Jlr. 104.- 1915. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Mvoch, 5. Mai. Oos Märchen vom Sankt Sottharö. Von August Strindbcrg. (Schluß.) Einige Zeil später scibcn sie, wie da-:-..Goldene Pferd" nieder gerissen wurde; wie die Kirche fortgetragen. Stück für Stück, und eine Strecke davon wieder aufgebaut wurde; sie salsen, wie das balbc Torf rasiert; wie Kasernen errichtet wurden; wie der Bach seinen Lauf änderte und das Mülstrad fortgenommcn, die Fabrik geschlossen, das Med verkauft wurde. Und dann kamen dreitausend schwarze Arbeiter, die italienisch sprachen. Da verstummten die schönen Lieder vom alten Schwcizerland und den reinen Freuden des Frühlings. Statt dessen hörte man Tag und Wacht ein Klopfen; und wo Barbarossas Ring gesessen hatte, wurde ein Bergbobrer cinge- trieben; und dann begann das Schießen, denn da sollte der Tunnel durch den Berg. Es war jetzt, wie man wußte, nicht so schwer, ein Loch durch die Klippe zu machen; es stillten aber zwei Löcher gesprengt werden, eins von jeder Seite; und die beiden Löcher sollten sich treffen, genau ivic ein Nagel, und daran glaubte niemand, denn es war eine und eine halbe Meile zu sprengen. Eine und eine halbe Meile! ..Wie, wenn sie sich nicht treffen? Dann müssen sie von neuem beginnen!" Aber der Liberingenieur hatte gesagt: sie werden sich treffen. Und Andrea von der italienische» Seile, er glaubte an den Lbcringenieur; denn er war selbst ein treffsicherer Kerl, wie wir wissen. Darum trat er in die Arbcitcrschar ein und wurde erster Mann. Das war eine Arbeit, die Andrea paßte. Das Licht der Sonne, die grünen Matten und die. weißen Alpen bekam er nicht mehr zu sehen; aber er glaubte sich einen eigenen Weg zu Gertrud zu sprengen, den Weg durch den Berg, den er in einem grotzsprcchc rischen Augenblick zu kommen gelobt halte. Acht Jahre stand er in der Dunkelheit und führte ein Hundeleben. Nackend stand er meist, denn es herrschte da eine Wärme von dreißig Grad. Bald stießen sie auf die Duelle eines Flusses, und dann lebte er iin Wasser; bald trafen sie ein Lehmlogcr, und dann lebte er in Schmutz. Fast immer war die Luft verdorben. und die Äamcradcn stürzten; aber es kamen neue. Schließlich nürzte Andrea auch und wurde ins Krankenhaus gebracht. Da bekam er die Vorstellung, die beiden Tunnel» würden sich niemals treffen, und das quälte ihn am meiste». Sich niemals treffen! (5s lagen auch Leute aus llri im Saale und phantasierten; ihre ständige Frage in fieberfreien Augenblicken war: ..Glaubt Ihr. daß wir uns treffen werden?" Ja, niemals hatten Tessiner und Urilcutc so danach verlangt, sicki zu treffen, wie hier unten im Berge. Sic wußten, wenn sie sich 1 rasen, würbe tausendjährige Feindschaft aufhören und die Versöhnten einander in die. Arme fallen. Andrea>var gesund und kam wieder in Gang. Er machte 1875 den Streik mit; warf einen Stein, wurde ins Loch gesteckt, aber lam wieder heraus. Im Jahre 1877 brannte Airolo. sein Geburtsdorf, ab. ..Jetzt habe ich meine Schiffe hinter mir verbrannt; und jetzt muß ich vorwärts," sagte er. 'Im Iabrc 1879 wurde der 19. Juli ein Tag der Trauer. Der Lberinyenieur für den ganzen Tunnel war in den Berg hineingegangen, um zu messen und zu rechnen; und wie er da stand. bekam er einen tschlag und starb! Mitten auf der Bahn! Da hätte er sein Grab bekommen sollen, wie ein Pharao, in der größten Stcinpyramtde, die cS gibt; und sein Nainc, Favre, hätte da eingeritzt werden sollen. Indessen: die Iabre vergingen. Andrea sammelte Geld, Er- sahriing und Kraft. Göschencn besuchte er nie: aber einmal im Jahre ging er nach dem Heiligen Wald und sah sich die Perwüstung an, wie er es nannte. Er sah Gertrud nie, schrieb nicht an sie; da« brauchte er nicht, denn er lebte mit ibr in seinen Gedanken, und er fühlte, daß er ibren Willen bekoinmen hatte. Im siebenten Jahre starb der Amtmann, in Armut. * ..Weickic» Glück, daß er arm war!" dachte Andrea; und so haben nicht olle Schwiegersöhne gedacht. Im achten Jahre geschah etwas Merkwürdiges. Andrea stand als erster Mann im italienischen Tunnel und schlug auf seinen Bohrer. Tic Luft war knapp und erstickend, so daß er Ohrensausen hatte. Da hörte er ein Ticken, das dem Laute des Holzwurms glich, der Totcnuhr genannt wird. „Ist meine letzte Stunde gekommen?" dachte er. „Deine letzte Stunde!" antwortete etwas in ihm, oder außer ihm. Und er erschrak. Folgenden Tag hörte er wiederum da» Ticken, aber deutlicher, so daß er glaubte, cS sei die Uhr, die er trug. Aber den Tag daraus, der ein Festtag war, hörte er nicht«; und jetzt glaubte er, es sei nur das Ohr; und da wurde er bange, ging in die Messe; und in stillen Gedanken klagte er über die Unbeständigkeit de» Lebens. Tie Hoffnung hatte ihn getäuscht, die Hoffnung, den großen Tag zu erleben, die Hoffnung, den ausgesetzten großen Preis zu bekommen für den ersten Bohrer, der durch die Wand ging, die Hoffnung, Gertrud zu bekommen. Am Montag stand er jedoch wiederum am weitesten vorn mit seinem Bohrer, aber verzagt; denn er glaubte nicht mehr, daß sie die Deutschen im Berge treffen würden. Er schlug und schlug, aber ohne Hast, wie sein geschwächtes Herz nach der Tunnelkrankheit schlug. Da hörte er auf einmal etwas wie cinen Schuß und ein gewaltiges Krachen, aber innen im Berge, auf der anderen Seite. Und nun ging ihm ein Licht auf: sie hatten sich getroffen. Zuerst fiel er auf die Knie und dankte Gott; dann erhob er sich und sing an zu schlagen. Er schlug Frühstück über, Mittag über, Nastzeueii