»r 97-i9<5 Unterhaltungsblatt öes Vorwärts Ein amerikanisiher Korrespondent in ftanzöfischer Kriegsgefangenschast. »Paris befand sich seit fünf schrecklichen Tagen in banger Er- Wartung von Nachrichten über den Ausgang der Schlacht an der Marne," schreibt der Kriegsberichterstatter Artur Sweet s er in „Borlds Work".„Die offiziellen Communiques waren vage und unbefriedigend. Tann traf plötzlich, unerwartet, eben als inan alle Hoffnung beinahe aufgegeben hatte, die Nachricht von dem Rückzug der Deutschen ein. Neues Leben entwickelte sich. Die Zeitungen nahmen ein anderes Gesicht an und die Stadt war wie neu geboren. Trauer und Besorgnis verschwanden unter einem Strom von Lachen und Freude. Leben, Glanz und Fröhlichkeit kehrten zurück. Daß sich die Deutschen vor den Toren der Stadt befunden und daß sie sich nur zurückziehen könnten, um wiederzu- kommen, daran dachte niemand. Frankreich hatte einen glanzenden Sieg errungen; der Krieg war so gut wie entschieden und es blieb nur noch übrig, den letzten Widerstand zu brechen— das ist das flatterhafte Paris. »Für uns aber bedeutete es Arbeit. Nach meiner langen Fahr- radreise mit v. Klucks Armee von der belgischen Grenz« nach Paris batte�ich mich ausgeruht und meinen damaligen Schwur, nie wieder die Front aufzusuchen, vergessen. Denn ein Berilbterftatter ist dort etwa gerade so beliebt wie ein Aussätziger. Und so machte ich mich denn, mit keinem anderen Ausweis als einem amerikanischen Paß, der sich bereits als wertlos erwiesen hatte, am 14. September von Poris aus auf den Weg. Ein amerikanischer Korrespondent namens R a d e r. den ich in der französischen Hauptstadt aufgegabelt hatte, ging mit; er behauptete, Jouriralist, Flieger und Bombencrpertc zu sein. »» » Wir fuhren mit der Eisenbahn bis Montroult, wo wir in einer unfreundlichen, verlassenen Gegend ohne viel Umstände abgesetzt wurden.� Weiter sollten Zivilisten nicht gehen, und ick wußte, daß wir Gefahr liefen, ins Gefängnis geworfen und vielleicht als Spione betrachtet zu werden. Nichtsdestoweniger mußten wir die «Schlacht an� der Aisne, vielleicht die größte, die jemals ausgcfochten wurde, sehen bekommen; wir sprangen daher auf unsere Räder und fuhren davon. Der erste Tag verlief ohne besonderen Zwischen- fall und brachte uns bis Chantillv. Am nächsten Morgen gings nach senlis, wo ich zur Zeit, als die Stadt eingeäschert wurde, von den Deutschen gefangen genommen worden war. Von Senlis dran- gen wir nach Verberi« vor, nach der Gegend de? Schlachtfeldes. Ich suchte sofort den kleinen Gasthos auf, in dem ich früher schon abgc- stiegen war und. wurde freundlich empfangen. Wir verbrachten dort die Nacht, und am nächsten Morgen radelten wir weiter nach soisson. wie wir uns sagten. Unterwegs begegneten uns schon die ersten Anzeichen der tobenden Schlacht; eine Abteilung verwundeter Franzosen zog vorüber; sie hatten ihre Arbeit getan, man konnte src nicht mehr gebrauchen und überließ sie ihrem Schicksal. »» » Nachdem wir eine Strecke weitergefahren waren, hielt uns ein berittener Offizier an. Er las unsere amerikanischen Pässe mit großer Sorgfalt und fragte uns dann, welcher Nationalität wir seien. Mit ein paar weiteren Worten entließ er uns, aber kaum hatten wir 100 weitere syards zurückgelegt, als wir aufs neue an- gehalten wurden und dieselbe Prozedur durchmachen mußten. Jedes- mal sank mir das Herz in die Hosen und' ich glaubte schon, wir fr-n entwischt und dann schien es wieder, als ob wir Soisson doch mm) erreichen würden. Wir wurde» aber uncrwarteterweise von e.nem Soldaten angekalten, der uns befabl, mit ikm zurückzugeben. Er brachte uns vor einen kleinen dicken mit Schnüren bchangencn Offizier, der uns schon beim Vorbeifahren niißtrauisch angeblickt halte. Zu wiederholten Malen erklärte ich, wir seien amerikanische Korrespondenten und zeigten unsere Pässe vor. Mit der größten Höflichkeit sagte er, eS seien prächtige Dokumente, aber zum Spazierengehen an der Schlnchtlinie nicht ausreichend und wieder ersuchte er uns mit ausgesuchter Höflichkett, nach dem Hauptquartier zurückzukehren, wo wir uns mit der größten Leichtigkeit einen Mitttärpaß verschaffen könnten. Es hatten sich mittlerlvcilc etwa 30 Soldaten um uns versammelt, und als wir davcmfnbren, meinte ich ein ironisches Lächeln auf ihren Gesichtern bemerkt zu haben. Niemand schien zu wissen, wo das Hauptquartier war. Als wir unseren Weg rutschend und gleitend fortsetzten, überraschte uns ein Regenschauer und wir suchten in einem kleinen Hause an der zi Die letzte Exekution. Von Ercole Rivalta. Aber nickt nur er allein dachte dies, auch die Frauen der Nachborsdjaft kamen, eine nach der anderen, zu den drei Alten. „Wißt Ihr es? Trüben wohnt der Sohn des Henkers!" „Wir wissen es." „Aber Ihr werdet auch den Vater gekannt haben?" „Gewiß. Ich erinnere mich noch daran, als die letzten Banditen gehängt wurden. Er war ein schöner Mann, groß und rot, ein richtiger Schlächter." „Es ist eine Schande, daß er in unserer Nähe wohnt!" „Man muß was tun." „Man muß ihn wegschicken." „Man muß ihn wegjagen, wie einen räudigen Hund!" Ta die �ache von großer Wichtigkeit war, rückten die drei Alten ihre Stühle zusammen; um sie her standen Kinder und Frauen und einige Männer, die von der Arbeit nach Hause kamen. Und die Alten erzählten schreckliche Geschichten aus früheren Zeiten, von dem Mörder, der zwanzig Minuten gelitten hatte, und von dem anderen, der nicht an den Galgen heran