Nr. 78.- 1915. Unterhaltungsbtatt öes Vorwärts lreitag, 2. April. Neue öerlinee Sauten. � Wenn es sich darum hairdelt, die Leistungsfähigkeit der Deutschen während dieses Krieges zu kennzeichnen, wird man die bedeutsame Tatsache, dast rings im Lande neue Bauten dauernd gerichtet werden, nicht übersehen dürfen. So selbstverständlich es auch ist, daß die private Bautätigkeit sehr erheblich zurückging, so ist doch festzustellen, dag sowohl das Privatkapital wie auch die Gemeinden und der Staat trotz der Unruhe der Zeit sehr große Bauaufgaben erfüllten. Dies gilt besonders für die Reichshaupt- stadt. Von deren neuen Tiefbauten, wie sie für die Untergrund- bahn, an der Weidendammer Brücke und am Westhafen in ge- waltigen Abmessungen geschehen, hat der„Vorwärts" kürzlich be- richtet; heute soll einiges von neuen Hochbauten erzählt werden. Die Schönebergcr haben ihr Rathaus fertiggestellt. Der Plan des Baues ist durch einen Wettbewerb gewonnen worden; Hvsts leidet unter den Untugenden, die solche wetteifernden Entwürfe zuweilen aufzuweisen haben. Sie wollen durch eine flotte und scheinbar phantasievolle Architektur die Laien verführen. Das gilt besonders dann, wenn es sick bei solchem Nennen uin eine Firma chandelt, die sozusagen Spezialität in ersten und zweiten Preisen ist: mit Notwendigkeit kommt ein Bau zustande, der zwar ganz repräsentabel ausschaut, der aber doch des gebotenen Ernstes und der begründeten Sachlichkeit entbehrt. So dcmo- kratisch es auch zunächst anmutet, die Gesamtheit der Architekten sich um einen bedeutenden Bau bewerben zu lassen, so bedauerlich ist es, daß solcher Wettbewerb(schon durch die dazu benötigten Geldmittel der Bewerber) längst zu einem System für Bauunter- nehmer geworden ist. Dadurch bekommen gerade unsere größten Bauten wiederum etwas Klischeehaftes; sie geraten zu oft in die Hände derselben Routiniers Es ist gewiß schwer zu sagen, wie sich solch Uebelstand beseitigen ließe, ohne die an sich gesunde'Idee des freien Wettbewerbes zu gefährden; es wäre aber kursichtig, die angedeuteten Schäden, die sich nun auch an dem Schöneberger Rathaus deutlich zeigen, zu übersehen. Der Bau, wie er so da- steht? ist ohne Zweifel ein erfreuliches Anzeichen für einen gc- wissen Wohlstand der Stadt; er ist weder ärmlich noch protzig, er meidet die historische Maskerade und versucht, gegenwärtig zu sein. Aber er ist doch blutleer und geistlos. Es ist gezeichnet und nicht gebaut. Er entbehrt der gepflegten Qualität, die sich in der sorgfältigen Abwägung der Einzelteile und ,n der Klarheit des Ganzen bewährt. Einen Grundfehler hat allerdings von vorn- herein die Bauaufgabe bedingt. Es ist merkwürdig, daß die Städte sich noch immer für öerpflichtet halten, das Rathaus als eine Art Stadtfeste auszugestalten. Da aber heute das Rathaus nichts anderes ist als ein Zusammenfassen von Bureaus und Sälen, so ist die Anlage eines Turms, von dem aus man anrückende Feinde erspähen kann, einigermaßen überflüssig. Diese vielgeliebten Türme bringen in das Kontorhaus eine völlig falsche Monu- Mentalität. Der Turm muß notwendig alle Maße verzerren; er wird außerdem, da er jeder materiellen und geistigen Basis entbehrt, immer nur ein Notgebilde und ein Epigone sein können. Der Turm des Schönebergcr Rathauses beweist die Richtigkeit solcher Architekturpsychologie in sehr ergiebigem Maße. Alle Mängel des neuen Gemeindehauses werden um so fühl- barer, als ihm gegenüber ein Kontorhaus von mustergültiger Sachlichkeit und wahrhaft bürgerlicher Gestalt steht: das neue Haus der V e r s i che rungfsges ellschaft„Nordstern". Man braucht nicht einmal der Meinung zu sein, daß der Architekt dieses bedeutsamen Blockes ein genialer Erfinder ist, und man wird dennoch zugeben müssen, daß er seine Aufgabe mit großem An- stand und mit erzogenem Gefühl vollbracht hat. Durch die Aus- runduug der Stirnseite und auch sonst durch den Rhythmus der Fenster und der starken horizontalen Etagenbänder weckt der Bau leise Erinnerung an das Kolosseum und andere Großbauten der römischen Zeit. Doch ist solch Erinnern frei von aller Peinlichkeit des �Historizismus; der Bau, wie ihn Mebes hinstellte, gehört durchaus zu unserer Zeit, schon darum, weil er(was vielleicht eine Schtväche ist) deutlich das Streben nach der Erfüllung einer ge- klärten Theorie, einer reinen Gesinnung und eines abgeklärten Geschmacks zeigt. Ohne Turm und frei von allem absichtlichen Aufwand wirkt dies Haus, das seine Eigenschaft