it. 107.— 1915. Unterhaltungsblatt öes Vorwärts s»" SN-U Katheöerpatriotismus. Im neuesten Heft des„ M ä t- z* nimmt sich der Abgeordnete Konrad Hautzmann den Professor toornBort vor. Er stellt ihn den kämpfenden Soldaten gegenüber, die frei von Ileberhebung und ohne Verächtlichkeit gegen den Feind ihre Pflicht tun. Haustmann führt dann im wesentlichen aus: ... Keiner hält sich für einen Helden. Das ist die echte Tapferkeit, das ist der schlichte Heroismus der selbstverständlichen Männlichkeit. Weil das so ist, wozu bedarf es dann deutscher Profesforen- Bücher, die ausposaunen:„Wir sind Helden, wir waren Helden und wir Bleiben Helden!" Der Mangel an Selbstlob, Ruhmredigkeit und Dünkel ist eines der Kennzeichen schlichter Helden und gute deutsche Wesensart. Es ist in diesen neun Monaten mit der Tinte schon viel« Aus- schweifung getrieben worden und vor allem haben sich Professoren- auffätze als Vorträge oder unmittelbar als Druckerbogen in reich- lichem Strom über die deutsche Heimat ergossen. Rur ein Bruchteil davon hat inneren Wert. Die entschlossene Bevölkerung bedarf der Scharfmacherei so wenig als der Belehrung. Run fühlt aucki Professor Werner Sombart den Drang, wieder etwas drucken zu lasten und sein Buch„Helden und Händler" weist so viele Hauptmängel und Ansteckungsherde auf, daß man an ihm ein Exempel statuieren kann und deshalb darf, weil es der waffentragenden Jugend zugeeignet ist und sie in die Bahnen einer eitlen Selbstgefälligkeit lenken möchte. Wir geben zur Kennzeichnung die blühendsten Sprüche wieder, wollen aber vorausschicken, daß Herr Professor Sombart sich an einer Stelle seiner Broschüre mit überraschendem Nachdruck gegen jede territoriale Expansion Deutschlands ausspricht und nur der geistigen Expansion das Wort redet. Ob er sie erleichtert, mag der Leser beurteilen. Die Mitel der Argumentation erhellen aus der Inhaltsangabe der Abschnitte: l.„Der Glaubenskrieg"; 2»Englisches Händler- tum"; 3.»Deutsches Heldentum"; 4.»Sendung des deutschen Volks". Den Auftakt bildet die Behauptung, der Krieg sei ein»Kampf der Weltanschauung", also ein.Glaubenskrieg" zwischen Deutschland und England. Hier verwechselt Sombart„Rivalität" und»Welt- anschauung", um sofort dazu überzugehen, England wegen seiner Weltanschauung als minderwertig herunterzureißen unter anderem mit folgenden Kraflsprüchen: „Die Grundlage alles Engländertums ist ja wohl die unermeß- liche geistige Beschränktheit dieses Volks." »Die englische„Unfähigkeit", sich auch nur um Handbreite über die greifbore und alltägliche„Wirklichkeit" zu erheben." „Ebenfalls von altersher den Engländern eigentümlich ist ihr Dünkel." „Der infamste Spruch, de» je eine Händlerseele hat aussprechen können: handle„gut":„damit es dir wohlgehe und du lange lebest auf Erden", ist der Leitspruch aller Lehren der englischen Ethik ge- worden. Das.Glück" ist oberstes Ziel des menschlichen StrebenS. »Das größte Glück der größten Anzahl", so hat Jeremias Bentham dieses hundsgemeine„Ideal" für ewige Zeiten in Worte geprägt." „Daß schon die Ideen der Reformation eingeführte Fremdgüter waren, maäo in Gennany, haben sie uns heute noch nicht vergessen. Aber was sie wiederum meisterlich verstanden haben, war die An- Passung ihres soi-disani. metaphysischen Bedürfnisses an ihre Händler- Interessen. Der liebe Gott ist in den allgemeinen Geschäftsbetrieb ganz vortrefflich geschickt eingeordnet. Die Engländer sind sogar ..tolerant" in religiösen Fragen geworden: das verträgt sich weit besser mit dem Prositmachen und dem Behaglichen als eine hals- srarrige Orthodoxie." „Daß gerade ein strengreligiöses oder, sagen wir lieber, kirch- liches Leben nicht vor der Erfüllung mit händlerischem Geiste schützt, dafür liefert ja England, das Stammland dieses Geistes, den besten Belag. Man kann also sehr wohl jeden Sonntag in die Kirche gehen und doch ein— Händler sein." „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" sind echte und rechte Händlerideale, die nichts anderes bezwecken, als den Individuen be- stimmte Vorteile zu verschaffen." „Kein geistiger Kulturwert kann aus Händlertum erwachsen, Nicht jetzt und nicht in alle Ewigkeit. Aber sie wollen auch keine geistige Kultur." Und Sombart versteigt sich bis zu dem Schmähwort: „Die Pöbelart des englischen Gedankens!" Derartig redet sich ein deutscher Professor, der als Vertreter der deutschen Wissenschaft bei jeder Gelegenheit das Wort ergreift, in die blinde Wut hinein. Er, der an anderer Stelle England die Wistenschaftlichkeit abspricht, dokumentiert deutsche Wissenschaftlichkeit durch diese oberflächliche Leidenschaftlichkeit! Wir Deutsche haben ein Recht, gegen die Politik Englands im Jahr 1S14/1S und zuvor Klage und Anklage zu erheben. Aber auch mitten im Krieg wollen wir die deutsche Gerechtigkeitsliebe nicht un- deutsch verleugnen und dem Vaterlande der Newton. Shakespeare, Bacon, Earlyle, Darwin, Jenner. Sveneer den Kultur« und Menschheits- wert obstreiten, womit wir nicht England, sondern Deutschland wehe tun. Daß ein Jugendlehrer solch schief gewickelte Urleile, die weder von dem Volk noch von der Wissenschaft in Deutschland geteilt werden, zum besten gibt, ist nicht minder absonderlich, als daß ein Handelskammersyndikus und Handelshochschullehrer seine patriotische Ausgabe in der Prostituierung des Handelsgeistes und Händlertums suchen zu sollen glaubt. Er ist sich der komischen Wirkung nicht be- wüßt, die