itm-m Unterhaltungsblatt des Vorwärts»» Ulai- /Ausstellung. (Unter den Linden 18.) Man darf Wohl sagen, daß der deutsche Kunsthandel während des Krieges cinigermatzen versagt hat. Gewiß, im Salon Gurlitt sind zwei sehr schöne Gedächtnisausstellungen gemacht worden, und auch Paul Cassirer hat, ebenso wie Schulte, monatlich wechselnd mancherlei Gutes gezeigt. Was aber festgestellt sein muß, ist dieses: Nack dem, was die Kunsthändler zu bieten hatten, waren die Ansänge einer neuen, noch wilden, noch tastenden, dem Naturalismus abgewandtcnundnach irgend einem großen Ausdruck sehnsüchtigen Kunst, wie sie sich während der letzten Jahre zu regen begonnen hatten, im Schlachtenlärm, in der krampfhaften Umkehr aller Phantasten zur nüchternen Wirklichkeit, erstickt worden. Die neue Kunst, um die bis zum Kriegsbeginn bald mit agitatorischen Faustschlägen, bald mit komplizierten Philosophien gekämpft worden war, schien unter der Wucht des hervorgebrochenen Teutonismus in alle Winde gejagt worden zu sein. Die Reaktion witterte bereits die Auferstehung von Werner, Defregger und Makart. Neun Monate hatten genügt, um die akademischen Großväter noch einmal guter Hoffnung werden zu lassen. Die Revolution der Jugend schien verstummt zu sein. Da war es wohlgefällig, daß der.Sturm' unS einige schwedische ELpressionisten(von denen wir demnächst reden werden) zuführte; noch viel erfreulicher ist eine Ausstellung, die heute eröffnet worden ist: eine Mai-Ausstellung junger, strebender Künstler, die sich durch den Krieg nicht zur Schwachheit der patriotischen Illustration ver« fähren ließen, die vielmehr aus der Kraftanspannung, die der Krieg von allem Leben fordert, ihrer Eigenart einen Ansporn gewannen. Es regt sich in dieser Ausstellung, an der Künstler, die älter als vierzig Jahre find, kaum beteiligt sein dürften, ettvas Frühlings- hailes; von den bunt belebten Wänden weht eS frisch, keck und hoffnungsvoll. Nun wäre es natürlich falsch, anzunehmen, daß die Mai- Ausstellung von Meisterwerken überquillt; man würde fich auch irren, wenn man einen Schwärm stürmender Brandträger und ganz dämonisch sich gebärdender Genies dort vermutet«. Was die Mai- Ausstellung uns bringt, ist das fröhliche Streben hoffnungsvoller Jugend. Noch läßt sich kaum von einem dieser regsamen Künstler sagen, ob er ein Unsterblicher werden wird; aber keiner ist darunter, der nicht wüßte, daß das Leben verdient sein will. Es ist auch sehr angenehm, daß diese Ausstellung ohne lite- raristbes Programm(Kubismus oder dergleichen) gemacht worden ist. Man spürt das Handwerkliche; eS haben sich einige Maler, mannigfach in der Ausdrucksweise, gemeinsam in der Gesinnung, zusammengefunden und haben, ohne irgend einen ängstlichen Kunst- Händler zu bemühen, schlicht und tapfer ihre Arbeiten vor daS Publi- kum gestellt. Dafür sollten sie Dank empfangen. Man möchte der Mai-Ausstellung recht diel Besucher, naive Freunde bemalter Lein- wand, und obendrein gut gelaunte Käufer wünschen. Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Bilder von M. Neu- mann, ungemein starke Arbeiten, die von Delacroix und Daumier herkommen, die aber spürbar sich zu einer gesammelten Selbständig- keit hindurchringen. Es ist ein farbiges Glühen und viele echte Leidenschaft in diesen Landschaften und Bildnissen. Neben Reumann ist D e g n e r zu nennen; er zeigt vier menschliche Köpse, die mit fest verwalteter Energie das Wesentliche eines persönlichen Seins in eine kurze, aber sinnlich das Leben der Modelle erschöpfende Formel bringen. Eine Landschaft großen Formates scheint zu bersten von den Lebensströmen, die die Erde aufbrennen und die Bäume sich heldenhaft bewegen machen. Klein schmidt verdient wegen eines groß gearteten, erdig lastenden Aktes und wegen einiger merkwürdigen, die Schwerfällig- keil dramatisch bekämpfenden Radierungen eine gewisie Beachtung; die Brüder Möller zeigen, daß die Farbenseligkeit auch unter grauem Himmel gedeiht; HaSIer ist ein ganz toller Jongleur ausdruckstarker Farbflecken, und Kirchner und Schmidt- Rottluff beweisen, daß auch der Kampf der Linie noch immer erquicklich rollt. R. Br. Kriegswanöerungen von Tieren unö pflanzen. Daß die Menschen im Kriege, die Soldaten im Felde, nach einem altindischen Worte der Bedalieder.Brot für Ungeziefer" werden, ist bekannt, und aus der Kampffront in Ost und West tausendfach bestätigt. Wie aber gewisie, besonders anpasiungsfähige Tiere und Pflanzen als Begleiter der Kriegsheere ihr Lebensgebict erweitern oder indirekt durch den Krieg verbreitet werden, ist erst in neuerer Zeit nachgewiesen worden. Um das Kapitel der Haus- Parasiten vorweg zu erledigen, so ist die vielfach als russisches Einfuhr- gut(so von Goethe in Briefen an Zelter) verdächtigte Schabe, Küchensckiwabe oder Kakerlak nicht erst mit den Verbündeten Russen in den Freiheitskriegen nach Deutschland eingewandert, sondern hier schon längst heimisch: sie erschien zuerst im 11. Jahrhundert in kleines Zeuilleton. harüen kontra tzdce. In der letzten Nummer seiner.Zuku'-M' setzt fich Maximilian Harden in seiner bekannten Art mit den pariser.Temps* auseinander. Dieses Sprachrohr der großh.a listischen Kriegstreiber Frankreichs befolgt natürlich getreu die Methode, die überall für Blätter dieses Kalibers maßgebend ist— es überschüttet den Gegner, in diesem Falle also Deutschland, mit Schmähungen, Ver- drehungen und Gehässigkeiten. In einem solchen Schmähartikel des .Temps' fanden sich auch ein paar günstige Worte über Heinrich Heine, auf die Harden folgendermaßen reagiert: „Merkenswert(I) aber ist die hohe Einschätzung Heines, die hier, nicht zum ersten Male seit dem Kriegsausbruch, ans Licht kommt, und die Anschuldigung, er werde in Deutschland nicht so bewundert, wie ihm gebühre. Die Jugend hat der scheckige Kün steler freilich nicht mehr in seinem Bann. Und deS Aberwitzes, ihn für„Deutschlands herrlichsten Dichter' auszugeben, wird im Lande Goethes und Walters, Kleists und Schillers, Hebbels und Mörikes wohl nur selten noch ein Erwachsener schuldig. Aus seiner Schöpfung ist viel abgewelkt. Von seiner Tafel nur manches noch schmackhaft. Der Umfang, der Funkelglanz seines Talentes erzwingt Bewunderung. Nur: der Träger dieses Talents war ein unreiner Mensch, der sich von Frankreich besolden ließ, seine Feder, eines, der mit Pranken und Mähne des Rebellen prunkte, dem Fürsten Metternich anbot, reiche Verwandte und den eitlen Meyerbeer für sein Behagen auszunutzen trachtete und sich bis dicht an den Erpresserdunstkreis verirrte. Nicht ein Schuft. doch ein so hemmunglos schwacher Mensch, daß der Widerstand gegen den Plan, ihm ein, auf offenem