St. in— isla. Unterhaltungsblatt öes Vorwärts w Der Zreiheitsöschter öer Ukraine. (Schluß.) Die Humanitätsideale werden SchswtscheuloS Aiel— daS eben izibl ihm die Aehnlichkeit mit dem deurscherr Dichter, der 1859 nalionat gefeiert wurde. Die ukrainische Heimat wird in seiner Dichtung zur lebendigen Verkörperung und Verherrlichung des Begriffs Wahrheit! ihre Freiheit erfüllte, was die Wahrheit forderte. Lein DienfchheitSfühlen tränkte sich mit dem revolutionären Ideal der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Mit der Tat seines Dichtens trat er für die Armen und Bedrückten auf den Kampfplatz, ein mutiger Versteher und Verzeiher, der auch im Verbrecher den Menschen nicht vergißt. Einst hatte er den Aufstand der Hajdamaken, der um 17S8 gegen ihre Ausbeuter, die polnische Lchlachta besonders, sich erhebenden ukrannschen Bauern und Kosaken, in starken Liedern besungen; jetzt stieß seine Dichtung gegen den moskowitischen Volksverwüfter vor. Ungeheuerlich an schonungsloser Wucht ist sein große? Gedicht ..Traum*. daS Gericht hält über die Aaren, die mit den Leibern der zur Fron gezwungenen Kosaken die Sümpfe der Newa ausfüllen. Ein Gedicht„Huß* entsteht 1845; darin stehen die Zornverse: Nur Unrecht überall und Knechtschaft, Das Volk verstummt, an Qual gewöhnt. Recht und Wahrheit— Menschenmörder Schlugen sie in Banden. Deinen Ruhm und deinen Willeu Machten sie zu Schanden! Menschen ächzen bang in Kette«, Wer hilft kühn sie brechen? Wer hilft, eines Sinns und HerzenS, Kämpfen gen die Frechen Für der Wahrheit Evangelium. Für die vielen Blinden? Gott, o Gott, wird sich denn niemaud Je zur Hilfe finden? Nicht verzweifelnde Klage war dieser Schrei; al« ein Weckruf war er ins Volk gesandt. Schewtschenko wollte es erlösen aus seiner duldenden Erstarrung. Laß mich nur nicht lebend schlafe«, Nicht mein Herz ersterben, Mich nicht, gleich'nsm faulen Klotz«, Liegen und verderben; Laß mich mit dem Herzen lebe«. Und dich. Gott, nur preisen. Deine Schöpfung lieb gewinne», Menschen Brüder heißen. Schrecklich ist eS, zu erliege» Eines Kerkers Strafen, Schlimmer aber ist's, in Freiheit Schlafen, nur zu schlafen— Ach, auf ewig einzuschlafen Und begraben werden Spurlos!— gleichviel, ob man lebte Oder nicht auf Erden... Als diese aufrüttelnden Strovhen geschaffen wurden, Strophen leidenschaftlichster Ungeduld, hatte Schewtichenko Petersburg verlassen, um auf ukrainischem Boden den erkannten hohen Zielen vorzuarbeiten. Die Akademie hatte seiner Malkunst die goldene Medaille zuerkannt, ein Grund inchr, daß die Heimat ihn jubelnd empfing. Abermals sog er ihre segnende Kraft, sein Dichten und sein Malen der Jahre 1844 bis 1847 zeugt davon. Die Universität zu Kiew gab ihm ihre Professur der bildenden Künste. Natürlich iand er dort sofort seinen Posren im politischen Kampfe. Wort und Bild wurden ihm ganz und gar Waffen für den Ansturm gegen den tyrannischen Volksfeind. Er gehörte der„Brüderschaft des Cyrill und Methodius" an, die sich also nach den beiden byzantini- ichen Aposteln benamst hatte, die den Slawen das Christentum ge- bracht haben. Wie in allen vormärzlichen Freiheilsbewegungen wirkte auch in der ukrainischen das religiöse Moment. Der Name jener Brüderschaft deckte aber das Programm der Befreiung der Ukraine und aller slawischen Völker vom moskowitischen Joch. Freiheit und Gleichheit, die Aufhebung der Dje Erweckung öer Marko Carmen. S| Von Ludwig Brinkmann. k'aut« Äs rnisuF den schönen Sonntagnachmittag mit dem doktrinären Schmidt erbracht. (fr entwickelte mir wiederum seine ökonomischen Theo- rien: Alles politische Erobern, Erobernwollen ist sinnlos. Ob die Staatsgrenzen eine Kuhhaut oder einen Erdteil umfassen, ist für das Individuum gleichgültig. Auf das Wirt- ichaftliche Erobern kommt es allein an, auf die geschäftliche �Ausbeutung fremder Nationen. Diese sollen unsere Waren kaufen, unsere Arbeitskräfte mieten, die entweder ihre Erspar- nisse nach Hause schicken oder nach beendigter Arbeitszeit mit ihrem Vermögen zurückkehren, und schließlich uns für aus- oeilehene Kapitalien reichlich Zinsen zahlen. Tann blüht das Glück des einzelnen und damit auch das der Gesamtheit. Alle anderen internationalen Bestrebungen find Blödsinn. Dagegen sind wir in unseren alten Institutionen verknöchert. ltnsere Diplomaten(daß Gott erbarm!) werden nur von höfischen Gesichtspunkten aus erwählt, nur nach höfischen Rücksichten instruiert. Tüchtige Geschäftsleute sollte man von Staats wegen zu anderen Nationen senden, die den individuellen wirtschaftlichen Eroberern die Wege ebnen, und sie mit einem Promille oder einem Zehntel Promille an der Iah- lungsbilanz zwischen unserem Volke und dem fremden be- teiligen. Tann würden sie neue Eroberungsmöglichkeiten für uns ausfindig und im Reichs- und Staatsanzeiger Riesen- reklame machen, wenn es in dem Lande, in dem sie akkreditiert sind, noch etwas zu verdienen gibt. Und unseren deutschen Sparern würde die Tasche etwas ausgeknöpft und so das Ganze gedeihen. Ich sagte Schmidt, er habe ganz recht, ich könDe es aber nicht ändern. Worauf er mich bemitleidete. 'DaS Unerwartete geschieht zuweilen auch. Ich erhielt heute ein Telegramm aus Piüsbnrg von der Lüestinghouje Electric and Manufacturing Company;..Sfse» rieren Ihnen monatlich hundert Tollars. Wann sind Sie ab- kömmlich?" Eine Antwort auf ein vor fünf Togen geschriebenes Stellungsgesuch. Wenn auch das Angebot nicht gerade glänzend ist, so verheißt es doch so viel, als ich gefordert habe; mehr kann man nicht verlangen. Und da die Leute ein paar Dollars für das Telegramm geopfert haben, ist ihnen sicherlich an mir gelegen. l Leibeigenschaft, eine Bundesrepublik schwebte den Mitgliedern als Ziel bor. Da griff eines Tages mit jäher Faust der Zarismus sin. Schewtschenko war eben im Begriff, die ihm von Freunden vermittelte Möglichkeit einer Reise nach Italien zu nutzen. Schon auf dem Wege, wurde er an der Grenze deS Landes— bei der Ueberfahrt über den Dniester— verhaftet und nach Norden in die Peter-Pauls-Festung geschleppt. Ein mächtiges Gedicht gegen den Zarismus war die Ursache dieses Schicksals. Der Dichter hatte es einem gräflichen Freunde gewidmet, der wegen seiner freiheitlichen Gesinnung zum Dienst als gemeiner Soldat in der kaukasischen Armee verdammt worden war, eine Strafe, die nur ein indirekt exekulierteS Todesurteil dar- stellte, wie denn auch jener Freund seine Tscherkesienkugel empfing. Nun fiel das Gedicht den Schergen in die Hände und wer eS liest, begreift die schonungslose Wut der Angegriffenen..Kaukasus* ist eS überschrieben und mit Versen, die wie bei uns Verse von Freiligrath durch Generationen von Revolutionären unzerstörbar weiterleben, setzt es ein: Allüberall Berge, von Wollen wnfloffn«, Mit Jammer besäte, mit Blut übergossne l Seit der Urzeit schafft der Aar dort Dem Prometheus Schmerze», Hackt ihm täglich an den Rippe», Hackt an seinem Herzen; Er zerhackts, sein Blut er trinkt eS Niemals doch zugrunde, Stets wird neu das Herz doch lebe«, Lachen trotz der Wunde. DaS Gedicht ist eine aus gepeitschtem Blut herborschreiende Ab« rechnung mit dem zarischen Despotismus. Aus der Seele des Leib« eigenen ist es abgelesen. Geißelschläge der Empörung sausen mit reißenden Dornen gegen Entrechtung und Ausbeutung und all' ihre heuchlerische Niedertracht..Gib' nur und schind, dann kommst Dil ge- schwind ins Paradies samt Weib und Kind!' ist die heilige Lehre der Gewaltsippen, die ihren sich krümmenden Opfern achjelzuckend beteuern:.Wir handeln nur nach dem Gesetze*. Und der Dichter reißt ihnen die MaSke vom Gesicht:.Nur die Haut an eurem Bruder liebt ihr, nicht die Seele*. Sie spotten, höhnen, schmähen Jesus Christ, den Gottessohn; all ihr Tun ist nichts anderes als das: Kapellen. Kirchen, Bilder, Priester— Und alles weihrauchdust-erfüllt— Verbeugungen vor deinem Bild— Und unaufhörlich Bittgeflüster Um— Diebstahl, Krieg und Mord und Blut! Nach Bruderblut sie heimlich schreien, tum Dank sie dann ein Bild dir weihen, >estohlen in des Brandes Glut... Mit ausgesuchten Foltern vergalt der barbarische Feind dieses schneidende Gedicht. Nach drei Monaten Schlüsselburg wurde Schewtschenko in die Kirgisensteppe verbannt, und hier sollte er langsam geistig erdrosselt werden. Denn das Verbot erging, er solle weder lesen, noch schreiben, noch malen, noch fingen. Militärtscher Zwangsdienst war ihm verhängt: als gemeiner Soldat hatte er in einer Strafkompagnie zu schuften. Ein Offizier, der des Dichters Qualen begriff, bewirkte, daß er einer milltärisch-wiffenschaftlichen Expedition an den Aralsee als Zeichner beigegeben wurde. Dafür traf den Mitleidigen Strafversetzung, und Schewtschenko wurde weiter in die astatische Einöde, nach dem Ostgestade des KaspiseeS verwiesen. Daß sein dichterischer Lebensatem sich der würgenden Gewalr nicht fügte, ist selbstverständlich. Aber er mußte das heimlich Geschriebene verbergen, und zum Versteckplatz machte er seine Sliefelsohle. Die Lieder dieser schrecklichen Zeit sind ge- rettet worden. Verse aus der Schlüsselburg mahnen, au der Heimat festzuhalten; denn so viele vergaßen draußen ihr Bestes, so viele verkamen in den fremden Prunkpalästen. Das Ziel sei:.Rur eignen Grund pflügen*; er wollte der Ukraine ihre gesunde eingeborene Volkslraft erhalten. Am Aralsee 1348 gedichtete Strophen bangen uni seine Kinder, seine zarten, seinen Lieder, daß sie nicht in Rauch aufgehen:„meine armen UnglückSkinder in der Wüstenöde*: sie sollen.zur Heimat schweben und erzählen, wie'S so schwer war. hier für sie zu leben*, diese Lieder, die voll Sehnsucht sind wie Kinder, die der Mutter harren. Einmal bricht in OrSk die Klage hervor, daß er wissend geworden und Gott geflucht, statt daheim sorglos als Hirt hinzuleben und ruhig eines Tages den Tod anzunehmen. Dies Verzagen begreift Obgleich die Rückkehr nach Pittsburg in all seinen Kohlendunst, sein abscheuliches, wirres Durcheinander von Hochöfen und Aabrikschornsteinen, die sich in das enge Tal des Allegbany- und Monongahelaflusses einklemmen, und in seine straffe Arbeitsdisziplin mir unter dem azurblauen Him- mel Mexikos keineswegs verlockend erschien, habe ich doch zu- gesagt. In vierzehn Tagen werde ich also meine Arbeit in Pittsburg antreten. Schneller abzureisen konnte ich mich ober nicht entschließen. So habe ich noch eine gute Woche für mich in Mexiko; ich möchte noch ein paar kleine Ausflüge machen. Und dann lebe, wohl, Land meiner Blütenträume. Mit der stolzen Laufbahn des Cortez ist es nichts getoesen. Schade! Wenn der schreibfaule, nachlässige Stuart nur seine Adresse aufgegeben hätte! Soll ich ohne Abschied von ihm scheiden, um ihn vielleicht mein Lebtag nicht mehr wieder- zusehen? » Bin glücklicst von der Fahrt nack» Cuernavaca zurück- gekel?rt. Wahrlich eine traurige, sentimentale Stunde im Garten Bordas, wo Kaiser Maximilian einst Hof hielt. Auch ihm hatte Mexiko nicht gehalten, ivas es versprochen. Ich babc lange unter den Mangobäumen gesessen, deren dunkel- belaubte Zweige sich unter der Last der Früchte tief herunter- beugen, um sich in den stillen Wassern des Weihers zu spie- geln, auf dem ein paar einsame Schwäne stumm einherziehen, wie im Traum. Ein paar hundert Meter von hier erhebt sich von des geschickten Steinmetzen Hand gemeißelt der Palast des Cortez, der es liebte, sich hier von den Lasten und Drangsalen eines unvergleichlichen Heldenledens zu erholen. Beneidenswerter. dem es vergönnt war, für den großen Willen das große Werk zu finden, um das Große an sich zu vollenden! Eine verführerische, traumschöne Nacht im Garten Bor- dos, des Minengranden, der vor Jahrhunderten aus dem Er- trage seiner Silbergruben sich dieses Paradies geschaffen! Bin ich denn gar so untüchtig, daß mir nichts gelingen will, wo allen anderen doch der große Erfolg geworden? So große Eriolge, daß sie fast wie Märchen klingen, die Geschichte der Gruben TajoS de Pauneo, Eonde de Valenciana, MarquÄS de Ragas, der Minen von Somberete und all der anderen, aus denen ein Strom von Edelmetall so reich geflossen ist, daß die Besißer aus reinem Uebermute die Straßen des Landes mit Silberbarren pflasterten. Solche Schätze schlummern jetzt noch im Reiche, aber nicht ein jeder vermag den Zauber zu lösen, der sie bannt. Ich will mich aber nicht von meinen schwermütigen Siirn- mungen niederzwingen lassen. Es paßt nicht in diese Welt de? Kampfes. man wohl. Die Oual des Exils fraß seine Kraft. Und die Oual dauerte zehn Jahre! Erst 1858 gewährte der neue Zar Alexander H. ihm die Heimkehr. Das Ziel, Schewtfchenkos Leben zu zerstören, hat der Zarismus erreicht. Wenn auch nicht so schnell, wie'S seiner Wut genehm gc- Wesen wäre. Schewtschenlo starb erst drei Jahre nach der Bc- gnadigung. Wenn der Dickuer in dieser kurzen Frist nicht mehr zum Schaffen großer Werke aufstieg, so war doch der Freiheitskämpfer an der Arbeit. Er stürzte sich in die Bewegung gegen die Leib- eigenschaft, die der Zarismus notgedrungen fördern mußte. Vielleicht war das der Grund gewesen, des Dichters Exil zu beenden. Jeden- falls rettete es ihn vor neuem Kerkerdrangsal. Denn als er 1859, von einem polnischen Gutsherrn denunziert, verhaftet wurde, ließ man ihn bald wieder frei. Aus dieser Zeit stammen Lieder, die daS Leid und den Traum der Leibeigenen mit tiefem Fühlen ausströmen. AuS blutendem Herzen gnollen zur Zeit der neuen Verhaftung Verse an seine Schwester: lind ihr— ihr träumt: ein Boot, es schifft« Durchs Wogenmeer, es kommt heran. Doch jählings wieder sinkt es dann— .O Bruder du, mein Heil! mein Bester t* Wir wachen auf aus holdem Wahn: In Ketten ich, in Fron die Schwester... Dies unser Los von Jugend an. In Ziffern lautete die Rechnung seiner Lebenszeit so: 2t Jahre leibeigen, 19 Jahre gefangen, 12 Jahre freier Mensch. Und die Erfüllung wenigstens seiner letzten Hoffnung erlebte er nicht einmal: erst nach seinem Tode— wenige Tage später— wurde die Leibeigenschaft aufgehoben. So erlebte er auch nicht, daß dies Ereignis für die Freiheit seines Landes nichts Entscheidendes bedeutete. Aber fein Werk schlug den Tod. Sein Grab auf einem Hügel bei Kauico am Dnjepr— so wünschte er's im Liede— ist ein nationaler Wall- fahrtsort der Ukraine geworden. Ei» echtes Heiligengrab: denn die Bauern glauben, ein Gang dorthin könne Gebrechen heilen. Sie fornien die Ehrung deL Dichters nach ihrem Sinn. Im Kerne meint ihr religiös bewegtes Gefühl nichts anderes als alle sonstigen Volksmasten der Ukraine. Sie feiern in Schewtschenko den Inbegriff ihres höchsten menschlichen Wollens. Sein drängender Geist, der aus den Tiefen des Volkes herauf- stieg, wird in allem lebendig empfunden, was sich entfalten will zu befreitem Schaffen. Daher die ungestüme Wucht der vorjährigen Schewtschenko-Feste. Der Zarenhaß allein erklärt fie nicht. Ein solcher Nalionaldichter wird lange gelten. Denn er ist vor allem «in Revolutionär._ Franz D i e d er i ch. Das K!nö. Don einer Anhöhe herab tobte und klirrte da? Gefecht. Die Franzosen krallten sich an ihrer Erde fest, warfen sich heiß von Wut und Tränen hinter Hügel und Büsche, stemmten sich in Löchern und Gräben gegen die Deutschen. Diese schritten in breiter Reihe vor, beugten sich im Hagel der französischen Geschvssc, sahen links und rechts nach den Kameraden, drangen dann wieder talwärts. Die Reihe hob und senkte sich, lief vorwärts, stand und warf sich in? zerstampfte nasse Gras in rhvthmischer Gleichmäßig- teit. Al« wären es nicht hundert einzelne Menschen, sondern eine Kette mit hundert Gliedern. Eine graue, stählerne Kette. Bei jedem Anprall wurden Lücken in sie gerissen, sie schloffen sich wieder, und die Kette rasselte und schwang sich weiter über den braungrünen Rasen. Die Gesichter der Soldaten waren vom Staub grau gefärbt wie ihre Uniform, die Züge hatten die Wut des Kampfes starr gemeißelt. Von Zeit zu Zeit war es, ab könne sich die graue Kette nicht mehr erheben. Dann raste da.. Feuer der Franzosen; es schien als hätten Erde und Himmel stählerne Zähne bekommen, die knirschend und malmend zusammenfuhren, Kleider. Fleisch und Herzen zerriffen. Aus manchem grauen Kleide schoß ein roter Strabt warmen Lebens. Dann stießen die Kameraden der Getroffenen Rufe aus, die sonst bei Menschen nickt zu hören sind, die aus unbekannten Tiefen kommen. Und stürmten weiter. Tie Franzosen waren im Tale auf einer geraden, ebenen Straße angekommen. Die meisten sprangen darüber binweg und benutzten dt« Böschung als Deckung. Viele achteten der Zurule ihres Offiziers nicht, sie blieben trotzig wie auZ�Erz gegasten aut der Straße stehen, als hielten sie es in dieser Stunde für unedel und feig, sich in ihreni Lande, sich vor dem Antlitz ihrer Mutter Stuart ist zurückgekehrt. Einen Tag vor meiner Ab- reise! Gegen zehn Uhr stürmte er mit seinen schweren Stic- fein in mein Zimmer, baß Verwunderl, mich im Bette zu finden. Er vermutete mich bereits seit zwei Stunden bei Baker. Nun, ich hatte ihm bald die nötigen Aufklärungen gegeben, und dann begann er zu erzählen. Er war die ganze Nacht hindurch gereist und gerade vor einer Stunde in der Stadt angekommen, triumphlerend in seinem Glücke, eine Silbergrube, die ihm alle Reichtümer beider Indien verspricht, gesunden zu baben. Wie er dazu ge« kommen?— Einfach genug. Von Oaxaca ist er mit Ward zu- sammen immer weiter nach Süden vorgedrungen, in die alten Silberminendistrikte hinein; ein Dutzend verlassener Berg- werke ist da bereits von einigen Amerikanern wieder in Be- trieb genommen worden, und die zu neuem Leben erweckten Gruben machen sich glänzend bezahlt. Zwischen diesen Männern haben sie nun ein paar Monate gelebt, haben sich ein Bild von den geologischen Verhältnissen des Bezirks, von der Lagerung der silbererzhaltigen Schichten machen können, haben festgestellt, daß die Adern sich keilförmig zur Tiefe verdicken. und in einem engen und tiefen Seitentale des Rio Verde den natürlichen Zugangsplatz zu den reichsten Lagern entdeckt. Und als sie beide nun einige Kilometer südlich von dem neuentstandenen Minenlager dieses Tal genauer untersuchten, fanden sie ein wenig altes Gemäuer und den Eingang zu einem verlassenen Stollen, der fast horizontal in den Berg hineinführt. Natürlich war er im Lanse des halben Jahrhunderts, seitdem die Mino verlassen, säst ganz zugeschüttet; aber der Schutt und das Geröll sind rasch genug zu entfernen, wenn ein Dutzend Arbeiter erst einmal tüchtig darangeh'. Noch mehr: sie haben auf halber Höhe des Berges die Oeff- nnng eines fast senkrechten zur Tiefe binabführenden Luftschachtes entdeckt, einer Rölme ähnlich, nicht geräumiger als sin gewöhnlicher Schornstein, durch dessen Vorhandensein und Lage sie berechnen konnten, daß der horizontale Stollen mrndc- stens fünfzehnhundert Meter in den Berg getrieben ist, also mitten im Erze angelangt sein muß. Natürlich haben sich beide. Stuart und Ward, sofort das Vortaufsrecht gesichert und sind niit dem Besitzer, einem Pferdehändler in Oaxaca — der das Land lediglich als Schaf- und Eselweide benützt. aber sofort mit instinktiver Schlauheit merkte, worum es sich handelt, und dementsvrechend unverschämte Ansprüche stellte— nach langem Feilschen auf einen relativ mäßigen Ankaufspreis einig geworden. Tie dreißig Pertinencias, die nach der staatlichen Landeseinteilung jenes Gebiet ausmachen, sollen für vierhundert Pesos das Stück in den Besitz von Ward und Stuart übergehen. Ich fragte den Frermd, ob er denn auch ganz sicher sei, Erde zu Verstecken. Sie standen und feuerten. Alle fielen. Alle dreiteteu im Fallen die Arme weit aus, schlugen mit krampfhaft geballten Händen auf die Erde— im Fluchen und im Beten. Der Abstand zwischen den Feinden wurde geringer, bald konnte der Augenblick kommen, wo sie gleich Raubtieren sich ineinander verbissen, würgten, umkrallten. Da wichen die Franzosen aus und suchten ein nahes Dorf zu gewinnen. Am Dorfeingang sam- inelten sie sich in wenigen eilenden Augeilblicken, dann waren sie auch schon hinter den ersten Häusern verschwunden. Durch das Hirn des deutschen Hauptmanns zuckte der Ge- danke: ihr müßt sie im Laufen halten, müßt verhindern, daß sie iil die Häuser dringen und sich dort einnisten. Er schwang seinen Degen, rief ein Kommando und stürmte die Straße entlang dem Dorfe zu. Die graue Kette schob sich zusammen und siampfle und dröhnte über die Straße. Als der letzte Franzose kaum das zweite Haus im Dorfe hinter sich hatte, kam aus einer �offenen Gartentür ein kleines Mädchen getrippelt. Es trug im Schürzchen eine kleine Katze und wollte mit diesem Schatze quer über die Straße. Von Bewohnern war seilst im Torfe nichts zu sehen. Sie hielten sich m Ställen und in sicheren Kellern versteckt, zitterten und weinten. Die Mutter der Kleinen befand sich gewiß auch mit Eltern, Geschwistern und Ver- wandten in solch einem Versteck. Sie alle hatten wohl nicht be- merkt, wie das Kind still davonging, die Katze zu holen, die es ohne Schutz wußte. So konnte es gewesen sein. Genug, das Kind stand mit auf der Straße und sah mit großen erstaunteil Kinderaugen den grauen Männern entgegen, die mit eiserner Härte dahersrürmteir. Die Augen der Kleinen wurden größer im erstaunten Fragen, sie wich jedoch keinen techritt, nur das Kätzchen barg sie fester. Zioei Schritte vor dem Kinde stand der Hauptmann still, holte tief Atem, dann hob er die Kleine empor und trug sie an die Seite der Sftaße. Er fühlte die weichen, warmen Aermchen, fühlte das leise Klopfen ihres Kinderherzens. Seine Bewegung, der warme Hauch des jungen Lebens weckte in ihm die Erinnerung. Flüchtig ließ er einen Gedanken an zu Hause vorüberhuschen. Wie er sein Kind im Garten und in der Arbeitsstube aufgehoben und geküßt hat, wenn eS sich keck und im lustigen Trotz ihm in den Weg gestellt hatte. Darum ließ er seinen Degen, den er schon von neuem er- hoben, wieder sinken, ging einen Schritt zurück und strich sacht dem Kinde über den blonden Krauskopf. Seine Soldaten hielten im Laufen inne, nahmen die Hand vom Abzug und ließen die Ge- wehre sinken. Ein Landwehrmann trat herzu, fuhr sich mit dem Rockärmel über das schweißfeuchte Gesicht und legte wie der Haupt man» seine Hand sanft und zart auf das Kind. Die anderen standen herum und schauten zu. � Aus ihren Gesichtern wichen die starren Linien, ein Lächeln glitt darüber. Durch ihre Herzen zog es wie ein heimatlich Lied, sie dachten an ihre Kinder, ihre Frauen, den Frieden ihrer Arbeit. Stille�war umher. Durch die Baumwipfel eilte der Wind mit leisem Singen. Irgendwo aus der Ferne klang der Ruf eines Vogels. Die Franzosen hatten weiter oben in den Mauernischen, in Hauseingängen, hinter einer Gartenmauer Schutz gesucht. Mit angeschlagenem Gewehr sahen sie, wie die Deutschen im Laufen hielten, wie sie um ein Kind standen. Da ließen sie ihre Gewehre sinken, kamen aus ihren Verstecken und schauten verwundert auf die grauen Soldaten und das Kind. Sie scharten sich zusammen und schritten weiter. Sehr häusig sahen sie sich ängstlich und scheu um nach ihren Feinden. Die schritten jetzt an dem kleinen Mädchen vorüber. Im Marsche hielten sie die Gewehre so, als suchten sie die vor dem Kinde zu verbergen. In jedem war ein Wunsch wie ein Gebet, daß sie diese sonnige schöne Ruhe, die über sie gekommen war, be- halten möchten, daß niemals die Raserei des Kampfes, der Rausch der Wut über sie kommen möchte. Sie waren traurig, wenn sie daran zurückdachten. Da fiel ein Schuß. Einem Deutschen schlug das Blei ins Herz. Seine Kameraden faßten das Gewehr wieder straff. Sie stürzten vor mit donnerndem Schrei. Weiter raste der Kampf. Zwei Tag« später schrieb der Hauptmann an sein Weib: „Die todspeienden Gewehre, der Heldenmut, die Kraft der Fran- zosen haben uns nicht aufgehalten, aber ein unschuldiges Kind. Ich glaube, wenn sich die Menschen die Unschuld und die Reinheit in Vertrauen bewahren könnten, die in unseren Kindern lebt, dann ivären wir wohl alle am besten geschützt." daß er abbauwürdiges Gestein dort fände, ob er sich überlegt habe, warum wohl die eiiisiigen Besitzer die Mine hätten der- sallm lassen. „Das Wasser, das Wasier! Du weißt, die alten Leute wurden mit dem Wasser nicht fertig. Mit ihren Maultier- und Trommelpunrpen— Gott habe sie setig!— konnten sie nicht viel schaffen! Das Wasser hat sie alle vom Silber fort- getriebens aber uns soll das weiter keine Schwierigkeiten machen/ meinte Stuart begeistert. „Vielleicht sind sie aber doch nicht wegen des Wassers, sondern nur deshalb fortgezogen, weit sie kein Erz mehr fanden." wandte ich beharrlich ein. „Wir haben alles vorbedacht! Wir haben in Ocotlan und Ejutlan und an mehreren anderen Stellen herumgehorcht und manchen alten Gesellen ausgefragt, der sich gewisser Dinge noch von seinem Vater her erinnert! und man hat uns überall bestätigt, daß die von uns entdeckte Grube noch voller Erze ist, tief unter den Wassern, die so reichlich dort zu- sammenfließen, daß nicht hundert Maultiere sie herauszu- bringen vermöchten. Aber wir haben gottlob bessere Mittel zur Verfügung, als die ehrenwerten, aber ahnungslosen Dons, die vor uns dort hausten!" Stuart blickt als echter Amerikaner mit unsäglichem Mitleid auf alle anderen Nationen hernieder; die mexika- nischen Kastilianer verachtet er aber geradezu. „Außerdem haben wir eine wertvolle Akquisitiou gemacht. Einer unserer wackeren Auskunftgeder, ein uraltes Halbblut, Tobar heißt der Kerl, hat in der Grube„Maria Carmen" vor sechzig Jahren als Pserdejunge gearbeitet, und er be- bauptet, er wüßte noch ganz genau, wie es ini Berge aus- schaut, wo die Erzschichten liegen und wie sie sich hinziehen. Natürlich ist der alte Knabe gern bereit, in unfern Dienst zu treten." „Wenn ihm seine Phantasie nur keinen Streich spielt!" „So erfinderisch ist dieses Volk nicht, um derartig folge- richtig zu dichten, wie seine Berichte lauten. Ich bin meiner Sache ganz sicher, und ich glaube, wir werden unser Glück dort machen." „Dann herzlichen Glücktvunsch. John?" „Gratuliere Dir ruhig selbst," entgegnete Stuart lachend; „Du beteiligst Dich natürlich an unserer Mine!" „Ich?" „Selbstverständlich! Wir bilden eine Gesellschaft, denn zunächst müssen wir Geld schassen. Du weißt, wie es mit mir steht, und dem Alten in New Vork darf ich nicht mit einer An- leihe kommen: der will nicht eher wieder etivas mit mir zu tun haben, als bis ich„aus eigner Kraft" die Million voll habe. Ward allerdings hat Geld; aber auch nicht viel; es ivird gerade langen, um dem halbblütigen Roßkamm die Pertinen- cias zu bezahlen, nebst den Notariatskosten, die auch nicht gering sind; denn gewöhnlich haben diese verdammten Halun- ken das Land ja gestohlen und besitzen sicher keine verbrieften Ansprüche. Da muß man sich durch recht komplizierte Akten- stücke sicherstellen. Aber dann ist Ward mit seinem Gelde auch zu Ende. Er ist bereits auf dem Wege in die Staaten, um einen Bekannten in Texas zu besuchen, der sich für solche Unternehmen interessiert. Ward ist ganz sicher, daß er mit- macht. Nun möchte ich auch Dich dabei haben!" (Forts, folgü kleines Feuilleton. Himmelfahrt. Kein Festtag in deutschen Landen außer dem Pfingstfest ist so zu einem Symbol des Blühcns und Gedeihens, der zu voller Frühlingspracht wiedererstandenen Natur geworden, wie der Himmel- fahrlstag. Gibt uns doch das Osterfest, das oft genug noch zwischen Winter und Frühling steht, nur eine Verheißung bevorstehenden neuen Blühens, und andere, allgemeine Feiertage fallen nicht in die sommerliche Jahreszeit. In früheren Zeiten ging in Nord- deutschland dem Himmelfahrtsfest freilich noch der preußische Bußtag voran; aber seitdem dieser Tag in den Spätherbst verlegt worden ist, nimmt Himmelfahrt allein die Stelle des dein Pfingstfest voran- gehenden Frühlingsseiertages ein, eines Tages, dessen Nahen denn auch alljährlich mit Freude erwartet wird. Himmelfahrt ist der Tag der Ausflüge und Landpartien; so hängt sein mehr oder weniger erfreulicher Verlauf denn auch besonders vom Weiter ab, und in dieser Hinsicht genießt der Himmelfahrtstag nicht gerade den besten Ruf. Man sagt ihm nach, er sei besonders gern von Rcgenfällen heimgesucht: aber das ist natürlich ein Pessimismus, der nicht angebracht ist und dem jede ernsthafte Be grüiidung abgeht. Himmelfahrt gehört zu den beweglichen Festen der christlichen Kirche, da es sich nacki dem Ostertermin richtet. Das Fest fällt auf den 40. Tag nach Ostern, also auf den Donnerstag der sechsten Woche nach dem Osterfest. Indessen gab es in der ältesten Christen- hcit auch einige abweichende Berechnungen. Den beiden ersten Jahrhunderten der Christenheit war ein selbständiges Himmel fahrlsfesi noch unbekannt; zur Zeit des afrikanischen Kirchen- Vaters Tertullianus wurde die Erinnerung an Himmelfahrt noch zu Pfingsten mitbcgangen. Das erste sichere Zeugnis für die Feier im Abendlande ist der Canon 43 der Synode von Elvira vom Jahre 306. Er tritt nämlich dem Brauche entgegen, Pfingsten am Himmclfahrts- tage zu feiern, und fordert unbedingt ein eigenes Pfingstfest. Man ersieht daraus, wie sich im vierten Jahrhundert die Bedeutung des Himmelfahrtstages gehoben hatte. In den späteren Jahrzehnten des vierten Jahrhunderts beging man das Fest in den Großstädten des Ostens außerhalb der Stadtmauern unter Beteiligung der gesamten Bevölkerung mit einer glänzenden Prozession. Am großartigsten wurde der Tag in Jerusalem begangen. Zahlreiche Pilgerscharen strömten all- jährlich zu der heiligen Stätte, auf dem Oelberge zeigte man damals die Fußspuren, die Christus im Augenblick seiner Auffahrt zum Himmel zurückgelassen haben sollte. Zur Erinnerung pflegte man ein Stückchen des geweihten Bodens mit nach Hauke zu nehmen. Die fromme Kaiserin Helena errichtete über der Stelle der Himmel- fahrt eine prachtvolle Basilika, deren Inneres am Festtage von un- zähligen Kerzen erhellt war. Auch im Abendlande behauptete das Himmelfahrtsfest seine hohe Bedeutung. Die große Prozession war auch in Europa das Hauptstück des Festes; nach der gewöhn- lichen Deutung sollte sie den Gang Christi mit seinen Jüngern zum Oelberge versinnbildlichen. Während des Mittelalters schlichen sich in die Himmelfahrtszeremonien allerlei possenartige Gebräuche ein. In Venedig beging man bis zum Jahre 1797 an diesem Tage das Fest der Vermählung des Dogen mit dem Adriatischen Meere und damit den Anfang der berühmten Messe, mit der eine Art Karneval verbunden war. Auch die evangelische Kirche hatte von Anfang an den HimmelSsahrtstag als ganzen Feiertag übernommen; Friedrich II. schaffte ihn 1773 in Preußen ab; der Festtag wurde aber im Jahre 1793 wieder eingeführt. vie Neutralen. In der von der Deutschen VerlagSanstalt herausgegebenen „Deutschen Revue" stellt der Oberkonsistorialpräsident Friedrich C u r t i u ö Betrachtungen über die Psychologie der Neutrale» an und kommt dabei zu folgenden Ergebnissen: Die Neutralen im Weltkriege sind eher zu beklagen, als glück- lich zu preisen. Entweder sind sie nur rechtlich unbeteiligt, haben aber in ihrem Gefühl und in ihrer Gesinnulig für einen der krieg- führenden Teile Partei genommen: dann muß es ihr Gemüt be- lasten, für diese Sache nicht offen ciiitrcten und ihre ganze Kraft einsetzen zu können. Oder sie erfassen die Neutralität als ein positives politisches Ideal: dann ist die ethische Auseinandersetzung liüt den dunkeln Fragen nach Recht imd Unrecht des Kriegs und der Kriegführung ein quälendes und hoffnungsloses Problem, und im Blick auf die Zukunft zeigt sich die Hinfälligkeit und Undurch- führbarkeit dessen, was man als sittliches Gebot zu erkennen glaubte. Wenn der Weltkrieg noch lange dauern sollte, so würde ver- mutlich die Neutralität als solche Bankrott machen. Die Wirt- schaftlichen Schäden des Kriegs lasten auf den Neutralen ebenso toie auf den kriegführenden Nationen. Sie ertragen sich aber viel schwerer, wenn man von dem Ausgang des Krieges nichts zu hoffen bat, wenn man in reiner Passivität fortgesetzt Opfer bringen niuß, ohne zu wissen, wofür. Es würde dann schließlich ein Zu- stand der Verzweiflung eintreten, in dem man zu allem bereit wäre, nur um einmal ein Ende des iliileidlichen Zustandes zu sehen. Wir hoffen, daß dieser äußerste Fall nicht eintreten, vielmehr die Entscheidung des Kampfes früh genug erfolgen wird, um den Neutralen das Beharren in ihrer Haltung zu gestatlen. Daß dies geschehe, ist ein allgemeines Interesse der Menschheit. Deiili in diesem Zusammenleben der Kulturvölker haben die Neutralen ihre eigene Mission. Gerade deshalb, weil sie nur die Leiden des Kriegs mitmachen, seine begeisternden und erhebenden Kräfte nicht spüren, sind sie notwendigerweise Gegner des Kriegs, die provi- dentiellen Vertreter der Friedensidec, der internationalen Ver- ständiguiig, der Entwicklung und Befestigung des Völkerrechts. Sie können bei und nach dein Friedensschlüsse, wenn sie sich ver- einigen und geschlossen und planmäßig vorgehen, eine bedeutende Wirkung ausüben. Es wird größtenteils an ihrer Weisheit und Festigkeit liegen, ob es gelingt, die tiefen Schädigungen der Humanität und der internationalen Gemeinschaft, welche der Welt- krieg hervorgerufen hat, in absehbarer Zeit zu überwinden. vie Kriegsarbeit am Deutschen Wörterbuch. Das Riesenwerk de» Deutschen Wörterbuches der Brüder Brimm, an dem jetzt im dritten Menschenalter gearbeitet wird— es erscheint seit 18S2— ist von dem Kriege nicht unberührt ge- blieben. Manche aus der großen Zahl der Mitarbeiter sind zu den Fahnen einberufen, die Tätigkeit der„Zetielzentrale" in Göllingen ist eingeschränkt, mit den für daS Werk verfügbaren Mitteln muß jetzt sehr haushälterisch umgegangen werden: so daß die Vollendimg noch in eine ziemlich ferne Zukunft hinausgeschoben erscheint. Wie Prof. Ernst Friede! mitgeteilt hat, ist nach einer Auskunft des Reichs- amtes des Innern der letzte Stand der„leider überaus langsamen" Fortsetzung folgender: Die wisienschaftliche Leitung und Aufsicht liegt in den Händen der Deutschen Kommission der preußische» Akademie der Wissenschaften; diese Kommission wieder hat eine Zentralstelle in Göttingen eingerichtet, die, außer durch einzelne Gelehrte, an den Universitäten Berlin, Bonn, Breslau, Göttiiigen, Heidelberg, Königs- berg, Leipzig, Marburg, München und teiraßburg Unterstützung findet. Beteiligt waren vor dem Kriege 16L Exzerptoren, die etwa 1009 Bände zur Durcharbeitung übernommen hatten und von denen bereits rund 100 900 Zettel eingelaufen waren. Im Durchschnitt wurden wöchentlich S099 bis 3009 Zettel geliefert, eine Zahl, die jetzt auch nicht annähernd erreicht werden kann. Di« Kontrolle und Einordnung dieser Materialien ist natürlich eine Riesenarbeit: docki„verbürgt die sorgfältig vorbereitete Organisation der Sammelarbeit einen regelmäßigen Fortscbritl". Dr. Alfred Götze in Frelburg i. Br. hat den ersten Test des Vuch- stabens W in Arbeit, der Bremer Stadtbibliothelar Dr. Heidendors die eine Hälfte von Z und Dr. Dollmayr in Wien den Anfang von U. Wenn nach dem Kriege die Arbeit wieder intensiver aufgenommen werden kann, dürfte es vielleicht möglich sein, im kommenden Jahrzehnt das monumentale Werk abzuschließen, dem keine andere Nation für ihre Sprache etwas Aehnliches an die Seite stellen kann. Jachschulen unö Kriegsinvaliöenfursorge. Der Freiburger Ortsausschuß für Kriegsinvalidenfürsorge hat sein Unterrichtspr ogramm für verwundete Soldaten in wesentlicher und bemerkenswerter Weise erweiten, indem er auch die Fachschulen in den Dienst seiner Sache stellt. In der„Medizinischen Reform" äußert sich Herr Dr. I. Lewy hierüber. Die Absicht, auch die ge- werklichen Fachschulen den Fürsorgebestrebungen dienstbar zu machen, ist besonders vom Standpunkt des Orthopäden zu begrüßen, denn der Fach- scbulunterricht ist als willkommene Ergänzung der orthopädischen Nach- behandlung anzusehen. Die Ziele dieser erstrecken sich im weseut- lichen auf eine Wiederbelebung der Nervenbahnen, auf die Be- kämpfung der Versteifung, welche die Gelenke befallen hat, und auf eine Kräftigung der geschwächten Muskulatur. Allein auch die zweckmäßigste Anwendung aller medicomechanischen Apparale vermittelt im allgemeinen immer nur die Wiedergewinnung der einfachen Grundformen der Bewegungsmöglichkeit, die Betätigung im Handwerk selbst verlangt eine Koordination dieser Grundformen, deren zweckmäßigste Zusammenfügung den Begriff der technischen Geschicklichkeit ausmacht. Wird dem Schlosser, dem Schreiner, dem Mechaniker noch während seiner Genesung Gelegenheit geboten, sich neben der orthopädischen Nachbehandlung in seinem Fach übend zu betätigen, so wird er sich nach seiner Entlassung viel schneller wieder in seinen handwerksmäßigen Aufgaben zurechtfinden und seine volle Leistungsfähigkeit zurückgewinnen. Es kommt hinzu, daß die Hemmungen oft nicht nur mechanischer Art find, sondern häufig psychologischer, die mehr in der Vorftellung, als in der Wirklichkeit gegründet sind. Hier wird die Gelegenheit mit Hilfe der Unterweisung eines tüchtigen Fachgenosien sich im bis- herigen Berufe zu betäiigen, bald die Zwangsvorstellung des„Nicht- mehrkönnens" bannen. Dazu kommt noch, daß gerade bestimmte Fähigkeiten, z. B. Hobeln, bestimmte Muskelgruppen besonders be- anipruchen, die hier dann auch am schnellsten gekästigt werden. Die Nutzbarmachung der ohnedies jetzt vielfach brachliegenden Fachschulen ist daher als dankenswertes Bemühen zu begrüßen, dessen Nach- ahmung nur empfohlen werden kann. Notize». — Theaterchronik. Im Friedrich Wilhelmstä d ti« schen Theater wird die Sommerspielzeit am kommenden Sonn- abend S1/« Uhr mit dem dreiaktigen Schwank„O, diese Leutnants!" von Kurt Kraatz eröffnet. — Vorträge. Im Momsienbund spricht Freitag, den 14. d. M., abends 9 Uhr, im Nollendorfhof, Bülowstr. 2, Manasse über:„Die Bewertung des Lebens als Gradmesser der Kul- t u r."— Um den Verwundeten zu zeigen, wie weit sie eS kotz Verlustes der wichtigsten Glieder bringen können, wird der ungarische Graf Z i ch y am Sonnabend, den 15. Mai d. I., abends 8 Uhr, im großen Sitzungssaale des Herrenhauses einen Vortrag halten, wie es ihm, der einst in den Jugendjahren durch einen Unglücksfall bei der Jagd den rechten Arm verloren hat, mittels unbeugsamer Energie gelungen ist, den verlorenen Arm im praktischen Leben entbehrlich zu machen. Der Vortrag ist in erster Linie für unsere Verwundeten bestimmt uitd ihnen frei zugänglich. Schach. S. L o h d. edel DaS obige Problem ist eigentlich so leicht, daß eS nur vom weltbekannten Namen des Komponisten gedeckt wird. Trotzdem werden manche noch was zu lösen haben. Man findet übngens eine Andeutung zur Lösung im 5. Zuge vou Weiß der nachstehenden Partie. DaS Heft Nr. 1—4 der„Wiener Schachzeiwng" ist erschienen und bringt folgende Namen bekannter Meister, die unter den Waffen stehen: Tartakewer, Spielmann, Leonhardt, Snoskoborowski, Frei- mann. Tenner, Sterk, Balla, Forgacz. Hromadka, Treibal. Nachstehende Partie aus einem Simulrantpiel in Buenos Aires im Februar 1915 entbehrt nicht eines gewissen theoretischen Interesses. Russisch. J. Capablanca. 1. e2— o4 2. Sgl—£3 3. Sf3Xe5 Richtig ist F. Alrnirez. e7— e5 Sg8— f6 Sf6Xe4? d6; 4. 813, SXe4; 5. Sc3I usw. Weiß steht auch dann etwas besser, weshalb die „Rusfische Eröffnung" überhaupt wenig empfehlenswert ist. 4. väl— s2 vckL— s7 5..0"s2X.e<" ck7-äS 6. 62—64 k7— IS? Etwas besser ist immerhin:c7Xc6t KeS— 17 22. TelXe4 Aufgegeben. Briefkasten.(O. 8. Stuttgart.) Ihre Bemerkung znr Partie Spiel» mann-Sep ist richtig. Nach:«1- o4, «5: 2. 14. sl: 3. 813, Le7; 4. Lc4, Lh4t; 5. g3, ig; 6. 0— 0, ghf; 7. Khl, 65; 8. LXd5, 816; 9. Sc3, 8X1-: 10. 8X8, c6; 11. 8X1-, cXd5; 12. Dh5, De7; 13. 63, 0—0; 14. Lg5, De6; 15. 815' war g6? wegen 1)1x6 nicht angängig und aus 367? gewann Weiß mit 8s7f nebst ed. Der richtige Zug war demnach wohl 15.... 17— 16, wie Sie angeben._ Verantwortlicher Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln. Für de» LnseratenteU verautw.: Th. Glocke. Berlin. Druck u. Verla«: vorwärt» Buchdruckerei u. VerlagSanstalt Paul Singer& Co, Berlin SW.