nt-so-mä Nnterhaltungsblatt öes Vorwärts Nawrwijlensthastliche Süchersthau. Seit wir das letztemal eine Umschau über die Neuerscheinung- gen auf dem naturwisienschaftlichen Büchermarkt hielten, sind viele Monate verflossen. Durch den Ausbruch des Krieges hatte das all- gemeine Denken plötzlich eine so andere Wendung genommen, dah dahinter alle anderen Interessen zurücktraten. Wer dachte noch an Literatur, Kunst, Wissenschaft? Das sprach sich auch sofort auf dem Büchermarkt aus, und wie im gesamten Wirtschaftsleben dedeutet der 2. August 1914 auch für die Hochflut der literarischen und wirtschaftlichen Erscheinungen zunächst einen Stillstand, dann einen Wendepunkt. Erst war es die Kriegskarte, die die Schau- fenstcr und Läden der Sortimenter füllte; dann folgte eine wahre Sintflut von mehr, meistens leider weniger wertvollen Kriegs- schnften, die, vom Tage geboren, mit dem Tage auch wieder ver- gehen. Doch auf die Dauer läßt sich eine derartige Einschränkung des geistigen Lebens nicht ertragen, und so regt sich— obwohl das Emde des Krieges noch nicht abzusehen ist— doch überall erneut das Juteresse an all den Fragen, die vorher unseren Geist be- schäftigten. Auf die Aktion folgt die Reaktion, diesmal aber eine gesunde und wertvolle Reaktion; denn nichts hilft uns ja besser über die Schwere der Zeit hinweg als die Beschäftigung mit guten Büchern, seien sie literarischen oder wissenschaftlichen Inhalts. Wir müssen in unserer Ucbersicht etwas zurückgreifen, da gerade in den Monaten vor Ausbruch des Krieges eine Reihe wichtiger Werke erschienen sind, die wir noch nicht gewürdigt haben. An erster Stelle ist hier die Neuauflage von Brehms Tierleben, von dem gegenwärtig bereits 9 Bände vorliegen, zu nennen. Die Abteilung.Vögel", die nach den hinterlassenen Vorarbeiten des leider zu früh verstorbenen William Marshall— seine„Spaziergänge eines Naturforschers" haben ihn ja den weitesten Kreisen zu einem lieben Freunde gemacht— von F. Hempelmann und dem Herausgeber gemeinsam bearbeitet ist, liegt in 4 Bänden voll- ständig vor. Als eine sehr wertvolle Bereicherung muß bei der neuen Auflage die Hinzufügung eines allgemeinen einleitenden Teiles bezeichnet werden:.Blick auf den Bau und das Leben der Gesamtheit", in dem— unterstützt durch ein ausgezeichnetes Ab- bildungsmaterial— die allgemeinen biologischen Verhältnisse, die Entwickelungsgeschichte, die Stammesgeschichte, die Anatomie und die Psychologie der betreffenden Gruppen geschildert werden. Ueberhaupt verdient die illustrative Ausstattung dieser Bände, die mit einer Reihe neuer Farbentafeln, hauptsächlich von W. Kuhnerts Künstl erHand, sowie mit zahlreichen photographischen Naturauf- nahmen geschmückt sind, höchste Anerkennung. Die textliche Vc- arbcitung kann leider nicht in gleicher Weise als gelungen be- zeichnet werden. Vor allen Dingen haben sich zahlreiche Un- gcnauigkeiten und Widersprüche, namentlich in bezug auf Zahlen- angaben bei dem Brutgeschäft, usw. eingeschlichen. Sehr zu begrüßen ist dagegen das gerade in diesen Banden hervortretende Bestreben, die in dem alten Brehm in so großer Fülle vorhandenen nuwissenschaftlichen„Tiergeschichten" auszumerzen und an ihre Stelle die durch die spätere tierpsychologische Forschung erhärteten, exakten Beobachtungen über das Leben und Treiben und die gei- stigen Fähigkeiten der Vogelwelt zu setzen. Bei aller Kritik im einzelnen muß man überhaupt die große Arbeit in der Bewältigung und Verwertung der in dem fast zwanzigjährigen Zeitabschnitt, der zwischen der letzten und dieser Auflage liegt, erschienenen wissenschaftlichen Literatur anerkennen und bewundern. Eine außerordentlich sachkundige und sorgfältige Bearbeitung hat uns Franz Werner in Wien in den beiden die„Lurche und die Kriechtiere" umfassenden Bänden beschert, von denen der erste die Lurche und von den Kriechtieren die Brücken- cchscn, Schildkröten und Panzerechsen, der zweite die Schuppen- kriechtiere, mit anderen Worten: Eidechsen, Wurmzüngler und Schlangen umfaßt. Auch in diesen Bänden fallen einem die wundervollen Naturaufnahmen und die zum größten Teil gut gelungenen Schwarz- und Farbentafeln auf. Von weiteren Ab- teilungen ist endlich noch der von Viktor Franz und Otto Steche bearbeitete Band„Fische" erschienen, und in der Bearbeitung von Ludwig Heck und Max Hilzheimer die beiden ersten Bände der Abteilung„Säugetiere". Man konnte für die Äugetiere schwerlich einen geeigneteren Bearbeiter finden als Ludwig Heck, den Direktor des Berliner Zoo, dessen zwanzig- so] Uebersiuß. Von Martin Andersen Nexö. Aber eines Tages entblößte Mutter Erde drüben auf den Hügeln ihren Busen ein ganz klein wenig. Und das Erdreich sprang hier und da über das Land hervor, die Flecke dehnten sich aus und liefen auf den Höhen zusammen, eroberten die Böschungen und drangen abwärts vor. Das kalte, weiße Leichentuch wurde stockfleckig, verwitterte und verschwand; und wo es gelegen hatte, sah man einen schwachen grünlichen Schein, während die nackten Bäume schwarze Perlenreihen gegen die blaue Luft zur Schau trugen. Der Engel des Frühlings hatte den Stein vom Grabe gewälzt und hinein- gerufen, und das Leben, das ewige, regte und rüstete sich— zum großen Auferstehungstage des Fleisches. Was jetzt noch vom Schnee übrig war, das war schmutzig, mit Erde und Dreck vermischt, als wollte es der Sonne einen Possen spielen, indem es die Farbe der Erde annahm. Es kämpfte, solange es ging, hielt sich nördlich von allem, kroch unter Büsche, Hänge und Waldesränder hinein, versteckte sich unter Brücken und Steinsärgen. Aus dem Wege draußen hielt der Schnee sich am läng- sten. Er lag aufgeschichtet zu beiden Seiten, und in der Mitte