Markt, urteilslosem Gewimmel sichtbares Denkmal zu setzen, aus gesundem Urtrieb deutscher Volkheil kam.' Professor Bartels, der Prophet antisemitischer Literaturwisien- schasl, wird jubeln._ Wie Kriegsgerüchte entstehen. Im vorigen Herbst trat, wie erinnerlich sein wird, eine« Tages mit der größten Bestimmtheit die Meldung auf. daß große russische Truppenmasseu über Archangelsk und Großbritannien auf dem West- Uchen Kriegsschauplatz befördert worden seien. Es wurde» so be- Stuttgart! Aber eS bleibt doch auffallend, daß Chamisso ISIS besonders.die bei den Russen fich heiligen Gastrechts crfteuenden Tarakanen oder Licht- und Bäckerschaben' erwähnt: die russischen Durchzüge 1813— 15 haben ihre Verbreitung sehr gefördert. Daß Krähenschwärme den Schlachtfeldern nachziehen, ist au? Masuren mehrfach gemeldet worden: die Saatkrähe ist nach- weislich vor hundert Jahren erst den russischen Heeren, an die sie sich mit der Katastrophe von 1812 angeschlossen hatte, nach Deutsch- land gefolgt. Mit dem riesigen Troß, den die Armeen der damaligen Zeit noch mit sich führten, hat sich auch die asiatische Wanderratte bei uns eingeschmuggelt. In welchem Zusammen- hange das sporadische Auftreten des Steppenhuhnes in Mitteldeutschland seit dem Anfang des neunzehnten Jahrhunderts mit den Kriegsereignissen steht, ist noch nicht festgestellt. Noch merkwürdiger sind vielleicht die Pflanzenwande- r u n g e n im Verlaufe der Heeresziige, die einen eigenen Wissen- schaftszweig der.Adventivflora' gezeitigt haben. Nach Ascherson ist der in der Tatarei, in Kaukasien und Südrußland heimische gif- tige Stechapfel in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges durch Zigeuner nach Deutschland eingeschleppt worden; daß die Kartoffel den Seeräuberzügen Francis Drakes verdankt wird, ist bekannt. Der Kalmus, der beliebte Pfingstschmuck, weist schon durch seinen polnischen Namen Tatarak auf seine östliche, mongolische, d. h. nach dem alten Sprachgebrauch.tatarische' Heimat hin; er ist durch die Türkenkriege im 17. und 18. Jahrhundert über die Balkan- Halbinsel nach Oesterreich und Deutschland verbreitet worden. Jnter- esiant ist, daß nach Prof. Gräbner.noch niemand in Europa eine Kalmusfruckt beobachtet hat; nur aus dem südlichen und östlichen Asien find solche bekannt.' Die PflanzeKn parviflora, das Knopfkraut, heißt in der Mark Brandenburg geradezu „Franzosenunkraut', weil eS erst seit der französischen Okkupationszeit 18(16— 1807 auftritt. An die Epoche der napoleonischen Herrschaft erinnern noch an vielen Stellen Deutschlands die säulen- förmigen, schattenlosen italienischen Pyramidenpappeln längs der Chausseen: der Kaiser ließ mit Vorliebe seine neu angelegten Heerstraßen damit einfassen. Aehnliche Pflanzenwanderungen, deren Beispiele sich noch ver- mehren ließen, wird auch der jetzige Weltkrieg zur Folge haben; es sei nur daran erinnert, daß an allen deutschen Bahnbauten die Akazie und die vor genau 300 Jahren aus Nordamerika nach Europa ge- brachte Nachtkerze einen außerordentlich charakteristischen Bestandteil der Eisenbahnflora bilden. Was alles durch Samen zufällig mit dem Getreide und der ganzen Fourage überallhin verschleppt wird, läßt sich gar nicht absehen: es kann vorkommen, daß durch solche Ankömmlinge, die in der Fremde gute Lebensbedingungen vorfinden, allmählich