wollte, und von einem, der dem Henker ins Gesicht gespuckt hatte, und dann von jenem, der durch sein Gewicht die Schlinge zerrissen hatte. Alle diese Hingerichteten zogen vor den entsetzten Augen dieser neugierigen Menschen vorüber und fielen jenem Einsamen dort drüben zur Last, der sie nicht einmal mit angesehen hatte. Er war der Sohn des Henkers, der Verantwortliche. Die Alten erzählten unaufhörlich weiter; niemand wandte sich dem unheimlichen Hause zu oder streifte es auch nur mit einem verstohlenen Blick. Die Neugierde konnte an diesem Abend nicht genug be- kommen. Immer mehr Menschen traten hinzu und ver- größerten die Gruppe. Das Flüstern wurde zum Lärm, wurde drohend. „Fort mit ihm!" rief ein Straßenjunge. „Heraus mit dem Henker!" „Heraus, heraus!" Da sahen ober die Leute im letzten Tageslicht plötzlich ein blasses, runzliges Gesicht aus dem dunklen Innern auftauchen, ein Gesicht, das nicht drohte und nicht um Gnade bat: das Gesicht des stummen Schmerzes. Ter Anblick ergriff sie und sie zerstreuten sick. Ter aufgehende Mond fand auf der Straße nur noch drei Straße, wo eine� Abteilung Kavalleristen herumlagen, aßen ober Karten spielten, Schutz. Sie waren recht höflich und ließen uns von einem Fenster aus tms Schlachtfeld überblicken, wo jedoch wenig zu sehen war. Nachdem der Regen sich verzogen hatte, fuhren wir die noch schlüpfriger gewordenen Straßen entlang weiter. Ich wußte, wir waren die Fliegen, die der Spinne ins Netz gingen. Rader war einer jener Amerikaner, die da glauben, sie brauchten sich nur in die Brust zu werfen und ihren amerikanischen Paß zu schwenken. Wir begaben uns, nachdem wir einen Offizier gefunden hatten, der uns den Weg nach dem Hauptquartier zeigte, dorthin. Ich teilte einem Stabsoffizier, der mit mehreren anderen auf der Straße stand, mit, wer wir seien und was wir wünschten. Höflich lud er uns ein, in den Hofraum eines hübschen kleinen Landhauses zu treten. Wir folgten. Das Tor wurde hinter uns verschlossen. Ich wußte, daß dies für mich zum dritten Male Gefängnis be- deutete und diese ganze Kriegsberichterstattung begann mich onzu- ekeln. Ein zweiter Offizier, der von unserer Mission unterrichtet worden war, ersuchte uns, in das Haus einzutreten. Wir gingen hinein, kamen aber ebenso schnell, � wenn nicht schneller wieder heraus. Unbekannt, wie ich war, hatte ich ein Vorderzimmer be- treten und war mitten in eine sorgenvolle Sitzung des General- stabs jenes Teils der Armee hineingeraten, der gerade an dem nämlichen Tage einen empfindlichen Schlag erlitten hatte. Jemand packte mich am Arm und als mein Denkapparat wieder funktio- nierte, fand ich mich draußen auf dem Rasenplatz mit einem fran- zösischen Offizier, der mich frug, ob ich nicht mehr Verstand besäße, als in eine Generalstabssitzung hineinzulaufen. Ein Gendarm wurde gerufen, der uns in Obhut nahm, uns unter einen Baum in der Nähe eines Stalles führte und drei Bronzepatronen in sein Gewehr schob. Er bemerkte hohnisch:„Eine für Sie, eine für Ihren Freund, und ein«, falls ich nicht treffen sollte." »* * Die Sache machte sich. Es hatte wieder zu regnen begonnen und große Tropfen fielen vom Baum auf uns herab. Aus irgend einem Grunde kam der General in den Hofraum und als er sah. daß wir zusammen sprachen, fuhr er wie ein Saufen Feuerwerk auf unseren Wächter los, den er, wie ich fürchtet«, im nächsten AugenbUck erschießen lassen würde. Von da an war Rader und mir das Sprechen nicht mehr gestattet. Eine geschlagene Stunde lang standen wir unter dem triefen» den Baum, wir fürchteten fast, einander anzusehen oder zu rauchen; unsere ganze Gesellschaft bestand aus dem Wachtposten und seinen drei Bronzepatronen. Heraus kam nun ein Offizier, um die Sache zu untersuchen. Nachdem er meine unwahrscheinliche Erzählung angehört, hielt er mir die Faust unter die Nase, brachte sein Gesicht ganz nahe an das meinigc hermi, riß die Augen auf und schrie: „Sic sind ein Oesterreichcr!" Diese Behauptung schien niir zu absurd, um sie zu bestreiten. icki teilte ihm aber trotzdem mit schüchterner Stimme mit, daß ich kein Oesterreichcr sei, sondern nur ein armer, harmloser ameri- kanischer Journalist. Darauf wurde ich in daS Haus hinein- geschleppt, vors Kriegsgericht. Drei Offiziere nahmen mich in ein kleines Nebenzimmer, wo sie mich dem peinlichsten Verhör unter- warfen. »Haben Sic Waffen bei sich?" frugen sie.«Nichts als eine Kamera," antwortete ich, und ihre Augen traten förmlich aus den Höhlen. Es war zwar nur eine winzige Kamera, sie machte aber, da diese Instrumente im Felde nicht sehr populär sind, gewaltigen Eindruck. „Was haben Sie sonst noch?" „Einen deutschen Paß nach Pari?," antwortete ich mit einer Ehrlichkeit, die dem Bewußtsein entsprang, daß sie ihn schließlich dach bei mir finden würden. Darauf durchwühlten sie meinen Ruck- sack, dem sie drei Landkarten entnahmen. Eine Kamera, einen deutschen Paß nach Paris und drei Landkarten— ob ich wohl gc- fährjicherc Dinge hätte im Besitz haben können? »* * Ter einzige mildernde Umstand war ein Paket Zigaretten, deren kluge Verteilung die gespannte Atmosphäre etwas herab- stimmte. „Ziehen Sie den Rock aus!" Ich entledigte mich meines Kleidungsstückes, während sie mich von oben bis unten betasteten, üm zn sehen, ob ich nicht etwa Waffen bei mir führte. So stand ich in Hemdsärmeln in der feuch- gebeugte Schatten, die, schwer atmend, sich auf den Weg machten, ihren„letzten Liter" zu trinken. «* * In