der Tatsache entspringt, daß der Krieg, den er segnet, weil er die Händler niederwerfen soll, für freie Meere und freien Handel von Deutschland geführt wird. Aber die Karikatur, die Professor Sombart von dem Anteil Englands an der Geistesarbeit der Jahrhunderte entwirft, soll nur die Folie bilden, von der sich der deutsche Geist abhebt. Dieser wird, und zwar nicht hauptsächlich auf dem Gebiet der Waffen, sondern vor allem auf dem des Geistes, schlechthin als der ausschließliche Menschheitsheldengeist charakterisiert. Die Stichworte sollen wörtlich gegen ihren Autor zeugen: „Denn um dieses Entweder-Oder handelt es sich ja immer: Händler im Sumpf, den inan Kommerzialismus, Mammonismus, Materialismus, Sportismus, Komfortismus oder wie sonst noch be- nennen mag; oder Held auf der Höhe des Idealismus." „Aufgabe kann nur diese sein: deutsche Helden zu erziehen. Heldische Männer und heldische Frauen." „Als das englische Weltreich fertig dastand, in dessen Grenzen alles wahre Menschentum verdorrt war: am Ende des 18. Jahr- Hunderts, da war im Bereiche des deutschen Wesens der freie, geistig-sililiche Mensch zur Vollendung gelangt:„der reifste Sohn der Zeit"." »Und Friedrich Nietzsche ist nur der letzte Sänger und Seher gewesen, der, vom Himmel hoch daher gekommen, uns die Mär der- kündet hat, daß aus uns der Gottessohn geboren werden soll, den er in seiner Sprache den Uebermenschen nannte." „Und von dem Gesindel der CasshauSIiteratur ist gerade Nietzsche, den sie nicht verstanden, und den sie darum ins Gemeine umdeuteten, mißbraucht' worden, um sie in ihrem Genußleben und in ihrem Händlergeiste zu bestärken." »Also Freiheit vor allem von der unerträglichen Sklaverei der öffentlichen Meinung, unter deren Joche die englische Nation seufzt." „Und möchte vor allem drei Viertel unserer„Intellektuellen", vor allem unserer„Schaffenden" bei dieser Gelegenheit gleich der Teufel holen." „Und nun möge auch die Technik ihren EroberungSzug ruhig fortsetzen; nun bangen wir uns nicht mehr. Jetzt wissen wir, wozu. Die 42-Zentimeter-Mörser, die feldgrauen Uniformen, die bomben- werfenden und auskundschaftenden Flugapparate, die Unterseeboote haben uns ivieder einen Sinn des technischen Fortschritts offenbar gemacht. Auch daß unsere Eisenbahnen so gut funktionierten, haben wir mit einem Male als hohen Wert schätzen gelernt, seit sie Hinden- bürg in 12 Stunden durch Deutschland an die Ostgrenze brachten." DaS ist die Bedrohung des Vaterlandes durch auswärtige Feinde. Sie also gehört notwendig zu dem Jdealbilde, das wir uns von dem zukünftigen deutschen Volke machen. Das Gerede von dem„Zusammengehören" dieser beiden„stam- mesverwandten" Völker: der Engländer und der Deutschen, wird nun hoffentlich endgültig verstummen. „Wr müssen auch die letzten Reste des alten Ideals einer fortschreitenden„Menschheits"enlwicklung aus unserer Seele aus- tilgen." „Weshalb es das ist, soll diese kleine Schrift erweisen: weil es sich zur heldischen Weltanschauung bekannt, die allein in dieser Zeit den Gottesgedanken aus Erden in sich schließt." Nun begreifen wir aber auch, warum uns die andern Völker mit ihrem Haß verfolgen: sie verstehen uns nicht, aber sie empsinden unsere ungeheure geistige Ueberlegenheit. So wurden die Juden im Altertum gehaßt, weil sie die Statthalter Gottes auf Erden waren, solange nur sie die abstrakte Gotlesidee in ihren Geist aufgenommen hatten. „Und sie gingen hocherhobenen Hauptes, mit einem verächtlichen Lächeln auf den Lippen, durch das Völkergewimmel ihrer Zeit, auf das sie von ihrer stolzen Höhe geringschätzig herabsahen." „So sollen auch wir Deutsche in unserer Zeit durch die Welt gehen, stolz, erhobenen Hauptes, in dem sicheren Gefühl, das Gottes- voll zu sein." „Deutschland ist der letzte Damm gegen die Schlammflut des Kommerzialismus, der sich über alle anderen Völker entweder schon ergossen hat, oder unaufhaltsam zu ergießen im Begriff ist." „Und halb zivilisierte oder Naturvölker zu erobern, um sie mit deutschem Geiste zu erfüllen, danach steht unser Begehr auch Dina. Eine Erzählung aus Südwestafrika von HansGrimm. (Schluß.) Die Frau gehorchte. Sie merkte erst, daß sie gehorcht hatte, als sie im Wohnzimmer faß. Sie versuchte sich zu er- innern:„Habe ich Jsak und den Hottentotten auch fortgewiesen, wie das sein sollte?" Sic stand mühsam auf und�sah hinaus. Isak und der Hottentott waren fort, und auch die Schwelle des KochhauseS war leer. „Nun muß ich noch einmal denken." sagte sie.„Was wird also nun? Was ist das mit Dina? 3KlS wtll er mit Tina? Wie lang' muß ich hier sitzen bleiben?" Tina klopfte. Die Frau fuhr zusammen, und dann schrie sie:„Was ist geschehen?" Tina kam herein. Sie war grau trotz ihrer Farbe. Ihre Augen bewegten sich unaufhörlich vor Furchtsamkeit. Die Frau in ihrem Haß dachte:„So sieht ein Dieb aus, der eingefangen und gebunden ist und Prügel erwartet." Sie stieß hervor:„Also schnell?" Dina hielt sich an der Türe fest und sprach hastig und versprach sich und war schwer zu verstehen; Der Herr brautbe Kost. Der Herr babe Jsak nach dem Märchental geschickt mit der Meldung. Und sie hätte nur getan, was der Herr besohlen habe, viie hätte nicht gewollt.'Sei Jesus Christus, sie hätte nicht ge° flÄllt. Als die Frau mit schreienden Fragen ibr zusetzte, antwortete Dina gar nichts mehr und starrte zu Boden. Die Frau ging an ihr vorüber zum Kochhaus und vom Kochhaus zur Futterkammer. Der Wachtmeister