als ein Nebenein- ander von Schreibstuben und Aktenkammern, von Zahlstellen und Sitzungssälen klar zum Ausdruck bringt, wesentlich repräsentativer, als das überflüssig lärmende Rathaus ihm gegenüber. Auch der innere Ausbau des Nordsternhauses ist durchaus vorbildlich, fach- tich und würdig. Mebes konnte hierbei seine besondere Begabung, durch gewandt angebrachte Einzelheiten gefällige Raumeindrücke zu schaffen, bewähren. Er hat sich, was sich recht viele Architekten zum Muster nehmen sollten, tüchtiger Helfer bedient, eines wirk- lich modernen, von der blöden Allegorie völlig freien und dekorativ phantasievollen Malers, des Mutzenbechers, eines(besonders für die Beleuchtungskörper) recht gewandten Bildhauers und des besten Bronzetechnikers von Berlin, des Richard L. F. Schulz. Wenn man aus dem obersten Geschoß hinausblickt, sieht man(dies Erlebnis soll nicht verschwiegen werden) ein Bauwerk, dessen Verwandtschaft mit dem Geist dieses Kontorhauses und dessen sieghafte Feindschaft gegen das neue Rathaus offenbar ist: den gigantischen Gasbehälter, den die Schönebergcr als Störenfried ihres Stadtbildes noch kürz- lich beseitigen wollten, der aber in der eisernen Energie seiner Vernunft bedingungslos das schönste Bauwerk Schönebcrgs genannt werden muß. Auch eine andere Groß-Berliner Gemeinde, Neukölln, hat in der allerletzten Zeit große Bauten fertiggestellt. Die Bade- a n st a l t ist noch von dem viel zu früh verstorbenen Kiehl geplant worden; man sieht an vielen Stellen des Baus die gewandte Hand dieses begabten Mcsselschülers. Leider machen sich daneben die Fehler seines Nachfolgers hier und da bemerkbar. So ist es zum Beispiel lächerlich, dieselben Figuren, die am Rathaus von Kiehl mit gutem Gefühl für die Mitwirkung des Hintergrunds und der Schatten aufgestellt worden sind, an der Badeanstalt als dünne, von der Luft verzehrte Striche in den leeren Raum sich verlieren zu sehen. Die fensterlose, lange Wand, auf der diese Figuren stehen, ist übrigens auch nicht gerade glücklich geraten. Im übrigen aber kann Neukölln auf seine Badeanstalt nur stolz sein. Die An- läge verdient als soziale und technische Organisation höchsten Ruhm. 1500 Personen können gleichzeitig die Anstalt benutzen; während eines Tages kann an 8— 10 000 Menschen ein Bad verabreicht werden. Alle technischen Einrichtungen sind vollkommen; die Schwimmhallen gehören zu den größten Deutschlands, die Vor- räume, die Einrichtungen für Dampfbäder und medizinische Bäder aller Art zeigen einen sehr berechtigten, aber dennoch überraschen- den Komfort. Es wurde nirgends an Material gespart, und es ist überall darauf geachtet worden, daß das Notwendige gefällig sei. Man braucht deshalb mit den architektonischen Nebenabsichten, so etwa mit den Säulenstcllungen in den Schwimmhallen und beson- ders mit der überkuppelten Halbnische in der für Männer nicht unbedingt einverstanden zu sein, man kann sich auch die römischen Anklänge, so etwa in den Beleuchtungskörpern, gut fortdenken; aber man wird unter allen Umständen die Gcsaintanlage dieses Volkshauses mit großem Respekt anerkennen müssen. Auch das Haus der Volksbibliothek, zu dem man durch den Tor- cingang der Badeanstalt, über einen gefälligen Hof hinweg, gc- langen kann, ist gut geraten; man möchte sagen: beste Hoffmann- schule. Einen anderen sehr beachtenswerten Bau haben die Neuköllner in dem' Haus für die B a u g e w e r k s ch u l e fertiggestellt. Die Außenarchitcktur, die über einem Sockel ans Tuff Backsteiue in einem horizontal betonten System zu einem archi- tektonisch sehr überzeugenden und freundlichen Bilde ordnet, wurde von dem Hachbauamt besorgt; die Möblierung der sehr hellen und außerordentlich übersichtlich disponierten Räume bestimmte der Direktor Peters mit klugem Geschmack. An der Vorderfront des Hauses stören die vertikal in die Pfeiler eingestellten Terra- kötten; sie unterbrechen überflüssig den Horizontaleindruck des Hausblocks; die Hoffassade zeigt deutlich, wie erfolgreich dieser Terrakottenschmuck hätte fortbleiben können. Es ist gern zuzu- geben, daß das Haus der Neuköllner Baugewerkschule in seiner Gesamtheit ein Lehrmittel zur Erziehung tüchtiger und empfind- samer Bauleute sein kann; das aber ist ungefähr das beste, was solch ein Schulbans zu leisten vermag. Die Neuköllner übrigens scheinen unersättlich zu sein. Sie arbeiten mit Hochdruck an dem neuen Körnerpark. Auch diese Anlage ist noch von Kiehl in ihren Grundzügen