der Fahrbahn lief ein hartnäckiger Strom zur Stadt hin, schnitt den Schnee los und machte unterwegs Brei daraus, schuf den Brei zu Wasser um und riß es mit sich fort. Die Fußgänger mußten den Weg übers Feld nehmen, und strahlenförmig spritzte der Schmutz um die Fuhrwerke auf, so daß sie an kleine Raddampfer erinnerten. Mutter Erde hielt Frühlingswäsche. Sie verschwendete das Wasser in übermütiger Freude, es war keine trockene Stelle an ihr. Es rann von allen Höhen hinab, sprang aus dem aufgetauten Grunde, folgte Gräben und Niederungen, wurde aufgehalten und stiftete auf den Wegen Ueberschwem- mungen an, kam unten aus den Drainröhren unter den Saat- feldern und bildete kleine Seen, sprengte plötzlich alle Hinder- nisse oder fand neue Schleichwege, leckte die Wiesen rein, füllte die Ackerfurchen mit feinem Schlamm, tropfte, rieselte und rann,— bis es den Fjord erreichte. Und die Erde, die millionenmal geboren hatte, entstieg dem Bade, funkelnd und unbefleckt; sie streckte sich unter dem lichten Himmel, lebenswarm, unberührt und empfänglich wie nie. Und die Sonne beschien sie, tagaus, tagein; niemals hatte Karl so wundervollen Sonnenschein gekannt. Sie glitt am Himmel hin wie ein gewaltiges, glühendes Herz, dessen Pulsschlag die ganze Welt erfüllte und im feinsten Roggen- keim klopfte. Jeder Tag brachte ein Stelldichein zwischen der ausgestreckten, gierigen Erde und dem gewaltigen, jährige Tätigkeit als Tiergärtner ihm eine auf direkter Beobachtung ruhende Erfahrung, speziell auf dem Gebiete der Säugetierkunde, verschafft hat, wie sie sonst wohl kaum jemand befitzt. Daneben verfügt Heck über eine glänzende Darstellungsgabe, so daß die Lektüre gerade dieser Bände für jeden Naturfteund eine Quelle reinen Genusses bildet. Der Preis der einzelnes Bände beträgt in elegantem und geschmackvollem Halbfranzband 12 M., was in Hinsicht auf die reiche illustrative Ausstattung nicht zu hoch gegriffen sckeint. So ist zu hoffen, daß der„Brehm" auch in seiner neuen Bearbeitung das alte liebenswerte Volksbuch bleibt, das er seit einem halben Jahrhundert war. Eine zweite literarische bedeutsame Erscheinung, die inzwischen fertig vorliegt, ist das groß angelegte Werk von den Professoren Richard Hesse und Franz Doflein:„Tierbau und Tierleben"(2 Bände geb. a 20 M., Verlag von B. G. Teubner, Leipzig). Bereits bei Besprechung des ersten, von Richard Hesse bearbeiteten Bandes im Jahre 1910 sind wir ausführlich auf den gesamten Plan zu sprechen gekommen; heute möchten wir nur soviel im allgemeinen sagen, daß dieses Werk zweifellos das beste Hilfsmittel ist, um sich als Laie wirklich gediegene biologische Kenntnisse zu erwerben. Die darstellerischen Fehler, die wir neben den großen Vorzügen beim ersten Bande zu rügen gezwungen waren, daß sich nämlich der Verfasser nicht immer ganz klar über sein Lcscpublikum war, und daß demzufolge im besten Sinne populäre Kapitel mit Abschnitten abwechseln, die nur für den Fach- mann von Interesse und verständlich sind— dieser Fehler ist in dem jetzt vorliegenden 2. Bande„Das Tier als Glied des Naturganzen" von Doflein auf das glücklichste vermieden worden. Schon in seinen prächtigen„Ostesienfahrten" hat sich Doflein als ausgezeichneter Schildcrer bekannt gemacht und die Vorzüge seiner Darstellungsgabe treten in diesem Werke noch mehr hervor. Gerechterweise muß man freilich auch anerkennen, daß der Stoff dieses 2. Bandes in sich weit anregender und leichter dem Verständnis nahezubringen ist, als die von Hesse im 1. Bande behandelten, im wesentlichen anatomischen und physiologischen Tat- fachen. In dem ersten Kapitel werden die Lebensgemeinschaften— oder wie der von Möbius geprägte wissenschaftliche Ausdruck lautet: die„Biocönosen"— behandelt. Man versteht darunter die Gesamt- heit aller Organismen,„welche an dem Ort, an welchem sie vor- kommen, alle Bedingungen für ihre Entstehung und Erhaltung finden". Das 2. Kapitel umfaßt die Ernährungsbiologie. Hier finden wir die interessanten Erscheinungen der Symbiose, der «chrwecie, des Parcssitismus usw. In dem 3. Kapitel:„Organismen als Feinde der Tiere" werden die zahlreichen Schutzanpassungen, die einerseits den Tieren die Erlangung ihrer Beute ermöglichen, andererseits die Beutetiere schützen, besprochen. Dann folgen Kapitel über das Geschlecktsieben der Tiere, Tierwanderungen, Versorgung der Nachkommenschaft, Gesellschaftsbildung im Tier- reich und Staatenbildung bei Insekten. Der 2. Haupttcil des Bandes beschäftigt sich mit den unbelebten Elementen und ihren Einflüssen auf das Leben der Tiere eines bestimmten Lebensraumes. Den Schluß und vielleicht den inter- essantesten Teil des Bandes bildet endlich der Versuch, die zahl- reichen Zweckmäßigkeiten im Bau und Leben der Tiere in ihrer Entstehung zu erklären.— Mit besonderer Liebe und großem Verständnis ist die Auswahl der Abbildungen, die zum größten Teil für das Werk neu gezeichnet wurden. Einen hervorragenden Schmuck bilden dabei die prächtigen Schwarz- und Farbentafeln, unter denen die Zeichnungen von Kißling, Liljefors und Neuenbern hervorragen. Mit Freude werden die zahlreichen Imker und Bienenzüchter ein im Verlage von Friedrich Vieweg u. Sohn erschienenes Werk des bekannten Bienenforschers Buttle-Reepen:„Leben und Wesen der Bienen" begrüßen(Preis in Leinenban'd geb. 8 M.), das eine in darstellerischer und wissenschaftlicher Hin- ficht ganz ausgezeichnete Arbeit ist. Die ersten fünf Kapitel geben eine auf sorgfältigem Literaturstudium beruhende Darstellung der Urheimat der Bienen, ihrer geographischen Verbreitung sowie der stammesgeschichtlichen Entstehung des Bienenstaates, während der Hauptteil des Werkes der eigentlichen Biologie gewidmet ist. Von besonderem Interesse sind die Abschnitte über die Sinne der Bienen und ihre Instinkte, die zum großen Teil auf eigenen Beobachtungen glühenden Bewerber, jedes Sttahlenbündel war eine Liebkosung, jede Wärmewelle eine neue Befruchtung. Und die Erde, die unersättliche, wuchs bei jeder Begegnung an Ueppig- keit, Farbe und Verlangen, und die Sonne, die unermüdliche, spannte ihren Tag weiter und weiter, konnte sich am Abend nicht losreißen, sondern hing in der Luft als flammende Freude, kündigte ihre Ankunft am Morgen an mit golden- quellendem Hauch. Und das Leben brach hervor aus der Lende der Erde in Tausenden von Gruppen, in Myriaden von Wesen, und ein jedes hatte seine Gestalt, seine Farbe, seine kleine Eigentüm- lichkeit.