Nr. 91.- 1915. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Wevstag, 29. April. Sie liegen an üen Grenzen... Sie liegen»n den Grenzen, l>ie fernen lodern grell, Sie lehn die Grde lenzen, O Blut, wie rinn 15 du fdinell I Sie ducken in den Gräben, Vie k> erzen hämmern hart, Ss Taugt der Grund das Beben Durcbzümter Gegenwart. Die fluren, aufgeTpalten, Von grau Ten furchen wund, Oer Berxen Schlaggewalten VerTchmilzt ein enger Bund. Das Blut in vollen Spuren Sprengt Teine Hdern faTt, Oer Quell, den viele fluren GeTchlörft in wilder BaTtl Die Hdern und die Hecker Durch Ich willt der gleiche Drang{ Kühn ahnt der Lenz, der Mecker» Die Rehre Saat gelang! Sie liegen an den Grenzen, Oer Cod ilt ihr GeTeil, Sie Tehn die 6rde glänzen, Dock drüben lodert's grell. Sie kauern in den Hucnt Htl Land iTt grün beitickt! SehnTücktig Tchweift ihr Schauen, Sinnt frieden und erTchrickt. franz Diederick. Das amerikanische Hilfswerk in Delgien. (Ärotzcs Hauptquartier, den 12. April. Während Vor drei du- vier Monaten in Brüssel sich»och alles mit dem Emaillebildins des Bürgermeisters Marx schmückte, sind heute die Läden und Aushänge voll von Bildern des amerikanischen Präsidenten, und das stsr dpangleä-Banner der Union droht der ickmarzgeldroten Fahne Belgiens ernstliche Konkurrenz zu machen. Dieser Wechsel deS Ornament» hat seinen(Ärund in der Tatsache, daß die Bewohner Belgiens heute ökonomisch, soweit sie als Konsumenten in Betracht kommen, sehr stark, fast restlos von Amerika abhängen, von Amerika erhalten werden. Die„Conimisiion lor Relief in Belgium"(Hilfokommission in Belgien), die seit Anfang November das Land mit Lebens- mittel» versorgt, ist keine rein amerikanische, sondern eine englisch. amerikanische Gesellschaft. Sie hat ihr Haupt- bureau in London. Geld und Nahrungsmittel entstammen neben amerikanischen und anderen auch englischen Quellen. Es ist daher erklärlich, daß das deutsche Generalgouvernement diese englisch. amerikanische Unterstützungsaktion sorgfältig überwachte. War es doch eine amerikanische Zeitung, der..New Jork Herald", der offen erklärte, daß„dieses Hilfswerk zu stark politischen und nichts weniger als neutralen Zwecken mißbraucht worden ist". Worin dieser Mißbrauch destanden hat, gekört nicht hierher. Tat» sache ist, daß nach einer Verfügung des deutschen Generalgouver» neurs diejenigen Unterstützungsschiffe, die auf der Rückfahrt von Rotterdam nach Amerika britische Häfen anlaufen, auf freies Geleit von feiten Teutschlands keinen Anspruch mehr haben. Ta- bei ist im Auge zu behalten, daß im übrigen das deutsche General- gouvernemcnt selbstverständlich die amerikanische Unterstützungs- aktion mit allen Mitteln fördert. Ganz spontan hat denn auch der erste Vorsitzende der Kommission von London aus die Erklärung abgegeben, daß..die deutschen Behörde» den Vereinbarungen mit der Hilfskommission mit gewissenhafter Sorgfalt entsprochen haben". Um einen Ueberblick liber die ganze in sich großzügige Aktion der Ernährung Belgiens zu gewinnen, muß man sich klar machen. daß dieses Land 7-l2:>(XX) Einwohner zählte. Von diesen sind etwa 8 Proz. geflohen, so daß 7 Millionen Menschen zu ernähren bleiben. Wenn man auf jeden 300 Gramm Mehl pro Tag rechnet, so erfordert das 2000 Tonnen Getreide pro Tag oder 30 000 bis 65 000 Tonnen im Monat. Um diese Mengen herbeizuschaffen und zu verteilen, gabelte sich die ganze Aktion zunächst in zwei Abteilungen. Tic eine, die sogenannte„Cornmissiou lor Relief in Belgium" machte sich den Ankauf und den Transport der Waren zur Aufgabe. Die andere. das sogenannte„Comite Nationale de Secourt et d* Alimentation" fNationlakomitee für Hilfe und Ernährung) besorgte den Verkauf und die richtige Verteilung im Innern Belgiens. Beide Abteilun- gen haben im Brüsseler amerikanischen Konsulat eine Zentrale. Man beachte jedoch, was schon der Zweck der zweiten Abteilung besagt, daß es sich bei dieser Aktion durchaus nicht um ein reines Wohltätigkeitsunternehmen, sondern zu einem guten Teile um ein Geschäft, um den ungehinderten Absatz amerikanischen Getreides nach Belgien handelt. Woher stammen nun zunächst die Geldmittel, aus denen die Waren iautzer Getreide natürlich Erbsen, Bohnen, Fleisch, Kar- löffeln usw.) angeschafft werden? Tiefe Geldmittel oder auch der Wert der einzuführenden Waren sind natürlich riesengroß. Zu- nächst mußte festgestellt werden, wieviel Belgier sich heute noch selber erhalten können, wieviele also die aus Amerika zu beziehen- den Waren selber bezahlen können und wieviele nicht. Unter diesen letzteren befanden sich zunächst alle diejenigen, die schon heute die ..Soupe Conirnunale, daS heißt die Gemeindesuppe, gratis bc- ziehen. TaS sind 250 000 allein in Brüssel, also ein Drittel der Bevölkerung. Ta die Armut auf dem Lande geringer war, nahm man als Durchschnitt ein Fünftel der Bevölkerung ganz Belgiens. Es waren also 1 400 000 Einwohner von vornherein gratis zu er- nähren. Dafür wurden täglich SM 000 Fr. benötigt>pro Person täglich 40 Centimes). DaS machte auf den Monat 16 800 000 FrcS. Man nahm an. daß von dieser Summe die begüterten Belgier durch private Schenkung, Unterstützung usw. ein gutes Drittel tilgen würden. Dann blieben immer noch monatlich 10 Millionen Franken zur kostenlosen Ernährung des belgischen Volkes aufzubringen. An Geld standen der Kommission folgende Summen zur Ver- fügung: die englische Regierung beteiligte sich bei der Gründung mit einer Schenkung von 2 Millionen Mark, die belgische