Nr. 95.- 1915. Unterhaltungsblatt öes Vorwärts SlUUlrtbtitd, 24. April. Eine Wikkngerfahrt. (Schluß.) Während der Seeschlacht von Coronel befand sich der„Eitel Friedrich" etwas nördlich vom Kampfplatz, und die Besatzung geriet durch das ununterbrochene Mitanhören der TefechtSsignale in eine furchtbare Spannung, bis endlich das Signal!am von dem sieg- reichen Ausgang ohne Verluste für nnS. Nachdem das Geschwader gewissermaßen das Feld gesäubert hatte, lief der„Eitel Friedrich" am 4. November in Valparaiso ein, um Kohlen und Proviant ein- zunehmen. Dank der Mitarbeit unserer deutschen Landsleute und der übermenschlichen Anstrengungen der Besatzung gelang es, in -4 Stunden 2000 Tonnen Kohlen und eine große Menge Ver- pflegungSmittel an Bord bringen, sowie mittlerweile ausgegan- gene Materialien zu erganzen. Nach dem Verlaffen des Hafens begab sich der Kreuzer mit geheimem Auftrage des Geschwaders in See. um gewissermaßen als Lockvogel für die feindlichen Streit- kräfte zu dienen. Am 29. November war diese Aufgabe gelöst, und die Kreuzfahrten an der Küste wurde wieder aufgenommen. Der ö. Dezember brachte dem„Eitel Friedrich" die erste Beute in der Gestalt des englischen Dampfers„Charcas", der urplötzlich aus dem Nebel auftauchte. Auf Anfrage zeigte er zu aller Freude die eng- lische Flagge. Nachdem die Besatzung auf den„Eitel Friedrich" übernommen worden war, wurde das Schiff versenkt. Vom Kapitän des„EharcaS" erfuhr man nebenbei, daß der englische Konsul er- klärt hatte, � die chilenische Küste sei nun wieder von deutschen Sckiiffen gesäubert, und die englische Schiffahrt sei am 4. Dezember wieder aufgenommen worden. Die Mannschaft des.Charcas" wurde sofort in Poputo, nahe bei Valparaiso, gelandet, um dem Engländer den Dünkel möglichst rasch und gründlich wieder aus- zutreiben. Der Erfolg dieser Landung zeigte sich sofort darin, daß bei den weiteren Kreuzfahrten an der Küste nur noch neutrale Segelschiffe angetroffen wurden; daS„freie" Meer wurde von den Engländern weislich gemieden! Nun waren die Kohlen wieder bedenklich knapp geworden. Doch während man gerade bei einer Sitzung war, um zu beraten, wie der schwache Nest am besten zu verwerten wäre, meldete der Aus- auä seiner Heringstonne, die als Mastkorb diente, den fran- zösifchen Segler„Jean", der das führte, wessen man so dringend benötigte, eine Kohlenladung, und 3ö00 Tonnen Cardiffkohlen sogar. Den Jubel kann man sich denken, als der Prisenoffizier diese Mel- dung machte, und beinabe unisono wiederHolle man den LeitverS des Hilfskreuzers:„Laß fahren deine Sorgen; du änderst nicht dein Los. Das Heut ist dein: das Morgen birgt Gott in seinem Schoß!" Indes, die Kohlen mutzten von dem„Jean" auf den„Eitel Friedrich" herübergebracht werden, und das war angesichts der heftigen Dünung eine Sache der Unmöglichkeit; man hätte Bark und Boote und den Dampfer selbst kaput geschlagen. So wurde denn die Karte befragt, die besagte, datz etwa 1600 Meilen weit die Sfterinsel in friedlichen Gewässern liege. Also mußte der „Jean" an Schlepptrossen gelegt und nach der Osterinsel verbracht Iverden, eine Reise, die bei einer Stundengeschwindigkeit von sechs- einhalb Meilen vom 11. bis 23. Dezember dauerte und eine Lei- ftung darstellt, loie sie noch nicht verzeichnet worden ist. Schon am 12. Dezember wurde die englische Bark„Kiltanton" aufgebracht, die mit einer vollen Ladung von Stückgütern von Glasgow nach cinlenischen Häfen unterwegs war; sie wurde versenkt, nachdem die Besatzung an Bord genommen worden war. Am 23. Dezember war man an der Osterinsel, und am nächsten Morgen wurdd mit der Hcbernahme der Kohlen begonnen, um 6 Uhr abends aber Schluß gemacht, des Heiligen Abends wegen. Die Mannschaft hatte schon während der Reise Cbristbäumckcn aus Besenreiscrn angefertigt, sie grün angestrichen, mit aller Christbaumherrlichkeit behängt, die der„Eitel Friedrich" noch von Bremen her an Bord hatte, und dann sang man unter Begleitung des Lloydflügels, der Kapitän las au? der Bibel vor und hielt eine Ansprache, und dann gab es ''inen WeihnachtsschmauS. gerade wie zu Sause. Damit war aber d,ese einzigartige Weibnochtsfeier auch zu Ende, und am Ehrist- iage wurde wieder gekohlt, datz es eine Art hatte, und die Leute waren so eifrig bei der Sache, datz man statt den erwarteten 3S0 Tonnen 700 Tonnen förderte. Der Ausgang des alten Jahres sah gefüllte Bunker, und da früher schon einmal eine reiche Hummerbank mit vielem Erfolg für die Vorratskammern angelau- fen, auf der Osterinsel aber auch noch frisches Fleisch von den zahl- reichen wilden Ochsen eingelegt worden war, so war auch für den s isch für einige Abwechselung gesorgt, und daS neue Jahr konnte daher ,n auter Verfassung angetreten werden. Nachdein die Be- satzungen des„Jean" und„Kiltanton" auf der Osterinsel zurück- gelassen worden waren— man hatte ihnen sogar einige Tische und Stuhle zur größeren Bequemlichkeit vermacht—, fuhr der„Eitel Friedrich" ab, kehrte aber am 2. Januar wieder nach der Insel zurück, um sich zu vergewissern, daß die gelandeten Leute auch gut aufgehoben seien und sich nicht gegenseitig prügelten. Der nächste Plan war, mit langsamer Fahrt auf den ver- schiedenen Rmsewegen der Dampfer und Segler ums Kap Horn herum nach Hause zu fahren. Auf dem Wege bis zum Kap wurden nur noch neutrale Schiffe angetroffen. Inzwischen aber hatte man von der Schlacht bei den Falklandinseln gehört, und es wurde wohl mit Recht