichen überhaupt gemeint waren. Natürlich haben auch die Waffen ihre besondere Bezeichnung erhalten. Ganz neu ist die Bezeichnung„Bleischleudere" für das Gewehr.„Bohnen" für Kugeln(„blaue Bohnen") gilt_ als der Gaunersprache entnommen. Drastisch ist der Ausdruck„Sardinen- büchse" für den Lader mit scharfen Patronen. Das Bajonett, auch das Seitengewehr, heißt— wie auch in Deutschland— „Speck"- oder„Käsmesser". Ter Tornister wird im ganzen deutschen Sprachgebiet„Äff" genannt. Die Ouartiermütze ist der „Bollis"(von Policemütze).„Bienen"(gaunersprachlich: Läuse) oder„Tierli" sollen unter dem„Bollis" nicht hausen. Für die Schuhe hat man den schon im 17. Jahrhundert vorkommenden Ausdruck„Trittling", auch„Tritt", zur Verfügung. In den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts „Trittlingen" wird über Berg und Tal„getippelt" und„ge- hampelt"(Hampelmann). Zieht man durch ein„Kaff"(Dorf? rotwelsch vom hebräischen Wort„üakar"), so stehen die„Ruechon" und die„Hachen"(Bauern) gaffend vor den Türen. Beide Wörter sind schon im Althochdeutschen belegt:„Ruch" bedeutet irr- sprünglich Krähe, im übertragenen Sinn geiziger Bauer;„Hgckr" kommt vor in der Bedeutung„Bursche, läppischer, grober Mensch".. Bei Gefechtsübungen sind die„Schicksen(für Schützen) am Wald- rande" ein beliebtes Ziel.... Am reichsten an rotwelschen Wörtern ist das Gebiet des Essens und Trinkens. Hungern heißt„Kohl- dampf schieben".„Pickus"(das Essen) ist wohl das durch Studen- ten in die Gaunersprache eingeführte pfeudolbteinische HauptworS zum Zeitwort„picken". Für„trinken" wird gern das alte Kundenwort„schmoren" gebraucht. Die gewöhnlichen Speisen des Soldaten sind„Schnalle, Spatz und Hanf"«Suppe, Fleisch und Brot); von diesen Wörtern ist„Spatz" auch in der deutschen Soldatensprache heimisch. Für den Schnaps besitzen die schweizc- rischen Soldaten drei Ausdrücke:„Gix",„Joli" und„Rollwagen- sirup".„Gix" ist wahrscheinlich schallnachahmend nach dem hellen Ton beim Entkorken der Flasche.„Joli" ist als rotwelsch belegt in der Bedeutung von Wein; Schnaps hieß ursprünglich„gefunkelter Joli", d. h. gebrannter Wein. Bei„Rollwagensirup" könnte man zunächst annehmen, es handle sich um den Sirup der Leute, die mit Rollwagen arbeiten. Der schweizerische Erklärer ist jedoch der Ueberzeugung, daß im ersten Bestandteil des Wortes das alte Wort„Rollhafen" steckt: es bedeutete einen Kessel, der an einer über eine Rolle laufenden Kette befestigt war, dann aber den Höllenkessel und die Hölle oder das Fegefeuer selbst. Der Schnaps wäre also Höllensirup...._ Juan Fernanöez, die Jnfel Robinson Crusoes. lieber die Insel Juan Fernandez, wo unser kleiner Kreuzer„Dresden" ein rühmliches Ende gefunden hat, wird der Korrespondenz„Heer und Politik" geschrieben: Juan Fernandez ist der Sammelname für eine kleine Inselgruppe, die aus zwei größeren Hauptinseln und aus mehreren kleineren Nebeninseln besteht. Die Inselgruppe liegt im Westen der Küste von Chile im Stillen Ozean in der Breite von Valparaiso. Sie gehört zur Republik Chile im politischen Sinne und bildet ein besonderes Departement, das zur Provinz Valpa- raiso gehört und von hier aus verwaltet wird. Von �Valparaiso ist die eine der beiden Hauptinseln 675 5Viloi»eter entfernt. Die größte Insel der Gruppe ist Juan Fernandez oder Mas a Tierra. Sie ist 99 Quadratkilometer groß und hat in der Nordostküste einen guten Hafen. Hauptsächlich wird sie von Fischern bewohnt, die im Solde einer Fischereigesellschaft stehen. Die Gesellschaft hat die Insel von Chile gepachtet, um sie für Zwecke der Fischerei verwerten zu können. Sie ist aber auch eine lebhaft besuchte Wasscrstation für Schiffe. Die zweite Hauptinsel, die etwas kleiner ist als die erste, hat den Namen Mas a Fuera. Diese beiden größeren Inseln sind sehr gebirgig und haben Erhebungen bis zu 1200 Meter Höhe aufzuweisen. Der höchste Berg ist der Zungue. Neben diesen beiden großen Hauptinseln kommt von den anderen kleineren Inseln nur noch Santa Klara oder Goat-Jsland in Betracht, die im Westen der größeren Hauptinsel liegt. Die Inselgruppe zeichnet sich durch ein sehr mildes und gesundes Klima aus. So unbekannt Juan Fernandez bis zu dem heutigen Tage, wo hier die„Dresden" unterging, im allgemeinen war, so kann man doch sagen, daß wohl keine Insel der Welt so berühmt und allgemein bekannt ist wie gerade diese, wenn auch ihr Name verborgen geblieben ist. Juan Fernandez ist nämlich die berühmte Insel, auf der Robinson Crusoe sein berühmtes Leben und