der Osteria kamen die drei Patriarchen zu einem Eni- schluß, der ihnen für die Ruhe ihrer Fanulie und der ganzen Nachbarschaft notwendig schien. Sic beabsichtigten, dem Haus- besitzer einen Protest zu schreiben und ihn aufzufordern, dem Sohn des Henkers den Laufpaß zu geben. Der eine, der zu lesen und zu schreiben verstand, machte sich mühsam an die Ausführung, und das Schreiben wurde den vielen vorher- gehenden ähnlich, die den armen alten Schuster verfolgt hatten. Während der Gelehrte sich beim Verfassen des Briefes den Kopf zerbrach und das Zittern seiner alten Hand zu meistern versuchte, saß Gaspare im Dunkeln neben der Tür in seinem engen und feuchten Zimmer. Das Licht auf der Straße machte ihn den Vorübergehenden unsichtbar. Ihm gegenüber war das Fenster von Nellas Zimmer noch offen und beleuchtet, und Gaspare konnte die Gestalten der Mutter und des Kindes erblicken. Sie saßen beiin Essen, allein; die Kleine schmiegte ihren Lockenkopf an die Schulter der Mutter. Wenn er doch der Großvater hätte sein können... Die Alte trat mit dem Kind im Arm an das Fenster und zog sich nach einem Augenblick lvicder zurück. Ein leises Wiegenlied drang durch die Nacht zu ihm. Noch einmal zeigte sich der zerzauste Kopf der Alten, dann schloß sie lang- sam die Laden, das Licht verringerte sich, erlosch. Und Gaspare streckte seine Arme danach aus, wie Nclla die ihrigen nach dem davonfliegenden Spatz ausgestreckt hatte. ** * Als Gaspare am nächsten Morgen erwachte, ging ihm ein kühner Gedanke durch den Kop/.„Den wievielten haben wir heute?" fragte er sich.„Morgen ist der erste," antwortete er sich selbst und freute sich zum ersten Mal auf das Geld, das ihm, deni Sohn des Henkers, ausbezahlt wurde. Er arbeitete bis spät am Abend, um alle die alten Schuhe aus- zubessern; am nächsten Tag erwartete ihn ja eine anders Arbeit. Als er das Geld empfangen hatte, kaufte er ein Stück neues, glänzendes Leder, vom allerfeinsten. Und während der Protest gegen ihn in jedem der benachbarten Häuser vom. Speicher zum Keller und vom Keller zum Speicher wanderte und sich mit den Unterschriften und dem Schmutz von zwanzig Händen bedeckte, dachte der Henkerssohn an die Füßchen der kleinen Nella. Arme, kleine Füßchen, die er nackt im Ataub ten Kälte, während sie mich mit Fragen bestürmten. Wenn ich auf einen Augenblick meine vor Kälte klappernden Zähne unter Kontrolle zu halten vermochte, zitterte irgendein anoerer Körperteil, als ob die Angst mich schüttelte. Endlich kam das Verhör zu Ende und ick wurde wieder in den Hofraum hinausgesckickt; meine Diagnosis über mein vermutliches Schicksal siel nicht allzu günstig aus. Der arme Räder stand mit feinem unfreundlichen Wächter noch immer im Regen. Plötzlich kam die Order, aufzubrechen. Das Hauptquartier zog sich auf die Nacht zurück und wir mußten mit. Es war jetzt stock- finster und regnete stark. Als wir wieder auf die schlammige Straße hinauskamen, stellten sie Rader und mich nebeneinander auf und legten uns zu meinem großen Schrecken Handschellen an, die mit einer nur drei Fuß langen Kette verbunden waren. Uns siel die Ebrc zu, an der Spitze zu marschieren. Es war eine gemischte Gesellschaft— zwei harmlose amerikanische Journalisten, drei deutsche gefangene Soldaten und fünf französische Soldaten, die man wegen Trunksucht zurücktransporticrtc; Gendarmen mit gc- ladenen Gewehren bildeten den Schluß. (Schluß folgt.) /lftronomisthe Katastrophen. Von Prof. M. B. W e i n st e i n.") Da in unserem Weltsystem alle Körper sich gegenseitig anziehen, so kann es keinen Körper geben, der in Ruhe verharrt, alle Körper müsien sich um- und durcheinander bewegen. Talsächlich bilden die Körper Systeme wie unser Sonnensystem, in dem Monde und Planeten umeinander kreisen, dann diese zusammen und die Sonne umeinander. Solche Systeme werden dann wieder umeinander sich drehen und so ein höheres System bilden, diese höheren Systeine abermals ein höheres uff. In unserem Sonnensystem bewegen sich Planeten und Monde in Bahnen, die im Verhältnis zu ihren Abständen nicht so weit gestreckt sind, daß sie sich durchschneiden, obwohl sie alle fast in gleicher Ebene(Ebene der Ekliptik) liegen. Die Bahnen befinden sich innerhalb einander, und so können sich die sie durchlaufenden Körper niemals treffen, sie sind sich nur bald näher(in der Konjunktion), bald ferner(in der Opposition). Selbst die Venus kommt der Erde nur aus etwa 40 Millionen Kilometer nahe, das ist etwa daS Hundertfache des Abstandes des Mondes von der Erde. Aber schon in unserm System sind Körper vorhanden, deren Bahnen ihre und die Planetenbahnen durchschneiden, oder die wenigstens so nahe aneinander vorbei- gehen, daß ein vollständiges Zusammenprallen stattfinden kann oder eine sehr erhebliche Beeinflussung der gegenseitigen Bewegung. Es sei an die Meteore erinnert, die z. B. von unserer Erde aus ihrer ihr zu nahekommenden Bahn herabgerissen werden. Zwanzig Millionen Kilogramm an solchen Meteoren eignet sich die Erde auf diese Weise im Laufe jedes Jahres an. Für die kolossale Erde hat der Zusammenstoß keine besondere Wirkung, die größten Meteore, die lvir kennen, entsprechen nur etwa einem kleinen Hügel. Aber für die Meteore selbst bedeutet dieser Zu- sammenstoß in vielen Fällen Zertrümmerung und oft Verbrennen in der Luft infolge der starken Reibung beim Durchfahren der- selben, für sie ist er eine Katastrophe. Nun ist es keineswegs ausgeschlossen, daß auch große