Nr. 77.- 1915, Unterhaltunasblatt des Vorwärts m iwiwwp— naii Donnttsjag, 1. April. wanö an wanö. Von Emil U n g e r. ES fliBt leine Diskretion mehr in den modernen MietZBautem Dn leösl das iteben deiner Nachbarn mit, ob dn willst oder nicht, n»d s i e qewimren Einblick durch die ZSand in deine Verhälmisie, in Dinge, die du sonst niemals auf den Marktplatz auSschreien Würdeft. Ein Konglomerat von Mörtel und Drahlgeflechl, zuweilen auch Back- siein. trennt dich von Meirichen, die dir meist so fremd sind wie der Schah von Persien, deren Namen du oft nicht kennst und auch gar nicht kennen möchtest. Eine Wand, eine erchicht. wenige Zentimeter dick, ist zwischen dir und ihnen und vermittelt mit verstärkten Ton- wellen jede» Geräusch, jedes Zeichen menschlicher Betätigung. Man unterrichtet sich imgewollt gegenseitig von seinen Wünschen, Entschlüssen, seinen Freuden, seinen Sorgen, sofern man nicht den T�appisteneid abgelegt und eine gesunde Stimmritze hat. Kurz: man nimmt den innigsten Anteil an dem Leben seiner Mtmenschen, und dies trotz der streng durchgeführten Exklusivität, wie sie sich in solchen modernen Häusern eingebürgert hat. Die Akustik ist wunderbar, die Erbauer von grotzen Sälen und Theatern sollten diesen Metshäusern das Geheimnis der Hellhörig- keit ablauschen. Unter mir, tief, tief unter mir, wo auch noch Meirichen wohnen, im Erdgeschoß, übt täglich jemand auf der Draht- kommode:„Ich bin ein Preuße." Ich höre es im vierten Stock, so gut wie der Spieler selbst. „Ich bin ein Preuße..." Wie ein mutiges Bekenntnis springt die Melodie au den Wänden hoch, die sie liebevoll bis zu mir hinauf geleiten. �Aber dann stockt es plötzlich. Jeden Tag, an der- selben Stelle. Schwankend, unsicher, taumeln die Finger über die Tasten wie ein Betrunkener über die Straße. Die Töne verheddern sich und enden in einem schrillen Mitzklang. Meine Zähne aber graben sich wie im Schmerz in den Federhalter. Noch ringt das »lavier mit Apollo, da setzt im ersten Stock der Phonograph ein, und zum zweitausendsten Male vernehme ich, daß„Puppchen„sein" Augen— stä—ärn" ist. So war eS bis kurz vor Ausbruch des Krieges in meinein Hause. Da bezogen neue Mieter die bis dahin leere Wohnung ri c b e n mir. Es ging laut her. Männer aus dem Geschlecht Goliaths stampften durch die Zimmer und setzten Lasten ab, unter deren Wucht das moderne Haus in seinen Grundfesten erschütterte. ES mußte eiir junges Ehepaar sein, ein ganz junges, ich merkte es an der Art des Umgangs, an der zärtlichen Fülle des TonS, wenn sie sprachen. Diese Unterhaltung— sie war allein schon ein Genuß für den Unbeteiligten. Er sprach den lispelnd-westfälischen Akzent, s i e kam auS den ostpreutzischen Gefilden und nannte ihren Mann nur„Duchen". Duckien vorn, Ducheu hinten, Duchen und kein Ende. Er rief sie mit„Ruckelchen", und so oft er diese Bezeichnung ge- brauchte.— und er gebrauchte sie oft—, nach meinem Ermessen zu oft, drang ein schmatzendes Geräusch zu mir herüber— durch die wenige Zentimeter dicke Schicht von Mörtel, Stein und Tapete. Ich will es ehrlich zugeben, daß sich in mir der Neid der Besitzlosen meldete. Aber ich unterdrückte tapfer diele häßlichste aller �niiide» und freute mich des köstlichen Idylls, das sich Wand an Wand mit mir entivickelte. Die Ziehleute waren längst verschwunden und die beiden Verliebten arbeiteten rüstig an der Einrichtung der Wohnung. „Duchen" rückte an den Möbelstücke» herum, bis sie richtig standen, und schlug Nägel und Halen in die Wände,„Nuckelchen" reichte ihm die Gegenstände zu und sagte an, ob das Bild schief oder gerade hänge. Ich konnte ihre Tätigkeit nicht weiter verfolgen, da ich abends weg mußte. Als ich in der Nacht wiederkam, merkte ich mit schrecken, daß meine Nachbarn ihre Betten akkurat neben dem meinen aui- geichlagen hatten. Wir schliefen also nur getrennt durch eine Wand, eine dünne moderne Wand, eine Wand, die ein prächtiger Schall- leiter war und nichts, aber auch nickst« für sich behielt. „Duchen" uiußle ziemlich korpulent sein, die Sprungsederu knackten ganz beängstigend, wenn er seinen»örper aus die andere Seite warf. Doch was noch schlimmer war—„Duchen" schnarchte sürchter- lich. Wie die Kette aus einem tiefen Brmmen zog er den Atem aus der Brust. Schnarchen ist unangenehm— wenn es andere tun. Ich hörte denn auch, tvie„Nuckelchen" ihr„Duchen" ab und zu anstieß: „Duchen, Duchen, was schnarchste so I" Duchen ober sägte weiter drauf los... Es liegt etwas rührend. imiigeS über so einer funkelnagelneuen Ehe. Wenigstens konnte ich das hier feststellen bei Duchen und Nuckelchen. Und wenn man so daliegt, nur durch eine dünne Schicht von Mörtel, Stein und Tapete getrennt I Ach, sie halten sich vor dem Einschlafen so viel zu erzählen, daZ heißt, sie hatte ihm so viel zu erzählen, während er