die heimische Flora im Kriegsgebiet ganz verändert oder gar vernichtet wird. Hat man doch ausgerechnet, daß im Herbst 198 Wanderratten als Nachkommen eines überwinterten Rattcnpaares vorhanden sein können, während die Samen einer einzigen Pflanze schon nach Hunderten und Tausenden zählen. „Seelenblinöheit". lieber einen merkwürdigen Fall von teilweiser Seelenblindheit berichtet Sanitätsrat Dr. Herzog in der„Deutschen Medizinischen Wochenschrift': In das Feslungslazarett von Mainz wurde im August des vorigen Jahres ein Wehrmann eingeliefert, der beim Entgleisen einer Feldbahn zwischen zwei Puffer geraten war. Er war für einige Zeit bewußtlos gewesen, hatte Blut aus Nase und Mund ver- loren und zeigte am Hinterkopf eine etwa 5 Zentimeter lange tiefe Wunde. Er klagte über heftige Schmerzen, besonders im Kopf, und vermied peinlich jede Bewegung. Nach Heilung der Wunde wurde er zunächst auf die Ohrenstation verlegt, da das hervorstechendste Symptom Schwerhörigkeit war. Später kommt er auf die Nervenstaiion, da er eine Schädigung'deS'linken temporalen Großhirnteiles erlitten zu haben scheint. Der SSjährige schwächliche Mann, seinerzeit Maurer, lernte in kurzer Zeit sehr gut vom Munde ablesen; er ver- steht so alles, was man zu ihm sagt, aber er erkennt manches nicht, weder gedruckte, noch geschriebene Schrift, noch seine eigene Hand- schrift. Infolge von Blutungen in beide Hinterhauptslappen und Schläfenlappen und den von hier aus nach dem Klangbildzentrum ziehenden Bahnen verschlechtert sich das Krankheitsbild während der Beobachtung. Anfangs kann der Patient noch einige Buchstaben richtig nennen, später nicht mehr. Nur im Anfang liest er einmal seinen Namen und einige Male den Buchstaben.Z'. Er schreibt einen Brief an seine Frau und kann ihn nachher nicht lesen; er ist also wort- blind. Wie er die Buchstuben als solche erkennt, aber nicht benennen kann, d. h. die Wortbilder für diese Symbole verloren hat, so ist es auch mit denen sür manche Gegenstände der Fall. Für .Taschentuch' sagt er.zum Wischen'; als man ihm ein Pince-nez vorhält:.zum Sehen'; Bleistift:„zum Schreiben'. Auf die Worte: „Portemonnaie',„Hand',„Messer' kommt er in der ersten Zeit erst nach einer Weile; auf das Wort.Faust' überhaupt nicht. Den Arm nennt er zuerst„Faust", dann richtig. Bilder von Hahn und Küchlein nennt er„Huhn"; das Mutterschaf bezeichnet er als.Kuh', ein junges Schaf als.kleine Kuh", Esel als.Pferd'; Schwefelholz- stimmte Einzelheiten mitgeteilt, daß kein Zweifel an der Richtigkeit der Tatsache möglich sein sollte. Wie dieses Gerücht ent- standen ist, erklärt jetzt in der.Times' ein Mitglied des Pressebureaus der englischen Zensur, und er liefert damit einen Beitrag zur Psychologie der Kriegsgerüchte, durch die die Oeffentlichkeit immer wieder erregt wird. Die Erklärung ist recht einfach. Eine ziemlich große Zahl von russischen Offizieren kam damals in England an, die einen mit dem Auftrag, Munition zu kaufen, die andern, um sich zu den verschiedenen Generalstöben an der Front im Westen zu begeben, denen sie zugeteilt waren. Russische Soldaten.Ordonnanzen usw. begleiteten sie, und sö war eS eine ganze kleine Truppe, die von Archangelsk zu den schottischen Häfen reiste. Natürlich wurden sie von verschiedenen Personen gesehen. In dem Augenblick ihrer Ankunft beschloß