Himmelskörper, ja ganze Systeme, auf ihrem Wege durch das Weltall zusammentreffen, das wäre dann für beide Teile von den furchtbarsten Folgen; Zerschlagung, Eni- brennung, Verflüchtigung zu Dunst, für etwaige Lebewesen völlige Vernichtung. Die Entfernungen zwischen den großen Himmels- körpern und Systemen sind freilich ungeheuer; der uns nächste Fix- stern, a Centauri, steht von uns an bnnderttausendmal weiter ab als die Sonne. Wie die Bahnen der Gestirne und Systeme von Gesürueu gestreckt sind, wissen wir nicht. Daß aber Gestirne sich in gewaltig gedehnten Bahnen bewegen, dafür ist uns unser eigenes Sonnensystem Beweis, das als Ganzes mit der schon angegebenen Geschwindigkeit von 20 Kilometern in der Sekunde in einer Bahn *) Das Büchlein erscheint als 470, Bändchen der Sammlung „Aus Natur und Geisteswelt": Der Untergang der Welt und der Erde in Sage und Wissenschaft. Von Prof. Dr. M. B. Weinstein. iLeipzig, B. G. Teubner. Geh. 1 M., geb. 1,25 M.> und bildet ein Gegenstück zu des Verfassers»Entstehung der Welt und der Erde nach Sage und Wissenschaft". Es bietet ans einem Rundgang durch alle vergangenen und lebenden Völker die Sagen über dieses intcr- essante Problem, namentlich auch vom religiösen Standpunkt, und stellt ihnen alsdann die modernen wisienschastlichen Anschauungen über einen Untergang der Welt gegenüber._ und in den Pfützen gesehen hatte und die nur Soitntags mit Schuhen bekleidet waren! Sie sollte nun endlich neue schuhe haben; ein Meisterwerk sollten sie werden, darum sie alle Kinder der ganzen Stadt beneiden würden! Er verließ sein finsteres Loch nicht mehr, zeigte sich auch nicht an der Tür; des Abends zündete er ein qualmendes Licht an. stellte es hinter die mit Wasser gefüllte Flasche und fuhr unermüdlich fort zu arbeiten. Tic Leute betrachteten dieses schiefe, flackernde Licht und murrten: „Wann werden wir endlich von dieser verhaßten Nach- barschaft befreit sein?" „Bald!" versicherte der Alte, der schreiben konnte. Und es geschah bald. Innerhalb drei Tagen erhielt der Hausbesitzer den Protest mit den vielen Unterschriften. Wie unangenehm! Auch er flnchtc dem Sohn des Henkers, der die Mieter in Aufruhr brachte, und versprach, das widerliche Tier zu verjagen. Gerade als die Dämmerung zum dritten Mal hereinbrach, beendigte Gaspare die Schuhe. Tann stellte er sie auf ein Brett an der Wand und beleuchtete sie von allen Seiten. Sic waren wirklich schön. „Habt keine Angst! Morgen muß er gehen!" versprachen die Alten den Frauen. Und Gaspare dachte auch an morgen. Morgen beim Er- wachen würden die Schuhe vor der Haustür stehen» Von wem sie wohl waren? Die Freude! Er hatte auch eine Feder und ein wenig Tinte gekauft und schrieb auf ein sauberes Papier: „Der kleinen Nella, vom Christkind." Gaspare verließ sich nicht darauf,' daß die. Sonne ibu wecken würde; er hatte selbst einen Wecker im Kopf,, der die Stunden zählte: er wollte' bei Tagesanbruch erwachen, und er erwachte. Alle Häuser schienen noch zn schlafen, mit ihren hundert geschlossenen Augen; die Straße schien ihm sauberer, weniger staubig zu sein, und er fühlte, daß das Leben sehr schön sein könnte, ohne die Gegenwart der anderen Menschen. Er nahni die neuen schuhe, trug sie an das Tageslicht, streichelte sie, besah die Widmung und wickelte sie in eine Zeitung. Nachdem er sich ängstlich nach allen Seiten um- gesehen hatte, überquerte er die Straße, trat vor die Tür Nellas und legte auf die Stufe sein Geschenk nieder. Dann lief er in seine Wohnnng� zurück, schloß die Tür und saß wartend am Fenster, daß die Straße sich belebte. Oben ein Klappen von zurückgeschlagenen Fensterladen; das schlafende Hans öffnete eines seiner Augen, aber Nella und ihre Mama schliefen nach, und Gaspare wachte über sein Geschenk, damit es niemand wegnehme. bahmeilt, bereit etwaige Krümmung in Jahrzehnten noch nicht bat erkannt werden können, so daß sie wie gerode ausschaut. Unter solchen Umständen vermöchten auch fernst gesetzte Gestirne und Systeme einmal zusammentreffen, zumal die Zahl der Gestirne und Systeme sehr grotz ist, wohl an zehntausend Millionen heranwächst. Wir kennen am Himmelszelt ganze Driften von Gestirnen, und nach jetziaen Annahmen sind z. B. insbesondere zwei solche Driften vor- banden, die sich fast ineinander nach entgegengesetzten Richtungen der größten Ausdehnung der Milchstraße bewegen. Zu einer dieser Triften gehört sogar unser Sonnensystem. Zweifellos können und werden darum im liaufe der Zeit Weltzusammenstöße, Welt- latastrophen vorfallen, mögen solche auch durch Jahrmillionen ge- schieden sein. Allein unsere Zeit hat nicht übel Lust. Katastrophen auch in ganz kurzen Zwischenräumen anzunehmen und die.neuen Sterne" -ii den unglücklichen zu zählen, die solchen Katastrophen verfallen waren. Die erste Beobachtung eines.neuen Sternes" geschah 1572 m der Kassiopeio. der bis über die Helligkeit des glänzendsten lrirsternS. Sirius, anwucvs und schon zwei Jahre später fast in Tunkelheit verschwand. In unserer Zeit ist die Nova Persei ein solcher Wunderstern, der am 21. Februar 1901 erschien, rasch an Helligkeit anwuchs, wieder ein wenig verfiel, aber nach zwei Tagen alle Sterne überstrahlte, plötzlich abermals abnahm und dann allmählich sank, so daß er jetzt zu den lichtschwächsten Sternen(12. Größe) gehört. Noch jünger, vom 1l. März 1912, ist die Nova Ge- minorum, die freilich nur bis ö. Größe anwuchs. Diese Sterne, zu denen sich schon aus den