vernrutet, datz in der Nähe des Kaps und der Magel- haensstratze eine Ansammlung von englischen Schiffen zu befürchten wäre. So wurde denn das Kap in weitem Bogen nach der Eis- grenze zu umfahren, wobei zwischen den Falklandinseln und Süd- georgien Eisberge in reicher Zahl und majestätischer Höhe getroffen wurden. Nachdem das Schiff dieser Gefahrzone entronnen war, ge- riet es gleich wieder in eine andere; denn es hörte oft bis zu acht englische Kreuzer miteinander verkehren; auch waren norwegische Walsischfänger nicht weit entfernt, die mit drahtlosen Einrichtungen ausgerüstet waren und die als Wegweiser hätten dienen können. Auf dem Kurse nach dem Norden begegnete man nur neutralen Schiffen, meistens norwegischen; am 26. Januar gelang es endlich wieder, ein feindliches Schiff zu sehen und wegzunehmen, die ruf- sische Bark„Jsabella Browne" aus Maria Hamm auf den Aland- inseln. Sie war mit 2700 Tonnen Salpeter nach England bestimmt. Ihre Leute wurden mit ihren persönlichen Effekten an Bord ge- nommen; auch wurde genügend Proviant beigefügt, Um die Leute verpflegen zu können— eine Praxis, die späterhin bei allen Schiffen befolgt wurde. Während man mit dem Russen beschäftigt war, hörte man zwei englische Schiffe ziemlich laut; man war also wieder in nächster Nähe des Feindes. Dann kam Kaisers Geburtstag, der mit deui Aufbringen von zwei Seglern gefeiert wurde, des Amerikaners„William P. Frhe" und des Franzosen„Pierre Loti", die zusammen gegen 8000 Tonnen Getreide für England führten. Trotzdem der„Frhe" ein amerika- »isches Schiff war, wurde nach langer Beratung doch beschlossen, es zu versenken, was am Morgen des 28. Januar geschah. Anfäng- lich wurde allerdings versucht, nur die Ladung zu zerstören, die mit Fug und Recht als Bannware betrachtet wurde. Man fing auch damit an, den Weizen über Bord zu schaufeln; aber die Entladung hätte mindestens sechs Tage in Anspruch genommen; auch erklärte der Kapitän, datz er eine gewisse Menge als Ballast nötig habe, um das Schiff stabil zu halten. Nachdem man sah, daß das Ueber- bordwerfen des Weizens unmöglich sei, suchte man den Rest der Ladung durch Einpumpen von Wasser unbrauchbar zu machen; aber dabei wäre die Seetüchtigkeit des Schiffes schwer beeinträchtigt worden, insofern die aufquellenden Weizenkörner eine Sprengung des Schiffes hätten zur Folge haben können. So blieb nichts anderes übrig, als auch das Schiff zu zerstören, wie daS in der Londoner Deklaration ausdrücklick vorgesehen ist. Die Besatzung wurde an Bord verbracht; die des„Loti" war schon da. Von den Kapitänen dieser Segler erfuhr man, datz noch 38 weitere Getreide- segler und Dampfer mit Getreide nach England unterwegs waren. Darauf gab der„Eitel Friedrich" den Plan auf, nach Haufe zu fahren und kreuzte längere Zeit, um die englische Zufuhr abzu- schneiden. Bald wurde denn auch die französische Bark„Jacobsen" aus Dünkirchen mit 59 000 Sack Gerste, fiir England bestimmt, auf- gebracht, später noch die englische Bark„Jnverfoc" aus Aberdeen mit 38 000 Sack Weizen, sowie der englische Dampfer„Mary Ada Sbort" aus Sunderland, der 3000 Tonnen Mais für England führte. Schließlich lief noch ein ganz großes Stück Wild ins Garn, der fran- zösische Passagier- und Postdampfer„Florida" aus Havre, der neben einer sehr wertvollen Ladung auch 86 Reisende an Bord hatte. Be- satzung und Reisende wurden nach Möglichkeit gut untergebracht; vor aÜem erhielten der Kapitän, die Offiziere und die Reisenden der ersten und zweiten Klasse Kabinen, die von den Offizieren und Unteroffizieren des„Eitel Friedrich" aufgegeben wurden. In ärzt- sicher und hygienischer Hinsicht wurde bestens Vorsorge getroffen; die Verpflegung war dieselbe wie die der eigenen Offiziere und Mannschaften. Das einzige notwendige Nahrungsmittel, das wäh- rend der langen Seefahrt anfing, knapp zu werden, war frisches Wasser. Alles Trink- und Kochwasser wurde zwar an Bord destil- liert; als Waschwasser dagegen konnte nur aufgefangenes Regen- wasser gegeben werden. Nachdem noch der englische Dampfer„Willerby" aus Stockton versenkt worden war, der so wichtig erscheint, weil er im Ballast nach Buenos Aires fuhr, um Getreide für England zu holen, fuhr der„Eitel Friedrich" in die Gegend des Aequatorialregens und fing dort durch aufgespannte Tücher genügend Wasser auf, um die Reise fortsetzen zu können, Da er nunmehr gegen 350 Gefangene und Neutrale an Bord hatte, so überlegte man sich reiflich, ob man nicht die Leute irgendwo landen sollte. Man kam indes davon ab, da englische Schiffe unter der Küste kreuzten und ein Zusammenstoß mit dem Feinde nicht allein das Schiff, sondern auch die Gefangenen in Gefahr gebracht hätte. Da mittlerweile auch wieder Kohlenmangel eingetreten war und die Kessel und Maschinen in schlechten Zustand geraten waren, so entschloß man sich, die ungastlichen Gestade Südamerikas zu verlassen und den Hafen von Newport News aufzn- suchen, wo man am 10. März wohlbehalten eintraf, ungesehen von den englischen und französischen Aufpassern, die man schon seit acht Tagen so laut gehört hatte, daß dem Mann am drahtlosen Apparat der Hörer aus der Hand geschlagen Ivurdc, so stark waren die Wellen; man konnte nicht weiter als zwanzig Meilen von ihnen entfernt gewesen sein.