jr. w.— 1915. Unterhaltungsblatt öes vorwärts.---s» B Eine Wikingerfahrt. Ter amerikanische Korrespondent der„Kölnischen Zeitung" lsat in seinem Blatte die abenteuerlichen Fahrten des„Eitel Friedrich" nach den Mitteilungen seines Kapitäns geschildert. Wir geben sie im Äuszug wieder: Amerika war starr, als die Morgenblätter vom ll. März die »unde brachten voir dem Einlauf des„Eitel Friedrich" in Newport News, und als dieser Kunde die Mitteilung cingesiigt war, daß unter den elf Opfern des vcrwegeneir Wiking aucb ein amerikani- schcs Schiff zu finden sei, von dessen Verlust bis zur Stunde noch niemand unterrichtet>var. Das; der Kapitän des„Eitel Friedrich" selbst diese Meldung erstatten sollte, und zwar in einem amerika- »ischcn Hafen, den er freiwillig angelaufen, das ging den guten Leuten so völlig über das Verständnis, daß sie sich zum erstenmal keinen Reim zu machen imstande waren, und das will etwas heißen, wenn man die übliche Ilrkeilsfixigkeit gerade dieses Landes in Rech- nung stellt. Amerika war starr— ein Nebenerzeugnis der Tätig- kcit unseres„Eitel Friedrich", das ob seiner Rarheit, seiner Nie- dagewesenbcit nicht gering geachtet werdeil sollte. Tie ersten paar Tage waren nicht gerade sehr geeignet zu einem ungestörten Plauderstündchen mit dem Kapitän des„Geister- sckisses"; er battc zunächst die Neugier hoder Staatsbehördeil zu befriedigen, die ihrerseits sich kopfschüttelnd immer und immer »nieder sagen mußten, daß ihnen solch ein Fall in ibrer ganzen Praxis noch nicht vorgeronlmen Ivar. Denn mit dem„Eitel Friedrich" n>ar ibnen ein ganzer Rattenkönig von völkerrechtlichen und londesrechtlichen Fragen ins Haus geschneit. Sobald indes die Flut der Aufregung abgeebt hatte, schien die paffende Besuchszeit gckoininei». Da lag denn das Schiff beinahe regungslos auf dem leise atmende» Wasser des Docks. Der Schiffsbodei»»var in den Tagen vorher im Trockendock gereinigt»vorden, nunmehr sah mai» die Mannschaft damit beschäftigt, den Rumpf instand zu setzeil, der nach sieben Monaten der lallen Fahrt durch Eisfelder des südlichen Polarmeeres»vie durch die sengenden Gluten des Aequators viel von seinem früheren Lloydglanz verlöre»« hatte. Am schlimmsten aber sab es innen aus. in» Maschinenhaus und in den Kesseln. Tie Wellcnlager»varcn schlotterig gclvorden, und auf den Kesselböde»» batte.il.sich ganze Wälder angesiedelt. Und»vährend wir beim Früh- stück in der Meffc saßen, brachte der erste Jngei»icur eine Schrauben- »uutter von» Ventil des Dampfkessels herein, die so zerfresse» war, baß sie den» Schraubenzieher keiire Ansatzfläche mehr bot uild des- baib mit dem Hammer abgfchlagen werde» mußte; bei näherer Besichtigung zeigte sie dabei so bedenkliche Risse, daß es von allen als ein wahres Wunder detrachtet wurde, daß sie so lairge aus- gekalten hatte. länger als drei Tage hätte sie übrigens dem Druck nicht mehr Widerstand geleistet, und dann„ivärc uns der Kessel im» die Chren geflogen", meinte der Sachverständige! Es»var also bobe Zeil; ja, es war die allerhöchste Zeit, daß der„Eitel Friedrich" ins Luarticc kam. Ter„Eitel Friedrich" war ulfter der Führung des Llolid- kapiiäns Mündt auf der Rückreise von Jokohama nach Breme»» unterivegs, als er in Schanghai ehre Warnung des deutsche»» Gouverneurs in Tsingtau bekam, daß in Deutschland die Mobil- n'nchiing angeordnet»vorden sei. Und kaum war da? Schiff voll- stänbig beladen und fertig zum Auslauf, da wurde es an» l. August vom Gouverneur nach Kiautschou beordert. Also hieß es sofort wieder auslade»». Reisende und Post, und um halb zwei nachmittags gii»g es nordwärts. alifaiigS mit verschleierten» Kurs, um den eng- lischen Lotsen das Fahrtziel zu verheinilichen, solvie mit abgeblende- ten Lichter» und allen sonstigen Vorsichtsmaßregeln. Am 2. August, abends sechs Uhr, war man in Tsil»gtau,>vo unverzüglich»nit der Loschung per Ladung begonnen»vurde; dann folgte die Uebernabme her Geschütze und Munition und Mannschaften von den beiden Kanonenbooten„Tiger" und„Luchs", die inzwischen Lä»»gsseit bei» gelegt hatte»». Sodann gings nach der Werft,»vo in den nächsten vier Tagen gekohlt und der Eii»bait der Schiffsgeschütze vollendet N'ard; später»vähreird der Reise verfiel man noch auf den sinn- reichen Gedanken, die WO Tonnen losen sapaiiischei» Erzes, die»»och an Bord»varen. zur Errichtung eines mehrere Meter dicken Panzers um die Maschine»» und Kessel zu verwenden und so die empfindlichen Teile des Schiffes kugelsicher zu machen. An» 6. August, abends sechs, stach der neue Hilfskreuzer unter dem Kommando des Kapitän Thierichens von»'„Luchs" in Be- gleituiig seines berühmten Schwesterschiffes„Eniden" in See. nach- dein der Gouverneur Meher-Waldeck sich von beiden verabschiedet hatte, und bis zum lO. März, also für lange acht Monate, hielt der „Eitel Friedrich" die Hochstraßen und die Beiivege des Meeres besetzt; nur eine eiirzige kurze Rast von 24 Stunden»var ihm ver- gönnt, als er am 4. November im Hafen von Valparaiso vor Anker 4s vom weg meiner fugend. Von Clara Viebig. (Schluß.) AI?»itdiie Mutter und ich nach Berlin zogen, um dort lneli» Talent für Musik ausbilden zu lassen,»vurde auch mir die Heiiitat der Eltern eine Heimat; durch dreizehn Sommer »var ich auf Gütern»»einer Berwandten, teils im deutschen, teils im polnischen Teile der Provinz, ein monatelanger Gast. Welche Vorurteile ich ailch an» Rhein gegen die Provinz »» mich aufgenonniien hatte, und so seltsam, so fremdartig