Regie- rung und belgische Privatleute ebenfalls mit 2 Millionen Mark. Aus den englischen Kolonien Australiens gingen 2,3 Millionen Mark ein; dazu kamen kleinere und größere Beträge von anderen englischen Kolonien, aus Schottland, Spanien und Italien. Alles zusammen ergab IOVj Millionen Mark. Dazu traten aus Amerika und Kanada riesige Gratislicferungen an Getreide, die sich nach dem englischen Bericht des Komitees auf 23 sh Millionen Mark beliefcn. Bis Ende März haben also Amerika, England und die übrigen Länder der alten nud neuen Welt rund 34 Millionen Mark in bar oder Naturalien an Belgien abgegeben. Aber diese Gratisliefe- rungen sind nur ein Teil der englisch-amerikanischen Hilfsaktion. Der wichtigere Teil ist die Beschaffung von Lebensmitteln gegen Entgelt. Das Komitee hat auch in dieser Richtung mit Riesen- summen gearbeitet. Es hat im ganzen für 62 Millionen Mark Lebensmittel aufgekauft(fast ganz in Amerika). Die Verfrachtung von Amerika nach Europa kostete allein 17 sh Millionen Mark, für sonstige Verfrachtung wurden in London und New �ork zusammen noch 3 Millionen Mark bezahlt. Im ganzen weist das Ausgabe- konto des Komitees die Summe von IM Millionen Mark auf. Das Einnahmekonto basiert zunächst auf einem von belgischen Banken und von der belgischen Regierung vorgeschossenen Stamm- kapital in Höhe von 32 Millionen Mark. Dazu kommen jene 10 Millionen, die England durch Amerika gratis in bar gaben. 30 Millionen hat die Kommission durch den Verkauf von Lebens- Mitteln und 3 Millionen in Gestalt von Verdienst zugunsten des GratisunterstützungsfondS eingenommen. Studiert man die Zahlen der aufgekauften, nach Belgien ver- frachteten Waren näher, so ergibt sich, daß im November 20 OM Tonnen, im Dezember 60 OM, im Januar 123 000, im Februar 190 000 und im März 250 OM Tonnen verfrachtet wurden. Von den 250 OM Tonnen im März ginge» IM M0 Tonnen auf Weizen. 35 OM Tonnen auf Weizenmehl. 10 OM auf Reis, ebensoviel auf Hülsenfrüchte, 2000 Tonnen auf Fleisch und Speck, 2OOO0 Tonnen auf Mais, 30M Tonnen auf Kartoffeln, 11 OM Tonnen auf sonstige Lebensmittel und 20M Tonnen auf Kleider usw. Die Tatsache, daß auf diese Weise genügend Weizen ins Land kommt, der von der deutschen Regierung nickt beschlagnahmt wird, erklärt, warum der deutsche Bürger, der heute nach Beiigen kommt, dort in den Gasthäusern das schönste Friedensioeizenbrot vorgesetzt erhält. Tie Kontrolle darüber, daß die eingeführten Waren in die richtigen Hände kommen, übt ein Schwärm von jungen Anten- kauern aus, der über das ganze Land verteilt ist. Die Waren kommen unter amerikanischer Flagge an. Bon hier werden sie auf Kähneit teils die Scheide hinauf nach Antwerpen, teils«für die östlichen Provinzen Belgiens) die Maas hinauf nach Lüttich geschafft. Hier erfolgt die Verteilung, über deren finanzielle Rege- lung noch einiges zu sagen ist. Die Wohlkabenden bezahlen, wie erwähnt, das Brot, das im Auftrage des Komitees von den Bäckereien iauch den Genossen- schaftsbäckereien) gebacken wird, zu einem mittleren Preise. Tie Unbemittelten haben durch die Gemeindebehörden einen Ausweis über den Grad ihrer Bedürftigkeit beizubringen, auf den hin sie dann an der jeden Morgen und jeden Abend staltfindenden Ver- teilung von Suppe und Brot teilnehmen. Diese Unbemittelten sind nun wieder in zwei Kategorien geteilt. Die erste bezahlt gar nichts. Die zweite bezahlt ein Drittel. Da jede Portion zu 15 Centimes>12 Pf.) gerechnet wird, bekommt das Komitee für die Portionen der Halbbemittelten je 5 Centimes. Diese Art der Verteilung ist für Stadt- und Landgemeinden ungefähr dieselbe. Dabei wird den ärmeren Gemeinden vom Komitee noch ein gewisser Zuschuß geleistet, für dessen spätere Rückzahlung sie jedoch haften. Die Gemeinden sind nämlich angehalten, für irden gänzlich Un- bemittelten ein Drittel seiner Portion zu zahlen, so daß das Komitee in keinem Fall ntchr als 10 Centimes für die Portiott trägt. Wie mait sieht, sind die Ausgaben des Komitees ganz gewaltige, und alle Schenkungen reichen nicht aus, die Not zu lindern. Auch nachdem das Rockefeller-Jnstitut in Amerika und die belgische Regierung sich entschlossen haben, monatliche Zuschüsse«die belgische Regierung in der Höbe von 10 Millionen Franken i zu leisten, wird ein dauernder Erfolg doch erst von der ökottomischen Stärkung der Bewohner selber zu erwarten sein. Anstatt Schenkungen muß Arbeitsgelegenheit geboten werden. Das weiß auch das Komitee. Und daher bemüht es sich auch in dieser Richtung zu helfen. Das ist bei den Fabriken, die ohne die nötigen Rohstoffe sind, schwer Hingegen beginnen die übrigen Industrien sich leise zu heben. In den Seidenfabriten von Tubize, den Brauereien, den Kahlenberg. werden, der Spitzenindustrie— überall wird versucht, aus dim Stadium der unheimlichen Ruhe, in der dieses Land schläft, her- auszukommen und Leben und damit Lohn für die twtlcidcndc Be- völkerung zu schaffen. Das sind in große» Zügen die Grundlinien des amerikanische)! Hilfswerkes für Belgien. Man soll dieses Werk nicht kritiklos preisen. Aber mau wird es anerkennen als großzügig und tat- kräftig— als ein Werk, das schon heute der Geschichte dieses Well- IriegeS angehört. Dr. Adolf K o c st c r, Kriegsberichterstatter. Naßnahmen gegen Srotwucher in früheren Zeiten. Unsere Altvordern verstanden eS besser als da§ heute lebende Geschlecht, das Publikum vor Uebervorteilung durch die Leben?