fit 90.- 1915. Unterhaltungsblatt öes vorwärts bunniflg, 18. April. ErlebtHe eines öeutfchen Kunsthanölers in Lonöon. Von eine»! soeben aus England heimgekehrten deutschen Kunstverleger erhielt das.Berliner Tageblatt" die nach- stehenden Ausführungen. In der ersten Kriegswoche forderte die liberale„Westminster Gazette" ihre englischen Mitbürger auf, gerade in diesen scbweren eilen den vielen Teutscken, die in England leben, mit erhöhter Freundlichkeit zu begegnen, da sie ja durch den Krieg zwischen der alten und der neuen Heimat in einen furchtbaren seelischen Kampi gerissen wurden. Acht Monate später, kurz bevor ich London verließ, iah ich auf den Straßen große Plakate der„Daily Ebronicle", des bekannten liberalen Morgenblaltes, mit der Aufschrift„'lVs want moro hat"—„Mehr Haß" l Für den, der den Krieg in England erlebt hat, haben diese beiden einander widersprechenden Aufforderungen eine liefe, symptomatische Bedeutung. Damals— in den ersten Wochen— eine teils natürliche, teils in der übermütigsten Siegesgewißheit wurzelnde Erregung, die sich den Deutschen gegenüber in unver- hohlener, beleidigender Geringschätzung Luft machte und die die da- malS wenigstens zum Teil anständige Presse einzudäinmen suchte. lind heute'{ In großen Schichten der Bevölkerung Abspannung und Gleichgültigkeit, die nicht zum geringsten Teil durch den unbegreif- lichen Zickzackkurs der Regierung hervorgerufen und gesteigert wird. Denn das Haupithema aller Ge'präche und Streitereien bildet die Frage:„What uro wo fighting l'or?"(wofür kämpfen wir Und jeder hat eine andere Antwort"dafür:— Belgien— gegen den Militarismus— für die Unabhängigkeit der kleineu Staaten— für unsere nationale Größe— für unseren Handel. Aber wie immer die Antwort lauten wird, wie schlecht der ein- zelne auf die Deutschen zu sprechen sein mag, der Begriff, wir hassen die Deutschen, existiert nicht, und das große Haßgefübl gegen England, das den in Deutschland Ankommenden ciitgegeuschlägl, ist den Engländern durchaus fremd und unverständ- lich. Llssauers Haßgesang, die schrecklichen Broschen- und Gummi- stempel mir dem„Gott strafe England" wirkten, von drüben gesehen, eigentlich nicht allzu großartig. Die gebildeten Engländer, mit denen ich ivährend des Krieges sprach, haben eine liefe Abneigung gegen ein Fabelwesen, das sie die Warlords, die Kriegsherren, nennen, das nach ihrer Meinung Deutschland vollkommen beherrscht, und von dessen Nichtexistenz man auch die Besten nicht überzeugen kann. Die kleinen Leute aber, die Schlächter, Bäcker und Grün- krämer, noch mehr die Arbeiter, haben überhaupt kein Verständnis für den Völkerhaß, sondern sehen, soweit sie überhaupt für den Krieg sind, in dem gewaltigen Ringen nur einen Wetlkampf der zwei Riesen Deutschland und England— die anderen zählen für den echten Engländer überhaupt nicht mit. Das Volk hat vor dem, iv i e es sich einbildet, unter- liegenden Gegner nur Hochachtung. In diesen Kreisen hat die schmachvolle Verhetzung"durch die Presse wenig oder keinen Erfolg gehabt. Mir und meinen Angehörigen sowie auch meinen vielen deutschen Freunden und Bekannten ist von dieser ganzen Klasse nur freundlich st e und weit über bloße Höf- lichkeit hinausgehende Anteilnahme entgegengebracht worden. Die englische Obsthäudlerin, die meinem nach Deutschland ab- reisenden Sohn einen wundervollen Fcuchliorb auf die Reise mit- gab, die„feindlichen" Geschäftsfreunde im Kunsthandel, die mich während einer langen Krankheit mit Liebenswürdigkeiten überschütteten, die Angestellten der Kaufleute, die meiner Frau täglich versicherten, sie