mich auch zuerst diese endlose»» Rüben- und Weizenfelder an- muteten, ich lernte doch bald, daß auch dieses Land des Acker- baueS, der Ebenen und de»' See»» seine Schönheiten bat. Diese unbegrenzte, sonnensliininernde Weite, in der das Korn reift, ist schön; diese tanig-kühlen Rächte sind schön, in denen es so köstlich ist unter der reichbesäeten Hininiels- glocke dahinzufliegen. Tie Pferdchen traben. So hoch, so groß und still wölbt sich das Sternenzelt. Nichts börtc man als das Locken einer Wachtel im Korn und fern, fern iin Dorf, dessen Lichtlein an, Horizonte slimmern, das Dengeln einer Senfe. Man bört so»veit in der großen Stille, das Ohr schärft sich, es gelvöhnt sich, den leisesten Laut aufzufangen. Und die Augen ichärken sich auch; der Blick»vird sicherer,»»'cht nur sedes Kirchturinspitzlein iiber der blauen Linie des Kiefernwaldes späbt er aus, jedes lliauchivölkchen, das einsamen Weilern eirtsleigt. er lernt ailch das kleinste liebevoll sehen; die Spur des Hasen im sandigen Weg, das Nest des Zaunkönigs im struppigen Buschwerk. Der Fülle und Schwere der Aehren lernt er prüfend achten, und »»ie dem Habicht entgeht auch ihm keines der»vinzigen Reb- bühnchen. die hinter der Mutter her zierlich die Ackerfurche durchtrippeln. Wenn ich jener unbcgrei»zten Weiten gedenke, durch die ich oft ganz allein nur den Pontes kutschiert bin. koinmt mich eine Sehnsucht an nach dem»nebligen Duft der sonnvergoldc- tri» Aebrcnfcwer;»»ach dr»»» strenge»» Harzgeruch der blauen- den Kiefernwälder, in denen die Räder langsam u"d lautlos durch sandige Wege inahlen; eine Sehnsucht nach den» deniiiti- gen Gruß fleißig schassender Landleute. Wieder möchte ich mir das Acbrensträiißchei»»>ftt klatkerndem Bai»d bon der knicksenden Marynka an die Brust besten lassen, mich binden" lassen vom lachenden Volk der Schnitter: wieder einmal die roten Röcke der Mägde, mobnblumengleich, im gi>»g. Bei den anfänglichen Kreuzfahrten im Gelben Meer begeg- netc man nur sapanischeu Schiffen, die ja damals noch neutral waren; doch mi»ßtc es nierklvürdig erscheinen, daß sämtliche japa- ilischei» Schiffe Kurs nach heimwärts hielten. Am ö. August»vurde das Gelbe Meer verlassci»; man passierte die Eolnettstraßc und setzte Kurs auf Pagan in der Marianengruppe, wohin der Kohlen- dampfcr„Markomannia" schon früher abgesandt»vorde»»»var. Am 12. August wurde Pagan gesichtet; der Gesch>vaderbegleitdaii»pfer „Titania" bezog Wache, und um 6 Uhr abends»vurden»m Osthafen die Anker niedergelassen. Hier traf der„Eitel Friedrich" sein Ge- schwader»„Scharnhorst",„Gneisenau" und„Nürnberg", nebst einer Anzahl von Kohlen-, Wasser- und Proviantschi ssen, die alle dorthin beordert worden»varen. An» 13. August abends»vurden ai»f Befehl des Adinicals Grafen Spee die Anker gelichtet; den»„Eitel Friedrich" selbit fiel die Aufgabe zu, den Troß als Führerschiff zu leite»», zunächst»»»it Kurs auf die Marschallinseln. Am nächsten Tage wurde dann die „Emden"»nit einen» Begle»tdan»pfer zu ihrer so erfolgreichen aben- tcnerlichen Fahrt abgcz>ve>gt. Das Geschlvader ankerte am 19. August in» Atoll der Marschallinseln, wo cS nur kurze Zeit liegen blieb; bier fand eine Besichligung durch den Gesch»oaderchef statt. An» 22. August gingen die Anker auf,»md der„Eitel Friedrich" fuhr,»oieder als Troßfübrer dienend, mit dem Geschlvader »ach einem oiidern Atoll, wo am Nachmittag des 26. August Anker gelvorfen»vurden. Hier stieß der inzwischen zun».vilfskreuzer un»- gebaute russische Taurpfer„Rjesan", die erste Prise der„Emden", unter den» Nainen„Cormorai," zun» Geschwader. Man kohlte, ver- vollständigte die Ausrüstung, und ain 30. August, einem Sonntag. um 7 Ubr morgens, dampfte das Geschwader ab; der„Eitel Friedrich aber und der„Cormoran" blieben zurück. Sie»»ahmen nvch etwas Kohlen von dem Ltoybdanipfer„Mark" und verließen am selben Tage das Atoll, um die offene See zu erreichen. Nun begann für die beiden, die vorläufig zusan»lnenblieben. eine lange Zeit der Kreuz- und Querfahrten ü» der Südsee. Sie suchte»» nach Beute, vor allem aber nach den Kohlciischiffci», die für sie bestellt waren. Am 15. September trennte sich der„Eitel Friedrich" vom„Cor- inoran"»»d ging»ach Angaur i» den Palaoinseln,»vo eine große deutsche Phospbatgesellschafl eine Niederlassung hat. Dort erfuhr man, daß im Hafen von Malokat 2000 Toilnei» japanischer Kohlen tägen. die von Japan gebracht»vorden waren. Am selben Abend noch»var unser„Eitel Friedrich" auch schon im Atoll von Malakal; doch war die Einfahrt der viel«»» unbekannten Korallenriffe»vegen überaus schwierig. Eillmal geriet der Dampfer sogar für kurze Zeit auf ein Riff, komete indeö schnell»oieder abkomme»» und er- reichte am 17. September den Hafen»nit dem Äohlenschatz. Indessen brauchte er die Zeit bis zu»»» 2t. September, un» die Kohle»» in den kleii»en Schiffsbooten an Bord zu bringen, dazu»var da» Wetter vielfach überaus»chlecht, so daß die Leute fast llebermeuschliches leisten mußten. Aber der Eifer und die Findigkeit der Mannschaft bewährte sich glänzend sie brachten es sogar fertig, aus Tischtüchern Segel zu gewiimen. Am 24. September machte der„Eitel Friedrich" seeklar, llachdem er den dortigen Deutschen und deutschen Eii»ge- borenen die besten Wünsche zurückgelassen hatte. Später erfuhr inai», daß die Japaner zwei Tage»ach der Abfährt des„Eitel Friedrich" die Insel besetzten. Der Kreuzer begab sich»»un auf die Suche nach den»„Cor- woran". Jmluer hörte»nan des Nachts