__ Ms öer Geschichte öes Gefrierfieifches. Das Thema des Gefrierfleisches steht heute wieder im Mittel- Punkt der öffentlichen Erörterung. Handelt es sich doch heute darum, durch Aufspeicherung möglichst groß r Mengen Fleisches des aus Grüitden der Ersparnis von Futterniilte.u zur Schlach- tung kommenden VrcheS und insbesondere der zuc Notschlachtung kommeitben Schweine rechtzeitig Vorsorge zu treffen, uui einer Vergeudung der Fleischvorräte zu begegnen und damit den englischen Aushungerungsplan auch in dieser Hinsicht zunichte zu macheu. Aus dieser Erwägung heraus haben denn auch die beut- scheu Städte schon in großem Umfange durch Schaifung von Kühl- hallen für die künftige Fleischversorgung der städtischen Bevölkc- ruug Sorge getragen. Die Wahrnehmung, daß Kälte, sobald sie eine entsprechmde Intensität erreicht, die Zersetzung des tierischen Fleisches aufhält, und eine genügend lange Frischerhaltung verbürgt, ist schon alt. Bekannt ist vor allem das klassische Beispiel des voreiSzcitlichcn Riesenelefanten, der im Jahre 1799 von einem Tungusen im sibi rischen Eise gesunden wurde. DaS Mammut hatte mithin 20 000 bis 25 000 Jahre im Eise geruht, und eS zeigte sich, daß das Flcisw noch so frisch erhalten war, daß es die Hunde gern fraßen. An solchen Funden war in Sibirien in der Folge übrigens kein Mangel, und die überraschende Tatsache, daß sich das Fleisch unendlich lauge Zeit frisch erhalten hatte, leistete bei den Eingeborenen sogar der abergläubischen Meinung Vorschub, daß diese Mammutelefanten gar nicht tot gewesen scren, sondern etwa wie Maulwürfe unter dem Eise gelebt hätten und erst gestorben seien, al? sie mit der Luft in Berührung kamen. Dieser Aberglaube wurde auch durch die Wahrnehmung bestärkt, daß die Ticrkadaver tatsächlich sofort in Verwesung übergingen, nachdem sie aus dem Eise herausgebracht worden lvaren. Ter Gedanke also, sich das Eis zur Fleischkonscr- vierung dlenstbar zu machen, lag ziemlich nabe. Trotzdem dauerte es geraume Zeit, bis er praktische Verwirklichung fand; denn es sind in Wahrheit erst etwa 40 Jahre her, seit cS Gefrierfleisch in größerem Umfange gibt. England war auf diesem Wege den anderen Völkern praktisch vorangegangen; auch den Franzosen, die mit den. Versuch, Gefrierfleisch einzuführen, und mit dem Bau von Kühlhallen den Anfang gemacht hatten. Dort war eS der vor zwei Jahren in hohem Greisenalter verstorbene Charles Tellier ge- Wesen, der auf Grund der ersten Entdeckungen PasteurS über die Mikrobenwelt den Gedanken, die Zersetzung von Lebensmitteln durch Kleinlebewesen mit Hilfe der Kälte zu verhindern, zur Aus- führung gebracht hatte. Aber es bedurfte noch vieler und zum Teil mißglückter Versuche, ebe sich die Erkenntnis von der Brauch- barkeit seines Kühlverfahrens durchzusetzen vermochte. Unter vielen Mühen und Entbehrungen hatte es Tellier endlich so weit gebracht, um an die Konstruktion einer Druckluftkältcmaschine gehen zu können, mittels der er nicht nur Fleisch, sondern auch andere organische Stoffe konservieren wollte. Pasteur hatte sich nach Prüfung der Erfindung sofort mit begeistertem Lob übcre Tellier- Erfindung ausgesprochen. Um weitere Kreise für seine Idee zu gewinnen, beschloß Tellier eine Ladung frischen Fleisches naw Argentinien zu schaffen. Diesem Transport diente ein besonders hergerichteter Fleischdampfer, der am 28. September 1876 den Hafen von Ronen mit einer nach La Plata bestimmten Fleisch- ladung verließ. Als daS Schiff nach einer Fahrt von 106 Tagen den Bestimmungshafen erreichte, war das Fleisch noch ebenso gut und frisch wie am Tage der Abfahrt. In Frankreich wurde trotzdem TellierS Erfindung nicht nach Gebühr beachtet; um so angelegentlicher interessierte sich aber Eng- land für die Erfindung des Franzosen, der in seinem Vatcrlande nichts galt. Hier wurde der Wert der Sache sofort erkannt, und es wurde aus Australien und Südamerika Fleiscki auf Kühlschiffen bezogen. Wie sich dieser Schiffsverkehr mit Gefrierfleisch im Laute weniger Jahre entwickelt hat, bezeugt der Umstand, daß im Jahre 1912 nicht weniger als 400„Kältedampfer" unter englischer Flagge den Ozean befuhren. Ihre Fracht bestand nicht nur aus Fleifw, i] Die letzte Exekution. Von Ercole Rivalta. Autorffierte Ueberfetzung von Tora Blumenthal. Tos Kind hotte sich auf die Schwelle des Hauses gesetzt. „Nella, nicht weglaufen!" rief ihr von innen die Mutter zu. Die Kleine antwortete nicht. Aus der dunklen Ktiche tauchte im Tageslicht das strenge Gesicht einer müden, abgc- arbeiteten Frau auf. ..Es ist gut, bleib da!" Das Kind rührte sich nicht. Vor ihm ouf der Straße hüpfte ein Spatz herum, pickte da und dort und tauchte ini tiefen Staub wie in einem Bad unter, dabei lustig vor sich hin zwitschernd. 3!ella sah ihm mit weit geöffneten Augen zu und streckte ihren kleinen Arm nach ihm aus, als wollte sie ihn greifen. Ter Spatz betrachtete mit schiefem Köpfchen das rosige Kind mit den großen, vor Freude glänzenden Augen, näherte sich ihm und hüpfte wieder zurück, scheinbar den kleinen Ann verhöhnend, der sich listig, geschmeidig wie eine Katze allmählich vorwärts schob. Tie Straße lag einsam, bedeckt van weißem, dickem Staub, in der brennend heißen Mittagszeit; vor allen Fenstern der ärmlichen Häuser hingen unbeweglich in der windstillen Luft weiße und blaue Tücher. Ein dumvses Hämmern unterbrach die Stille. Ter Sper- ling flog erschrocken davon, und das Kind verfolgte ihn mit sehnsüchtigen Blicken, beide Arme verlangend nach ihm aus- streckend, als wollte es ihn zurückhalten. Unter der Tür eines kleinen, schmutzigen Hauses gegenüber erschien der Flickschuster. Es war das