seien neutral, die kleinen Kaufleute selbst, die immer wieder erklärten, daß zwischen ihnen und uns nichts Feindliches bestehen könne, alle diese Menschen waren keine Ausnahmen, sondern typische Vertreter der wahren öffent- lichen Meinung. Mein englischer Nachbar ließ leine Gelege uheit vorübergehen, den Meinen eine Aufmerksamkeit zu erweisen, und bemühte sich mit Erfolg, meinem Jungen eine Stellung, zu verschafsen; der Direktor der Bankfiliale unseres Vororts half mir in jeder Weise in j der Ordnung der Geldangelegenheiten, ja, er verschaffte mir sogar ! ein Darlehen auf einige zurzeit unverkäufliche Werlpapiere. Das > Poll Mall Deposit, eine Firma, die sich mit Aufbewahrung von � Möbeln und Gütern jeder Art beschäftigt, hat nicht nur meine und � vieler anderer Deutschen Einrichtungen zur Aufbewahrung über- � nommen, sondern wurde, als es die Privaleinrichtungen des Fürstrn ' Lichnowfky und der übrigen Herren der deutschen Botschaft abholte, von der englischen Regierung auf daS dringendste ermahnt, dem deutschen Privateigentum die größte Sorgfalt angedeihen zu lassen. Wie die weitaus größte Zahl der Verhsi- rateten, b in auch ich nickt interniert worden, dagegen mußten wir uns bei unserem Polizeirevier in der Harrow-Rood einschreiben lassen und erhielten dann ein für allemal einen Paß, der uns jede freie Bewegung in einem Umkreis von fünf englischen Meilen von der Wohnung aus gestattete. Wie so viele lausend Deutsche, wohnten wir im Nordlvesten von London, nicht weit von Hampstcad, und der erwähnte Paß reichte in meinem Fall über das ganze Westend bis an das andere Themseufer, nach St. Pauls in der Eity usw. Wer zu irgend einem beruflichen Zwecke eine Erweiterung dieses Paffes bis zu zehn Meilen brauchte, erhielt die Erlaubnis ohne große Schwierigkeilen, er»rußte sich nur ziemlich häufig bei der Polizei melden. Selbst in der Verwirrung der ersten Tage unterließen es die Beamten des xten Polizeibezirks nicht, den Hunderten von wartenden Frauen Stühleaus den um- liegenden Restaurants zu holen. Und Ivann immer ich später auf dem Revier zu tun hatte, gab es stets eine kurze. ireiindschaftliche Unterhaltung, man erkundigte sich nach meinen Jungcns, nach dem Geschäft usw. Natürlich durften wir dort! ungehindert deutsch sprechen, was ich übrigens i mit meiner Familie während des ganzen Krieges, auch ans der\ Straße, in der Bahn, und auf dem Omnibus tat, ohne daß mir auch nur die geringsten Unbequemlichkeiren er- wüchse n. Mit noch erhöhter Rücksicht und Freundlichkeit be- nahmen sich die Herren in der Home-Office zu uns bei den wieder- holten Unterredungen, die wir zur Erlangung der Abreiseerlaubnis führten. Immer wieder wurde uns das lebhaiteste Bedauern ans- gedrückt, daß mau sich nun feindlich gegenüberstände; kein englischer Beamter, kein Engländer, mit denen wir in den letzten Tagen vor unserer Abreise zu tun hatten, entließ uns ohne die herzlichsten R e i s e w Ü n i ck e. Bei dieser Gelegenheit möchte ich bemerken, daß die Deutschen, die abreisen, jede beliebige Geldsumme, natürlich nicht in Gold, mitnehmen dürfen. Dies wurde mir auf meine An- frage im Ministerium bestätigt. Man bat den Deutschen aber nicht nur gute Worte gegeben, sondern das ungeheuere Hilfswert, das drüben für deutsche Gefangene und Internierte s o iv i e für deutsche Frauen und Kinder geleitet wird, wäre ohne die mitwirkende Zustiinmimg der englischen Behörden, beson- der-Z aber ohne d r e finanzielle Hilfe der Engländer nicht möglich. Zu Weibnachten z. B. beschlossen die Deutschen, den Gesangeneii ein nach Möglichkeit frohes Fest zu bereiten: man sam- melte und kaufte. Zeiilralsiellen waren das deutsche Krankenhaus in Dalston mir seinem unermüdlichen, im besten Sinne deutschen Chef- arzt Dr. zum Busch und das große von der englischen religiösen Gesellschaft der Quäker gegrimdete Hilfskomitee für Deutsche und Oeslerreich-Ungarn. Viele Engländer beteiligten sich, die großen Schokoladen firmen Cadbury und R o iv n t r e e schicken Kisten v v l l Süßigkeiten usw. Das Quäkerkomitee besteht, wie gesagt, zumeist aus Engländern und die zirka foltiXIO M. die die Leute bisher gesammelt haben, fließt auch zum größten Teil auS englischen Taschen. Die. menschen- freundliche Tätigkeit, die unermüdliche, ins kleinste gehende Hilfsbereitschaft der Quäker wirklich zu schildern, wäre wohl einen Auf- iatz für sich wert. NnS Denlicheu in England, denen der Krieg vielleicht mehr Träume und Illusionen zerstört hat wie vielen an- deren, erhielt gerade die werltätige Hilfe dieser einfachen schlichleil Menschen die Hoffnung auf eine menschlichere Zukunft. Theatee und Nufik. Charlottenburger Schiller- Theater:„Der blinde Passagier". Lustspiel von Blumentbal und Kadelburg. Das Schiller-Theaier bereitere seinem Publikum einen harmlos pergniigren Abend. Schon die Reisestimmung der Ausfahrt des großen Hamburger Pajsagierdampfers nach dem Nordkap hat etwas fröhlich Ferienhafles, das sich dann in den bunten Spielen, die Anior, der unsichtbare blinde Passagier des Heineschen Postkuticheiiliedcheits, unter verheiratete» und unverheirateten Pärchen anzettelt, ergötzlich fortsetzt. Im Mittelpunkt der Heiterkeit steht die lustige Karikatur einer iencr zahlreichen Typen von Unausstehlichen, die man aus Reisen trifft: Herr Bellermann der überall umherläust, sich vorzustellen, um mit begönnernden Onkelmienen sich der so erworbeneu Bekaimtschasten anzunehmen. Von jedermann geflohen, hält er sich in unerschütter- lickem Selbstbewußtsein für den erkorenen Liebling der Gesellschaft. Erst als sich der millionenschwere Schwiegersohn nls simpler Sub- aiternbeamter entpuppt, dem nur ein Lolleriegewinn zur Staats- kajüte verHals, wird er auf einige Augenblicke an seiner Menschen- kenntnis irre. Artur Menzel brachte den Humor dieser tragenden Rolle höchst laimig heraus. Um ibu gruppierte sich ein iloties En- scmble, in dem die Herren Paeschle und Braun, die Damcu R a s i e w s k i und Schneider an erster Stelle standen. Splendide malerische Dekorationen unterstützten die Wirkung. cit. Deutsches Opernhaus:„Traviatn" von Verdi. Alexander Dumas der Jüngere hat, ivie in anderen seiner Er- Zählungen und Theaterstücke, so auch in seinen« später dramarisierten lind in den fünfziger bis sechziger Jahren geradewegs verschlungenen Romane„Die Kamcliendaine" gesellschailliche Probleme angeschnitten. Diesmal wird in äußerst geschickter Weise und mit stark dramatischer Verve in Gestalt einer schwindsüchtigen Pariser Kurtisane das gefallene, jedoch edle Weib glorifiziert. Verdi ließ dem Schauipiel-Roninn das Libretto für seine„Schwindsuckls- vper" entnehmen. Mit dieser Schöpfung setzt nicht bloß sein küust- lerischer Ruhm ein. sie bedentet mich den Bruch Verdis mit dein Allhergebrachien. Ja, man darf von einem neuen Sul reden, in- sofern wenigstens, als sich dieser Stil m seiner Prägung, demlich er-■ kennbar auf Wagner gestützt, dem ausgesprochenen Musikdrama nähert. Zu einer stilistischen Einheit zwischen Dekoralioir und Kostümie- rung trat eine unter Ignatz W a g h a t r e r s Leitung stehende sorg- fällige orchestrale wie gesangliche Wiedergabe. Herta Stolze t!