die cilgtischen und japant- schen Schiffe, so daß größte Porsicht nötig»var, um nicht entdeckt zu werden. Unter häufigem Kurslvechscl kam»»an endlich un- vcrsehrt nach Alexishafcn auf Neug»uuea, wo mau den„Cormoran" zu finden hoffte. Aber als das Schiff am 28. September dort einlief, kau»en sofort die Missionare au Bord»nit der Meldung, daß die Kolonien mzwischen voi» den Engländern in Besitz genommen»vorde»» seien, und daß in dem nur sechs Meilen cnt- kernten Friedrich-Wilhelmshafen eine englische Besatzung und Ivahrschcinlich sogar englische Kreuzer lägen,«ie erzählten»veiter, daß der„Colvnora»»" am 24. emgelausen sei, daß aber, als er kaum Anker gelvorfen batte, zioei englische Kreuzer gesichtet wurden. die auf den.Hafen zusteuerten. Der..Eormora»»" hätte sich sofort in den gewundeilen Gelvässern der oberen Bucht versteckt; ein eng- lischer Kreuzer»väre in die Bucht emgefahrei», während der andere slch vor der Einfahrt auf Wache legte; gegen Abend wären die beiden dann abgefahren, und hätten den Missionaren den Befehl hinterlassen, sich au» 28. September bereitzuhalten, den Neutrali- tätseid zu leisten. Der„Cormoran" sei darauf des Nachts uilbc- incrtt ausgelaufen; niemand»vußte,»vohin. Da die bevorstehende Ankunft der Engländer ci» längeres Bei:- bleiben unmöglich machte, lief der„Eitel Friedrich" sofort lvieder aus und machte sich lvcitcr auf die Suche nach dem„Cormorai»", ohne, ihn zu finden. Da inzwischen die Kohleuvorräte so weit zu- sanluicugeschmolzen»varen. daß sie gerade noch hinreichten, um»»ach Tanze wirbeln und bei der Schafschur die rosige Haut des Lammes unter den fallenden Locken der Wolle aufschimmern sehen. Wieder krebsen am See beim Fackellicht, den dummen Gesellen, der, vom Sckein angelockt, unterin Stein am Ufer bervorkriecht. flink mit zwei Fingern von oben packen und in den Sack auf dem Rücken schleudern: wieder im hohen Röhricht des Sees den Kahn festfahren, still dort die Angel auswerfen; die Spitzen des Schilfes im Winde sich neigen sehen, sich einlullen lassen vom lispelnden Flüsterhauch, von» verschlafenen Glucksen der Wellchen am Kiele des Boots.— Was mir Berlin, dos Häusermeer, mit sciiren Sternen und Schloten, mit seinen Dünsten und seinem Staub, mit seinen Sorgen»md Küm»»ernisscn jahrsüber auf die Seele geladen hatte, das hat mir der Sommerhauch des Posener Landes»illemal»viedcr heruntergeblasen; und ich bin neu geworden. Sic»varen nicht leicht, diese Berliner Aahre; es liegt viel Ringen in ihnen, inneres und äußeres, ein steter Kampf, viele Eilttäilschnngen und manches Leid, von dem mai» nicht spricht. Die Musik war nicht das Feld, auf dem ich mehr als eine Dilettantin werdeil sollte; und doch, wäre mein Ohr durch sie nicht geschärft und geübt worden für Rhythmus und Harmonie, tvcr weiß, ob ich�es je gelernt hätte, das Wort nach Klang und Wert, den Satz nach Melodie und Takt ab, zuwägen. Es ist ein herrliches Instrument, unsre deutsche Sprache, aber die Fingern müssen feinfühlig sein, das Ohr feinhörig, wenn es uns gelingen soll, daraus zu spielen. Meine Gesangsstudien wäre»» beendet, aber Erfolg, volles Gelingen, Befriedigung haben sie mir nicht gebracht — Erfolg, das hieß vorerst: Verdienst. Denn ich sollte, wollte, mußte verdienen. Ein Teil unseres kleinen Kapitals war verloren gegangen, bei meiner Mutter meldete sich ein scbiveres Leiden; pekuniäre Sorgen, die grausam drückten und die doch für mich ein Segen waren, trieben mich dazu, neben den wenigen Musikstunden, die ich zii geben hatte, es mit ein paar kleinen Erzählungen zu versuchen. Sic ge- sielen; vielleicht»ncil sie so anspruchslos waren— freundliche Bilder, rheinische Jugenderinnerungen— vielleicht auch, weil es gute Menschen waren, die sie zuerst in die Fmger be- kamen. Vielleicht aiich, weil ick» ietber nicht groß von ftinei» dachte. Man sagt oft.»»»an müsse Selbstbewußtsein haben. um es in der Kunst, um es überhaupt im Leben zu irgend etwas zu bringen; ich bezweifle das. Ich hatte zu meinem Glück kein Selbstbewußtsem, und ich weiß bestimmt, hätte ich der Westküste bon Südamer'ika durchzubrechen,»vurde beschlossen, diese Fahrt zu unternehuieu. Diese lange Fahrt konnte wegen der swlech- ten japanischen Kohlen i»ur sehr langsam vor sich gehen. Nachdem der Tauipfer aus dem Jnselbereich heraus»var, verlor sich für kurze Zeit das Funkengetöne, nnd»»»an fühlte sich zun» ersten Male sur ungefähr ackit Tage verhältnismäßig sicher, was cii»e Entspannung der ewigen Aufrcg>»»g für die gmize Besatzung bedeutete. Schliin- »»er indes als das stete Belvußtsen», jemand auf den Fersen zu bade»,»var die clvige Frage: Wie steht cS zu Hause? Und tix»»; die Stimmung auf den» Schiff vorher schon gedrückt, so dachte man jetzt, da keine Arbeit mehr auf den Nägeln brannte, noch mehr ai» zu Hause, besonders an die Perwandte», die feit Monaten keine Nach- richt mehr erhalten hatten; die letzte Post»var ja von Anfang Juli. An» 26. Oktober, nach Vicrivöckiger Fahrt, näherte sich der „Eitel Friedrich" der südauierikanischeu Küste. Eines Nachts hörte er plötzlich de» Anruf eines deutschen Kriegsschiffes, dein er jedoch iiicht traute, da das Geschlvader gal»z Ivo anders verinutet»vurde. Nach und nach aclvanncn jedoch beide Parteien das Vertrauen zurück und entdeckten sich gegenseitig. Auf Befehl des Geschlvader- chefs stieß der Kreuzer zu den» Geschlvader, das an einer kleineu Insel in der Nähe der chilenischen Küste vor Anker lag. Nach kurzer Zeit wurde