- miitelproduzenten zu schützen. In früheren Jahrhunderten hatte man amtlich festgesetzte Marktpreise für die gebräuchlichsten Lebens- mittel. Besonderen Wert legte mau auf die Festsetzung der Brot- preise. Sie wurden so geregelt, daß der Brotpreis immer in einem gerechten Verhältnis zu den jeweiligen Gctreidepreisen stand und eine Uebervorteilung der Konsumenten durch die Bäcker ausgeschlossen war. Was wir in der gegenwärtigen Zeit der fabelhaften Leben?- mutelpreise vergebens fordern: Die Festsetzung von Höchstpreisen für unser tägliches Brot, das war im Mittelalter und noch bis weit in die neuere Zeit hinein in den meisten deutschen Städten verwirklicht. Damals galten nicht nur bei Krieg und Teuerung, sondern zu jeder Zeit gesetzliche Vorschriften, die die Brotpretse regelten. Die älteste bekannte Vorschrift dieser Art findet sich im Augsburger Stadt- recht von 1276. Danach wurden die Brotpreise in folgender Weise bestimmt: Alljährlich, wenn Getreide der neuen Ernte zu haben war, trat eine aus zwei Bürgern und zwei Bäckern bestehende Kommission zusammen. Sie kaufte einen Scheffel Weizen und einen Scheffel Roggen, je zur Hälfte von bester und von geringer Qualität. Das Geld für den Einkauf hatte der städtische Münzmeister vorzuschießen. Das Getreide wurde vermählen und unter Aufsicht der Kommission verbacken. Probebacken nannte man diese Verrichtung. Nach dem Brotgewicht das aus der angegebenen Getreidemenge gewonnen war. berechnete die Kommission den Brotpreis, der nach ihrem Vorschlage von einer Amtsperson, dem Burggrafen, festgesetzt wurde und damit für die Bäcker bindend war. Wenn das Probebrot verlauft war. bekam der Münzmeister daS vorgestreckte Geld zurück.— Der in der angegebenen Weise festgesetzte Brotpreis, allgemein als Brottaxe bezeichnet, galt bis zur nächsten Ernte� mit der Maßgabe, daß er innerhalb seiner Gültigkeitsdauer, den Schwankungen der Getreide- preise entsprechend, herauf- und herabgesetzt werden konnte. 11 vom weg meiner fügend. Von Clara Picbig") Wer hätte in seiner Jugend nicht Dramen verbrochen, Dramen nud Gedichte?! Wir alle— ob Jüngling, ob Mäd- fsteit. Ich auch. Aber ein glücklicher Stern hat mich vor Eltern bewahrt, die in mir ein Talent, eine besondere Bc- gabung sahen. Damals freilich inag's mich geschmerzt haben — ich weiß es jetzt nicht mehr genau— aber mir ist, als hätte ich, zähneknirschend, die Faust im Sack, heiße Tränen ver- gössen, als mein Vater bei der großartigsten Stelle eines Dramas, dos ich in der Rechenstunde unterm Pult, während der Lehrer sich verzweifelt inühte. uns in die Geheimnisse der Algebra einzuweihen, niedergeschrieben hatte, trocken sagte: „Bautz, da liegt er!" O, dieses„Bautz, da liegt er!" Ich habe es nie vergessen. In alten Marquisbosen meines große« Bruders, die er zu einer Maskerade getragen batte, spielte ich den edlen Räuber, der das Fräitlein aus dem Grafenschloß raubt, es wahnsinnig liebt, wahnsinnig wiedergeliebt wird, sich aber, als ihin die alte Zigcunermutter der Bande entdeckt, daß auch er ein ge- raubtes Grafenkind sei, und zwar gerade dieses Fräuleins Bruder, ohne Besinnen das Messer in die Brust stößt. Mit einem dumpf gegurgetten:„So leb' denn wohl!" stürzt er vornüber zu den Füßen der Angebeteten zusammen. Alle Glieder schlug ich mir bciin jähen Fall, meine Nase berührte unsanft die Stiefelchen des holden Fräuleins, aber hätte sich auch meine Stirn an der Diele zerscbniettert, ich hätte. keinen Schmerz gefühlt: nur dieses„Bautz!" das ging mir durchs Herz wie ein wahrhaftiger Dolchstoß. Ich vermochte es nicht zu fassen, daß jemand so etwas jagen konnte, wo mir's doch so heiliger Ernst war. Und doch. Tu guter Vater, was schuldc ich Tic nicht *1 Von„Kürschners Bücherschatz" ist jcvt der 1000. Band er- sckficiien. D icser Iubiläumsband vereinigt unter dem Titel„Aus dem Iugendland Iugcnderiniteruitgen von Ludwig Fulda, Karl NoKner, Vibolf Witbraudt, Iba Äoy-Eb, jpcbioig Tohm uub(Jlcira P i e d i g. Seit dem Erscheinen des ersten Bandes von„Kürfch- ners Bückerfchatz"' im Jahre 1306 sind bis zum beutigen Tage nahe- zu IM Millionen Bände dieser Sammlung verkauft worden. Wir geben die Ennnctungen der Vicbig ustedcr. alles an Tank! Mit einer einzigen Bemerkung hast Du mich aus verstiegenen Höhen heruntergefiihrt zur Wirklichkeit: die dünkte mir damals zwar platt, alltäglich, trivial, ganz und gar unpoetifch, und barg doch so viel wahre, echte Poesie unter ihrem schlichten Kleid. Man muß nur die richtigen Augen Haben. Alter Schwanenmarkt in Düsseldorf, eintöniges Viereck, um das eintönige Häuser stehen, alle sich gleich, alle gleich hellgetüncht, alle gleich hockt, alle mit drei Fenstern neben der Haustür und im Stockwerk darüber mit vieren, verzeih! Ta- mals sah ich noch nicht, daß unter Deinen Linden, die an ver- schwicgenen Sommerabenden mit ihren breiten Schatten kosende Mägde und ihre Schätze decken, die Poesie der rheini- scheu Stadt lustwandelt. Damals wußte ich noch nicht, daß übers gleichmäßige Häuserkarree ebensoviel Sonnenglanz und Mondesträume ausgegossen sind, ebensoviel der Entzückun- gen, der Wunder dahinziehen, wie über eine Zauberwelt. Heinrich Heines Stadt— was wußte ich damals von Heinrich Heine! In der Schule hatte ich nichts von ihm gehört. Aber es kain ein Tag, da fand die Zwölfjährige unter den Büchern der Mutter, die im guten Zimmer auf einer an der Wand hängenden kleinen Etagere standen, ein Buch, das war rot wie Blut, mit Passionsblumcngerank auf dem Teckel und mit einem weißseidenen Bändchen als Lesezeichen. Und die Halbwüchsige schlug's