meist nur grunzte, was wohl als Beistimmung gelten konnte und auch so aufgenommen wurde. Tsch stehe nicht an. zu erkläre», daß ich den Dichter des„Buches der Lieder" und des„Wintermärchens" obgöitiich verehre, aber verwahren muß ich mich doch gegen seine Behauptung,„DerttschlandS Frauenzimmer legten sich schweigend zu Belle". Es ist eine ichmäh- liche Verkeunung der deutschen Frau, und ich kann DuchenS Nuckelchen als sprechendes Beispiel dagegen anfuhren. Um 10 Uhr hatten sich die beiden hingelegt, und eine Stunde später summten die Worte noch von Nuckelchens Lippen so ungehemmt wie ein munteres Wiesen- bächlem. Zu sehen bekam ich meine Nachbarn nicht, ihr Ausgang lag nach der anderen Straße zu, das Haus bildete die Ecke. -» Der Juli ging zu Ende. Ueber Europa hingen Wetterwolken, gewitterschwer drückte die Siinmrung auf die Gemüter, bangende Sorge, daß der Funke zündend aus der Wolke zucke und die wabernde Lohe den Erdball umhülle. Und der Funke zündete. Der Weltenbrand flammte ans, düster- rot. und sein Feuerschein schreckte die Völker empor, ließ die Herzen heiß und die Augen geisterlian starr werden. Er leuchtete in die Hütten und Häuser, er leuchtete aber auch in die Schlafstube meiner jungen Nachbarsleure. Duchen mußte am 15. August einrücken. Ich hörte eS aus dem Munde Nuckelchens. Sie war wie ausgelöst, die junge Frau, und weinte sich in den Schlaf. Das junge Glück, schwarze Schatten umlauerten eS. Und ihr mütterliches Hoffen! Wie oft hatten sie miteinander über das werdende Leben gesprochen. Sie wollie ein Mädchen. „Wenn Du aber lieber einen Jungen möchtest, so bin ich auch zufneden, mein bestes Duchen," hatte sie manchinal gesagt. In der Nacht vor seiner Abreise schliefen sie gar nicht. Sie sprachen wenig, überhäuften sich aber mit Zärtlichkeiten. Bis dahin hatte sich Ducken gut gehalten und seiner Frau mit erzwungener Heiierkeit die Sor�n ausgeredet. In dieser Nackt war er aber auf- fallend still. Um 1 Uhr mußte er weg, um 2 Uhr standen sie beide auf. Eine Stunde später kam die Frau iuS Schlafzimmer zurück. Tort hat sie noch lauge geweirn. Vom nächsten Tage ab lag die Wohnung neben mir still und verlassen. » Ducke» ist wieder zurückgekehrt. Kürzlich benrahm ich beim Rachhausekvmmen seine Stimme. Er zog gerade die Stiefel aus und seine Frau half ihm dabei. Er ist wegen GeleukrheurnaliSmuS für dauernd dieusruutauglich geschrieben'worden. Run zwitschert Nuckelchen des Abends wieder ununterbrochen. Wenn sie spricht, zittert ihre Stimme und das Glück lackt ihr von den Lippen. Freund Adebar ivird bei Duchen und Nuckelchen bald einkehren, ich bin von allem unterrichtet. Aber dann pflanze ich mein Bett Ivo anders hin._ vor Laubenkslomst. Ten Lauventoloniiten ist für diese KriegSzeit der Anbau von Kartoffeln an? Herz gelegt worden. Für viele gewinnt die? besonderen Reiz dadurch, daß der Höchstpreis für Frühkartoffeln auf 10 M. pro Zentner festgefetzt wurde. In Friedenszeiten wur- den die ersten Frühkartoffeln höchstens mit 5 vis Ö M. im Kleinhandel bezahlt, und die beste Winterkartvffel konnte man allenr- halben für 2,50 bis L M. erstehen. Der Kartofselbau ist freilich nicht ganz so einfach und auch nicht ganz so lohnend, wie es den Anschein bat. Ich habe schon bald nach Kriegsausbruch den Rat erteilt, von den Frühkartoffeln so Viel als möglich für die dies- jährige Saat zurückzubehalten. Einige werden wohl dement- sprechend über Saatgut berfiigen, die meisten werden es aber kaufen müssen. Das"Kaufen iit nicht so einfach, denn die meisten Händler behaupten, sie hätten bereits ausverkauft oder fordern un- gewöhnliche Preise, durchschnittlich 9,50 bis 1-1 M.. im Kleinhandel bis 3,50 M. für 10 Pfund, wozu noch die Kosten für den Sack und, wenn von auswärts bezogen werden muß, was meist der Fall sein wird, Fracht und Rollgeld hinzukommen. In den Laubenkolonien ist sicher kein Raum zu einem nennenswerten Kartosselanvau. Tie.Kolonisten, die bisher auf der Laubenparzelle überhaupt Kartoffeln pflanzten, beschränkten sich auf einige Knollen einer Frühsorte. Der Anbau von Früh- forte» ist ja immer der lohnendste. Tie Frühkartoffel verlangt aber einen leichten, warnten Boden, möglichst Sandboden, der uns ja hier meist zur Perfügung steht. Ist er arm an Humus und Nährstoffen, so ist eine Stallmistdüngung unbedingt erforderlich. Daneben verlangt die Kartoffel auch einen gewissen Kaligehalt des Bodens, was eine besondere Kalidüngung voraussetzt. Man gibt Kali am besten als 40vrozentigeS Düngesalz, das mindestens einige Wochen vor dem Auslegen der Knollen ausgestreut werden muß, da es unmittelbar vor der Pflanzung ausgestreut, schädlich wirkt. Viele Kolonisten sind irre geleitet worden durch eine um- fassende Propaganda der Tagespresse für den Kartoffelanbau auf Oedland. E? haben sich sogar Vereinigungen