festgelegt worden. Wenn man sie als einen Notbehelf, als ein Mittel, irgendwie eine gefräßige Kiesgrube zu nutzen, betrachtet, kann man halbwegs zufrieden sein; trotzdem läßt sich nicht leugnen, daß solch ein Stadt- park für eine mir Kindern überreich gesegnete Gemeinde nicht not- wendig nach dem Vorbild repräsentativer Königsgärten mit Terrassen und Wasserspielen hätte angelegt werden müssen. Ein großer Rasenplatz und eine grüne Wandelhalle wären vielleicht richtiger gewesen. Die Wiederholung des Berliner Märchen- brunncns kann solchen Irrtum getviß auch nicht beseitigen. Aus dem westlichen Berlin ist die Fertigstellung der großen A u t o m o b i l h a l l e in der Nähe der Heerstraße zu notieren. Der in seinen Abmessungen ganz ungewöhnliche Körper erfüllt nicht dem Eindruck, den er unbedingt leisten müßte. Der Architekt hat sich merkwürdigerweise die Wirkung des großen Maßes cnt� gehen lassen; er hat durch fast übermäßig betonte Gliederung das langgereckte Dach aufgeteilt und hat es so nicht nur verkleinert. sondern auch beunruhigt. Der große Atem fehlt. Statt dessen wurden einige dekorälive Vorbauten und sehr unzulänglicher plastischer Schmuck hinzugefügt; ohne daß man einsehen kann, warum das geschehen mußte. Es ist zu hoffen, daß das halbe Gc- lingen dieser Halle für die Errichtung der geplanten Berliner Markthalle, der größten des Kontinents, eine Lehre sein wird. Für den Plan dieser Halle ist bereits ein Wettbewerb aus- geschrieben gewesen; es sind fünf Parteien aufgefordert worden, sich an dem Millionenobjekt zu erproben; darunter der junge Walter Koeppen, von dem man noch keine eigentliche Leistung ge- sehen hat, Hermann Jansen, den man bisher nur als führenden .Städtebauer kannte, und seltsamerweise auch Cremer u. Wolffen- stein, deren akademische Langweiligkeiten uns noch immer ge- ärgert haben. Wenn wir uns auch(wie es oben geschah) den Nach» teilen der allgemeinen Wettbewerbe nicht verschließen, so läßt sich doch nicht verschweigen, daß diese Nachteile bei dem hier geübten Verfahren fast in das Unerträgliche gesteigert worden sind. Es hätten notwendig die erfolgreichen Erbauer großer Hallen, Peter Behrens, der Breslauer Stadtbaumeister Berg und vor allem der gleichfalls in Breslau wohnende Poelzig, aufgefordert werden müssen. Ein freier Wettbewerb wäre trotz aller bekannten Ein- Ivände hier das gegebene gewesen. Wir werden jetzt sehr aur-u- passen haben, daß die neue Markthalle den guten Eindruck, den die städtischen Hochbauten Ludwig Hoffmanns dem gegenwärtigen Berlin sichern, nicht stören werde. Hoffmann braucht nicht zu. fürchten, daß die bedeutsame Leistung, die er uns bisher zuwies. durch eine architektonlich befriedigende Lösung der Markthalle bc- einflußt werden könnte. Wir hoffen auf einen guten Ausgang dieser Affäre. Dazu kann uns ein städtebaulicher Erfolg, wie ihn Ludwig Hoffmann eben erst Ivieder einbrachte, gewiß berechtigen. Durch Hoffmann beeinflußt, ist die neue H e d e m a n n st r a ß e, zwischen Wilhelmstraße und Friedrichstraßc, in einheitlicher Block- front unter Verwendung einer einzigen, sehr vernünftigen, gut durchgearbeiteten Haustype ausgebaut worden. Ein vortreffliches Beispiel, das selbst dein Halbblindcn zeigt, welche Kraft dem Stadtbild erworben werden könnte, wenn die Individualität der Fassaden durch eine städtische Bauregel endgültig beseitigt werden würde._ Robert Breuer, Srieft englifther Gsfizim. Aus Briefen englischer Offiziere werden im„Jonrnal de Genöve" ein paar allgemein interessierende Auszüge mitgeteilt. Ein Offizier der britischen Feldartillerie schreibt an seine Angehörigen: „Ich tvill versuchen, Euch ein richtiges Bild von unserem gc- wohnlichen Tagewerk zu geben. Wie stehen um 21/> Uhr morgens auf und trinken eine Tasse Kakao. Ilm 5 Uhr entfernen wir uns, um die in Tätigkeit befindlichen Geschütze zu besichtigen; wir unter- suchen auch die Fernsprechapparate und sehen, ob alles richtig funk- tionicrt. Um bVj Uhr gehen wir zurück zum Frühstück, das wirklich gut ist: Hafergrütze, Speck und Eier, Schinken und Eingemachtes — was will man mehr? Wenn wir mit dem Frühstück fertig sind, ist es schon so hell, daß wir mit dem Schießen beginnen können; der Hauptmann, der Adjutant und ich begeben uns nacheinander nach der Beobachtungsstation, um einen Ausblick auf die Stellungen zu gewinnen. In den Telephondrähtcn summt es wie in einem Wespennest: Berichte kommen und gehen zum und vom General, zu und von den