Büchlein auf und steckte neu- gierig die Nase hinein: was Interessantes? O ja, etwas Interessantes: weit mehr als das! Sie vergaß, daß sie ab- stauben sollte, vergaß die so und so vielmal herum, die ihr die Mutter am Strickstrumpf aufgegeben hatte, vergaß das Klavierüben und die französische Uebersetzung. Gott sei Tank, daß so selten jemand in die gute Stube kani! Auf dem Tritt unterm Fenster kauerte ich, die langen Beine hochgczogen, die Hände um die Knie geschlungen: und auf diesen mageren Kinderknien lag das rote Buch. Ich las und las. Wie warmes, lebendiges Blut guoll es auf von dem roten Büchlein— es stieg mir zu Kopf, es guoll mir zu Herzen, jetzt stand mein Herz fast still vor Qual, jetzt hüvttc es wieder hoch empor vor Seligkeit. Q. dieies„Buch der Lieder" war etwas anderes, als die Gedichte, die man in der Schule lernt! Was waren selbst Schillers Taucher, Freilig- ratbs Blumenrache und Ehamiffos Löwenbraut hiergegen?! Hier war etwas ganz Neues, nie Gekanntes, nie Gefühltes, nicht einmal Geahntes! Das lebendige Leben mit feinen Freuden und seinem Weh, mit seinem Lieben und seine)« Hassen klopfte bei mir an. lieber die unberührte tucelc stürzten die Empfindungen: die wand und krümmte sich unter der gewaltig einbrechenden Flut, fast wäre sie gern wieder losgekommen— es war ja manches fo traurig, so schreck- lich— aber, was war das doch so schön! Die Augen mußten lesen, lesen, wenn auch Tränen den Blick verdunkelten. „Clara!" Das klang wie die Posaune des Gerichts. „Clara, wo bist Tu?!" Zitternd snbr die Missetäterin auf beim Ruf der Mutter, zitternd stellte sie's Büchlein an seinen Platz. Ja. das war keine passende Lektüre für ein Schulniädchcn. das fühlte sie wohl— still, nur still, daß die Mutter nichts davon merkte! Ich erinnere mich noch sehr genau, wie mir an jenem Abend zumute war, als ich, das heimlich entwendete„Buch der Lieder" in der Tasche, mein Stübchen aufsuchte. Banger und doch seliger kann keinem Mädchen zumute sein, das sich mit dem Geliebten das erste nächtliche Stelldichein gibt. So selig-bang war mir. Ich las im Bett beim Schein eines miserablen Lichtstüinpfchens wieder und wieder diese Liebes- gcdichte, die ans die Jugend aller Zeiten einen so unbeschrcib- lichen Eindruck machen werden, eben weil sie selber so unbc- schreiblich jung sind. Wie im Traum ging ich die nächsten Tage umher, blaß. mit einem verwirrten Lächeln.„Was hat die Clara?" fragte mein Vater. Ja, das sagte sie nicht! Sie hatte etwas ganz Besonderes, das trug sie in sich wie einen verborgenen Sckiatz. Anstatt gleich nach der Schule heinizugehen, rannte ickt jetzt in die Straße der Altstadt, wo Heinrich Heine einst geboren worden war. stellte mich da auf und gaffte die alten Giebel- Häuser an: welches von den vielen war es? Noch zeigte keine von Bergen den Reigen mit der schönen Fürstin schlingt- iät sehe die Stadt wie ei« Nebelbitd am User des Stroms mit ihren Türmen emporsteigen— ich höre die Glocken der Jefuiterkircktc da hinten dröhnen und hallen,— Gebete murmeln, Wallsah rtslieder erklingen, sie ziehen aus nach Kevelaer, die Mutter und der Sohn mit in der Prozession— ich höre das Hündchen bellen und suche das Hühnerhäuschcn, darin die Kinder Verstecken im Stroh spielen— dieses alles sehe, höre, suhle, erlebe ich. Ig, hier ist ein Dichter ie- gangen, und ich darf ihm nachgeben mit schüchternem Tritt! (Forts, folgt.) NehnlichS Berordnungen wie die Augsburger Lesiauden in fast allen wlädten Deutschlands. Verschieden war' die Zusammensetzung der Kommiisionen, die die Broltaxe festzulegen hatten. Diese wurde nicht immer für ein ganzes Jahr bestimmt, sondern mit Rücksicht auf die Schwankungen des Getreidepreises in manchen Städten vierteljährlich, in anderen monatlich und wieder in anderen jede Woche aus» neue geprüft und nach Bedarf geändert. Man begnügte sich nicht mit der Festsetzung der Broltaxe, sondern die Bäcker wurden auch dauernd daraufhin kontrolliert, ob sie die Taxe innehielten. Die Ausführung der Kontrolle war die Aufgabe der aus der Bürger- schaft ernannten Brotmeister oder Brotschätzer. In manchen Städten waren besondere Beamte für diese Funktion angestellt. In Köln war der Bürgermeister in eigener Person verpflichtet, bei den Bäckern das Brot zloeimal in der Woche nachzuwiegen. Andere Stadl- Verwaltungen hatten eine öffentliche Brolwage aufgestellt, wo die Bäcker nronatlich einmal ihre Ware amtlich nachwiegeir lassen niufften. Die Brotkontrolle erstreckte sich übrigens nicht nur auf das Gewicht, sondern auch auf die Güte des Brotes. Natürlich wurden die Bäcker, welche man dabei ertappte, dag sie das Publikum durch zu leichte oder schlechte Ware betrogen, ohne Rücksicht in Strafe genommen. So machte man es in früheren Jahrhunderten, um das Volk vor Brotwucher zu schützen. Dock nichr immer konnte die gute Ab- ficht vollständig verwirklicht werden. Trotz Brottare und Straf- audrohung gab es zu allen Zeiten gewinnsüchtige Bäcker, die es verstanden, das Publikum zu übervorteilen, bis ihnen die Behörden das Handwerk legten. Einen Fall dieser Art berichtet die Chronik der Stadt Nürnberg aus dem Jahre 1(315. Damals war das Ge- kreide gut geraten und stand niedrig im Preise. Aber die Bäcker suchten den Preis noch weiter zu drücken und gaben trotzdem ein zu geringes Brotgewicht. Dadurch haben die Bäcker, wie die Chronik sagt, die Bürger samt den Bauern, die das Getreide zu Markt gebracht, nach ihrem Gefallen gepreßt und ausgesogen, wo- rüber große