fr i9i5. Unterhaltungsblatt öes vorwärts /lbraham Lincoln. �Ermordet am 14. April 1865.) Tie Vereinigten Staaten von Amerika umfassen einen Flächen� räum, der gerade so grob ist wie ganz Europa. DaS Völtcrgemisch, das unter dem Präsidenten der Union lebt, ist noch bunter als das Europas. Nicht nur sind alle Völker Europas Siedler der neuen Nepublit geworden; auch die Urbevölkerung, Neger und Indianer, l'aben sich in das demokratische Staatsivesen eingegliedert, und eine starke ostasiatischc Einwanderung hat die Mannigfaltigkeit der Nassen, Völker, Stämme in einem Staatswesen noch vermehrt. Tennoch bat die demokratische Verfassung der Vereinigten Staaten seit ibrer Eoslösung von England in den HCl Jahren ihres Bestandes erreicht, was in dem Europa der Selbstzerfleischuiig noch immer für eine hoffnungslose Utopie erklärt wird: ein Band umsctilingt das ungeheure Gebiet und alle die verschieden farbigen, verschieden sprechenden Millionen von Menschen. E i n Oberhaupt regiert über ein Gebiet von einer Größe, zu deren Beherrschung in Europa rund 50 Fürsten und Präsidenten vorhanden sind. Nur einmal war diese Einheit vor eine gefährliche Krisis geführt. Ter Präsident aber, unter dem die Gefahr überwunden wurde, isi Abraham Ein colli gewesen, dem die Geschichte den edelsten Beinamen gegeben hat, den je ein Staatsoberhaupt er- halten: der Sklaven befreie r. Weil er aber Sklavenbefreicr geworden, wurde er vor 50 Jahren— auf der Höhe seines Erfolges — ermordet. Wenn ein deutscher Geschichtsschreiber das Eeben und Wirken eines deutschen Staaismanncs schildert, so beginnt er mit der Ge- schichte seiner Ahnen: und sein historischer Ehrgeiz wird erst dann befriedigt, wenn cS ihm gelingt, nochzuweisen, daß ein Urvater des herrlichen lÄcsch'echts schon unter Gottfried von Bouillon ins Viorgenland gezogen, Ungläubigen die Äöpfc abgeschlagen und mit Beute� reich beladen auf sein deutsches Schloß endlich zurückgekehrt fei. T ie National Helden der nordamcrikanischcn Republik sind von anderem Schlag. Dat Eincoln-Musemn bewahrt als Heiligtum jene armselige Blockhütte auf, die der Knabe einst für seine Eltern irgendwo in der Einsamkeit des Staates Illinois errichtete. Abraham Eincoln ist als Sohn eines kleinen, bettelarmen Bauern in Wild-West, in Kenluckt). 1800 geboren. Die Familienverhältnisse sind nicht einmal sonderlich geordnet. Schulbildung wird ihm so gut wie gar nicht zuteil. Er ist ein liochausgeschossener Bube mit starken, ungelenken Knochen. Aber seiner Umgebung ist früh jenes„Brüten" aufgefallen, das die bedeutenden Persönlich- leiten kennzeichnet. Und von Anfang o» treibt ihn die beherrschende Idee, von der er seit seiner Kindheit besessen ist: der Kamps gegen die Sklaverei, die er in seiner südlielien Heimat unmittelbar erlebt. Tas fast verwahrloste Kind muß für den Unterhalt der Familie mitrackern; Abraham taglöbnert bei benachbarten Farmern, er wiegt fremde Kinder, hütet Vieh, hilft im Kramladen den Hinterwäldlern verkaufen. Von Ansang an aber verschlingt er jedes bedruckte Blatt Papier, dessen er habhaft werden kann. Bald versucht er auch die Ersahrungen und Betrachtungen seines kleinen Taseins niederzuschreiben: zuerst, da das Papier rar ist, mit Holzkohle auf ein weißes Brett, dann in Reinschrift säuberlich aus Papier. Er ist mitleidig, gütig, rechtschasfeu und gerecht; dabei von einem kräftigen Humor, dessen Schnurren auch späterhin die staats- mäniiischen Akte höchst unfeierlich beleben. Er bat eine feurige vseele und einen energischen Willen. Und da er, wenn es not tut. sich auch durch seine mächtigen Fäuste Achtung zu verschaffen vcr- siebt, ivird er bald unter seinen Jungen Führer. Mit>0 Jahren iit er Schiffsknecht auf dem Mississippi,„halb Pferd, halb Alligator". Tann treibt er allerlei. Heute ist er Eotse, morgen Verkäufer; ein- mal Müllcrgcsell, schließlich sogar der unblutige Anführer einer Erpcdition gegen einen Jndtanerhäuptling. Er macht sich selb- nändig, gründet ctn Geschäft, verkracht elend und muß, mit Schulde» belastet, von neuem beginnen. Inzwischen lvaren Rechtsbücher seine EiebtiiigSlettüre gc- worden. So übt er seinen Verstand in Rechtsfragen und gewinnt praktisches Wissen. Und eines Tages ist er Rechtsanwalt, der es bald zu Ansehen bringt. Er ist dabei durchaus kein nüchterner Mann der Geschäfte und Tatsache». Ter Tod einer Jugendgclicbtcn erschüttert ihn so gewaltig, daß ma» für sein eigenes Leben fürchtet. UebrigenS erbarnite sich seiner, als er zu einigem Wohlstand gc- langt war, eine Dame aus der besseren Gesellschaft, die ihm als «Oatttn die Hölle gründlich heizte und auch hernach vor dem mäch» l'gen Präsidenten keinen Rcspctt bezeugte; er blieb für die gebildete .Tantippe der Bauer. Tic politische Tätigkeit getvinnt ihm langsam Geltung. Er ist seinem ganzen Wesen»ach konservativ. Nur seine Ecbensaufgabc. sej Ueberfluß. Voll Martin Andersen N c x ö. «Schluß.) Als Kart fertig gepackt hatte, machte er einen Spaziergang in die Stadt, um noch einmal die Orte zu sehen und zu betreten, Ivo er gelebt und gelitten,— aber auch genossen hatte, zum erstenmal in seinem Leden. Aus einem freud- tosen Schwächling war er hier zum Menschen geworden; das Tasein hatte sich ihm in DstiteS und Böses geschieden,— das Böse jedoch überwog. Eindrücke