und Abendbrot über. Er schlug mit dem linken Arm, wenn der rechte einschlief. Dabei dachte er an den Oheringcnieur, der mitten vor der Wand gestürzt war; und er sang das Lied der drei Männer im feurigen Ofen, denn die Luft brannte gleich- sam um ihn, während das Wasser von seiner Stirn troff und die Füße im Lehm standen. Schlag sieben, den 28. Januar, fiel er vornüber gegen den Bohrer, der mitten durch die Bergwand flog� Ein schallendes Hurra von der anderen«eile weckte ihn, und er verstand, vcvstand. daß sich sich getroffen hatten, daß die letzte Stunde seiner Mühen gekommen, und daß er Besitzer von zehn- tausend Lire war. Da, nach einem kurzem Seufzer an den Allerbarmer, legte er den Mund anS Bohrloch, flüsterte, so daß niemand horte: ,.Gcr- trud"; und darauf brachte er ein neunfaches Hurra auf die Deut- scheu au». Um elf Uhr nacht« hörte man ein schallendes„Aufgepaßt!" von der iiatieinschen Seite, und mit einem Gekrach, wie von Bc- lagerungSkaiwnen, stürzte die Wand ein. Deutsche und Italiener fielen sich in die Arme und weinten. �>ie Italiener küßten sich, und alle fielen auf die Knie, ein De veupr leuäamus singend. ES war ein großer Augenblick; und es war 1889, dasselbe Jahr, in dem Stanley mit Afrika fertig wurde und Nordenskiöld mit der Begafahrt. Als der Lobgesang uufjwu Ewigen verstummt war. trat ein Arbeiter von der deutschen Seite hervor und reichte den Iialiencrn ein zierlich gesetztes Pergament. ES war eine Ehren- und Ge- denkfchrift auf den Obcringcnieur Louis Favre. Er sollte zuerst den Tunnel passieren, und Andrea sollte sein Ehrengedächtnis und seinen Namen auf dem kleinen Arbeitszugc nach Airolo führen. ZVvd da? tat Andrea getreulich, auf einem Schiebelvagcn vor der Lokomotive fitzend. Das war ein großer Tag! Und die Nacht war nicht kleiner. ES wurde Wein in Airolo getrunken, italienischer Wein; und es wurde Feuerwerk abgebrannt. ES wurden Reden gehalten, aus Louis Favre, Stanley und Nordenskiöld; cS wurde eine Rede auf den Sankt Gottharo gehalten, den geheimnisvollen Bergstock, der Jahrtausende eine Scheidewand zwischen Teutschland und. Italien, zwischen Nord und Süd gelvesen war. Ja, allerdings ein Sonderer, aber auch ein Sammler. Denn der Sankt Gotiharst bat dagestanden und sein Wasser ehrlich geteilt zwischen dem deutschen Rbcin wie der französischen Rhone, der Nordsee wie dem Mittel- mccr.... „Und dem Adriatischen." unterbrach ein Tessiner. „Bitte, vergessen Sic den Ticino nicht, der Italien» größten Fluß, den gewaltigen Po, speist. „Bravo, Besser! ES lebe der Sankt Gotthard, da? große Deutschland, das freie Italien und daö herrliche Frankreich!" E« war eine große Nacht, auf einen großen Tag. Folgenden Morgen stand'Andrea auf dem Jngcnicurbureau. Er war in seine italienische Jägertracht gekleidet, hatte eine Feder am Hut, eine Büchic aus der Achsel und ein Ranzel auf dem. Rücken; war weiß im Gesicht und an den Händen. „So, Du bist wtzt zufrieden mit dem Tunnel," sagte �der Kasjeningcnicur, oder der Gcldniann, ivie sie ihn nannten.«Nun, das kann Dir niemand verdenken, und es ist ja auch nur noch Maurerarbeit übrig. Also die Abrechnung!" Der Geldmann sckilug ein Buch auf, schrieb cinen Settel und zählte zehntausend Lire in Gold auf. Andrea schrieb sein Zeichen, steckte da» Gold in» Ranzel und g'ng. Er warf sich auf einen ArbeitSzug, und in zehn Minuten war er bei der gefallenen Scheidewand. Feuer brannten im Berge auf beiden Seiten gegen die Lickst- scheine, die Arbeiter hurraten auf Andrea und schwenkten die Mützen. ES war herrlich I In zehn Minuten wieder war er auf der deutschen Seite. Aber als er da? Tageslicht in der Oeffnung sah, hielt der Zug und er stieg an?. So ging er dem grünen Licht entgegen und sah das Dorf wieder, Sonncnticht und Grün, und das Dorf lag da, neu aufgebaut. strahlend, schöner als früher. Und als er hinkam, grüßten die Arbeiter ihren ersten Mann. Geradeaus auf ein kleines Haus lenkte er s-iiic Schritte, und unter einem Walnußbaum neben den Bienenkörbe» stand Gertrud, still, schöner, milder, ganz als hätte sie dagestanden und auf ihn gewartet, acht Jahre lang. „Jetzt komme ich." sagte er.„so wie ich kommen wollte!— Folgst Du mir in mein Land?" „Ich folge Dir, wohin Tu willst!" „Den Ring hast Tu bereits; ist er noch da?" „Er ist noch da!" „Tann geben wir sofort!— Nein, nicht umkehren; nicht» darfst Du mitnehmen I" Und sie gingen Hand in Hand! Aber sie gingen nicht durch den Tunnel. „Auf den Berg hinaus!" sagte Andrea, und lenkte in den alten Paßwcg ein. Durchs Tunkcl ging uicin Weg zu Dir; jetzt will ich in Licht leben mit Dir. für Dich!" (Ucbcrsctzt von Emil Schering.) In öen franZöflfthen Schützengräben. Giuseppe Bcvionc erzählt in der Turiner„Stampa" in tage- buchartigen Aufzeichnungen von seinen Besuchen an der sranzöji- scheu.iwinpsfront. Aus dem Kapitel„In den französischen Schützen- graben' mögen ein paar Stellen hier wiedergegeben sein: ..... Gestern abend hatten wir ein üppiges Essen an der Tasel von... in Reichweite der deutschen Kanonen: ausgezeichnete Gerichte, gut gepflegte Weine und zuletzt Klavier- und Violinkonzerl. Es fehlten nur die deutschen Kanonen; aber man kann nicht sagen, daß sich darüber jemand beschwert hätte. Als die Tafel. aufgehoben wurde, ward uns eine freudige Ueberraschung zuteil: der General... gestattete uns einen nächtlichen Ausflug zu den vordersten Schützengräben. Mondlose, heitere, sternenhelle Nach:. Tie Kirche von.... die von den deutschen Granaten zerrissen