einzige Haus auf dieser Seite des Weges, eigent- lich kein Haus, sondern ein niedriges, schwarzes Loch, kaum besser als ein Schweinestall. Das grelle Licht der Straße fiel auf das Gesicht des Schusters und hob die Falten, die Un- ebenheitcn und die Furchen deS alten, bartlosen Gesichts scharf hervor. Hr runzelte die Stirn, schloß halb die Lider und sah in der einsamen Straße herum. Nella schaute ihn an, und er blickte hinweg, über die brennende Linie der Straße, in die schönen schwarzen Augen des Kindes und lächelte. Nella lächelte auch. Er streckte seine schmutzige, schwielige Hand aus und grüßte. Nella erwiderte den Gruß mit ihren weichen, schmutzigen Händchen. Tann suchte der Alte nach einem Gegenstand, der ihr Freude machen könnte; er fand nichts als einen alten Schuh, der, darauf wartete, ausgebessert zu iverden, und er begann ihn vor den verwunderten Augen der LHeinen wie einen Hampelmann tanzen zu lassen. Nella lachte wie eine Lerche und ihre Fröh- lichkeit drang dem Alten in die Seele und Vertrieb ihm den Kummer. „Warum lachst Du?" fragte die strenge Stimme der Mutter. Sie sah den Schuster nicht, der langsam, immer den zer- rissenen Schuh dabei bewegend, mit einem eigentümlichen kindlichen Lächeln auf seinem müden Gesicht, über die Straße kam. Nella rutschte die Stufe hinunter und lief ihm ent- gegen, die Arme nach dem pendelnden Schuh ausstreckend. Der Alte legte seine rauhe Hand auf den kleinen Lockenkopf. „Wohin gehst Du?" Die Frau erschien wieder in der Haustür. Mit einem Sprung stand sie auf der Straße, packte die Kleine und zog sie mit sich fort. „Sofort ins Haus!" sagte sie mit zorniger und gleich- zeitig ängstlicher stimme. Ter Schuh stand still in dcr�runzeligen Hand, die ein wenig zitterte. Tann kehrte der Schuster, ohne ein Wort zu sagen, in sein schwarzes Loch zurück und ließ sich dort traurig an seinein Arbeitstisch nieder. Der Schuh fiel in einen Korb voll allerhand Abfällen. Der Alte nahm den Hanimer und begann wieder zu klopfen: der Hammer war sehr schwer, viel schwerer als vorhin, so schwer, daß er ihn sinken ließ und er im Sinken den müden Arm mit sich zog. Seit zwanzig Tagen, seitdem er in dieses düstere, feuchte Haus gekommen war, hatte er immer dieses Kind, das ihm gegenüber wohnte, bewundert; ein Kind ohne Vater, das nie einen besessen hatte, das mit seinem fröhlichen Lächeln, trotz des etwas bleichen, kränklichen Aussehens, einem Frühlings- Himmel glich. Weshalb hätte er es nicht eines Tages streicheln dürfen? Und doch pochte ihm das Herz, wenn er daran dachte, wie einem, der eine schlechte Tat ersinnt. Er besah seine Hand, die noch keinem etwas zuleide getan, die verachtete, von allen geflohene Hand, die von der Arbeit und dem Alter unförmig geworden war. Eine Liebkosung, nur eine einzige! Statt dessen war er überall wie ein Dieb verjagt worden. Also wußte nian es auch schon hier... Tic Freude aber, das unschuldige kleine Lockcnköpfchcn mit seiner müden Hand be- rührt zu haben, konnte ihm doch keiner mehr nehmen-- eine kurze Freude, die vor der neuen Grausamkeit trostlos verflog. „Sofort ins Haus!" Die schroffe Stimme hatte befohlen, und er hatte nicht gewagt zu erwidern:„Aber warum? Raube ich das Kind? Bringe ich es zum Weinen? Tue ich ihm weh? Nein! Es lacht! Also?" Er dachte sich aus, was diese schroffe Stimme dem Kind mit den großen ängstlichen Augen sagen würde: „Nie wieder, hörst Du, nie wieder! Das ist ein Menschen- fresser, der die kleinen Kinder ißt und sie in einen Sack steckt! Es ist der Sohn des Henkers, der die Leute umbrachte!" Und die großen ängstlichen Augen wurden von Tränen feucht. „Fortlaufen mußt Du, wenn Du ihn stehst, daß er Dich ja nie wieder berühre! Madonna Santissima!" Er gedachte seiner Mutter, die seit dreißig Iahreu ge- starben war. Es war die einzige süße Erinnerung an ein Weib, an Liebe und Liebkosungen, die er besaß. Keine andere Frau war jemals in sein Leben getreten. Er war Unglück- lichcr als sein Vater, an den er sich nicht erinnern�konnte, den kurze Zeit nach Abschaffung der Todesstrafe ein Schlagansall hingerafft hatte, dieser Vater, der immerfort wieder erstand, seinem Erben zur Schande und zuin Unglück, war ja geliebt worden. Er hatte eine Frau sein eigen genannt und einen Sohn. Leider auch einen Sohn! Besser keinen zu haben, all' ihn wie ein ekelhaftes Tier zwischen den Menschen umher- irren zu sehen. Sein Vater! Er kannte ihn doch nur aus den Erzählungen der Mutter. Ihre Liebe zu ihm entstand in der UnWissen- bcit seines unheimlichen Handwerks; sie war ein kleines Mädchen vom Lande, ein schwaches Opfer für den starken Menschen, der es bezwang, der nach und nach allen Abscheu, alle Angst in ihm zu besiegen wußte. Sic trat in das Leben dieses Mannes ein und aus dein Leben aller anderen Menschen aus; sie schloß sich mit ihm ein in den undurchdringlichen Kreis des Hasses, der ihn verfolgte, lebte mit ihm in der Ein- samkeit. In dieser Einsamkeit wurde Gaspare geboren, der Letzte eines Geschlechts von Henkern, der Einzige seines Stammes, der nie die schmachvolle Schlinge geknüpft, der nie mit der verbängnisvollen. behandschuhten Rechten den Tod eines Menschen beschleunigt hatte, der aber alle Schrecken dieser verderblichen Abstammung erduldet und den Abscheu seiner Mitmenschen beweint hatte..