Batterien. Ungefähr uin 11 Uhr läßt der Feind zum Zwecke der Beobachtung einen von einem Fesselballon beglei- tcten Drachen steigen. Das bedeutet immer den Ausbruch eines heftigen Feuers, und pfeifende„Willis" fliegen über unsere Köpfe. Gewöhnlich werden dann die Drähte unserer Fernsprechapparate zerrissen. Darauf begeben wir uns zum Mittagessen— eine Unterbrechung von ILL- bis IVi Uhr, die von beiden Seiten genau ein- gehalten wird. Ungefähr um 2'A Uhr werden von neuem Berichte gegeben, worauf unsererseits eine Tätigkeit bis zur Teestunde ein- setzt. Für den Tee bewilligt man uns nur eine kurze Jßausc, und darauf sagen uns die über uns dahinsausenden„Willis" durch drei Kanonensalven rasch noch„Gute Nacht!" Darauf begeben wir uns nach dem Dorfe, um uns mit Speise und Trank zu versorgen. Wir nehmen ein kräftiges Nachtessen ein und gehen schlafen.� Ab- gesehen von dem verkürzten Schlaf geht es uns ganz gut.. Aus dem Brief eines Offiziers einer H a u b i tz e n ba t t e r i e: „Was die Größe der Gefahr, der wir ausgesetzt sind, betrifft, so halte ich dafür, daß von allen kämpfenden Truppen der Kanonier 78j Ueberfluß. Von Martin Andersen Nexö. ,,Na," sagte der Arzt und erhob sich,„wir müssen Wohl nach Hause, Sörensen! Aha, ein neues Buch— Doktor- Pascal. Ein gutes Buch übrigens, namentlich das eine, daß der Arzt nicht heilen, sondern nur Schmerzen stillen will,— um nicht störend in die Natur einzugreifen. Wissen Sic was, das ist wahrhaftig genial; man kann es wohl den Höhe- Punkt der Lebensauffassung nennen, bis zu dem Grade in der Allnatur aufzugehn, daß man nicht die großen Lebens- gcsctze durchqueren will, selbst wenn vielleicht dadurch ein Mensch gerettet werden könnte. Ich bin übrigens in meinen jungen Tagen selbst zu einem ähnlichen Resultat gelangt— damals, als man sich damit abgab, über die Dinge nachzu- denken. Aber Theorie und Praxis ist natürlich zweierlei." �„Verflucht nochmal, man darf also die Leute nicht mehr kurieren?" fragte Sörensen erstaunt.„Sagen wir, es käme ein Schiff, aus dem Pocken oder Cholera herrschten, hier in den Hafen... sollen wir dann nicht einmal die Besatzung absperren dürfen? Sie soll wohl zwischen uns Herumgehn und uns allesamt anstecken? Und dann sollen wir still- liegen und es drauf ankoinmen lassen, ob die— wie hieß das doch?— die Allnatur uns gestattet, zu krepieren oder nicht? Ja, das ist wirklich eine allerliebste Moral für einen Arzt!" „Aber Sie sind ja komplett unmöglich. Mensch! Sie fassen die Frage zu plump an," sagte der Arzt und zuckte ungeduldig minder einen Achsel. Karl lachte Sörensen bei- fällig zu, die Sache ergötzte ihn. „Ich kann auch feiner zufassen." erwiderte Sörensen, durch den Beifall übermütig gemacht.„Denn glauben Sie vielleicht, ich als alter Bauer wüßte nicht, daß die Tiere> uch Schinerz empfinden, wenn zum Beispiel ein Pferd sich an einem�Stacheldrabtzaun den Schenkel halb durchschneidet? Also Schmerz gehört wohl mit zur Natur. Der Sohn des Apothekers, dem ein Apfelsinenkern in den Blinddarm ge- drungen war, wäre gewiß krepiert, wenn er nickst hinübergefahren wäre und sich hätte operieren lassen.. Aber es ge- hört vielleicht auch mit zur Natur, Aptelsinenkerne im Blind- darm zu haben?" Er blickte sich fragend um. Bauder und seine Wirtin hatten hell aufgelacht, der Arzt sah zuerst verdrießlich aus, stimmte dann aber mit ein. Sörensen selber lachte, daß es in ihn: kochte, und begann von neuem:„Oder,.um ein anderes Beispiel zu nehmen, wollen wir sagen, ich sähe einen Betrunkenen an der Erde liegen, der in Gefahr wäre, zu erfrieren. Wollen Sie vielleicht auch verlangen—" Doch der Arzt hielt sich die Ohren zu.„Brr, hören Sie doch auf, ich ergebe mich!" schrie er und stanipfte auf den Boden. Er sah Bauder vielsagend an und schüttelte den Kopf. „Ich gebe Sörensen vollständig recht," sagte dieser mit unerschütterlichem Ernst. „Da sieht uian'S! Der arme Zola muß froh sein, daß er nicht hier ist.— Aber was ich sagen wollte, vorgestern hatten Sic das Buch noch gar nicht, und jetzt haben Sie es ungefähr schon aus, das geht wahrhaftig nicht. Sie ver- schlingen so ein Buch ja an einem Tage— tut er das nicht, Dortea Hansen?" „Gewiß, ungefähr. Ich schelte deswegen auch jeden Tag niit ihm." „Glauben Sie, daß es gut für einen ist, der zu Kräften kommen soll, vom Morgen bis zum Abend Gehirn und Augen anzustrengen? Sic lesen ja geradezu leidenschaftlich, Mann!" „Herrgott, eine Leidenschaft muß man doch haben," sagte Lkarl und lachte jämmerlich. „Ja, das ist wahr," meinte Sörensen.