und Erinnerungen ninschwirrten ihn; wie im Halbschlaf ivailderte er über den Kirchhof. Hier an der Mauer liattcn er und Else Sckmh vor dem Herbststurm gesucht, dort stand die Traueresche, wo Frau Sörensen ihn mit ihren vcr- zweifelten Eheangeboten überfallen hatte. Und dort am Ende der Pappelallcc,—— es durcsiwogte ihn, seine Kehle war lvic zilsammengeschnürt. Es kämpfte heftig in seiner Seele beim Anblick des blumengeschmückten Grabes; hastig bog er in einen Seitenweg ein und ging herum, blieb hier und da stehen, zwang seine Aufmerksamkeit, auf etwas zu verweilen, so daß er zur Ruhe kommen konnte,— und beruhigte sich wirklich. In der einen Ecke des Kirchhofs, mitten zwischen allen den Armengräbern, lag, an die Mauer gelehnt, ein Schutt- hänfen; dahinauf stieg er. Er setzte sich auf die Mauer und ließ den Blick im Kreise schweifen, über die Hügel im Norden, wo das Bethans des Kandidaten sich zu erheben begann, hinab zu dem Häuschen von Dortea Hansen und weiter über die Stadt und Fjord und itand auf der anderen Seite. In leicht funkelnder Frühlingssonne lag das Ganze J5a, mit frisch- gepflügten Aeckern gleich dunkele»!, weichein Saint,— mit grünenden Feldern.-- Sonne, Lächeln, Verantwortungslosigkeit! Gleich unter ihm watete ein Bauer säend durch das weiche Erdreich dahin. Abgemessen und gerade lvie ein Rahmen lag das Feld da. doch der Wind nahm die Körner und wehte sie auf den Fahrweg und in das Gras an der Kirchhofsmauer. Tort konnten sie nutzlos wachsen— oder verkommen. Und so weit er blickte, hatte die Kultur das Leben einzudämmen gesncht. aber es dehnte sich bloß aus. über Gräben und Feld- Wege weg:»nd vielleicht gedieh am besten etwas von dem, das später zertreten werden würde. Und war denn nicht gerade das das Herrliche, daß das die Beseitigung der Sklaverei, erhebt ihn zu den großen Rcvolutio- nären der Geschichte. Ter Kampf gegen die Sklaverei beherrschte seit den dreißiger Jahren die öffentliche Meinung. Während es in den Nordstaatcn längst keine«klaven mehr gab— das Gebiet tlcincr selbständiger Farmer und eine rasch aufblühende Industrie hatte kein technisches Interesse an Sklaven—, bildete die Sklaverei die ökonomische Grundlage der Südstaatcn und ihrer Baumwollplantagen. Die Südstaaten waren, ein Reich von Großgrundvcsitzern, tulturcll weit hinter dem Norden zurückgeblieben. Aber sie beherrschten polt- tisch die Union. Als nun der sich entwickelnde Norden diese Herr- srbaft der Plantagen- und Sklavengewaltigen bcdrobtc, bemühte sich der Süden, das Gcvict der Sklavenstaaten zu vermehren und damit den Einfluß iui Kongreß zu erhalten. Wie Eincotn in die Partei- kämpfe entscheidend eingriff, handelte es sich zunächst nicht sowohl um die Abschass.ung der Sklaverei, als um den Kamps gegen ihre Ausdehnung und um die Vorherrschast des Nordens. 1860 wurde Lincoln, mit nicht großer Mehrheit, zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. Ter Gegensatz zwischen den Nord- und Südstaaten war zur Ablösung der Südstaaten gediehen. Mit den Stlcivenhaltern hielt es— Europa, besonders England und Frankreich. Eine Loslösung der Südstaatcn bedeutete für die cnropäisctien Industrieländer die Gewinnung eines Absatzgebietes für die Jndustrieprodukte; denn der auf den Export von Baumwolle angewiesene Süden der Vereinigten Staaten war naturgemäß sreibändlerisch, während der Norden seine Industrie durch Schutzzölle sicherte. Gelang eS also, die Südstaatcn abzusprengen, so wären sie der Markt der Jndustrieprodukte statt für den Norden der Union für Europa geworden. Tarum verteidigte Europa die Sklaverei. Lincoln begann seine Präsidentschaft keineswegs mit einer Proklamation gegen die Stlaverci. Er verteidigte vielmehr nur die Einheit der Union. Er widerstand dem Drängen seines eigenen Ministeriums, das die Einheit der Union dadurcb erbalten wollte, daß es Nord- und Südstaaten zu einer Intervention in Europa führte. Nach dem Abfall der Südstaatcn bielt Lincoln die AuScin- andersetzung in einem Bürgerkrieg für unvermeidlich. Und erst im Verlauf dieses vier Jähre dauernden Krieges warf er die Proklamation hinein, weiche den Sklaven der abtrünnigen Südstaatcn die Befreiung verkündete. Damit wurde cS Europa unmöglich gemacht, die Südstaaten mit Waffengoivalt zu unterstützen. Denn nachdem der Bürgerkrieg zu einer Frage der Sklaverei gemacht worden, konnten die europäischen Staaten nicht mehr offen die Waffen für Erhaltung der Sklaverei erheben. Ter nordaincrikanischc Bürgerkrieg gehört, vor dem Völker- krieg der Gegenwart, zu de» blutigsten der Weltgeschichte, obtoobl Lincolns Bemühen war, stille Humanität walten zu lassen. Er raffte 860 000 Menschen der Nordstaaten, 258 000 der Südstaaten hin. Der Süden litt furchtbar unter den Verwüstungen seines Bodens. Aber die Proklamation Lincolns vom 22. September 1862, die den Sklaven der Rebellenstaaten die Freiheit gab, wurde der Anfang eines neuen Amerika, die Grundlage jener ungeheuren Entwickelung, die seitdem die wieder ciniac Union revolutionierte. Lincoln wuchsen ringsum während seiner Präsidentschaft im eigenen Lager Feinde. Er selbst glaubte nicht an seine Wieder- wabl. Dennoch war er in Wirklichkeit, ohne es zu wissen, der Volks- tüinlichftc Mann feiner Feit geworden. Er war der anspruchslose Mensch