saß auf der Futterkiste. Der rechte Ann war verbunden und verschnürt, mit der Linken preßte er aus den Verband. Ter Wachtmeister borte die Schritte und flüsterte:„Tina, gib mir zu essen.. daß �ich Kraft bekomme." Die Frau antwortete: bin es. Drüben ist es doch bequemer." Sie gab ibm zu eisen. Sie führte den Löffel zu seinem Munde und das Glas wie eine Maschine. Als er stärker war, stützte sie ihn und brachte ihn hinüber in das Haus. Da er nickt liegen wollte, schob sie ihm den Korbstuhl hin. Ten andern Stubl nahm sie und nähte, und sie fragte und sagte und dachte nichts, und der Wachtmeister hielt die Augen geschlossen. Am Abend kam Jsak vom Märchental. Er habe nur den farbigen Polizeidiener getroffen, aber die Meldung zurückgelassen. Dina erstattete der Frau für den Bruder Bericht vor dem Wohnzimmer. Als sie geendigt hatte, zögerte sie und fragte dann mit gedämpfter Stimme:„Schläft der Baas jetzt?" Die Frau nickte. Da fragte Tina leise weiter: „Bleibst Du bei dem Baas?" „Gewiß." sagte die Frau hart.„Was soll das?"„Ter Baas hat keine Hand mehr." Tina tippte auf die reckte Hand, sie sprach langsam und leise.„Ter Baas kann nicht fechten, der Baas kann kein Werk tun. der Baas ist ein Kind geworden."„Schivatz keinen Unsinn," sagte die Frau,-„waS willst Tu?" Dina zuckte mit den Achseln:„Kann der Baas für nnch fechten ohne Hand? Kann der Baas schießen ohne Hand? Kann der BaaS mir Kost geben ohne Hand? Nein, der Baas kann dies nicht tun. Ich will nicht dem Sergeanten gehören und nicht dem Gefreiten und nicht dem Leutnant und nicht dem Missionar. Ich will niemand von diesen gehören. Ich gehe fort zu Prussian Frank, und der Hottentott..." Da unterbrach die Frau das Mädchen ärger- Iich:„Nun habe ich genug von Deinen Dummheiten; der Herr wird Dich schon lehren morgen." Im Stillen meinte sie wohl: „Meinetwegen sollst Du braunes Mensch und Dein buckliger Bruder und der alte Affe hingehen, wo der Pfeffer wächst." Bald nach Sonnenaufgang erschien einer der Polizisten vom Märchental. Er klopfte an J>as Kochhaus und sah in den Bambusenpontok und in den Stall, aber es war niemand zu finden, der ihm dos Pferd abnahm, lieber seinem Hantieren und der Unruhe der Hunde wurde die Frau wacb. Sie kam zu ihm heraus. Der Polizist grüßte und wartete nicht, ganz atemlos redete er:„Der Wachtmeister hat melden lassen, der Hengst habe ihn abgeworfen weit draußen und habe ihm die Hand zerschlagen, und es fei so schlimm ge- worden, daß er sich selbst die Hand habe abnehmen lassen. Und der Bursch hat erzählt, seine Schwester habe die Hand abgeschlagen, die Dina, Ihr Mädchen hier. Ist das nun.. —„Es ist wahr." antwortete die Frau.—„Und der Wachtmeister? Das ist doch entsetzlich!"-„Mein Mann scheint davon zu kommen," sagte die Frau. Der Polizist wollte noch etwas sagen und ihm fiel nur ein. daß er niemand habe finden können in Stall und Pontok, da zeigte er auf die Gebäude:„Es ist aber niemand vier..." „Ich weiß." sagte die Frau,„ich weiß, die Patrouille ist noch fort, Ist iemand in die Stadt geritten zum Arzte?" nicht. Eine solche„Gernianisierung" ist gar in cht möglich. Ter Engländer kann in diesem Sinne allenfalls kolonisieren und fremde Volker mit seinem Geiste erfüllen. Er hat ja keinen. Es sei denn der Krämergeist." „Heldentum kann man nicht wie Gasleitungen an jede beliebige Stelle der Erde verlegen." „Aber auch denen, die der Segnungen einer humanistischen Bildung nicht teilhastig werden können, wollen wrr ein Stück Heldentum mit aus den Weg geben, indem wir sie lehren, daß aller Sinn des Lebens darin besteht, seine Aufgabe zu erfüllen, und daß damit der einzelne am Teppiche der Gottheit webe, die sich ihm in der Gestalt seines Volkes offenbart." „Vor allem muffen wir uns noch immer als einzige Erben des griechischen Volkes wie aller Antike fühlen und müssen ewig ein- gedenk sein, daß junge Deutsche erziehen freilich heißt, sie mit heldisch-deutschem Geiste erfüllen, daß aber der heldisch-deutsche Geist mit seinen Wurzeln in das Volkstum hineinreicht, auS dem Marathon und Salamis, Homer und Plato geboren ivurden." Von der Höhe dieser kathedralen Erkenntnis kann Professor Sombart stolz wie der FamuluS Wagner, der es herrlich weit gebracht zu haben fühlt, ausrufen: „Im Grunde brauchen wir Deutsche in geistig-kultureller Hinsicht niemand!" Diese Kulminationspunkte führen unmittelbar aus die Höhe und an den Abgrund des Größenwahns. Wenn nicht der gesunde deutsche Geist gestählt wäre gegen die Verführung solcher Selbst- verschmeichelung, dann müßte man diese Art von Jugenderziehung als Versündigung und Entartung Bezeichnen. Wie? Dieser Chorführer der kleinen Propheten donnert gegen die„Beschränktheit" und predigt sie. Dieser Verkünder des deutschen „Gottessohns" empfiehlt, mit der„Antike" zu wuchern und das Haupt hoch zu tragen, wie die alten Juden, um den Kommerzialis- mus zu bekämpfen. Er empfiehlt Anlehen beim Geist der Hellenen und Asiaten im gleichen Atemzug, in dem er protzt:„Wir Deutsche brauchen in geistig-kultureller Beziehung niemand," während Som- bartS Spruch doch von ihm selbst ausdrücklich dahin erweitert ist: „Wir Deutsche brauchen die alten Juden und Griechen, sonst niemand auf der Welt I" Aber viel schlimmer ist etwas anderes und das ist es, was die Züchtigung unvermeidlich macht. Dieser Moralprediger klagt England der Todsünde des Dünkels an und zitiert beisallklatschend den alten Benetianer: „Die Engländer sind