— In diesen Tagen bekam Bauder die Erlaubnis aufzu- stehen. Am ersten Tage mußte er sofort wieder ins Bett; ihm wurde schwindlig, und die Füße weigerten sich, ihn zu tragen; doch am nächsten Tage war er über eine halbe Stunde auf, stützte sich auf die Wand und die Möbel und übte sich im Gehen, ein wenig niedergeschlagen darüber, daß die Erde ihn nicht recht anerkennen wollte. Aber von Tag zu Tag ging es ihm besser, das Schwindel- gefühl verließ ihn völlig, und es bereitete ihm kein Unbe- Hagen mehr, sich aufrecht zu bewegen. Der Vater half ihm die Treppe hinuntergehen, und er saß wieder unten in der Stube und verfolgte die Arbeit der beiden Frauen, ganz wie in alter Zeit— vor überaus langer Zeit, schien ihm. Mit jedem Tage fühlte er, wie er dem Dasein einver- leibt wurde. Der Gegensatz zwischen dem starken Licht des Fensters und dem Dunkel des Zimmers umnebelte ihn nicht mehr, die Emsigkeit und der Lärm, der klamme Stärkegeruch, ja selbst der Dampf des Plätteisens belästigte ihn nicht,— er mußte nachdenken, um zu wissen, daß das alles vorhanden war. Es gab nichts mehr, das ihn auszuschließen versuchte, indem es sich ihm widersetzte; der Gejagte, Friedlose— der Auswurf— fühlte, wie er, Punkt für Punkt, in den großen Lebensbund aufgenommen wurde. Oft saß er still und schweigsam da und betrachtete Else bei der Arbeit, folgte jeder ihrer Bewegungen mit den Augen. Ihre drallen Arme, das Kinn, ihre ganze junge Gestalt ent- zündeten die Wollust in ihm; aber sein Verlangen blieb nicht haften, glitt vorbei, nach außen, fort. Sie oder eine andere,— das war keine Lebensfrage! Keine Frau sollte sein Schicksal werden, mochte sie noch so frisch und blühend sein, so weich und rot,— da doch eine ganze Welt von Leben ihn er- wartete. Er hatte alles zugute und mußte an allem teilhaben. er konnte sein Wohl und Wehe nicht von Bruchteilen abhängen lassen. Er begriff überhaupt nicht, daß es unglückliche Liebe geben könne, da doch beide Geschlechter so zahlreich vertteten waren. Else hatte sich, ihm gegenüber, seitdem er nicht mehr bettlägrig war, ein klein wenig Koketterie zugelegt— ganz unbewußt, schien ihm. Er lächelte nachsichtig, ermunterte sie beruhen. Auch die illustrative Ausstattung ist gut und zweck- entsprechend. Zm Schluß möchte ich noch auf die zahlreichen Buchveröffent- lickungen der„Deutschen Naturwissenschaftlichen Gesellschaft" hin- weisen, sowie auf die naturwissenschaftlichen Veröftentlichungen der bekannten Teubncrschen Sammlung:„Aus Natur und Geistcswelt", die man im allgemeinen als gute Einführung in spezielle Gebiete bezeichnen kann. Besonders erwähnt sei bei dieser letzten Samm- lung die in zwei Bänden erschienene„Allgemeine Völker- künde von Dr. A. Hcilborn, in der er mit viel Geschick versucht, den Entwickelungsgedanken auch im Werden der mensch- lichen Kultur herauszuarbeiten. Die kleinen gut ausgestatteten Bücher geben einen ausgezeichneten Ueberblick und können als Einführung in das Studiuni umfassenderer Werke, wie z. B. der Ratzclschen Völkerkunde, warm empfohlen werden. Erwähnt sei iwch, daß die Teubnersche Sammlung seit Erscheinen des vier- hundertsten Bändchens in einer neuen von Professor Tiemann gezeichneten sehr geschmackvollen Gewandung auftritt. Th. Das ist öer Krieg. Unser Kieler Parteiblatt bringt folgenden Feldpostbrief: Roh on» 7. März 1915. Liebe Genossen! Auch nach dem Kriege wird Noyon, gleich mancher anderen er- innerungsreichen Stätte, woihl das Reiseziel vieler Deutschen wer- den. Von den Massengräbern in fremder Erde führen starke Fäden nach der Heimat, von hier, wo sich das sechste Hundert der Gefalle- nen rundet, namentlich nach unserer Provinz. Wie viele Wette fiir die Allgemeinheit, wie viele Hoffnungen, Ideale sind hier frühzeitig zu Grabe getragen worden! Langsam, begleitet von den getragenen Klängen der Kapelle, naht sich der uns schon wohlbekannte Zug aus der Stadt. Sachte tragen bärtige Landwehrleute ihre Kameraden zur letzten Ruhe in die offene Gruft. Die Musik spielt die alte Weise, mit der sie schon so manchen zur letzten Ruhe geleitet:„Jesus, meine Zuver- ficht". Die Begleitmannschaften präsentieren, die Offiziere legen salutierend die Hand an den Helm, Vertreter beider Landeskirchen stehen vereinigt am Grad. Solch einschneidende Ereignisse bringt eben nur der große Unigestalter Krieg zuwege. Während sich ttngs- um der Frühling regt, neues Leben erweckend, während grollend der Kanonendonner herüberschallt, fallen, dumpf auffchlagend, Schollen auf die Särge, auf Blüten, die der Krieg rauh gebrochen. Im Schöße der Natur ein Erwachen und Werden, hier Vernichtung, Verwesung. Noch ist die Trauerweise kaum verhallt, da ertönen aus der Stadt die packenden Klänge eines Marsches. Frisch und fröhlich geht es hinein in den Kampf. Wie oft kehren dis Ausziehenden schon nach Tagen, ja Stunden, bleich und stumm des Weges wieder zurück. Das ist der Krieg! „Bedeckt mit ehrenvollen Wunden hat hier ein Held sein Grab gefunden", so lautet die Widmung auf dem Kreuz eines jugend- frischen Pionieroffiziers, und sie hat wohl Geltung für alle. Meist sind es Kameraden, Freunde, Landsleute, die dem Vett'tovbcncn den letzten Liebesdienst erweisen, sein Grab schmücken. Hin und wieder liest man aber auch Widmungen von näheren Angehörigen, die der Krieg zufällig in die Nähe gefühtt hat.