Nr. 85.- 1915. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Diklistag, 13. April. Cm stanzöfijcher Srief. ?lus Sinzheim stammt folgender Brief ano Feindesland und Feindesmund, der sich mit dem Tode des gefallenen Kriegers tinton Sekmidt, �chlofferineister, befaßt. Die Briefschreiberin ist eine französische Tame. bei der Bizefeldwebcl Schmidt im Quartier lug. Ter herrliche Beileidsbrics ist an die Mutter des Gefallenen gerirbtet, in französischer Sprache geschrieben und lautet in deutscher Uebersetzung: Geehrte Frau! Sie lkibcn ohne tstveircl die Nachricht bon dem großen Unglück, das Sie soeben betroffen bat, schon enthalte». Gestatten Sic uns, Ihnen unter diesen peinlichen Urnständcn unsere lebhaftesten Bei- leidsbczeugungen und unser schmerzvolles Mitsühlen auszusprechen tvegen des grausamen Verlustes Ihres geliebten Sohnes Anton Schmidt. Seit einem Monat irxir er zu wiederholten Malen bei uns im Quartier. Schon gleich als er das erste Mal ankam, hat er uns für sich eingenommen durch sein freundliches und rucksichts- volles Wesen.— Er war für uns nicht ein Feind, sondern schon ein Freund trotz der Verschiedenheit unserer Nationalität. Er inter- essiecte sich sehr für meine Kinder, hauptsächlich für den Aeltesten, der wirklich unter der Fahne dient und bedauerte es, da wir schon seit fünf Monaten ohne Nachricht wären von den Unsrigen. Mein Jüngster, noch ein Knabe, hat sehr geweint, als er seinen (Schmidts) Tod erfuhr. Wir haben alles getan, was in unserer MVicht stand, um ihn bei uns neu zu stärken. Wie war er so glücklich, wenn er von Ihnen und seiner Heimat sprechen konnte! Er vergaß dann ein txcnig das Traurige dieses schrecklichen Krieges. Am Dienstag mutzte er uns verlassen, um in den Kamps zu gehen. Bei seinem eiligen Ädieu ahnten wir, daß>vir ihn nicht wiedersehen würden. Und wirklich! anderen Tages fiel er an feinem Posten in der Schlacht. Wir haben seinen Tod am Donners- tag von einem neben ihm verwundeten Unteroffizier erfahren, der seinen letzten Seufzer hörte. Am Sonntag war er noch so glücklich gewesen, von seiner Tante einen Kuchen zu erhalten und dazu einen Lorbeerstrautz, der mit einem Band in den Nationalfarben zusmnmengeheftet war. Letzleres ist das einzige Airdenkcn, das wir von ihm besitzen. Ich kann Ihnen versichern, er hat mit diesem Kuchen sehr vielen Kindern große Freude bereitet. In der ganzen Straße war er darum auch wohl bekannt, und jedermann bedauerte es, als er siel. Endlich, geehrte Frau, bleibt uns nur ein Trost in diesem Unglück, nämlich für die Seelenruhe Ihres lb. Sohnes zu Gott zu beten und Gott zu bitten, daß er Ihnen die Kraft gebe, diese große Prüfung geduldig zu ertragen.— Ja, er war wirklich ein ganzer Katholik! Er war zuletzt noch mit mir in Eendres in der Messe. Wir dürren hoffen, daß dieser brave Soldat am Throne Gottes nicht vergessen wird, für alle die zu bitten, die um ihn in Trauer sind. Empfangen Sie. geehrte Frau, nochmals den Ausdruck unseres aufrichtigsten Beileids. gez. I. Erkelbon,-1 Rue St. Francois, Lens, Pas de Calais France. Epilog zur Volksbühne. Der Volksbühne widmet Alfred Äcrr in seinem„PaiV einige Betrachtungen. Wir heben folgendes heraus: Edle Volksbühne. Berufene wie Unberufene gaben sich mit ihrem Schicksal ai� Tie Unberufenen, also der Vorstand, sahen sich gegenüber einem anderen Teil des Vorstandes: mit Berufenen. Da- zu stieß der freie dankenswerte Hilfsversuch zweier jungen Schrift- steller«Hugo Ball und Richard Huelsenbeck). Der Schluß war das vom Vorstand Gesürchtcte, somit Herbeigeführte. Dies Werk, in die Welt gesetzt ein wirtschaftliches Ethos zu prägen wider häufendes Unternehmertum, packte dem Inhaber ziveier Bühnen die dritte folgestark auf.... * Man sehe zu, was dafür sprach, dies Werk Herrn Reinhardt auszuliefern. Erstens, daß die Mitglieder(nach maßgebender Ver- sicherung) die Künste Reinbardts zuvor immer abgelehnt hatten. Zweitens, daß eben die gehäusleste Trustbildung im Programm der Anstalt lag. Drittens, daß Herr Reinhardt versucht hatte, den idauptverwaltcr und Emporbringer der Voltsbühne, Herrn Nest (einen früheren Spänglergchilfen, dessen volksheller Tüchtigkeit das ungeheure Wachtum der Teitha'berzahl zu danken ist und der jähr- lich 8000 Mark dafür bezog) um höheres Gehalt für seinen Zirkus zu mieten. Mit diesem Direktor trat man selbstverständlich in Ver- bindnng.... Viertens, daß eine Besserungsbühne, ein Vorbild, ein reklamefreier Zukunftsbund innerlich verpflichtet war just eine Stimmungsmachefabrrk zu Ivählen. Der Ausschuß, worin auch Herr Nest sitzt, handelte ivie einer, der radfahren lernt: er fuhr immer aus den Ziegel zu, dem er ausweichen sollte. Mau hatte die Biöglichkeit, einen Bürgschaftsbetrag auszu- bringen; nicht ganz kampflos betzudrehen; etwas, etwas, etwas wenigstens zu versuchen— oder die Flinte glatt ins Korn zu wer- scn. Und warf. Sehende Männer des Vorstands von dornigerem Zuschnitt miß- billigten den Gang der Dinge. Hier sei Albert Weidner genannt, der öffentlich Herrn Reinhardts Retternimbus zurückwies Andre könnten genannt werden. Lluch den sozialdemokratischen Ordnern ging die Entwickelung wider den Strich. Herr Nest aber, der nicht gegen die Annäherung an Reinhardt war. und Herr Springer, der erste Vorsitzende(ein bisher um das Werk IMcherbieiitep Mann, der jedoch ängstlich wurde) besorgten kampslos, kampflos die