ist, streckt die schwarzen, phantastischen Umrisse ihrer zerschossenen Türme zum funkelnden Himmel empor. Wir verlassen das in Schlaf und Finsternis begrabene Dorf, steigen eine steile Anhöhe hinan und klettern dann wieder hinab ins Flachland. Wir find nur ein paar Kilometer von der Front entfernt. Aus der Ebene erhebt sich da» wirre, andauernde Getöse nahen und fernen Schießens. Von Zeit zu Zeit zeigen sich am Himmel leuchtende Raketen, die die Noch: erhellen: weißer die deutschen, länger die französischen. Nach kurzer Wanderung auf der Landstraße schlagen wir einen in den Boden hineinführenden Seitenweg ein; die Franzosen nennen einen solchen tiefen, schmalen Graben, der zahllose Abzweigungen nach der Ebene hin hat und dem Feinde vollständig verbergen ist,„bohau", Darm. Alle französischen Schützengräben der vordersten und der zweiten Schlachtlinie werden durch ein ausgedehnte» Netz solcher„bohaux" bedient; man schätz!, daß auf einer Front von 99 Kilometer mindestens Ml Kilometer „bohaux" und geschützter Verbindungswege vorhanden sind. Aber e» ist nicht besonders angenehm, durch diese finsteren Därme zu wandeln: ein zäher, glitschriger Schlamm steigt einem bis an die Knöchel; man muß jeden Augenblick, um das Gleichgewicht wieder- 9 Oma. Eine Cstzählultg aus Sssdwcstafrrka von HansGrimm. Nein, wie über don Emsifang konnte sich des Holjleiners Rrau über Tina und Jsak und das Haus nicht beklagen und alle drum und dran, geschweige denn über ihren Mann und die vierzehn Vorposten. Aber sie verstand ihr Handlvcrk nicht. Es gibt ein stummes Geschehen bei den Menschen, dem fein �lift folgen kann. Ein schieben und Verschicben, ein Zerflattern und Sammeln, ein Lösen und Knüpfen gewaltiger Schrcksalskräftc in den Seelen, ticier als die tiefsten Grübler graben, und langsamer als die vorsichtigsten Gedanken sich reihen können. Gewebe, in denen wir gcsairgen sind, liegen eines Morgens sichtbar und fertig da. Wir glauben'S ihnen nicht. Wir gehen Tage und Wochen lang Maiche nach Masche ab. Wir beobachten, wir werden bewußt, wir dünken uns klug, wir wehren uns. Ach Gott, was wir merken, ist längst vollzogen. Ter Wachtinciister war am �vergnügtesten immer zur gleichen Zeit und an derselben Stelle seines Tages. Dort, wo man um die Arche biegt und zum letzten Male die Station sieht beim Äbtritt und zum ersten Vkale bei der Heimkehr. lag die Stelle. Tort freute er sich in die Frühe hinein, daß die Arbeit begann in der großen Freiheit, und dort freute er 'ich anreitend, der Ruhe und seinem Weibe entgegen. Tic Vergnügtheit deS Morgens blieb ihm am längsten. Sic änderte sich nur leise in der Art. Es wurde ein Ausatmen daraus, bei dem das unter dem Reiter schreitende Pferd in Trab, das trabende in Galopp fällt. Die Vcrgnügthcit des Feierabends schwand viel schneller. Hätte ihn einer gefragt: „Wachtmeister, was ist mit Deinen Augen? Ter Feierabend. glänz ist fort. Wachtmeister, was ist mit Deinem Munde? Ein starrer Strich ist er getvorden, als mochten die Zähne nicht mehr voneinander lassen." Seine ruhige Antwort wäre gewesen:„Ich bin müde, Mann, der Dienst ist stramm, der Ritt lvar weit." Es fragte ihn niemand, und er fragte sich selbst am wemgsten, bis die Stunde kam, in der er, von kurzem Wege wiederkehrend, erschrak bei dem Anblick seines Hauses und das eifrig dem Stalle zustrebende Tier verhielt und schaudernd spurte: Draußen, draußen im Sande ist mein Friede. Er versuchte darauf auch sich zu antworten:„Schnack, ich bin müde," und wußte, während er es murnieltc, daß er sich belog. Und nun redete er erst recht und lächelte sogar, wie das etwa cm großer �unge tut, der einer Mutter nicht das ängstliche Herz zeigen inag:„Nein, nein wirklich, ich bin nur so miide. Man wird ja auch einmal schlapp nach kleiner Arbeit." Mit dem Lächeln kam er an die Haustür. Daß just an diesem Tage des Holsteiners Frau io sehr schmälsüchtig sein nmßte. Der Wachtmeister hielt das Lächeln fest ans seinem Gesichte nnt immer größerer Mühe. Ganz wehe waren ihm die Miissetn, ganz verzerrt wurden ihm die Züge. Da mestite die Frau, es sei lauter Hohn, der den Mann so still und seine Mienen so sehr zur Grimasse mache, und hin und her suchten ihre springenden Gedanken nach einem Schiinps, der svitzig genug wäre, ihn endlich heraus- , zupeinigen aus seiner eingebildeten Maske. Und Tina siel ihr ein. Sie fuhr zusammen.„Tina? Das muß ich be- denken." Sie wurde plötzlich stumm und laß in sich gekehrt. Ter Holstciner tastete schon nach einem runden Worte. Er ahnte nicht, daß in dieser Pause die bösen Geister seine Ehe um ihren letzten armen Wert brachten. Als die Frau auf- stand, schalt sie nicht mehr. Ter Stolz verschlug ihr die Scheltluft.„Ich habe alles durchschaut. Ich. Ich. Mir ist's wie Schuppen von den Augen gefallen. Jetzt weiß ich alles. Ten ganzen Schwindel wb' ich raus," redete es in ihr. Sie faßte die Klinke, den Kopf weit zurück im Nacken, da war der Mann an ihrer Seile. „Ja. schön," sagte er,„wir wollen den Schakal ansehen, den Willem gefangen Hot in der Nacht. Das Fell hat uns noch gefehlt. Es wird eine feine Tcckc für Tcine Leute in Hamburg." „Was? Was will er?" überlegte sie. Es fiel ihr ein. wie sie geplant hatten, die Schakasidle zu einem Pelzwerk zu- sammenzusetzen zu lassen für ihre Verwandten. Sie wollte ihm nicht antworten, aber er hatte gleich ihr die Hand an der Klinke.