(Forts, folgt.) fca? aus Argentinien und au? Neuseeland' dem Londoner Markt zugeführt wurde, sondern diese Kühlschiffe führten auch Eier aus Australien, Pfirsiche aus dem Kapland, Erdbeeren aus Kalifornien und Lachse aus Alaska nach England. Für England war diese Tclliersche Erfindung ihrerzcit die Rettung aus schwerer Not; l?atte doch die Fleischerzeugung hier mit der Bevölkerungszunahme nicht Schritt halten können, so daß die Flcischpreise andauernd gestiegen waren. Die Möglichkeit, aus Südamerika, Australien und 'Neuseeland, Ländern, deren Fleischcrzeugung gewaltig gewachsen war, und die für ihren Ueberfluß keinen Absatz fanden, Gefrier- fleisch zu beziehen, war daher für England eine wahre Volkswirt- schaftliche Erlösung. Anfangs hegte man allerdings noch Miß- trauen bezüglich der Schmackhaftigkcit und Bekömmlichkeit des durch Kälte so lange konservierten Fleisches. Aber von diesem Borurteil kam man bald zurück, nachdem sich die amerikanischen Feinschmecker über die Güte des Fleisches mit unbeschränktem Lob ausgesprochen hatten. Und das Gefrierfleisch war bald ein unent- behrlichcr Artikel des Lebensmittelmarktes geworden. Man be- gann dann sofort mit dem Bau der Einrichtungen zur Lagerung des Gefrierfleisches, und heute gibt es in London etwa fünfzehn riesengroße Lagerrräume für Gefrierfleisch, die bis zu einer halben Million ausgeschlachtete Tiere�in gefrorenem Zustande lagern können. Auch Berlin hat seit einer Reihe von Jahren bedeutende Kühlhäuser und Gefrierräume für Fleisch und andere Lebens mittel. Die Not der Zeit hat uns ziemlich spät dazu gebracht, den bereits ausreichend erprobten Weg der Verwendung von Gefrier fleisch zu betreten, der uns am ehesten vor der Gefahr der Fleisch not und Fleischteuerung auch in Friedenszeiten zu bewahren gr eignet ist. Theater. Verband der Freien Volksbühnen(im Theater am Bülowplatz): Glaube und Heimat von Karl Schönberr, dem durch dies kraftvolle Drama mit einem Schlage berühmt ge> wordenen Tiroler Dichter, ist nun auch im neuen Hause zur Auf- führung gekommen. Die der Handlung zugrunde liegende Dopppel- idee, die Kraft, die der Mensch aus dem Verwachsensein mit seiner heimatlichen Ackerscholle empfängt, und der Mut zu bekennen, was er für einzig wahr und richtig erkannt hat, trat greifbar in Er- scheinung. In erster Linie gelang es Kurt G e r d e s und Mathilde S u s s i n als Bauersleute Rott durch sorgsam gesteigerte Ein- dringlichkeit des Spiels um sich die ganze Tragödie zu konzentrieren. Mir dem Explosionspunkte im Schlußakt fiel daher naturgemäß auch die erschütternde Lösung des Knotens zusammen. Spatz, den jugendlichen so recht gebirgsbäuerlichen Starr- köpf, gab Helene Burg er mit Verve. Als vorzüglich sollen da- neben Hans Felix tSandperger), Elise Zachow-Vallentin, Hermann AhrenS(Reiter des Kaisers), Aurel Nowotny(Peter Rott) und Emil N a m e a u(der Alt- Rott) genannt sein. So er- zielte»die Tragödie eines Volkes* einen künstlerischen Erfolg und einen mächtigen Eindruck auf die Zuschauer. eK. Lessing-Theater: Datterich, Schwank von E r n st N i e b e r g a l l, Musik von Friedrich Bermann. Nieder gall, der Verfasser dieses hessischen Volksstückes, der, früh gestorben, keine seiner Arbeiten auf der Bühne sah, mag mit dem Luftikus, dem Datterich, der nie auf einen grünen Zweig kommt, manchen ver- wandten Zug gehabt haben. Er stand, wie es heißt, in Darmstadt bei seinen lieben Mitbürgern als ein hartnäckiger Wirtshausfreund und Schuldenmacher, gleich seinem Helden, in keinem sonderlichen Rufe. Auch der Liebe, mit der er das Bild des unentwegten, phantastischen Tunichtguts bis in die kleinsten Züge zeichnet, der Art, wie er mit Datterichs Lumpereien ins Gericht geht, spürt man — und das erhöht den Reiz— etwas, das auf persönliche Beziehung deutet, an. In die Komik mischt sich ein leiser wehmutsvoller Klang. Den Aufschneider und Zechkumpanen, der sich das Schämen gründlich abgewöhnt hat, überkommt nach einer der vielen Ohrfeigen, die in dem Stücke zur Verteilung gelangen, eine melancholische Verwunderung, warum denn alles eigcnt- lich so sein muß, wie es ist, und er nicht selbst ein anderer sein kann. Auf dem Schanktisch sitzend— Herr Adalbert, der Darsteller der Rolle, brachte die Stimmung hier vorzüglich heraus— wird Datterich bei seinem Couplet mit dem Refrain:.Es gibt Fälle im menschlichen Leben, von denen man kann keine Rechenschaft geben* von Strophe zu Strophe nachdenklichschwermiitiger, um dann mit einem Ruck am Schlüsse wieder in den Ton der unbekümmert vergnügten Wurstigkeit umzuschlagen. Freilich reicht diese Charakteristik, um die sich das übrige grup- piert, kaum hin, das Interesse für die Dauer des Theaterabends wachzuhalten. Man kennt die Figur schon nach einigen Szenen so vollständig, daß die weitere Durchführung(wie in so manchen an- deren, ohne eigentliche Handlung aufgebauten Charakterkomödien, wie z. B. auch in Hauptmanns.Kollege Crampron*) die schon bekannten Züge immer nur von neuem zu wiederholen vermag. Jener Elan karikaturistischer Uebertreibungen und Bühnenüberraschungen, mit dem Balzac etwa die Schwindelphantasien seines glorreichen Börsianers Mercadet ausmalt, liegen der naiv volksmäßigen Stilart Nicbergalls, so wenig er das Karikieren verschmäht, vollständig fern. In der Erfindung dessen, was als Handlung oder deren Surrogat dienen soll, begnügt er sich mit simpel primitivsten Possenmitteln. In einem semmelblonden biederen Handwerksgesellen, der bewundernd zu ihm ausblickt, wittert Datterich ein willkommenes Ausbeutungs- objekt und Spender vieler Schoppen. Er spitzt sich darauf— ihn