sehr eingebildet auf sich und ihre Werke, sie glauben gar nicht, daß es auch andere Menschen als sie, oder noch etwas anderes auf der Welt als England gebe." Aber gerade, weil der Dünkel häßlich ist und dünkelhafte Engländer entwertet, ist die Dünkelhaftigkeit, welche der deutsche Handelshochschullehrer ausdünstet, genau ebenso widerwärtig. Sie ist auch direkt undeutsch und wir verbitten uns, von einem unbeauftragten Wortführer in den falschen Geruch des Dünkels ge- bracht zu werden, durch RedenZarten wie die:„Aus uns wird der Gotte:> söhn geboren" oder ausgesucht, wir allein,„Wir Deutsche brauchen in kultureller Beziehung niemand",„Die anderen Völker verfolgen uii5 mit ihrem Haß. weil sie unsere ungeheure geistige Ueberlegenheit empfinden",„Wir Deutsche sollen durch die Welt gehen stolz er- hobenen Hauptes, in dem sicheren Gefühl, das Gottesvolk zu sein". Wir allein haben die Wissenschaft, wir allein„den Idealismus, wir allein das Heldentum". Sonst kommen nur noch die Engländer in Betracht. Und diese sind nur„Händler und ihre Grundlage ist un- ermeßliche geistige Beschränktheit".... Herr Haußmann sagt dann zusammenfassend über Herrn sombart u. a. folgendes: „Wahrlich, wenn ein Engländer in diesem Sinn und Ton über die Deutschen gesprochen hätte, dann hätte er verdient, von seinen LaiidSIeuteii abgeschüttelt zu werden, und wenn sie es nicht gelan hatten, hätte» sie sich selbst das schlimmste Armutszeugnis au-:- gestellt. Deshalb ist es nötig und verdienstlich, so wie es die deutsche Presse, voran die„Frankfurter Zeitung", getan hat, eine klare Abrechnung mit diesen! schiefgewickelten und kompromittierenden Heldenwahn zu halten."_____ von Saloniki nach Serbien. Eine Reise nach Serbien pflegt, hcuk wahrlich nicht zu den Armehmlichteiten des Lebens zu geboren. Das geht aus einem Reise- brief der„Stampa" hervor, in dem Mario Bassi, der Spcziab berichterstattcr des Turiner Blattes, über scüic Erlebnisse auf der Fahrt nach s-crbicn berichtet. „Mit drei Äriegöbericküerjtattern französischcr Blätter zu- sammen trat ich heute von Saloniti aus ineine Reise naäi Serbien an. Die Stadt ist seit zwei Jahren im Besitz der Gricchen; aber es gibt keinen Balkanstaat, der nicht mit habgierigen und sehnsüchtigen Blicken auf Saloniti schaute und seinen Besitz beiß ersehnte. Das begreift man ohne weiteres. Ist doch isaloniki als Verbindung:- „Wir I>aben noch in der Nacht einen Brief abgeschickt," cr- lviderte der Fremde. Später, als sie Mieder allein loaren, der Holsieiner und seine Frau, fragte der Mann müde:„Was ist. deiü mit Dilta?"—„Gemitz, er muß gerade von ihr anfangen," dackte die Frau und entgegnete:„Nun, sie sind eben fort— � die ganze Sippschaft." Nach einer Pause sagte der Holsteins" „Hast Du sie sortgeschickt?"-„Sie sind fortgelaufen. Wo werde ich Deine Leute sortschicken?" tagte die Frau. Der Holsieiner schüttelte den Kopf.„Fortgelaufen? Fortgelaufen?" Da tain der Aerger bei ihr zum Ausbruch:„Ja. ja. ja. fortgelaufen. Fortgelaufen zum Prussian Frank auf die Mistinseln, da ist das Mensch ja wohl einmal berge kommen." Als er nun schmieg. Muebs ihr Aerger nur noch mehr, und endlich brach's heraus;„Warum sie fortgelauren sind, das willst Du doch wissen? Nicht? Ich will Dir's sogen: Weil— T» nun wie ein Kind geworden bist und nichts mehr nutzeinst." Und, erschreckend vor den eigenen Worten. fügte sie schnell hinzu;„Dos ist der Dank, den Tu geemict hast!" Der Wachtmeister stand auf. Die Frau fing sich zu fürchfen an.„Was wird er setzt tun?" Aber er sagte nur vor sich hin;„Es ist wahr, ich bin setzt nichts mehr nutze. nichts mehr nutze." Er ging hinaus, immer noch etwas schwankend. Die Frau sah ihm nach durch«da:- Fenster und sah, wie er Kochhous und Pontok durchsuchte und dann sich hinsetzte auf den Trog und. sie hörte ihn murmeln; „Sie sind wirklich fort." Die Patrouille kam am Nachmittag zurück. Müde und mürrisch bedienten sich der Sergeant und der Gefreite selbst. Zur Unterhaltung hatte keiner Lust. Als sie nach dem Essen und bei der Pfeife aber auftauten, schlug plötzlich der Se: geant mit der Faust aus den Tisch.„Wissen Sic wohl, was er mir zuerst gesagt hat? Nicht; ick, bin zum elenden Krüppel geworden, und für mich is nu alles Elsig. Ne, sonder»; Sergeant, die Dina ist sbri�- Mensch, sogen Sie»ich, daß Sie das verstehen. Sägen� Sie das nicht. Denn ick schwör s Ihnen, er hat mit ihr nischt zu tun gebabt, und hat ni'chl von ihr gewollt. Und—, wenn Sie das jemand sagen, daß er gesogt hat, was er gesagt lrat, dann. Mensch, dann schlage ich Ihnen alle Knochen entzwei. Awer ich, ich hab's jemand sagen müssen, und da sind nur Sie da." Der Gefreite schwieg still. punlt zwischen Orient und' Okzident und als Mittel- und Aus- gangspunkt der Bahne» nach Monostir, Mitrowitza und Wranja, nach Dcdeagatsch und Konstäntinopel für alle Vattanstaatcn von ausschlaggebender Bedeutung. Als wir gestern vom Meere aus im Hafen ankamen, bot sich UNS im lachenden X'icht der Frühlingssonne ein überraschend schönes Bild. Mit seinen von Dampfern lind Segelschiffen dicht gefüllten Hafen, mit seinen verschiedenen weiß, grau und rötlich schimmern- den Stadtvierteln, die sich längs des Ufers hinziehen, mit den grauen� Mauern seiner Zitadelle, den Minaretts der Moscheen, deren schlanke Spitzen in den blaulcuchtenden Himmel hineinzu- wachsen scheinen, mit seiner milden, lauen Luft, dem Lärm des Handelstrcibens, dem Summen der Stimme», ans