Ans- lieserung. Sie schrieben nun sogar, alsjßall und Huelsenbeck eingriffen, den Blättern: man möge diesen Tpornruf(den Max Liober- mann, Dessoir. Th. Wolfs, Corinth, ich unterzeichnet hatten) nicht etwa veröffentlichen. Hier war im Ausschuß also doch Energie: um Energie zu hindern. Er nahm den Anlauf zu einer Tat, um keine zu dulden. Wie erschöpft muß ihn die außerordentliche Wucht und der Schneid haben, die er auf das Werfen der Flinte ins Korn ver- wendet hat. » ... Wie haben sich die Btättcr zu diesem sozial tollen Begebnis gestellt; zu dem Zusammenbruch eines einmaligen Wunders? Der Tod eines Gedankens war Nebenpunkt. Hauptpunkt: Reinhardt gerührt zu bewünschen wegen des unberufen dritten Theaters. Der Schmerz über eine Schlappe menschlichen Aufstiegs war Null— vor dieser Einsegnungsfeier. Ein Blatt, die Voffische, folgte zioar dem Wunsch von Ball und Huelsenbeck,— doch in einer überlegen Moeiseudcn Aufmachung.... i_ Theater. K ö n i g l. Schauspielhaus:„Die Nibelungen". Teil I.„Der gehörnte Siegfried" und„Siegfrieds Tod"; Trauerspiel von Friedrich Hebbel. Die Größe Hebbels leuchtet auch aus seinem Nibelungenwerk hervor, wo sein persönlichster Hang zu grübelnder Problenialik hinter dem Ringe», im engsten Aiischlug an die Ueberlieserung des allen VollsepoS die Grundzüge desselben dramalisch nachzubilden, völlig zurücktritt. Die Art, wie er die dort über viele Jahre verstreuten Vorgänge zusammenrückt, die Anschauung vermittelst einer Fülle dem Sinn und Geist des Ganzen organisch eingegliederten Details erhöht, das Heldische der esiegfriedgestalt durch das Hinein- verweben von zarleren Empfindungen vermenschlicht, die das tragische Geschick, zum Teil wenigstens, auck um ein tragisches Ver- schulden knüpfen: das alles und der Glanz der bildhaft beichwüigten Sprache trägt da§ Gepräge hoher Meisterschaft. Siegfrieds Versprechen. Brunhilde die wunderslarke, nordische Heldenjungfrau, die ihm selber als dem stärksten aller Männer zugedacht war, für König Gunther zu gewinnen, kann nur durch Zauberlist verwirklicht werden. In seiner unsichtbar machenden Tarnkappe steht er im Wettkampf Gunthers mit Brunhilde, der zeigen soll, ob dieser neue Freier Kraft hat, sie zu zwingen, ihm mitkämpfend zur Seite. Und der Betrug führt zu noch schlimmerem Betrüge, aus dem, als er ent- deckt wird, das Verhängnis wilder Rache-kennt. Ihr Gelübde, dein Sieger als Gatten zu folgen, hält Brunhilde nur vor der Welt; doch im Gebeimen trotzt sie, versagt sich Gunthers Umarmungen. solange er nicht vermöge, sie mit Gewalt an sich zu reißen. Und lvicdcrum soll Siegsried in der Tarnkappe helfen. Bei Hebbel warnt den Helden, der im Epos, robust brutal, auch zu diesem Abenteuer gern bereit ist, eine innere Stimme; sein Gesühl empört sich. Ohne Zweifel, die Tat, die ihm hier angesonnen wird, muß weibliche Ehre hundertmal schlimmer kränken als die. die Rhodope in Hebbels GygeZ'Trogvdie an de», Gemahl, der niit ihrer nackten Schönheit vor dem Freunde prahlen wollte, zu rächen hat. Schwer widerstrebend, unter dein Druck der Zwangslage, in welche ihn sein früheres Handeln brachte, gedrängt durch Vorwürfe, die ihn undank- bar schelten, gibt er endlich nach. Und wenn er im Urtext der Krieiiihtlde den abgestreiften Gürtel BrnnhildS als Geschenk heimbringt, tut er im Drama alles— freilich vergebens—, das drückende Geheimnis auch vor der Gattin zu bewahren. Erst mit dem Streit der beiden Frauen lenkt er diese nach dieser für ihn selber so charalterijtlicheu Abweichung in die vorgezeichnelen Bahnen wieder ein. Frau Tilla Durieux gab als Ehrengast die Kriemhild. Im zweiten Teil des Dramas, wo sie das kalt verschlagene, von unersättlich sich erileuender Rackgicr verzehrte Weib, das die Mörder ihres Gatten und deren Mannen zil sicherem Untergang an Etzels Hof gelockt hat. spielen lvird. stehen ihr Aufgabe» bevor, zu denen sie im Stile ihrer eigenartig en Kunst, wie tuonige, berufen scheint. Nicht so in dieser ersten Hälfte. Organ und Erscheinung entsprechen in zu geringem Maß der Vorstellung, die man von der blondjuugcn Königstochter, der Eroberin von Siegfrieds Herzen, hegt. Etwas Spitzes, Schrilles befremdcte, und bei dem Streit»üt Brun- hild, in dem der Zorn Kriemhildeu das tödlich beleidigende Gc- heunnis entreißt. überwog der Eindruck boshast-tückischcr Malice. Das Publilum ging mit der Künstlerin nicht mit. Ein Teil desselben demonstrierte, als sie auf den Applaus, entgegen der im Schauspielhaus herrscheudeir«sitte, vor dem Vorhang erschien, durch Rufe nach Fräulein Schönfeld, die— leider ohne alle Berlebendi- gung der dämonischen Hintergründe— die Brunhilde deklamierte. Herr Kraußneck ist aus früheren Vorstellungen als wuchtig ein- drucksvoller Hägen bekannt. Mühlhofer, der zum ersten Male als Siegkried erschien, wirkte im ganzen sehr sympathisch, nur hätte man dem Recken etwas reckenhaftere Arme und ein gebräuulsrcs Antlitz wünschen mögen. du kleines Zeuilleton. Der Segrünüer öer wissenschaftlichen Luftfahrt. In Prof. Richard A ß m a n n feiert am 13. April der Begründer der modernen Aerologie seinen 7». Geburtstag. Richard Aßmann war zuerst als Arzt lältg gewesen, erst in reiferen Jahren wandle er sich der Wissenschaft vorn Wetter zu; vom Jahre 1880—83 war er Vorsteher der„Wetterwarte" der„Magdeburgischen Zeitung", die er selbst begründet hat. Daun folgte er einem Ruf als Privatdozent