der„Eitel Friedrich" jedoch zu einer mehr- tägigen Kreuzfahrt nahe der Küste von Valparaiso ausgeschickt, und loeni» es ihm nicht gelang, greifbare Erfolge durch Wegnahme von Prisen zu erzielen, so gelang es ihm dock», den gesan»ten feindlichci» Handel an der chilenischen Küste für längere Zeit lahmzulegen; als infolge der Seeeschlacht bei Coronel die Anwesenheit des dcut- schen Geschwaders bekannt»vurde,»vurde diese Lähmung noch ver- stärkt. Welchen Eindruck das Erscheinen des„Eitel Friedrich" in den dortigen Gelvässern»nachte, ist klar zu ersehen aus einem Artikel der„Deutschen Presse von Valparaiso" in der Nummer vom 2. November, der die Aufschrift trägt:„DaS Gespenstcrschiff vor den Toren Valparaisos l" De»» nleisten Spaß machte es, die Küstenstationen, die»nerkivürdigerlveise alle von Engländern besetzt sind, des Nachts sich gegenseitig trösten zu hören mit dem Ausruf: Es»st ein Jammer mit diesen verdammten deutschen Kreuzer»! (Schluß folgt.) Neue Forschungen über öas Eiweiß- Minimum. Von großer Bedeutung für die Qualität der Nahrung, die wir zu uns nehmen, ist ihr Gekalt an Eilveiß. Denn nur durch daS in der Nahrung eingeführte Eiivcitz kam» das der Zerstörung an- heimfallende Zelleninaterial des Körpers ersetzt»Verden, da den übrigen Nährstoffen, den Fetten und Kohlehydrate»», der in den Eiloeißkörpen» vorhandene Stickstoff fehlt. Seitdem es eine Ernährimgsphysiologie gibt,»velckie es sich zur Aufgabe stellt, die Norme»» für die menschliche Ernäbrmrg zu ermitteln, ist die Frage laut geivorden: Wieviel Eilveiß branckit der Mensch, und»velches ist das Minimum? Eine Frage, die beute um so brenireiider is». ats sie zu de» tvcitgekendstci» natioiialökonomischen Folgen führen kani». Man hat zui»ächst die Kost,»vte sie die Renschen zu essen gelvokut sind, auf ihren ENveißgehalt geprüft und gefunden, daß sich in ihr zirka 110 Gramm Eilveiß befinden. Dainit ist natürlich nocb nicht gesagt, daß dies die notwendige Menge»väre, fondern es ist nur die übliche. Da die cilveißhaltigen Nahrungsmittel, zu denen in erster Linie das Fleisch gehört, sich eines besmidercn Wohlgeschmacks erfreuen, ist ihr Konsum bei den Kulturvölkern in den letzten Jahrzehnten trotz ihrer hohen Preise erheblich ge° stiegen. Vergeblich hat der V e g e t a r» S n» u S dagegen Front zu inachc»» gesucht. Endlich begannen auch die Aerztc auf Schädea binzuweiseu, die wie die Gicht ihre Ursache in übermäßiger Eiweißkost zu suchen hätten. Allgemein»vurde Stimmung für Ein- schränkungcn des EilveitzbedarseS gemacht. Versuche, die von An» hängern des Vegetarismus gemacht»vurden, schienen zu zeige»», daß man auch»i'it einem Bruchteil der augenblicklich üblichen Ei- »veißmeuge im Stoffwcchsclgleichgewicht bleiben könne, d. l». daß »»»an bei einer viel geringeren Zufuhr nicht mehr an Stickstoff ausschied, als»nan eingenommen battc. Stickstoff, als Bestand des Eiweißes,»vird in den Ausscheidungen als Maß für das vom Körper zerstörte Eilveiß gewählt. Da das Eilveiß zirka 16 Proz. Stickstoff enthält, ist das 6gZfache davon die Menge des Eiweiß. So sind der bekannte dänische Ernährungsreformer Hindhede und der Amerikaner Chittenden»nit Ellveitzincngen ausgekommen, de« 30 Gran» n»»»icht überschritten. Es soll nicht verschwiege»»»verde». daß ein derartig tiefes Eitveißminimum heftiger Kritik unter» lvorsei»»vnrde. Einen neuen Beitrag zu diesen» intercssantei» Probien» liefert eine in Pflügers Archiv für die gesamte Phtzstelogie erschienene Experiinentaluiltersuchung, die der Hallenser Physiologe Emil es gehabt, so»väre ich da stehen geblieben, Ivo ich damaü» stand mit meinen kleinen rheinischen Skizzen. Ich war wohl froh, ehrlich froh, Geld zi» perdienen, aber ein Frohsinn, bei dem die Seele sich freut, bei dem sie jauchzt. sich erhebt aus dem Alltag, solch ein Frohsein war das nicht. Unklar fühlte ich; das, was ich schricb, lvar fernab von Lite- ratur. Aber wie hin zu ihr kommen, wie sie erreichen, die wahrhafte, die einzige, die wirkliche Kunst?! Da gab mir ein Freund Zola zu lesen. Er wußte Wohl, was er unternahm, als er mir den Band in die Hand drückte, und hatte Bedenken: würde mir das auch wirklich gut tun? Er hoffte es; aber was er»nir dainit getan hat, das hat er freilich doch nicht geahnt...Genniiial" wurde mir eine Osfenbarmig. Ich las es heimlich,»»eine Umgehung hätte durchaus keinen Gefallen an dieser Lektüre gefunden. Aber ich, aber ich! Ick» fieberte, ick» zitterte, ich»var>vic niedergedonnert; ein Blitz hatte mich hell durchfahren, ich lag zer- schmettert, aber— jetzt sah ich. O diese Kraft, diese Größe, diese Glut der Farben, diese Gewalt der Sprache, diese Fülle der Gesichte, diese Leidenschaft der Gefühle! So muß man schreiben, so! Ohne Rücksicht, ohne Furcht, ohne scheues Be- denken. So. nur so kann man sei»? Leiter erklimmen, die steil und senkrecht zur Höbe der Literatur hinanführt. Was Brutales da war, was des Zuviel bei Zola ist, sah ich damals noch nicht; ich bewunderte nur, staunte an ohne Kritik,»nit fortgerissen von der gewaltigen Kraft dieses Riesen. Und wenn jch hundert Jahre alt würde, ick» würde den Tag dieses Eindrucks nie. vergessen; er ist bestimmend für mich geivorden. In den Winkel flöge»» die rheinischen Skizzen — nein, nein, nicht mehr so„wie früher"! Und wenn mich kein Mensch mehr etwas von mir dnicken ivürde, und wenn meine Verwandten, meine Freunde sich auch beleidigt von mir wenden»vürden, und wenn ich verhungern sollte, ich würde von jctztad anders schreiben: ohne Phrasen, oyi»e Zier- Uchkeit, ohne Schönfärberei. Ganz nackt meinetwegen sollten die Gestalten dastehen, nur ehrlich, ehrlich! Jch war wie im Taumel; ich setzte mich bin und schrieb in zwei Tagen eine größere Erzählung tz„Die Schuldige". Es war ein Stöfs. den ich schon lange in mir herumgetragen hatte— ungeahnt — nun tauchte er plötzlich wieder aus; er stammte noch aus sener Zeit, als ich den Onkel Malhicu ans seinen Unter- suchungsreisen begleitete. Keine Redaktion nahm„Tie Schuldige" an. Jch war wohl traurig darüber, aber ich schrieb doch so weiter. Und ich habe nie mehr so„wie früher" geschrieben. ?