der Masse gebtieben. Er fühlte mit den einfachen Herzen. Er war für jeden zu sprechen, hals überall, seine Briefe brachten auch dem Gcringsten Trost, Rat, Hilfe. So wurde er 1862 mit überwältigender Mehrheit tviederge- wählt. Tic Jnauguraladrcsse seiner zweiten Präsidentschaft vom 1. März 1865 ist die schönste Urkunde seiner Gesinnung und eine der edelsten staatSmännischen Kundgebungen der Geschichte. Sic schloß: Wir bosscn und flehen innigst, daß diese"grausame Geißel des Krieges bald von uns genommen werden möchte. Wenn es aber Gottes Wille ist, daß der Krieg dauere, bis all der von den Sklaven in unbezahlter Arbeit während 250 Jahren angesammelte Reich- tum verausgabt, und bis jeder durch die Peitsche vergossene Bluts- tropfen durch einen mit dem Schwerte vergossenen gerächt ist, dann können wir sagen, wie schon vor 8000 Jahren der Psalmist gesagt bat: Die Gebote des Herrn sind lauter, und die Rechte des Herrn sind wahrhaftig, allesamt gerecht. Lassen Sic uns versuchen, ohne Groll gegen irgend jemand und mit nachsichtiger Liebe gegen jeden. fest und standhaft im Rechten, so wie es uns Gott vergönnt, das Rechte zu erkennen, unsere Arbeit zu vollenden. Lassen Sie uns versuchen, die unserem Volle geschlagenen Wunden zu heilen, für die zu sorgen, die unter Schrecken und Not der Schlacht gelitten haben, und ihrer Witwen und Waisen zu gedenken, kurz, lassen Sie uns versuchen, alles zu lun, was ciitcit gerechten und dauern« Leben stell nicht abrichten nnd zweckvoll gestalten ließ? Ueber alle Ufer sollte es fließen und schäumen wie ein mächtiges Füllhorn, und das Ueberftießende war ebenso gut wie das, was innerhalb des Rahiuens blieb. Denn das Lebe» hatte lein Ziel über Leben. Sterben und Wiederanferstehen hinaus; es bestand darin, sich zu tuunuelu, bunt, unberechenbar, launisch, wie ein Füllen sich ans der Wiese tummelt, weil es nicht anders kau»; Blumeu auf die Gräber zu streuen und den Tod als Schaffner im Festhaus zu bestellen. Sorgloses, moralloses Leben! Ta schafft es einen Menschen nach seinein Bilde, gesund, schön, riesenstark, sorglos, lind kaum steht er da und will seine Kräfte gebrauchen, so öffnet sich ihm das Grab. Er hat eben noch Zeit zu einer letzten Sorglosigkeit, das Leben schlägt ibiu auf die Schulter, und er bricht zu- sammen, er und all seine Kraft. Aber aus der Kraftslocke, die er sorglos in ciucn lebeuswariuen Schoß warf, freudetrunken und ohne Absicht, entspringt neues Leben— und breitet sich vielleicht aus in tausend vagabondierenden Strömen, oder sammelt sich in einer Kraft, tausendmal größer wiederum als die seine, und erobert die Welt.--- Und da schafft das Leben einen anderen Menschen, erbärmlich und elend, hält ihn sechsiindzwanzig Jahre lang über den Abgründen, wo er an einem Lebensfaden so dünn wie ein Spinngeweb hängt, und läßt ihn alle Schrecken des Todes durchmachen. Sechs- ilndzwanzig Jahre auf dem Schaffott, während die Axt über seinem Kopfe schwebt! Und vernimmt er endlich den be- sreieudeu Laut der fallenden Axt, die wie Musik in sein Ohr klingt, so wird er begnadigt und wieder ins Leben entsandt— ein Freier: ein Krüppel. Und nun lächelt das Leben ihm, dem Krüppel, nnd liebkost die Haut, die von der zu nahen Berührung mit dem Tode versengt ist! Herrliches, sorgloses, unlnoralisches Leben! Der Sommer vergeht, und das Leben treibt Frucht, und eines Tages kommt man mit Sicheln und Harken und großen Wagen, um das Ganze ins Haus zu fahren. Aber Aehren werden abgeschnitten ohne Stroh daran, oder die Körner werde» herausgeschlagen, die Harke kann es nicht ausnehmen, es bleibt liegen. Und der Same rieselt und rieselt, wenn dos Getreide gebunden, zusammengesetzt, aufgeladen wird; so oft daran gerübrt wird, rieselt der Same. Und die frohen Vögel des Himmels kommen, und die kleinen Tiere des Feldes, alles, was nicht durch ein Gesetz geordnet, durch Nutzen bestimmt und abgerichtet ist.„Es rieselt, nnd einer wird geboren; rieselt, und einer stirbt; rieselt, rieselt, Sonne und Regen kommen!" So jlöten und pfeifen die sorglosen Vöglein. den Frieden herbeiführen und sichern kann, unter uns und mit allen anderen Völkern. Wenige Wochen darauf kam Lincoln als Sieger nach der Hauptstadt der Konföderation der abtrünnigen Südstaaten, noch Richmond. Nie ist ein Triumphator in die Hauptstadt der Besiegten so demütig eingezogen, nnd nie ist einer schöner und mensch- ticher geehrt worden. Ein paar Offiziere und Matrosen begleiteten ihn. Ucberall her aber strömten die Sklaven zusammen, umdrängten und umjubelten ihn und küßten ihrem vergrämt blickenden Be- freier die Hände, dem die Tränen aus de» Augen stürzten. Da traf ihn die Mordwaffe des Fanatikers, der in ihm den Vcrdcrbcr des Südens wähnte und haßte. Die Beseitigung der Sklaverei aber wurde der Ausgang der nordainerikanischen Arbeiterbewegung. Karl Marx hat auf diesen Zusammenhang in gerade heute bedeutsamen Worten lnngewiescn: „In den Vereinigten istaaten von Nordamerika blieb jede selbständige Arbeiterbewegung gelähmt, solange die Sklaverei einen Teil der Republik verunstaltete. Die Arbeit in weißer Haut kann sich nicht dort emanzipieren, wo sie in schwarzer Haut gcbrand- markt wird. Aber aus dem Tode der Sklaverei entsproß sofort ein neu verjüngtes Leben. Die erste Frucht des