nach Halle und venauschte diese Stellung späterhin mit der eines Oberbeamten am. tgl. preußischen Meteorologischen Institut in Berlin. Bon diesem Zeitpunkt an be- ginnt der außerordenttiche Aufschwung der wisienschafltichcn Luft- fahrt. Im Jahre 1887 erfand nämlich Aßmann das Aspirations- thermometer, das unter Ausschließung des Einflusses der Sonnen- strahlen stets die wahre Tcinperalur der Luit anzeigt. Er organisierte diewissenschastlichen Ballonfahrlen des damaligen„Deutschen Vereines für Luftschiffahrt", des jetzigen„Berliner Vereins für Luftfahrt". Er interessierte die wlssenschastlichen Kreise ebenso sehr, wie er die sportlichen Jnteresseiiteil und die beteiligten militärischen Behörden für die Fahrten heralizuziehen wußte. Durch diese Fahrten und mit Hilfe des erwähnten neuen Instruments haben unsere Vorstellungen über Temperalurvertcilung in der Atmo- sphäre eine vollständig neue Grundlage erhalten und die Wiederaufnahme der Erforschung der Atmosphäre, die heute auf der ganzen Welt mit verfchiedeneu Methoden betrieben wird, cigenllich erst veranlaßt. Aßmann ist daher als der geistige Urheber der modernen Aerologie anzusprechen, also derjenigen Wissenschaft, die sich mit der meteorologischen Forschung der hohen Lnflschichlen befaßt. In den nach ihm bc- ilannlen GummiballonS, die bis zu sehr großen Höhen einwand- freie Temperaiurmessungen gestatten, hat er der Wissenschaft ein neues ForichungSwerkzeug gegeben. Mittels ihrer entdeckle er gleich- zeitig mit Teisserno de Bort in Paris im Jahre 1302 die„obere Inversion" der Atmosphäre, eine zwischen 800 und 1300 Meter Höhe Uegende Luftschicht,- in der die Temperatur nichl mehr wesentlich abnimmt. Diese obere Inversion(Umkehr der Temperatur) konnte auf der ganzen Erde vorgesunden werden und gilt als eine der wichtigsten Entdeckungen der Aerologie. Im Jahre 1800 ging Aßmann daran. nach amerikanischein Vorbild die Drachen zur Erforschung der Atmosphäre zu verwenden und begründete bei Reinickendorf das erste äronautische Observaioriunr der Welt, das er, da sich daS dortige Gelände als nicht zweckmäßig erwies, 1004 nach Lindcnberg(Kreis BeeSkotv) verlegte. Bis zum 1. April vergaligenen Jahres war er der Leiter dieser Anstalt. Dieses äronautische Observaloriuni in Lilidenberg ist zurzeit das größte aller derartigen Institute. Seit einer Reihe von Jahren ist e-s dein Observatorium gelungen, täglich ohne eine Lücke wenigstens einen erfolgreichen Ausstieg von Drachen oder Fesselballons zu- stände zu bringen, die selbst registrierende Apparate in große Hohen emporheben. Diese knappe Uebersicht über die Arbeiten Sö] Ueberfluß. Von Martin Andersen 9! e x ö. Am nächsten Morgen ging Karl sofort hinein, um nach dem Freunde zu sehen. Gchon auf der Treppe hörte er ihn zu seiner Freude laut und lebhaft sprechen; doch als er die Tür öffnete, erschrak er. Äage war allein, log auf dem Rücken mit erhobenem Kopf, sprach und gestikulierte in die Luft: er fuhr im Hundeschlitten und schwang die imaginäre Peitsche über dem Fußende des Bettes.„Hau! Hopla!" rief er und schielte nach dem Kopfkissen hin, das auf dem Fußboden zwischen Stuhl und Tisch lag und einen Eisbären vorstellte. Doch plötzlich beruhigte er sich.„Das war hübsch von Dir, daß Tu so schnell gekoimnen bis!," sagte er und sah Karl zärtlich an.„Komm und setz Dich! Reich mir mein Kops- kissen, ich liege schlecht. Esott weiß, was es da draußen auf dem Fußboden soll?— Wie geht es Euch drüben, alter Junge? — Ich sehe. Du hast heute Deinen Kopf rückwärts ange- schraubt." Er betrachtete Karls Kopf scharf und nickte bei- fällig zu der Veränderung. Karl zuckte zusammen, aber Aage fuhr ruhig fort:„Es ist schade, daß ich nicht nach Hause zu den Alten kommen und da liegen darf, aber der Arzt sagt, ich könne den Unizug nicht vertragen. Ich bin lahm vom Bauch aus nach unten— eine buglahme Mähre.— Ten Umzug nicht vertragen," wieder- holte er leise und lächelte bitter. Kurz darauf begann er wieder zu phantasieren. Bald war er in eine Wuhne gefallen und schlug mit den Armen um sich, um an der Oberfläche zu bleiben, bald war das Schiff vereist und mußte freigehauen werden. Oder er saß oben auf dem Mast und hielt Ausguck; dann beugte er sich plötzlich über den Bettrand, hielt die Hand wie ein Sprachrohr vor den Mund und rief hinunter:„Nordpol in Sicht!" Um die Mittagszeit kam der Arzt in Begleitung von Frau Sörensen, die Karl begrüßte, als ob nichts zwischen ihnen vorgefallen wäre. Der Arzt fragte ins Unendliche, untersuchte den Körper des Kranken, setzte sich hin und beobachtete sein Verhalten: Karls geflüsterte Fragen, was Aage fehle, be- antwortete er jedoch nichl. Endlich erhob er sich, erteilte Iran Sörensen einige Anweisungen wegen der Entleerungen des Kranken und ging. Karl begleitete ihn. »Ja, Ihnen kann ich es ja gestehen," sagte der Arzt, als sie auf der Straße waren.„ES ist mir ganz unmöglich, fest- zustellen, was ihm fehlt. Vieles deutet darauf hin, daß es Meningitis ist, die ich übrigens nur aus Beschreibungen kenne; aber verschiedenes könnte auch auf einen richtigen bös» artigen Typhus hinweisen. Unheimlich sieht die Sache jeden- falls aus, und es wäre wünschenswert, daß die Krankheit bald eine bestinimtc Richtung nähme." Karl aß im Hotel und schlenderte dann am Hafen und Fjord umher. Aber er hatte keine Ruhe, und nach Verlauf von zwei Stunden kehrte er wieder zur Fischerhütte zurück. Aages Vater war da; als Karl eintrat, saß er über den Sohn gebeugt und weinte, während dieser vergebens versuchte, sich seinen Liebkosungen zu entziehen. Karl sah sofort, daß Sörensen berauscht Ivar, und daß der Sohn unter seinein Atem litt. Er ging hin, ergriff ihn behutsam beim Aermel und führte ihn auf die andere Seite des Limmers.