« berg überraschle als Violetta ivohl alle, die früher zuweilen ihre. Hinneigung zu manirierter Darstellung mit Rech: tadelnswert erachteten. Diesmal wars ein Genuß, ihrer souveränen Beherrschung des italienischen Gesaugstils im boK uto- wie in Koloraturvartien zu lauschen. Das volle Hau? dankte ihr, doch auch ihrem Partner Paul Hansen sowie namentlich Werner Engel wiederholt durch stürmische Beisallsbezeuguiigen. eh. Notizen. — T h e at e r ch r o u i k. Das Deutsche Theater wird die Vereinbarung mit seinen Mitgliedern, die am 30. d. M. abläuft, verlängern und die Spielzeit so lange als möglich durchhalten. Des- halb hat sich die Direktion auch entschlossen, aus die sonst stets im Frühling stattfindenden auswärtigen Gastspiele zu verzichten. Mit- bestimmend für diesen Entschluß war der Protest der Bühnen- Mitglieder in Wien gegen solche Gastspiele.— Das Deutsche Thealer bereitet jetzt Neuaufführuilgen von Hebbels„M a r i a M a g d a l e n e" und Schillers„Kabale und Liebe" vor Mt einer Neueinstudierung von Kleists„Her mau ujchl acht* soll die Spielzeit enden. — Der Verband der Volksbühnen veranstaltet Sonntag, den 2. Mai, abends Ö'/a Uhr, in der Garnison- k i r ch e iNeuc Friedrichstraße) ein geistliches Konzert, bei dem der Berliner Vvlts-Ehor und das Philharmonische Orchester mitwirken. Zur Aufführung gelangen: Bachs Kantate„Ein'_ feste Burg", BrahmS„vier ernste Gesänge" und daS„Deutsche Requiem". Eintrittskarten 7ö Pf. lanch für Nichtmitglicder) bei Werlheim und in den bekannten Zahlstellen. die Erzählung öes Mobilgaröiften» Lon Friedrich Ratzel. (Schluß.) Wir rückten bald weiter vor, glücklicherweise nicht ge> radeswegs auf das Schlo i'cld, sondern halbrechts. Aha, sagte»tan, die Taktik der Preußen, ivir werden sie über- flügcln. Diese Taktik imponierte uns sehr; die, die bei Loigny gewesen waren, behaupteten, es sei ein wahrer Unsinn, den Eotier bei den Hörnern fassen zu wollen. Ich hatte auch sagen hören: Wenn man Truppen hat wie das fünfzehnte Storps, das die Befestigungen von Orleans fast ohne Ler- teidiguiig verlassen hat, muß man froh sein, wenn man den Feind au seiner schwächsten Stelle unigehen kann. Wir kamen jetzt auf eine andere Landstraße, an der wir uns neuerdings aufstellten. Nicht lange dauerte es, so sahen wir eine lange Wagenreihe. träge Ochsenwagen herankommen, auf denen Verwundete lagen, die hinter uns abgeladen wurden, damit sie im Freien verbunden würden. Später sollten sie wcitergeschafft werden, doch haben wir sie in der kalten Nacht dieses Tages noch daliegen sehen, und ohne das Hilferufen einzelner wären unsere Batterien über sie weg- gefahren. Ter Anblick dieser blutigen Leute, wie sie da auf die Erde gebettet wurden, war nicht ermutigend. Wir mar- schierten über das Feld, die Erde war feucht, die Füße waren bald zu schweren Klumpen geworden. Nun hörte man schon die Gewehre knattern, die Hellern, sagte man, sind unsere RcmiilgtonS, die buin! bum! sind die, die deutsch sprechen. Zeitweise rollte das Gewehrfeuer minutenlang unuuter- brochen fort. Wir durchschreiten einen trockenen Graben und ersteigen dessen jenseitigen Rand, da sehen wir schon aus dem Abhang, der sich langsam gegen das Dorf senkt, Haufen von den Unseren hinter Hecken, in Gräben knieend und liegend schießen, Unteroffiziere und Offiziere stehen hinter ihnen oder huschen gebückt von einer Gruppe zur anderen. In diese Reihe rückten wir ein, sie machte auf beiden Seiten Platz, man wies uns an, wie wir uns verteilen sollten, und zeigte che Rich- tung, in der wir schießen sollten. Und nun ging das Schießen los, von Zielen war keine Rede, wir sahen keinen