„Wenn's denn nicht anders sein soll," dachte sie und fragte darauf ruhig: „Was gibst Du die Decke nicht lieber dem Hurenmädchen? Ta hättest Tu noch was von!" Des Holsteiners Hand verließ die Tür und traf sich mit seiner anderen Hand gerade vor der Brust. Die beiden Hände preßten aufeinander. Er stand da wie ein Betender und sah und sah.... „So ist's recht." fuhr die Frau gleicliinäßig fort,„verstell Tu Dsch man inmier werter. Aber die Person, die kann das nicht so recht. Wie sie ihm Nachsicht, wie sie ihm zu- springt....." Ter Holstein er änderte seine Stellung nicht, doch er antwortete leise und zaghast und bittend fast, wie sonst Männer gar nicht reden, oder nur zerbrochene Männer: „Sie versucht mir ein Gutes zu tun, Lotte..." „Ein Gutes? Ein Gutes?" Die Frau lackte gellend auf, und dann war sie draußen und klappernd fiel die Tür hinter ihr zu. Am Abend dieses Tages zögerte Tina beim Abräumen des Tisches im Iunggescllenquarticr und schielte bald nach dem Sergeanten und bald nach dem Gefreiten. Als sie nicht länger verweilen konnte, brachte sie stockend heraus: „Sergeant— ich— möchte fragen..... „Was denn?" murrte der Angesprochene. Tina redete sehr schnell, lvobl merkend, es sei auch hier eine üble Stunde:„Ter Wachtmeister, warum schlägt er die Frau nicht?"„ � Sie bekam keine Antwort.„Raus," schrie der Sergeant. „Tu Ausverschämte Du, raus. Sonst mackc ich Tir Beine!" Tina sprang fort wie eine aufgejagte Katze. „Was heißt das?" fragte der Gefreite, nachdem er sich eine Zeitlang schweigend gewundert hatte. „Hätte ich sie etwa fragen sollen? So lvas überlaß ich andern. Aber das rat' ich. daß vor nur keiner das tut." Mit kurzen Knöchelschlägen auf den Tisch bekräftig««dtv Sergeant seine Drohung. „Davon redet niemand," sagte der Gefreite.„Daß da drühcn sich die Tinge verkehrt entwickeln, weiß ohnehin schon jeder. Auf allen Stationen wird es besprochen." „Wahrhaftig? Wahrhaftig?" spottete der Scrgcani. „Und da sitzen dann Sie wohl bei und quatschen." Er wurde böse.„Aber seit waini is denn der Sand so 'ne Klatsche geworden wie die Lüderitzbucht? Seit wann geht denn auf einmal alles so gottverdammt auer? Na schön, ich bin am längsten hier gewesen. Ich gebe Ihnen aber'n Rat, den können So sich übers Bett hängen mit gemalten Veilchen drum:„Heiraten Se nich, junger Mann." Wenn des Wachtmeisters Licblmgshund, von dem Tina alles ertrug, sich nur einmal gegen den Herrn gekehrt hätte, hätte Tina verstanden, das Tier unauffällig zu quälen. Scheinbar zufällig wäre ihm das Futter vergessen worden, heißes Wasser wäre durch des Tieres Ungeschick verbrühend über ihn geilossen und dergleichen. Seitdem Tina spürte, daß in des Wachtmeisters Haus nicht alles zusammenstimmte, begann sie den Wachtmeister an seinem Weibe zu rächen. Fragt eine Frau, wie das gemacht wird. Fragt eine Frau, ob ein Tienstbote ohne nachweisbare Uiiachtsaiiikeitcu oder richtige Unarten, von Haupt- und Staatsverbrechen ganz zu schweigen, nicht der Herrschast einheizen kann. Als des Wacht- Meisters Frau die Vorstwt aufgab an jenem Tage und ihren Haß in die Weit hinausschrie, ließ auw Tina die Vorsicht fahren— in Abmescnbeit des Wachtmeisters. Sie loa die sattesten Lügen, ihr Ungehorsam wurde ungeheuerlich, sie wollte entdeckt werden. Bog der Herr um die Arche, änderte sie die Taktik. Niciiiand konnte dann bereitwilliger sein, und da ihr gegeben war, was der Herrin völlig fehlte, dem Manne an den Augen die Wünsche abzulesen, und zu vermeiden und ihm aus dem Wege zu räumen, lvas den Verstörten auf- bringen konnte, war sie ihm eine so vorzügliche Dienerin wie seinem Weibe eine Qual.'(Forts, folgt) SU.finb'ciir, sich mit bcr Hand att die Sriteittoandc daS Graden:, Ichiicrt; die Gänge sind so eng, das; �roct Personen nirtit nebenetn- onher gehen können, und die Wände sind zudem gleichfaltö mit Kot und Schlamm bedeckt. Das vorherrschende Element deI Schützengrabens, wenigstens in diesen feuchten, fast jede stunde durch einen Regenschauer verschönten Frühlingstagen, ist der Schlamm. Die armen Soldaten haben sich daran gewöhnen müssen, wie man sich in anderen Feldzügen an Frost, Hitze, �turm ge- wöhni. Der Marsch durch den Darm scheint endlos zu sein. End' lich gelangen wir zu einer kleinen, in den Boden gepfropften Hütte, aus der der gelbe Schein einer Lampe schimmert. Man klopft an. Der Offizier, der sich schon in die Hängematte gelegt hatte, springt aus und gebt mit uns. Wieder ein Hin und Her durch den verdammten Darm, und dann kommen wir endlich i» die Schützengräben der zweiten Reihe-, sie sind groß, tief und haben e.iiie kleine Stufe, von der aus die Soldaten sich an die schieß. scharten lehnen und schießen können. Aber diese Zchietzluken sind jetzt verlassen. Die Soldaten liegen in den in die Erde gegrabenen Nischen auf Stroh und»erschlafen ihre paar Ruhestunden. Rur wenige sind wach; sie sitzen beim Licht einer Kerze und blicken erstaunt auf die ungewohnten Besucher.... Ein ganz kurzer Gang uoch, und wir sind in der ersten Schützen- grabenlinie. Man geht auf Fußspitzen, ohne ein Wort zu sprechen. Das tiefe Schweigen wird nur durch das nie aufhörende Gewehr- feuer und durch fernen Kanonendonner unterbrochen. Von Zeit zu Zeit zieht durch die Luft, wie ein Schauer, das Pfeifen einer Kugel, die jedoch niemand Böses zufügt, da alle geschützt sind, Die Soldaten stehen, dem Feinde zugewandt, auf der Stufe, begraben unter Decken und Zelttuch, so daß sie aussehen wie Statuen unter der Hülle kurz vor der Einweihung. Ich steige die zu de« Schieß- luken führende hohe Stufe hinauf und stehe neben einer dieser Statuen. Der Soldat wendet sich bei dem kaum wahrnehmbaren Geräusch um, sieht mich starr, als wenn er das gar nicht glaubte. an. und flüstert:„Nanu, wer sind denn sie?"