„Setzen Sie sich hierher," flüsterte er,„und seien Sie doch ruhig! Glauben Sic, es wäre gut für den Kranken, daß Sie weinen?" „Nein, aber er war so stark," schluchzte Sörensen und versuchte vergebens, die Stinmie zu dämpfen.„Er konnte mich mit steifen Armen in die Höhe heben,— seinen eigenen Bater hob er wie nichts,— und ich war doch ein erwachsener Mann, als er nicht größer als ein Laib Brot war. Wie nichts hob er seinen eigenen Vater,— und jetzt liegt er da und muß sterben." „Sterben?" tönte es klanglos von Aage herüber, der, ohne sich zu regen, dalag, das Gesicht nach der Wand hin. „Er sagt, ich müsse sterben! Aber er ist ja betrunken." Sörensen fuhr auf.„Das solltest Du nicht sagen vom Abstinenzlerw— i... von Deinem eigenen Vater!" rief er mit einem Anlauf zu väterlicher Autorität. Dann sank er wieder auf den Stuhl hinab und fing an. still zu weinen. Aage lag immer noch mit dem Gesicht nach der Wand, ohne sich zu regen; allmählich begann er, vernehmbar zu atmen, als ob er schliefe. Karl saß auf dem Stuhl an seinem Lager und starrte mit finsterer Miene vor sich hin; und drüben am Fenster saß Sörensen und ließ den Kops hängen. Er schwankte ganz schwach hin und bcr. preßte von Zeit zu Feit die Augen zusammen und legte den Kopf mit einem Ruck hintenüber, um eine stranime Haltung anzunehmen. Auf diese Weise verliefen zwei Stunden, dann fing Sörensen an. fidi leise zu räuspern, er schluckte einige Male mühsam, blickte unruhig prn sich und stand endlich auf.„Sie bleiben wohl hier?" flüsterte er Karl zu.„Denn ich habe eine kleine Besorgung zu machen." Und still schlich er zur Stube hinaus. Aage begann, im Schlaf zu stöhnen und den Kopf hin und her zu werfen. Plötzlich öffnete er die Augen und starrte entsetzt an sich hinab. Sein Blick schien zu verraten, daß ihm sein eigener Körper fremd vorkam und daß er sich von ihm zurückziehen wollte, aber nicht konnte. Da fiel sein Auge aus Karl, und hastig richtete er sich in die Höhe.„Auf," sagte er. „auf! Wir müssen fliehen! Aber schnell, schnell!" Er nahm Karl bei der Hand und steckte die Leine zum Bett hinaus,— die Lähmung war gewichen. Er richtete sich vollständig auf, taumelte aber und fiel wieder zurück. Karl lief hinunter und bat die Leute, den Arzt zu holen. Als er wieder hinaufkam, lag Aage auf dem Rücken und kämpfte; das Laken hatte er ganz zerfetzt, und der eine Fuß hatte den Bettüberzug durchbohrt, so daß die Federn ihn in einer Wolke umflogen; er lag da, stieß mit den geballten Fäusten und den Knien in die Luft und rief bei jedem Stoß: „Kä, kä!" Plötzlich packte er mit beiden Händen zu; es sah aus, als nähme er einen großen Körper und schlüge damit gegen die Wand. Seine Knöchel stießen gegen den Kalk, so daß blutige Flecke und Hautfetzen zurückbticbcn.„Da! Da!" rief er und fuhr fort, seinen Feind gegen die Wand zu häinniern, und zuletzt schleuderte er ihn über sich weg auf den Fußboden. Dann lag er wieder still da, der Schaum trat ihm aus dem Munde, und seine Glieder bebten. Und wieder raffte er sich auf, ergriff den Tisch mit beiden Händen, zerbrach die Tischbeine und schleuderte ihn nach dem Ofen hin. Karl war in eine Ecke geflohen; von dort beobachtete er entsetzt den Freund, der jetzt mit gespanntem Ausdruck dalag, als lauere er auf den rechten Augenblick, um einen Ausfall zu unter- nehmen. Darauf wanderte sein Blick grübelnd in die Runde, traf auf denjenigen Karls, ohne daran haften zu bleiben, und verweilte bei dem Kopftsil des Lettes. Eine Zeitlang knirschte er mit den Zähnen und betrachtete es mit zurück- gelehntem Kops: dann umfaßte er hastig die beiden Pfosten und zerrte, krachend löste sich der Kopfteil vom Bett, und dieses fiel mit dem einen Ende auf den Fußboden. Wieder lag er eine Weile mit seinem zufriedenen Aus- druck still da, doch dann begann er, von neuem zu arbeiten, offenbar in der Absicht das Bett ganz unter sich zu zerbrechen. Er suchte nach einem Stützpunkt für die Hände und bemühte sich, das Fußteil durch Stöße, Tritte und schaukelnde Be- NkinamiZ zeigt, welch groge Verdienste Aßmanil sich um die Lust- schiffahrt durch die Erforschung der Luft, durch Wetter- und Waritungsdienst erworben hat. DaS Ergebnis der Riesenarbeit hat er in einem dreibändigen Werk„Wissenschaftliche Luftfahrten" nieder- gelegt, das jetzt und auch in späteren Zeiten als das grundlegende und klassische Werk der Aerologie anzusehen ist. �ils Sportsmann in englijchec Kriegsgefangenschaft. - In einem der„V. Z. cm Mittag" zur Verfügung gestellten Privatbriefe aus London vom 31. März finden sich folgende inter- cssanten Mitteilungen über den in englische Kriegsgesangenschaf geratenen„Lawn-Tennis-Meister" F r o i tz h e i in: »Ich schreibe Dir heute wieder, um Dir mitzuteilen, dag ich gestern Froitzheim besuchte. Ich war der erste Besuch, seitdem er in Domington.Hall ist. Er sieht glänzend aus und ist sonnenverbrannt.