gebildet, die diesen in die Wege leiten wollen. Eine dieser Gesellschaften hat sich nicht weniger als 0000 Morgen Oedland\n Grotz-Berlin gesichert, das sie bearbeiten, dünge«, mit Kartoffeln bestellen und dann in öinzelstückeu von je 400 Quadratmetern au unternehmungslustige Kolonisten für 25 M. Pacht weitergeben will. Diese 25 M. stellen die Selbstkosten der Gesellschaft dar, die also nichts verliert; aber die Kolonisten, welche je 25 M. zahlen, werden die Geleimten sein. Jeder Kvlonst, der schon einmal Oedland in Bearbeitung gir nmnmen hat, wird wissen, daß sich solches nicht von heute auf morgen, sondern erst nach jahrelanger, saurer Arbeit, verbunden mit erheblichen Geldaufwendungen, in Kulturland verwandeln läßt. Wäre die Umwandlung von Oedland in Kulturland eine so einfache Sache, wie sich daS jene Laien vorstellen, so halte es schon lange vor Kriegsausbruch in Groß-Berlin keinen Quadrat- meter Oedland mehr gegeben. Versuche-, auf Oedlaud Kartoffeln anzubauen, sind von unerfahrenen Kolonisten schon feit Jahren unternommen worden, werden von Neulingen immer wieder unternommen. aber alle werden mir bestäilgen, daß die Ergebnisse selbst die bescheideisten Hoffnungen zuschanden gemacht haben. Geld und Arbeit werden nutzlos aufgewendet, und schließlich ist der Kolonist froh, wenn er im Herbst das�wieder aus dem Bode« herausholt, was er im Frühling als Saatgut hineingelegt hat. Wenn die� Kartoffel auch keinen erstklassigen Boden fordert, so verlangt sie doch einen in guter Kreil stehenden. Wenn man Oedland im Juni. Juli tief pflügt, dann gelbe Lupinen aussät und wenn sich diese dann infolge reichlicher Niederschläge üppig entwickeln— bei Dürre versagen sie—. wenn dann die grüne Masse in oder besser nach der Blüte untergepflügr wird, im Winter eine Kalidüngung folgt und im darauffolgenden Frühling dann nach nochmaliger Bodenbearbeitung Kartoffeln gelegt werden, so kann mern auf eine bescheidene Ernte rechnen, d. b. auf eine Ernte, die im günstigsten Fall das acht- bis zehnfache des verwen- deten Saatgutes einbringt. Daß auch im Kartofselbau Wrchsel- wirtsckaft betrieben werden muß, sei noch nebenbei bemerkt. Ich kann jedem, der über ein Stückchen Land verfügt, das de- reit? rulturfmjig ist, nur den Rat geben, es bis zum letzten Quadratmeter sachgemäß anzupflanzen, es untrautirei zu halten, immer wieder zu behacken, zu behäufeln, bei Trockenheit zu bewässern und späterhin die Wnrtergemüse sachgemäß einzuwintern. Da? wichtigste Nahrungsmittel, das wir dem Boden abringen können, ist und bleibt die Kartoffel. Es gibt Kartoffeln, die nur als Piehfutter in Frage kommen, aber auch zwischen den zur menschlichen Nahrung geeigneten bestehen Unterschiede. Deshalb kaufe und pflanze man keine Saatkartoffeln, die man nicht vorher erst gekostet hak. Ter persönliche Geschmack spricht ja hier auch mit. Am besten sind im allgemeinen diejenigen Sorten zur mensch- lichen itzabrung� geeignet, die nur Knollen von mittlerer Größe bringen. Als«aatgut werden am besten Knollen verwendet, die im Perbälstis zur Größe der betreffenden Sorte mittelgroß sind; ganz kleine Knollen verwende man unter keinen Umständen als Saalgni, da sie nur führ geringe Erträge geben. Besonders geschätzt werden Sorten mit flach liegenden Augen, da diese ein sparsameres Schälen ermöglichen. Ist man gezwungen, große Knollen als Saat' gut zu verwenden, so zerschneide man jede Knolle in zwei Teile, indem man sie der Quere, rncht der Länge nach durchschneidet. Die durchschnittenen Knollen mutz man dann mit den Schnittflächen nach oben einige Tage im trockenen Raum liegen lassen, bevor man sie pflanzen kann. EL ist aus dem Leserkreise dieser Zeitung der Aorfchlag gemacht worden,?rati ganger oder geieiUer Knollen nur einzelne Augen zu legen, wodurch eine ungeheure Menge des koit- baren Saatgutes erspart werden soll. Dieser Vorschlag ist nicht empfehlenswert. Dies Verfahren wird nur ausnahmswetse einmal von Berufszüchtcrn angewendet, wenn es sich um den Anbau einer neueu Sorte handelt, von welcher nur wenige Knollen vorhanden sind. Tie Kartoffelknolle ist die Borratskanuner der angehenden Kartoffelstaude. Tie jungen Triebe ernähren sich in der ersten Zeit in der Hauptsache auS den in der Saatknolle ausgespeicherten Nährstoffen;"diese sind in einer mittelgroßen Knolle ausreichend vorhanden, in einem ausgeschnittenen Auge, au loelchem nur ein winziges Knollenteilchen haftet, ober durchaus ungenügend; deshalb wird die aus eiuem Auge erzogene Staude noch mehr als die aus einem kleinen Knöllchen erzogene nur schwach bleiben, sich nicht bc- "j Ueberfluß. So« Marti« Anders c n N e x ö. „O ja, eine ganze Anzahl," erwiderte er mit einem Lächeln. ..Ich bearciie nicht, daß Sie das alles behalten können, was Sic so lesen. Es bandelt wohl von Liebe?" „Ja. und obendrein zwischen einem löreis und einem jungen Mädchen." „Das ist doch nicht schön." ..Gewiß, es ist entzückend! Er kann sich kaum aufrecht- erhalten, und warm werden kann er nicht allein, aber dann legt sie sich zu ihm und wärmt ihn." „Meine Tochter hätte das nicht sein dürfen, dann hätte sie mir nie wieder vor die Augen kommen dürfen. Pfui, so eine Schande!" „Nun, nun? Sie ßzissen wohl, daß es die bornehmste Pflicht der Jugend ist, das Hinfällige am Leben zu erhalten. Sicherlich!" Er las wieder eine Weile, warf dann aber das Buch von sich.