dem alle Sprachen und Dialekte der Mittelnicerländer herausklingen, mit seinem würzigen, kräftigen Geruch von Fischen und Seetang, mutet Saloniki wie eine Erscheinung an, die uns lachend den färben- schimmernde Orient tiiiidel. Aber heute morgen zeigt sich uns mit unwillkommener Deutlichkeit die Kebrfeite der Medaille, Ilnter cinew bleischweren Regenhimmcl, eingehüllt in graue Nebelschleier, aus denen der Regen tropfenweise herabrieselt, bietet Saloniki das Grau in Grau gehaltene Bild mürrischer Lcrdrossenheit. Auf dem Bahnhof, auf den von breiten Wasscrpfutzcn unterbrochenen Bahnsteigen, unter dem wurmstichigen, löcherigen Dach, von dem der Regen tropft, drängt sich in hastendem Durcheinander eine buntscheckige Menge. Hier eine Gruppe von etwa dreißig sran- zösischcn Militärärzten in Uniform, die die Nachbut der nach Serbien gesandten Sanitätskolonncn bilden; dort ein Gewimmel von Russen und Russinnen, die über Nisch und Bukarest nach Hause reisen. Hier sieht man unternehmungslustige Handeltreibende, dnie» die Ausnahmezustände und ungewöhnlichen Bedürfnisse der kriegführenden Länder heute ungvegrenztc Ausblicke auf abcn- lcucrliche Geschäfte und ebenso abenteuerliche Gewinne eröffnen. Tort drängt sich scheu ein Haufen armseligen Volks im Winkel zusammen, zerlumpte Männer und Frauen, an deren zerrissene Röcke sich-— ein Gewimmel heulender Kinder klamniert. Woher kommen sie, wohin gehen sie? Kein Mensch kann auf diese Fragen ciiie bestimmte Antwort geben. Aber nach den Gründen, die diesen Zug der armen und elenden, von der Scholle getriebenen Menschen ununterbrochen in Fluß halten, braucht man gleichwohl nicht lange zu suchen. Die furchtbare Not, die das Land schon so lange unter ihrem eisernen Druck hält, hat es mit sich gebracht, daß sich die unglücklicheil Bewohner der iiotleidendcn, Gebiete wieder zu Roma- den gewandelt habe», die ohne Rast und Ruh, obne Hoffnung und obne Ziel durch die Lande irren. In dieser Nomadenwanderung der Ausgestoßenen entrollt sich uns ein Bild, das der Pinsel eines neurasthenischen Rembrandt oder eines zum verzweifelten Menschcn- jeinde gewordenen Goha geschaffen haben könnte, Um 8 llhr setzt sich unser Zug in Bewegung. Kaum haben wir uns im Abteil häuslich eingerichtet, als wir uns auch schon an dze Arbeit machen, die antiscptischcn Vorsichtsmaßregeln zu cr- g reifen, deren Ausführung uns die Aerztc der französischen Sa- HitätsMijfion für unsere Reise auf das dringendste ans Herz gelegt hatten. Serbien ist heute bekanntermaßen der Herd einer furcht- baren Epidemie, die untere der Bevölkerung schrecklich aufräumt. Es ist der F l c ck t h p h u s, der in Belgrad, in Nisch, in den Militärlagern und den Dörfern Tag für Tag Hunderte von Opfern fordert. Es unterliegt keinem Zweifel mehr, daß der Verbreiter der Epidemie, der das tödliche Typhusgift von Mensch zu Mensch verschleppt, in jenein kleinen Insekt zu suchen ist, iivcr das man früher nicht gern sprach, das man aber bisher für einen zwar nicht sehr sauberen, aber' harmlosen und sanftmütigen Bewohner der Kleider, des Haupt- und Barthaares hielt, das mit Kamm und Bürste nur oberflächliche Bekanntschaft machte. Mit einem Wort: es handelt sich um die Lau s, von der, je mehr man sich Serbien nähert, so viel und so schrerkliches erzählt wird, daß man allmählich in einen Zustand gerät, der- einem das gefährliche Insekt als leib- haftigen Teufel erscheinen, läßt. Und diese Furcht wirrzelt so fest. daß man jede Berührung mit einem Bett, mit einem Kissen, mit cinenl Stuhl voll ängstlicher Scheu meidet, und daß einem die er- regten Nerven ein uiiWiderstchlicheS Juckgefühl vom Kopf bis zu den Füßen vortäuschen. Was wunder, daß wir, während der Zug durch die äusgedehnteri »nd' be nie halhiihewchwemurtcir Wiesen und Felder dahineilte, fieberhaft am Werke waren, uns desinfektorisch zu wappnen: wir bestreuten dia Ueverziigc der Sitze des Abteils mit Naphtalin, wir ialdten uns Arme und Hals mit Kampferöl, als wären wir römische Gladiatoren, die sich anschickten, in die Arena hinabzn- steigen. Wir schmierten uns die Haare mit Gott weiß ivetchen ekligen und übelriechenden Medikamenten ein. Eine junge Dame, die uns gegenübersaß, deren Schönheit an die unserer Frauen in der Lombardei erinnerte und in deren Augen die sinnende'Schwer- nuit der Slawen mit aufleuchtenden Blitzen unterdrückter Lustig- fkit wechselte, erhob diese schönen Augen von einem Buche, in dem sie bisher mit gespannter Änsmcrksamkcit gelesen hatte. Es war, wie mich ein rascher Blick belehrte, Rkarcel Prävosts„Manon Lescaut", und sie ließ das interessante Buch sinken, um uns eine Weile mit staunenden Blicken zu betrachten. Tann brach sie in ein helles, Lachen ans, das frisch wie ein Märzenmorgen wirkte und so l)art klang wie ein Regenschauer, der auf eine Fensterscheibe prasselt.