— Ich fuhr um 9 Uhr 3» Min. von London ab und war per Exprehzug und Auto i7 Meilen von der Station) um 2 Uhr bei ihm und blieb bis ö Uhr, so dag Ivir uns ganz un- gestört unterhalten konnten; nur gelegentlich ging ein Offizier durchs Zimmer, der sich gleichfalls an der Unterhaltung beteiligte. — Ilm 41- Uhr bekamen wir Tee, sehr gut, von einem deutschen Kellner serviert, der mich von einem Cityrcstaurant her kannte. Man kann dort alles haben wie in einem Hotel. Auch eine schöne Bar ist da.— Das Wetter war herrlich. Das Schloß liegt wunderbar in einem großen Park, wo das Wild und die Rehe frei herumlaufen. In einem Teil des Parkes, mit See können die Ge- fangcncn nur eine halbe Stunde weit spazieren gehen.— Froitzheim sagte, er sei gut aufgehoben. Tie Zimmer sind alle sehr groß, einfach eingerichtet; von dem Kasino(Speisezimmer) hat man einen sehr schönere Ausblick. Die' Gefangenen dürfen jetzt auch Ivicder mehr Briese schreiben und Pakete und Briefe unbegrenzt erhalten. Bis jetzt sind etwa 7g Gefangene, mit Bedienung, Köchen usw. 95 Personen im Schloß, doch werden im Park weitere Hütten mit guten Betten ustv. gebaut. Als ich hinkam, wurde gerade Sqnasb Racket gespielt; außerdem wird täglich, ivcnn es das Wetter erlaubt, Fußball,.Hockeh, Lawn-Tennis gespielt. Der Kam- Mandant ist sehr licbenslvürdig und. zu Froitzheim sehr nett und erlaubt alles; er ist selbst ein eifriger SportSmann und fördert alle Spiele sehr. Während ich da war, kam auch noch ein englisches Miidchen, das einen Offizier besuchte. Eine Freundin van ihr, Miß Green, wartete außerhalb des Parks, da sie keinen Erlaubnis- schein hatte und nur in Begleitung ihrer Freundin mitgekommen war. Als sie hörte, Froitzheim sei da, den sie offenbar von einem Nottinghainturnier kannte, fragte sie gleich nach Rahe und Klein- chroth und war cnttäucht(!), nicht alle anzutreffen, da sie ihre alten Freunde gern gesprochen hätte." Soioeit der Brief. Hoffen wir, daß auch andere Gefangene, nicht nur internationale Sportberühmtheiten, es so gut getroffen haben! Sie Erforschung öes neunten �upitermonöes. Im vorigen August kam die Nachricht von der Entdeckung des neunten Jupitermondes durch Seth Nicholson am Lick-Observatorium in Kalifornien. Der Entdecker hat jetzt über genauere Einzelheiten und über die Bestimmung der Bahn des neuen Satelliten berichtet. Danach werden der 8. und der 9. Mond nach Iveiterer Erforschung eine sehr genaue Schätzung des Gewichtes des Jupiter er- möglichen; es würden jedoch noch eine Anzahl von Jahren für die Beobachtungen, die die Grundlage dazu liefern sollen, nötig sein. Die Entdeckung des neunten' Jupitermondes ist eine außer- ordentliche optische Leistung, da es sich um einen Stern 19. Größe handelt; das bedeutet, daß sein Licht 62 OVO mal verstärkt werden müßte, um es dem eines Sternes voil 6. Größe, des schwächsten, der für ein bloßes Auge sichtbar ist, gleichzumachen. Am 2'2. Juli borigen Jahres wurde eine Photographie aufgenommen, um die genaue Lage des achten Jupitermondcs festzustellem Die Schnelligkeit der Bewegung dieses Satelliten unter den Sternen war bekannt, und das Teleskop winde so eingestellt, daß es ihr folgte, damit das photographische Abbild des Mondes als ein Punkt erschien, während die feststehenden Sterne sich als kleine Striche zeigten. Dabei traf es sich sehr glücklich, daß der unbekannte nennte Mond in großer Nähe war und sich mit nahezu derselben Geschwindigkeit durch die Sterne bewegte wie der achte; so erschien auch sein Bild als ein Punkt auf der Platte. Anderenfalls wäre sein Licht zu schwach gelvesen, um irgendeinen merklichen Eindruck zu hinterlassen. Es Ivar nötig, an mehreren Tagen Photographien aufzunehmen, ehe mit Sicherheit behauptet werden konnte, daß diese zarten Flecken nicht nur Fehler der Platte, sondern wirklich Bilder eines Himmelskörpers waren. Der Durchmesser des iteuen Mondes beträgt wahrscheinlich etwa 16 Kilometer, seine geringste Entfernung vom Jupiter gegen� 22 Millionen Kilometer; er würde also von diesem aus als ein kleiner teleskopischer Stern von 12. Größe erscheinen und als Lichtspender völlig unwirksam bleiben. Seine größte Entfernung vom Jupiter beträgt etwa 37 Millionen Kilometer, ist also fast so groß als einige Entfernungen zwischeil den Planeten. Unglaubliche Schützengrabenbilöer. Ein Offizier schreibt vom westlichen Kriegsschauplatz der„Köln. Volkszeitung": „Wie oft haben wir uns ärgern müssen über die unglaublichen Bilder, die seit einem halben Jahr in vielen illustrierten Blättern und Zeitschristen über das Schützengräbenleben erscheinen! Wir habeu eine Sammlung derartiger völlig unmöglicher Bilder an- gelegt�und nach dem Kriege lvird sich wohl noch Gelegenheit finden, diese Sachen in das richtige Licht zu rücken; das gilt vor allem auch von den Unterständen. Und hier kann ich den Herren Kriegs- bcrichtcrstattern den Vorwurf nicht ersparen, daß sie hier und da durch nicht zu'rechtfertigende Verallgemeinerungen bei Millionen deutscher Zeitungsleser einen völlig falschen Eindruck hervorgerufen haben darüber, wie es vorne an der Front aussieht. Ich erinnere mich einer Beschreibung eines MannschastsnnterstandeS, Ivo es— ich zitiere sinngemäß— etwa hießt— Ter Unterstand ist über zwei Meter hoch; der Fußboden ist mit Brettern belegt, Breiter sind an den Seitenwänden, ebenso an der Decke. Ein Spiegel ist an der Wand, Waschgeschirre sind vorhanden. Die Schlafstellen, rechts und links für eine Gruppe, enthalten reichlich Stroh und