Feind. schössen eben in den Rauch, der sich immer mehr verdichtete. Es war wie mit den Hunden in einem Dorf, wenn einer bellt, bellen alle, so rollten die Flintenschüsse in unseren Reihen hin und her, wenn einer losbrannte, folgten die anderen, und dann begann es wieder am andern Ende und rollte so fort. Eine wahre Wolke von Kugeln muß uns umhüllt haben, wir schössen, bis die Gewehre so heiß waren, daß man sie einen Augenblick auf die Erde legen mußte. Da die Gewehre der Deutschen nicht so rveit trugen wie die unseren, hatten wir fast keine Verluste. Unsere ganze Sektion blieb unvcrwundet. j Dann und wann pfiff eine Kugel durch uns hin, wahrschein- lich aus einem französischen Gewehr, das einer erbeutet hatte. Wenn wir vorgerückt wären, hätten wir etwas mehr von deutschen Kugeln zu schmecken bekommen, aber unser Major rief immer nur; Kinder, festbleiben! Einzelne meinten, man müsse nun doch endlich vorwärtskommen, doch damit hatte es niemand eilig. Während noch Kolonnen vorrückten, besonders Artillerie, die überall am besten zusammenhielt, sickerten schon Flücht- linge in solchen Massen durch, daß man zweifeln mußte, ob die Hauptbewegung vorwärts oder zurück gehe. Einen Augen- blick sah man erstaunt zu. wie sich das zurückwälzte, dann hörte man aus unseren Reihen Rufe; Wir haben keine Pa- tronen mehr! Unser Train ist stecken geblieben, abgefangen! Tie Artillerie machte Halt. Platz da, um Kehrt zu machen, rief einer, da drängten wir zur Seite und zurück, und es war kein Halten mehr, lvir waren mitten in dem Strom der Zu- rückflutenden und fchtvammen mit. Plötzlich raffelte hinter uns und neben uns die Artillerie zurück, und nun sah man Leute alles Gepäck wegwerfen, sogar Geldbörsen, die aller- dings seit Tagen keinen Sou gesehen haben mochten. Es war, wie wenn die Gewehre den vor Kälte steifen Händen von selbst entfielen. Jetzt sab ich auch zum erstenmal Leute in unseren Knäueln tot hinstürzen, denn die Granaten der feind- lichen Geschütze, deren Donner schrecklich nahe kam, schlugen mitten unter uns ein. Es rührte mich aber nicht, jetzt war alle Furcht verflogen; ich hielt in einer Gruppe stand, die ein beherzter alter Sergeant noch hinter einer langen Reihe von Backsteinen neben der Ziegelei auf dem letzten Höhenrande befehligte. Woher kam mir der Mut, standzuhalten? Ich glaube, es war, was mau den Mut der Verzweiflung nennt. Ich hatte so viel gelitten und gedarbt in diesen letzten Wochen, daß ein Groll in mir aufgestiegen war gegen den Feind, gegen meine unfähigen Vorgesetzten, gegen meine feigen Kameraden, gegen den Krieg im allgemeinen, und dieses neue Gefühl drängte nun alles andere zurück und gab mir den Mut, mich gegen die allgemeine Flucht und gegen den vor- dringenden Feind zu stellen. Es half freilich nichts. Wir mußten uns mit den letzten Bataillonen, Seite au Seite mit päpstlichen Zuaven, Linien- und Marinesoldaten, zurückziehen, die früher voll Verachtung auf uns heruntergesehen hatten. Einige Offiziere lobten uns, daß wir nicht so rasch wie die anderen Mobilen gelaufen waren. Dieses Lob schien mir jedoch schlecht angewandt zu sein, soweit es mich betraf; ich wußte doch am besten, daß dieses Standhalten nur eine kurze Episode von einer Stunde nach Wochen war, in denen fast niemand von uns allen so recht seine Pflicht getan hatte. Die Nacht sank auf das Feld, und mit dem Dunkel und der Kälte legte sich auf uns, die Besiegten, die ganze Last der Enttäuschung und der Verzweiflung. Wir wußten nicht, ob wir vor Frost oder vor Furcht vor dem ungewissen morgenden Tage zitterten. Zwischen den Geschützen, die