—„Journalist."— „so! Na, dann ists gut!" lind beruhigt tritt er beiseite und läßt mich durch die Schießluke ins Leere schauen. Man sieht nichts. Ein Stück Nacht, aus der die großen Massen des Landschaftsbildes aufragen. Von den feindlichen Linien sieht man nichts, nicht ein- mal beim Licht der Raketen, die auf beiden Seiten zischend empor- fahren und die Sterne verdunkeln. Kaum, daß man hin und wider eine rasche Feuerzunge, eine Flamme, die sich bildet und hinstirbt, das Aufblitzen der schießenden deutschen Gewehre ent- deckt..... Vier� Soldaten, die sich freiwillig dazu gemeldet haben, sind aus dem Schützengraben herausgekrochen, um Jagd auf den Deutschen zu- machen. Das ist kein alltäglicher Sport. Die vier schleichen und gleiten auf der ihnen schon bekannten Feldstrecke, die zwischen den französischen und den deutscheu Schützengräben liegt, hin, bis sie an den Rand der feindlichen Schutzwehr gelangen. Dort warte» sie geduldig, eiiigebuddelt in Erde und Schlamm, vis der„boche" herauskommt, um die Schutzwehr auszudehnen, oder um einen Leichnam zu suchen, oder um einen kühnen Streich gegen drir Feind zu führen. Wenn er herauskomnit, stürzen sie sich auf ihn, setzen ihm den Revolver an die Schläfe, droheil, ihn kaltzumachen. wenn er schreie, und schleppen ihn zu ihrem Schützengraben. Fast jede Nacht finden sich Liebhaber, die solches Werk verrichten; daß sie damit etwas Großes täten, glauben sie selbst nicht; sie tun es eben nur, um die Langeweile und die Eintönigkeit der langen Nachtwachen zu bekämpfen. Oft gelingt die Jagd, oft aber kehren die Fähnlein nicht wieder zurück. Im übrigen wird, solange der Stellungskrieg dauert, alles, was an Angriff gemahnt, nur bei Nacht ausgeführt. Man tut alles, was man tun kann, unter dem Schutz der Finsternis: es kostet weniger und briiigt mehr ein. Deshalb ist die Wachsamkeit aller Männer, die ich in dieser Nacht an den Schießluken gesehen habe, so intensiv. Wenn ich ein Bild- Hauer wäre und das Standbild der Aufmerksamkeit modellieren sollte, würde ich als Modell einen Soldaten von 1915 in einer Wachenacht in den Schützengräben wählen.... Die feindlichen Schützengräben sind gewöhnlich hundert Meter voneinander entfernt. Was in diesem Kriege obnegteickien besonders ausfällt, ist die scheinbare, vollständige Abwesenheit des Feindes. Ich habe das Auge an viele Schießluken gelegt und lange hinausgeblickt. Vor mir die Einöde. Ein Stacheldrahtnetz, in der- Ferne noch eins, weiterhin eine leichte Furche, daneben aufge- worfene Erde und dann nichts mehr. Tausende von Soldaten wachten, Tauseiide von Gewehren suchten ihr Ziel, �bei dem leiseste», vom Wind sortgetragenen Flüstern aus unserer Seite, bei dem leisesten Auftauchen unserer Periskope, erdröhnten sofort zwei, ftlnf. zehn Flintenschüsse. Und dabei sah man nichts Lebendiges. Diese endlose Einsamkeit mit den fest aus einen Punkt gerichteten verborgenen Augen ist eines der seltsamsten Dinge, die ich je ge- sehen habe. In.... war ich in einem vorgeschobenen Schützen- graben, der von allen, die die Franzose» gebaut haben, vielleicht der dem Feinde am nächsten gelegene ist. Eine Brauerei mit mäch- tigen Mauern wurde in eine Festung verwandell. Die ganz durch- löcherten äußeren Mauern bilden den ersten Schützengraben. Und auf der gegenüberliegenden Seite,»ur 8 Meter entfernt, sind die feindlickien Schützengräben. In dem sinstern, engen, mit Waffen gespickten Gang wird nicht gesprochen und kaum geatmet. Es ist feierlicher als in einer Kirche. Ich stelle mich an eine Schieß- luke lind schaue hinüber. Ein kurzer Grasstrich, eine kleine Erd- erbebung, höher als sonst bei Schützengräben, und darüber mit Erde gefüllte Säcke, blan und weiß von Farbe. Dort sind die Deutschen, sicher ebenso gespannt lauschend, sicher ebenso stark be- wafsnet. Es dünkt einem geradezu� absurd und unmöglich. Ich nähere vieine Lippen dem Ohr des Soldaten, der mir seinen Platz an der Schießlüke eingeräumt hat und frage ihn, ob er heute schon esnen Deutschen gesehen habe.„Nein, Herr."—„Und in den letzten Tagen?"—„Habe überhaupt noch nie einen gesehen."— „Und seit wann sind Sie hier?"—„Seit dem 1. Februar." In siebzig Tagen, aus acht Meter Entfernung, bei Anspannung aller Aufmerksamkeit, hat diese- schildwache noch nie einen Feind be- werkt.. paraöe in San Francisco. Die fölgende Plauderei don der Weltausstellung in San Fron- eiseo entnimmt die„Kölnische Volkszeiiung dem„California Demokrat". Die Sache ist ganz lustig, aber man darf nicht vergessen, daß die von dem Plauderer verulkten UnVollkommenheiten der kalifornischen Truppen für die Kriegstüchtigkeit pollkommen gleich- gültig sind. „Ich befand mich in Begleitung eines Freundes, der noch nicht viel von Kalisoriiien gesehen hatte. Deswegen führte ich ihn in den Kalisoruischei! Palast. Dann kam das Gebäude des Staates New Jork an die Reihe, besiöbtigt zu werden. ES ist sehr geschmack- boll und zweckentsprechend eingerichtet, und ich kann alles, was ich dort sah, nur loben. Aber waS ich dann sah, kann ich nicht loben. Der Vizepräsident der Vereinigten Staaten, Herr Marshall, hatte im Ealifornia-Palast das Gabelfrühstück eingenommen, und nach schönen Reden sollte eine Truppenparade stattfinden. Vor dem New Jorker StaatSgebäude bis zum Pavillon von Massachusetts wartete die Küstenartillerie. Sie_ wartete lange. Warum so lauge, weiß ich nicht; denn mit dem besten Willen wird auch der Wohlwollendste und Anspruchloieste nicht behaupten können, daß diese aufmarschierte Truppe zur Verschönerung des Straßen- Hildes in der Ausstellung beitrug. Den Herren Mannschaften wurde denn auch die Zeit sehr lange. Der eine oder andere steckte sich eine Zigarette an, ein paar führten ein kleines Pribatgefecht aus, indem sie ihren Nebenmann mit den Gewehrkolben auf die Hühneraugen klopften, die Konbersation war recht lebhaft, und alle spuckien in einer so genialen Weise, daß jeder Freund dieses nationalen Sports seine Freude daran haben mußte. Der Anzug der Leute war gut; nur fielen der Sitz und die verschiedene Farbe der Beinkleider, sowie der Um- stand aus, daß während die Mehrzahl der Mannschaften Eraune Schuhe trug, einzelne derselben schwarze Fußbekleidung aufwiesen. Die Uniformen der Offiziere waren äußerst wenig p a r a d e m ä ß i g, die Goldstickerei schwärz- lich angelaufen; einige der Herren trugen Schnur-, andere Knopfstieiel; an Handschuhen waren alle Arten von Wildleder, Glaes und sogar Baumwolle vertreten. Die Pferde der berittenen Offiziere waren ganz verschieden aufgezäumt usw. usw. Aber nun trat die Parade an. Wenn man z. B. in Wien auf der Schmelz oder in Polsdam auf dem Bornstedter Feld die Truppen heranmarschieren sieht, dann lacht einem das Herz im Leibe. Hier lachte man auch; aber„man kachle sich innerlich kaputt", wenn diese Garde anrückt: überalterte, unmilttärisch wirkende Ossizierc, grämlich, uiizufrieden. uninteressiert aussehende Mannschaften, denen die nötige infanteristische-Ausbildung abgeht. Sic ivirken ungefähr wie die Bürgerwehr der llcinen ilalienischcn Republik San Marino, nur daß die San Marineien denil doch noch etwas iiiililänscher aussehen. Nach der Küstenartillerie folgte die Reiterei, und die wirkte ganz übel. Die Offiziere trugen die Säbel scheide hoch st n» g l e i ch m ä ß i g, die Scheiden selber waren fast alle mehrfach eingeknickt, und das bei einer Revue! Die S t n r m b ä» d c r der Mützen trug jeder Mann, wie es ihm paßte, der eine nach deutscher Art unter dem Kinn, der andere nach englischer Art auf dem Kinn, dem dritten baiimelteii sie, anscheinend nach amerikanischer Art, unter der Nase. Einer der Kaballerislcn hatte überhaupt vcr- gessen, den Pallasch zu ziehen. Vom Reiten will ich gar nicht reden. Dann kamen Marine-Jnfanierie und Matrosen, und diese stachen in jeder Beziehung vorteilhaft von den vorher Genannten ab. Man konnte sofort erkennen, daß die Offiziere ihre Mann- schafteil eiiiigerniaßen in der Hand hatten..." Der Plauderer des„California Demokrat" scheint von den Er- fahrmigen de» Weltkrieges noch unberührt zu sein. Die Kohlenvorräte öer Eröe. Für den internationalen Kongreß der Geologen zu Toronto in Kanada war ein Bericht des Ingenieurs M. G. Bousquet vor- bereitet, der sich mit der Mächtigkeit der Kohlenlager der Erde befaßte. Bei dieser Schätzung sind nicht in Betracht gezogen worden Kohlenflöze von weniger als 39 Zentimeter Stärke bis zu einer Tiefe von 1299 Meter; über 1299 Meter Tiefe schieden aus Lager von weniger als 69 Zentimeter Mächtigkeil. Endlich wurden außer ackit gelassen alle Flöze, die sich in einer Tiefe von über 1899 Meter beflnden, weil diese 5kohlenlagcr bei dem Stande der heutigen Technik doch noch nicht zur Ausbeutung gelangen können. Die Kohlenlager, die der Berechnung zugrunde gelegt wurden, wurden alsdann in drei Abteilungen geschieden: die bekannten Lager, deren Wichtigkeit und Ausdehnung fest berechnet ist; die wahrscheinlichen Lager, die nur annähernd geschätzt sind und endlich die möglichen Lager, deren Wert weder einer Berechnung noch einer Schätzung unierliegt. Der weitaus größte Teil der Kohlenlager befindet sich auf der nördlichen Halbkugel. Natürlich. Denn die südliche Halbkugel ist ja im gewissen Sinne die Wasserhalbkugel, die Meere überwiegen bei ihr bedeutend. Wohl mögen ja unter Meer reiche Lager an Kohlen vorhanden sein. Aber sie sind der Ausbeutung entzogen. Jedoch auch die abbaufähigen Kohlenformationen sind im allgemeinen keine besonders ertragreichen. scheidet man die Kohlen in Anthrazitkohlen und anthrazitartige. in bituminöse, in trockene und in Braunkohle, so ergibt sich für die Erde folgende Kohlenmenge in Millionen Tonnen: Anihr. Bitm. Kohle Braun- im Kohle Trock. Kohle kohle ganzen Ozeanien.. 1. 659 133 181 36 279 479 419 Asien..... 407637 760 098 111851 1 279 586 Afrika..... 11662 45 123 1054 57 839 Amerika.... 22542 2271 080 2811906 5 105528 Europa.... 54 346 693162 36 682 784 190 Im ganzen Aus dieser Zusammenstellung 496 846 3 902 944 2 997 763 7 697 553 �_ ergibt sich, daß Amerika daift seiner gewaltigen Lager an Brannkohle an der Spitze der kohlen- reichen Erdteile marschiert. Ihm folgt Asien. Es ist am reichsten an Anthrazitkohlen, die besonders in den Gebieten des Setschnen, des Schansi und des Honan anzutreffen sind. In Europa ist das kohlenreichste Land Deutschland. Doch ist zu beachten, daß seine Lager zu den„wahrscheinlicheil" und den„mög- lichen" gehören; während die Ausdehnung und die Mächtigkeit der Kohlenflöze in England gut berechnet sind. Der jährliche Kohleiiverbranch wird ans 1240 Millionen Tonnen geschätzt. Bei den 7 697 553 Millionen Tonnen Kohlen, die in unserer Erde lagern, dürfte also der Kohlenbedars noch auf 5 bis 6 Jahr- bunderte hinaus gesichert sein. Unsere Nachkommen freilich werden sich mit eilier völligen