sind mit Brettern eingefaßt, so daß kein Stroh in dem übrigen Raum des Zimmers umherliegt. In diesem Ton ging es weiter... Ich habe nun vier Monate in den Argonnen gelegen und es wäre uns sehr lieb gewesen, wenn dort einmal ein Kriegsberichterstatter bin- gekommen wäre, was freilich aus Gründen persönlicher Sicherheit — denn die Kriegsberichterstatter sind schließlich nicht dazu da, daß sie verwundet oder totgeschossen werden— unmöglich ist. Dort hatte unser Regimentskommandeur einen Unterstand, in dem es fortwährend auf den Tisch regnete. Der Unterstand war etwa 1,50 Meter hoch, hatte Bretter auf der Erde, ebenfalls an der Decke. Tie Wände: Erde init Reisig verkleidet; ein kleiner Tisch war da, einige Stühle, das Ganze sehr klein. Der Regimentskommandeur schlief auf Stroh, das sehr selten einmal erneuert werden konnte. So sah der Unterstano des Kommandeurs aus, und jeder wird sich hieraus ein Bild, machen können, wie wir Offiziere und wie die Mannschaften die ganzen Regenmonate in den Argonnem gelegen haben. Also man soll nicht verallgemeinern. Mag sein, daß es in dem unendlich weiten Bereiche unserer Schützengräben hier und da eine Stelle gibt, wo man so fürstlich wohnt. Wir haben davon wenig gemerkt. Auch mit dein Musizieren usw. sieht es anders aus. Ich beneide alle Kameraden, die sich solches leisten können und gönne es ihnen von Herzen. Wir haben das zweifcl- hafte Vergnügen, seit Monaten Tag für Dag(und neuerdings auch nachts) unter dem Drucke eines vorzüglich gezielten französi- scheu Artilleriefeuers zu liegen und da hat man, stets im Anblick von Verwundeten und Toten, ganz andere Gedanken." zweijähriges Kind, das plötzlich geweckt worden ist und nun in den Armen der Mutter mit den Beinchen strampelt und entsetzlich schreit, erregt allgemeines Aergernis. Die Mutter tut alles Mög- liche, um es zu beruhigen: sie wiegt es, sie sckmukelt es, sie setzt es auf die Erde, und als gar nichts mehr helfen will, sagt sie. indem sie auf den Zeppelin zeigt:„Wenn Du jetzt nicht glcick, ruhig bist, lasse ich Dich von dem bösen Onkel Zeppelin mitnchmcnl" Zeppelin über Paris. Eins lebendige Schilderung des Zeppelinfluges über Paris finden wir in der Zeitschrift„L'Oeuvre"; sie stammt aus der Feder einer Dame und lautet also;„Ein Geräusch von eiligen Schritten aus der Treppe und lautes Stimmengewirr� das sich von Stock- werk zu Stockwerk fortpflanzt, wecken inich jählings aus dem Schlafe. Ich habe aber kaum das elektrische Licht angedreht, als ich rufen höre:„Auslöschen! Aber, zum Teufel! löschen Sie das doch aus! Ein Zeppelin kommt!" In demselben Augenblicke zerreißt eine furchtbare Detonation, der ein dumpfes, bald fern, bald nah klingendes Schießen folgt, die Luft. Ein Dienstmädchen ruft vom sechsten Stock herunter:„Ach sehen Sie doch, sehen Sie doch, wie schön diese Leuchtkugeln sind! Gerade wie am 14. Juli!" Seine Herrin befiehlt ihm, sofort herunterzukommen. Das Mädchen kommt, nur halb angezogen, mit einigen Briefen und der Photo- graphie eines Soldaten in der Hand. Eine alte Dame fragt es: „Was haben Sie denn da? Wahrscheinlich ein Gebet gegen un- vorhergesehene Unglücksfälle?!"—„Nein, es sind die Briefe und das Bild meines Bräutigams. Man kann doch nie wissen, und wenn nun ein Funken ins Zimmer fiele!"... In den merkwürdigsten Nachtgcwändern und zitternd vor Kälte sind alle Haus- bewohner in die Gasse hinuntergestiegen, weil die Feuerwehr mit dem Signal„Rette sich, wer kann" vorüvergcsaust ist. Und da stehen loir nun, Nase und Augen nach oben gerichtet, um das großartige und tragische Schauspiet, das sich in den Lüsten ab- spielt, zu schauen. Die Scheinwerfer— gleich riesigen Schlangen, die nach der dunklen Wölbung züngeln— beleuchten von Zeit zu Zeit das Ungeheuer, dessen Lichter wie im Rhythmus einer regelmäßigen Atmung bald aufleuchten, bald erlöschen und an ein Fabeltier mit phosphorglühcnden Augen erinnern. Eine Frau, die mit nackten Füßen in Pantoffeln steht, flüstert glückselig: „Gut, daß ich zur rechten Zeit aufgewacht bin, sonst hätte ich nichts gesehen." Der Pförtner des Hauses sagt mit nicht gc- ringem Stolz:„Gerade über unserem Hause." Ein Hausbewohner aber will das nicht anerkennen:„Sie irren sich," spricht er voll Würde,„es ist viel weiter drüben." Eine Dame in vornehmem Nachtkleid meint:„Ich Hab mir gleich gedacht, daß heute noch etwas passiert: mein Papagei war gestern so unruhig!" Ein Wafteröichte Uniformen. Der Pariser Akademie der Wissenschaften ist von dem ftädti- scheu Laboratorium von Ronen ein Bersahren zugegangen, das Uniformen wasserdicht zu machen imstande sein soll, was für die im Felde stehenden Krieger von ganz erheblicher Bedeutung wäre. Danach ist das aus dem Wollfett der Schafe gewonnene Lanolin imstande, bei bestimmter Verwendung der Stoffe voll- kommen wasserdicht zu machen; es wird in Chloroform oder Tetra- chlorkohleustoff aufgelöst und dann mit Benzin verdünnt; in diese Lösung wird die ganze Uniform samt allen Litzen. Abzeichen usw. eingetaucht; danach schlenkert man sie etwas aus und läßt sie an der Luft trocknen. Das Ergebnis soll sein, daß man in einem so behandelten Tuchstücke, das man geeignet zusammenfaltet, Wasser tragen kann, ohne daß auch nur ein Tropfen hindurchdringt. Das Aussehen, die Luftdurchlässigkeit und die Elastizität des Tuches bleiben bei diesem Wasserdichtmachen, wie berichtet