Bürgerkrieges war die Achtstundenagitation, mit den Siebenmeilenstiefeln der Loko- motive vom Atlantischen bis zum Stillen Ozean ausschreitend, von Neu-England bis nach Kalifornien/' l?n Mgppten. Das Armeekorps des Generals d'Amade ist, nachdem ibm der Landungsversuch bei Gallipoli mißlungen ist, nach Aegypten zurückgekehrt. G. G. Eassuto, ein Berichterstatter der„Stampa", der es besucht hat, schildert in einem von Kairo datierten Briefe seine Eindrücke in folgender Weise: „Mit Begeisterung empfange», ist in Alcrandria das unter dem Oberbefebl des Generals d'Amade stehende französische Armeekorps eingetroffen: der General hat, im Einverständnis mit dem englischen Oberkommando, eine Landung bei Gallipoli unter den gegenwärtigen Verhältnissen für unmöglich erklärt und infolgedessen beschlossen, fast die ganze Truppenmacht, die von der französischen Regierung für die kriegerischen Operationen an den Dar- danellen bestimmt worden war, vorläufig in den großen ägyptischen Hafen zu führen. Zu dem Armeekorps gehören Abteilungen von Marineinfanterie, Zuavcn und starke Kontingente farbiger Truppen; sie sind an Land gekommen und mit klingendem Spiel und flatternden Fahnen durch Alexandria gezogen, etwa so, wie ein siegreich heimkehrendes Heer durch eine eroberte Stadt ziehen würde. Mitglieder der europäischen Kolonien, zum größten Teil Franzosen und Griechen, boten auf den Straßen den„pioupiern" und den„niarsouiiw" Blumen und Geschenke dar, und die Soldaten marschierten unter flotten Marschweisen, gefübrt von französischen und griechischen Pfadfinder», hinaus vor die Stadt in die für sie bestimmten Lager. Die Artillerie, die Kavallerie, der Train, alles ist ausgeschifft worden, was natürlich darauf schließen läßt, daß augenblicklich und mit diesem selben Armeekorps neue Landungs- versuche bei Gallipoli nicht gemacht werden. Ter General d'Amade hat sich inzwischen als Gast des Sultans kurze Zeit tu Aegyptens Hauptstadt aufgehalten: nach eingehenden Be- sprechungeu, die er mit dem General Hamilton und mit dem General Maxwell hatte, ist er dann mit seinem Gefolge wieder nach Alexandria zu seinen Truppen zurückgekehrt, lieber die kriegerischen Operationen, die die Verbündeten in einer nahen Zukunft zu unternehmen gedenken, herrscht tiefstes Schweigen.... Von der Sinaihalbinsel, über JSmailia und Kairo, bis nach Mex, an der Küste senseits Alexandria, der äußersten Grenze der Europäerniederlassungen. ist Acgnpten jetzt ein großes Heerlager geworden: das östliche Hauptquartier des Heeres der Verbündeten. Als der Angriff der Türken gegen Aegypten in drohender Aussicht stand, kamen aus dem fernen Indien Taufende von Soldaten: wir bekamen liier die malerischen Lanzenreitcr von Bengalen, Bcludschiftan und Afghanistan zu sehen, und wir sahen die ernsten Gesichter der S i k b s und die lächelnden der G u r k h a s und sahen noch andere I Udler, die die Hand ständig an ihrem krummen Messer, das ihnen weit wichtiger ist als das Bajonett, hielten. Auf die Judier folgten Australier und Reuse e- länder, Männer, die sich um mititärrsche Zucht und Ordnung wenig kümmerten, sich alter körperlich als stark und widerstandsfähig erwiesen, Und jetzt ist zu diesem buntscheckigen Heere noch ein neuer Truppenteil gestoßen: die Maori. Viele sind es nicht: im ganzen etwa 700. Sie sind klein, untersetzt, haben kleine, lebhafte Augen und eine stark otivensarbene Haut. Sie trugen alle Und Leben wird geboren, Leben stirbt, Sonne und Regen komme»--- Er stand auf und ging über den Kirchhof zu Aages Grab. Eine Weile saß er schweigend da und betrachtete es, dann legte er sich auf die Knie, bohrte seine Hand in die feuchte Erde, und seine Lippen bewegten sich:„Tu warst sorglos, Du warst stark, Du warst uneigennützig," sagte er mit unklarer Stimme.„Des Lebens ganzer Reichtum war in Dir! Tarum nahm es Dich wieder, da der Nutzen es verlangte. Du ge hörtest zum frohen Ucberfluß des Lebens, und Tu hast Deinem Freunde nur einen Kummer bereitet,— daß Tu ihn verließest! Tas Leben hat gegeben, das Leben hat genommen, das Lebe» sei gelobt!" Träuenvoll und doch in wundersam lichter Stimmung erhob er sich; nie hatte er sein Wesen so harmonisch empfunden wie jetzt. In der Allee, an einen Grabhügel gelehnt, stand eine beleibte alte Frau und schluchzte, zu ihren Füßen lag ein Krückstock. Karl nahm ihn auf und reichte ihn ihr, und sie bat ihn schnaufend, ob er ihr die Grabinschrift nicht vorlesen wolle. Er tat es. „Herrgott!" rief sie aus und wischte sich eifrig ihre Augen. Dann ist es ja gar nicht mein Mann; ich dachte, er läge an dieser Ecke. Dann muß es an der anderen Ecke drüben sein!" Sie wankte hinüber, nnd Karl folgte ihr lächelnd nnd las: Jörgen Kunz, Seiler. Was hier mit Tränen Ward versenkt, Ist Saat sürS ewige Leben. Sie begann wieder zu schluchzen.„Acki Kunz, mein liebster Kunz!" jammerte sie nnd taumelte hin und Oer.