wenigen Jahrhunderten genauerer Kom trolle des Himmels noch viele andere gesellen, sind sicher vor ihrer Erscheinung vorhanden gewesen, aber so schwach leuchtend, oder vielleicht ganz dunkel, daß sie der Beobachtung entgingen. Wenn sie nun plötzlich so grell aufleuchteten, muß irgend Furchtbares an ihnen vorgefallen sein. Die einfachste Annahme ist ein Zu- lammenstoß mit einem anderen Ungetüm, der beide in Hochglut ver- setzte. Hierfür scheint zu sprechen, daß an der Nova Persei Nebel beobachtet wurden, die den Stern spiralig umwanden und sich von lfrni anscheinend mit der ungeheuren Geschwindigkeit von mehr als 90 000 Kilometer in der Sekunde(man findet solche Geschwindig- lcuen nur bei den sogenannten Z-Strahlen des Radiums, die aus Elektronen bestehen) in den Raum zerstreuten. Selbst wenn diese Nebel, wie manche Astronomen meinen, nicht dem Stern selbst an- gebort haben, sondern der Umgebung, und nur im Widerschein deS mächtigen Lichtes de? Sterns sichtbar geworden sein sollten, deutet doch alles auf eine Katastrophe, der der Stern verfallen war. Ar- rheniuS hat bekanntlich solche Katastrophen benutzt, um die Eni- stehung neuer Systeme aus alten abzuleiten. Seeliger meint, daß die Katastrophe nicht durch Zusammenstoß mit einem Stern, sondern dadurch herbeigeführt sei, daß der Stern auf seinem Wege in einen Weltnebel geraten sei und sich, wie Meteore in unserer Luft, -u Glut erhitzt habe. Dieser Hypothese widerspricht die Plötzlichkeit des Aufleuchtens und die Raschheit des AbleuchtenS. Letztere ist steilich überhaupt schwer mit der Annahme einer gewaltigen Durch- glühung zu vereinigen. Sonst leuchten Himmelskörper Millionen und Millionen von' Jahren in fast unverändertem Glanz, schon infolge ihrer Kolossalilät. ganz abgesehen von der ständigen Wärmezuinhr durch Zusammenziehung,. Aufnahme von Meteoren, Strahlung von Radium und ähnlichen Stoffen usf., welche bei der Nova Persei gefehlt haben kann. ES ist also manches noch recht unklar. Das betrifft jedoch nur die Frage, ob die„neuen Sterne" eine Katastrophe an sich kundtun, nicht, ob Katastrophen der genannten Art vorfallen können. Letzteres müssen wir durchaus bejahen, auch wenn die„neuen Sterne" infolge von nicht katastrophalen Vorgängen aufleuchten sollten, die wir noch nicht kennen.— Auch wenn Körper nur nahe aneinander vorübergehen, kann e? für einen von ihnen oder für beide zu verhängnisvoller Folge führen. So haben viele Kometen dadurch, daß sie Jupiter zu nahe kamen, eine ganz neue Bahn um die Sonne erhalten, manche sind über- baupt dadurch erst unserem Sonnensystem einverleibt worden, wäh- rend sie vorher wer weiß welchem Systeme angehörten und nur infolge ihrer übermäßig gestreckten Balm in unser System hinein- gerieten. In unseren Tagen haben wir den Durchgang(oder nur Vorbeigang?) der Erde durch den Schweif des Halleyschen Kometen erlebt. Man hat sich über die Furcht vieler lustig gemacht und gesagt, die Erde ginge durch diesen Schweif so hindurch wie ein Elefant durch ein Spinnwebnetz. Gewiß, das Spinnwebnetz ist sogar noch viel zu derb gewählt. � Aber die Kometen enthalten auch giftige Gase, und wenn diese in dem Schweife des Halleyschen Kometen in einer Menge vorhanden ge- wesen wären, hätte da? bei der immerhin nicht kurzen Dauer dieses Durchganges den lebenden Wesen der Erde doch verhängnisvoll werden können. Das ist keine Katastrophe durch groben Stoß oder durch Reibung, sondern durch chemische Einwirkung, aber für die lebende Welt eine Katastrophe wie nur irgendeine. Endlich? Erst wurde das Fenster geöffnet, dann die Tür. Gasparc sah, wie die Iran sich bückte, das Paket auf- machte, staunte, uniherschaute, um eine Aufklärung zu suchen. und sich frierend wieder zurückzog. Dann horchte er. Aber der Lärm der Straße hinderte ihn daran, den Freudenschrei Nellas zu vernehmen. Er wartet lange vergeblich, und da er an diesem Tag keine Arbeit hatte, entschloß er sich, in die Stadt zu gehen. Er öffnete die Tür. Im Haus gegenüber faß im Korridor Nella auf ihrer Mutter Schoß, und diese probierte ihr die neuen Schuhe an. Gospore, der zwanzig Jahre seines Lebens für ein Lächeln gegeben bätte, ging schnell vorüber, wie ein verhaßtes, widerliches Tier an der Mauer entlangschleichend.. � Ten ganzen Morgen ging er durch die Straffen und hielt sich bei jeder Kleinigkeit auf. Seine Gedanken kehrten jedoch immer wieder zu Nella zurück, und er malte es sich aus, wie froh und glücklich sie war. Dann bemerkte er, daß der Himmel sich verfinsterte und fand es ratsamer, nach Hause zu geben. Es regnete. Er beschleunigte seine Schritte. In kurzer Zeit verwandelte sich die staubige Straße in einen schlammi- gen Graben. Als er sich seinem Hause näherte, sah er die beiden neuen Sckrnbe, den einen da, den andern dort, vom Regen durchweicht, im Morast liegen. Im ersten Augenblick begriff er nicht und hob die Schübe auch nicht auf. Er sah nach dem Haus von Nella. Alles ver- schlössen, Fenster und Türe. Ein Mann erstsiien unter der Tür. Unter seiner Tür? Gaspare riß sich aus seinen Gedanken und hob die müden Augen. „Gaspare �oumaffa?" „Das bin ich." Der Mann hielt ihm ein Papier hin, er wollte nicht ein- treten. � „Ich habe verstanden," murmelte der Sohn des Henkers, „morgen werde ich gehen." „Lest doch wenigstens." „Morgen!" und in dem bartlosen Gesicht des Alten blitzte es drohend ans. Der Mann zog sich zurück. Mit der Hand�bedeutete er den neugierigen Gesichtern, die an Türen