wird, unver- ändert._ Der Gemütszuftanö der Kriegsgefangenen. Der schweizerische Bundesrat Engster, der, wie bekannt, im Auftrage des Internationalen Roten Kreuzes verschiedene Gc- fangcnenlager besichtigte, hat auf Grund der hier gemachten Bcob- achtungen die hervorstechenden Merkzeichen der Psychologie des Kriegsgefangenen zu skizzieren versucht. Die Mehrzahl der Leute, die er sah, ivaren in dumpfem Schmerz versunken, grübelten düster vor sich hin und waren immer von der fixen Idee an die Front, dem Geschick ihrer Wafsengefährten, der Erinnerung an ihr Haus und an ihre Familie beherrscht. Sie zermarterten sich das Gehirn, um zwischen den Zeilen der amtlichen Mitteilungen des Feindes zu lesen, dessen unfreiwillige Gäste sie sind, und zu dessen Wahrheitsliebe sie kein Vertrauen haben. Manche, insbesondere unter den Russen, stehen unter dem Banne der Angst, nach ihrer Rückkehr in die Heimat vor ein Kriegsgericht gestellt zu werden. Ändere wieder haben den heißen Wunsch, in die Fcucrlinie zurückzukehren. Diese moralischen Qualen der Gefangenen werden noch durch die körperliche Pein, die ihnen die Entbehrung der gewohnten Gennßmittel bereitet, gesteigert. Vor allem leiden sie darunter, daß sie des Alkohols und des Rauchgenusscs entbehren müssen. Und am allerwenigsten können sich die Russen, die trotz Tolstois Warnung leidenschaftliche Raucher sind, zum Verzicht aus den Tabak verstehen, den sie durch irgendein pflanzliches Surrogat und Papierschnitzel kümmerlich zu ersetzen suchen. Eine kleine Minderheit der Gefangenen, die die geistige Aristokratie dcS Lagers darstellt, sucht allerdings für die entgangenen narkotischen Reiz- mittel einen Ersatz durch ästhetische Unterhaltungen. Die Kom- Mission des Roten Kreuzes fand in den Lagern ditettiercnde Maler und Bildhauer, die fleißig bei der Kunstarbeit waren. In einem der deutschen Lager wurde ihnen ein Sängerchor von zweihundert französischen Gefangenen vorgestellt, die unter Leitung eines ge- fangenen Dirigenten und 5lumponisten überaus schwermütige Lieder eindringlich zu Gehör brachten. Alles, was sie sangen, trug über- Haupt das Gepräge einer tiefen Traurigkeit. Notizen. — Vorträge. Die Ortsgruppe Berlin des Deutschen Mo- nistenbundcs hat eine Reihe populär-wissenschastticher Vorträge in Aussicht genommen. Den ersten hält Dr. M. H. B a e g e am Diens- tag, den 13. April, abends 619 Uhr, in der Brauerei Patzenhofer, Turmstr. 25/26, über das Thema:„Haben die Tiere eine Seele?" Eintritt 39 Pf. an der Abendkasse. Verkaufsstellen für Mitglieder der Gewerkschaften usw. 29 Pf.— Aus der Treptow- Sternwarte beginnt am Dienstag, den 13, April, abends 7 Uhr, Dir. Dr. F. S- Arche»hold eine Reihe von Vorlesungen unter Vorführung zahlreicher Lichtbilder über:„Die Bewohnbarkeit der Welten". Das Thema für den ersten Vortrag heißt:„Einführung in die Astronomie." — Das Stroh m eh I. Die von amtlicher Seite bor« genommene Prüfung des Friedeuthalschen Verfahrens zur Herstellung von Strohmehl ist inzwischen zum Abschluß gelangt. Sie hat zu dem Ergebnis geführt, daß die B r o t b e r e i t u n g als bedenk- l i ch anzusehen ist, weil das Mehl chemische Stoffe enthält, die der menscklichcn Gesundheit abträglich sind. Wohl aber kann das nach dem Verfahren hergestellte Slrohnichl mit sehr gutem Nutzen zur Fütterung von Wiederkäuern Verwendung finden, da hier schädigende Einflüsse nicht in Frage kommen, dagegen aber die im Stroh enthaltenen Nährwerte durch die Art des Mahlens voll zur Geltung gebracht werden. wegungeil loszubrechen) die Zunge steckte etwas heraus zwischen den Lippen, die Augen lachten schadenfroh, sein Ans- druck war der eines boshaften Knaben. Aber dann wurden seine Beine ruhig. Ter eine Fuß hatte sich in das zerrissene Teckbett verwickelt,— er versuchte, ihn herauszuziehen, brachte es aber nur zu einem leichten, kraftlosen Zappeln— dem letzten. Tot fielen die Arme herab, als hätte die Lähmung auch sie ergriffen: zuerst starb der eine Arm ab, und als er ihn mit leisem Aufschrei mit dem anderen heben wollte, starb auch der, mitten in der Bewegung, und fiel schwer auf seine Brust herab. Nur den Kopf konnte er noch bewegen. Er drehte ihn hin und her, bis er entdeckte, daß er damit die Wand erreichen konnte: da hieb er kräftig zu und fuhr fort, mit der Seite des Kopfes gegen die Mauer zu schlagen, bis Karl sich so weit von seinem Entsetzen erholte, daß er das Kissen dazwischenstecken konnte. In diesem Augenblick ging die Türe anf, und Else glitt über die Schwelle. Sie wurde verlegen, als sie Karl sah, doch dann reckte sie sich trotzig ans und ging zu dem Liranken hin, der schwach ächzend dalag. Mit vereinten Kräften hoben sie das Kopfende zn seiner natürlichen Höhe. Aage verdrehte angestrengt die Augen, um sehen zn können, und Karl legte seinen Kopf ans die Seite.