Nr. 113.- 1915. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Sountacs, 16. Mai. Die Zeitung öer Kriegsgefangenen. Unter dem Titel.Le Journal du Camp d'iDhrdrup erscheint seil kurzem im Verlage des„Thüringer Waldboten" zu Ohrdruf eine Wochenschrifr sür das dortige sranzösische Kriegsgefangenen- lager, das außer Engländern, Russen und Belgiern zirka 20 000 /Franzosen beherbergt. Für die Redaktion der Zeitung, welche ' von französischen Schriftstellern als Unterhallungsblatt ausgestaltel und von französischen Setzern in der Druckerei des„Waldbolen" hergestellt wird, zeichnet die Kommandantur des Kriegs- Gefangenenlagers selbst. Diese kleine Zeitung ist ein Dokument i�es � trotz aller Kriegsfeindschaft nicht wegzuleugnenden französischen Esprits.— Schon die Aufmachung des Blattes ist wunderhübsch: kleines, handliches Format, große Buchstaben in lichtem Druck, gutes Papier, und ein Kopsclichv lFederzeichnung), das außerordentlich gefällig wirkt und zeichnerisches Können verrät: hüben und drüben eine Telegraphenstange; an dem Pfosten links lehnt ein Piou—-Piou, der Typ eines französischen„Gemeinen", und liest mit zufriedenem Grinsen sein Journal: am Pfeiler rechts rennt ein Camelot sZeitungsjunge) vorbei, daß die Pantinen ' klappern, hält einen Stoß Journale auf dem linken Ann, fcdwenkt ein Verlaufsexemplar in der Rechten, und sein I„Ansschreien" wirkt geradezu drastisch.— Die beiden er- tnähnlen Telegraphenstangen verbinden Drähte,— Träger der Worte von hüben und drüben.— Aber zwei Enten kommen ge- flogen— eine von hüben und eine von drüben— und halten mit den Schnäbeln die Leitung zu, jede an einem Ende und so fest, daß jegliche Verbindung unmöglich ist'— Die Drähte in den zusammen- f geklappten Schnäbeln— so schauen sich die beiden Enten(eine rechts, -eine links vom Pfahl) feindselig— grimmig an.— Vor mir liegen die ersten vier Nmnmerir des„Journal du Camp" (die vom Verlag des„Waldbolen" in Ohrdruf zum Preis von b Pf. Airo Exemplar erhältlich sind) und sie atmen soviel warmes f Empfinden für die landschaftliche«chönheir Thüringens, soviel Bestreben, ihren Kameraden aufs liebenswürdigste Unterhaltung zu bieten, und soviel tapferes„Sich-drein-sügen", daß das kleine Blatt französischer kricgsgefangener Schriftsteller und Dilettanten nicht nur bei den Gefangenen, sondern bei jedem Kenner /der französischen Sprache helle Freude hervorrufen wird.— Zwar— ein Politiker kommt begreiflicherweise nicht auf seine Kosten— dem Feuillelonisten jedoch bieten sich Finessen, eingehüllt in das Gewand jener Sprache, von der kürzlich ein Schriftsteller„abtuend" bemerkte: »Sie ist die allen Franzosen in Fleisch und Blut übergegangene, erstarrte Phraseologie eines alten Kulturvolkes, ein Stil, von Jahr- Hunderten geformt und geschult."— Originell sind die meisten der Artikel auf jeden 'Fall. In_ einem Aufsatz der ersten Nummer„Notre But"(„Unser Ziel") heißt es:„Wenn auch unsere Zeitung nur ein Notbehelf sein kann, so braucht sie deshalb doch -noch nicht langweilig zu sein, ebensowenig wie„die Frau aus > der Vernunflehe" unbedingt häßlich zu sein braucht I— Der Aufruf der provisorischen Schriflleitung schließt mit einem Appell an die Leser- Kameraden, recht fleißig Beiträge einzusenden und verspricht, als Hilfskomitee, Stenographie- und Sprachkurse, letztere in deutscher und engllscher Sprache, sowie die Unterstützung sportlicher