und Fenstern ans- tanchten, daß der Alte morgen abziehen würde. Tic Gesichter lächelten voll Genugtuung. � Die Sanne brannte jetzt aus den Schmutz der Straße, aber die Schuhe hatten keinen Glanz mehr. Sie lagen auf der Zefte. zur Hälfte im Schlamm versunken, wie kleine ge- ■Eetfr.i'' Schiffe. Joga schlief unter einem Torbogen. ___(Schluß folgt.) LeranstrcrlUch-r Redakteur: Alkrey WstlepP, N-ulölla. Lux fcsa Nationale Wiffenschaft� Auf einen Artikel von Dr. R i p p o l d t in der„Umschau", der für eine nationale Absonderung der Wissenschaft eintrat, sind jetzt in derselben Zeitschrift zwei erfreuliche Entgegnungen erschienen. In der einen sagt Professor Dr. Rudolf Martin u. a.: „...Alle Wissenschaft i st ihrem Wesen nach international. Ich möchte diejenige Wissenschaft seben, die sich auf die literarische Produktion des eigenen Landes beschränken könnte: sie würde damit aufhören, Wiffenfehaft zu sein. Wobl gibt es auch bier Gradunterschiede.... Aver wie sollte der Philologe, der Kunsthistoriker, der Naturwiffenschaftler. der Anatom, der Anthropologe, der Mediziner usw. die Leistungen anderer Nationen vernachlässigen können, ohne sich selbst und seiner Wissenschast zu schaden? Gerade durch diese? Verarbeiten des gesamten Materials aber, gleichgültig, von welcher Nation es geliefert wurde, und durch den daraus entstehenden ununterbrochenen geistigen Austausch bat alle Wissenschaft notwendigerweise einen internationalen Cha- rakter. Dadurch auch unterscheidet sie sich von der Kunst, die in ganz anderem Maße wie die Wisiensckait bodenständig und der Aus- druck eines bestimmten Volks- und Zeitgeistes ist, obwohl auch hier fremde Einflüsse häufig die fruchtbarsten Weiterentwickelungen gezeitigt babem Lehne ich damit die Möglichkeit einer nationalen Wissenschaft durchaus ab, so muß ich eine andere Fragestellung zulassen: Gibt es eine nationale Methode der wissenschaftlichen Forschung? Hierauf antwortet Dr. Nippoldt mit einem bündigen Ja; er bespricht die Arbeitsmethode der Franzosen, Engländer und Russen, und kommt zum Schluß, daß»wie wir in unserem ganzen Denken und Tun besser sind als unsere Feinde, so ist auch die deutsche Wissenschast besser als ihre". Ten ersten Teil dieses Schlußsatzes, der wohl in einer ruhigeren Zeit nicht geschrieben worden wäre, brauche ich nicht erst zu widerlegen; aber auch der zweite scheint mir in dieser allgemeinen Form nicht einwandfrei. Wertschätzungen haben immer etwas Mißliches, besonders dann, wenn man selbst eine der zu beurteilenden Größen, ist. Die charakteristischen Merkmale der französischen und englischen Wissenschast, die Dr. Nippoldt auizählt, sind allgemeine Errungen- schaften des nationalen Geistes, die in Erziehung und Umwelt ihre Quelle haben. Es ist gewiß nickt zu leugnen, daß schon das Wesen des Mittelschulunlerrichtes in Teutschland und Frankreich ein per- schicdeneS ist. Wäbrcnd bei uns vorwiegend aus sachliches Wissen gesehen wird, erstrebt der französische Lebrer mebr eine Entwicke- lung des geistigen Erfassens des Lehrstosses. Man muß nur er- fahren hoben, wie gebildete Franzosen ihre Klassiker kennen und für ihre Weltanschauung gestaltend verwerten, und damit die Be- Handlung der deutschen Klassiker in deutschen Mittelschulen ver- gleichen. Diese Schulung macht sich dann natürlich auch bei Akade- mikern geltend, und man hat in Frankreich in den letzten Jahren aus philologischen und literarhistorischen Kreisen heraus wiederholt Protest erhoben gegen die Einführung dieser„deutschen ForichungS- Methode" an der Sorvonnc. Jntcressanterweise gerade in einer Zeit, in der man bei uns neben der philologischenKleinavbeit immer mehr die gedankliche Durchdringung des Stoffes schätzen gelernt hat und zu üben pflegt. Aber wenn Ausländer unsere Vorlesungen, Seminarien und Laboratorien besuchen, so assimilieren sie mühelos die bei uns geübten Methoden und sie arbeiten sich so rasch in unsere Denkweise ein, daß man zur Ucberzeugung gelangt, daß es sich nur um Unterschiede der Schulung handelt, die leicht ausgeglichen werden können. Dieser Ausgleich hat besonders in den letzten zwei Jahrzehnten erfreuliche Fortschritte gemacht, und es wäre ein bedauerlicher Ver- lust, wenn er durch den Krieg gehemmt und aufgehalten würde. Ich wüßte aus meinem speziellen ArveitSgebiete, der Anthropologie die Unterschiede zwischen deutscher, französischer und englischer Wissenschaft, die Tr, Nippoldt aufzählt, nicht nachzuweisen und ver- mag auch meinen französischen Kollegen die Fähigkeit zu„aus- dauernder Energie, langwierigen rechnerischen Vorarbeiten" nicht abzusprechen. Natürlich finden sich individuelle Unterschiede hüben wie drüben, auch bei uns gibt es Leute, die zu geistvollen Hvpo- thesen neigen, wie es über den Vogesen Männer gibt, die trockene Schädelbeschretoungen für wissenschaftliche Arbeit halten.... ... Unsere Wissenschaft aber bleibe internatio- n a l, wie sie es notwendigerweise sein muß, wenn sie die achtung- gebietende und allgemein geachtete Rolle, dte sie im Geistesleben der Völker spielte, behaupten will. Jede nationale Tendenz würde eine Einschränkung bedeuten und sie von ihrer Höhe herunter- ziehen...." Ter Verfasser des anderen Aufsatzes wird in der„Umschau" nicht genannt, die Redaktion bemerkt:„Es sei nur angedeutet, daß er eine exponierte Stellung einnimmt, die ihm Einblick in inter- nationale Beziehungen gestattet, wie sie(? erl Red. d.