seine berühmten Abenteuer ge- habt hat. Das Urbild zu Robinson Crusoe war nämlich ein schottischer Matrose namens Alexander Selkirk, der sich im Jahre 1704 von dem Kapitän seines Schiffes aus Juan Fernandez aus- setzen ließ, um hier auf dieser einsamen Insel mitten im Welt- meere ein neues Leben zu führen. Er hatte sich zu diesem Zwecke mit Kleidung, Waffen und Munition ausrüsten lassen. Er lebte hier vier Jahre und wurde im Jahre 1709 von einem Schiffe mit- genommen. Im Jahre 1719 veröffentlichte nun auf Grund der Schilderung der seltsamen Erlebnisse, die Selkirk in Juan Fer- nandez gehabt hatte, Defoe seinen weltberühmten Roman mit dem Haupthelden Robinson Crusoe, dessen Schicksale und Abenteuer mit denen Selkirks ziemlich genau übereinstimmen. Das Buch wurde später in alle Sprachen der Welt übersetzt und gehört zu den verbreitetsten Büchern der Weltliteratur. Was eine Uhr leistet! Nur wenige Menschen vermögen sich eine klare Vorstellung da- von zu machen, was eine Uhr, besonders eine Taschenuhr, eigentlich leistet. Einen kleinen Begriff hiervon gibt aber folgende Rechnung, die im„Prometheus" aufgestellt wird: In einer Ankeruhr gewöhn- sicher Größe für Herren hat die Unruhe einen Durchmesser von 18 Millimeter. Diese Unruhe macht in jeder Sekunde fünf Schwingungen(hin und her), wobei sie jedesmal anderthalb Um« gänge vollendet. Denkt man sich nun die Unruhe, anstatt hin und her schwingend, als ein immer in derselben Richtung wciterrollcndcS Rad, so legt dieses Rad, dessen Umfang 3,14. 13— 56,5 Millimeter ist, bei jeder Schwingung 84,76 Millimeter und in jeder Sekunde 5. 84,76— 423,75 Millimeter oder rund 42 Zentimeter zurück, in der Minute das 60fache, d. h. 1512 Meter, also rund l'/a Kilometer. Ist dies eine Uhr. die, wie es häufig vorkommt, ununterbrochen 3'/., Jahre gegangen ist, so hat die Un- ruhe in der Luft einen Weg von 39 420 Kilometer zurückgelegt, das ist nahezu gleich dem Umfange der Erde. Und dabei hat dieses Rädchen Achsen oder Zapfen von etwa 12 Hundertstel Millimeter Durchmesser. Rechnet man, daß eine Personenzuglokomotive täglich 10 Stunden in Tätigkeit ist und in der Stunde 46 Kilometer zurück- legt, so muß die Lokomotive 39 Tage lang im Dienst sein, ehe ein Punkt am Umfange ihrer kolossalen Räder denselben Weg zurück- gelegt hat, wie die Unruhe jener Uhr in drei Jahren. Da aber der Durchmesser des großen Lokomotivrades ungefähr da? Hundertfache von demjenigen der Unruhe beträgt, so müßte die Lokomotive 8900 Tage, d. i. über 24 Jahre lang, ununterbrochen zehn Stunden täglich in Tätigkeit sein, ehe die Achse ihres Triebrades die gleiche Anzahl Umdrehungen gemacht hätte, wie die kleinen Zäpfchen der Unruhe in nur drei Jahren. Aehnlich ist auch das Verhältnis bei größeren Uhren._ Schinzinger. Notizen. — Kunstchronik. Im alten AuSstellungSsaal des Kupferstich- kabinetts wird Donnerstag, den 25. März 1915, eine Ausstellung der„Zeichnungen Rembrandts" eröffnet. — Vorlesung. Am Sonntag, den 28. März, wird Friedrich Kayßler zum ersten Male den Bach-Zyklus von Ernst L t s s a u e r lesen. Im musikalischen Teil werden R. Tobias(Orgel), Richard Buhlig(Klavier). Albert Stössel(Geige), Frau Margarete Parbs-Krause(Gesang) mitwirken. — Prof. Otto N. Witt ist in Westend gestorben. Er hat seit bald 30 Jahren die Professur zur chemischen Technologie in der Charlottenburger Hochschule inne gehabt und sich durch seine Mit- arbeit an internationalen Weltausstellungen bekannt gemacht. In weitere Kreise drang sein Name durch die von ihm begründete tcchnisch-naturwissenschaftliche Zeitschrift„Prometheus", die er auch für den Laien anziehend zu redigieren verstand. Seine immer anregenden und gut geschriebenen Artikel hat er unter dem Titel Narthekion gesammelt. — Die„M e h l h u n d e". Eine sehr merkwürdige Nachricht bringt die„Augsburger Postzeitung": Einem bekannten Hunde- züchter ist es gelungen, schreibt sie, eine Anzahl Polizeihunde in kürzester Zeit derart abzurichten, daß sie in den Händen der Mehl- und Getreidekontrollbeamten vorzügliche Arbeit zu leisten vermögen werden.' Die betreffenden Hunde sind imstande, selbst metcrtief in Heu oder sonstwie verstecktes Mehl und Getreide untrügerisch fest- zustellen, und sind selbst da schon die besten Erfolge erzielt worden, wo die verzweifeltsten Kniffe zum Versteck von Mehl und Getreide in Anwendung kamen.— Wie wärS mit dressierten Mehlwürmern, verehrte Augsburgerin?___ Zuchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer Le Co, Berlin SW.