„Und daß er gerade au Uuterleibseiiizünduug sterben mußte." „Ich habe eine Taute, die auch Unterleibsentzündung gehabt hat," sagte Karl zerstreut. „Und sie ist nicht gestorben, was? Sic ist doch nicht gc- starben? Aber warum mußte denn Kunz daran sterben, wenn sie sich erholt hat? Der eine ist doch wollt nickit schlechter als der andere, was?" Sic zog ihn eifrig am Rock. Sie hatte aufgehört zu weinen und iah aus, als ob sie sich an etwas weidete; und plötzlich kicherte sie wie ein Backfisch und flüsterte:„Ter Arzt hatte ihm gesagt, ex solle nicht heiraten, aber könnt cr's bleiben lassen-- hi?" „Ich habe noch einen zweiten Mann," rief sie kurz darauf, „der liegt da drüben. Ich habe drei gehabt, und er War dec mittlere, Aber er konnte nicht leiden, daß ich mich auch ciii bic fivitiüfic Äüfonmrijniform unb fefieii biutit manchmal ein blichen kam i sch aus. Im Kricgfiihren sollen sie von großer Ehrlichkeit und Biederkeit sein, und man crzäl,lt sich hier von ihnen folgende Ge- schichte: Als die Engländer Neuseeland erobern wollten, geschah es eines Tages, daß in einem Kampf zwischen Maori und einer britischen Truppenablcilung der lehteren die Munition ausging, so daß sie nur noch vor der Frage stand, ob sie sich bedingungslos ergeben oder in einem durchaus ungleichen Kampfe mit dem Bajo� nett angreifen solle. Der Häuptling der Maori hatte kaum er- rannt, in welchem Dilemma sich seine Gegner befanden, als er das Gcwchrfeuer einstellen ließ und durch einen Sendboten dem seind- lichcii Heerführer mitteilte, daß die Maori gewöhnt seien, nur mit bewaffneten Gegnern zu kämpfen, und daß er daher bereit sei, den Engländern, falls sie den Kampf fortsetzen wollten, einen Teil seiner Munition zu schenken.... Ich bin auf der Straße an einen dieser„Wilden" heran- getreten und fragte ihn, ob er Englisch spreche; er sah mich er- staunt an und fragte dagegen, ob ich denn geläufig Englisch spräche; als ich die Frage verneinte, sah er mich fast geringschätzig an und sagte, jedes Wort betonend:„Es ist doch merkwürdig, daß ich, ein aus ferne» Landen kommender dunkelbäutiger Mann, gut Englisch sprechen soll, während Du, ein weißer Mann, fast gar nichts davon zu verstehen scheinst..." Außer den französischen und den englischen Truppen sind schließlich, damit der ganze Dreiverband vertreten sei, auch noch russische Truppen in Aegypten versammelt. Aus Rußland selbst konnten sie natürlich, da die Häfen des moskowitischen Reiches gesperrt sind, nicht kommen. Es sind durchweg Flüchtlinge, die einst, aus Furcht vor Metzeleien, aus Rußland nach Palästina geflohen und nach dem Ausbruch des Krieges, aus Furcht vor neuen Leiden, nach Aegypten gekommen sind. Nun sind sie ganz plötzlich an ihre militärische Dienstpflicht erinnert und einberufen worden... Kleines Feuilleton. Ein Srief aus �emüeslanö. Die in Stendal wohnenden Eltern eines in Frankreich stehenden Kämpfers erhielten von dessen Quartierleuten folgenden Brief, den der„Altmärter" veröffentlicht: Lieber Herr und liebe Madami Auf das Versprechen Eures geliebten Kindes schreibe ich Euch zum ersten Male, um Euch zu sagen, daß Euer Sohn Hermann schon seit fast drei Monaten in unserm Hause ist, und ich ver- sichere Euch, daß mein Mann und ich ihn ebenso gerne haben, als wenn er unser Kind wäre; und wenn wir ihn abreisen sehen in die Fremde, lvcrden wir darum sehr bekümmert sein. Wir wissen unsere Kinder im gleichen Falle, wie er ist und haben niemals Nachrichten. Das betrübt uns sehr— alsdann, wenn wir ihn eintreten sehen, sind wir sehr zufrieden, daß er zurück- kommt in guter Gesundheit, denn es ist ein braves Herz und er bat viel Mut— ist immer tätig, immer arbeiten, niemals ruhen. Er hat es Euch bewiesen; für die Mühen welche er gehabt, hat man ihn geschmückt mit dem„Eisernen Kreuz" und er war sehr glücklich an jenem Tage. Ihr seht daraus dieses edle Herz, und wir haben ihn auch sehr beglückwünscht. Endlich, lieber Herr und liebe Frau. Mut und Geduld und ein schöner Kuß aus der Ferne von Eurem treuen Kinde für seinen lieben Papa nnd seine liebe Mama. Ol wenn wir unsere lieben Kinder auch so gut untergebracht wüßten, wie der Eurige, würden wir sehr zufrieden sein. So, lieber Herr, einen Gruß mit der Post von uns anderen und von Eurem Kinde. Aber das ist wenig— nach der Mühe und Sorge kommt die Belohnung für die braven Herzen, denn vielleicht werden ivir die Freude haben, unsere lieben Kinder wiederzusehen. Wir hoffen und beten zum lieben Gott, daß alles gut gehen wird nnd daß wir die Freude haben werden, unsere lieben Kinder lviederzusäsen, und daß wir sie wiedersehen lvcrden in guter Gesundheit; denn wir können Euch nicht sagen, lvic schrecklich es ist, niemals Nachrichten von unseren lieben Kindern zu haben, denn ivir lieben sie sehr und Herr Hermann wird Euch später alles erzählen, denn es ist zu lang, uin es zu schreiben. Er wird Euch berichten von den schönen Orten, die er durch- streifen konnte als Eilpost,— denn jedermann sieht ihn gerne wegen seines guten Herzens und seiner Tapferkeit, und emp- fanget unsere besten Empfehlungen. Herr und Frau Clement Guibbert ...... Frankreich. Kriegs-»poe1ie�. Gleich»ach Beginn des Krieges hat ein Teil der Ansichtskarten- Industrie gezeigt, was an Roheit und Geschmacklosigkeit geleistet werden kann. Die blutrünstigen Darstellungen sind mittlerweile aus dem Handel verschwunden, nachdem die militärischen Behörden mit allein Nachdruck gegen die Herstellung und Verbreitung solcher Er zeugnisse eingeschritleu sind. Jetzt hat sich ein„Poet" in der Person eines gewissen Ernst Nacken in Bielefeld die Verbreitung dieser Ge schmacklosigkeiten angelegen sein lassen und die„Kreuz-Zeitnng" hat sich dazu hergegeben, dieses Poem zu verbreiten. Hier einige Proben der Dichtkunst des Herrn Nacken, die sich eng an die ver botene Ansichlslartenpoesie anlehnt: Schleicht da nicht der Moskowiter, Und der General Ncnnenkampf? Hindcnburg, der edle Ritler, Schickt ihm deutschen Pulverdampf, Jeder Schuß Einen Ruß! Hanl die Doilkosaken, Daß die Knochen knacken! Franzmann will sich mausig machen, Will durch Belgien über'» Rhein! Hört ihr nicht die Berta krachen? Ei, die singt so süß und fein! Jeder Stoß Ein Franzos! Blei und Kugelregen, Das ist deutscher Segen! Und John Bull voll Haß und Hader Hat verschuldet oll das Blut. Ächtung, Volldampf das Geschwader! Deutschland, sei auf deiner Hut! Jeder Tritt Emen Britl! Rammt ihm seine Schiffe Auf die Felsenriffe! Diesem tapferen Mann müßte Gelegenheit gegeben werden, sich in den vordersten Schützengräben zu betätigen, damit er dort seine Poesie in die Praxis umsetzen kann. der Wetterdienst im Weltkriege. Ueber die Bedeutung, die der Wetterdienst im Weltkriege be sitzt, und über die großen Schwierigkeiten, die die deutschen Meteo rologen dabei zu überwinden haben, spricht sich ein Mitarbeiter des „Daily Chronicle" aus. Er behauptet, daß die Deutschen ver- schiedene große Erfolge ihrem vorzüglich organisierten Wetterdienst zu verdanken haben. Der Angriff unseres Geschwaders auf Scarborongh und Whitby geschah unter dem Schutze eines Nebels, den die Meteorologen gewiß voraussahen, und auch der Fall von Antwerpen soll durch unsichtiges Wetter beschleunigt worden sein, das die Belagerer ausnutzten. Die Deutschen machen die größten Anstrengungen, um die notwendigen Berichte über den Barometer- stand und anderes zu sammeln. An dem Tage, an dem sie Lüttich besetzten, richteten sie sogleich eine moderne Wctterbeobachtungs- station ein, und das gleiche geschah in anderen besetzten Städten. Dazu wurden vorzüglich Gelehrte verwendet, die bereits vorher dafür bestimmt waren; aber außerdem wurden auch noch nach Lüttich und Brüssel Sachverständige vom Berliner Observatorium beordert und ein hervorragender Astronom, der die Meteorologen in ihrer Arbeit unterstützen sollte. Tie Beobachtung der Luft- strömungeil wird in systematischer Weise durchgeführt, weil der Erfolg der Flieger davon sehr wesentlich beeinflußt ist. Es ist den deutschen Wettcrkundigeii aber nicht immer möglich, Stürme genauer vorher zu sagen. Der Engländer führt dieses gelegentliche Versagen der deutschen Meteorologie auf die großen Schwierigkeiten zurück, mit denen die Deutschen zu kämpfen haben. Das westliche Europa bekommt sein Wetter vom Atlantischen Ozean. Die nötigen Beobachtungen aber föijnen nur von den Engländern ausgeführt werden. zcdcn Tag kommen Hunderte von genauen Barometerberichten vom Atlantischen Ozean und von England und Irland nach, ber.brjti- scheu meteorologischen Hauptstation..Hier werden sie genau auf- gezeichnet nnd ebenso werde» die Luftströmungen registriert. Ter englische„Wettermann" kann also ziemlich genau das Wetter vor- aussage», denn Großbritannien befindet sich, was die Vorhersage von Stürmen anbetrifft, in einer besonders günstigen Lage. Diesen Vorteil hat man für die Kriegführung ausgenutzt, indem sogleich nach Ausbruch der Feindseligkeiten die täglichen Wetterberichte von der englischen Admiralität unterdrückt wurden. Dem Beispiele Englands folgte Frankreich, und so habe» die Verbündeten in der Be- urteilung der Witterung einen Vorsprung vor den Tcnt- scheu. Trotzdem haben die Deutschen auch das Wetter in England bisweilen richtig vorausgesagt, wie der Angriff der Zeppeline aus Norfolk bewies, der bei günstiger Witterung erfolgte. Jedenfalls hat die Äriegsmeteorologie seit de» Tagen, da Le Verricr den Sturm beobachtete, der während des Krimkrieges am lt. März! 1*5? die französische Flotte heimsuchte, einen außerordenklichen Aufschwung genommen und sehr biet an Bedeutung gewonnen. Oer Schienen- unö Wasserweg quer durch Afrika voUenöct. Nach einem Telegramm des„Matin" aus Havre ist Mitte März die Eisenbahnstrecke von Kabalo zum Tanganyikasee in einer Länge von 2ö7 Kilometer vollendet worden, und damit ist das sehlende Glied gescbaffcn, das nunmehr die Kelle der Rcisevcrbindnngen guer durch Afrika zu einer Einheit zusammenschließt. Diese Tatsache be-� deutet einen denkwürdigen Abschnitt in der Erschließung des schwarzen Erdteils, denn man kann nun, wenn der Frieden ruhiges Reisen wieder gestattet, zu Schiff und zu Eisenbahn von Dar- es- Solan, quer durch den afrikanischen Konlinent fahren bis an die andere Küste. Die noch fehlende und durch den belgischen Kongo sübrende Strecke sollte eigentlich zu Anfang 1914 fertig Fein; ihr Bau Haltesich bis jetzt verzögert. Man kann nun mit ihrer Hilfe von der Mün- dnng des Kongo bis zum Tanganyikasee gelangen. Der Kongo ist für große Dampfer von seiner Mündung an schiffbar bis Mcnadi, das 180 Kilometer von der Küste liegt. Der Reisende benutzt dann eine 400 Kilometer lange Eisenbahnlinie, die mit einem Kosten- aufwände von 52 Millionen Mark erbaut und 1898 vollendet wurde. Sie führt bis Stanley Pool, an welcher Stelle der Fluß wege'P seiner Wasserfälle nicht befahrbar ist. Von diesem Punkte an ist der Kongo fast 1600 Kilometer lang schiffbar bis Slanleyville; von dorr an