„So fanden Deine beiden Brüder Dich wieder", steht auf einem Kreuz schlicht und ergreifend. „Gewidmet von Deinem Schivager, Vizefeldwebel E.", auf einem anderen. Wiedersehen im Felde, wie sie der Krieg mit sich bringt. Gerade in ihrer Schlichtheit wirken die Massengräber. Um- geben von dunklem, immergrünem Buschwerk, ragen die Kreuze in der Dämmerung des Frühlingsabends. Aus dem stählblauen Abendn ebel treten massig un d wirkungsvoll die bewaldeten Höhen- ketten hervor, während auf dem davor ausgebreiteten Talgrund gespenstige bleiche Nebel emporwallen. Die sinkende Sonne, schon verschwunden, zaubert mit letzter Kraft eine satte Farbenpracht als abschließenden Hintergrund.... Dämmerung, Ruhe liegt aus- gebreitet über dem Ganzen, sie leiten hinein zu schmerzstillendem Vergessen. Wir wissen, nun kehrt die Sonne nochmals wieder. Die Zell der Ruhe ist noch nicht gekommen.„Und setzet Ihr nicht das Leben ein, nie wird Euch das Leben gewonnen sein!" aber nicht. Vielleicht wendete ihr Sinn sich ihm wieder zu, jetzt, wo er gesund wurde; vielleicht äußerte sich darin auch nur ihre Unsicherheit; ihre Stellung war ja schwierig nach dem, was zwischen ihnen vorgefallen war! Aber er würde nichts davon haben, wenn er sie zurückeroberte— im Bunde mit der alten Vertraulichkeit. Von nun an war das Leben neu— neu! In der Mittagsstunde ging er langsam vorm Hause auf und ab, ließ sich von der Sonne bescheinen und atmete die säuerliche, kräftige Luft ein, beobachtete die Blumen, die längs der Mauer hervorschauten, und fühlte sich als neuen Men- scheu, der von dem reichen Frühling gezeugt und dem Schöße der Erde entsprungen war wie all das übrige. Noch nie auch war er so unbesorgt über die Erde gegangen wie jetzt, noch nie hatte er Blick, Sinn und Gedanken so m sie versenkt wie jetzt! Er war zwar von ollem, was in der Stadt vorging, unterrichtet, aber ohne daß es ihn im allgemeinen stark be- schäftigt hätte. Es tauchten wie gewöhnlich Gerüchte auf, machten andern Platz oder tauchten von neuem auf. Immer war irgendeine Familie auf dem Tapet. Bald war da ein Mann, der einen neuen Ueberzieher bekommen hatte; die Stadt fragte erstaunt nach dem Wie, und das Gerücht begann seinen Tanz: von einem reichen Bruder, der im Lande Austtalien gestorben sei und soundso viel hinterlassen habe,— von einem größeren Lotteriegewinn. Oder ein junges Mädchen reiste zu Ver- wandten, und die Stadt fragte verwundert, warum. So durchhechelte man ihre ganze Vergangenheit, fand hier und da Flecken und erinnerte sich, wie sonderbar ihre Fo- milie in der letzten Zeit gewesey fei; während die eine von ihren Freundinnen sie hatte weinen sehn und die andere wußte, daß sie sich nicht mehr schnürte. Die öffentliche Meinung kaute immer an diesem oder jenem. War kein Nährstoff in jemandem, so wurde er mit einer verächtlichen Grimasse ausgespien; war da aber bloß das geringste, woran man sich halten konnte, so zerkaute'der Klatsch diesen Menschen so fein wie Schnupftabak. Im Lauf der letzten zwei Monate hatte der Abstinenzler- Wirt Sörensen immer wieder herhalten müssen; es hieß, er trinke heimlich. Auch in alten Zeiten war diese Beschuldi- gung gegen ihn erhoben worden— vor allem, weil seine Nase so rot war—, sie war aber immer wieder als grundlos fallen gelassen worden. Jetzt dagegen wagte dieser und jener, den Teufel zum Zeugen dafür anzurufen, daß Sörensen auf weite Entfernung hin aus dem Halse nach Alkohol ge- rochen habe— und häufiger und mehr, als selbst der kränkste Magen rechtfertkgen konnte. Er war verdächtig und in dieser Eigenschaft interessant, aber der entscheidende Beweis fehlte. Darum wurde er auch nicht ausgespien, sondern behutsam beiseite gelegt, wie Kautabak, der zum Wegwerfen zu gut ist. So leEnt matt �iee hEff Kmeg bsit semK liÄurtgstVit Seite ieiinen. Nichts vom erttebMdem befreienden Draufgehen. Des lienfte? eioig gleichgeiieNe Ilbr lostet wie ein Alp auf einem. Hungernoe, bettelnde Kinder sind tägliebe Erstheinungen. Mit Säcken, Töpfen»sw. toinmen sie in die Quartiere und bitten um t�ffen oder Brot. l5s scheint ihnen alles �ii munden. Das krasseste iblcnd deo Krieges tritt einen, hier vor Augen. Die Lebensmittelpreise halten sich, wenigstens für Soldaten. noch in annehmbaren Grenzen. Wir gaben für ein Pfund Butter l.b'i M., ein Pfund Schweizcrtäse l,Al M., ein Pfund Tilsiter 1,20 Mark, wahrend die Alasche Bier, etwa?, Liter, SO Pf. und das Glan Senf 15 Pf. kostete. Das sind Preise, die unsere Genossen d, innm auch wohl bezahlen müssen. Bei der Brotversorguuy wird die Einwirkung des wirtschaftlichen Kampfes schon deutlicher wahr nebmbar.