Klagen entstanden. Infolgedessen sandle der Rat in einer Nacht acht Stadtknechte aus, die in alle Bäckcrhäuser unversehens eindrangen, von jedem Bäcker zwei Brote, insgesamt 500 Brote, mitnahmen, die dann amtlich gewogen und ohne Ausnahme zu leicht befunden wurden. Die Bäcker mußten dies Vergehen gegen die Brottaxe mit Geldstrafen büßen, die sich insgesamt auf mehrere hundert Gulden beliefen. Die Verhangung von Geldstrafen, meistens in Verbindung mit Konfiskation der zu leichten Brote zugunsten der Armen und der Wohltätigkeirsanslallen war die mildeste Form der Bestrafung betrügerischer Bäcker. Sie griff auch erst in der späteren, mehr human gerichteten Zeit allgemein Platz. Im Mittelalter hatte man für Verstöße gegen die Brottaxe viel härtere, ojt sogar recht entehrende Strafarten. Damals lvaren Geldstrafen nur in den leichtesten Fällen üblich. In» WiederholnngSsalle wurden unbedingt Freiheitsstrafen verhängt. Außerdem finden wir die im Mittelalter weitverbreitete Strafart des Prangerstehens häufig gegen eigen- süchtige Bäcker angewandt. In Zittau hatte inan für straffällige Bäcker eine eigenartige Abart des PrangersiehenS erdacht. Der vcr- urteilte Bäcker mußte seine al? zu leicht befundene Ware im„Schand- schran"— einer lediglich diesem Zweck dienenden offenen Bude— feilhalten, wobei er ebenso wie der am Pranger Stehende dem Hohn und Spott des Publikums ausgesetzt war.— Der Schnellgalgen, auch Schupfe genannt, war ein Sirasmittel, das bis in die letzte Hälfte des 1ö. Jahrhunderts gegen brotwuchernde Bäcker angewandt wurde. Man setzte den verurteilten Bäcker in einen großen Korb, den man an einem Galgen aufhing. Dieser Galgen stand auf einem öffentlichen Platz am Rande eines schmutzigen Tümpels, über dessen Wasserfläche der wagerechte Balken des Galgens weit hinausragte. Da baumelte also der Korb mit dem Bäcker über dem Schmutzwaffer zum Gaudium der umstehenden Menge, die mit der Verhöhnung des Verurteilten nicht kargte. Dieser durfte sich durch einen Sprung auS dem Korbe ins schlainmige Wasser aus seiner unangenehmen Lage befreien. Wenn er damit zn lange zögerte, dann stieß ihn der Büttel mit einer Stange hinunter. So bildete ein Bad in der Schmutzpfütze ans jeden Fall den Abschluß deS Strafvollzuges. Tiefe eiitehrcnde Art der Bestrafung halte einmal ein furcht- bares Nachspiel. Ein Bäcker in Zürich, an dem im Jahre 128» die Strafe des SchncllgalgcnS vollzogen wurde und der dabei längere Zeit unter dem Hohn und Spott der Zuschauer zu leiden hatte, rächte sich für diesen Schimpf dadurch, daß er in einer stürmischen Nacht sein Haus in Brand steckte. Während der Brandstifter ent- floh, legte die Feuersbrunst einen großen Teil der Stadt in Asche. In späterer Zeit hat man ja mildere Strafarten gegen Ueber- tretungen der Brottaxe angewandt. Manchmal hatte der Strafvollzug einen humorfftischen Beigeschmack. So wurde beispielsweise ein Bäcker in Frankfurt a. M., der das Brot durch Beimischung von Sand verfälscht hatte, eingesperrt und mußte im Gefängnis das von ihm verfälschte Brot selbst essen Man wird zugeben müssen, daß diese Slrafart für Lcbcnsmittelverfälscher durchaus angemessen ist. Es wäre gar nicht so übel, wenn zum Beispiel Landwirte, die heut zu hohen Preisen Kartoffeln auf den Markt bringen, die in normalen Zeiten als Viehfutter kaum gut genug sind, verurteilt werden könnten, einige Zentner solcher Kartoffeln selbst zn verzehren. Zelöpoftbriefe. Unser Mainzer Parteiblatt bringt folgenden Feldpostbrief eines organisierten Mainzer Zimmerers: M..... 6. März. .«. Die Vorstellungen, die ich niir vom Krieg gemacht, sind von der Wirklichkeit weit übertroffcn worden. Als wir bei Jnster- bürg die Bahn verließen, sahen wir schontet was von den Ver< Wüstungen durch die Russen. Unser erstes Quartier war ein ver- lasscnes Gut; die Wege dahin lvaren sehr schlecht. In Pilltallen und Stallupönen haben die Russen schrecklich ge- haust, dort ist alles niedergebrannt und ausgeraubt. Diesen Bc- wohncrn zulieb ist man gern bereit, alles einzusetzen. Dort ist niemand verschont geblieben. Wir folgten dauernd den fliehenden Russen. Tie Straße lang ist rechts und links von Leichen besät, Wir sind immer vorn, um die Wege für die folgenden Truppen zu ebnen; auf den Wegen ist es furchtbar schwer, unsere Brückcnloagen fortzubringen, immer bis an die Achsen im Schnee, dabei ein schrecklicher Sturm! Aber das eiserne Muß bringt uns vorwärts. Wir haben es noch gut: wir fahren— aber unsere armen Käme- raden mit dem Tornister! Wer da nicht mitkommt, bleibt liegen. Auf russischem Boden sind die Wege noch schlechter, die Quartiere einfach entsetzlich. Daß Mensche» so leben können, habe ich nicht für möglich gehalten! Alles Analphabeten, die Ausbeutung ist groß. Mehrmals setzten sich die Russen fest, ihre Artillerie funkt feste, aber ohne Erfolg, sie müssen weichen. Es ist doch sonderbar, wenn ringsum und über einem die Granaten und Schrappnells krepieren. Von morgens bis spät abends auf dem Marsche keine Ruhe und immer die Kälte. Unsere Kompagnie hat schon ziemlich Verluste. Nach der Schlacht am Bobr ging unsere Division in Ruhe auf St..... wir sind hier in diesem kleinen Neste. Alle Dörfer zwischen den Festungen Lomsha und Ossowiec mutzten ge- räumt werden, die Straßen sind von Flüchtlingen belebt. Ein furchtbares Elend. Wegen Verrat sind schon verschiedene ins Jenseits befördert worden. Alle Häuser werden abgesucht nach telephonischen Verbindungen. Viele Keller befinden sich auf