„Geh," hauchte Aage kaum hörbar und sah ihn zärtlich an. Karl nickte: er wollte etwas sagen, aber es wurde erstickt, und in stummer Verzweiflnug legte er seine Wange an die Aages und umfaßte seinen Kopf. Und Aage sah ihn an, mit einem Blick voller Fürsorge, wie in alten Zeiten,— und mit einem Schmerzenszng, weil er die Liebkosung des Freundes nicht vergelten konnte, nicht einmal durch einen Händedruck. Dann richtete Karl sich auf und stürzte, einen Ausbruch unterdrückend, ans dem Zimmer. Karl lief und lief. Er verließ die Stadt nach Norden und eilte, die hohen Hügel hinan: das Entsetzen folgte ihm, und in ihm rang und rang es, als wollte das Herz sich ihm bis zum Munde herausdrängen und ihn ersticken. Er konnte toben vor Knmmer, konnte vor Wut über die himmelschreiende Ungerechtigkeit des Lebens mn sich beißen und schlagen. Aber das war. als ob man in Watte hineinriefe, in Bettfedern hineinschlüge: überall quoll die Willkür, grau, grenzenlos und unersetzlich! In ihm arbeitete eine unbändige Forderung, von Angesicht zu Angesicht einer Verantwortung gegenüber- zustehen, einem Etwas, den: er seinen Fluch entgegenschleudern könnte— einer Vorsehung! Und wild griff er nach allen .Verantwortlicher Redakreur: Alfred Wielepp, Neukölln. Für den Seiten, um sich selbst darzubieten— zum Kampf oder als Opfer. Ja, oder als Opfer, denn nichts weckte die Erbitterung und den Unwillen in ihm wie dies: daß er selber frei aus- ging und dieser junge Riese zu Boden geschlagen werden sollte! Einer so enipörenden Ungerechtigkeit hatte er sein Leben zu verdanken. Und dann diese verfluchte, ewig verfluchte Ver- antwortungslosigkeit allerorten! Lächelnd wie ein kleines Kind, das lebendige Fliegen zerreißt-- Gegen Abend kehrte er zurück. Aage lag ohne Bewußt- sein, seine Mutter jammerte neben ihm, sie bettelte, weinte und umfaßte seine Schultern, um ihn aufzurütteln.„Sieh mich doch an und sag, daß Du mich kennst," wehklagte sie,„bin ich denn nicht Deine Mutter? So leb doch wieder auf hier an der Brust Deiner Mutter!" Und sie legte ihren Busen gegen sein Gesicht. Drüben am Ofen stand Sörensen mit idiotischem Aiisdruck, er war noch berauschter als vorher. Und in eine Ecke gedrückt saß Else und starrte mit trockenen, heißen Augen vor sich hm. Karl konnte das nicht ertragen. Die hysterische Mutter und der betrunkene Vater, Elses stummes Leid und der Sterbende selbst, dessen Kopf auf die Seite fiel, so oft die Mutter ihn zu sich aufrichtete,— das alles lastete auf seiner Brust mit haarsträubendem Schauder und zwang ihn zur Flucht. In der folgenden Nacht starb Aage Sörensen. 33. In der kleinen Plätterei waren Traulichkeit und Einheit geschwunden. Else weinte in den Ecken und ließ den Kopf hängen, den lieben langen Tag: sie sprach nicht, und wollte jeinand versuchen, sie zu trösten, so wurde sie erst recht un- tröstlich. Ein mitfühlender Blick genügte, sie in die herz- zerreißendste Verzweiflung zu stürzen, und man mußte sie mit der größten Vorsicht behandeln. Die Mutter hatte nicht das feine Auge für ihren Zustand und die daraus folgende Empfindlichkeit,— sie war durch ihre eigenen Angelegenheiten zu sehr in Anspruch genommen. Das Verhältnis zwischen ihr und dem älteren Bänder wurde mit jedem Tage vertrauter: die Lust, ein wenig zn sckssikern, leuchtete den beiden aus den Augen,.und sie gingen beiseite, damit ihre eigene Freude nicht gar zu brutal in den Kunimer der anderen gellte. Auch Karl trauerte. Und noch lebte in seinem Innern die qualvolle Bitterkeit, die er empfunden hatte, als er den einzigen ganz gesunden, harmonischen Menschen, den er kannte, den er bewundert, geliebt und beneidet hatte wie keinen anderen,— mitten in seiner schönen Jugend und Kraft ge- fällt sah, zu Boden gestreckt durch einen Schlag der brutalen Faust des Todes. Hierbei kamen er und Else einander näher. Es gab etwas, das den beiden allein gemeinsam war, etwas, das sie teilten, ohne der Worte zu bedürfen, bloß indem der eine dem andern nahe war: und sie sahen einander an, ohne Ab- ficht, ja ohne Gedanken, bloß mit der schwachen Empfindung, daß irgend etwas in ihnen wachse, langsam, durch Tage und Wochen, wie die Saat auf dem Felde wächst. Doch dann zog Else sich plötzlich in sich selbst zurück. Tie stunnne Verzweiflung in ihrem Blick und Wesen wich einem Ausdruck andächtigen Lauschens und Erstaunens: einige Tage ging sie umher wie einer, der Tinge sieht und hört, die andere nicht beobachten können. Karl erriet schnell, woran es lag. Und der Umstand, daß die Mutter sich jetzt wieder ganz an sie anschloß, aufmerksam und fast übertrieben besorgt wurde und sie beständig mit jenem bedeutungsvollen Blick verfolgte, sagte ihm, daß er richtig geraten habe. Die beiden Frauen hatten angefangen, über etwas zu wachen— über einem Keim zum Leben: aber für sie hatte dieser Lebenskeim schon Fleisch und Blut an- genommen und erhob Anspruch auf Liebe. Und für Else würde dieser unsichere Trieb mehr sein als alles entfaltete Leben der Erde, er würde Ströme von Herzblut, alle ihre Gefühle erfordern, noch bevor er sich aus ihr entwickelte: und bis weit in die Zukunft hinein würde es nichts ohne dieses Wesen geben, bis sie vielleicht einmal in zwanzig Jahren wieder als selbständiger Mensch erwachte, ältlich, neugierig gemacht durch die ersten erotischen Erlebnisse ihres eigenen Kindes— wie die Mutter. Am Tage nachdem Karl durch den Vater Gewißheit über seine Vermutung erlangt hatte, packte er seinen Koffer und fragte:„Bist Du nun bereit aufzubrechen, Vater?" Der Alte zuckte mit den Achseln:„Wer weiß, ob ich irgendwo so gut aufgehoben bin wie hier. Und außerdem,— ich habe mir wirklich Deinen Rat von neulich durch den Kopf gehen lassen und denke daran, mich zu verheiraten. Aber reise Du, mein Junge! In Deinem Alter muß man etwas erleben."(Schluß folgt.) Inseratenteil verantw.: Th. Glocke. Berlin. Druck u.VerIag:Vorwärt»Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW.