Hr.(10.-(9(5. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Mittwoch,!?. Mi. Der Zreiheitsöichter der Ukraine. Als die russischen Heere die stark ukrainisch bevölkerten Gebiete Galiziens und der Bukowina überfluteten, wurde in Lemberg und Czernowitz beobachtet, daß gewisse Buchhandlungen eifrig von Zaristischen Soldaten besucht wurde». Es war ihnen zu tun um ein Buch Gedichte, das über Rußland hinaus— wenigstens dem Namen nach— sehr bekannt ist: um ein nach dem ersten Jahr seines Er- scheinens sozusagen vormärzliches Buch, um den Kobsar von Taras S ch c w t s ch e n k o. Dies ist seit sieben Jahrzehnten das Volksbuch der Ukraine, ein Buch der Lieder und Balladen, die Stimme eines .Volkes, über das jahrhundertelang schlvere Schicksale hinrollien. Durch schnöden Vertragsbruch hat der russische Zarismus dies slawische Boll vor zwei Jahrhunderlen unter seine Gewalt gezwungen, alle seine barbarischen Völkerfoltern hat er ihm auf den Leib geladen. Trotz allem aber ist das Bewußtsein der nationalen Besonderheit in diesen« Volk nicht erloschen. Aus dem Traum der Wiederherstellung der nationalen Selbständigkeit ist ein Schrei ge- worden, der über den ganzen Süden Rußlands tönt. Diese breit glimmende Aschenglut, aus der Flamnien, Flammen, immer höhere Flammen aufschlagen, hat in Schewtschenko ihren Dichter. Seit Generationen schon wirkt das Lied dieses bis zum Tode bahntreu ausharrenden Märtyrers als Tröster, Wecker, Fettiger seines Volkes. Der Zarismus, der ihm die Zähne ins Leben schlug, verfolgt dies Lied mit hassender Todfeindschaft: Die Gedichte Schewtschenkos sind verboten. Verboten, weil sie gefürchtet findig Und sie müssen ihrem Verfolger allerdings gefährlich erscheinen, denn getragen werden sie von den Volks- schichten der aufblühenden südrussischen Kultur, die das Großrussentum überflügeln, und was die Lieder nähren und züchten, ist die demokratische Massenseele. Bäuerliche und städtisch- industrielle Schichten spüren in diesen Versen das Zucken ihres Herzens. Sie sind so lief aus fühlendem Leben hervorgebrochen, daß die verrauschende Zeit ihnen nichts nehmen konnte. Wenn auch die Aera des ersten Nikolaus sie erzeugte, so passen sie doch mit ganzer Kraft auch für die Aera des zweiten Nikolaus. Wäre Nuß- land ein freiheitliches Land geworden, so könnte man an Schew- tichenkos Liedern messen, was die russischen Menschen vor zwei Generationen gelitten haben. Da es aber ein Land der Knechtschaft geblieben ist, das der Ukraine besonders schwere Ketten aufbürdet, so können die Ukrainer der Gegenlvart die Last ihrer politischen Not immer noch an den alten Gesängen abschätzen, in denen die Aer- zweiflung des Gequälten sich aufbäumt: Krank bin ich nicht, ich will? gestehen, Doch Tolles sah ich rings geschehen, Und etwas stets erhofft mein Herz Und klagt mir schlaflos, voller Schmerz. Wie ungestillte Kinder klagen. Was denn erhoffst du? Unheil, Plagen? Denn Gutes kommt, mein Herz, dir nicht. Der Freiheit sollst du nicht mehr harren, Sie schläft— Dank Nikolaus, dem Zaren! Und um die Sieche wach zu sehn, So muß das Volk in aller Eile Die Aexle schleifen und die Beile Und gleich an ihr Erwecken gehn. Sonst schläft sie uns— o Weltgeschichte!— Hübsch bis zum jüngsten Strafgerichte... Die Großen werden sie beiraun Und Kirchen und Paläste baun, Sich um berauschte Zaren drehen Und preisend auf die Knechtschaft schaun, Und sonst wird nichts, rein nichts geschehen. In Alexander Herzens Buch. Rußlands soziale Zustände", das l8S3 in London geschrieben Ivurde, steht, die furchtbare Anklage: ,.Ein schreckliches und düsteres! Los ist bei uns. jedem bereitet, der es wagt, sein Haupt über die von dem kaiserlichen Szepter vorgezeichnetc Schranke �zu erheben; jeden, sei er Dichter, Staatsbürger oder Denker stößt ein unerbittliches Verhängnis ins Grab. Die Geschichte unserer Literatur ist ein Verzeichnis von Märtyrern oder ein Register von Sträflingen.* Und Herzen schlägt das Geschichtsbuch der russischen Literatur auf:„Rylejeff wurde auf Nikolaus Befehl ge- hängt. Puschkin ward in einem Alter von achtunddreißig Jahren in einem Duell getötet. Gribojedoff ist in Teheran ermordet worden. Lermontow siel, dreißig Jahr alt, in einem Duell im Kaukasus. Wenewitinow ging mit zweiundzwanzig Jahren durch die Gesellschaft zugrunde. Koltzow wurde von seinen nächsten Verwandten zu Tode geärgert und starb dreiunddreißig Jahre alt. Belinski kam mit fünf- nnddreißig Jahren in Hunger und Elend um. Polejreff starb im Militärspital, nachdem er gezwungen gewesen, awt Jahre im Kaukasus zu dienen. Baratinsky starb in der Verbannung, nachdem dieselbe zwölf Jahre gedauert halte. Bestuschew erlag, noch ganz jung, im Kaukasus, nach vorausgegangener Zwangsarbeit in Sibirien." EinZeitgcnosseHerzcnswar anch Schewtschenko. Er fehlt noch in dieser aufpeitschenden Opfcrlistc. Aber er hätte als nächster An- spruch auf einen Platz darin. Als die Liste aufgemacht ivurde, duldete er schon ein halbes Jahrzehnt die Oualen des russischen Exils. Ilnd andere Oualen lagen schon vor dieser Zeit, andere folgten. Das � Schicksal dieses Dichters ist unlängst in dem Satze erschreckend deutlich gemacht worden�):„Ein Drittel seines Lebens war er Leibeigener, ein Drittel seines Lebens verbrachte er in Verbannung, und das wachsame Auge der russischen Polizei folgte ihm auf jedem Schritt noch in der Zeit, da er als freier Mensch leben durfte." Diese polizeilich regulierte Freiheit SchclotschcnkoS dauerte nur vier Jahre: das Exil hatte den Wunsch des Zarismus einigermaßen erfüllt. Der(814 geborene Dichter starb schon 1861. Aber man hatte ihn gehetzt und vernichtet uin seiner Dichtungen willen, die das Gefühl der natio- nalen Besonderheit der Ukrainer so mächtig nährten. Also hörte die Hätz gegen sein geistiges Werk auch nach seinem Tode nicht auf. Der Zarenukas von 1676, der die ukrainische Sprache für beseitigt erklärte, traf natürlich auch den ukrainischen Kobsar, den Volks- sänger, und daß der stampf gegen sein Wort anch durch die weiteren vier Jahrzehnte andauerte, bewies der zaristische Widerstand gegen die Schewlschenko-Feiern, die in Südrußland für den 9. März 1914, den hundertsten Geburtstag des Dichters, vorbereitet wurden. Die Antwort auf den Schrei nach Beseitigung der Schewtschenko- Zensur gaben Nagaikas und Bajonette. Polizei und Kosaken rasten in den menschcnersülllen Straßen von Kiew, Charkow, Poltawa, Katerynoslaw. Aber die Demonstration, die getragen war von bürgerlichen und proletarischen Organisationen, von der Presse, von den städtischen Körperschaften, wurde dadurch nicht geringer. Bis in die Duma trieben ihre Wogen, deren poli- tischcr Sinn hervorgebrochen war in den Rufen:„Nieder mit dem Zarismus I Nieder mit Rußland! Hoch Ukraina I Hoch Oesterreich und Deutschland I" Und in der Reichsduma, aus der das Staats- streickwahlrecht Stolypins die Ukrainer verdrängt hat, fielen die Worte des Großrussen Miljukows, die das unwiderstebliche Vordringen des ukrainischen Elements zeichneten:„Die ukrainische Bewegung ist tief demokratisch, sie wird sozusagen vom Volke selbst geführt; eben darum ist es unmöglich, sie niederzuhalten, aber leicht möglich, sie in Flammen zu setzen und gegen uns zu lehren." WaS tvird für diese Bewegung der Weltkrieg be- deuten? Wie immer er enden mag, es ist unmöglich, daß sie an ihm zerbricht. Sie wurzelt in einer Bevölkerungsmasse von mehr als dreißig Millionen. Das Herz dieser Masse aber schlägt in Schewtschenkos Liedern. Wir können das erfühlen schon an dem Bruchteil der Dichtung dieses Mannes, die ins Deutsche übertragen wurde.**) Eine Bestätigung darüber hinaus gibt die flammende all- gemeine Begeisterung jener Schewtschcnko-Feier am Vorabend des Weltkriegsjahres. Mit einigem Recht läßt sich sagen, diese Feier eut'prcchc der deutschen Schillcrfeier von 1359. Neben der histo'kschen Aehn- lichkeir in bezug auf den nationalen Inhalt des Vorganges erschließt der Vergleich anch gewisse Parallelen der Weltanschauung beider Dichter, deren poetische Art im übrigen nichts gemein bat, denn schewtschenko ist nichts als Lyriker und zudem ein Volksdichter reinsten, ursprünglichsten Schlages, wirklich einer, bei dem der Vers von Melodie unterstrvmt ist. Seine Rhythmen schwingen Ivie ein- facher, gefühlsstarker Volksgesang. Er ging aber auch aus der unteren breiten Volksmasse hervor und zlvar zu einer Zeit, die von den sozial umwälzenden Mächten des 19. Jahrhunderts noch nichts verspürte. Der alle Bestand ukrainischer Volksart dauerte noch an. -•*) M. Trotzkij in der mit. Bildern ausgestatteten Schewtschenko- Nummer der in Wien erscheinenden„Ukrainischen Nachrichten* vom 13. März 1915.— Das oben mitgeteilte, von Ostarp Hrycaj übersetzte Gedicht ist dieser Nummer entnommen. **) Der Leipziger.Denien-Verlag brachte 191( einen Band„Aus- gewählte Gedichte von Taras Scheivtschenko" in Uebersetzungen von Julia Virginia heraus, der auch eine Lebensskizze enthält und gebunden 2 M. kostet. Andere Stücke teilt in deutscher Uebersetznng von verschiedenen Verfassern die schon genannte Nummer der „Ukrainischen Nachrichten* mit. Die in diesem Aufsatz weiterhin mit- geteilten Verse sind von Julia Virginia übersetzt. Der Verlust der politischen Selbständigkeit hatte ihn nicht erschüttert; im Gegenteil, im Unglück empfand man das Eigene stärker und hielt es zäher fest, wenn auch in gedrückten Stimmungen. Daß Schewtschenkos erstes dichterisches Buch sich im Sturme das Heimatland eroberte, hing jedenfalls mit der Her- kunft aus dieser Getühlssphäre zusammen. Er war ein Dorfkind, das, früh verwaist, viel Elend durchkostete. Die Stiefmutter behandelte ihn lieblos, sein Lehrer, der Kirchen- länger des OrteS Morynci, war ein Trunkenbold. Er wurde Schaf- birt, kam dann bei bäuerlichen Kirchcnmalern in die Lehre, wurde schließlich Kosakenbursch ini Vorzimmer eines Adligen. Aus diesem Hin und Her hat ihm sein zeichnerisches Talent herausgeholfen. Es führte ihn nicht nur auf die Petersburger Akademie, es sorgte auch, daß er die ererbte Leibeigenschaft abwälzen konnte. Die 10 600 Rubel, die der Freilanf kostete, brachte 1838 ein Kunftprofessor durch Per- lotung eines Gemäldes zusammen. Und damals kamen Freunde zu- fällig dahinter, daß der junge Maler hcünlich Gedichte schrieb, imd sie ließen sie 1846 drucken.„Kobsar" hieß das berühmt gewordene Buch; das Wort Kobse bezeichnet etwa eine Laute, und so war die Art dieser Poesien im Titel genug deutlich gemacht. Sie war im Kerne der Ausdruck einer idyllisch gerichteten GemlltSnatur. Mit tiefer herzklopfendcr Liebe versenkt sie sich in die Heimat, die ihr die Welt ist. Die Vergangenheit des ukrainischen Volkes wacht an den Spuren auf, die sie überall im Lande hinterlassen hat. Hünengräber!— ja, sie gleichen Bergen, hohen, düstern. Von der Freiheit auf der Steppe Mit dem Wind sie flüstern. Zeugen einst'gen Ahnentumes Singen leis sie, leise, Und der Enkel senkt die Sense, Singt die gleiche Weise... Der freie Kosak, der gegen Polen, Tataren, Türken und Russen ewige Kämpfe führte, ist der Held des jungen Dichtens Schewtschenkos. Sein romantisch gefeiertes Ideal. Er siebt ihn als kühnen Steppen« reiter und als kühnen Kriegsbootfahrer. Wie die germanischen Wander- Heere einst von der Herrlichkeit Italiens träumten, so hing die Sehnsucht der Kosaken am goldentürmigen Byzanz. Die saporogischen Wiking- züge kreuzten das Schwarze Meer, das einst sogar den Namen Rnthenisches Meer eroberte. Aber die Freiheil der Kosaken sank; in den Kurhanen der Steppe, den weithin sichtbaren Heldengräbcrn, schlummert sie, überwacht von einem schwarzen Adler— dem russischen Wappentier, und der Name Kosak wurde geschändet weiter- geführt. In düsterer Stimmung klagt ein Lied Schewtschenkos 1839:„Ist mein Leid auch groß, ich will's doch aller Welt ver- hüllen.* Ohne Zweifel, die Petersburger Jahre brachten Schew- tschenko unter den Einfluß des Byronismus, der in der russischen Dichtung der dreißiger Jahre— Puschkin, Lermontow— mächtig hervorbrach. In dieser Schule wuchs seine Kraft, die Ketten zu enipfinden, wuchs fein Wille, der Vergewaltigung zu widerstehen und zu tätig freiem Leben durchzudringen. Das führte ihn hinaus über die engere Heimatwelt, riß ihn von der Vergangenheit los und öffnete ihm das große Feld der Gegenwart, der Menschheit, der Zukunft.__(Schluß folgt.) Kultur öes Suches. Leipzig verschafft sich immer mehr Geltung im Kreis der Großstädte' Große Projekte haben jetzt, wo der Frühling sich schmuck macht, zu lveitzielenden Ergebnissen geführt, die auf dem dreiteiligen Hochgebiet des Buchhandels, der Bibliographie, des Buchgewerbes Ausblicke auf eine neue Zeit eröffnen. Der Schluß- stein der Deutschen Bücherei ich gelegt worden. Das Deutsche Buch- gewerbe- und Schriftenmuseum steht fertig da und ,lädt zum Be- suche ein. Dazu kommt noch eine Kriegsliteratur-AuSstcllung, die die Sammeltätigkeit der Deutschen Bücherei auf diesem Gebiete anzeigt.'... Die Deutsche Bücherei stellt als Ganzes ein unvcr- äußerliches Eigentum des Börsenvereins deutscher Buchhändler dar. Gesammelt irud nach wissenschaftlichen Grundsätzen ver- zeichnet wird hier die gesamte deutsche und fremdsprachige Literatur des Inlandes und die deutsche Literatur des Auslandes. Die Stadt Leipzig und der Staat tragen für seine Unterhaltung' Sorge. Die Deckung der Bankosten und die der inneren Einrichtung, im Gesamtbeträge von 3 Millionen Mark, übernimmt der Staat allein. Der Buchhandel Deutschlands, Oesterreichs und der Schweiz stellt in fast vollständigem Umfange seine Produktion kostenlos zur Ver- füguitg. Iii den Verwnltuugstörper sind auch Männer Oester- Die Crweckung öer Maria Carmen. Lj Von Ludwig Brinkmann. Wird mir das bequeme Leben schon leid? Ich fürchte, lange Erziehung zur Arbeit hat mich gründlich für ein Herren- dasein verdorben. Bin wieder nach Chapult�pec hinausgeritten und habe sie wieder gesehen. Unsinn! Wirkt die mexikanische Sonne bereits ausdörrend aus mein Gehirn ein?— Ter Nachmittagsschlummer wollte nicht kommen. Acht Tage Nichtstun inordet den gesündesten Schlaf. Auch die Lektüre mundet nicht, zumal sie sehr schlecht ist. Man ist hier sehr lveit von den geliebten Bibliothek!- der Heimat entfernt. Selbst Mark Twain vermag mich ans die Dauer nicht mehr zum Lachen zu bringen. Wenn man doch nur einen Menschen hätte, mit dem man sich aussprechen könnte! Aber Schmidt vermag nur auf der sicheren Grundlage, über eine Million verfügen zu können, lxilbwegs vernünftige Gedanken zu entwickeln; sonst schimpft er ilber alle möglichen Erbärmlichkeiten, und ein melancholischer Oberton schwingt mit: Rückkehr nach Berlin, wo im letzten Grunde doch das Dasein leichter und die Dinge schöner seien. � Immer muß ich wieder an Stuart denken. Der weiß das Leben anzufassen, auch ohne die Million, und ihm noch einige erträgliche Seiten abzugewinnen. Ein Mann nach meinem Geschmack! Seine Wiege stand in New?)ork. Mit vierzehn Jahren steckte ihn sein Vater als Clerk in ein Geschäft, aus dem John aber eines Tages spurlos verschwunden war. Das Hocken über den großen, vertikal und horizontal liniierten Büchern war seinem tatenfrohen Sinne unerträglich geworden. Jahre vergingen, bis die Eltern von dein Verschollenen zum ersten Male wieder hörten: er war unter die Cowboys in Arizona gegangen. Die brutale Hitze der Steppen hatte jedoch seine kaufmännische Begabung� nicht ganz ausdörren können; er machte sich vom eigentlichen Berufe des Rinderhirten wieder frei imd eröffnete mitten in der Wüste einen Handel mit allen möglichen Bedürfnissen der Söhne der Prärie� vom Sattel und Revolver bis hinab zu Tabak, Seife und Spielkarten. Und sein Geschäft blühte; er erwarb sich ein kleines Vermögen. Doch seine Unrast duldete nicht, daß er länger das Ge- werbe eines berittenen Hausierers führte; er wandte sich nach Nordmexiko, nach Sonora, um eine Kupfermine zu betreiben — mit dem Erfolge, daß er im Laufe eines Jahres seine müh- sam erschackferten Dollars wieder verloren hatte. Was nun anfangen? Er entschloß sich, sein Glück iip der Hauptstadt Mexikos zu versuchen. Auf seiner Reise dorthin lernte ich ihn kennen. Als das Geschäft der Zollrevision in Ciudad Juarez beendigt und ich wieder in meinen Pulmanwagen eingestiegen war, sah ich den sonnengebräunten Athleten mir gegenüber sitzen. Er fing auch bald ein Gespräch mit mir an und war mächtig stolz darauf, daß sich bei ihm die Zollrevision so glatt erledigte; er besaß nur eine kleine Handtasche, die all sein irdisches Habe enthielt.„Ilber gleich nach der Ankunft muß ich mir wohl allerlei einkaufen, fürchte ich," meinte er lachend. Als wir achtilndvierzig Stunden später in Stadt Mexiko an- langten, hatten wir Freundschaft geschlossen. Wir waren beide in der Lage unseres erhabenen Vorbildes Cortez, der die Schisse hinter sich verbrannt hatte und in eine unbekannte Welt eindrang, sich ein Königreich zu erobern. Doch es sollte keinem von uns leicht werden. Um uns über die ersten schiveren Monate fortzuhelfen, entschlossen wir uns, in dem reinlichsten spanischen Hause, das wir finden konnten, — ach, es(vor nach nordainerikanischen oder mittelenro- päischen Begriffen immer noch schmutzig genug— ein Zimmer gemeinschaftlich zu beziehen und � unsere Mahlzeiten mit größter Ueberivindung zusammen mit der schmierigen Familie der Donna Eufemia einzunehmen. Und dann begann die Suche nach einem Erwerbe; ich wanderte durch die sonnigen Straßen nach den Bureaus der verschiedenen dentschen und amerikanischen technischen Firmen, die Zweighäuser in Mexiko eingerichtet haben; Stuart war nicht so exklusiv wie ich, son- dern besuchte ein jedes Haus, das eine Erwerbsinöglichkeit zu bieten schien. So ging es eine Zeitlang ohne Erfolg. Aber wir trugen unsere wechselseitigen Mißgeschicke mit Humor in uneigennütziger Freundschaft und Gemeinschaftlichkeit. An den schönen Oktoberabenden, die(vir Pfeife rauchend unter den Buchen, Palmen und Zitronenbäumen der Alameda zu- brachten, erzählten wir uns von den vergangenen Zeiten, er von den Steppen nördlich des Rio Grande del Norte, ich von Deutschlands Hohen Schulen. Schließlich aber fanden(vir Amt'und Brot. Stuart, der wilde Rinderhirt, der sich jeden Morgen seine bronzefarbenen Wangen wie eine Modedame weiß puderte, um sich wenigstens etwas Zivilisation anzutllnchen, wurde Buchhalter bei der Standard Oil Compagnie Rockefellerscher Gründung, mit 250 Pesos Monatsgehalt;! ch wurde als Konstrukteur bei meiner Gesellschaft, einer Gründung der Guggenheims, an- gestellt, ein Mann vieler akadeinischer Grade und einer pro- funden Gelehrsamkeit im Fache— mit 150 Pesos. Hier gelten eben andere Werte als in Europa. „Es macht im Durchschnitt 200 pro Kopf," sagte mein Freund, und wir lebten dementsprechend. � Doch das dauerte nur wenige Monate- dann war Stu- art es schon wieder müde, täglich acht Stunden zu addieren. Ei(( Freund besuchte ihn eines Tages, Artur Ward aus St. Pauls im Staate Minnesota, und es bedurfte nicht vieler Ueberrednng, Stuart zu einer Reise nach deni Süden zu ver- leiten, um nach einer von den alten Spaniern verlasienen Silbermine z» spüren, die nun billig zu haben sind. Wer Glück hat, kann da ans ungeahnten Reichtum stoßen. Stuart wanderte fort und ließ mich allein zurück. Der „Ruf der Berge" hat ihn mir verlockt;(ver den jemals gehört hat, inuß ihni immer folgen und ist den geheimnisvollen Schauern des Erdinnern verfallen. Seit zwei Monaten habe ich nichts mehr von ihm gehört.— Wo mag er weilen? Ich habe mich so daran gewöhnt, alles, auch das Alltag- lichste, N(it dem stets hilfsbereiten Stuart, der mir besonders in der ersten Zeit, als ich noch kein Wort spanisch sprechen konnte, unentbehrlich geworden, zu besprechen, daß.ich mich jetzt hilflos wie ein Kind fühle. Ich wollte, er wäre wieder hier! Mit dem Herrenspielen wird es nun bald ein Ende haben. Was soll ich hier in Mexiko noch(veiter? Das Leben ist so teuer, namentlich wenn man, wie ich, so viel Zeit zum Geld- ausgeben hat. Das tägliche Hinansreiten nach Chapultöpec ist barer Unsinn. Die unbekannte Amerikanerin(verde ich doch nie kennen lernen, selbst wenn ich sie hnndertmal sähe. Auch soll man die Sterne nicht begehren. Ich werde also wieder nach den Vereinigten Staaten zurückkehren. Schinidt mit seinen Lehren, Stuart init seiner aben- teuernden Fahrt zum Süden, die Erinnerungen an de». Reich- tum dieses Landes, die an den erhabenen Cortez anknüpfen und bis zmn heutigen Tage hinunterreichen, haben mich lüstern nach großen Dingen gemacht; aber mir scheint das Anßergetvöhnlichc nicht vergönnt zu sein, und ich muß mich also bescheiden. Ich habe heute schon den Anfang mit dein geordneten Lebenswandel gemacht und auf ein paar Stellenangebote in der„Electrica! World" geantwortet. Große Hoffnung habe ich nicht, aber ohne reichliches Offertschreiben ist man doch kein rechter stellenloser Ingenieur. Das gehört dazu. (Forts.. folgt.) ichs und der Schweiz einbezogen worden. Tie- Zeitschriften� literatur wird besonders gcpftegt werden. Schon jetzt gehen 11000 Zeitschriften ein. mit einer jährlichen Rummerzahl von 000 000. Tabei ist zu bedenken, dnh sie alle deutschsprachigen Ursprungs sind. Auch die Sammlung von amtlichen Tructschriften und Privat- drucken wird ein eigenes Gebiet der Bücherei bilden. Jedoch vteiben Musikalien und politische Zeitungen von dem Sammel- bereich ausgeschlossen,«rstere mit Rücksicht aus die bereits be- üehende deutsche Musikaliensammlung der Berliner Königlichen Bibliothek. Durch den Ankauf der von der I.(5. Hinrichschen Buchhandlung herausgegebenen Bibliographischen Unternehmungen ist der innere Ausbau der Deutschen Bücherei anläßlich der.wtupt, Versammlung der deutschen Buchhändler wieder bedeutend gefordert worden. trin zweites Riesciuoerk der Buchkultur ist in dem Deutschen Buchgewerbe- und S ch r i s t c n_m u s e u m erstanden.(?£> teilt sich in technische und historische Sammlungen. Das historische Material hat für die ersten Jahre in der Kulturhalle auf der Bugra Unterkunft gefunden. Tie Pläne für einen eigenen Bau sind bereits seit einiger Zeit fcstgetegt. Man darf wohl hoffen, daß die Ausführung nach dem Kriege wieder in Betracht gezogen wird und der Bau selbst in absehbarer Zeit iu Angriff genommen werden kann. Tic Deutsche Bücherei und das Deutsche Buchgewerbe- und Schriftcnmuscum lassen sich als zlvci sich ergänzende Institute denken, die sich zu einer einheitlichen Welt unter dem Zepter des Schrifttums verbinden. Tie h i sto r i s ch e n Abteilungen, die die Geschichte der Schrift von den Uranfängen an in einem fast unübersehbaren Material zur anschaulichen Darstellung bringen, umfassen allein 8V Räume. Durch Gescheute sind dem Museum viele wertvolle Stücke zugegangen. In dem großen Ganzen, das man durchstreift, ficht man eine einheitliche Zusammenfassung der besten buchgewerbtichen, buchgcschichtlichcn und buchkünstlerischen Schätze der Bugra, die allerdings wieder auf neuer Grundlage geordnet werden mußten. Man beginnt bei der Durchwanderung der 88 Räume mit den Vorstufen der Schrift»»d kommt über die Kultur Indiens und Siams zu China und Japan. In den Abteilungen, die die letzten beiden Reiche anführen, wird man die Einrichtungen eines chinesischen Gclehrtenhauses und eines japanischen Buchladens immer unter einem stärkeren Reiz der Bildwirkung betrachten müssen. Wohl zum Schönsten in der Art des Aufbaus gehört der Raum des gelehrten Chinesen. Cr ist, bei Anwendung der vor- handelten Mittel, so gut gelungen, wie man nur wünschen kann. Aegypten, Assyrien, Babhlonieii schließen sich au. Scherben, Ton- tafeln, PaphroS Wachstafeln, Pergamente, Beschreib- und Bedruck- stosse geben das Material der Ciitwickclungsphasen an. Sin Buch- laden auS Kairo bildet den Mittelpunkt im Raum des Islam. Im Stockwerk betritt man das Bereich des Mittelalters,.vier bc- ginn das eigentliche Gebiet der Handschriften und kunstvollen Druckwerke. Dem Bucheinband des 16. und 1". Jabrhundcrts sind einige Säle gewidmet. Weiter rollt sich das Gebiet der künstlerischen Graphik des 17. und 18. Jahrhunderts aus. Zwischendurch fällt der Blick in Dioramen, Werkstätten, Mönchsstuben verschiedener Art. Tic Entstehung des modernen Buche? lvird gezeigt. Weiter die EntWickelung der Bibliotheken sowie aller buchgewcrblichcn Zweige. Auch die Presse erhält ihre �arstclluiig. Holland, Italien und Oesterreich haben sich in einem eigenen schönen langgestreckten Saal vereinigt. Daran schließt sich der Raum der Reklame. Zu- letzt kommt man an die Abteilung: Das Kriegs jähr 101t/1u. Hier fesselt besonders die neue türkische KriegSgraphik. Tic technischen Sammlungen im Buchgetvcrbchaus haben den Zweck, die grundlcgcudcu Züge der vcrschicdcircn Tcchiiitcu vor- zuführen. Nun bot jeder Gelegenheit, zu sehen, was eS mit den maschinellen Zuntlioncn im Buchgewerbe für eine Bewandnis hat. Cr kann'verfolgen, in lvclcher Art und Weise die Farbstoffe beim Druckverfahren Verwendung finden, wie ein Galvano entsteht, wie die Schriftthpen gegossen, ivie die Schriftsätze zusammengestellt werden, welche Prozesse das Papier zu durchlaufen hat, bevor es fertig ist, und welche Ätosfe bei seiner Herstellung verarbeitet werden. Die von der Deutschen Bücherei im BuchgewerbehauS veranstaltete Kriegsliteraturausstellung ist in drei Sauptgrupvcn ge- gliedert: Kriegszeitungen und Anschläge. Proklamationen und Buchlitcratur. Das für die Betrachtung Interessanteste findet man in den ersten beiden Gruppen. Die Zahl der Kriegszeitungen ist scpon eine beträchtliche. Die Ausstellung bringt 21. Drei davon erscheinen in Teutschland und werden unter den Gefangenen vcr- breitet. ES sind dies:„La Gncrre",„Le Camp de Göttingcn" und ..Onze Taal". Einige von den Zeitungen sind nur in wenigen Eremplarcn herausgekommen und dann eingegangen. Tic außer- halb der deutschen Grenzen erscheinenden Kriegszeitungen gelangen in folgenden Orten zum Drucke: Laon, Tt. Quentin, Mcuin, Pouziers, Lille, Reihet. Charleville, Lodz, Spa fBelgien). Tie Proklamationen illustrieren den Ausbruch und Verlauf des Krieges sowie die Besitznahme der feindlichen Landgebictc. Tie, welche aus französischen.Händeit stammen, erhalten durch ihre Eigentümlich- ketten cigencisi Wert. Im ganzen ist erstaunlich, was für eine reiche Menge solcher Kricgslitcratur zusammengebracht wurde. Tic Seltenheiten darunter wird man erst später recht bewerten können. S. G. Die Technik öes Krieges in öer Tierwelt» Auch das Tier hat seine Fernlvaffen wie der Mensch, und eS besiehcu gelegentlich merkwürdige Aehnlichkeiten dabei, ohne daß natürlich der Mensch das Vorbild der Tierwelt nachgeahmt hat. In den westlichen Schützengräben werden rauch- und gasenlwickelnde Bomben geschlendert, die einen betäubenden Oualin verbreiten, unter dessen Schutze der Angreifer vorgeht. Ganz etwas Aehnliches tun gewisse Tintenfischarten— daher der Name dieser Weichtiere— die am Enddan» einen Tintenbeute! besitzen, in dem sie die so- genannte Sepia, eine schwarze, pulverartige Masse produzieren. die bei Gefahr plötzlich ausgespritzt wird. Währeud der Verfolger, von dem Strahl erschreckt, sich in einer dunklen Wolke besindet, entflieht der auf diese Weise unsichtbar gewordene Tintenfisch. Geradezu zur Fernwasse hat diese Methode der amerikanische Stiukdachs oder Skung ausgebildet, von dem W. H. Hudson in seinen«tudien über den La Plata allerhand Merlwürdiges erzählt. Dieser Skung. der übrigens ein geschätzte Pelzwerk liefert, schießt„mit Präzision eine wohlgezielte Ladung des Stinkdrüsensekretes bis auf sechs Meter Entfernung auf seinen Verfolger". Mit erstaunlichem Erfolge, der für seine Verhältnisse dem der Kriegs- Rauchbomben uichr nachsteht: der Geruch soll auf Kilomeler wahriiehmbar sein und soll über einen Monat lang sich bemerkbar machen. Menschen, die mit ihm in Berührung gekommen sind, iollen auf Wochen für den Berkehr mit Menschen unmöglich sein. Wenn unsere Drahtverhaue vor den Schützengräben ebenso wie die feindlichen oft mit hoch- gespannter Eleklriziiät geladen sind, so führen manche Fische, Welse und Rochen, eine ähnliche elektrische Angriffs- und Ver- leidigungSwasse dirett in ihrem Körper mit sich. Alexander v. Humboldt bat eine klassische Beichreibuug der Wirkungen der elektrischen schlage der Zitteraale usw. gegeben: die Tiere sollten eigentlich bekannter sein, denn von dem lateinischen Namen einer Gattung, Torpedo, hat eine der furch'.barsten und wirkungsvollsten Fernwafscn des Seekrieges ihren Namen. Professor Franz Tofleiu hat den Fernwaffen der Tiere eine eingehende Untersuchungen gewidmet. Die Tintenfische sind schon genannt; unter ihren zehnsüßigen Arten besitzen einige zwei eigen- lümlich gestaltete Arme, die in eine Tasche zurückgezogen und weit v o r g e! ch l e u d e r t werden können. Aus diese Weise wird mancher schnelle Fisch ihre Beute.„Einzelne Mceresschnccken spritzen chleimfäden nach ihren Opfern und fangen sie sozusagen lv i e mit einem Lasso; auf dem Lande verfahren inauche kleine spinnen in ähnlicher Weise, die aus ihren Spinndrüsen Fäden nach Ameisen und anderen kleinen Insekten schießen." In den Flüssen Hinterindiens und des malayischen Archipels kommt in seichtem Wasser ein kleiner Fisch vor, der Schützenfisch, welcher mit seinem eigenartig gesiallelen Maul Wasser nach den aus Uferpflanzen sitzenden Insekten spritzt und sie mit per- blüflendcr Sicherheit herunterschießt. Eine sehr wirksame Waffe bilden die Ncsselkapseln der ost so schönen Meeresquallen, die gerade bei den räuberischen Formen unier ihnen in großen Massen zu„Nesselbatterien" vereinigt austreten. Diese enthalten auch Gift, und„die Gistwirkung einer großen Staatsqualle, wie z. B. einer Physalia, ist so gewaltig, daß selbst ein erwachsener Mensch durch ihre Berührung betäubt werden kairn". Die Schwamm- fischer und Taucher leiden infolge der häufigen Berührungen mit den Giftstoffen der eben erwähnten Ouallenarlen, die unter ihnen als„portugiesische Galeeren" gefürchtet sind, an einer besonderen Krankheit, die schinerzhast und sehr unangenehm ist. Wenn bei allen modernen Heeren aus Rücksicht auf die Ge- ländeanpassung die„feldgraue" Uniform eingeführt ist, so haben teppen- und Wüstentiere längst die„ K h a k i u n i s o r nr der Wüste", wie Doflein anschaulich sagt, entwickelt, während die Be- wohncr der schneegefildc sich in weißen Nuancen an- paßten swie belichtet wurde, trugen in den Winter- kämpfen der Karpathen manche österreichische Truppen, den- selben Gedanken der„Anpassung" nutzbar machend, weiße Eeincnkitlel über der Winteruniform), die Urivaldtiere ein grünes oder buntes Kleid anlegten usw. Etwas den F l a t t e r m i u e n Aehnliches hat die Larve deS Ameisenlöwen entwickelt, die nicht nur sinnreich konstruierte„Tricblerfallen" baut, sondern auch aus dem Grunde die sich nahenden Opfer mit Sandkörnern bombardiert, daß sie in die Tiefe stürzen. Die kunstreichen Nctzgewebe mancher Räuberspinnen erinnern an die schützenden Stacheldrahtverhaue vor unseren Linien. In manchen Ameisenstaaten, in Mitteleuropa bei einer einzigen Art, ist eine richtige Kriegerkaste, also ein „stehendes Heer" ausgebildet. Hier hat der Soldat„einen riesigen Kopf, mit dein er im Falle eines Angriffes die schmalen Gänge im Ameisenbau blockieren und mit seinen starken Kiefer- zangen beherrschen kanir." Manche tropische Ameisenformen haben diese Kiefer„enorm säbelförmig entwickelt", womit sie den Gegnern schwere Wunden beibringen können. Schließlich sei noch erivähni, daß Gorilla und Schimpanse nach den allerdings von manchen Forschern angezweifelten Berichten Du Chaillus Baumäste als An» griffs- oder Verteidigungswaffe benutzen, das heißt eine„Gewehr- k o l b e n t a k t i k" anwenden. Kleines Feuilleton. Karl Lamprscht. Der Historiker Karl Lamprecht ist in einem Leipziger Kranken« hause gestorben. Der Sechzigjährige, der voller großen Plane war und noch im März an der Front in Frankreich Vorträge gchalien hatte, ist einer Ileberspannung seiner— großen— Arbeitskraft erlegen. Unter allen deutschen Geichichlssorschcrn und-schreibern war in den letzten 20 Jahren sein Name am bekanntesten geworden. frellich war seine Bedeutung am meisten umstritten. Die zunst« mäßigen Hisloriler aus der Rankeschule bekämpften ihn aufs heiligste und der Gegenpol der Wirlschastshisloriker nicht minder. Beiden war er zu„geistvoll" und ionslrukliv. Lamprecht, der schon als sludent den Grund zu feiner universalistiichen Sludi-n gelegt hatte, begann als Wirlschaft-5- historiler. Seine Unlersuchungen über deutsches und französisches Wirtschaftsleben sind heule noch dankenswert. Mit seiner Ueber- siedlung nach Leipzig, die 1801 erfolgte, begann seine Deutsche Geschichte zu erscheinen, die heule smit den Ergänzungen) in 18 Bänden vorliegt. In ihr versuchte er eine Gesamtdarstellung des deutschen Lebens, von der wirtschaftlichen Grundlage bis zur sublimsten Ausstrahlung des künstlerischen Schaffens. Gegenüber der bloßen politischen Geschichte war hier ein großer Forlschritt erzielt: eS war wirklich eine Kuluirgeichichte aus breiter Basis versucht. Aber dabei erlag Lamprecht den Verlockungen seiner konstruktiven und zu schnell generalisierenden und trotz aller Betonung des Wirtschaftlichen dvcp lvieder ideologischen Methode. Nicht bloß die Vertreter der allen Schule, die vor lauter Ouellen niemals zu den Zusammenhängen vordrangen, spotleteii über die Kühnheiten seiner Kiilturslusen. in die er ganze Epochen einzwängte, indem er sie auf einen GeneraUieuncr brachte. Die lulturhislorisch-psychologische Methode. die hier angewendet wurde und zu einer beinahe unübersehbaren polemischen Auseinandersetzung sührle, unterlag zu sehr subjektivistiicven Tendenzen. Die gesetzmäßige Reihenfolge geistiger Gesamtströmungen, die Lamprecht ausstellte, war noch nicht exakt durchzuführen und führte viel- fach zum Willkürlichen. So blieb die„Deutsche Geschichte" bei der Fülle vor Neuem und Anregendem problematisch. Daß die materialistische Gcschichtsallffassung trotz mancher methodologischer Belührungspunkie Lamprechrs Darstellung nicht zustimmcil konnte, ergab sich schon aus der ganz verschiedenen Einstellung bürgerlicher und proletarischer Geschichtsaiiffaiuiiig. Als Lehrer eiiiwickelte Lanipreckit eine vielieüige und umsassende Tätigkeil an der Leipziger Universität. Er begründete zu gulcr Letzt das Institut für Kultur- und Unioersalgeschickite, in dem zum ersten Male der Versuch gemacht wurde, Weltgeschichte auf erakt vergleichender Grundlage zu treiben. Eine Hörerichar aus olleir Ländern beteiligte sich an diesem groß angelegten Institut. In den Kreis dieser Tendenzen paßie sich auch Lamprechrs Beteiligung an der Bugra ein: er organiiierte die entwicklungsgeschichtliche' Abteilung, die ja erhalten bleibt und ein dauerndes Denkmal emeS weitum'panncnden, wahphast univerialhistorisch gerichleten Geistes>s!. vi>r Erfinder des Maschinengewehres. Franz Feldhans, der den technischen Leistungen und Erfindungen Lionardos da Vinci ein besonderes Studium gewidmet hat, niinint für den großeir Meister auch den Ruhm der ersten Erfindungen des Maschinengewehres in Anspruch. In der von Prof. Archenhold her- ansgegebencn Zeilschrift„Das Wellall" berichtet er von Zeichnungen Lionardos, die das Modell eines Gelvehres mit inehrcreir Läusen darstellen. Hierdurch sollte erreicht werden, daß mehrere Schüsse dicht hintcreiiiander in verschiedenen Richtungen abgegeben werden konnten. Eine solche Maschine nannte man damals be- zeichncnderlveise eine Totenorgcl. Das größte von Lionardo entworfene Modell zeigt ein Gewehr mit acht Lagen zu fe neun Läusen, das also 72 Schuß leisten tonnte. Nun erreicht sreilich das heutige Maschinengewehr mit nur einem Rohre, dem die Patronen automatisch in dauernder Reihenfolge zugeführt werden, und das sich leicht drehen und frei handhaben läßt, eine viel größere Wirlung, als Lionardos Maschine hätte leisten können, aber der große Erfinder hatte doch, wie FeldhauS hervorbebt, das Prinzip des Maschinen- gewehrcs bereits ganz richtig erfaßt und war also mit seiner Er- Notize». — Theater chronik. Georg HirschseldS Komödie .. R o e s i ck e S Geist" bringt die B o l k s b ü h n e als letzte Neuheit dieser Spielzeit am Sonnabend, den 13. d. M., zum erstenmal zur Aufführung. — D i e S o m m e r o p e r der Volksbühne. In den spielfreien Soinmermonalen wird in der Vollsbühne Hermann G u r a, der von seiner Tireklionssührung bei Kroll her bekannt ist. Opernvorstellungen veranstalteir. Besonders soll Wagner gepfleqt werden. Die„Meistersinger" sind als erste Vorstellung geplant: daran sollen sich„Lohengrin",„Tannhäuser",„Walküre" und„Sieg- sried" anschließen. Außer Wagner sollen Opern von Mozart. Verdi. Weber gespielt werden. Als Dirigenten sind Lohfe und Mikoreh in Aussicht genommen.— Hoffentlich bewährt sich die Volksbühne cbemo für die Oper wie als Schauspiel- und Konzertbaus. veutLLkes Tkester Dirsktiou: Max Eeinliardt.. 7 HZ Uhr;(''allst. I. Teil. Morgen 8 Uhr: Das Wintermärohen, „ 2'/, Uhr: Xachraittags- Vorstellnng(kleine Preise); Das alte Spiel von Jedermann. Kammerspiele S1,', Uhr: C«awän. Donnerstag: DcrWelbstenfel URANIA T""8e°9.tr- -1 Uhr(halbe Preise,: Äuf ijenzMed. Kriegsselmüplatz mit der Maeteen-irmee. 8 Uhr: Generalmajor a. ü. Bahn und Prol. Dr. Donath: Der Kamp! W Iiis iaräansüeD. RitaSacchetto Else Bötticher Rosa Felsegg Julius Spielmann sowie der neue Mai-Spielplan. Theater für Mittwoch, den 12. Mai. Berliner Theater 8 uhr: Extrablätter! Deutsches Künstler-Theater s uhr: Die Kreuzelschreiber Deutsches Opernbaus, Cbarlottenb. s uhr: Die Jüdin (Letztes Gastspiel Leo Slezak.) Gebr. Herrnfeld-Theater .... Der Ciedankenleser. b Uhr:||as einzige Mittel. Kleines Theater fl7-, Seherz, Satire, Ironie s i-nr: n> Dietere Bedentung Komische Oper 8i° u.: Der Opernball Komödienhaas s uhr: Die fünf Frankfurter Lesslng- Theater 8 uhr: Datterich Lnstspielhaas s,.uhr Ein Praehtmädel Metropol Theater 8 uhr: Der Hochtourist Moutis Operetten-Theater Gastspiel Louis Treumaun. 8 uhr; Hoheit tanzt Walzer Residenz-Theater s uhr: Die Schöne vom Strand Schiller-Theater O. s Uhr: Der lächelnde Knabe Schiller Th. Charlottenbg. s uhr; Der blinde Passagier Thalia-Theater 6Uhr: Alt-BerlinerPossen- Abend: Das erste Mittagessen. Hermann und Dorothea Guten Morgen, Herr Fischer! Theater am Xollendorfpl. 8'/. Uhr: Immer feste draft! Sonnt. B'/jü.: Der Graf v. Luxemburg Theater des Westens 3 uhr: Die Landstreicher Theater in der KöniggrätzerStraBe s uhr: Rausch Trianon Theater S'/.ühr: Wie man einen Mann gewinnt Morgen 3'/, U.: Die Waise.aus Lowood VoIksbühne.Theateram Bülowplatz 8-/. uhr: Glaube u. Heimat Casinos Theater Lothringer Straße 37. Täglich 8 Uhr. Nur noch bis lii.Mai"IMG der neue Lustspiel- Schlager: Die Kiite Mama. Sonntag 4 Uhr: Reebengasse 26. Sonnt., 16. Mai: Abschiedsvorstellung. Wiedereröffnung im August. I�ose-Idester. 8 Uhr: Mullerllebe. nach Süd-Amerika Nächste Abfahrten von AmrterdamxäSüd Amerika (La Coruna, Vigo, Lissabon, Pernambuco, Bahia, Riode Janeiro, Santos, Montevideou. Buenos Aires) Schnelldampfer: Frisia, 26. Hai und weiter alle 14 Tage. Frachtdampfer: 2,, 30. Juni u. s. w.' Auskunft durch den KÖNIGLICHEN HOLLÄNDISCHEN LLOYD, AMSTEßDAM oder in Berlin: Passage-Agentur D.A.Vonk,70Unt.d.Lind.,NW7 Telegramm-Adresse: Realloyd Telephon: Zentrum 11881 V olgt-Theater. Badstr. 58. Badstr. SS. Freitag, den 14. Mai: Benefiz für Herrn Hans Knispel. Auf fremder Erde. Sonntag, den 15. Mai, letzte Vor» ftellung der Wintersaison. Kassenerössnung 7 Uhr. Ans. 8 Uhr. Walhalla-Theater. s uhr: Die Jagil Wh tlem GIDek. Reichshallen-Tbeater. Stettiner Sänger. Ans. 8 U- Zum Schluß: \ltWi Militärisch. Zeit bild von Dieysel. AUIitärpersonen u. deren Angehö- rigen vollkommen s r e i e r Zutritt zu d.Stett. Sängern. Berliner Schweiz. Morgen u folgende Sonntage: Extrafahrten Wik der Re8öEreiNobilifli,)abnrnü0cwke1' Abfahrt: Vormittags um 9 Uhr, nachmittags um 2 Uhr. I" Bon Pfingsten ob finden die Zährten täglich statt.-ZfcZ Von der Oberbaninbrücke(Falckensteinsirafie) am Himmr!- snhrlstag(13. Mai) sowie jeden Sonntag und Feierlag _ SSF" Dampfer- Extralahrten nach Xeu-Herliigsclort*. Ah!. 9 Uhr, 11'/, Ubr vormittagS�und 3 Uhr nachmittags.>>iii und zurück dO Pf., Kinder 30 Pf. Ferner: Sonntag, den 13. Mai. zur»an,» diäte nach Werder. ÄbiaHrt von der Marschallbrücke. nahe Reichstag-- gebäude, 9 Uhr.— Abfahrt Charlottenburg. Tegeler Weg, nahe Bahnhof Jungfernheide g'/- Uhr.„ Kccdcrci Kieck, Jalckenstcinftr. 18, Telephon Mpl. M-m. --- 1»—_—— M— B—— g——— i——— i_---—------—--—---—— �- ,13„ T i m pur Verantwortlicher Redakteur: Zllsreg Wielepp, Neukölln, Für Znjeratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin, Druck u.Verlag:Lorwärt«Buchdruckz:ei u< Verlagsaujtalt Paul Singer äe Co, Bei,