„Nein, es ist doch zu garstig, es ist geradezu wider- wärtig. Aber es ist auch von einem alten Manne geschrieben; er hat wahrscheinlich ein Kind als Liebste und bat das Bc- dürfnis, sein schlechtes Gewissen zu betäuben, und da hat er diese Greisenlyrik zusammengeschmiert, zum Ergötzen all der anderen Greise, die nicht so günstig gestellt sind— äh!" Er verzerrte das Gesicht vor Ekel. „Ich finde, Sie sollten so etwas, das Sie bloß in schlechte Laune versetzt, nicht lesen!" „Ja, aber das Wunderbare ist, daß ich es bis jetzt feier- lich genommen— und es rührend-schön gefunden habe. Sic ahnen nicht, was es heißt, sich selbst plövlich auf frischer Tat zu ertappen— bei etwas, das man sein ganzes Leben bc- kämpft hat." Er sah auf seine Uhr, die auf dem Kranken- tisch lag:..Um welche Zeit trifft der Kopenhagner Zug ein?" „Wohl um drei." „Hm." Verdrossen legte er sich wieder hin. „Ihr Vater ist gewiß aufgehalten worden; Sie sollen sehn, er kommt morgen," sagte Tortea Hansen und guckte neugierig nach dem Begräbnisgefolge hinaus, das in kleinen Gruppen, lachend und plaudernd, zurückwanderte. Das Pförtchen kreischte, und Karl hob sich schnell vorn Kissen; enttäuscht legte er sich wieder nieder, als er sah, daß es der Arzt in Begleitung SörenscnS war. Der Arzt rang heftig nach Atem, als er eintrat.„Die verfluchte Treppe," sagte er und ließ sich aus einen Stuhl fallen. Seine faltigen Kinnbacken hingen schlaff auf den Kragen herab, nach oben hin wurde das Gesicht schmal, ein Ausdruck voll blasser Fettigkeit lag über der ganzen Person, und der Blick war matt und gutmütig. Man erzählte sich, daß er Morphinist sei. „Na, wir erholen uns sa gut." sagte er und ergriff Bauders Hand, um seinen Puls zu fühlen.„Und der Appetit läßt nichts zu wünscheil übrig, nicht wahr? Wie ist es, haben wir rcgelmäßigeil Stuhlgang?" „Ich weiß nicht, was Sie haben; ich habe ihn jedenfalls," sagte Karl, der sich über den vertraulichen Ton des Arztes ärgerte. „Ja, aber das ist ja ausgezeichnet— und keine Schmerzen und kein Fieber! Sobald das Wetter milder wird, jagen wir Sie zum Bett hinaus, darauf können Sic sich gefaßt machen! — Und Ihr Vater ist immer noch in Kopenhagen?" „Ja, er kann sich nicht von den alten Verhältnissen da drüben losreißen; es ist nicht so einfach, alte Leute zu ver- pflanzen." „Er ist weiß Gott nicht alt,— eher ist er noch zu tätig, um auf der Bärenhaut zu liegen. Sehen Sie nur, wie er zum Hafen rennt und zu den großen Kauflcutcn, um nach den Kursnotierungen zu fragen! Man sagt in der Stadt, er kenne mehr von Frachtdingcn und DampffchiffSaktien als unser angesehener Schiffsrecdcr Kriftiansen." „Ja, und er weiß alle- Kurslisten der letzten zehn Jahre auswendig," sagte Karl lachend.„Ich entsinne mich nicht, daß er jemals seinen Börsenvormittag versäumt hat. Aber drolligerwcise hat er selber sein großes Wissen nie dazu be- nutzt, sich auf irgendeine Börsenspekulation einzulassen. Er gab den andern gute Ratschläge, und wenn die sie dann ans- führten, fieberte er, bis das Resultat vorlag. Vollständig platonisch." „Er sah den Umsatz mehr mit künstlerischem als geichäfts- mäßigem Auge an, sehen Sic. Aber das mag ich gut an ihm leiden; es gibt genug Leute, die bloß kleinlich zusammen- scharren." „Natürlich, der Kastrat ist ja unser großes Vorbild." sagte Karl hitzig.„TaS schmeckt bloß so verflucht nach dem Kandidaten Rask." Ter Arzt lachte herzlich:„Finden Sie? Ter hat sich übrigens in der letzten Zeit nicht wenig verändert. Tort geht er gerade." Ter Kandidat und der Pastor kamen lang- fam am Haufe vorüber, sie fochten eifrig mit den Armen durch die Luft und schienen eine heftige Debatte zu führen. „Jetzt wird hier in der Stadt Theologie verzapft, das können Sic glauben," sagte der Arzt.„Rask will nichts weniger als dem„toten Ehristentmn" zu Leibe gehen; er will, daß die Leute fromm werden, und da mag es ja feine Berechtigung haben, mit dem Pfarrer, dem Frcßsack, zu be- ginnen." „Man muß doch sogen, der alte Funk hat ein schönes Begräbnis gehabt," sagte Tortea Hansen. „Nickst wahr?" riet Sörenten eifrig.„Aber Sic können mir glauben, der wog nicht schlecht. Wir hätten ihn beinahe nicht vom Tor bis zum Grabe schleppen können; mir tun die Arme noch weh." „Und es fehlte doch etwas," sagte Karl.