Be- slrebungen, wie Fußball usw. Auch den Analphabeten ivill das Komitee seine Fürsorge angedeihen lassen, und bemerkt ausdrücklich. daß die deutschen Militärbehörden den Bestrebungen des Komitees uu geneigtes Wohlwollen entgegenbringen. r Ein P r eiSrät sel beschließt die erste Nummer. Es besteht t tn der Aufforderung,� sämtliche— A der ersten zlvei Zeitungen zu zählen und jeder Lösung 10 Pf. zum besten des Hilfskomitees bei- zufügen. Aber auch ein literarisches Preisausschreiben lockt I Während sür die A-Zähler folgende vier Preise ausgeschrieben sind: l. ein Huhn in Gelee, 2. eine wollene Weste, 3. ein Kislchen Ziga- retten und 4. eine Unterhose—, winken den Kollegen vom Parnaß: Origmalzeichnungen, Karikaturen, Landschaften usw., von gefangenen Künstlern gestiftet. An Annoncen fehlt's auch nicht. So ersucht in einem größeren Inserat ein IriegSgcfangcncr Geschäftsmann die Kameraden, bei ihrer Rückkehr in die Heimat ja nicht sein„Etablissement Lapotrc" in Calais zu vergessen, Ivo sie Autos und Fahrräder zu ganz besonders billigen Preisen bekämen.— Dann macht der Kamerad Coito», zurzeit in der 30. Baracke, darauf aufmerksam, daß er jeden Tag von 10—17 Uhr(nach unserer Zeitrechnung 4—5 Uhr nach- miliags) verwundete Gefangene auf Wunsch gratis massiere. Natürlich darf auch eine weitläultige Sportchronik nicht fehlen, und das„Journal" erzählt ausführlich von Foolball-Match zwischen Engländern und Franzosen, die im Camp d'Ohrdruf ausgetragen werden. Nun zu den Artikeln selbst. Da erscheint jede Woche auf der ersten Seite ein Beitrag mit der Ueberschrift:„Orr sornrnes nous?U (Wo sind wir?), der köstliche Schilderungelt aus Thüringens Vergangen- heit, der Geschichte des Städtchens Ohrdruf und vor allem Beschreibungen der umliegenden Wnldberge und deren Sagen bringt.— So wird Frau Holle als kapriziöses, entzückendes Dämchen dargestellt, so wird Frau Venus im Hörselberg als süßeste Zauberin geschildert, deren Verlangen ewig ist und die(so heißt es kategorisch) mit Wagners neurasl'henischer Göttin auch nicht das geringste zu tun habe.— Auch eine typisch- französische Novelle sei erwähnt, betitelt:„Die weiße Nacht eines roten Husaren". Vorweg sei bemerkt, daß unter dem Begriff„weiße Nacht" nicht etwa Mondschein und Blütenschnee zu verstehen ist, sondern eine— nächtliche Bummelfahrt. Dieselbe Nummer(3), die dieses sehr flott geschriebene Ge- schichlchen enthält, bietet u. a. die prächtig gezeichnete Karikatur eines Football-Spielers, von Noireaut entworfen, sowie ein Gedicht, welches in meisterhafter Sprache die Seeleuqualen eines Exilierten schildert, dessen überreizte Sinne in der Einsamkeit der Nacht Geigentöne, Gitarrenklänge und seltsame Tanzrylhmen vernehmen und von wilden Phantomen umgaukelt werden— „Ah, c'est Paris uoctume avec toutes ses tares Qui joue im air Tzigane au soeur des Exiles"— Daun wieder zaubert das Sehnen traumjüße Mondnacht herauf, jene Nacht, die sanfte Schleier über die schlummernden Schwestern in der Heimat breitet.— Aber der Wind zerreißt die sanften Bilder und pfeift zu einem lasterhaften Tango auf.— Zum Schluß noch etwas für Zahlenliebhaber.— Nr. 4 des „Journal" gibt eine Post-Statistik: danach sind den französischen Kriegsgefangenen im Lager zu Ohrdruf von Oktober 1914 bis April 1915 00100 Postanweisungen mit zirka 779 600 M. ausgeliefert worden. Während der letzten drei Monate kamen 249 000 Briefe und 85 000 Pakete für die französischen Ge- fangeneil an. Unter den„Letzten Nachrichten" erfährt der Leser, daß eine Prinzessin von Schleswig-Holstein am 2. Mai das Franzosenlager besichtigt und sich sehr lobend über die Kunstausstellung der fran- zösischen Kriegsgefangenen ausgesprochen habe. Ferner wird mit- geteilt, daß von jetzt ab ein iranzösischer Pfarrer auch eine Ge- fangenenzeilung herausgebe, die aber ausschließlich religiösen Ten- denzen huldige und dem„Journal du Camp d'Ohrdruf" keinerlei Konkurrenz machen wolle I �BetlyScherz(Gotha). Kleines Feuilleton. Die jüdische Literatur. Tie jüdische Literatur und Presse haben sich in den letzten zehn Jahren in Rußland ganz bedeutend entwickelt. Es handelt sich dabei ausschließlich um die im jüdischen Jargon geschriebene Lite- ratur und Presse. In Warschau hatte das Blatt„Haiute" allein mehr als 150 000 Leser. Außerdem erschienen in dieser Stadt vor dem Krieg noch zlvei andere Tagesblätter:„Das Leben" und„Der Moment". In Wilna erschien eine große Monatsrevue,„Die jüdische Welt". In Petersburg kam die Wochenschrift„Die Zeit" heraus, die der jüdischen Sozialdemokratie(Bund) gehörte. In allen Städten und Gebieten, wo den Juden der Aufenthalt erlaubt war, erschienen größere und kleinere Tageszeitungen und Wochenschriften im jüdischen Jargon. Diese Literatur bat ihre bedeutenden Schriftsteller: Mendeln Mocher Sphorim, Scholom Aleichem und Peretz; ferner Scholom Ascki, Reisine, Hirsbein, Pinsky und den Dichter der proletarischen Hoffnungen: Moritz Rosenseld und andere. Diese bemerkenswerte Entwickeluug der jüdischen Presse und des jüdischen Schrifttums ist nur der öffentliche Ausdruck der tiefen inneren Bewegung, die das jüdische Volk als ein unterdrücktes, geistig und wirtschaftlich ge- knechteles Volk durchdringt. Der Kapitalismus hat, statt die kleinen Völker mit den großen nationalen Einheiten zu verschmelzen, gerade diese kleinen Völker proletarisieri, und, indem er ihnen ihr Volkstum nehmen wollte, sie erst reckt an ihren sichersten Besitz— an ihre Muttersprache— gekettet. Während die Besitzenden dieser Völker an den kapitalistischenNationalstaat gefesselt wurden durch ihre Jntcressengemeinsckast mit diesem Staat, brachte es die industrielle Entwicklung mit sich, daß die pro- letarischen Massen, um ihre Interessen zu vertreten, ihr soziales Leben zu heben, ihre Klagen vorzutragen, ihre Hoffnungen in ihr unterdrücktes Volk zu bringen, ihr Programm zu entwickeln, sich dazu in besonderem Maße ihrer Mulieriprache, ihres besonderen Idioms bedienen. Daraus erklärt sich die Erscheinung, daß trotz aller Bedrückung und infolge der wirtschaftlichen Verhältnisse, die die proletarisierten Volksteile enger zusammenschließen, die Mutterspracken und Idiome der kleinen Völker sich immer mehr entwickeln und größeren Einfluß gewinnen. Dort, wo diese Bedrückung am stärksten, wo die Prolelartsierung der bedrückten Völker am größten ist, in Rußland. haben diese Muttersprachen und Idiome: jüdische, polnische, armenische, georgische, ukrainische usw., ihre bedeutungsvollste Ent« Wickelung genommen. Die kleinbürgerlichen Kreise in Rußland wenden sich ebenfalls der Literatur und Presse ihres Idioms und ihrer Muttersprache zu. Sie vermehren dadurch deren Leserkreis. Die Hauptwerke der Schriftsteller, die als Juden im jüdischen Idiom geschrieben haben, sind durch Uebersetzungen in das Englische. weniger ins Französische, und hauptsächlich in das Deutsche längst in die Weltliteratur einbezogen worden. Die Dramen von Scholom Asch haben in Deutschland großen Erfolg gehabt. Seine Stücke„Der Gott der Rache",„Auf dem Wege Sions" und andere sind über die großen Bühnen gegangen. Die Dichtungen Rosensclds, der als Emigrant in den Vereinigten Staaten lebt, sind in verschiedene Sprachen übersetzt. Die Literatur der jüdischen Sozialdemokratie ist vollständig im jüdischen Jargon geschrieben. Besonders auch in den Vereinigten Staaten breitet sich unter den jüdischen Genossen die Jargonliteratur immer mehr aus. Einige sehr gut geleitete Zeitungen und Zeitschriften geben davon Beweis. Es kann hier selbstverständlich nicht auf alle Einzelerscheinungen der jüdischen Literatur eingegangen werden. Manche ihrer Werke knüpfen an die altjüdiiche Literatur an. wie sie uns die Bibel über- mittelt hat: mancke sind die gewaltige Klage und Anklage eines seit Jahrhunderten unterdrückten Volkes. In den Werken des Scholom Aleichem finden wir den Humor der lachenden Träne. Er schildert das elende Leben jüdischen Kleinbürger mit allen ihren Ge- brechen, ihrem Leid ihren Hoffnungen. Pinsky und Rosenfeld ober sind in ihren Werken Vorkämpfer der Ideen der mo- dernen Arbeiterbewegung; sie zeigw)!)en Weg zum Sozialismus. Lo. Jcf. und Joseph. Joseph Aug. Lux erhebt gegen die iik Ar. 106 de? Unter/ haltungs-Blattcs erfolgte Gegenüberstellung zweipr Kritiken über den Expressionismus Einspruch. Obwohl wir der AiZsicht sind, daß die Auseinandersetzung in den„Sturm", die von uns deutlich be- zeichnete Quelle, gehört, geben wir loyalerweise Herrck Lux das Wort zu seiner Rechtfertigung. Herr Lux schreibt: „H. Walden hat im„Sturm" falsch zitiert. Er läßt in dem Zitat aus meinem Frankfurter Artikel vom 1. Februar 1944 folgende Stelle aus: „Dabei steht aber das eine unverrückbar fest, daß man nach wie vor immer wieder scharf unterscheiden wird zwischen wirklichen Könnern und ernststrebenden Künstlern und solchen, die nur mitlaufen und eine Tages modemachen. Letzter- Hand entscheidet immer nur die Qualität, denn nur auf dieser Grundlage gibt es eine Annäherung und ein Verhält» n i s zu dem Besten der K u n st aller Zeite n." Just dieselbe Unterscheidung habe ich in meinem Artikel in der„B. Z. am Mittag" vom 18. März 1915 gemacht. Wo ist der Widerspruch?! Ferner: In meinem Frankfurter Artikel vom 1. Februar 1914 heißt es ini Hinblick auf einen speziellen Fall:„Der ehrgeizige Wille, Kunst zu schaffen, verbindet sich mit einer gewollt kindlichen Phantasie usw., usw.... so verfährt der Künstler fast mediumistifch. ... Aus solchen Absichtlichkcitcn ist niemals echte Kunst entstanden ... es ist auch unrecht, die Kunsterzeugnisse von Urvölkern oder primitive Bauernkunst... als Beispiele aufzustellen... Solche Beispiele sind in den meisten Fällen gar nicht als Kunst an�i- sprechen, und am allerwenigsten sind es solche Werke, die sich künjt- lich auf diese Unbcholfcnheit zurückschrauben...." Genau dasselbe habe ich mit anderen Worten in meinem „B. Z."