nun infolge eines rein zufälligen Zusammen« treffens das englische Kriegsministerium, mehrere Lager, die zur Ausbildung der Tevritorialtruppen dienten, zu verlegen. Diese Ver- legung wurde sehr geheim vorgenommen. Die Vorhänge der Wagen in den TranSporlzügen waren sorgfältig herabgezogen, damit niemand sehe, daß es sich unr einen Truppentransport handelte. Selbst das Zugpersonal wußte nichts über die Bestimmung der Züge, die es leitete. Angestellte, die der Ankunft der russischen Offiziere und Soldaten beigewohnt und die geheimnisvollen Züge im Vorbeifahren gesehen hatten, glaubten natürlich, daß zwischen den beiden unge- wöhnlichen Ereignissen eine Beziehung bestünde, und mehr war nicht nötig, um das Gerücht vom Eintreffen eines russischen Heeres ent- stehen zu lassen, das seinen Weg von Mund zu Mund nahm, in neutrale Länder überging und nun durch den Draht in alle Winde gemeldet wurde.__ Tatterata-Klatsch-Klatsch-„ humor�. Im.Kunstwart' schreibt Artur Liebscher: .Zum Tatterta schnaf-schnaf-schnaf' und„Zum Tatieta-klatsch- klatsch-klatsch'. Das ist der Kehrreim zweier Verse ans einem„Kriegs- liede', das unter Billigung eines bekannten Musikpädagogen als neuer Zuwachs zu einer der verbreitetsten deutschen Schullieder- sammlungen gegenwärtig Volksschulen und höheren Lehranstalten an- geboten wird.- In einem Begleitworte werden die Kinder ausgefordert, beim Singen.die entsprechenden Handbewegungen' auszuführen, denn, so sagt der Verfasser,„bei schnas sind Ohrfeigen oder Schläge auf den Rücken gemeint, bei klatsch auf den noch lieferen Körperteil". Man stelle sich eine Klasse vor, die das Lied singt und dabei zu der Melodie: Ilatsch-cklatsch-klatsch durch Handbewegungen die Schläge »auf den»och tieferen Körperteil' der Franzosen andeutend, ihr Wer- kästchen und Zündhölzer als.Schwefelholz'. Em Messer nennt er in der ersten Zeit richtig.Messer', auf da? Wort.Klinge' aber kommt er nicht. Zunächst handelte es sich also um die Unfähigkeit, Wortbilder auf optischem Wege auszulösen, während die Fähigkeit, Gegenstände zu erkennen, vollkommen erhalten war. Später entwickelt sich der Zustand so, daß der Kranke manche Gegenstände auch begrifflich nicht oder nicht mehr erfaßt. Man zeigt ihm z. B. einen Schlüssel, aber er weiß nicht, was man mit ihm macht; erst als man ihm seine Funktion erklärte, sagte er richtig„Schlüssel'. Gewisse Vögel, Taube, Storch, Schwan, scheint er auf Bildern nicht als solche zu er- kennen, ebensowenig in späterer Zeit ein Portemonnaie, ein Messer oder einen Uniformknopf. Erst als man ihm diese Gegenstände in die Hand gab, erkannte er sie nach einigem Betasten und bezeichnete sie bald richtig:„zum Knöpfen" oder„Knopf". Wenn man ihm aber den Gegenstand wieder sortnahm, so konnte er ihn gleich darauf nicht mehr erkennen und nennen, obwohl dieser Versuch Dutzende von Malen gemacht wurde. Es handelt sich also auch noch um einen Verlust der optischen Erinnerungsbilder, d. i. Seelenblindheit, um einen der seltenen Fälle mit optischer Aphasie und Alexis(Wortblindheit). Auffallend dabei ist aber, daß diese Seelenblindheit das Ablesen vom Munde, die Orientierung im Raum und daS Erkennen vieler Gegenstände doch gestattet, also durchaus partiell(teilweise) ist. Krieg unö Bakteriologie.