den Feldern. Alles ist vergraben, lvas wir brauchen, wird genommen. Mein Quartier habe ich ja schon beschrieben. Aborte sind hier un- bekannte Einrichtungen, wir haben welche angelegt. Ter erste Sckiritt zn höherer Kultur! Tic Verpflegung ist jetzt gut, da wir vom Proviantamt alles bekommen— nur Zucker fehlt. Zurzeit »rächen tvir nur Wache, und sonst wird den ganzen Tag gebraten. Wild gibt es sehr viel hier. Es ist furchtbar langweilig. Gestern erhielt ich die ersten Briefe und Zeitungen— es war wie eine Erlösung! Ringsum donnern die Geschütze auf den Festungen. In zwei Wochen ist nun schon Ostern. Hier ist vom Verantwortlicher Redakteur: Alfred Wiclepp, Neukölln. Für der Frühling noch nichts zu merken, dauernd Regen, der Schlamm auf der Straße geht über die Knöchel. Du kannst Dir nicht denken. wie man aussieht. Heute glitt ich aus und fiel in den Schlamm; alles mutz am Körper trocknen, es ist ein wunderbares Gefühl! Im Quartier ist kein Fußboden, daher auch alles naß. Stiefel und Kleider habe ich noch nicht ausgezogen. Ein Kamerad rasiert uns, das einzige, was uns an Kultur erinnert. Aber Humor haben wir noch alle, insbesondere jetzt, da wieder einmal Nachricht aus der Heimat kam. Also schreibt recht oft!... Genosse G. schreibt aus Russisch-Polen: ..... 5. März. Fieber Freund! Hier geht es schrecklich zu, Tag und Nacht donnern die Geschütze. Bei einem nächtlichen Brückenschlag wurden lvir heftig von Artillerie beschossen, aber ohne Erfolg. Es ist aber doch ein verdammtes Gefühl, wenn in der Nähe die Schrappnells platzen. Wir liegen seit zwei Tagen untätig in einem elenden Quartier— 40 Mann und eine Familie in einem Raums von 5—6 Meter.� Die Kleider habe ich noch nicht vom Leibe bekommen. Die Flöhe fressen uns bald auf; man verkommt vor Schmutz und Kälte.... Theater. Konrad Dreher im LustspielhauS. Unter allen gastierenden Bühnenkünstlern von gangbarem Ruf. die wir kennen, ist Konrad Dreher gewiß einer der sympathischsten. Seit Jahren pflegt er Berlin auszusuchen. Und der Kreis derer, die seine Kunst lieben und schätzen, ist wahrlich nicht klein. In ihm verkörpert sich süddeutsches Volk und Wesen in unverfälschter Art. Als Mensch wie als Schauspieler empfängt er all seine Könnerschaft vom Grunde seiner oberbayerischen Heimat. Immer gab er sich schlicht und ehrlich. In dieser Hinsicht blieb er trotz aller Lockungen unwandel- bar. Aber wie er auS einem naturwüchsigen Komiker, der er doch in Jugendjahren war und der nur auf der Bühne zu erscheinen brauchte, um die Zuschauer in zwerchfell- erschütternde Heiterkeit zu versetzen, zu einem starken, tiefen Menschendarsteller wurde: das ist die intimste seiner Wandlungen. Der Bierbrauer-Kommerzienrat Matthias Gollinger in dem gleich- namigen Lustspiel von Blumenthal-Bernstein könnte gar nicht einen Deut echter sein, als wie wir ihn nun bei Dreher vor uns haben. Ja, diese reproduktive Mnstlerschaft ist so eindringlich, daß wir dar- über beinah vergessen könnten, daß Gollinger ein Altmünchener Typus ist und daß der Kontrast des gegenseitigen Mißverstehens zwischen Nord und Süd noch vor bald zwanzig Jahren, aus dem damals die tragikomische Handlung des Lustspiels gewonnen wurde, heule nur mehr als legendär erachtet werden muß. Kurz: ein löst- lich Vergnügen bereitet Dreher den zahlreichen Verehrcm seiner Kunst. Man lacht wieder einmal so recht von Herzen. ek. kleines Feuilleton. Vilöe Gemüse. _ Heinrich Heine, der in seiner„Harzreise" die Pflanzen einteilt in solche, die man essen kann und solche, die man nicht essen kann, hätte es sich schwerlich träumen lassen, daß diese Einteilung einmal alle wissenschaftlichen Pflanzensysteme schlagen würde, wie eS gegenwärtig, von einem gewissen Standpunkt aus, der Fall ist. Man freut sich deS neuerwachenden Frühlingsflors, abermangreift noch lieber nach einem Blumenkohlkopf, wenn maus erschwingen kann, und fast in jedem Blicke, der eine Pflanze streift, liegt die stumme Frage: bist du eßbar? In einem kleinen Heftchen„Wilde Geinüf e"(Verlag von Karl Peters in Magdeburg) hat Richard Winckel eine llebersicht der verbreitctsten, als Gemüse verwendbaren Gewächse unserer Heimat gegeben. Winckel ist Maler, Kupferstecher und Lehrer an der Magde- burger Kunstgewerbeschule, und zwar ein Lehrer, der seür Amt versteht, wie seine in das Heft eingestreuten Abbildungen zeigen. Brennesseln, Löwenzahn. Ziegenfuß, Schafgarbe, Sauerampfer usw. sind hier mit kräftigen Strichen� in ihres Lebens Maienblüte, d. h. mit ihren genießbaren Jungsprossen, so treffsicher hingesetzt, daß es eine Freude ist; selbst ein„Pflanzenblinder" kann hiernach jeden Irrtum vermeiden. Einige der von Winckel aufgeführten Pflanzen haben wir schon erwähnt; das Heftchen enthält aber»och eine ganze Reihe anderer Gewächse, deren Eßbarkeit in weiteren Kreisen wenig oder gar nicht bekannt ist. Die meisten dieser Pflanzen sind auch bei Berlin und in der Mark aus Wiesen, Oedland, Bauplätzen, Wegrändern, unter Hecken und Gebüsch, in Lauben- kolonien usw. häufig. Winckel gibt auch Winke über die Zubereitung, die er im besonderen aber der Hausfrau überläßt. Bei dem geringen Preise von 10 Pf. und angesichts der einfachen und doch sehr ge- sckimackvollen Ausstattung des Heftes ist ihm auch aus ästhetischen Gründen eine weite Verbreitung zu wünschen. Der Verfasser scheint der Mann zu sein, der mit seinem Zeichenstift noch sehr viel zur Popularisierung der Lebewesen unserer Heimat zu tun vermöchte. Hier sei auch eines Flugblattes.Notgemüse