( ß b c u h a l b c II NN Verein mit mehreren Mitarbeitern angestellt bat. Die Versuchsperson deckte ihren Stickstaffbebars in einer Versuchsreihe allein mit Kartoffeln, die in einer Menge von IllOll bis 1(300 Gramm pro Tag gegessen mürben, und in anberem burch Brotkost, die zwischen 325 und 700 Gramm schwankte. Die Gr- getmisse waren so, daß auszerorbentlich kleine Stickstoffgaben ge- nngteii, uin�das Stickstosfglcichgcwicht zu erhalten. Es war nicht mehr als 4,5 Gramm Stickstoffzufuhr nötig, das sind 27,9 Gramm Eiweiß! Kartoffeln und schwedisches Brot zeigten sich am gün- stigstcn, bei dem Genüsse deutschen Kommißbrotes lag das Gleich- gewicht höher, so daß mehr Brot zugeführt werden mutzte. Diese Tatsache ist interessant, weil sie zeigt, daß das Stickstoffgleich- gewicht und also auch das Minimum nicht für alle Rahrungsformen das gleiche ist. Schon dies muß uns davor abhalten, das Minimum ohne weiteres in bie Praxis der Ernährung einführen zu wollen. Dazu kommt noch, daß die Bilanz durch alle möglichen inneren und äußeren Einflüsse gestört werden kann. Offenbar waren diese niederen Werte nur dabnrch erzielt worden, daß die Versuchs- Person jeden einzelnen Bissen 00— 120mal kaute und sehr ein- gehend einspeichelte. Weiter ist sehr bezeichnend, daß bei einem Versuche, bei dem die Versuchsperson an einem leichten Katarrh litt, die Bilanz sofort gestört war. Es ist daher, sagt Abderhalden, nicht erstrebenswert, eine möglichst niedrige Stickstoffzufuhr für das tägliche Leben zu empfehlen. In der Nahrung muß unbedingt ein Ucberschutz an Nahrungsstoffen zugeführt werden, damit der Organismus jeder Aufgabe und jeder Erschütterung gewachsen ist. Eine möglichst niedere Stoffzufuhr würde sich rächen, wenn im Krankheitsfalle besondere Anforderungen an ein Organ gestellt werden. Allerdings kann der Eiweißbedarf eingeschränkt werden, aber es bedarf noch eingehender Studien an einem großen Ma- tcrial, um festzustellen, mit welchem Quantum der Körper am besten fährt._ Dr. S. T. Das Nieöeröeutfche in öerZlsttenfprache» Da die deutsche Seeschiffahrt sich ausschließlich in nieder- deutschen Gebieten entwickelte, ist die Schiffersprache mit vielem niederdeutschen Sprachgut durchseht. Seitdem die Segelschiffahrt durch die Maschinen verdrängt ist, seitdeni nicht nur Küstenbe- wohner, sondern auch viele Binenländer aller deutschen Gaue auf den deutschen Kriegsschiffen zu finden sind, bat sich die Sprache an Bord der Kriegsschiffe zwar verändert, aber noch imnier ist Nieder- deutsch Trumpf; niederdeutsch ist fast alles, was der Fernstehende für englisch bält. Einige der wichtigsten neuhochdeutschen See- mannsansdrücke sind niederdeutscher Herkunft, und das gleiche gilt für so viele unverständliche, scheinbar hochdeutsche Wörter. In welchem Matze dies der Fall ist, zeigt Ludwig Goedel ider Verfasser des„Etymologischen Wörterbuches der deutschen Secmannssprache") in einem an Beispielen reichen Aufsatze in den„Mitteilungen aus dem Quickborn"(Hamburg), aus dem hier einiges heraus- gegriffen sei. Das Wort Jacht, das der Engländer Jot spricht, und das in Deutschland eine Zeitlang ebenso ausgesprochen wurde, wird meistens für englisch gehalten. Es ist dabei aber so niederdeutsch, wie nur möglich: im ganzen Mittelalter gab es in Niederdeutsch- land Jachten, ja sogar im Oberdeutschen erwähnt Frohnsperger (löOöj„Renn- und Aagschiff". Vom Nennen, Jagen, Schnellfahren bat es den Namen. In den Niederlanden gab es zu� jener Zeit auch schon Jachten in unserem neuzeitlichen Sinne: Spieljachten, Herrenjachten. Eine solche wurde von der Holländisch-Ostindischen Kompagnie dem König Karl II. von England anläßlich der Ver- lobung seiner Nichte Maria mit Wilhelm III. von Oranien ge- schenkt, und Evelyn gibt in seinem berühmten Tagebuche ausdrück- licb an, solche Nachts(oder Vergnügungsboote) seien den Eng- ländcrn bis dahin noch nicht bekannt gewesen.— Der Maat, der an Bord in mancherlei Abarten vorkommt, ist ebenfalls nieder- deutsch. Im Mittelniederdeutschen sind die Formen meä-meet- und nmtegeselle bekannt. Niederländisch heißt es maat und ins Englische ist das Wort als niete gewandert, wo es seine Be- beutung erweitert hat. Wie in so vielen Fällen, ist hier die deutsche Sprache die Mutter, die englische die Tochter. Das Wort war im Mittelalter in Nowgorod und im ganzen Gebiete der Hansa bekannt.; in Urkunden kommt es öfters vor. 1580 erscheint zuerst die Form Bootsmannsmaat. Die Grundbedeutung ist genau die von Genosse, und Maat ist Verkürzung von Gimazo, worin maz(Speise) steckt. Es handelt sich also um einen, der mit den anderen speist, um den Tischgenossen und allgemeinen Arbeits- genossen. Der Flotte ist das Wort so geläufig, daß auch das Wort „Pfarrers m a a t" für den Hilfsprediger gebraucht wird. Eine ganze Reihe Wörter der