„V.") nur wenigen vergönnt ist". In dem Aufsatze dieses Unbekannten heißt eZ u. a.: ..... ES ist nicht zu verkennen, daß bei Angehörigen verschiedener Völker Vererbung. Erziehung und Umgebung den individuellen Eigenschaften gewisse Schattierungen geben, die sich in unterschied- sicher Veranlagung und Leistungsfähigkeit bei der Forschung äußern können. Man büte sich aber vor«Schlagworten und unbegründeter Verallgemeinerung. Hat doch z. B. dieser Krieg bei den Franzosen gerade Eigenschaften, wie ausdauernde Energie und Geduld cr- wiesen, die man sonst bei ihnen in diesem Maße nicht zu erwarten pflegte, woraus ich lediglich folgere, daß nationale Eigenart noch immer ein recht schwankender Begriff ist. Bei der wissenschaftlichen Forschung wird lediglich gefordert werden müssen: gib deine besten individuellen Fähigkeiten her, sei dir selber gegenüber treu und wahr. Die Mahnung an die deutschen Forscher:„Sorgt, daß eure Wissenschaft deutsch bicidt!" entspricht daher dem Sinne nach hin- sichtlich der Art der Forschung durchaus einer Mahnung an die Franzosen französisch, an die Russen russisch zu bleiben usw., wo- nach es zulässig erscheinen muß. daß jeder Forscher seinen indivi- duellen Weg beschreite und der Ort seiner Geburt nicht anders in Betracht komme, Denn darüber hinaus fällt es schon schwer für die Wissenschaft — selbst als Art der Forschung—, nationalen Charakter zu fordern. Je mehr Kenntnisse, Mittel und Methoden zur Verfügung stehen, um so besser wird er vorwärts kommen. Ter Fortschritt nimmt erst aus der totusc des überhaupt Erreichten seinen Ansang, und es hieße sonst, die Methode über den Zweck stellen. Jeder nicht griechische Mathematiker müßte zuerst den pythagoräischen Lehrsatz nach eigener Art neu finden, und wir würden, je nach den nationalen Eigenschaften, zu Virtuosen der Form, Kritikern und Verbesserern gelangen, aber nicht zu eigent- lichen Wissenschaftlern, denen es auf den Inhalt, aus daS Wesentliche ankommt.... ... Es gibt nicht«in« deutsche und eine davon verschiedene französische Wahrheit! Daher mag die Wissenschaft der Form nach einigermaßen national sein, dem Wesen nach kann sie jedenfalls nur international gedacht werden... ," kleines Feuilleton. von lebenüiggebärenüen Insekten. Es gibt auch in der freien Natur solche, die es stets„anders" machen wollen. Die Infekten sind eierlegende Tiere: die Keimes- anlage wird mit einem reichen Reservematerial an Nahrung, mit „Dotter" ousgeftaitet und als Ei nach außen abgesetzt. Im Ei ent- wickelt sich das Junge, die Nachkommenschaft. Nach HehmonS gibt es nun, wie der„KoSmoS" tnitteilt, auf den Muriden im äguatorialen Afrika ein Infekt, HemimeruS mit Namen, da- lebende Jungen zur Welt bringt. Ein Unikum unter den Infekten! Die Eier von HemimeruS verbleiben im Mutterleibe bis zur Reife der Jungen, sind nicht mit Dotter versehen und haben auch keine Schale. Sie müssen natürlich alles. waS sie zum Leben und Wachstum brauchen Znjeral enteil vercmtw.: Th.vlocke,Berlin. Druck u.Derlag:Vorwar:»! von der Mutter beziehen: HeymonS hat bei HemimeruS einen richtigen Mutterkuchen nachweisen können. Er ist zwar ander? gebaut als bei den lebendig gebärenden Wirbeltieren, aber es ist ein richtiger Mutterkuchen, ein Organ, das die Ernährung des Embryos im Mutterleibe vermittelt. Um übrigen darf man das„Lebendig-Gebären" und das„Eier- Legen" nicht allzu scharf auseinanderhalten. Verbleiben die Eier im „Eileiter", d. h. im Hohlgauge, der von den Eierstöcken nach außen führt, längere Zeit, so ist für die Eier die Möglichkeit gegeben. einen Teil ihrer Entwickejung hier durchzumachen. Der Teil des Eileiters, in dem sich die Eier befinden, ist dann zum Uterus, zur „Gebärmutter" geworden. Je länger die Eier in der Gebärmultcr verbleiben, desto mehr nähert sich die eierlegende Art einer lebendig gebärenden. Bei den Salamandern gibt es sehr nahe verwandle Arien, die sich von einander dadurch unterscheiden, daß die eine, der Feuersalamander, der ein Bewohner des Flachlands ist, noch sehr unentwickelte Larven zur Welt bringt, die in Wassertümpel abgesetzt werden, während das Petermännchen, der schwarze Salamander, der ein Gebirgsbewohner ist. fertig enl- wickelte Jungen zur Welt bringt. Hält man aber, wie es Kammerer in feinen berühmt gewordenen Versuchen getan hat, den Feuersalamander in einer trockeneren und kühleren Umgebung, als er es in der freien Natur gewohnt ist, so kann man ihn damit veranlassen, fertig entwickelte Jungen zu gebären wie es daS Petennännchen normalerweise tut: die Larven verbleiben dann längere Zeit im Eileiter und können sich hier weiterentwickeln. Und umgekehrt kann man den Alpensalamander, indem man ihn in eine feuchtere und wärmere Umgebung verbringt, zwingen, wenig entwickelte Junge zu gebären. Was das„Lebendig-Gebären" und da- „Eier-Legen" von einander unterscheidet, das ist nur das kürzere oder das längere Verbleiben der Eier im Eileiter, wobei dann allerlei Hilfseinrichtungen in die Erscheinung treten können, die, wie der Mutterkuchen, die Ernährung des EmbryoS vermitteln oder erleichtern. Sehr hübsch lasten sich die Beziehungen zwischen Lebendig- Gebären und Eierlegen bei den Säugetieren verfolgen. Die lebendig gebärenden Säugetiere haben bekanntlich in den Schnabel- tieren ihre eierlegenden Verwandten. Und wie der Bau der Eier bei den lebendig gebärenden Säugetieren deutlich zeigt, müssen auch die lebendig gebärenden Säugetiere einmal dolterreiche Eier gehabt haben: die dotterarmen