noch zur rechten Zeit ausgerissen waren, in den Ackerfurchen liegend, verloren wir das bißchen Mm, das wir mitgebracht hatten. Er erstarrte wie alles. Ich dachte mir: So liart wie diese Schollen, die unter der Sohle klingen, ist dein Herz gc- worden/ Gibt es ein Ungjück.Jw- noch einen Eindruck auf dieses Herz machen könnte? Es ist nur noch Gleichgültigkeit darin. Ich mochte nicht einmal mehr au die Heimat denken. In der Morgenfrühe, als der Januarfrost den Höhepunkt erreicht hatte, rüttelte mich der Sergeant auf; Wir haben feit gestern kein Wort des Befehls, man scheint uns vergessen zu haben. Du sollst mit zwei Mann dort rechts hinübergehen, wo der Rauch über dem Dörf liegt, mieden Befehl holen. Tu wirst dort den Stab der Brigade finden, der wir jetzt an- gehören. Hierbleiben wird nicht möglich sein, aber abziehen wollen Ivir auch nicht ohne weiteres. Wir waren gern bereit zu gehen, mau mußte sich bewegen, um warm zu werden. Es war dunkel, die letzten Sterne standen am Himmel, dort wo wir hin sollten, war es allein heller, dort dämmerte es von der Glut der Bauernhäuser, au denen das letzte Brennbare glühte und qualmte. Es war ein trauriger Anblick, doch stolperten wir über die harten Erdschollen io rasch wie mög- lich den Brandstellen zu, zum Teil von der Hoffnung getrieben, einen größeren Truppenkörper der Uniistgeu zu finden, au den wir uns anschließen konnten, zum Teil von der Wärme angezogen. Straße oder Weg sahen wir nicht, wir müssen von hinten her zwischen den Häusern ins Dorf hinein- gekommen sei». Kein Posten! Vor ein paar glühenden Balken saß mitten auf der Straße ein in seinen Mantel gehüllter Mann, den Kopf verbunden, ich sah seinen Säbel im Feuer funkeln, das mich blendete, das mußte ein Offizier fein. Ich ging auf ihn zu, meldete die Patrouille, ohne zu wissen, ob er mich höre oder nicht, da schaute er erstaunt auf, sprang auf beide Füße und rief mir französisch zu: Gefangener! Er hatte nicht einmal seinen Revolver gezogen, sondern gleich nach meinem Gewehr gegriffen, das ich ihm im Schreä ohne weiteres ließ. In der nächsten Sekunde waren wir von Pickelhauben umringt. Wirklich gefangen! Das war das lächerliche Ende meines Kriegsdienstes. Die nächsten Tage bekamen wir viele Kameraden, auch aus meiner Kompagnie kam ein Trupp gefangen au. Zuerst hungerten wir. und eure Soldaten mit uns. Wir sahen: auch der Sieg macht nicht satt. Da war ein gewisser Trost darin. Daun bekamen wir satt zu essen. Es regnete aber unaushörtiai. und wir marschierten endlos, immer nach Osten. Wie merkwürdig, man träumte.nun nicht mehr von der Heimat, sondern von warmen Kasernenstuben in deutschen Festungen und endlosem Ruhen in Kasematten nach den langen Märschen! Dann kamen fünf Tage in den kalten Güterwagen der Eisenbahn, bald sitzend, bald liegend, immer vorn Frost und von der Nässe geschüttelt, das war demoralisierender als eine verlorene Schlacht. Wc'lches Glück, daß ich in euer Lazarett kam, che ich vollständig zugrunde ging! Nächste Abfahrten von Amüterdam� Süd Amerika (La Coruna, Vigo, Lissabon, Pernambuco, Labia, Riode Janeiro, Santos, Montevideou. Buenos Aires). SchneHdampfer: delrsa, 28. April und weiter alle 14 Tage. Frachtdampfer: 2t. April, 5. Mai u. s. w.* Auskunft durch den- KÖNIGLICHEN HOLLÄNDISCHEN LLOYD. AMSTERDAM oder in Berlin; Passage-ÄgenfurO.fl.VonkJöUnt.d.LLd., KW? Telegramm-Adresse: Reailoyd Telephon: Zentrum 11881 Errennabor-Kinderarasen PrimissiEnc-SoCtetellen zu biltiuen Kasseupreisen. Nährrraschenen aller Systeme, auch I auf Kateuzabluug. 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