Seemannssprache erscheinen rätselhaft; meistens sind sie durch die Anpassung an das Hoch- deutsche unkenntlich gemacht worden. Die vielumstrittenen Dükdalben, die Gruppen von Pfählen im Hafen, haben mit dem Herzog von Alba, auf den man sie zurückführen wollte, nichts gemein; der zweite Teil des Wortes, eigentlich Dallen, wie man in Stralsund auch sagt, bedeutet Pfähle(man vergleiche: Heimdal gleich Weltbau. also Baumstamm gleich Balken gleich Pfahl); der erste enthält das niederdeutsche düken, gleich ducken, sich beugen, sich neigen, uiid in der Tat bestehen die Dükdalben aus zueinander geneigten Pfählen. Das„Kielschwein" hat mit einem Schweine nichts zu tun; der zweite Bestandteil, niederdeutsch Swin, stimmt zwar der Schreibung nach mit dem Schwein im Nieder- deutschen überein, doch handelt es sich dabei um ein Wort, das dem Hochdeutschen geschwind entspricht, was ursprünglich gar nicht schnell, sondern stark bedeutete, und so ist das Kielschwein nichts als eine Kielverstärkung. Eine Reihe anderer Tiere haben sich an Bord durch Mißverständnisse eingeschlichten. Pferde nennt man die Taue, die in kleinen Bogen von der Raa herunterhängen, in denen die Matrosen mit den Füßen stehen, wenn sie Segel los- oder festmachen. Sie treten(im Niederdeutschen: pedden, perren oder pcrden) auf diese Taue, und daraus haben kluge hochdeutsche Leute, denen das Perb nicht fein genug war, Pferd gemacht. Das Eseisbaupt, das Verbindungsstück am Kopf des Mastes, durch das die Stange mit dem Mäste verbunden sind, hat mit dem Esel nichts zu tun, sondern mit niederdeutsch assel oder asel, waL Schulter bedeutet. Die Kuh endlich, die als Kuhbrückc an Bord vorhanden ist, ist eine dritte solche hochdeutsche Verschlimmbesserung. Niederdeutsch heißt es nämlich Kuhlbrücke, wobei Kühl eine Ver- tiefung bedeutet. In der Tat handelt es sich um die Brücke über dem Raum„in der Kühl" zwischen Back und Schanze. Daß ein Schiff oder auch die Ladung„g e 1 ö s ch t" wird, geschieht nicht, weil sie brennt, sondern weil sie vom Schiffe losgemacht, gelöst wird. Als letztes Beispiel sei Peilen für Messen auf verschiedenen Ge- bieten herausgegriffen. Es ist aus Pegeln entstanden, und das Hauptwort Pegel als Wasserstandmatz kennt man auch im Binnen- lande. Ein solcher Pegel war ehemals aber ein gewisses Matz flüssiger Sachen überhaupt, z. B. auch bei Trinkgefäßen, und das Wort Picheln für Trinken steht im Zusammenhange damit und bedeutet nichts weiter, als bis zu einem Maßstriche trinken! kleines Zeuilleton. öaron Reuter. Das Reutersche Bureau in London, gewiß nicht der unbeträcht- lickiste von unseren Feinden in diesem Kriege, hat sein Oberhaupt verloren; durch Selbstmord ist Baron Herbert de Reuter aus dem Leben geschieden. Der plötzliche Tod seiner Gattin hat ihn. so sagt die Meldung, in große Erschütterung, vielleicht in geistige Ver- wirrung gestürzt, sodaß er zur Pistole griff. Man stellt sich, so heißt es in der„Frankfurter Zeitung", bei uns den Leiter dieser weltumspannenden, jetzt mit jeglicher Lüge gegen Deutsch- land arbeitenden Agentur wahrscheinlich als einen diabolischen Ränkeschmied, als die wahre Verkörperung des auf den deutschen Aufstieg neidischen, bornierten Jnselbritentums vor. Aber das ist ein Irrtum. In Wirklickikeit war an Reuter nichts Insulares und ganz und gar nichts Britisches. Die gesamte Existenz dieses Mannes war eigentlich eine Unwahrheit, von seinem Namen angefangen. Engländer, der er sein wollte, führte er den deutschen Namen„Reuter", und der wiederum war nicht echt, sondern von seinem Vater, dem hessischen Dorfjuden, gegen einen ursprünglicheren eingetauscht worden. Als dann der koburgische Baronstitel der Familie verliehen wurde— für welche Verdienste um Koburg oder Deutschland wissen wir nicht— konnte man sich Iveder„von" noch„ok" nennen; erstereS wäre zu deutsch, letzteres nach englischem Gebrauche nicht statthaft gewesen. Als Ausweg blieb, wie anderen Leuten in ähnlicher Lage. das„de", wiewohl an diesem Adel gar nichts Französisches war. Der kleine Zug ist bezeichnend für die Natur eines koburgischen Großbetriebes, der ohne jede liefere Beziehung zu England, sich nach und nach durch bloße geschäftlicbe Gewandtheit zum Hauptnachrichten- besorger der englisch redenden Welt gemacht hat. Der eben ver- storbene Reuter bat das aber nicht geleistet, er war schon der Erbe des Unternehmens, das sein Vater aufgerichtet hatte. Das eigentüniliche, in gewissem Sinne tragische an dem zweiten Reuter war vielmehr, daß er in dieses Unternehmen durchaus nicht hineinpaßte. Er war ein persönlich liebenswürdiger, bescheidener, ängstlicher, ewig katarrhalischer Herr vom Typus des deutschen Ge- lehrten; seine einzige Freude waren Musik und Bücher. Fuhr er morgens in sein Biireau, so las er wohl in der Bahn die Partitur einer deutschen Sinfonie; den Abend verkürzte das Studium schwieriger Werke der höheren Mathematik oder einer anderen Wissen- schaft, denn er lvar ein Polyhistor und las alles. Diesem so ge- arteten lllienschen lvar nun die Aufgabe zugefallen, die dunkeicn Wege der englischen Politik durch seinen Nachrichtenhandel sei es zu beleuchten, sei es noch mehr in schützendes Dunkel zu hüllen, und er hat diese Aufgabe mit Eifer erfüllt; auch hätte man ihm ver- mutlich bald die nötigen Ausklärungen gegeben, wenn es ihm ein- gefallen wäre, jene Politik kreuzen zu wollen. Andere in ähnlicher Lage wie Reuter— die aufgepfropften Pflanzen dieser Art find in der