„Verzeihung, meine Herren, aber«sie bieten in diesem Augenblick einen Anblick, wie ich ihn gieick» drollig in meinem Leben bisher noch nicht hatte," rief sie kichernd, lins war wahrlich gar nicht heiter zumute. Wir beeilten uns deshalb, unserer schönen Reise- genosjin die Zweckmäßigkeitsgründe unseres TnnS auseinanderzusetzen, sie über die unerläßliche Notwendigkeit derartiger Vorfichts maßregeln aufzuklären und ihr den Rat. zu geben, in Anbetracht dieser Notwendigkeit unser Beispiel nachzuahmen. Zu diesem Zwecke boten wir ihr mit dringendem Zureden unsere Salben und Pulver an. „Aber wo denken Sic hin, meine Herren?" wehrte sie ab. „Ich denke ja gar nicht daran, wenn ich Ihnen für Ihr freund- liches Anerbieten auch bestens danke. Ihre Medikamente verbreiten einen zu entsetzlichen Geruch, und wenn ich diesem Geruch noch eine halbe Stunde preisgegeben Ware, würde ich unweigerlich die schönste Migräne davontragen. Nein, nein, ich hätte es wirk- lich nicht für möglich gehalten, daß vier junge Männer des starken Geschlechts vor dem lächerlichen Schreckgespenst des Typhus sich so gruseln würden." Damit zog fie aus ihrer Reisetasche eine Flasche Kölnischen Wassers und schüttete ihren Inhalt über die Kleider, über das Taschentuch und über die Hände aus. Sie umgab sich somit einer Hülle von Dust, die sie gegen den schlechten Geruch unserer Des- infeklionsmittel schützen sollte. Und als das geschehen war, ließ sie dem Gehege ihrer hübschen Zähnchen die unsere Eigenliebe krän- kenden Worte entschlüpfen: „Achilles, der sich mit seinem Schilde deckte, war ein tapferer Held. Sie haben als Schild nur ein armseliges Apothekerprodukt; das ist, gerade herausgesagt, widerwärtig!" Der Regen hatte aufgehört; das dunkle Gewölk am Himmel teilte sich, und zwischen den Wolkensetzen tauchte der blaue Himmel ans, unter dem der Zug zwischen blühenden Weißdornhecken und Feldern, die sich mit dem Grün der Saat zu bedecken begannen, der ser- bischen Grenze entgegen fuhr." Der I.September 7�14 in Compiegne. Der Konservator des Schlosses von Compiegne, Gabriel Mourey, der seine Tagebuchaufzeichnungen vom Beginn des Krieges im „Temps" veröffentlicht, kommt im Verlauf seiner Schilderungen zu der Besetzung durch die Deutschen. Am 31. August ziehen die Deutschen in Compiegne ein. Eben hatte sich noch das Gerücht verbreitet, der Feind wäre zurück- geschlagen, die Leute sind zusammengelaufen, da ertönt ein Schrei; „Da sind sie! Da sind sie I" Im Nu sind Männer, Frauen und Kinder verschwunden, der Platz ist frei, und von allen Straßen her rücken Ulanen beran.„In dem Schweigen hört man nur noch das Geräusch der klappernden Hufe auf dem Pflaster. Wir beeilen uns, zum Schlosse zurückzukehren. Von allen Seiten kommen Ulanen herbor. Sie reiten zu Zweien, die Spitzen ihrer Lanzen liebens- würdig auf uns gerichtet, den Revolver in der Faust, Trotzdem würden wir, wenn sie sich nicht mit ihren Kehllauten Befehle zu- riefen oder in den Steigbügeln ausrichteten, um plötzlich ihre Pferde ein Stück vorzutreiben, ihren �Anblick nicht so wild finden. In dem Augenblick, wo wir aus dem Schloßplatz ankommen, hält ein Kraft- wagen vor dem Gitter, Unter einem iebr niedrigen Verdeck erkenne ich in den Wagen zurückgelehnt zwei Offiziere. Ein anderer sitzt bei dem Wagenführer. Er ist mit einer hohen Pelzmütze bedeckt, trägt einen halblangen hochblonden Bart und zeigsjächelnd seine tadellosen Zähne.„Sind Sie der Konservator dieses Schlosses?" fragt er mich mit der Hand grüßend.„Ich bin es; die Kunstschätze, die es bewahrt, sind in meiner Hut, und ich�habe das volle Vertrauen, daß ihnen wie den Bewohnern kein Schaden geschieht."„Sie haben recht, mein Herr, ich danke Ihnen." Er reicht mir seine Hand, die mit roten Handschuhen bedeckt ist.... Nach dieser liebenswürdigen Begrüßung verfällt der tapfere Konservator in Betrachtungen darüber, ob er, wie er einen Augen- blick erwog, den deutschen Offizieren den Eintritt in das Schloß mit Gewalt hätte verwehren müssen; aber was sollte es helfen, er bleibt schließlich vernünftig und läßt die wilden Kämpfe, die er durchmacht, immer in seinem Inneren austoben. Tie Nacht verbringt er, während die Deutschen unten unter dem Gesänge der„Wacbt ani Rhein" vorüberziehen, mit seiner Frau am Fenster hockend und sieht durch die Ritzen der Jalousien„die Barbaren" auf ihrem Wege nach Paris vvrübermarschieren. Nachdem er einige Stunden Schlaf—„oh welcher Schlaf."— gesunden hat, meldet sich in aller Frühe der deutsche Offizier, der seinen Apparat einrichten will. Wozu protestieren? Das würde nichts helfen und nur Schwierigkeiten machen, überlegt der Franzose. Kurz darauf kommt mit zwei Ordonnanzoffizieren der komman- dierendc deutsche General(Mouxey erfährt später, daß es General von Kluck gewesen wäre) zum Besuch des Schlosses, wobei Mourey die nötigen Auskünfte gibt. Man gelangt in den Saal, von dessen Wänden die berühmten' Tapisserien entfernt sind.„Aber sagen Sie mir, Herr Konservator," sagt der General,„wie kommt es, daß alle Wände Ihres Schlosses so entblößt sind? Be- saßen Sie nicht eine berühmte Sammlung von Gobelin- Webereien?"„Allerdings, Exzellenz, aber der Unterslaats- sekretär der Künste hat mir den Befehl gegeben, sie wegbringen zu lassen."„Und wo sind sie jetzt?"„Ich weiß es nicht, sie sind nach Paris... oder anderswohin geschafft." Da kommen von seinen Lippen, mit einem perlenden Lächeln, in dem etwas Ironie, Bitter- keit und vielleicht ein wenig Melancholie ist, die Worte:„Acki. ja.. die Barbaren I..." Ich habe nichts gesagt, ich tat, als hätte ich nicht gehört. Aber eS würgte schrecklich in meiner Kehle. Warum kann ich nicht schreien:„Oh, ja, Barbaren Der deutsche General sieht sich das Bett Napoleons an und staunt über seine kolossalen Dimensionen, und er nimmt mit steigendem Interesse von all den historisch und künstlerisch bemerkenswerten«chätzen des Schlosses Kenntnis.