„Und mit Be- zug auf Herrn Bauder, der weder trinkt noch raucht, noch sich etwas aus Liebeleien macht, finde ich—" „Nun schweigen Sie mal hübsch still, er ist schon unter Ihrem verderblichen Einfluß." meinte der Arzt halb scher- zcnd.„Und bedenken Sie," wandte er sich ernst an den Patienten,„daß es sich um ein Mindestmaß von Kräften handelt; vorläufig haben Sie nichts zu verschwenden. Später können Sie ja trinken, rauchen und Liebeleien mit- machen, wenn es Ihnen gefällt.— Und nun gehen wir, Sie auch, Dortea Hansen, damit der Patient sich nach all dem Gerede ein bißchen Ruhe gönnen kann." Als sie fort waren, saß Karl aufgerichtet im Bett und schaute über das Land hin. Die Sonne war soeben unter- gegangen, und ans den Höhen leuchtete der Schnee mit schwachem Rosenglanz, unten in den Niederungen war er blau von dem tiefen Himmel. Die 5lnaben waren nach Hause gegangen, und es war jetzt draußen auf der Schlitten- bahn ganz still. Er wollte sich hinlegen, als er zwei Ge- stalten erblickte, die sich die Schneefläche hinanbewegten: es sah aus, als hätten sie einander bei der Hand gefaßt. Sie hoben sich sonderbar groß in der Dämmerung von dem leuch- tenden Schnee ab; aber als sie oben gegen den Himmel zu stehen kamen, erkannte er sie: es waren Aage Sörensen und Else. Sie zogen einen Schlitten hinter sich her und spielten, versuchten, einander den Strick zu entreißen, und waren wie zwei Kinder. Als sie ganz oben angelangt waren, setzte Aage sich rücklings auf den Schlitten, die Absätze in der Luft; Else nahm auf seinem Schoß Platz, und sie sausten hinab. Sie verschmolzen, verschmolzen ganz, wie zwei, die eine Einheit bildeten, und tief unten bog der Schlitten zur Seite und fiel um. Im Halbdunkel kletterten sie da unten uinher wie plumpe Schatten gegen den tveißen Schnee, wie Bären, die auf allen Vieren herumtollten und einander umwarfen und sich einen Augenblick auf zwei Beinen aufrichteten, um sofort wieder hinzufallen. Schließlich standen sie wieder, und er hörte sie ins Haus gehen, schwatzend und lachend. Immer noch starrte er hinaus, rein mechanisch, und seine Gedanken beschäftigten sich mit kalter Polemik. �Sich gegen die Natur vergehen, durch tätiges Eingreifen! Schien denn nicht die Sonn» aus die Erde, fraßen die Tiere nicht einander und zeugten neue, betätigte sich � nicht selbst der kleinste Bazillus und griff umbildend ein? Das andre hieß ja schlechtweg Tod auf der Erde predigen! Dumm, dumm, dumm—' diese Menschen, die sich immer von der übrigen Welt trennen und eine Sonderstellung einnehmen wollten! Bedeutungsloses Gewürm, das bedeutungsloseste von allem in der Welt— und dann voller Angst, das Ganze zu stören! Eine Laus, die Furcht hatte, sich zu regen, weil sie eine Dreschmaschine anhalten könnte— fröhlicher Wahnsinn! Und unter dem Vorwande, sich mit der Natur eins zu fühlen! Als ob das nickst gerade bedeuten mußte, in allen Punkten einzugreifen, sich einzumischen mit Haß und Miß- gunst, Brunst und Heiligkeit, Freidenkersanatismus und kleinlicher Spießbürgerlichkeit. Alles mußte mitwirken: das Schlechte und seine Bekämpfung, das Gute und seine Be- kämpsung, Krankheit und Tod— sowie der Kampf gegen siel Alles war gleich wertvoll für die Gesamtheit; derjenige, der etwas davon ausschloß, er übte Gewalt! Karl fühlte blitzartig, daß dies der Gipfel einer Lebens- anschauung war, höher hinauf konnte kein Mensch gelangen, und nicht einmal da oben konnte einer sich lange halten. Dann verlor er selbst den Gesichtspunkt und glitt in einen halbschlafähnlichen Zustand' hinüber, in dem er alles hörte, was im Hause vorging, aber sich nicht klar über irgendetwas wurde. So lag er da. als es leicht an die Tür klopfte und Else mit der Lampe eintrat. Sie trug ein weißes Kleid mit Lilabesatz, ihre Wangen 'einer Haubitzenvatterie den am wenigsten gcfästrliKen Posten stai, mit einer einzigen Ausnahme, und das ist das ftiegectorps, das 5>oeifelioS in Friedenszeiten den gefährlichsten, im Kriege aber den jichcisteu'stliil;. hat, da die in Friedenszcitxu für diese Abtei- lung destebenden tstefahren durch den Krieg in keiner Weise der- »lebet werden. iHiic.vwiiMhc hat eine größere Schußweite als eine gewöhnliche Feidkanone und kann über einen steilen Hügel schießen; daber tommt es oft twr, daß mir uns hinter eiller steilen Antsöhe befinden, in einer Entfernung von drei bis vier Meilen von der nächsten Geschiitzsteltung des