-Artikel vom 18. März 1915 ausgeführt und mich auch auf das bezogen, was die beteiligten Künstler selbst fühlen." � Notizen. — Kunstausstellung. Bei P a u l C a s s i r e r wird die Ausstellung von Werken alter Kunst aus Berliner Privatbesitz, die zum Besten des Noten Kreuzes veranstaltet wird, am Sonntag, den 10. Mai) eröffnet und von 12—2 llhr allgemein zugänglich sein. — A u g u st I u n k e r m a n n ist. 82 Jahre alt, gestorben. Sein Name ist hauptsächlich verknüpft mit der Darstellung des Neuterschen Onkel Bräsig. Die sogenannten Dramatisierungen Reuterscker Erzählungen, in denen er auftrat, waren freilich ohne künstlerischen Wert. Junkermanns wahre Bedeutung lag denn auch in seiner Tätigkeit als Neuter-Vorleser, mit der er in der Alten wie in der Neuen Welt wohlverdiente Erfolge errang und zur Ver» breitnng des mecklenburgischen Humoristen sein redlich Teil beitrug. — Vi a x K l i» g e r hat sein Gemälde„Die Kreuzigung", dos sich bisher in Trieft befand, zur Sicherung ins Leipziger Museum überführen lassen._ Die Erweckung der Maria Carmen. Von Ludwig Brinkmann. Es muff doch ein jämmerliches Volk sein, diese Nach kommenschaft kriegsstolzer Azteken! Warum fallen sie nicht über die ausstaffierten Puppen, die schlväclflichen Abkömm- linge ihrer Unterdrücker her, reisten ihnen die bunten Flitter vom Leibe, jaacn sie über das Meer zurück, daher die stärke- reit Väter einst gekommen? Doch nein, sie gaffen und staunen in stumpfer Gleich- gültigkeit auf das bunte Schauspiel und verdienen kein besseres Los, als verachtet zu werden.— Schmidt traf uns beide in der Alameda. Natürlich hörte er von Stuarts Plänen. Er bemitleidete mich jetzt noch mehr als früher, da ihm der Freund entrüstet meine Unentschlossenheit schilderte.„Nun haben Sie eine Gelegen- beit, Weltpolitik auf wirtschaftlicher Basis zu treibe», und Sie scheuen selbst vor dem Versuche zurück! Natürlich— echt deutsch!" Er schimpfte mächtig über das Deutschtum und trollte sich dann. Ich blieb niit Stuart noch lange unter den Palmbäumen, bei den Springbrunnen. Er war ganz in sein großes Projekt versilnken. So rauchten wir schweifend unsere Pfeife». Es war so schön hier iin Parke. Ich erinnerte mich lebhaft der Empfindungen, die mich im Garten Bordos er- füllt, meiner Träume von silbernem Reichtume. Das Licht der Bogenlampen spiegelte sich in den Fluten des Weihers. Silberblinken! Und das Glück schien mir lächelnd die Hand zu bieten: Greif doch zu, Du Narr! Man hat seltsam schöne Träume an solchen prächtigen Abenden, im Anblick der funkelnden Sterne, wenn gcheimnis- volle Wesen sich auf den breiten Blattfächern der Palinen wiegen, wenn alles klingt und rauscht und webt... Ich habe die Sache bcschlafen. Ist sie niir aber klarer geworden? In einem Punkte habe ich nachgegeben: ich habe nach Pittsburg geschrieben, daß ich die angebotene Stellung jetzt dach in letzter Stunde ausschlagen müsse. Mit Stuart verabredet, bis zur Ankunft des TeranerS und Wards hierzubleiben, um zu sehen, ob ein Gesellschafts- Vertrag in der von ihm skizzierten Form zustande komme. Ich habe meine Zweifel, aber schließlich ist nichts Verloren, wenn wir auch nicht einig werden. Stuart frohlockt— und ich auch! Ich bleibe noch acht oder vierzehn Tage in Mexiko als Grandseigneur und habe dabei noch ein gutes Gewissen, da ein nützlicher Zweck meinen Müßiggang entschuldigt. Nachher kann ich nach Chicago oder sonstwohin gehen. Die Hitze fängt an unerträglich zu werden. Jetzt zu Bcgiiiil des Sommers nach dem Isthmus von Tehuantöpec zu Stuarts Mine wandern— ich kann mir Schöneres vor stellen. Hier im kühlen Cafä, unter dem tvirbelndqn Venti lator, der, ach, nur zu viel Geräusch macht, kann es noch angehe»: in Taviche gibt es keine Ventilatoren mehr und auch keine Eisgetränke und keine geputzten Frauen, die sich augenscheinlich gerade so ihres Lebens langweilen, wie ich mich des meinen, aber die anzusehen, anzudenken doch nicht ganz ohne Reiz ist. Es ist wirklich ein schwererer Entschluß, als es im ersten Augen- und Anblicke erscheinen möchte, sein Zelt für unabsehbare Zeit in der Wüste aufzuschlagen. Die Würze der Romantik findet man in jeder Lebenslage, an jedcm�Orte, aber die Fähigkeit zur Romantik doch nur, wenn die Sinne einigermaßen empfänglich bleiben können. In jenen trostlosen, kahlen Gebirgen geht alles Seelische zu- gründe. Einen Vorgeschmack habe ich ja bereits davon ge- Wonnen, als ich durch die Kakteenwälder von Chihuahua reiste. Mir sitzen ztvci allerliebste Kinder gegenüber, die sich augenscheinlich wundern, was ich in mein Notizbuch zu kritzeln habe. Es l>at nicht viel Zweck, euch auszukundschaften, meine schönen Damen � in einer Woche bin ich fort aus eurer Stadt, sei es nun im Norden oder südcn. Das ist das schlimmste Los des iinsteten Wanderers auf Erden: Nirgends ist seines Bleibens lange genug, daß es ihn gelüsten könnte, irgend etwas gründlich anzufangen— und sei es auch nur eine Liebschaft. Da bchilft man sich mit stummer Bewunderung aus der Ferne, wenn sie auf dem Paseo im Wagen an dem Unge- kannten. Ungesehenen vorüberrollt. Es kommt mir das alles recht töricht war, Und nicht allein töricht, mehr noch schwach und erbärmlich. Aber die Flüchtigkeit des Manderns macht ja schwach und erbärmlich. Schließlich ist unser ganzes Leben eine solche flüchtige Wanderung. Mail möchte wohl einmal etwas ganz Großes schaffen: wird man es aber zu Ende führen können? Hat es überhaupt Zweck anzufangen? Diese quälenden Fragen bleiben sich stets gleich. Wie vieles möchte man wohl lernen. möchte sich in manches Wissen, manches noch zu Wissende, bis- lang Unerforschte gründlichst vertiefen— aber wozu? Das Lebeii ist so kurz, daß man doch nicht bis ans Ziel gelangt! Ein Vierteljahrhundert lang habe ich gelernt, nur in mich aufgenommen, und dennoch bin ich zu ängstlch, zu unwissend. in einen Berg hinabzusteigen, um ein wenig Erz aus dem Eingeweide der Felsen kratzen zu helfen. Da ist Stuart ein anderer Kerl. Er bat nichts gelernt. aber es gibt keine Aufgabe, vor der er sich scheute. Vielleicht fängt er manches ei» wenig täppisch an— aber er packt zu! Wir guten Europäer kommen zu svät ins Leben hinaus. Deshalb ist es uns auch zu kurz. Wer mit fünfundzwanzig Jahren die ersten hilflosen Versuche niackt, etwas zu schaffen, bat nur geringe Aussichten, etwas zu leisten. Einige werden alt genug, aber die meisten rafft ein unerbittliches Geschick allzu früh hinweg. Wenn unsere überreizten Sinne uns nicht vortäuschten, daß das Zwinkern eines schönen Auges auch schon etwas fei, wir hielten unser Dasein nicht aus. Hier im Kaffcebaiise wird mir das wirkliche Wesen unserer Kultur mit einem Male klar: hier erhalte ich Proben aus dem Füllhornc ihrer Gaben: die Ilnentschlossenhcit der Stimmung, das vergebliche Ankämpfen gegen die llebel- stände des Daseins durch raffinierte Eisgetränke, das feine Augenzwinkern..... sorgsam verhüllt, daß es nicht zu deutlich werde und man um Gottes willen keine Forderungen daraus ableiten könne—, das hostnungslofe Anstaunen unerrcich- barer Dinge und endlich das verfluchte Summen des elck- trischen