oder K r i e g s g e m ü s e" gedacht, das als Sonderabdruck aus den„Mit- teilungcn der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschast" vom Botanischen Garten in Berlin-Dahlcm zu erhalten ist. Es enthält keine Ab- bildungen, ist aber als Ergänzung zu dem besprochenen Hefte gut verwendbar. Q. L. Sucher mit �arbennamen. Weißbuch und Blaubuch, Rotbuch und Gelbbuch— seit dem Kriegsausbruche wimmelt es noch mehr als früher von diesen Büchernamen, die von Farben hergeleitet sind. Woher die diploma- tischen Veröffentlichungen ihren Namen haben, darf als bekannt vor- ausgesetzt lverden: sie haben sich nach der Farbe der Umschläge ge- nannl, die in dergleichen Fällen üblich geworden sind. England ist mit seinen„Blaubüchern" vorangegangen, und die anderen Mächte haben sich dann unter den übrigen Farben ausgesuckit, was ihnen gefiel. In Frankreich, wo die Bezeichnung„Gelbbuch" seit 1852 eingeführt wurde, ist sie nicht ganz ohne bedenklichen Neben- geschmack, indem auch gewisse Veröffentlichungen einer unappetitlichen Literaturgaltung dort als„Gelbbücher" bezeichnet zu werden Pflegen. Nun ist aber die Benennung von Büchern nach Farben in der Ge- schichte des Büches überhaupt nichts Neues, sondern, wie die„Zeit- schrift für Bücherfreunde" in einem Beitrage über diesen Gegenstand bemerkt, schon aus den Tagen des Mittelalters her bekannt. Der älteste Fall, wo ein Buch auf einen Farbennamen getauft worden ist, ist wohl der des„Goldenen Buches" der Republik Venedig, das ein Verzeichnis der zur Teilnahme an der Regierung be« recktigtcn Adelsgeschlechler enthielt. Nach diesem Vorbilde heißen ja noch bis zum heutigen Tage solche Bücher von Städten, Anstalten und Gesellschaften„goldene" die dazu bestimmt sind, Ein- tragungen von Ehrengästen, Ehrengaben usw. aufzunehmen; und in freier Nachahmung hat im jüngsten Jahrzehnte ein unternehmender Verleger eine ganze Reihe von„goldenen Büchern" veröffentlicht, die das Wissenswerteste und Beste auS den verschiedensten Zweigen menschlicher Forschung und Bildung zusamnicnfassen sollten. Recht verbreitet ist im Mittelalter die Bezeichnung„Das rote Buch" gewesen; bereits im Jahre 1862 hat Hesse in Rudolstadt eine ganze Liste von solchen„roten Büchern" zusammengestellt. Rot war die Farbe deS Blutbanns, und es wurden daher viel- fach solche Bücher nach dieser Farbe benannt, die zu Eintragungen bestimmt waren, die mit dem Blutbanne zusammen- hingen. In neuester Zeit ist rot dann als die Farbe der Revolution und des Sozialismus beliebt geworden, und es gibt eine ganze Reihe von„roten Büchern", die durch ihre Farbe von vornherein ihre Gesinnung bekennen. Indes hat sich die Sitte, Bücher nach Farben zu benennen, nicht auf die Politik und die Verwaltung allein beschränkt, sondern ist auch in der schönen Literatur anzuireffen. Inseratenteil verantw.: Tb. Glocke. Berlin. Druck».Verlag: Vorwärr, Da liegt ihr Ursprung im 18. Jahrhundert, und zwar in jenen literarischen Spielereien, deren Reihe wohl Caraccioli mr Jahre 1759 mit seinem„Livre vert"(grünen Buche) eröffnet hat. Das gefiel, und dem„grünen Buche" folgte eine Reihe von Mode- büchern, die die ganze Skala der Modesarben durchliefen. Diese Mode hat sich dann bis ins 19. Jahrhundert hinein erhallen; es sind da noch„braune Erzählungen" erschienen, an denen selbst ein Balzac sich beteiligt hat, und von dem französischen Vorbilde hat A. v. Sternberg den Titel seiner 1850 zu Bremen erschienenen „Braunen Märchen" entlehnt. Es versteht sich, daß in all diesen Fällen der Umschlag die dem Titel entsprechende Farbe aufzuweisen pflegte. Etwas anderer Natur ist der Titel der„Eoutss bleus", von denen es eine ganze Literatur gibt. Unter diesen„blauen Ge- schichten" versteht man nämlich die Räuberhistorien und Ammen- märchen, die übrigens im 18. Jahrhundert vielfach auch in bläu- lichem Umschlage zu erscheinen pflegten. Es steht wohl zu ver- muten, daß diese Bezeichnung inhaltlich verwandt ist mit der der „blauen Blume", die wir ja in Deutschland zu brauchen pflegen. ver Hanöel mit wilöen Tieren in Kriegszeiten. „Paviane stehen hoch im Preise, Alligatoren sind knapp: jeder, der einen lasmanischen Marderbären, einen Seelöwen oder selbst so gewöhnliche Tiere wie einen Polarbären oder ein Nabelichwcin sein eigen nennen will, muß mindestens das Doppelte wie vor zwölf Monaten zahlen." Diese traurigen Eröffnungen machte einem Be- richlersiallcr der bekannteste Menageriebesitzer Englands John Hamlyn. Und wer ist daran schuld? Natürlich die Teutichcn.„Alles das kommt von diesem teutonischen Ehrgeiz, der alles an sich reißt und auch für den Handel mit wilden Tieren ein richtiges Monopol er- langt hat." Während die englische Hausfrau über die steigenden Preise von Butter und Eiern jammert und angstvoll die Kohlen- und Holzfeuerung beobachtet, hat diese Teuerung noch in ganz anderer unerwarteter Weise um sich ge- griffen. Obwohl England sich ein Weltreich nennt, in dem die meisten Tierarten der Erdfauna leben, ist die Zu- fuhr von lebenden Bären und Robben, von Stinktieren und Affen, von bunten Papageien und Riesenschildkröten, kurz von all dem, was ein richtiger zoologischer Garten braucht, außerordentlich ein- geschränkt und droht zu versiegen.