Feindes und vollständig außerhalb der Schnßlveite seiner Infanterie. Ich befand mich über einen Monat im Kampfe, bevor ich einen wirtlichen lebendigen Teutschen zil Gesicht bekam, lind das war das erste Mal seit Beginn des Krieges! Tie Offiziere allerdings laufe» etwas mehr Gefahr als die Be- dieiinngsniailnschaften der Haubitzen, locil lvir uns ab und zu au Stelleil begeben, in welche die Kanoniere nicht gehen... Ich denke, daß ich eines Tages, als ich mich in die Laufgräben der Infanterie begab, einer weit größeren Gefahr ausgesetzt war als während der ganzen übrigen ißeit...." Mitteilungen eines Schiffsoffiziers:„Hier bin ich mit einer Priseiininnuschaft und führe das Kommando über dieses Schiff, das ich nach einem gewissen Hafen verbringe. Ter Kapitän und die deutsche Mannschaft haben sich zu allem ganz ruhig gestellt, und ich und die Seekadetten, die ich bei mir ltabe, speisen mit dem Kapitän im Salon, statt uns auf der Kommaudobrücke zusammen- gedrängt zn finden, was uns beschieden geivesen wäre, wenn die Ten llchen sich herausfordernd benommen hätten. Es ist ein großes Schiff, das bloß Waren führt, aber für seine Offiziere sehr be- aueme Räumlichkeiten bat und in jeder Beziehung gut ausgestattet iit. Es lvar für uns eine schwere Aufgabe, mit unseren Heizern die Maschinen zn übernehmen und damit zu arbeiten, ohne daß wir ßeit gehabt hatten, uns mit dem ganzen Betriebe vertraut zu machen. Ich bin froh, daß man mir seinerzeit Kenntnisse des In- gcnieurwesens lwigebmcht hat, da ich bloß einen Biaschinisten zur Verfügung habe. Alles gebt ganz leidlich, nur können wir nicht mehr als sechs Seemeilen Geschwindigkeit erreichen..... Der deutsche Kapitän ist sehr nett und spricht Englisch. Wir sprechen über den Krieg und alles, was damit zusammenhängt. Er ist sehr niedergeschlagen, denn er hat Frau und Kinder in Deutschland. Die Schiffsgcsellschaft gibt seiner Frau die Hälfte seines Gehaltes, und er hofft, daß auch jetzt, Ivo sein Schiff in Beschlag genommen worden ist, diese Zahlungen nicht eingestellt werden werden... Nochmals: Kartoffelbau auf Sau- gelänöe. Zu dem Artikel„Ter Laubenkolonist" in der gestrigen Nummer wird uns von der BerlincrGeworkschaftskom Mission folgeuds geschrieben:...... So sehr schätzenswert die sachlichen Ratschläge sind, so sind die Ausführungen an einer Stelle doch geeignet, Widerspruch herauszufordern, um Irrtümer und falsche Auffassungen zn vermeiden. Hd. spricht im dritten Satz von vielen Kolonisten, die angeblich irregeleitet Ivordcu sind durch eine Propaganda in der Tages- presse für den Kartoffclanbau auf O edland. Der Verfasser spricht weiter von 6lll)0 Morgen, die in Groß-Berlin gedüngt und bestellt werden sollen. In Wirklichkeit ist niemals von 6000, sondern nur von 6000 Morgen die Oiede gewesen. Tie vorgestern im„Vorwärts" gemachten Ausführungen zu derselben Sache weisen auch bereits darauf hin, daß von den 6000 Morgen nur zirka 1000 Mor- geu bon den landivirtschafuichen Sachverständigen als für den Au- bau von Kartoffeln gebrauchsfähig befunden worden sind, u m von vornherein jeden Schaden für die I n t e r- e s s e n t e n auszuschließen. Ter Verfasser sucht schließlich den Anschein zu erwecken bzw. müssen seine Ausführungen dahin gefolgert werden, daß das von der Genossenschaft für Verwertung von Baugelände ins Leben gerufene Unternehmen das Werk einiger Dilettanten auf diesem Gc- biete sei. Denn er spricht davon, daß die Gesellschafl, welche das Land bestelle, ja ihre Selpslkosten wiedererhalte, also nichts ver- liere. höchstens köniiten dies die Kolonisten, und cS wird im An- Muß daran von ihm die Ansicht ausgesprochen, die Kolonisten würdeii die Geleimten sein. Wäre die Sache so leichtsinnig angefangen, so wären die daran Beteiligten allerdings Prügel wert. Dem ist indessen nicht so. Was zunächst die Bodenverhältnisse anveirisst, so ist, um cö zn wieder holen, nur solcher Boden zur Bearbeitung zugelassen, der landwirt lchaftlich eiulvandfrei ist. Richtig ist, daß auch dieser Boden enier besonderen Bearbeitung bedarf. Darauf ist auch entsprechend Zilie!