� Nicht nur, daß unsere Brotrationen verkürzt worden iind, wofür allerdings Brotgeld ausgezahlt wird, sondern auch die ."in!! häcker sind nicht mehr in der Lage, Mehl zu»eschoffen. Die Bersorgung ist nunmehr von der Militärbehörde selber in die Hand genownien worden. Bis vor wenig Wochen aßen die Franzosen nur Weißbrot und verschmähten unser Brot. Nun wird auch ihnen Kommißbrot geliefert, und sie müssen sich damit abfinden; sie sind sogar�dankbar, wenn sie ein Stückchen ertra bekommen. Das von dm Soldaten gebackene Brot ist nämlich gewöhnlich hesscr als das andere, da die französischen Bäcker sich an den neuen Backprozeß nur schwer gewöhnen können. Es werden übrigens Brotkarten Toiisgegcbi'ii, die den in Berlin zur Verteilung gelangenden ähn IM, sind. Sie berechtigen den Inhaber zur täglichen Entnahme von l 10 Gramm Brot pro Kopf der Familie. Das ist ja nicht gerade viel, dach mögen sie sich bei ihrem Perbündeten jenseits des Kanals Da der Brotkonsum derartig eingeschränkt lvorden ist, sind zunächst die fahrbaren Lesen zur Schonung außer Bctrieo gestellt worden. Da sich ferner die Feldbäckeveien zum Teil feststehende Lei.» haben lmnen lassen, ruht der Betrieb, so auch bei uns, zum Teil vollständig. Tie Mannichast wird natürlich irotzdem heschäf ligt. Eine Sckücht�ist der gteichfalls am Lrte liegenden Eiappen- back eres zugeteilt. Sie backt also weiter, während eine andere Partie mit der gründlichen Reinigung der Geräte, Lesen, Zelte heschäftigt ist. Tic Lesen werden gründlich abgewaschen»nd eingefctlei. Jedenfalls siebt man den Lesen die Strapazen durch Belgien nicht nichr an. Es fehlt nur noch der weihe Lackanstrich. Der Reil der Mannschaft ist mit Auftreiben und Zerkleinern von Bolz hesckiästi'gi, das naturgemäß jetzt auch schon knapp wird. Zum Teil streift er, geführt von einem Oberbäcker, der sich auf der Germainawerft die nötigen fachmännischen Kenntnisse ertvorben bat, durch Felder und Wälder und sammelt altes Eisen, Blechdosen und �äcke. Ja, ja, man entwickelt sich im Kriege. Fn der Landwirtschaft regt es sich jetzt mit Macht. Alle die durch die Periode des Stilliegens freigewordenen Kräfte, Menschen und Pferde, sind hier lätig. Die großen Getreidevorräte, die noch in den Mieten liegen, hauptsächlich Weizen, werden ebenso wie die weißen Etzhohnen auSgedroschen,... Noch vorhandene Mitchlühe dürfen nicht geschlachtet werden; die Milch ioird den Feld- bzw. Kmgslazarctten zur Verfügung gestellt. Auf allen Feldern steht man jetzt Soldaten niit Pflügen, Aufnehmen der Rüben und sonsti- gen landwirtschaftlichen Arbeiten beschäftigt. Ter Endziveck bei diesen Arbeiten ist ja immerhin der, dem Vatertande zu nützen. Anders gestaltet sich die Sache jedoch, wenn es sich um Luxusgärten bandelt. Es scheint mir die Instandsetzung durch Soldaten denn doch keineswegs so notwendig zu sein. Die Industrien für Tuche nnd Ansrüstungsgegenstände scheinen mit ihren Beständen gründlich aufzliräumcii. Tie Ausrüstungen werden nämlicki immer inannigsaltiger. Einige der Forniationen führten russische Feldküchen mit sich, die aber primitiver einge- richtet sind als unsere. Unter den Nenangekommenen traf ich unter anderen auch den ältesten Sohn unseres alten Parteigenossen A. M., der damit jetzt drei Söhne vor dem Feinde bat. Ans das Pferdcmaterial wird natürlich die größte Sorgfalt berlpaiidt, damit die für die Seuchenberdreitung so günstige Frühjahrszeit inöglichit ohne Fährnisse überstanden wird. Sind die Strapazen gegenwärtig auch nickt so groß, so werden dafür auch die Haierraticmcn knapper. Auch Rauhfutter Ist schwierig zn be- schaffen. Tie Versuche, mit Häckselmaschinen klein geschnittene Rühen zn verfuttern, stoßen bei unseren Rossen ans, zähen Wider- »and. Es wird wohl gerauiner Zeit bedürsen, eb? sich die Tiere an diesen Nahrungswechsel völlig gewöhnt haben. Neue, wasserdichte Pferdedecken, die über das ganze Pferd reichen, gelangen zur Ein- iühniilg. Sie sollen jedenfalls die Tiere gegen die Einflüsse des hier so häufigen Regenwetters schützen. Fast tägliche' Appells mit den Pferden, teils mit, teils ahne Gesckirr, unter Hinzuziehung Das allgemeine Bewußtsein floß und floß dahin wie ein breiter, nnmnelnder Strom, der stier und da einen inter- essemtcn Leichnam emporwirbelt, ein Ende mit sich trägt nnd wieder ans den(ssnind sinken läßt. Nur der Kandidat vcr- mochte sich, als das Zeichen des Selbstwiderspruchs, das er tvar, immer an der Oberfläche zn stalten; über istn kam man nie stinweg. Tank Aage, der nicht schweigen könnt» schlich da-z Gedicht bald in der Stadt umher, der Kandidat und kein anderer iei der Verführer Stines. Tas erregte viel lln- willen, aber dicht auf den Fersen folgte wie ein Wellen- dämpfer die Geschichte von seinem Versuch, sich zu erhängen; dieser nüßlungne Selbstmord wirkte versöhnlich sowohl durch seine Komik wie als Ausdruck der Reue. Dazu kam seine Bekehrung, die jetzt allen offenbar war. Er schmückte setzt nicht nur das Gotteshaus, sondern besuchte e8 auch jeden Sonntag mit seiner kranken Frau am Arm, nnd im Laufe eines kurzen Zeitraums ging er zweimal zum Tisch des Herrn. Eine Seele— und eine hoste Seele— war für die Gemeinde gewonnen, nnd niemand hielt sich für befugt, mit der Vorsehung zu rechten wegen der von ihr angewendeteli Mittel. Aber... jetzt gestörte der Kandidat zn diesen Leuten; es haftete ihm nicht länger das Verwegene an, das die Be- loohner einer kleinen Provinzstadt stets demjenigen beilegen, der in religiöser Hinsicht einen Sonderstandpunkt einnimmt. Er war in Gefahr, alltäglich zu werden und von der Ober- fläche zn verschwinden. Ta beging er eines Tages etwas Seltsames; er nahm Stine ins Haus. Er inachte kein Hehl daraus, daß es seine Absicht war, ihr volle Genugtuung zu gewähren und sie nach dem Tode seiner Frail zn heiraten; und alle in der Stadt waren darin einer Meinung, daß ihm das nieinatld hätte nach- machen können. Von diesem Tage au war er wieder obenauf. Karl amüsierte sich köstlich iiher diese Geschichteil von dem Kandidaten und dem Abstinenzlerwirt.