englischen Gesellschaft häufiger anzutreffen— beeifern sich gewöhnlich, ihr Engländertnm servil und dick aufzutragen. Das tat Reuter nickt, er hielt sich für sich und in seiner Bibliothek. lvir ivissen auch aus manchem Gespräch, daß ihm das moderne England mit seiner Oberflächlichkeit sogar eine gewisse Abneigung einflößte, obwohl er sich in pedantischer Mühsal seine Pflicht, wie er sie verstand, zu tun befliß. Etwas Unfreies haftete ihm allezeit an, ein inner- licher Groll sprach aus der ganzen Art dieses Knechtes von Downing treet. Mag sein, daß er schon längst des Lebens überdrüssig war, ehe ihn der Tod seiner Frau vollends umwarf. UebrigeuS lvird sein Abtreten nichts verändern; das Rcuter-Burean und das System Reuter bleiben bestehen. Aber sie werden uns nicht mehr viel schaden. Der Krieg hat zu lange gedauert, um nicht selbst bei den naivsten der Antipoden den Glauben an die Allmacht Englands und die Unfehlbarkeit Reuters erschüttert zu haben. Götz von Serlichingens eiserne Hanö. In dieser Zeit, wo es sich darum handelt, vielen Tausenden bvavcr Soldaten, die im 5triegc ihre gesunden Gliedmaßen ein- gebüßt haben, dafür einen möglichst vollkommenen künstlichen Ersatz zu schaffen, wird auch des öfteren der eisernen Hand Erwähnung getan, die den berühmten Ritter Götz von Berlichingen, dem Goethe in seinem Erstlingsdrama ein dauerndes Denkmal gesetzt hat, mehrere Jahrzehnte hindurch befähigte, dem Ritterhandwerk obzu- liegen. Nicht umsonst genießt Götzens eiserne Hand einen fast ebenso großen Ruhm wie ihr Träger, denn sie war ein Meisterwerk mittelalterlicher Feinmechanik, das noch heute schwer seinesgleichen finden dürfte. Götz von Berlichingen, der im Jahre 1481 auf dem Stamm- schlösse seines Geschlechtes, Jagsthausen, geboren war, verlor seine j rechte Hand bereits als Dreiundzwanzigjähriger bei der Belagerung von Landsyut im bayerischen Erbfolgekriege, wo sie ihm durch einen , Schuß zerschmettert wurde. Der junge Ritter glaubte zunächst, i über den Verlust nicht hinwegkommen zu können, schöpfte aber dann � neuen Mut aus der Geschichte eines Reiters aus alter Zeit, dpr j eine verlorene Hand durch eine künstliche ersetzt und damit weiter ( gefochten hatte. Götz ließ sich daher nach seinen eigenen Plänen von einem geschickten Waffenschmied gleichfalls eine eiserne Hand» anfertigen, die in der Tat so kunstvoll konstruiert war, daß sie zu einem fast vollwertigen Ersatz der verlorengegangenen natürlichen wurde. Ter königliche Hofrat und Akademiker Christian v. Mecheln gibt in einem 1815 erschienenen Buche eine genaue, mit Abbildun-- gen versehene Beschreibung der berühmten Hand, die damals noch bei der Familie Götzens in Franken aufbewahrt wurde. Aus diesen? Werke bringt die„Welt der Technik" in ihrer letzten Nummer einen Auszug, dem auch einige der hochinteressanten Bilder beigegeben sind.— Götzens eiserne Hand bestand demnach ans einer mit einer Klappe und Riemen versehenen Annschiene, die zur Befestigung an dem Armstummel diente, und der Hand selbst. Die Hand gleicht in ihrem Acußeren völlig einer Menschenhand: sie bestellt aus einem Mittelstück, an das sich die vier Finger und in Gegen- stellung zu ihnen der Daumen anschließt. Jeder Finger hat, cnt- sprechend den natürlichen Fingern, drei Gelenke, der Daumen deren zwei. Die Gelenke bewegen sich natürlich nicht selbständig, sondern sie locrden durch die linke Hand oder durch Aufstützen auf eine feste. Unterlage gekrümmt. Es kann dabei sowohl jeder Finger, als auch jedes Glied einzeln in die gekrümmte Stellung gebracht werden. In dieser Lage bleiben die Finger, bis auf einen Knopf gedrückt wird, worauf sie dann sämtlich in die gestreckte Stellung zurück- springen. Ter Daumen hat seinen besonderen Knopf. Auck die Hand selbst kann im Gelenk gebogen und durch Einstecken eines Stiftes in eines der drei Löcker des Vorderarmes in einer be- stimmten Lage festgehalten werden. Der Mechanismus, der diese Beweglickkcit der einzelnen Glieder ermöglicht, ist ziemlich kompliziert. In jedem Fingcrgliedc befindet sich eine Feder, die bei der Biegung gcsvannt wird und gleichzeitig einen mit schrägen Haken versehenen Sperrungshebel in Bewegung setzt. Dieser greift in die Zähne der Gelenkwirbcl ein, wodurch der Finger in der betreffenden Stellung festgehalten wird. Wird auf den Knopf gedrückt, so wird der Gelcnkwirbcl so gedreht, daß die Glieder sich zurückbewegen können. Der Mechanismus des Taumens ähnelt dem der Finger, während der der ganzen Hand sich, wie oben beschrieben, ohne Feder betätigt. Künstlicher Kampfer. Die Ausfuhr des aus t'-iunamornim Ciimpliora gewonnenen Kampfers aus Japan ist eine recht beträchtliche. Der Wert beirägt etwa 12—15 Mill. Mark jährlich. Die japanische Regierung hat den Kampfcrhandel monopolisiert. Nach Deutschland kamen bisher durch- schnittlich 1,5 Millionen Kilogramm. Die Hauptmenge wurde von der Industrie des Zelluloids verbraucht, ein Teil in der Sprengstoff- erzeugung, der Rest diente medizinischen Zwecken. Bekanntlich ist es der deutschen chemischen Industrie schon seit Jahren gelungen, den Kampfer künstlich darzustellen, wir sind also hier unabhängig vom japanischen Staatsmonopol. In der Medizin hat man, man möchte sagen aus uralter Gewohnheit, nur das Naturprodukt benutzt. Auch das ist jetzt anders geworden. In der„Medizinischen Klinik" veröffentlicht der Bonner Pharmakologe Prof. Dr. C. Bachem eine Arbeit„zur Anwendung des synthetischen (künstlichen) Kampfers". Er