*) Von Professor A. v. Wassermann- Berlin. Die Weltgeschichte kennt bisher keinen größeren Kriegs in dessen Gefolge nicht verheerende Seuchen aufgetreten wären, die von Kriegs- und Bürgersmann sogar mehr gefürchtet waren, als der wehr- und waffentragende Feind. Noch im Jahre 1870 hatten wir in unserem im Vergleich zur heutigen Heeresgröße bescheiden zu nennenden Heere noch allein über 70 000 Fälle von Unterleibstyphus, Es leuchtet ein, daß die Bakteriologie, bezugsweise die auf ihrer Grundlage von Robert Koch geschaffene rationelle wissenschaftliche Seuchenbekämpfung heute als eine unentbehrliche Kriegshilfswifsen- schaff zu bezeichnen ist. Das hat die Verwaltung unseres Militär- Wesens vom ersten Augenblick an erkannt. Um sich einen Begriff zu machen, auf welche Gebiete fich die Fürsorge und Seuchenbekämpfung in dem heutigen Weltkriege er- strecken muß, genügt der Satz, daß es angesichts des gegen uns aus- gebotenen Völkergemisches kaum eine bösartige Seuche gibt, gegen die wir nicht gewaffnet sein müssen. Von allen Gegnern, Russen, Belgiern, Franzosen, droht der bei ihnen noch endemische Unterleibs- typhus sowie Ruhrgefahr, von den Russen außerdem noch die Cholera, das Fleckfieber, die Pest, das Rückfallfieber, von den schwarzen Truppen und den Indern Protozoen- und andere in den Tropen vorkommende Krankheiten.'— Heute, haben wir über acht Monate Krieg, während dessen wir in der heißen und kalten Jahreszeit Millionen Soldaten im Felde stehen gehabt haben. Wohl haben sich überall die Köpfe der gesürchteten Hydra drohend gezeigt, zum Beweise, daß sie auch heute noch lebt, aber nur durch unsere Wissenschaft verhindert wurde, ihren alles verschlingenden Rachen zu öffnen. Weder die Bevölkerung noch die Armee kamen auch nur zum Bewußtsein, daß es diese fürchterlichen Feinde ihrer Gesund- beit noch gibt; denn schon beim Auftreten der ersten Fälle war die Gefahr beseitigt. Unser Heer ist, angefangen vom Heimatgebiete, durch die Etappen .und die Stäbe der höheren Kommandos bis vorn in dw Schützen- grüben hinein, nach strengst wissenschaftlichen Grundsätzen � bakterio- iogisch überwacht. Allenthalben sind bakteriologische Untersuchungs- stellen errichtet, oder es sind derartige Vorkehrungen getroffen, daß auf freiem. Felde, im. Schützengraben, in einem Unterstqnde, ein modern ausgerüstetes bakteriologisches Laboratorium sofort aus- geschlagen werden werden kann, so daß nur die Meldung von einem infeltionsverdächtigen Falle einzulaufen braucht, um sofort Gewißheit und damit das für die Beseitigung der Gefahr ent- scheidende Handeln zu schaffen ist. Die Bakteriologie hat uns aber Untersuchungen und dazu auch alle die nötigen Mittel gegeben, welche gegenüber der betreffenden Infektion Schutz gewähren. Man ist dazu gelangt, gegen eine Reihe der wichtigsten Kriegsseuchen Schutz- (mpfungsstoffe herzustellen, und wir haben in dem jetzigen. Feldzuge. von dieser Erkenntnis ausgehend, die Schutzimpfung gegen Typhus und Cholera im weitesten Maße durchgeführt. Sie bat sich, soweit wir bisher beurteilen können, vortrefflich bewährt. So sehen wir denn, wie die Bakteriologie als wissenschaftlicher Schutzgeist über unseren Heeren wacht, um sie mit Erfolg, und was im Kriege die Hauptsache ist, ohne durch ihre Maßnahmen, wie dies früher bei den üblichen Isolierungen, Quarantänen usw. geschah, die Durchführung der militärischen