„Ja, sehr schön, sehr schön, prächtig!" erklärt er. und als der Konservator die Bitte daran knüpft, daß diese Kunstschätze geschont werden mögen, erhält er zum Schluß, als der General sich verabschiedet, den Bescheid:„Ich habe Ihnen zu danken, und tue das aufrichtig, Herr Konservator, für Ihre große Gefälligkeit. Sie können versichert sein, daß diesem schönen Schloß und auch den Schätzen, die eS enthält, nichts geschehen wird". Als Mourey später unter Berufung auf das Wort des Generals sich bei dem deutschen Generalstab melden läßt und einem Offizier seine Bitte um Ausstellung einer ichrifllichen Bestätigung vor- trägt, sagte ihm dieser:„Ja, ich Weiß, Exzellenz hat mir davon ge- sprachen. Wir haben den festen und aufrichtigen Wunsch, das Schloß von Compiegne zu schützen und zu erhalten. Ich werde es Ihnen beweisen." Und der Offizier, dessen Physiognomie„in ihrer Fein- heit und Energie, in ihrer Intelligenz und ihrem Willen fast nicht un- sympathisch wäre," wenn er nicht eben wäre, was er ist, schreibt einen Befehl, den er Mourey zeigt und übersetzt:„Das ist wirklich mehr, als ich hoffte," fügt Mourey hinzu. Nufit. Leo Slezak inr Deutschen Opernhaus. Pom künstle- rischen Standpunkt sind Gastspiele namhafter Opernsänger wie über- Haupt aller Spezialisten der Gesangs- und Schauspielkunst zu verwerfen. Die Leistungen der anderen Mitwirkenden leiden darunter, und man darf der Meinung sein, das Deutsche Opernhaus habe weit wichtigere Aufgaben zu lösen, als sich mit Gastsingerei abzugeben. Dejseiiuilgeachtet kann ein wirklicher Künstler durch seine Mitwirkung bedeutenden Nutzen stiften. Er gibt, ohne es zu wollen, Vorbilder vollendeter Leistungen und spornt zu solchen geradezu an. Bei Leo SIezak, dem gefeierten Tenor, der gegenwärtig ein dreimaliges Gastspiel am Deutschen Opernhaus absolviert, trifft das zu. Wir hörten ihn am Donnerstag in des vor Jahresfrist ver- storbenen Karl Goldmarks„Königin vonjäaba" als Assad. Diesmal war Slezak glänzend disponiert. Spielend leicht kommen bei ihm die Töne. Alles ist flüssig, klangvoll, warmblütig, leidenichast- lich. Wie der Sänger, so der Darsteller. Slezak lebt seine Rolle. Wie ganz anders nahm er Assad als sein Vorgänger Arensen. Er gab eine Tragödie der lkiebe— woher es kommt, daß wohl jeder Hvrer tief ergriffen wird. Die Besetzung der übrigen Rollen ist die gleiche vom ver- gangenen Jahre. Werner Engel, Ernst Lehmann geben Vorzügliches, Emmy Zimmermann. Lulu Kaesser, Maria Schneider gesanglich des- gleichen, obwohl ohne den Schallen einer ausgeprägten Eigenart, Herrlich ist die dekorative Ausstattung. Mit Recht legte die Spiel- leitung den Schwerpunkt der Königin von Saba hierauf. Wieder wird man gewahr, wie sehr die„Große Oper" auf Pomp an- gewiesen ist, wenn sie wirken soll. Eine prachtvolle Teilleistung gibt das Ballett. Mary Zimmermann darf sich auf ihr Völkchen was zu gute tun. Die orchestrale Wiedergabe der zum Teil wundervollen Musik unter Eduard Mvrike war glänzend; der Beifall beinahe endlos.___ e. k. kleines Feuilleton. Kunstfertigkeit im Gefangenenlager. Die„Deutsche Volkswirtschaftliche Korrespondenz" schreibt: Not macht ersinderiich, und allerlei Scbliche kennen die Gefangenen, sich kleine Bequemlichkeiten zu verschaffen, nicht gerade zur Freude der deutschen Verwaltung, die sonst so gewissenhaft für jeden einzelnen Mann die Zahl der notwendigen Geräte, vom Löffel bis zur Müllschippe, vom Waschnapf bis zum Nachigeschirr festgesetzt hat und streng darüber wacht, daß solche Gegenstände auch so lange vorhalten, wie es gesetzlich vorgeschrieben ist. Aber auch wirkliche Kunst blüht in solchen Gefangenenlagern, wo die Menschen der verschiedensten Lebensgruppen zusammen- gebracht sind� Besonders die Kinder Belgiens, des Landes, das von jeher Sitz einer reichen Kunst und Kunstfertigkeit war, zeichnen sich auS. Aus ganz einfachen Mitteln, einem Holzklotz. einigen Spänen, mit ein paar Glasperlen und ein wenig Zwirn takeln die aus den Seeprovinzen Slammenden prächtige Segelschiffe auf, lassen naturgetreue Holznachbildungen von Hochseedampfern mit stolzen Schornsteinen, Antennen und zierlichen Ladebäumen vom Stapel. In irgendeiner stillen Ecke der Gefangenentischlerei entstehen reizende Arbeilen. Wo es irgend angebt, beschäftigt man die unfreiwilligen Gäste mit Arbeiten des gelernten Berufs. Die Metallarbeiter— und solche bringt das industrie- reiche Belgien und das benachbarte Hüttenrevier Nordbelgiens in hervorragender Eigenschaft hervor— bevorzugen für ihre Arbeiten das Aluminium, einesteils weil ihnen ihre Feldstaschen den gewünschten Rohstoff liefern, anderseits weil es am leichtesten mit primitiven Mitteln schmelz- und schmiedbar gemacht werden kann. Federmesser, Petschafte, Federhalter, Ringe, Zigaretten- etuis, Schmuckkästen ferttgen sie zur Erinnerung an den Weltkrieg und ihre Gefangenschaft für sich und ihre Freunde, geschmückt mit meisterhafter Gravierung. In dieser Kunst stehen vielfach die Rüsten ihren Bundesgenossen nicht nach; ich habe eine russische Aluminiumflasche gesehen, die der Besitzer in geradezu Vorbild- licher Art mit dem Wappentier seines Heimatstaates und sonstigen kriegerischen Wahrzeichen verziert hatte. Auch in der Herstellung kleiner Holzspielereien sind die Russen Meister; aus Holzspänchen und Zwirnsfäden hatte einer eine sich ständig windende Schlange hergestellt und ibren Leib mit Tintenstift schillernd gefärbt. Auf dem Gebiete der Malerei wird in den Gefangenenlagern oft Groß- artiges geleistet, beherbergen sie doch manchen Akademieprofestor. Ein Theater