„Ter Sarg hätte mit der blauen Fahne mit dem silbernen Stern cinge- hüllt sein müssen." „Hören Sie auf!" rief Sorensen mit komischem Schreck. „Es ist etwas daran." sagte der Arzt mit leichtem Lächeln.„Denn Sie werden doch zugeben, Sorensen: was er unter die Weste steckte, das konnte keinem andern schaden." „Danke schön, aber dafür wurde um so mehr produziert,— denn so geht eS, das eine entspricht genau dem andern." „Na ja, ja! Aber dann hat er wenigstens der Industrie genützt." „Das hat er, und dem Umsatz hier in der Stadt auch vielleicht mehr, als die Leute glauben." „Sorensen und ich haben auf dem Wege hierher einen kleinen Ucberschlag gemacht, wieviel der alte Säufer in seinem Leben zu sich genommeu haben mag. Niedrig gerechnet, werden es so ungefähr fünftausend Liter Branntwein und mindestens doppelt so viel Wein, Kognak und andere Ge- tränke sein. Das heißt doch etwas ausrichten!" „Ja, und trotzdem war es ihm nie anzusehn," sagte L-örensem„Und dann hat er ja viel Geld damit verdient." Karl glaubte, im Zimmer einen schwachen Alkotzolgeruch zu spüren, aber er war nicht sicher, ob es Wirklichkeit oder eine Ausgeburt keiner Einbildungskraft war, bervorgernfen durch das viele Reden vom Trinken. Wenn dieser Geruch Tatsache war. dann mutzte er von Sorensen ausgebn, denn der Morphinist trank kaum Alkohol. Er. sann am einen Ausweg, um Klarheit zu erlangen,' vergaß es aber wieder, als er Aagc kommen und durch das Pförtchen' hereingeben sah. Er versank in Gedanken, und eine. Zeitlang wars still im Zinnner.(Fortsetzung folgt.) stocken und in der Regel nur aus ein bis drei Trieben bestchen, dementsprechend als Ernte nur einige winzige Knöllchen liefern, vorausgesetzt, da� die Pflanze nicht bei nasser FrühjahrSwitterung durch Fäulnis zugrunde geht. Tic Erträge einer startofselpflauze richten sich ganz nach der Ertragfähigkeit der ausgepflanzten Sorte und nach dem Nährstoff- gelialt des augebauten Kulturbodens. Auf Ackerland rechnet man nrit einem Mindcstertrag von 30 Zentner pro Morgen, der sich auf gutem Ackerboden und bei ertragfähigen Sorten auf 50 und mehr Zentner steigern kann. Hundert Zentner machen die größte Ernte- menge ertragfähiger Sorten auf bestem Boden ans. Je häufiger Kartoffeln auf dein gleichen Grundstücke angebaut werde», um so geringer werden die Ernten schließlich ausfallen, namentlich dann, wenn man nicht öfter mit der anzubauenden Sorte wechselt. Man lasse sich nicht verleiten, dt: Saatknolle zu dicht auszu- legen, in der Meinung, einer kleineren Fläche größere Ernten ab- ringen zu können; man wird dadurch gerade das Gegenteil von deni erreichen, was man erwartet, eine große Krautmasse, aber nur wenige und kleine Knollen. Frühkartoffeln, die von Natur aus nicht so viel Kraut bilden und auch nur mittelgroße Knollen ent- wickeln, kann man etwas enger pflanzen; als geringster Abstand von Knolle zu Knolle und von Reihe zu Reihe sind hier 35 Zenti- Nieter anzunehmen, für späte Sorten aber 40 Zentimeter. Nicht gleichgültig ist es auch, wie tief die saatknollen in die Erde kommen; friihe Sorten pflegt man etwas tiefer als Spät- forsten zu legen, weil dies einen gewissen Schutz gegen Spätfröste bietet. In leichieven, lockeren Boden, also auch tu Sandboden, kann man etwas tiefer als in schweren, bindigen legen, weil letzterer den jungen Trieben starken Widerstand entgegensetzt. Ich emp- fehle im Sandboden die Frühsorten lö Zentimeter tief, die Spät- sorten 12 Zentimeter tief zu legen, in schwerem Boden sind etwa 10 Zentimeter die richtige Tiefe. Schwere, zähe Lehm- und Ton- bödcn sind zuni Kartoffelbau überhaupt nicht geeignet, am wenigsten zum Anbau von Frühkartoffeln, die nur in warmem, also leichtein Boderi lohnen. Wie jede Feldkultur, so ist auch der Kartofsclbau mehr oder weniger von den Witterungsverhältnisse, r abhängig. Ist der Sommer trocken, so wird der Ertrag dadurch ungünstig beeinflußt, ist der Spätsommer zu naß, wie das häusig vorkommt, so treten wieder große Verluste durch Fäulnis ein, die auch nach der Ernte noch häusig um sich greift. Bei kleiner Anbaufläche kann man der Trockenheit durch durchdringende Bewässerung entgegenwirken; die Fäulnisgefahr im Lagerraum verminoert inan, wenn man die ausgenommenen Kartoffeln vor dem Einbringen bei geeigneter Witterung erst ein oder zwei Tage auf dem Felde frei liegen und abtrocknen läßt. Die Kulturarbeiten bestehen beim Kartoffelanbau in zwei- maligem Behacken für Frühkartoffeln, in dreimaligem für Spät- kartofscln, in zweimaligem Behäufeln, erst mäßig, wenn die Triebe 10 Zentimeter Länge erreicht haben, und einige Wochen später, dann aber möglichst nach einem Regen. Auch nach dem zweiten Behäufeln muß man immer das Unkraut im Auge behalten und es stets im Entstehen durch Ausjäten unschädlich machen. Hd. dm Palast öts Königs öer Sdgisr. Ter Spezialbcrichterstatter des„Berner Bund" weilte sti diesen Tagen im belgischen Hauptquartier. Dort hatte er Gelegen- bcit, den König der Belgier zu sprechen. In dem Bericht, den der Korrespondent über diese Unterredung entwirft, heißt cS unter anderem, wie sogar das„Berliner Tageblatt" mitteilt: Ich komme einige"Minuten vor der zur Audienz bestimmten Zeit.