feiner braven Zukünftigen, einer Meisterstochler, abspenstig zumachen. Natürlich nur mit dem Erfolge, daß schließlich des Ge'.ellen un- schuldiges Gemüt und seiner Künftigen Resolutheit triumphieren. Sie holt den Wankelmütigen sich von dem Stelldichein, das er mit einer andern haben sollte. Und der Zorn des wieder auf den Weg der Tugend Gebrachten ist so grimm, daß er des Datterichs rcnommistische Herausforderung zu einer Schießerei begierig aufgreift. Doch sie weiß Rat. Ein Vetler muß ein Schreiben aussetzen, das dann von dem Papa der Polizei ausgehändigt wird. Und als dann Datterich mit vorsichtigerweise blindgeladenen Pistolen am Duellvlatz anlangt, nehmen zwei Wächter des Gesetzes� ihn in Obhut. Erst wird der feierliche Liebste, der schwarzbefrackt und schwarz- zylindert, vor dem Duell tragischen Abschied nehmen kommt, dann der aus dem Gewahrsam entlassene, inzwischen von einem un- geschlachtcn Gläubiger gebührend verprügelte, noch immer hochfahrend prahlerische Datterich in der Meisterstube gründlich ausgelacht und. daß es an nichts fehle, handfest mit vereinten Kräften zur Tür hinausbefördert. Aber in dem Rahmen dieser allzu harmlos billigen Posscnerfindung gibt es dann wieder auch, von der Charakterist k der Hauptpersonen noch ganz abgesehen, mancherlei, das voller Eigenart in gutem Sinn volkstümlich anspricht. Am stärksten wirkte so die gemütlich patriarchalische Szene im Wirtshausgärtchen, wo beide Parteien, das reputierliche Meister-Ehepaar mit samt der Tochter und Datterichs Gefolge, einander gegenüber fitzen und dann das Mädel und der aufgeputschte Bräutigam, sehnsüchtig nacheinander schielend, zum Geigenklang der Musikanten ein lustiges Tanzlied singen. Die Personen tragen durchgängig naturalistisch deutliches Gepräge. Die Sven Gadeschen Dekorationen gaben dem Ganzen einen farbig- echten Hintergrund aus jenen Zeiten, da der Urgroßvater die Ur- großmulter nahm. Das Ensemble unter der Regie Barnowskys wies eine fast lückenlose Reihe ergötzlicher Leistungen auf. Neben A d a I b e r t in der Hauptrolle traten in erster Reihe Herrn� L o o�s' verträumter Handwerksgeselle, Fräulein Servaes io frisch natürliches MMer töchterlcin und der würdevolle, Zeitung lesende Phtlifterpapa Wido Herzfelds hervor. Sehr gefällig fiel die vielfach an hessische Volksweisen angelehnte Bermannsche Musik ins Ohr. Die Aufnahme war äußerst freundlich.«it. Kleines Zeuilleton. grauen unü Kinöer im Granatfeuer. Einem Feldpostbriefe der.Dresdener Volkszeitung* entnehmen wir folgende Szene: Morgens 6 Uhr marschierten wir in B. ein, legten das Gepäck ab und erwarteten weitere Befehle. Auf einer Hauptstraße hatten wir die Geivehre zusainmengeslcllt und unterhielten uns. Gegen 9 Uhr platzte das erste feindliche Schrapnell über B., und gleich darauf folgten weitere Gesckosse, jedesmal fünf Stück. Das unheiw liche Heule», Krachen und Prasieln war wieder da. B. wurde von feindlicher Artillerie beichosien. Ein wildes Schreien und Jammern entstand aus den Straßen, die zahlreichen Einwohner, Frauen und Kinder, schrien laut auf und stürzten in die Häuser. Für uns hieß es: Gepäck auf und Geivehre in die Hand! So haben wir von 9 Uhr vormittags bis 2 Uhr nachmittags auf einem Fleck gestanden. Ununterbrochen krepierten Schrapnelle und dazwiichen Granaten. Vor uns schlugen mehrere Granaten in die Häuier an der Straße. Im Nu standen diese in Flammen. Die Bewohner stürzten auf die Sliaße, Mütter brachten ihre Kinderchen. Viele kamen zu uns, gaben uns die Kinder, die wir schützen sollten, bettelten und jammerten und verkrochen sich selbst in unsere Reihen Bei jedem Heitlen und Krachen schrien sie auf, rauften sich die Haare, wurden obmuächlig. Was sollten wir macheu? Konnte doch jeden Augenblick eine Granate auch in unsere Reihen treffen I Wir sind viel gewohnt, haben viel mit durchgemacht, die schreck lichsten Bilder gesehen. Frauen, Mädchen, Kinder, ja Männer klammerten sich an uns. Wir trösteten so gut wir konnten mit unseren Brocken Französisch. Ich halte zwei kleine Mädchen aus den Arinen, vielleicht 3 und 4 Jahre all. Ein großer Junge klemmte sich zwischen meine Beine. Unser Hauptmann sagte nichts mehr. Wir konnten handeln wie wir wollten. So schnallte ich Mantel und Zelt ab und wickelte die Kinderchen� ein(es war sehr kalt), schaukelte sie auf den Armen und sang leise. Sehr viele Kameraden machten es genau so. Immer schlimmer wurde das Krachen und Bersten der Geschosse. Die Minuten wurden zur Stunde, und fünf Stunden mußten wir dastehen. Die Bewohner mußten immer mehr auf die Straße flüchten, denn in vielen Häusern brannte es. Außer unserem Bataillon mußte alles andere Militär zum Löschen. Wie gern hätten auch wir das getan. Frauen in den unmöglichsten Kleidungen, nur mit einem Hemd bedeckt, eiiten auf die Straße, barfuß, und zerrten uns am Rock und an den Armen, zeigten nach den Höben hinüber: wir sollten hinüber- gehen und schießen. Das machten sie uns vor. Versetzt euch einmal in die Lage. Das Herz krampst sich einem zusammen, die Kehle ist wie zugeschnürt. Der Hauptmann sendet einen Radfahrer fort. Nickt lange dauert es und er kommt mit zwei Traingeschirren zurück. Als ahnten es die Bewohner, so springen sie im Nu auf die Wagen. Harte Kämpfe entstehen. Wir müssen mit eingreifen. Zuerst die Kinder darauf, dann die Mütter, dann die übrigen Frauen und Mädchen. Nun die Wagen voll sind, geht's im eiligen Galopp fort, zurück ins nächste