„So erreicht doch wenigstens etwas seine Bestimmung." äußerte er wohl in seiner alten ironischen Art. Aber es steckte lauter Gutmütig- lcit dahinter. Fern und freundlich klang es ihm ins Ohr. kvenn jemand zu ihm sprach; verschönend und däinpsend lag ein Luftnebel zwischen ihn: und allem anderen. Es war ihm unmöglich, sich in dein gleichen Maße wie früher zu ärgern oder an 'irgend etwas Anstoß zu nehmen, daß cS ihm selber auffiel und er fast Angst bekam wegen dieser seiner Milde gegen alles und alle. Sich selbst sah er als Greis an, ein wenig� zitternd und liebevoll lächelnd, bereit, nach allen Seiten Segen zn spenden. In solchen Augenblicken fürchtete er trotz den zu- nehmenden Kräften, seine Jugend verloren zu haben, und suchte vergebens nach etwas Galle auf dem Grunde seines Wesens. sForts. folgt.} eine's RoAttlzte?, sichern bär VernachlässigMS unss Au'sbre'ikutsg etwaiger Krankheiten. Andererseits bringen diese Porbeugungen eine starke Belastung der mit der Pflege der Pferde Betrauten mit sich. Mau kann es datier verstehen, wenn letztere von diesen Tauerappells keincsivegs erfreut sind. Unser Pscrdebestand' bat insofern eine Vergrößerung erfahren als eine der requirierten velgischen«tuten ziemlich unerwartet ein Fohlen bekommen hat. Ick brauche ivohl nicht erst zu versichern, daß die ganze Kolonne und nicht zuletzt unser Leutnant lebhaften Anteil an den Muttersreuden nehmen. Das Kleine ist schon photographicrt worden. Vielleicht findet es. noch Ausnahme in der..Woche". Tie Zeit der Rät läßt auch das Gefühl der Zusammengehörige tcit in weit stärkerem Maße als sonst zum Ausdruck gelangen. Tas Solidaritätsgefübl, das in jedem Menschen schlummert, erwacht.... Zum Schlüsse möchte ich nochmals anregen, ob es nicht möglich ist, den Truppen etwas mebr Zucker zuzuführen. Es ist viel ans de» Nährwert des Zuckers hingewiesen worden. Ter aber nutzt schließlich auch nichts, wenn man ihn nicht hat. Es herrscht in Teutschland ja kein Mangel daran, und uns könnte eine Alnvechse lung in dieser suppenreicken Zeit nichts schaden. Vielleicht finden sich einige Liebesgabensendungen, die dieser Anregung Rechnung tragen. Herzlichen Gruß! �_ Euer O. E. Em Italiener im„hungerlanöe� Luigi Ambrosini, der Sonderberichterstatter der„Stampa", hat es sich auf seinen Studjensahrten durch Deutschsand mit Fleiß an gelegen sein lassen, dem Ernäbrüngsprodlem, das ja auch für Ftalicu dringend geworden ist, seine besondere Aufmerksamkeit zu- zuwenden.„In Htalieu", schreibt er,„brennt man begreiflicher weise voc�Neugierde daraus, genau zu wissen, wie es in Deutsch land in Sachen der Proviantierungsfrage bestellt ist, wieviel Ge treibe die Deutschen noch auf den Speichern lagern haben, und was für eine Sorte unappetitlichen Zeuges eigentlich das berühmte I<-Brot ist. Man spricht von Teutschland wie von einem blockierten Lande, wie von einer Festung, bie, wenn sich der Krieg in die Länge zieht, ganz gleich, wie ihre militärische Lage ist, durch den Hunger zur Itebergabe gezwungen sein wird. Es sind wichtige Probleme, die hier zur Erörterung kommen, so ernste Fragen, daß ich es für angezeigt hielt, mich bei meinen Fahrten durch Deutschland mit ihnen ganz besonders zn beschäftigen. Ich habe mich bemüht, mini so eingehend zu niiierrichteii, daß ich meinen Landsleuten nicht nur Stiinmungsei»drücke, sondern Tatsachen und einwandsreies Be- Weismaterial unterbreiten kann. Daß für Deutschland, und in höherem Grade noch für Lesterreich-Ungarn, die Getreideversor- gung ein ausschlaggebender Faktor geworden ist, liegt in der Natur der Dinge. Horte doch plötzlich die Masseneinfuhr, deren Deutsch- land für seiiicn heimischen Bedarf benötigt, auf, und die geringen Mengen, die es nach dem Ausbruch des Krieges eingeführt bat, konnten für die Losung des Problems kaum ernstlich in Frage kommen. Man denke doch, daß hier täglich die Münder von fast 0 Millionen Menschen gestopft werden müssen. Tie Blockade oder, richtiger gesagt, die Blockadedrohung Englands, hat bisher England mehr als Deutschland geschadet, das man in einen eisernen Ring einzwängen oder erdrosseln wollte. Der Pfeil ist ans den Schützen zurückgeprallt, da ja Teutschland angesichts dieser Drohung sich völlig im klaren darüber war, daß es in Sachen der Ernährung wrtan nur auf sich selbst und die eigene Kraft angewiesen sei. Die Folge war, daß es entsprechende Matzregeln ergriff, die den eng- tischen Aushungerungspolitikern einen kräftigen Strich durch die Rechnung machen. Für uns hat dieser deutsche Verteidigungsplan ein X. Aber das deutsche Oberkommando ist in der Lage, für dieses X eine Ziffer einzustellen: die Beschlagnahme der gesamten Gc- treideborräte in Deutschland. Tie deutschen Behörden wissen heute genau, wieviel Zentner sie zur Verfügung haben, und da die Ziffer der Bevölkerung gegeben ist, so handelt es sich nur darum, das Luantum, das jedem zusteht, mathematisch so zu berechnen, daß der Vorrat bis zur nächsten Ernte reicht. Teutschlands Feinde würden Millionen dafür bezahlen, wenn sie über das JE dieser Ge- heimrechnung Klarheit erhalten könnten. Als ich Mitte Februar nach Deutschland kam, war die Brotkarte in Bayern noch nicht ein- geführt. Ihre Bekanntschaft machte ich zuerst in Sachten, und je mehr ich mich Berlin näherte, desto mehr kam mir zum Bewußt- sein, wie glänzend die Brotverteilung organisiert und diszipliniert ist. In meiner Pension in Berlin bekam auch ich meine Brotkarte und wurde auf die übliche Ration gesetzt. Und wenn ich im Resta�- rant einmal die Brotkarte vergessen hätte, so war ich unweigerktch gezwungen, der Beispeise des Brotes zu entsagen." Nachdem sich der Berichterstatter über die verschiedeneil Arten des zum Verkauf gelaiigeiideii Kriegsbrotes geäußert und seinem Geschmack und seiner Bekömmlichkeit alles Lob gespendet hat, fäbrt er fort:„Da in Deutschland alles wissenschaftlich und mathematisch aufgefaßt wird, so darf man damit rechnen, daß die Rechnung stimmt, und daß die«parsamkeit und Enthaltsamkeit, die