war in einem Lager durch einen gemalten Vorhang und durch Kulissen ausgestattet, die sich auf mancher großstädtischen Bühne sehen lassen können. Auch Bildhauer und Gartenarchileklen sind in den Lagern vertreten._____ vas Land üer hundertjährigen. Norwegen scheint eins der gesundesten Länder der Welt zu sein. Dafür sprechen wenigstens die sehr interessanten Zahlen aus der letzten norwegischen Volkszählung, die das norwegische statistische Zentralbureau veröffentlicht. Bezeichnend für die Langlebigkeit der Bevölkerung ist insbesondere die Lifte, die die Namen aller derjenigen Einwohner enthält, die zur Zeit der Volkszählung im Jahre 1910 älter als 95 Jahre gewesen sind. Angesichts der schwachen Be- völkerung des lkandes muß es geradezu überraschen, daß es in jenem Jahre nicht weniger als 193 Norweger gab, die das 95. Lebensjahr überschritten hatten. Von diesen ist inzwischen freilich schon mehr als die Hälfte gestorben. Aber auch heute zählt man im Lande noch 53 Personen, die das hundertste ltebensjahr überschritten haben. Nach Ausweis der Volkszählungsergebniste sind die beiden ältesten Leute Norwegens im Jahre 1891 geboren und zählen demnach heule III Jahre. Den Altersrekord hält die unverehelichte Dagny Andersen, die am 14. Januar 1894 das Licht der Welt erblickt hat. Ihr zu- nächst folgt der gleichfalls ledige Andreas Jsaksen. der am 37. Mai 1894 geboren ist. Es folgt weiter ein verheirateter Mann, der im Jahre 1895 geboren wurde. Die meisten Personen über 95 Jahre haben ihr ganzes Leben auf dem Lande verbracht; nur eine kleine Zahl von Städtern befindet sich unter diesen skandinavischen Methusalems. Notizetu — B ü h n e n ch r o n i k. Tilla D u r i e u x ist vom kgl. Schau- spielhaus fiir die Dauer einer Spielzeit verpflichtet worden, und zwar als Heroine. — E i n B r a h m S- M u s e u m soll im Wiener Stadtmuscum eröffnet werden. In drei Räumen will man ein Abbild seiner ehe- maliger Wohnung schaffen. — E i n Fortschritt. Dem„Berliner Tagebl," toird ge- schrieben:„Der Zar hob nach einer Petersburger Meldung der „Basler Nachrichten" die Verfügung der Leimng der kaiser- lichen Hofoper auf, wonach die Opern Wagners vom Spielplan ausgeschloffen werden sollten."— Wie wäre es als Gegenleistung mit der Ausgrabung Tschaikowskys in Berlin? Sein„Eugen Onegin" war hier vor langen Jahren mit Recht ein Zugstück. Schach. S. L o y d. o d s t m mA m iÜ M HP ÜP \ M'm.■ m Wä K Ifc 4 Ül. 11 ällHil ab ede i z h 2+ Für geübte Löser sind Zweizüger selten schwierig. Der obige indessen ist verhältnismäßig einer der schwierigsten, den wir kennen. Ilm manchem Liebhaber den Spaß der Lösung nicht zu verderben, werden diesmal die schwächeren Löser ausnahmsweise die Lösung in umgekipptem Satz in einer der nachstehenden Glossen zur Partie finden. Nach dem Ausweise des Deutschen Schachbundes vom 25. April sind von seinen etwa vier- bis fünftausend Mitgliedern bis dahin 853 Einziehungen bekannt geworden; darunter 118 mit dem Eisernen Kreuz dekoriert, 59 gefallen und 79 verwundet. Der bekannte Berliner Meister E d u a r d L a s k e r i n i ch t der Weltmeister), der zu Beginn des Krieges sich in England befand, hat trotz des militärpflichtigen Alters doch die Gelegenheit gefunden, nach New Aork zu entkommen. Die nachstehende Partie ist von ihm dort am 13. Februar gegen den vom' Karlsdader Turnier bekanntcu amerikanischen Meister Jaffe gespielt. Damenbauernspicl. Ed. Lasker. Jaffe. 1. d2— d4 d7— d5 2. Sgl—£3 Sg8— 16(c61) 3. c2— c4 s7— s6 Wir ziehen 3... ob! vor. Z.?.: 4. So3, de; 5. e3, b5; 6. a4, b4!; 7. Sbl, e6; 8. LXc4, Le7neb|t0— 0 und c5 mit annähernd gleichem Spiel (I 4. Sbl— eS SbS— d7 5. Lei— g5 c7— c6 Ob dies oder Ls7! geschieht, hat Weiß doch den Vorteil, seinen Lei entwickelt zu haben, während LeL eingeschränkt ist. 6. e2— tj3 Ld8— a5 7. o4Xd5..... Dies befreit wieder den Lc8 und war besser durch Sd3 oder L, s4 17. d4— d5 Da5— d8 Sf6— e4 Dd8Xe7 döVel SfS— g6 Hiermit wird Bc6 schwach, was mit Ld7 I zu vermeiden war. 18. döXeO b7')c6 19. Sc3— e3 Lo8— g4 20. Se2-g3..... Bei 11X06, Tao8 nebst LXS erlangt Schwarz starken Angriss. 29....„.»3g6— h4 21. De2— cö..... Da Bc6 fo wie so schwach bleibt, sucht Weiß mit Recht zunächst dem Angriff vorzubeugen. 21...... De7— f6 22. SbS— d4 Ta8— b8 23. b2— b3 Tb8— c8? Hier war 23.... Tb6 am Platze. Falls hieraus 24. LX06, so 24.... SXg2! 24. b3— b3 Lg4Xb3 Macht aus der Not eine Tugend; denn 34.... Ld7; 25. DXaT verliert glatt einen Bauer für nichts: während so noch gewisse Angriffs- fpelulationen blühen. 25. g2Xlr3 TeS— ea 26. DcöXnT c6— c5 Sonst Db7 nebst X) oder TXc6. 27. b3— b4 Tc8— dS 28. TclXc5 Teo— e8 Oder 38____ g6; 29. TXT, 7. 8; 30. eXd4, Df3. 31. DaSf, KgT; 32. DXol- 29. Da7— a4! g7— g6 30. Da4— c6 Te8— e6 . Die letzte Angriffsressource jür die fehlende Figur. 31. Sd4Xe6 Sb4— fSf 32. Kgl— fl Sf3— d2t 33. Kfl— g2 f7Xe6 34. Tc5— c2 Sd2— f3 85. Tel— fl SfS— h 4t 36. Kg3— gl Sh4— fSf 37. Kgl— bl..... Schwarz hat ausgetobt. Nun kommt Weiß an die Reihe. 37...... Td8— d5 38. Dc6— e8 Kg8— g7 39. Tc2— c8 Td5— h5 Stürzt sich jetzt Weiß mit 39. LbS-f, Kh6; 40. DXD? aus die Dame, so erfolgt noch 24- durch 40,.. TXb3f. ES folgte aber einfach und gefchmack- loS: 49. SgSXbötl Aufgegeben. Verantwortlicher Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln� Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u.Verlag:VorwärtS Buchdruckeret u, Verlagsanstalt Paul Singer Sc Co, Berlin SW.