„Unser Palast hat kein Wartezimmer," sagt ein liebcns- würdiger Ordonnanzoffizier,„und die einzige Promenade der Nachbarschaft ist nicht besonders einladend." � Trotzdem gehe ich nach ein wenig spazieren in dem Friedbof, dessen Kreuze eine alte flämische Kirche umkränzen. Wir sind in Belgisch-Flandern. Der König wollte in seinem Lande bleiben, wo er daheim ist, er harrte aus bei seiner Armee, die erst noch dezimiert, ihre Bestände nun aufgefüllt und dank der neuen Einstellungen beinahe so zahlreich geworden ist wie am 31. Juli. Ter„Palast"— lassen wir unnötige nähere Angaben! Seine Schönheit und Größe werden mit dem Tage dahin sein, und auch der Kanal, der den„Palast" schützend umringt; wird von der 'historischen Bedeutung dieser Tage nichts zurückbehalten. „Majestät lassen bitten!" Ein enger Gang führt zu dem weiten Arbcitsraum des Königs. Er steht allein im Zimmer, im grünen Dolman, ohne Abzeichen und Orden, wie ein Soldat, der nach der Tagcsarbeit ins Kan- tonnement zurückgekehrt ist. Der König reicht mir die Hand mit den Worten:„Ich freue mich, Sie zu sehen. Sie kommen aus einem Lande, an das mich starke Bande fesseln und das ich sehr liebte. Es ist der wahre Hort der Freiheit." Ter König wünscht zu vernehmen, was man in der Schweiz von seinem Lande demt. Ich spreche von der Sympathie des SchweizcrvolkeS für die der- jagten und an Leib und Gut so hart mitgenommenen Belgier. Der König unterbricht mich:„Ich weiß es, und bin der Schweiz herzlich dankbar für alles, was sie für meine LandSlcutc tut. Tic Auffassung der Neutralen ist mir besonders wichtig, ihr Schicksal könnte leicht dem unseren gleichen. Tic Neutralen sind sehr emp- findlich gegen jeden Angriff und jede Verdächtigung ihrer Neu- tralität. Das ist ganz natürlich, und daran hat sich Belgien auch gehalten. Ich versichere, daß ich und mein Land vor dem Krieg immer aufs getvisicnhafteste die Gebote der Neutralität beobachtet haben, die uns die Mächte vorgeschrieben hatten— wie man ein Pflichtenheft aufstellt. Darin beruht der große Unterschied zwischen der belgischen und der schweizerischen'Neutralität. Ihre Neu- tralität, die der Schweiz, ist ein Akt Ihrer Souveränität. UnS aber ist sie auserlegt toardeu. Und trotzdem.. Ter König ist im Völkerrecht gut zu Hause. TaS Gespräch geht auf dieses Gebiet über. Ter König spricht pon der Agentur für Kriegsgefangene, den Verletzungen des Genfer Kreuzes usw.; er erwähnt auch das Buch„La Lclgdque neutre et loyale", dessen Verfasser, Professor Waxweiler, Jias größte Zutrauen verdiene. Ich bemerke, daß Waxweiler im Eingangskapitel der Tätigkeit der Deutschen in gewissen Beziehungen große Anerkennung zu zollen scheine.„Wir hatten rn der Tat keine Abneigung gegen Deutsch- laud," erwiderte der König,„wir haben die deutschen Kausleuie und� Industriellen bei unS ausgenommen. Wir pflegten gute Nach- barschast mit den Deutschen. Bis zur Stunde noch kann ich nicht fassen und begreifen, was uns zugefügt worden ist. Ich kann mir die Akte'grausamer Härte um so weniger erklären, als ich die Deutschen nie für bösartig hielt, eher für ruhig und gemütlich. Ich kenne Deutschland und habe selber deutsches Blut in den Adern; die Gräfin von Flandern, meine Mutter, war eine Hohen- zollcrn." „Hier tue ich," fuhr der König fort,„einfach meine Pflicht. Ein Held bin ich nicht. Gehen Sie in meine Schützengräben, dort finden Sie Heldentum."„Ich weiß es, Sir, ich habe belgische Ossizieoe und Soldaten im Kamps gesehen."„Sie tun nichts, als was Sie, Schweizer, auch getan hätten, wenn der Versuch gemacht worden wäre, Ihre Neutralität zu verletzen. Unser leidenschaftlicher Unabhängigkcitssinn scheint den Gegner überrascht zu haben, und dann kamen die Behauptungen von früheren Abmachungen, mit denen wir unsere Neutralität selber verletzt haben sollten. Noch einmal: Damit ist's nichts." Unsere Schweizer Armee interessiert ihn; er kennt und be- wundert unsere Milltürorganisotion.