wirtschaftlich-technischcn Umgestaltung vertraut machen müssen. Aber auch in einer näheren Zukunft werden industrielle Ver- schiebungen durch die geographische Lagerung der Kohlenschätze sich bemerkbar machen. Die Industrie wird sich in die Nähe der reich- sten Kohlenlager ziehen. Das ist in jedem Lande der Fall; das trifft auch für die Erde zu. Die Gegenden Amerikas und Asiens, die von reichen und mächtigen Kohlenflözen durchzogen sind, werden naturnotwendigcrweise Industrien an sich ziehen, werden sich all- mählich zu Industriezentren entwickeln. Europa hätte ein viel größeres Interesse daran, achtzugeben, daß es seine Stellung als Jndustrie-Erdteil bewahrt, als sich in blurigen Kämpfen selbst aus dieser Stellung zu verdrängen. Die Kohle, dieses unentbehrliche Brot für den Körper der der- zeitigen Industrie, ist anderen Erdteilen viel reichlicher zugemessen, als Europa. Schon rüsten sich Amerika und Asien, als die lachenden Zwei, die Industrie zu einer Zeit an sich reißen, wo Europa nichts besseres zu tun weiß, als seine finanziellen Kräfte zu verpulvern und seine besten lebendigen Arbeiiskräite zu Millionen auf den Schlachtfeldern unbrauchbar zu machen. Die reichen Kohlenlager beider Erdteile begünstigen dieses Streben. Amerikas zentrale Lage auf unserer Erde, Asiens riesige und billige Menschen- massen in Verbindung mit den vorhandenen Kohlenschätzen sind wahrhaft ideale Grundlagen für die Entwicklung von Welt- industriezentren. Kommt Europa nicht bald zur Besinnung, sieht es nicht bald ein, daß seine Aufgabe sein muß: Arbeit und Kultur und die Erhaltung der dazu notwendigen Kräfte— dann wird dieser Krieg der Anfang vom Ende der wirtschaftlichen, industriellen Stellung Europas sein, dann beginnt mit ihm die Periode der wirtschaftlichen Abhängigkeit Europas von Amerika und Asien und damit der Niedergang der europäischen Kultur, der die ökonomische Grmidlage entzogen ist. L. 0. Die Seekuh. Im Naturwissenschaftlichen Verein in Hamburgs sprach kürzlich Dr. E. Hentschel über den gegenwärtigen Stand unserer Kenntnisse von den Seekühen(Sirenen). Die Seekühe oder Sirenen haben infolge der Anpassung an das Leben im Wasser große Aehnlichkeit in Lebensfunktionen und Organisation mit den Walen. Sie unterscheiden sich � andererseits ftum diesen besonders deshalb, weil sie als Pstanzenfresier an die flachen Küstengelväsier gebunden sind, während die tierfressenden Wale auf die hohe See hinausgehen. Zu den Sirenen gehören die Dujongs des indischen und die Lamantine des tropischen atlantischen Ozeans und in ihn mündende Ströme. Ihre Atmung verlangt zeitweises Auftauchen an die Oberfläche, das auch im Schlafe alle paar Minuten stattfindet. Ihre Beioegung im Wasser wird durch die fischähnliche Gestalt, das Fehlen von Vorsprüngen, wie Schultern, äußere Ohren, Hintergliedmaßen, vielleicht auch durch das Fehlen der Behaarung gefördert. Die Vordergliedmaßen sind ivie bei Jchthyosanrieren und Walen zu Flossen umgebildet, die jedoch gelenkiger als bei diesen sind, da sie auch zur Bewegung auf dem Boden und zum Halten der Jungen dienen. Hintergliedmaßen fehlen, nur Rudimente vom Oberschsiikel und vom Becken sind vor- banden. Eine Neubildung am Säugeiierkörper ist, Ivie bei den Walen, die Schwanzflosse. Auch Sinnesfunktionen und Fort- Pflanzung sind dem Leben im Wasser angepaßt. Die Jungen werden an der Brust gesäugt und mit der Flosse gehallen, während der Oberkörper des Weibchens aus dem Wasser ragt. Dies düriie zu Sagen von Meerfranen und zu dem Namen Sirenen Anlaß gegeben haben. Die Ernährung durch Tange und Seegräser ist als die Ursache zum Uebergang ins Meer für diese Säugetiere anzn- sehe». Ihre Gebisse sind vereinfacht und zum Teil durch hornige Platten ersetzt. Die Umbildung der Seekühe in Anpassung an das Leben im Meere läßt sich an zahlreichen fossilen Funden auch historisch vcr- folgen. Sie stammen von Huftieren, und zwar von ähnlichen Vor- fahren wie die Elefanten ab. Die älteren tertiären Arten zeigten noch ein gutes Huftiergebiß und hatten fnnklionierende hintere Glied- maßen, deren Rückbildung sich, wie die des Beckens, Schritt für Schritt bis heute verfolgen läßt. Die im Jahre 1741 auf der Be- ringsinsel enideckte, bis acht Meter lange Siellersche Seekuh, von der ein Skelett im Hamburger Naturhistorischen Museum aufgestellt ist, wurde in wenigen Jahrzehitten von Robbenschlägern ausgerottet. Die geographische Verbreitung der Sirenen war im Tertiär eine viel weitere als heute. Im Anschluß hieran sprach Professor Dr. Vosselcr über Be- obachlungen, die er im Laufe der letzten zwei Jahre an den beiden Seekühen des Hamburger Zoologischen Gartens gemacht hat. Es handelt sich hierbei um ilanstiiL anstralis, die amerikanische Sirene» die an den Mündungen des Orinokos und des AmazonenstromeS lebt, aber auch in diese Flüsse binauisieigt. Das eine Tier, ein Weibchen, wurde am 1. Juli 1913 bei Manaos gefangen, das andere, ein plumperes Männchen, drei Monate später. Die wenigen Tiere, die sonst nach Europa gekomnien sind, starben bald; am längsten (17 Monate) hielt sich ein Manatus im Londoner Aqarinm. In Südamerika, wo diese Sirene wegen des wohlschmeckenden Fleisches und des Oeles geschätzt wird, wird sie in abgetrennten Becken der genannlen Flüsse gehegt. Wird für Wärme und feuchte Luft gesorgr, so ist die Haltung der Tiere in der Gesangenschafl, wie es sich im Hamburger Zoologischen Garten gezeigt hat, nicht schwierig; so lebt das dortige Pärchen, das inzloischen