- ficht bei der Düilgung genommen, um einen Ausgleich in der Frucht- barkeit des Bodens herbeizuführe». Der in Gebrauch zu nehmende oder genommene Boden ist je nach seiner Besclmffenheit mit gutem brauchbarem kurzeui Dünger, Ehilisalpeter, Thoiilasmehl inib Am- »wniak versehen. Ta dem Verfasser die. Kemitnis der Organisation des Uilternehuiens anscheinend fehlt, so darf darauf hingewiesen werden, daß die gemeinnützige Genossenschaft mit dem eingetragenen Genossenschaftskapital von zirta 400 WO M. in derselben Höbe auch das Risiko eines eventuellen Defizits trägt, ohne daß daran die Kolvinstcn beteiligt sind. Bei diesen ist jede Rachschußpflicht aus- geschlossen. Schon aus diesen Grüiiden lvar cS nötig, bei der Durch- sühnnig des Projektes vorsichtig zu Werke zu gehen. Würden die Kolonisten bezüglich de- Bearbeitens, des Düngens und der� Einsaat lediglich aus sich selbst angewieseli sein, so hätte JIJ. recht. Es ist vorgestern bereits darauf hiiigewiesen, daß leider durch die bürgerliche Presse alles mögliche und vieles sich widersprechende an Nachrichten über dieses Unternehmen in oie Welt gesetzt worden ist. Diesen falschen Darstellungen scheint auch der Verfasser IM. zum Opfer gefallen zu sein. Zdöiöplle in Galizien. Ein Trainoffizier schreibt der Wiener„N. Fr. Presse":„Der erste.-lag des Frühlings, des von uns langersehnten, ist erschienen mit einem sonnigblauen Himmel, und zugleich für mich der erste Rasttag seit vier Wochen. Ich sitze hier in einem Salon einer uartier konzer- ..»...---------.....,—,—--------- in ausgedehntem Maße zn studieren. Nur wenn der Lärm zn groß wird, laugt eines der drei amoesenden Weiber eine lange Stange her- vor, uiit der sie nach dem Kopfe des schreienden Lieblings schlägt, worauf dieser eine Zeitlang aus dem Orchester ausscheidet. Es ist übrigens wunderbar, in wie großartiger Weise das Problem der Rauinausnützung hier gelöst ist. Diese Stube beherbergt nämlich außer den genanuteu 15 Personen und meiner Wenigkeit noch einen würdigen Mummelgreis, ferner einen Jüngling, welcher der Be- ioeglichkeit seiner Glieder beraubt ist, und ein altes, an Asthma leidendes Mütterchen, schließlich find noch mein Kadett, mein Tierarzt, tüuf meiner Unteroffiziere und zwei Offizier-diencr auf ausgebreitetem Stroh lagernd. Tic Familie beirachtet uns mit unterwürfigen, demütigen, aber feindlichen Blicken, was begreiflich ist, wenn Fremdlinge das traute Heim verunzieren. Uebrigens sind wir nicht die einzigen Insassen, denn mangels der hier bereits fehlenden Großviehzucht «lAl 1 h»■»/> V.rn/'ta f Vli»! I'j I,.,>, glühten vor Freude und Schain darüber, daß sie so allerliebst lvar.„Bitte schön." sagte sie und setzte die Lampe auf den Tisch, dann blieb sie stehen und sab ihn erwartnngsboll- lüchelnd anj sie lvar nicht mehr schell ihm gegeniiber. Er blinzelte dem Licht entgegen und sagte nichts, sondern starrte blaß auf ihre liebe Gestalt.„Findest Du nnch nicht hübsch?" fragte sie endlich halb ungeduldig. „Gelviß, Du bist ganz allerliebst— und Du freust Dich glich, das kann ich Dir ansehen." Sie nickte nachdenklich. „Es ist ja auch wunderschön— wunderschön. Gehen, bloß gehen! lind die frische Luft— und die Kältel Und dann die Lichter drinnen-- und die Freude-- und die vielen Menschen um einen. Musik— und Betäubung im Blut! Und glänzende, gierige Augen, die sich an jeder Deiner Bewegungen berauschen! Singt es denn nicht in Dir vor Glück?" Er sprach leise, in abgebrochenen Sätzen, mit geschlossenen Augen. Dann öffnete er die Augen und sah sie an— mit demütigem Lächeln. Eine Woge schmerzliche» Mitleids durchfuhr sie. sie legte die Hand ans seine Stirn, beugte sich nieder und küßte ihn. Dann eilte sie hinaus, und er hörte sie weinen. Fünf Minuten später aber klang ihr Lachen von unten herauf. Er lächelte, alt und weise, und nahm das Büch, um es auszulesen. 31. „Du kannst ja nicht denken!" „Für meinen Bedarf immer genug." „Bedarf— ja, denn Du hast nicht einmal einen Wunsch mehr. Darin unterscheiden sich doch sonst die Menschen von den Tieren." „Ach ja!"- „Du bist schlecht und recht ein Tier; mit ausgezeich- neteil Instinkten— Gott behüte, aber ohne Intelligenz." „Auch einberstauden." „Fühlst Du nie den Drang, einen anderen Kopf, zum Beispiel meinen, auf Deinem Rumpf zu haben?" „Wozu iu aller Welt sollte ich den gebrauchen?" „Wohl zum Denken,— aber Du lveißt ja nicht einmal, ioas das ist? Weißt Du auch, was die Folge sein würde, wenn Tu einen ordentlichen Kopf hättest? Daß Dein Körper einschrumpsen, Teilte Kräfte schwinden loürden: weil das Gehirn die tierische Kraft überflüssig macht und die Natur alles Ueberslüssige abschafft. Allein Dein Körper kennzeichnet Dich als Jdioteu;' aber ich werde es niemandem sagen, darum brauchst Du nicht erschrocken auszusehen." (Forts, folgt.) Geschrei imb Gegocker, wobei sie allenthalben