„Es ist schon so weit," klagte Hamlyn,„daß man wilde Tiere bald überhaupt nicht mehr bekommt, und alles das nur. weil Deutschland diesen Handel mit Beschlag belegt hat. weil es sich zunr internationalen Warenlager und Sammcl- stätte aller wilden Tiere für ganz Europa gemacht hat und wir in England Tiere, die es nur im englischen Reich gibt, doch allein über Deutschland bekommen können. Deutschland hat einen Borteil in seiner geographischen Lage, der es befähigte, die öffentlichen zoolo- gischen Gärten und die Privatmenagerien von Rußland, Italien, Oesterreich, Frankreich und anderer europäischer Länder viel leichter zn versorgen, als wir es können. Die deutschen Banken unterstützten diesen Handel mit wilden Tieren durch ihre finanzielle Hilfe. So kam es, daß der deutsche Händler nach Indien, Afrika und in alle unsere Kolonien gehen konnte und britisch geborene wilde Tiere zu Hunderten kaufte und verkaufte, während sie bei uns höchstens zu Dutzenden bestellt werden. Die ganze Industrie, selbst die englische, kam zum größten Teil in die Hände des Feindes. Amerika ist so ein besonders guter Kunde Deutschlands geworden. Es kaufte häufig im Laufe eines Jahres durch deutsche Händler 3000 bis 4000 britische Affen, und mit anderen wilden Tieren verhielt es sich ähnlich. Die amerikanischen Händler finden gar nichts dabei, für 100 000 M. deutsche Kanarienvögel zu bestellen, obwohl wir in" Norwich ebenso gute haben. Aber jetzt ist die beste Gelegenheit. diesen Handelszweig zu einem englischen zu machen, denn es ist wirklich jammervoll, daß die englischen Gebiete voll der schönsten und teuersten Tiere sind und Hamburg und Berlin den Gewinn davon haben." Wann entstanden die Interpunktionen! Die Interpunktionen, die die Sätze trennen und beenden und dadurch die llebersicht über das Geschriebene vereinfachen, sollen zuerst von Aristophancs angewandt worden sein. Das von ihm erfundene System wurde aber nichr sonderlich bekannt und es ge- riet bald wieder völlig in Vergessenheit. Rund taufend Jahre dauerte es. bis wiederum ein derartiger Versuch angestellt wurde. Es war zur Zeit Karls des Großen, als auf Anregung der Sprach- gelehrten Warnefried und Alkuin Interpunktionszeichen in die Schrift eingeführt wurden. Aber auch diese Zeichen kamen tvieder ab. Das gegenwärtig in allen modernen Sprachen mit nur ge- ringen Abweichungen voneinander gebräuchliche Jnterpunktions- fystem wurde in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts durch einen venezianischen Buchdrucker namens Aldus Manutius eingeführt. Er ist der eigentliche Vater unserer Interpunktionszeichen, des Punktes, des Kommas, des Semikolons,"des Doppelpunktes, des Frage- und Ausrufezeichens, des Apostrophs und der Ansührungs- zeichen. Das System des Manutius wurde später von anderen Buchdruckern übernommen, bis es sich schließlich in ganz Europa einbürgerte._ Notize«. — Theaterchronik. Im Kleinen Theater findet die Erst- auffllhrung von G r a b b e Z Lustspiel„Scherz, Satire. Ironie und tiefere Bedeutung" erst am Freitag statt, um das Zusammentreffen zweier Premieren zu vermeiden. — Vorträge.„Eine märkische Wanderung durch die Ruppin er Schweiz." Von Wustrau(Zieten) über Neu- ruppin nach Rheinsbcrg(Friedrich II.) lautet das Thema deS Vor- träges, den Kurt Boenisch am Mittwoch, den 21. April, abends 3 Ilhr, im großen Hörsaal der Treptow-Sternlvarte unter Vor- führung von 100 farbigen Lichtbildern halten wird. — Die Vorstellung für die„Oftpreußen-Hilfe" im Thalia-Theater findet am 24. April statt. Der bunte Teil wild u. a. Szenen und Gesangssachen unter dem Gesamttitel„Operetten- Erinnerungen" bringen. — Das Germanische Museum in Nürnberg, unsere be« deutendste Sammlung für Kultur- und Kunstgeschichte, ist von einem Münchener Bürger zum Erben seines über eine Million Mark be- tragenden Vermögens eingesetzt worden. — D i e e r st c P a r i s c r Uraufführung im Kriege. Während dieser Winter in Berlin und überall an den deutschen Theatern eine Reibe von Uraufführungen gezeitigt hat, erschien den Parisern das Thcaterleben erst vor wenigen Tagen so ge- kräftigt, daß sie es mit einer Premiere versuchen konnten. Ein Lustspiel von Sacha Guitry„Die Eifersucht" wurde in den Bouffes Parisiens aufgeführt. Während sich alle Welt mit nichts anderem als Heeren und Schlachten beschäftigt, während man be- ständig von der Regeneration des französischen Lebens, von der Beseitigung aller Frivolität und Unmoral durch den Krieg redet, brachte hier ein Spötter die gleichen Töne zu Gehör, die die Mc- lodie des sranzösischen Theatcrlebens seit langem beherrschen. Und siehe da, die, die am lautesten die Abkehr von dem bisherigen Treiben gepredigt hatten, sie lauschten eifrig dem alten Ratten- fänger und tanzten beglückt nach seiner Pfeife. — Ein Serum gegen Gonorrhoe hat der schwedische Arzt Dr. Reenstierna hergestellt und in Stockholmer Hospitälern erprobt. Das neue Serum, das von Ziegen gewonnen wird, soll in den meisten Fällen die Heilung herbeigeführt haben. — Der Tod Domenico G nolis. Im Aller von 77 Jahren ist in Rom ein geschätzter Schriflstcller und Kunstkenner. Graf Tomenico Gnoli, an Lungenentzündung gestorben. Gnoli hol mehrere Bände Gedichte veröffentlicht, von denen ihm aber keiner den Ruhm eintrug, wie ein Bändchen.„Fra Terra ed Astri", das er unter dem Pseudonym Giulio Lrsini veröffentlichte. Den wahren Wert gewahrte das Publikum erst, als seine Neugier angestachelt wurde. Gnoli war ein gründlicher Kenner deutschen Wesens und hat sich in dieser schweren Zeil als ein vornehmer und mutiger Ver- leidiger der Neutralität bewährt, für welche Haltung ihm alle Deutschen Dank schulden.___ Buchdruckeret u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co» Berlin SW.