kräftig herangewachien ist, noch immer frisch und munter, und es ist sogar Aussicht vor- Hände», daß es sich vermehrt, allerdings voransgesetzt, daß etwa 2000 Btark für den Bau eines größeren Wasserbehälters gespendet werden. Besonders auffallend sind die großen Flossen, die handartig mit Spuren von Nägeln enden; sie sind außerordentlich gelenlig, so daß sich die Tiere damit sogar die Augen wischen können; sie werden auch benutzt, um den Körper an das Ufer zu schleppen, wo sich Nahrung findet. Das Futter wird mit den leicht beweglichen Lippen, die an einen Elefantenrüssel erinnern, mit Unterstützung der Flossen ergriffen und zwischen zwei Kauplatten— und wenn besonders hart, auch wohl zwischen den Zähnen— zerrieben. Jir der Zahnbildung ähnelt Manatus den Dickhäutern; Backenzähne sind zahlreich, dagegen Schneide- und Eckzähne ver- kümmert. Der Körper ist walzig, fast nackt, mit spärlichen Borsten versehen; bei dem Weibchen finden sich zwei Spitzen an der Brust, die Schwanzflosse ist horizontal, bei dem Männchen mehr lanzettirch. bei dem Weibchen nach hinten abgerundet. Die Tiere können zwei bis drei Minuten unter Wasser sein. Morgens sind sie sehr lebhaft; aber wenn sie der Wärter gewaschen und ihnen neues Wasser gegeben hat, schlafen sie, etwa von 9 bis 1 Uhr; gegen abend wird ihnen Futter gereicht(Salat. Latlich, Entenflott, ab- gebrühter Kohl usw.), für jedes Tier 10 bis 15 Pfund, woran sie die ganze Nacht fressen. kleines Feuilleton. künstliche öefruchtung von Sienen. F. Jager und C. W. Howard benutzten für ihre Versuche zur künstlichen Befruchtung von Bienen eine der Zelle frisch entschlüpfte Königin, die noch nicht mit Drohnen in Berührung gekommen war. Durch fünf Tage wurde die Bienenkönigin, wie die'Untersucher im „seienee" berichten, gesondert aufbewahrt, dann wurden einer Drohne Sperniatozoiden entnommen und der Königin eingespritzt. Das so künstlich befruchtete Tier wurde nun weiter isoliert gehallen und auf seine Foripflanzuilgsfähigkeit untersucht. Schon eine Woche nach der erfolgten Beipritzung wiesen die Eierstöcke der Bienenkönigin eine beträchtliche Entwicklung aus, was sich durch Anwachsen des Ab- domenS bemerkbar machte. Nach einer weiteren Woche, also zwei Wochen nach der künstlichen Befruchtung, begann die Königin zu legen. Die Lcgetätigkeit dauerte über einen Monat und war aiibaltender als bei normal befruchteten Königinnen. Die künstlich befruchtele Königin legte etwa 3000 Eier. Diese große Fruchtbarkeit war wahrscheinlich aus die gute Fütterung des Schwarmes zunickzustihreii. Als besonders bemerkenswertes Ergebnis des Versuchs ist zu verzeichnen, daß von den 3090 gelegten Eierir fast sämtliche Arbeits- bienen ergaben, nur ans 4 Eiern entwickelten sich Drohnen, die Brutanlage und die Arbeiterinnen waren in jeder Hinsicht normat. Es ist selbstverständlich, daß aus dem einmaligen, allerdings mit überraschend günstigen Ergebnissen durchgeführten Versuche es nicht möglich ist, Rückschlüsse auf die praktische Bedeutung für die Bienen- Wirtschaft zu ziehen. Die beiden Gelehrten haben aber die Absicht» die Versuche im nächsten Jahre beim gleichen Schwarme fortzusetzen. Ergeben sich dann die gleichen günstigen Erfolge, so wäre wohl sür die Imkerei auch mit praktischer Verwertbarkeil zu rechnen. Vielweiberei nach einem Kriege. In dem 1790 zu Ansbach herausgegebenen ersten Bande des Fränkischen Archivs befindet sich folgendes interessante Aktenstück:� .Drei Punkte, ivelche auf dem Kreistag zu Nürnberg zur Er- setzung der durch den 39jährigen Krieg, auch durch Kranlheit ab- gegangener Leute beschlossen wurden, datiert Nürnberg, den 14. Februar 1659. Demnach die unumgängliche Notdurft des heiligen Römischen Reiches erfordert, die in diesem 39jährigen blutigen Krieg ganz abgenommene, durch das Schwert, Krank- heit und Hunger verzehrte Mannschaft wiedenm, zu crietzen und daß lünftig allen seinen Feinden, besonders dem Erb- feind des christlichen Ramens. dem Türken, desto stattlicher gewachsen zu sein, auf alle Mittel, Weg nnd Weis zu gedenken, afto sind auf reife Deliberaiion und Beratschlagung folgende drei Mittel sür die bequemsten und betträglichsten erachtet und allerieits beliebt worden: 1. Sollen hüisüro innerhalb der nächsten zehn �ahre von junger Mannschaft oder Mannspersonen, so noch unter lechzig find, in die Klöster aufzunehmen verboten fem; 2. Denjenigen Priestern. Pfarrherrn, so nicht Ordensleute oder auf den Stiften, Kanonilalen usw., sich gleich zu verheiraten erlaubt sein; 3. Jeder Mannsperson zehn Weiber zu heiraten erlaubt sein, dabei doch alle und jede Mannsperson ernstlich daran erinnert, auch auf den Kanzeln, öfter ermahnt werden soll, sich dergestalt hierin zu verhalten und Vorsorge befleißige, damit er als ein ehrlicher Mann, der sich zehn Weiber zu nehmen getraut, die Ehefrauen nicht allein notwendig versorge, son- dern auch unler ihnen allen Unwillen verhüte." Achnliche Erlasse sind auch nach anderen Kriegen erfolgt. Sie laufen im Grunde nur auf eine Legalisierung der tatsächlich längst bestehenden Polygamie hinaus. Notizen. — Theaterchronik. Im Trianon-Theater gelangt das Lustspiel. W i e m a n e i n e n M a n n gewinnt", aus dem Amerikanischen von Rita Johnson-Jonng, am Sonnabend, den 8. Mai. zur ersten Aufführung.__ Verantwortlicher Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln. Für den Inseratenteil verantto.: Tb. Glocke. Berlin. Druck».Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co« Berlin SW.