heute jeder einzelne in der Ernährungsfrage an den Tag legt, den Erfolg haben werden, daß Teutschland mit seinen Vorräten bis zur näch- sten Ernte und darüber hinaus durchkommt. Für einen Ausländer, der heute in Denkschland reist, ist diese Beobachtung der Ernäh- rnngsdisziplin eines ganzen Volkes überaus iiitcressant und lcbr- rcich. Aber man denke nicht etwa, daß sich diese zn Hause geübte Sparsamkeit und Enthaltsamkeit auch in der Leffentlichteit bemerkbar macht. In den Eafehäusern, den Bierstuvcn, den Restan- rants speist man genau so wie man bisher gespeist hat/ Auch die Preise haben keine Erhöhung erfahren. Man hat es vorgezogen, dafür die Portionen etwas zu verkleinern. Hier in Berlin speziell ißt man im Restaurant gut und reichlich zu Preisen, die denen der wertentsprechcnden Restaurants in Turin. Mailand und Rom gleichkommen. Ich habe herzlich lachen müssen, als ich in einer unserer Zeitungen einen Bericht las, der die Schauermär erzählte, ein in Berlin ansässiger Italiener habe geschrieben:„Hier stirbt man vor Hunger". Mir ist nicht recht klar, zu welchem Zwecke der- artige Scherze erfunden werden, die dem Publikum eine ganz falsche Meinung von den Tingen beibringen inüssen. Die Jtalie- ner, die sich einreden, daß Teutschland über kurz oder lang durch den Hunger zum Friedensschluß gezwungen sein wird, geben sich meiner Meinung nach einer lächerlichen Selbsttäuschung hin. In Frankreich und England weiß man nur zu gut, daß man auf einen raschen Kriegsschluß nicht zn hoffen hat. Man rechnet vielmehr dort mit der Zähigkeit eines Landes, dessen Widerstandskraft noch ungebrochen ist, und ich bin der Meinung, daß Italien gut tun würde, sich daran ein Beispiel zn nehmen." Ueber öie Entstehung öer Tuberkulose. Ueber die Entstehung der Tuberkulose haben unsere Anschau» ungen sich im Lause der letzten zwei Lebensalter gründlich ge- wandelt. Bei den tnberkulöien Kranklseitsprozessen, die ja nicht nur die Lunge, sondern auch viele andere Organe befallen, finden sich stets die eigentümlichen Tuberkeln, das sind eigentümliche birse- korngroße Knötchen, die aus einer gefäßlosen Anhäufung von Rund- zellen nnd Riesenzellen bestehen. Noch Rudolf Virchow hielt an der Anschauung fest, daß die Tuberkeln von dem dazu disponierten Organismus ans sich heraus erzeugt werden; speziell Skrofulöse aber auch andere den Körper schwächende Krankheiten sollten ihn zur Erzeugung von Tuberkeln fähig und geneigt machen. Als Robert Koch im Jahre 1882 den Tuberkelbazilliis entdeckte, wurde dieser als die einzige und ausschließliche Ursache der Tuberkulose angesprochen, und auch heute wird allgemein angenommen, daß es eine Tuberkulose ohne Tuberkelbazillen nicht gibt, wohl aber gibt es sehr häufig Tuberkelbazillen ohne Tuberkulose. Bei der überaus großen Verbreitung dieses Bazillus gerät er zweisetlos sehr oft in unseren Organismus, ohne daß die geringste Störung dadurch verursacht wird. Denn der Tuberkelbazilliis ist von einer außerordentlichen Widerstandsfähigkeit, er erträgt moiiatclaiigcs Austrocknen und kann bis nahe an die Siedetemperatur des Wassers erhitzt werden, ohne daß er zugrunde geht, die Einwirkungen de? Magensastes und der Fäulnis schaden ihm nicht, auch Sublimat. � Chlör'kalk, NsironsaM?, Meisetk ihn' ilM schisset: ach währenh et! empfindlich ist gegen Karbolsäure und gegen die Belichtung mit dlftusem Tageslicht. Durch den getrockneten und zerstäubten Au»- wurs der Lnngenschwindsüchtigen erfährt er eine solche Verbreitung, daß er an L.rten allgemeinen Verkehrs im Staube gar nicht zu vcr- meiden ist und dort fast üverall eingeatmet wird, ohne daß man sich irgendwie wirksam dagegen schützen könnte. Man nahm nun lauge Jahre hindurch au, daß ein für die Tuberlulosc empfänglicher Organismus auf solche Weise infiziert werden kann und dann von der Krankheit crgriifen wird. Aber durch die Forschungen der letzten Jahre ist man von dieser Annahme zurückgekommen, man hält es heute vielmehr für ganz sicher erwiesen, daß das Auftreten der Tuberkulose, ihr„klinisches Mamfestiverdeu", wie der Kunstausdruck lautet, in keiner irgendwie gesetzmäßigen zeitlichen Be- ziehung zu der Infektion steht. Experimentelle und epideiniologi- sehe Untersuchungen, statistische Erhebungen bei Sektionen und Untersuchungen bei Lebenden mittels der Tiiderkutinprüfung baden einwandfrei ergeben, daß die Tuberkuloseinfeklion bereits in der Kindheit stattsavd, daß mehr als 95 vom Hundert aller erwachsenen Menschen mit Tuberkelbazillen bereits in Berührung gekommen sind. Und zwar gilt dies keineswegs bloß für die ärmeren Schichten der Bevölkerung, sondern ebensowohl für die Wohlhabenden. Wenn dann der Körper durch außergewöhnliche Anstrengungen, durch Er- kältungcn und Tarmkatarrhe, durch mangelhafte Ernährung gc- schwächt wird. Erscheinungen, die bei der ärmeren Bevölkerung naturgemäß stärker austreten als bei der wohlhabenden, so kann es leicht zum Ausbruch der offenen Tuberkulose kommen. Für diese Auffassung vom Wesen der Titberkuloseinfektion bilden die Ersahrungen, die gegenwärtig im Feldzuge gemacht werden, einen geradezu expertmentellen Beweis, denn zuweilen tritt die Erkrankung in Fällen auf, in denen eine unmittelbare neue Ansteckung absolut ausgeschlossen ist. Diese Auffassung bestärkt aber auch wiederum die tröstliche Anschauung von der Heilbarkeit der Erkrankung, wenn die den Körper schwächenden und seine Empfänglichkeit fiir die Tuberkelbazillen verursachenden Momente beseitigt werden._ kleines Zeuilleton. Seefterne, üie auf die �ogS gehen. Welcher Besucher eines Aquariunis hätte nicht schon jene selt- samen Geschöpfe der Tiesseefanna bestaunt, die Stachelhäuter, die unter