aber machen die Stanleysälle den Strom wieder unzugänglich, und es führt nun eine kurze Eisenbahnstrecke bis Ponthierville. Höher oben am FInßlauf des Kongo, wo der Strom Lualaba genannt wird, ist wieder eine Eisen- bahnstrecke notwendig, denn die Wasserfälle oberhalb Nyangwe stelle» sich hier der Schiffahrt entgegen. Dann ist der Strom'wieder be- fahrbar, und zuletzt setz: die jetzt vollendete Strecke ei», die voir Kabalo am Lualaba den Lukugafluß entlang läuft bis nach Albert- ville am Tanganyikasee. Auf der anderen Seite des Tanganyika setzt dann bei Kigoma die deutsche Eisenbahnlinie ein, die vor einenr Jahre fertig wurde nnd den Reisenden nun durch Deutsch-Ostafrika bis Dar-es-Salam führt. Die belgische Linie Kabalo— Albertville schließt also die letzte Lücke auf dem Riesenwege, der voir der Mündung des Kongo in einem gewalligen Bogen quer durch de» afrikanischen Kontinent geht. Krieg unS Vornamen. Die Polizeidirektion des schiveizerischen Kantons Bern hat sich veranlaßt gesehen, folgendes Rundschreiben an die ihr unterstellte» Zivilstandsämler zu richten:„Nach den im Handbuch für die schweizerischen ZivilstandSbcamten enthaltenen Ausführnngen solle» Familiennamen als Vornamen in das Geburtsregister nicht ein- getragen werden, ohne daß die Weisung der Aufsichtsbehörde über das Zivilstandswesen eingeholt worden ist. Es hat sich nun sckiv» inehrmals gezeigt, daß namentlich in Kriegszeiten Familiennamen be- rübmtcr Heerführer hin und wieder als Vornamen verwendet werden. Würde einer svlchen unangebrachten Art und Weise, seine» Sympathien für eine hervorragende militärische Persönlichkeit Ausdruck zu geben, nicht enlgegengctretcn, so könnten wir eS erleben, daß später unsere chulen gesüllr wären mit Nameii wie Hindenburg, Bnlow. Kiuck. Heeringen, Joffce, Castelnan, Pau, Galliern, Freiich usw., daß in den Vornanien Beziehungen geschaffen würden, die ohne jeden Wider- spruch Ilnzulömmlichkeiteii mit sich bringen würden. Ganz abgeseben, daß nach der eidgenösfischen Verordnung über die Zivilstandsregister bom 2. Februar 1910 keinem Vater das Recht zusteht, Familien- namcn als Vornameir zu wählen, liegt in einer derartigen Vvrnameii- gebung ellvas llnschweizerisches. Wir weisen Sie darum an. Familiennamen noch lebender Persönlichkeiten als Vornamen nicht anzunehmen." Notizen. — K unst f ü h r n ng. Aiir Sonntag, den 18. April, 101- Ubr, beginnt Dr. Adolf Behne eine Reibe von fünf Führungen durch die Nationalgalerie. Karten beim Pförtner daselbst. — Die Philosophie und der Krieg. Die von Tb. Ribot herausgegebene„Revuo Philosophique de la France et do rEtranger" ist eine der seltenen ernsten Zeitschriften Frankreich-?. die seil Ausbruch des Krieges bis jetzt nicht nur ihr Erscheinen nicht eingestellt, sondern auch keinen einzigen Kriegsartikel gebracht babcii. Nicht ininder beachtenswert ist die Tatsache, daß diese Zeitschrift bei der Berücksichtigung deutscher Werke völlig unbeeinflußt vvm blinden entschenhaß geblieben ist. So ist in der soeben erschienenen März- Nummer eine sehr wohlwollende Besprechung eines, wie die„Boss. Ztg." bemerkt, echt patriotischen deutschen Werkes enthalteii,»ämlich Rudolf Euckens„Zur Sammlung der Geister". wenifl amüsierte �--- er hat mich geschlagen. Ter arme Kerl hat den Schaden davon gehabt, denn dann ist er krank nnd bettlägerig geworden. Und da Hab ich es schließlich satt bekommen, bei ihm zu sitzen,— denn er konnte sich doch nicht erholen, nnd so ging ich denn am Abend mit Knnz aus. Ter Mann war ja äußerst eifersüchtig... denn wissen Sie, Kunz war unser Chambregarnist. Er hätte wich sicher gern geschlagen, hätte er gekonnt; er konnte bloß nicht. Ah nein, Herrgott, er konnte nicht, so jämmerlich war er dran." Sie begann wieder zu weinen. „Wer mag denn da nur liegen?" sagte sie bald darauf und wies neugierig ans den Grabstein. „Aber das ist ja Kunz, Ihr dritter Mann!" rief Karl erstaunt. „Ach richtig," sagte sie lind fing abermals an zu weinen, noch heftiger als vorher. Karl wollte gehen, aber da hörte sie auf und drehte sich nach ihm um. „Haben Sic Kinder? Ach nein, wohl nicht, Sie sind noch so jnng! Aber das kommt schon." Sie stieß ihn mit dein Ellbogen in die Seite und lachte vertraulich.„Ich habe vier .Kinder; die sind in Kopenhagen�jawohl, und ich habe sie viele Jahre nicht gesehen, aber im Sommer, im Sommer——" „Tann wollen Sie vielleicht zu ihnen hinüberreisen?" .„Nein, der himmlische Vater behüte mich; da muß man ja übers Wasser." „Dann kommen Ihre Kinder also zu Ihnen?" „Nein, sie werden sich schön hüten, sie haben ihrer alten Mutter nicht so viel gegeben, wie ans meinem Nagel sitzen kann, das haben sie nicht. Alles sollen ihre schmutzigen Gören kriegen, damit unsereins verhungern kann, so alt, wie man ist." Sie begann wieder zu schnauben.„Sie können mir glauben, für eine Frau, die nahe an siebzig ist, ist es hart, keinen Mann zu haben! Und alles ist so teuer. Sehen Sie—" Sie ergriff wieder seinen Ueberzieher und flüsterte:„Ich könnte ja recht gut einen Ehaiilbregarnisten zu Hilfe nehmen. Aber die Leute find immer so schnell bei der Hand, und man will ja nicht gern, daß einem etwas Schlechtes�nachgesagt wird, nicht wahr? Ich bin ja noch eine gesunde Frau." Karl wurde unbehaglich zumute, etwas von dem alten Ekel arbeitete sich in ihm empor.