„Sic haben's gut mit Ihrer militärischen Ueberliefcrung; das ist Ihr Schutz. Jeder Schweizer ist ja Soldat, und die Schweizer Geschichte ist voll von vorbildlichem Heldentum. Die Schtveiz hat es bowiesen, daß ein freies Volk, das fest entschlossen ist, freizubletben, noch immer sein Schicksal zu bestimmen vermag. Sie haben aber zu Ihrem Schutz auch die Berge, die ich noch letzten Juni besucht habe. Das Eisischtal und Zermatt liebe ich besonders, das irdische Paradies aber schienen mir die Ufer des Genfer Sees zu sein." Versunken in diese freundlichen Erinnerungen, erzählt Al- bert I. von seiner letzten Schweizerreise, seinem Besuch beim Bundesrat, den er als Ausdruck der Achtung vor unserem Lande ausfaßte. Das höchste Lob findet er für die Schweizerische Landes- ausstellung in Bern, die ihm eine oft unbekannte Schweiz ent- hüllte; er erzählt auch vom Besuch des Theaters von Mezieres, wo er dem Tell von Marax und Doret Beifall spendete. Nach einigen interessanten Bemerkungen über die Bühnenkunst geht's von der Literatur auf die Politik und die Zeitungen über. Ter König der Belgier wird über das, was in unserer Presse erscheint, Wohl auf dem lausenden gehalten, und er liest verschiedene Schweizcrblättcr. „Es ist mir besonders wertvoll," bemerkt er,„daß Sie neben dem „Journal de Geneve" auch den„Bund" vertreten, in dessen Lohali- tät ich großes Vertrauen setze." Draußen wartet ein Kommandant auf mich. Auch er drückt mir seine und seiner Landsleute Dankbarkeit gegenüber der Schweiz au?(der deutschen wie der welschen):„Aus diesen Schlachtfeldern vermögen wir nicht all die Unfern zu beschützen, und da ist es ein Trost, zu wissen, daß so viele in Ihrer Hut sind!" Satz für«atz, den wir sprachen, wurde von fernem Kanonen- donner interpunktiert. Nun naht sich da? Brüllen der Geschütze. Im fahlen Licht des schwindenden TagcS galoppieren Reiter gegen die silberschimmernden Dünen. Dort wird fieberhaft geschaufelt und gegraben. Hier geht ein Trüppchcn Soldaten im vollen Laus- schritt zur Verpflegung— fröhlich wie Kinder, trotz der zuweilen schwirrenden Geschosse. Automobile zerfurchen geschützte Straßen, und vor dem ewig gleichen hochrädigen Karren gehen belgische Pferde, die Schweife abgcknotet, ernst und stattlich, die Paladine der Kanalwege Flanderns. Aber meine Gedanken beherrscht das aus Jammer und Glanz gemischte erschütternde Schicksal eines tniglürflichen Volkes, der Gedanke an die namenlosen Helden in Reih und Glied und die Gestalt des Königs: ein Mann." Kleines Zsuilleton. Die belgiMen Flüchtlinge in England. Im„März" schreibt Dr. V. Hansen über dieses Thema: Eines der größten Probleme, welches die Regierung� auf sich nehmen und lösen muß, ist die Fürsorge für die belgischen Flüchtlinge, deren Zahl sich auf mindestens 160 OOO belaufen soll. Die meisten von ihnen weilen noch als Gäste in Privathäufcrn. Ein kleiner Teil ist in Hotels und Logierhäufcrn untergebracht. ES ist klar, daß die Gasifreundfchafi von Privatleuten nicht für immer in Anspruch genommen werden kann, und die Privallcule, welche die Flüchtlinge aufgenommen und sich damit eine schivcrc Last aufgeladen haben,' hatten meistens von vornherein ihre Zimmer für ein oder höchstens zwei Monate zur Ver- füqung gestellt. Die Regierung hat zwar keine bestimmte Ver- pflichtung übernommen, aber es ist klar, daß sie bald die ganze Last übernehmen muß. Dabei stehen ihr nicht genug Räume zur Verfügung, da diese für die Kriegsgefangenen und die internierten Zivilisten aus feindlichen Ländern benutzt werden mußten. Eine weitere Hauptschwierigkcit bietet die Beschäftigung. 160 000 Männer, Frauen und Kinder auf Monate und vielleicht auf Jahre ohne Beschäftigung durchzuschleppen, wäre ohne Zweifel mit verhängnisvollen Folgen verknüpft. Aber es scheint kein anderer Weg übrig zu sein. Die englischen Arbcitcrvcrbände bestehen daraus, daß sie da? erste Anrecht auf Beschäftigung haben und kein Engländer gezwungen werden kann, zugunsten eines Belgiers zurückzutreten. Und selbst wenn der Belgier mit dem Engländer unter gleichen Bedingungen arbeitet, so blecht noch die Schwierigkeit, daß die Arbeitsgelegenheit fehlt. Auch der Umstand, daß keine genaue Statistik über die Flüchtlinge borliegt, erweist sich als bedenklich. Ucber ihre Zahl kann man sich nur aus Vermutungen stützen. Die englische Regie- rung hat nun zwar mit der Registrierung der Flüchtlinge be- gönnen, doch dürfte es eine lange Zeit in Anspruch nehmen, bis sie zu Ende geführt werden kann. Möglicherweise wird man dabei die Mitwirkung der englischen Unterstützuugsgescllschasten zu Hilfe nehmen, um Alter, Geschlecht und Beruf jedes Flüchtlings fest- zustellen und so der Lösung der Ausgabe näherzukommen. Als Lösung ist' vorgeschlagen worden, daß die Regierung Fabriken für— Baumaterialien einrichten soll, damit die Belgier- alles herstellen können, was zum Aufbau ihrer zerstörten WoKnun- gen nötig sein wird. Sollten sie dann in ihr Heim zurückkehren, so könnten die von ihnen hergestellten Baumaterialien nachge- schickt und sofort an Ort und Stelle verwandt werden. Tolstois literarischer Nachlaß. Um Tolstois literarischen Nachlaß hat vier Jahre hindurch ein erbitterter Streit zwischen den Erben gewütet. Dieser ist jetzt, wie die„Times" aus