Dorf. Es kommen noch mehr, heißt es. Und es werden auch welche geholt. Es ist 12 Uhr. noch immer hält das Geschützfeuer an. Ganz am Ende des Bataillons ist ein Schrapnell geplatzt und hat einige leicht verletzt, sonst ist nichts weiter geschehen. Da, direkt hinter uns eine furchtbare Detonation. In den Häusern klirren die Scheiben und springen ent zwei. Was war das? Ein Adjutant kommt geritten. Direkt hinter der Häuserreihe ist schwere Artillerie von uns aufgefahren. Er sagt es zum Hauptmann. Es war eine Salve aus acht Haubitzen. Und schon kommt die zweite Salve. Jetzt schießen sie auch einzeln. Die französischeArtillerie hört aber noch nicht auf. Unsere haben das Ziel nochnicht. Um 1 Ubr geht Schuß auf Schuß hinaus. Kein Wort ist zu vorstehen, alles bebt. Sie haben Ziel! Um 1>/2 Uhr verstummt der Feind. Er ist ausgehoben worden. Für uns kam der Befehl: „Einrücken I* An rauchenden Trümmerhaufen und noch brennenden Häusern zogen wir vorbei und aus der Stadt hinaus. Schweigsam und ruhig zogen wir dahin. Jeder dachte wohl: Wenn das bei uns zu Hause wäre!—_ WalSer, öle öer Krieg moröet. Schon vor dem Kriege war Frankreich in waldcrrmes Land; wo der Krieg getobt hat, sind die französischen Wälder jetzt derartig verwüstet, daß nach dem Urteile von Fachleuten drei volle Jahr- zehnte kaum imstande sein werden, die geschlagenen Wunden zu heilen. Freund und Feind haben sich vor der gleichen unerbittlichen Notwendigkeit gesehen, ganze Wälder niederzulegen, um das un- bedingt nötige Bau- und Brennholz zu beschaffen oder ein freies Schuhfeld für ihre Geschütze zu bekommen. Ein im Felde stehen- der französischer Architekt, Jean Paul Alaux, hat nun einem ame- rikanischen Forstblatt seine Erfahrungen über die Wälder mitgeteilt, die der Krieg gemordet hat. Begibt man sich von Paris aus zur chlachtfront, so trifft man unmittelbar vor den Toren der Haupt- stadt die Spuren des Krieges in den Wäldern. Als un August uiid September tue Deutschen sich der Hauptstadt näherten, mußten die Franzosen selbst ganze Wälder niederlegen, die dem Feinde als Aufenthalt hätten dienen können. Der Wald von Montmorency hat auf diese Weise schwer gelitten, die Wälder von Vincennes haben nicht so starken Schaden genommen. Weiter nördlich ist es aber viel schlimmer. Der Wald von Bouvigny bei Arras und der Wald von Berthonval mußten wochenlang immer neues Holz hergeben. Durch die Regengüsse waren alle Pfade vollkommen ungangbar ge- worden, und um die Geschütze und den Munitionsnachschub de- fördern zu können, mußten Bohlenwege angelegt werden. Eine einzige Bohlenlage erwies sich als zu schwach, und so wurde eine zweite und schließlich auch eine dritte darüber gelegt. Ebenso ge- wältige Holzmengen sind für Unterstände und Wohnungen ver- braucht worden, ferner zum Heizen, und so sind beispielsweise der Wald von Vitrimont und der Wald von Neufchateau in der Nähe des Forts Bourlemont vollständig abgeschlagen. Im Walde von Champenoux sind alle Bäume in Meterhöhe abgeschnitten, im Walde von Meaux.'auf der Hochfläche von Amance vor Nancy, im Walde von Crevie bei Arancourt und in vielen anderen Wäldern stehen überhaupt fast keine Bäume mehr. Im Walde von La Haye sind Bäume und Unterholz vollständig verbraucht. Tagein, tagaus sah der Architekt die Soldaten zum Holzfällen ausziehen und mit schweren Lasten wiederkommen. Hierbei handelt er sich nur um die Wälder, die absichtlich niedergelegt wurden. Es kommen noch die ungezählten Bäume hinzu, die der Artillerie oder auch den Maschinengewehren zum Opfer gefallen sind. Gegen das Nieder- schlagen ganzer Waldungen durch die Truppen hat sich die ftanzö- fische Waldverwaltung gewandt, aber Alaux meint selbst, es sei schwer, ihre Vorschriften durchzusetzen. Unter den Wäldern im Kampfgebiete ist wohl keiner ganz unverletzt davon gekommen; dre schönen Waldungen von Chantilly und Compiegne haben wegen ihrer Lage den geringsten Schaden erlitten. Das Verantwortlicher Redakteur: Alfred WMepp, Neukölln. Für Ghr� Üer Schiffe. „Göteborgs Handels- och Sjöfarts Tidning* meldet, daß Prof. Feffenden, der langjährige Mitarbeiter Edisons, einen Apparat aus- gearbeitet habe, den er selbst als das„Ohr* der Schiffe bezeichnet. Tatsächlich sollen Fessendens Experimente bereits seit langem be- kannt und teilweise auch praktisch in der Schiffahrt angewandt worden sein. Das moderne Signalsystem unter dem Waffer ist die Frucht seiner Arbeiten. Die Schiffe werdeu mit Hörapparaten versehen einer Art Trommelfell, das Sigiuile vom Meeresgründe aus auffängt. Nock befindet sich dieses System in seiner ersten Entwicklung.' doch wird es wohl zukünftig von großer Bedeutung werden. � � Professor Fessenden bringt an leder Seite des Schiffes eine runde Stahlplatte an. In welcher Höhe diese befestigt wird, das hängt von den Linien des Schiffes ab und wird durch eine be- sondere Formel bestimmt. Fessenden behauptet, daß seine Erfindung ein Schutz gegen Unterseeboote wäre. Denn nähert sich ein solches, so säugt das„Trymmelfell* die Schallwellen auf. die der Propeller des Boote? erzeugt. Durch Verstärkungsdorrichtungen entsteht ein obren- betäubender Lärm, der durch Mikrophone der Besatzung übermittelt wird. Durch die Beobachtung des Kompasses uns Umlegung des Steuers kann der Befehlshaber bestimmen, welchen Kurs das Unterseeboot verfolgt, und in welcher Entfernung es sich befindet. Durch weitere Vervollkommnung des Apparates fangen die Stahtplalten nickt nur