„Deshalb können Sie gewiß ruhig einen Chambregarnisten nehmen," zwang er sich zu sagen. Sie legte den Kovs kokett auf die Seite und lächelte: „�wubcn Sie wirklich? Ja, denn es Ist teuer, und es friert einen so im Winter, wenn man allein ist. Ich hätte gern eine nette Mannsperson,— so einen wie Sie,— am liebsten einen, der schwächlich ist und Ruhe und Pflege braucht; denn man hat ja Uebung darin, wenn man drei Männer gehabt hat.— Sic haben wohl ein Logis?" „Jawohl," erwiderte er. Es lief ihm kalt den Rücken hinab. „Bringen Sie nun bald das Wasser?" fragte sie plötzlich in hartem Ton. „Das Wasser—?" „Ja, Sie sehen doch, daß es hier trocken zu werden an- fängt!" erwiderte sie und wühlte mit ihrem Krückstock in der Erde. „Ja, nun werd ich es holen gehen," sagte er und entfernte sich schnell. Sie hielt ihn also für den Totengräber. � Trüben in der Allee drehte er sich um. Groß und schwer lag' sie auf allen vieren und befühlte den Grabstein ihres dritten Mannes. � Er eilte davon, schneller und schneller, als würde er ver- folgt. Aber das Bild der Siebzigjährigen, die geistesschwach und halbblind an einem Krückstock am Rande des Grabes umherwankte und die Gräber ihrer drei Männer nicht aus- einanderhalten konnte, trotzdem aber lüstern die Hand nach dem vierten ausstreckte,— dieses Bild verfolgte ihn immer weiter nnd stand klarer und klarer vor ihm, bis es zu einer Grimasse wurde, der fürchterlichsten, die ihm das Dasein je geschnitten hatte. Alle Schönheit und Harmonie von vorhin fiel hilflos zusammen; gebrochene Laute, halb wie Lachen, halb wie Notrufe, entstiegen seinem Halse, so litt und stöhnte er. Er mochte sich sagen, er sei ein Wechselbalg, eine Miß- geburt, und alles gerate ihm stets in den verkehrten Hals; aber die Grimasse hing ja dennoch da; was ihn erreichte, war und blieb ein Zerrbild. Es mußte doch irgend etwas geben, das erreicht werden sollte, wenn's auch nur ein Rhythmus, eine Schönheitsfordc- rung war! Eine Forderung zur Einhaltung der Linien mutzte es doch geben, so datz wenigstens die Erfüllung der Anlagen des einzelnen— guter oder schlechter— verlangt werden konnte. Es meldete sich also doch ein Lebensziel, so bescheiden man auch war; und seine Wehen waren dennoch berechtigt gewesen nnd zeigten nicht das unnatürliche Anschwellen dessen an, der vergiftet war. Aber alles ging resnltatlos zugrunde, nichts erreichte sein Ziel. In der Natur draußen gewiß,— aber die Menschen waren die Hefe des Lebens, sein Auswurf! Nicht einmal einen Rhythmus konnten sie aus dem Dasein gewinnen, ge- s chweige denn ein harmonisches Ganze. Seine Mutter taugte nicht zur Gattin und Mutter; sie war geschaffen zu lieben, brachte es aber trotzdem zu nichts. Vergeudung! Und beim Vater, der sich nach dem Gefängnis zurücksehnte, um sich wieder der Freiheit erfreue» zu können,— gleichfalls Vergeudung! RaskS Leben war Vergeudung, wenn er dem Tiere folgte, und Vergeudung, wenn er der Idee diente! Sörensen war ein verpfuschtes Subjekt, an seiner Frau war ein un- gewöhnlicher Charakter zugrunde gegangen. Das Gute war vergeudet, und das Schlechte war vergeudet! lind Aagc, Aage! Zweimal hatte er früher der entsetzlichen gähnenden Leere ins Gesicht gestarrt, wöbet sein ganzes Menschtum wach und in Aufruhr war: an dem Tage, als er mit dein Tode im Herzen den letzten Rest des Glaubens an ein Jenseits ver- nichtete, das Kissen, auf dem er sterben sollte, der nackten Wahrheit opferte! Und an dem Tage, als er sein eigenes Leben anbot als Ersatz für das des Freundes und nur auf die große graue Verantwortungslosigkeit stieß. Beide Male hatte er alles eingesetzt— nutzlos. Denn jetzt umflutete ihn die Leere zum dritten Male, schlimmer als je,— in einem endlosen Meer von Nutzlosigkeit, die ihn mit starrmachendem Entsetzen erfüllte. Er faßte sich an den 5topf, umschloß mit seinen Fingern das Gehirn wie mit einem Ringe, in Wahn- sinniger Furcht, daß es zerspringen würde. Und mit gequältem, nervenbebendem Ausdruck starrte er auf die unendliche Fläche der Zwecklosigkeit hin, wo Woge auf Woge ihm entgegenkam, mit Geplätscher und Stöhnen, seufzend und spielend. Jede Woge trug etwas von dem, was er gelebt und gelitten, auf ihrem Rücken, schlug um, warf es zu seineu Füßen ab— und brach in Schaum zusammen. „Vergeudung!" sagten die brechenden Wellen.„Vergeudung! Hier legen wir Deine Liebe nieder."<—„Vergeudung! Das waren Deine Träume!"—„Vergeudung! Alles, was Du ge- liebt und gehaßt hast!"—„Vergeudung! Deine Leiden, Deine Furcht und Dein Grauen!"—„Vergeudung! Hier Leine Freude an Kraft und Schönheit."—„Und hier Deine Freundschaft, Deine Ehrfurcht vor dem Leben, Deine Dualen. Vergeudung— Vergeudung!" Und Aagcs Bild wurde ihm vor die Füße geschwemmt, willenlos, tot. Ihn selber aber hoben die Wogen auf ihren Rücken. Sie glucksten und sangen ihren Refrain nnd trugen ihn hoch cnivor mit all seiner Schwäche und seinem Jammer, seiner Hoffnungslosigkeit und Unlust zum Leben, hoben ihn und schleuderten ihn weit hinaus in die wirbelnde Zwecklosigkeit des Lebens: Vergeudung! Vergeudung!_ verantwortlicher Redaltenr: Alfred Wielepp. Neukölln. Für de» Inseratenteil verantw.: Tb. Glocke. Berlin. Druck u.Verlag:VorwärlsBnchdruckerei n. Verlagsanstalt Paul Singer& Co„ Berlin SW.