dem Namen der Seesterne bekannt sind. Diese Meerbewohner ernähren sich von Schnecken und Muscheln, von Würmern, Krusten- tierchen, kleinen Fischen und Seeigeln. Aber über das Wie ihrer Ernährung weiß der Laie rechl wenig. Die Arien mit breiter Mund- scheide, die sich iin Mittelpunkt des eigenartigen Lebewesens auf der nach abwärts gekehrten Seite öffnet, führen ihre Beute direkt durch das große Maul in den Magen, verdauen dort die Weichteile und geben die unverdaulichen Hartteile durch das Maul wieder von sich. Noch seltsamer ist die Nahrungsaufnahme aber bei den Arten, deren kleine Mundöffnung die Aufnahme größerer Beute unmöglich macht. Diese stülpen ihren Magen um. so daß er nach außen tritt, umhüllen damit die Beule und überdecken sie mit verdauendem«ekret. Dann schlürfen sie die flüssig gewordene Nahrung ein, wozu mehrere Stunden gehören. Allerdings sind nicht alle Beuteiiere den Seesternen gegenüber völlig hilflos. B. Bauer berichtet nach einem Referat in der„Naturwissenschaftlichen Wochenschrift", daß Herz- muscheln vor Seesternen dadurch fliehen, daß ste ihren Fuß weit herausstrecken, fingerförmig nach unten krümmen und sich mit einer kräftigen Bewegung vom Boden abstoßen, wodurch sie sich ziemlich weit fortschnellen. Der Seestern geht hinter diesen Tieren buch- stäblich auf die Jagd; er verfolgt sie mit erhobenen Armspitzen und zwar in unregelmäßigen Zickzacksprüngen, denen eine gewisse Sicher- heit innewohnt, indem der Seestern seine Bewegungsrichtung den Fluchtversuchen der Muscheln anpaßt. Der Ausgang der Jagd hängt natürlich von verschiedenen Umständen ab. Eine andere Schnecke, der der Seestern nachstellt sNaZiin. reticulata) versteht es. mit Hilfe ihres Fußes sich derart vom Boden fortzuschnellen, daß sie mehrere Purzelbäume hintereitiaiider schießt und zwar so rasch, daß man die einzelnen Phasen nicht rechl verfolgen kann. Bauer stellte hierbei fest, daß die eigenartige und bei einer Schnecke gewiß überraschende Fluchtbewegung nur dann zustande kommt, wenn die Schnecke direkt vom Seestern berührt wird; jedenfalls ist es ein von der Haut des Seesternes ausgehender Reiz, der die lebhafte Purzelbaumbewegung auslöst.__ Niesige Schneeflocken. lieber besonders große Schneeflocken berichtete L. Baschin in der „Meteorologischen Zeitschrift". Am 10. Januar ISIS gegen 4wz Uhr trat in Berlin ein kurz dauernder Schneefall ein, der neben Flocken von gewöhnlicher Größe auch solche von beträchtlichen Dimensionen lieferte. Zahlreiche Schneeflocken iviesen einen Durchmesser von 8—10 Zentimeter auf. und diese fielen nicht nur schneller wie die kleinen Flocken, sondern sie wirbelten auch nicht in dem gleichen Maße durcheinander, schlugen vielmehr eine regelmäßiger gestaltete Bahn ein. Ihre Form war meist diejenige einer runden oder ovalen Schüssel, deren Rand nach aufwärts gebogen war. Sie schaukelten zwar im Winde hin und her, doch ließ sich niemals ein völliges Um- kippen beobachten, tas die konkave Seite nach unten gebracht hätte. Die Temperatur lag nur wenig über dem Gefrierpunkt. Ueber ähn- liche Beobachtungen konnte auch bereits 1887 in der„Meleorologi- scheu Zeitschrift" berichtet werden. Notize». — T heaterchronk. In der Volksbühne kann das isländische Schauspiel„Berg Eyvind und sein Weib" nur noch viermal gespielt werden, und zwar am 9., 11., 15. 20. d. M.— Die beiden nächsten P a r s i f a l« Vorstellungen im Deutschen Opernhause finden Sonntag, den 11. und Diens- tag, den 13. April statt. — Deutsche Musik in Frankreich. Nach einer im „Matin" besprochenen Umfrage, hat der Krieg die Nachfrage nach deutscher Musik kaum beeinflußt. Beethoven, Chopin, Bach, Mendels- söhn u. a. werden ebenso stark wie vorher gekauft. Auch Wagner, der von den Bühnen abgesetzt wurde, erhielt sich in der Gunst des fraitzösischett Publikums fast vollständig. Der hier und da beov- achtete, verminderte Berkauf seiner Werke hänge zweifellos nur da- mit zusammen, daß Anfang 1314 nach Freigabe seiner Werke der Markt durch billige Ausgaben gesättigt war. — Der K o b s a r.„Kobsa" nennt der Ukrainer eine Art Gitarre und Kobsar den fahrenden Sänger, dessen Heldenlieder dieses Saiteninstrument begleitet. Der Nationaldichter Schewtschenko hat seiner historischen Gedichtsammlung den Titel„Kobsar" gegeben. Und dieses in Nußland streng verbotene Buch zu erstehen, drängten sich die ukrainischen Soldaten und Offiziere des Zaren in den nlrainischen Buchhandlungen Ostgaliziens und der Bukowina. Die Kommandobehörden ordneten daraufhin die Schließungen der Buchhandlungen und die Konfiskation der Gedichte an. So fanden noch mehr Exemplare ihren Weg zu SchewtschenkoZ unterdrückten Lands- leuten! — W a s s e r w e r k a n l a g e n in Italien. Während Europa vom Lärm der Waffen widerhallt, ist in seinem äußersten Süden, fast unbemerkt von der großen Oeffentlichkeit, die Apulische Wasserleitung fertiggestellt worden. Dieses Bauwerk ist zurzeit das größte Wasserwerk der Welt und versorgt nicht weniger wie 268 Gemeinden der ganzen Südostecke der ttaltemschen Halbinsel mit Wasser. — Ein« stille Ausstellung. Die Panama-Ausstellung in San Francisco wurde am 2t. Februar d. I., wie beabsichtigt, eröffnet. Die offiziellen technischen Fachzeitschriften der kriegführenden Länder berichten darüber fast nichls, es ist auch über die Beteiligung der g« meldeten europäischen Staaten wenig zu erfahren. Voraussichtlich und infolge de» Kriegszustandes wird die ganze Ausstellung erheblich eingeschränkt sein.____ 'Verantwortlicher Redakteur: Älfretz Wiesepp, Neukölln. Für deg Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u.Berlag:vorwSrt» Suchdruckerei u. Berlagsanjtalt Paul Singer& Co.. Berlin SW,