Petersburg erfahren, durch den höchsten Senat endgültig entschieden worden, und zwar zugunsten der Witwe des Dichters, der Gräsiii Sophia Andrejewna Tolstoi. Der Dichter. der allen Bestimmungen über das literarische Eigentum sonst recht abhold war, hatte hinsichtlich seines literarischen Nachlasses kurz vor seinem Tode eine Verfügung ausgesetzt, durch die alle seine Mann- skripte und die Rechte an allen seinen Werken seiner jüngsten Tochter, der Gräfin Alexandra, übertragen wurden. Die übrigen Erben, die Witwe und die anderen Kinder, fochten diese Bcstim- niung an, und hiermit haben sie nun Erfolg gehabt. Alle Tolstoi- Manuskripte— seit Tolstois Tode wurden sie im historischen Museum in Moskau aufbewahrt— gehören jetzt nach der höchsten richterlichen Entscheidung der Gräfin S. A. Tolstoi. Die Witwe des Dichters hat freilich aus das Besitzrccht zu- guusten des Rumjantschcw-Muscums in Moskau verzichtet, Ivo ein besonderer Tolstoiraum die literarischen Schätze aufnehmen wird. Die Gräfin behält sich nur eine lebenslängliche Oberaufsicht über die Sanunlung vor. Tie Petersburger Akademie der Wissenschaften wird von der Gräfin Tolstoi ermächtigt werden, die Manuskript- blütter photographisch aufzunehmen, um in Petersburg ihre Samm- lung dadurch ergänzen zu können, und ihrerseits liefert sie dem Moskauer Museum dafür photographisch faksimilierte Wiedergaben ihrer Tolstoischätze, so daß alsdann zwei vollständige Sammlungen vorhanden sind. Die Akademie wird auch mit Bewilligung der Gräfin Tolstoi eine Ausgabe sämtlicher Werke des Dichters, ein- schließlich des Nachlasses, herausgeben, ohne daß die Witwe dafür eine Entschädigung erhält. Nur die Tagebücher des Dichters sollen hiervon ausgenommen sein: sie dürfen vorläufig nicht vollständig veröffentlicht werden. Vielmehr sollen zunächst alle Manuskript- feiten dieser Tagebücher zweifach photographisch vervielfältigt wer- den, die Gräsin, ihr ältester Sohn, Graf Sergius Tolstoi, und ihre älteste Tochter, Tatjana Suchotschin, werden aus dem einen Exemplare hiervon streichen, was ihrer Meinung nach ungeeignet zur sofortigen Veröffentlichung ist, und danach lvird die Petersburger Akademie die vorläufige Tagebuchausgabe redigieren. Das andere Exemplar der photographischen Wiedergabe der Tagebuch- Manuskripte soll versiegelt aufbewahrt werden, bis das letzte der Kinder Tolstois gestorben ist. Die kriegslitTratur. In der„Franks. Ztg." liest man: Seit den ersten fünf Kriegsmonaten hat sich die Zahl der mit dem Krieg in Beziehung stehenden Erscheinungen des deutschen Buch- Handels mehr als verdoppelt. Während man von Kriegsbeginn bis Anfang Dezember 1416 Tttel zählte, verzeichnet die von der HinrichS- schen Buchhandlung in Leipzig herausgegebene Bibliographie deS deutschen Buchhandels bis Februar 1915 insgesamt nicht weniger als 2887 Erscheinungen der Kriegsliteratur. Die hinzugekommenen 1471 Titel verletlcn sich auf die einzelnen Wissensgebiete wie folgt: Die Kriegsereignisse, Militärwesen sdarunter Kriegschroniken) 200 sAnkang Dezember 251). Landkarten 69(227), Politik und Wirtschaftsleben 333(214), KriegSgesetze, Rechtsverhältnisse 36(97), Seelsorge, erbanliche Schriften 324(335), Schöne Literatur, Kunst 410(275) und Verschiedene» 7(17). Erheblich nach- gelassen hat demnach nur die Produktiou auf kartographischem Ge- biete, weniger in der Abteilung KriegSgesetze, RechtSverbältnisse. Annähernd gleich geblieben ist die Produktion auf den Gebieten: Die KriegSereignisse, Militnrwescn, Seelsorge und erbauliche Schriften. Eine bemerkenswerte Steigerung der Erscheinungen auf politischem und wirtschaftlichem Gebiete läßt da§ verstärkte Interesse. daS-man ihnen neuerdings zuwendet, deutlich erkennen. Die stärkste Zunahme weist die Schöne Literatur auf. J Notizen. — Theaterchronik. Im Charlottenburger Schiller- Theater findet am Donnerstag die erste Aufführung des vier- aktigen Schauspiels„Nacht und Morgen" von Paul Lindau statt. M n s i k H r o n i k. Der Verband der Volksbühnen' veranstaltet gemeinsam mit dem Berliner Volkschor Karfreitag zwei geistliche Konzerte im Theater am Bülowplatz mit dem Blüthner-Orchestec und dem Berliner Volkschor. Zur Ansführung gelangen: Bach- Kantate„Eine feste Burg", Brahms: Vier ernste Gesäuge und da? Deutsche Requiem. Katieu zum MittagSkonzert izu 75 Pf.) find noch bei Wertheim und in den bekannten Verkaufsstellen zu haben. Für daS Abcndkonzert sind sämtliche Karten vergriffen.— Im Friedrich« Wilhelm städtischen Theater wird am Karfreitag„Die Schöpfung" von Haydn unter Mitwirkung des gesamten Mozart- Chores ausgeführt. Verantwortlicher Redakteur: Alsred Wielepp. Neukölln. Für den Inseratenteil verantw.: Tb. Glocke, Berlin. Druck u.Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Berlagsanstalt Paul Singer& Ed, Berlin SW.