Spuren der Auf- reguug, die in diesen harten Zeiten auch unter dem Hühuervolk herrscht, zurücklassen. Auch andere, ruhige, stille Tiere werden hier in ausgedehntem Maße gezüchtet, die md: ärgere als die bereits geschilderten Gewissensbisse hervorrufe», und manches naturhisto- rische Kabinett könnte nuS um die Anzahl der Varietäten beneiden, die hier ihren Existenzkampf ausfechteu. Es gibt da kleine und große, weiße, rote, schwarze, grauliche und grüne Arten, weiße mit roten Punkten und rote mit schwarzen Punkten, gehörnte und un- gehörnte, solche, weiche stolz allein ein Revier beherrschen und solche, welche die Geselligkeit lieben, jene, die nach den Kleidern, jene, die nach dgm Kopfe, andere, die nach der Haut und solche, die nach dem Geizhals benannt sind, schließlich jene, die der Benennung noch liarreu, ungezählt. lind dennoch bin ich froh, dieses reizende Quartier gefunden zu baden, denn schließlich ist man über Nacht unter Tuch, und Fröste bis— 60 Grad waren jetzt hier in den Karpathen leine Seltenheit. Seien Auge, Ohr und Nase noch so empört, der übrige Körper tommt zu seinem Rcäü. Wir haben denn auch den Winter gut vertragen, und meine Maimsämst ist gottlob gesund und bei guter Laune. Ich habe hier ein Oesterreich im Kleinen, denn unter meinem Kommando stehen derzeit 6 Niederösterreicher, 16 Steirer, 5 Slowenen, 3 Mährer, 3 Tschechen, 66 Kärtner, 55 Ruthenen, 31 Polen, o Rumäneii, 3 Serbokroale», 3 Türken, l Italiener, 6 Ungarn, 3 siebenbürger Sachsen und 7 Slowake». Sie vertragen sich übrigens ausgezeichnet und befolgen meine Befehle vori restlich unter einem aus einer Seite ungedeckten Schuppen. Ich muß auch mit dieser Bequarlierung zufrieden sein, denn das Torf ist stark typhus- und cholcruverseucht und daher sind nur wenige Häuser beziehbar. Auch ist es stark von unseren deutschen Bundes- genossen belegt, doch sind bereit» viele. Baracken für längere Zeil hier logierende Truppen gebaut. Bald wird es jedoch mit dieser Misere ein Ende haben, denn meine Professionisten verfertigen mir ein tragbare» Zelt, da» zur Verwendung gelangt, sobald der Frühling kommt. Doch halt, er ist ja schon da und hoffentlich kann das Kampieren im Freien bald beginnen." kleines Feuilleton.. Die Wirtshausstrategie im alten Rom. In keinem Kriege Hai es bisher noch an redseligen Spießbürgern gefehlt, die alleö besser wissen als die Heeresleitung, die in der Kneipe das große Wort führen und von der Höhe ihrer unfehlbaren Erkenntnis die Kriegslage besprechen und die Maßnahmen der Feld- Herren zumeist in Grund und Boden verurteilen. Daß aber bereits im alten Rom diese Äibitze beim Spiel der straiegischen Kräfte das große Wort führten, beweist un» das Beiipiel des römischen Feldherrn AemiliuS Paullus, der während seines zweiten Kon- sulat» vom Jahre 177 bis 168 vor Christi gegen den mazedonischen König � PerseuS Krieg führte und diesen am 33. Juni 168 in der Schlacht bei Phdna entscheidend schlug, wobei er so reiche Beute mit nach Hause brachte, daß seitdem die Steuern der römitchen Bürger in Fortfall kamen. Die bösen Erfahrungen, die Aemilius Paullus mit den Zivilstrategen gemacht hatte, ließen cS ihm angezeigt erscheinen, bevor er ins Feld rückte, die Bürger Roms um sich zu versammeln und ihnen eine Rede zu halten, die nach den Mitteilungen de» Titus Livius folgenden Wortlaut hatte: „Wenn ich dein Senat und Euch schriftliche Berichie vom Kriegsschauplatz zugehen lassen werde, so sollt Ihr dielen Glauben schenken. Hüiet Euch wohl, durch Eure Leichtgläubigkeit die Gerückte und die Schwatzereien von unbekannten Personen, für deren Wahrheil niemand verannvortlich ist, zu unterstützen. Bei allen Gelagen und sonstigen Zusammenkünften finden sich stelS Personen, die Euch haarscharf beweisen, wie die Legionen in Mazedonien geführt werden müßten, welche Punkte die besten zur Anlage von Lagerplätzen und welche Flußiibergänge am leichtesten passierbar sind. Die Leuie lassen sich aber nicht daran genug sein, all' das zu ordnen und festzustellen, wie und was gemacht werden soll, nein, sie nehmen auch jede An- vrdnung der Heeresleitung zum Anlaß, den Befehlshaber mit ihren Anklagen zu überhäufen. Diese Menschensorte schaff! dem Feldherrn viel Verdrießlichkeiten und hindert ihn, denn nicht alle sind so charaktertest und unbeeinflußbar wie QuintuS FabiuS(der„Cuneta- lor"j, der die Leute ruhig reden ließ und trotz ihrem Geschwätz alles so machte, wie er eS für gut und nötig fand." Das große