Laute auf, sondern senden auch auf elektrischem Wege Signale aus. Dadurch wird mit Hilfe des Morsesystems eine drahtlose Telegraphie ermöglicht. Fessendens Apparate sind bereits auf amerikanischen Kriegs- schiffen und Unterseebooten eingeführt worden. Die Kugel im Herzbeutel. Ueber eine seltsame, an einem Soldaten vorgenommene Operation, die in einem Hamburgel Lazarett stattfand, berichtete Dr. Jenckel im ärztlichen Verein zu Hamburg, wie wir ernem Be- richr der„Deurschen Medizinischen Wochenschrift* entnehmen. Der Sitz der Kugel war zunächst nicht festzustellen geweien. In der Betäubung erfolgte nun die Resektion des iünflen Rippenknorpels, aber auch nun war von der Ocffnung aus das Geschoß während der Horizontallage des Patienten nicht zu finden. Auch bei der Lage- rung auf dem Bauch gelang es nicht, die Kugel, deren Sitz man nun hinter dem letzten Herzrohr feststellte, der Oeffnung zu nähern. Der Patient wurde darautbin aufgerichtet, und im selben Äugenblick fiel die Kugel von oben herab auf den in den Herzbeutel einge- sübrten Finger und tonnte dann ohne Mühe entfernt werden. Die Wirkung der Operation war erstaunlich. Der Kraute konnte sofort beinahe vom Operationstisch herunteripringen. sich anzieben und die Treppe hinauf in sein Zimmer gehen. Er sühlre sich völlig wohl und die Heilung ging rasch vonstalten. Notizeu. — Theaterchronik. Im Lustspielhaus beschließt Konrad Dreher am 30. April sein diesjähriges Gastspiel. Am 1. Mai beginnt die Sommerspielzeit mit dem Volksstück mit Gesang„Ein Prachtmädel* von Leo Walter Stein, Musik von Rudolf Nelson. — K u n st ch r o n i k. Schwedische expressionistische Gemälde sind zum erstenmal in Deutschland von Montag ab in der Kunstausstellung Der Sturm, Potsdamer Str. l24a. ausgestellt. Vertreten sind: Gösta Adrian-Nlisson, Jsaac Grünewald, Sigrid Hjerten-Grünewald, Edward Haid, Einar Jolin. Die Aus- stellung ist täglich von 10 bis 8 Uhr und Sonntags von 11 bis 2 Uhr geöffnet. — Vorträge. Im Lessing-Museum(Brüderstraße 13) hält heute Sonnabend, den 24. April, 8 Ubr, Ernst Ehlert einen Vortrag über„Die Erziehung zum Sprechen* und re- zitiert VoUslieder und Balladen. Schach. Weiß gewinnt mit oder ohne Zug. DaS obige Endspiel gehört eigentlich zu den sogenannt„regel- mäßigen*, d. h. solchen, die in der Praxis verhältnismäßig oft vor- kommen können und deren Lösung demnach nicht etwa bestimmten Komponisten zu verdanken ist, sondern dem Flciße des Schach- Publikums im allgemeinen. Ohne Bh4 wäre die Stellung bekannt- lich Remis. So aber lautet die Lösung wie folgt: (-ZHUY-T uiq KusffzqulM oftv Z„oh fgg) ftggpg'n t cHK 'ips'Ol ftgsg 6'(+i gqs'8'sps L l(ichtu ßiZW uoq zögF Ztg uazquv uzilttvatCpZ gsq a8n?§eiugjs) gq'fJS"9 l 8�2...... 9 l(avgbuiaftaz jduuui oftv uoiiüozß chwy) /sZl'S i lPÄ'1 833"f•'IPX'8! I MX•! SPX'5 i(jtpuaaa aqpjgvq qatai /.ex J'■ IRX!! S�X'8-l 8�X'IPX'S gqx...... T wffi'pojol ihZlftus zönF usftunj uizq ywu bungs?T aiq qun zox ly3iPj3S oj'aBng MV ßl3W;ji)" g�X...... I Wenn schon bei der Diagrammstellung die Lösung nicht leicht im praktischen Spiele am Brette zu finden ist, so gibt es noch weit schwierigere Positionen von König und zwei Springern gegen König und Bauer. In folgender Stellung z. B.: Weiß Ka2, Se3, Sh3 und Schwarz Khö,'Bh4, kann die numerisch stärkere Partei bei bestem Gegenspiel nicht früher als nach 49 allerfeinsten Zügen das Matt erzwingen. Kommt eine derartige Position im praktischen Spiele vor, so hat fast niemand weder die nötige Meisterschaft, noch die Ausdauer und Energie, um den theoretisch möglichen Gewinn aufzusuchen. In solchen Fällen wird also so gut wie immer das Remis einfach konveniert. Diese Sorte von„konventionellen" Remisen aus lobenswertem Mangel an Verbissenheit der Parteien bildet eine der zahlreichen Analogien, die zwischen einer Schachpartie und einem Kriege feststellbar sind. Auch hier kann es glücklicher- weise unentschiedene Fälle aus denselben lobenswerten Gründen geben!... �... Nachstehende Partie hat im Badener Turnier 1914 einen Schön- heitspreis erhalten. Ke2) 10. DbSf, KeS; 11. DXL, DckSf 2C. 9...... Sb8— c6! 10. Sbl— c3..... Oder 10. LXS. bXcß; 11. DXB, Tb« I; 12. Da3, TXL!; 13. DXT, Ddlf; 14 Sei, LaOr nebst 2+ Nordisches Gambit. Reti. e7— e5 e5Xd4 d4Xo8(d5!) c3Xb2 Nyhelnt. 1. e2— e4 2. d2— d4 3. c2— c3 4 Lfl— c4 5. LolXb2 Bisher die Eröffnung. 5...... d7— dö Reicht nur zum Ausgleich. Beachten?- wert ist: 5...... Sf6; 6. e5, Sgl I tAlapin) 7. LXf't. KXL; DXS, dö je. mit BauernpluS. 6. Lc4Xd5 Sg8--f6 7. Sgl— f3?..... Sluf die von Schlechter empfohlene Verteidigunq de? Schwarzen konnte Weiß mindesten? ausgleichen mit: 7. BXfPft. KXL; 8. DXD, Lblf; 9. Dd2, LXBt I 10. SXL, TeS; 11. Tel, Sc6; 12. 13-c. 7..... Lf8— b4t 8. Kel-fl 0-0 9. Ddl— b3..... Zweifelhaft wäre: 9. LXfft, KXL (nicht 9..... KbS; 10. DX®, TXD; wie Reti angibt. Wegen 11. eöl nebst 10...... Dd8— e7 11. a2— a8 Lb4— d6 12. Tal— el Sc6— e5 13. Sf3Xe5 Ld6Xe5 14. Ld5— c4 c7— c6 15. b2— li4?..... Hier sollte a3— a4 geschehen. 15. 16. Lc4— e2 17. Db3— c2 18. Tel— cl 19. g2— g3 20. Dc2— bl 21. Sc3-d5 22. DblXb2 23. e4Xd5 24. Toi— c2 Aufgegeben. (Da Tbl ziehen muß, folgt LXa3.) b7— b5 Lc8— e6 De7— c5 Tf8-d8 a7— a5 Td8— d2! Td2Xb2 1 Dc5Xd5 Le5Xb3 Le6Xd5 10 tQUöt das„iwommciTcu Die iscvaulveuea aui, oie oer'-propeuer uue �4»».mx �. bin Jnfrrntenttril nerckUlw.: TY.Gwcke.Äerlin. Drück m Vertag:Vo?ivartSBuchdruckvttt u. Vertagsanstali Paul Singer& Co, Berlin SW.