Eiernder heute lebendig- gebärenden Säugetiere zeigen deutliche Spuren davon, daß eS früher dotterreiche Eier gewesen sind. Sogar die Milch, die den lebendiggeborenen, aber noch nicht selbständigen Säuge- tierjungen als Nahrung dient, weist eine weitgehende chemi«clie- Verwandtschaft mit dem Dotter z.B. des Hühnereis auf. Die Milch enthält einen phosphorhaltigen Eiweißstoff, das Kasein, mit dem das Vitellin deS Eidotters chemisch sehr nahe verwandt ist. So verrat unZ die chemische Zusammensetzung der Milch, daß wir von Tier- formen abstammen, die dotterreiche Eier legten. In üen Schlammgräben von Cparges. Ein französischer Generalstabsoffizier, der während der letzten Rachtkämpfe die Stellungen von Eparges besichtigte, gibt von dem mühevollen Aufstieg auf die Höhe die folgende anschauliche Schilderung:„Mit geblendeten Lichtern fuhren wir um Mitternacht, während es in Strömen goß, im Auto ab. Am Fuße des Saum- Pfades, der nach Eparges heraufführt, stiegen wir aus dem Wagen und wateten durch den Schlamm, der uns bis zur halben Wade hinaufreichte. Um vorwärts zu kommen, mußte mau sich jeden Schritt Weges mühselig erkämpfen. Hier und da tat sich ein von einem Geschoß aufgelvühlter Graben unter unseren Füßen auf und bildete eine Falle, in der wir bis zum Gürtel versanken. Wir trugen weder Gepäck noch Flinte, und doch konnten wir kaum vorwärts kommen. Bei einer Biegung empfing uns ein gewaltiger Dreckklumpen, den eine Explosion in die Lu't geschleudert hatte. Es war ein schweres Geschoß, das in einer Eni fernung von etwa 20 Meter geplatzt war. Der Klumpen hatte uns zu Boden gerissen: aber der«chlamm hatte gleichzeitig auch dte Wirkungskraft des Geschosses gelähmt. Neben uns suchten allerlei Schattengestalten tastend ihren Weg. ES waren Verwundete, die nach dem Verbandplatz hinunterkrochen. und Leute, die mit Munition und Proviant herout stiegen. Alle machten schweigend ihren Weg. Denn in dieser K!oa!e ist das Wandern ein mühseliges, alle Muskeln des Körpers an- spannendes Geschäft. Der Luftdruck eines Geschosses warf uns erneut mitten in den Morast. Wir erhoben uns zwar sofort. strauchelten aber bald wieder. Endlich waren wir in den Schützen- graben auf der schanze angelangt. Es waren ganz ungewöhnliche Gräben, eine richtige Treppe führte zu ihnen hinab. auf deren schlüpfrigen Stufen man kaum Halt fand, und vom Gipfel des Berges rann ein dicker, schwarzer Schlammstrom gemächlich ins Tal hinab. Wir alle versanken darin, und man mußte sich irgendwo festhalten, um von der Flut nicht mit inS Tal gerissen zu werden. Und zu denken, daß hier Soldaten Tag und Nacht ununterbrochen weilten! Der Schlamm hatte ihnen über dte alte eine neue Uniform gezogen; alle waren sie mir Schmutz und Erde bedeckt, Schmutz auf dem Kopf. Schmutz auf dem Gesicht, dessen Kruste eine wahre Maske bildet. Hose, JJLasienrock, Gesicht, Haare. Waffen— alles ist besudelt, ja, jedes Schnurrbarthaar hat einen chmutzigen Ueberzug. Nur das Gewehr wird, so gut eS geht, durch irgendeinen Fetzen vor der Beschmutzung geschützt." halli, hallo! Mit Peitschenknall... Aus der Rhön schreibt man uns: Es ist bereits eine R" von Jahren seit jenem Tag ins Land gegangen, da der in ang nehmer Schaukelbewegung dahinrollende, von wackeren, allzeit ans einen gemächlichen Trab eingestellten Rappen gezogen« P o st- wagen zum letzten Male die reiselustigen Rhönbewohner von Tal zu Tal beförderte. Mit leiser Wehmut sah damals der Naturfreund und vor ollem die an lleberlieferung hängende ältere Bevölkerung der Rhön die gelbe Postkutsche aus ihrer reizvollen Umgebung vcr- schwinden, um dem Verkehrsmittel der Neuzeit, dem Kraftwagn'. Platz zu machen. Trotz unleugborer Borteile dieser Beförderungsart bat sich aber das Auspuffgase und Staubwolken erzeugende Benzinvehitel offenbar nicht d, e Beliebtbeit zu erringen gewußt, die ihm auf Grund seiner Lciswngsfähigkeit von Rechts wegen zu- kant. Denn als das große Ringen begann und die Kraftwagen von beute auf Margen in den Dienst des Vaterlandes treten mußten, entschloß sich die Poswerwaltung. sie nicht wieder einzu- stellen, sondern den Verkehr wie früher mit der lieben alten Kutsche aufrechtzuerhalten. So wirkt der Krieg überall seine Wunder: den Leuten in der Rhön hat er den idyllischen Postillionszustand aus Großvaters Tagen mit Hornriif und Peitschenknall wiedergegeben. Notize«. — Der Krieg und der französische Büchermarkt. Eine im„Temps" vom 20. April wiedergegebene«talistik zeigt, welche beträchtlichen Störungen der Krieg auf dem französischen. Büchermarkt hervorgerufen hat. In den letzten fünf Monaten 1911 erschienen in Frankreich nur 1835 Bücher gegen 4836 im gleichen Zeitraunt 1913, die Abnahme betrug demnach 3001 Werke. — Die L i e ch t e n st e i ii s ch e Armee. Man macht un? darauf aufmerksam, daß dem zwischen Tirol und der Schweiz gelegenen Fürstentum Liechlenstein seine Armee nicht 1869 abhanden gekommen ist. Das Ländchen, in dem österreichisches Geld kursiert und österreichische Briefmarken verwendet werden, stellte vielmehr im Frieden eine Kompagnie Jäger zur l. k. Armee. Wie das freilich jetzt im Kriege ist, wissen wir nicht. Einfach ist s auf leinen Fall. denn 1866 vergaß man, Liechtenstein in den Nikolsburger Frieden zwischen Oesterreich und Preußen einzubeziehen, und eigentlich be. stand zwischen dem Landl und dem Deutschen Reiche immer noch der Kriegszustand. tachdruckerei jl, LerlagZcrnstaltPmUSwger& Co< Berlin SW.