Aufgaben zu erschweren,- vor dem Würgengel der früheren Kriege zu bewahren. *) Wir entnehmen den Aufsatz dem soeben erschienenen Machest der Internationalen Monatsschrift für Wissenschaft, Kunst und Technik(Verlag von B. G. Teubner, Leipzig und Berlin). ständnis für den Geist unserer Zeit betätigt I Kann man fich denken, daß jemand, der einen verwundeten Franzosen hat sterben sehen, derlei fertig brächte? ES ist geradezu bezeichnend für solche Sachen mit dem„Franzosen- Hosen'- und„Polen- versohlen'« Reim, daß sie eben nicht im Feld, sondern im Schreibzimmer der Mundbarbaren entstehen. Ganz gewiß ist der Humor im Schützengraben mitunter recht grimmig und selten für empfindsame Nerven angenehm. Aber er ist dort echt, denn er gibt dort Kriegsstimmimg. Das Klatsch- klatsch-klatsch ist Phrase und die Schläge dazu sind Pose. Bedenkt man, daß das Kindern zugemutet wird, deren Väter im Felde stehen, so erschrickt man davor, wohin sich ein gewisser Geist verirren kann. Weg mit"solchem Zeug aus unser» Schulen, und weg damit aus unsrer Jugend und unserm Volk! Notizen. — Theaterchronik. Im Deutschen Künstler- Theater finden in dieser Woche die letzten Gastspiele von ExlS Tiroler Bühne statt.— Im D e ri t s ch e n Theater wird als letzte Neueinstudierung dieser Spielzeit ein Gocthe-Abcnd vorbereitet. Zur Darstellungen gelangen„Die Mitschuldigen' und „Das Jahrmarktsfest von Plundersweilern". — Bühnenchron i L Jakob T i e d t k e, der bekannte Dar- steller des früheren Brahmschen Ensembles, wurde für das Wiener Hofburgthcater verpflichtet.— Jocza S a v i t o, der frühere Regisseur des Münchener Hoftheaters, ist gestorben. — Mu s i k ch r oni k. Im Deutschen O-pernhause wird die kommende Woche durch die dritte Aufführung im Gastspiel Leo S l e z a k§, den„Troubadour', eröffnet. Der letzte Abend des Gastspiels bringt am Mittwoch„Die Jüdin". Daran schließt sich am Himmelfahrtstage ein Gastspiel der Kammersängerin Eva von d e r O st e n als Martha in„Tiefland". — Zeppelin auf P i ck w i cks S p u r e n. Der„Figaro" erinnert daran, daß bei dem letzten Besuch, den die bösen deutschen Zeppeline der englischen Ostküste abstatteten, die beiden Orte Jpswich und Bury St. Edmunds heimgesucht wurden, deren Namen mit dem berühmten Roman von Dickens aufs innigste verknüpft sind. In Bury St. Edmunds war es, wo der in dem Gasthof„Zum Engel" abgestiegene Held des Romans auf den unglücklichen Gedanken kam, in einer schönen Mondscheinnacht die Mauer eines Mädckienpensionats zu übersteigen. Und in Jpswich wiederum, wo er im Gästhof„Zum Schimmel" Einkehr gehalten hatte, wollte es der Zufall, daß Herr Pickwick, irrtümlicherweise in der'Nacht in das Schlafzimmer einer ehrwürdigen alten— Jungfer geriet, die ob dieses vermeintlichen Attentats aus ihre Tugend in hochgradige Aufregung geriet. \: »'— �7 M�iiD�-ssKL---», ZLL�ZMVZK� \rhM'-A ,■■;< v:,.< v-' i v. v,-.- g: M-«.A � � v. MDWWW� MM WM MM�M H W s »» I ■-'; .■.■ X,'M' r�'"v' VM tW MZ W I O'! . N ÄA�.k--??�Ä � Benkels öle ich- Spezialarzt Itr. med. WockenlnS, Fnedrichstr, 125(Oranienb, Tor), für Syphilis, Harn- u. Frauenleiden— Ehrllch-Hata-Kar(Dauer 12 Tage), Rlutuntersuchung Schnelle, sichere schmerzlose Heilung ohne Berufsstörung. Teilzahlung. Sprechstunden 12—2 und 6— 8. 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