gibt nicht nur die Ergebnisse eigener Tierversuche an, sondern sichtet auch die Literatur über die An- Wendung am Krankenbett. Es geht daraus hervor, daß die Heil- Wirkung der künstlichen Droge mindestens die gleiche ist wie die der natürlichen. Es verdient also der synthetische Kampfer in ausgiebiger Weise zu therapeutischen Zivecken herangezogen zu werden an Stelle des Naturproduktes. Notize». — Kunst chronik. Bei Paul E assirer enthält die neue Ausstellung eine Sammlung von nahezu 30 Arbeiten Fritz Rheins, darunter sein neuestes Werk, ein Bild, das der Maler aus dem Felde geschickt hat. Die Ausstellung enthält ferner eine größere Zahl von Arbeiten Waldemar Röslers und einige Bilder von Franz Heckendorf, die beide gleichfalls im Felde stehen. — M u s i k ch r o n i k. L e o S l e z a k wird im D e u t s ch e ir O p e r n h a u s e an vier Abenden als Gast auftreten, und zwar am 2. Mai als Elsazar(Jüdin), am 0. Mai als Assnd(Königin von Saba), 9. Mai als Manrico(Troubadour) und 12. Mai als Eleazar (Jüdin). — Vorträge.„Die Natur als Künstlerin" ist das Thema eines Lichtbildervortrages im Wissenschaftlichen Zentralverein Humboldt-Akademie, über das Dozent R. S ch m e h l i k am Sonnabend, den 24. April, 8 Uhr abends, in der Aula der Lehr- slätte, Georgenstr. 30/31, spricht. Der Eintritt ist frei. — Ein neues chemisches Element. In die Reihe der chemischen Elemente schieben sich seit der Entwicklung des Radiums und der radioaktiven Substanzen immer noch neue Glieder ein. Ott kann man theoretisch voraus berechnen, daß an einer bestimmten Stelle des Systems, das die Elemente ordnet, ein neues Element zum Vorschein kommen wird. Einer solchen Vorausbestimmung ist vor kurzem die Entdeckung eines neuen Elementes gefolgt. Doktor Gohling hat im Physikalisch-Chemischen Institut zu Karlsruhe einen Körper, der ein Zcrsallprodukl des Urans ist, isoliert und ihn B r e v i u m genannt. Das Brevium zeigt ein eigentümliches Ver- halten, wie es erst bei einigen radioaktiven Elementen aufgedeckt worden ist; es ist ein sog. Plejade, ein zusammengesetztes Ele- ment, das zwei verschiedene Atomgewichte besitzt, aber auf chemischem Wege nicht weiter zerlegbar ist. THcatcp. Direktion: Max Boinhardt. 71/.. Uhr: Schlack«ad Jan. Sonnabend: Schlack n. Jan. KainineCKpiele. 8 Ubr: Die deutsdien Kleinstädter. Sonnabend: Der Welbsteuf cl. Sonntag 2'/z Uhr: Kachmittags- A'orstellung(kleine Preise) Die deutschen Kleinstädter. URANIA 4 Uhr(halbe Preise): Die Vepn und ihre Hampfstätten. 8 Uhr: Äul Dem polnisch. Kriephauplatz mit Der Mackensen-Armee. Zirkus Älb. Schumann Freilag, 23. April 1915; dr.ala- Vorstellung täglich Anfang 8 Uhr mit vollständig neuem Programm Nur noch kune Zeil! 9'lt Uhr: Ost und West. Großes patriotisch.Schaustüok mit der Einlage Ü-Boot W Torpedieren e. Handelsdampfers. Voigt-Theater. Badstr. 58. Badstr. 58. Freitag, den 23. April 1915: Die schöne Kolländerin. Volksstück mit Gesang in 4 Akten von Anton Anno. Kassencrössnung 7 Uhr. Ans. 8 Uhr s SARRASJN1 '/28 Uhr: .... 4. cht. � Tel Norden 10108. Vorverkauf Warenhaus Tietz. Casino= Theater Lothringer Straße 37. Täglich 8 Uhr. Das neue dreiaktige Lustspiel Die gute Mama. Dazu der erstklassige bunte Teil. Das reichhaltigste Progr. aller Theater. onnt.l U.: Der Herr Kommerzienrat. Theater für Freitag, den 23. April. Berliner Theater ZunitTH. Male: LXtl'SbMei'! Deutsches Künstler-Theater s uhr: Im weißen Röss'l. Deutsches Opernhaus, Charlottcnb. 8Tjhr: Oberon. Friedrich-Wilhelmsfädt. Theater. 8 uhr: Die Fledennaus. Gebr. HeFrnfeid-Tlieater ..... Familie Plaschek. 8 Unr: Helbring contra Helbring. Kleines Theater 8 Uhr Scherz, Satire, Ironie Zum 1. Male: u. liefere Bedeutung. Komische Oper aiou.: Gold gab ich für Eisen. Komödien haus 8 uhr: BiedermeieF. liCssins-Theater 8 uhr: DatteFieh. (.nstspielhans 8'|4U.; Gebildete Menschen. Konrad Dreher a. G. Metropol-Theater 8 Uhr: Dcf HochlouFisl. Sonntag 3l/4 Uhr: Der Hochtourist. Montis Operetten-Theater Gastspiel Louis Troumann. s uhr: Hoheit tanzt Walzer. Kesldcnz-Thcater s uhr: Die Schöne vomStranil. Hose-Theater 8Uhr:DieFöFSteF-ChFisll Schiller-Theater O. 8 uhr: Faust 1. Teil. Schiller Th. Charlottcnbg;. s uhr. Das Prinzip. Thalia-Theater suh�Kam'rad Manne. Theater am Xollendorfpl. fi'/j Uhr: Immer feste drn» k Sonnt. S'/j ü.: Die Dollarprinzessin. Theator des Westens 8 Uhr: Polenbiut. Theater in der Königgrätzer Straße 8 Uhr: RaUSCh. Trianon Theater s1/, u.: ÄkFobalen. Volksbühne.Theateram Bülowplatz 8... uhr: Der Revisor. Walhalla-Theater 8 uhr: Die iagii Dach tiem Glück. Else und Berta Wiesssithai Gustav Matzner Else Bcrna Qussy Holl sowie der glänzende April-Spielplan. ¥hcatci' Folios Caprico" Possen-Theater 8�4 Onkel Adi! Kinodrama. Die Sprechstunde. Martin Kettner a.G. Reiehsballen-TlieateF Stettiner Sänxer. Auf. 8 U. Zum Schluß: 1 Militärisch. Zeit bild von Meysel. MUitärpersonen u. deren Angehö- rlgen vollkommen freierZutrittzu d.Stett. Sängeni. hzMMMiZ. nahe Alexanderpl. Wegen Ausgabe einer hiesigen Baumschule kommen ca. 4000 Siück Obstbäume bül. z. Verkauj. 10 Stück gemischte höchst. Birnen u. Achsel 5,00, 7,50 u. 8,50 M. 10 Stück aus. sortierte Bäume 4,00 M.— Der Verlaus dauert nur einige Tage. Landsberger Str. 4D/4!!.* r-TTHWiiium________ Ii Verantwortlicher Redakteur: Alfred Wielepp. Neukölln. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u.VerIag:Vorwärt» Buchdruckeret u. Berlagsanstalt Paul Singer& Eo., Berlin SW,