Ventilators zu unseren Häuvtcn, dessen Rasseln uner- träglicher ist als die Hitze, die er doch nur in recht bescheide- nem Maße zu lindern vermag, dieser moderne Wahnsinn, an deni wir alle kranken, der Glauben an die Erlöscrkraft durch die Technik! Laßt nur Mafisiinen lausen, dann wird alles besser werden, so glaubt ihr! Mcinetweaen laßt sie laufen, bis ihr ihnen endlich davonlaufen werdet. Stuart ist abgereist. Er will ein paar Freunde besuchen. die Minen im Staate Mexiko betreiben. Ich fragte ihn, ob ich ibn begleiten solle, um wenigstens in flüchtiger Form einige Erfahrungen zu sammeln. Er' hielt es aber nicht für nötig. Mir falls recht fein! Meine Tatenlosigkeit macht mich leiden. Soll ich nichts weiter tun, als mein Tagewerk in einem Spazierritte nach Chapult6pcc sehen? Zum Lesen, zum Arbeiten ist es viel zu heiß.(Forts, folgst) � er VerwaltuRfjsstelie Berlin. N 54, Llnienstr. 83-85. Morgen, Montag, den 17. Mai 1915: Bezirks- Versammlungen für die gesamte Verwaltungsstelle Berlin in folgenden Lokalen: ItOrdeNI Pharnssftle, Müllerstr. 142, abend; S'/j Nhr. NOrdeN' jäi?�ner8 re8t8Ö,e' Schwedter Strafte 23, abends NOrdeD I Franke» FestsSIe, Badstr. 19, abends 8'/, Uhr. MOablt I Sand» Festsale, Bcusselstr. 9, abcndS 8'/, Uhr. CharlOtteilbUrtj I volkshaos, Rosinrustr. 3, abend; 8'/z Uhr. fegell NUIler» Festsale, Berliner Str. 84, abends K Uhr. «esleii ullll Zedöiebergi iZLleN I Vnmenlnssaie, Mcmcler Str.«7, abend; 8'/, Uhr. I isltlankai-n- Hestanrnnt L�arkevskl, Pfarrstrafte 74, kieillvllllcijj. abends S'U Uhr. Stralao-Rummelsburg: Sjt*' sm'®ortaflett56' aBenbä Weißende*"eK,ar,,'ant Fenkert, Berliner Allee 281, 8Ndenbeiirlte?AnÄ�u��''''°''' S°°i i. NeNkOllN' �'a8?alte-Festsale, BcrgstraKe 131/132, abends Steglitz! Schellhases FestsUle, Ahornftr. 15a, abd;. 8'/, Uhr. Köpenick und Friedriclishagen: RestaLehmann, Köpenick, Bahnhof 44, abends 8 Uhr. Oberschöneweide, Niederscbönewelde, Johannis- tlial II llnm• Restanrant fcJoorge, Oberschöneweide. Illal u> umy.. Wilhelminenhofstr. 44a, abends 81/, Uhr. Spandail*®t,C8�aarant Dertz»«pandau, Kurstr. 31, abends Tagesordnung in allen Versammlungen: Beriofit von der ordentl. Gensralversammlüng, ■ Ohne Mitgliedsbuch kein Zutritt.=-- Zahlreiches und pünktliches Erscheinen erwartet tl3/�£|____ Ille Ortsverwaltnng. Vertand def: SättierYPortefeuiller Ortsverwaltung Berlin. Mittwoch, den 19. Mai, abends S1/. Uhr: Versammlung der ßescbirr- und lelranehe im Bercinshaus Süd-Ost, Melchiorstr. IS. Tagesordnung: 1. Geschäftliches. 2 Vortrag dc5 Koll. I. Sassen- dach über:„England und die Engländer." 3. Branchen- angclegenheiten. 1. Verschiedenes. Zahlreichen Besuch erwartet t?7/3___ Pie Branchenleltnng. tttr Imän- Verwaltung Berlin. Tel-.Amt Moritzplatz IWi'S, 3578. Bureau: Rungestratze 30. kvMSSNTKMv Mitglieder-Versammlungen der Tischler, Möbelpolierer und Maschiuenarbeiter. 'iUs.irk> Montag, den 17. Mai, abends 5'/, Uhr, in Fürsten 2J|lcU. berqs Festsälen. Frankfurter Allee 2. Tagesordnung: 1. Bortrag des Genossen Tr. Breitscheid. 2. Diskussion. 3. Verbandsangclegenheitcn. 'iUn'ink- Montag, den 17. Mai. abcndS S>/, Uhr. bei "�nslll JtUlUcil. Büttner, Schwedier Straße 23. Zu diesen Versammlungen sind auch alle Tischler, Möbelpoliercr und Maschinenarbeitcr, die zurzeit nicht in ihrer Branche arbeiten, eingeladen. Kodenleger. Dienstag, den 18. Mai 1913, abends 8 Uhr, bei Abendroth, Adalbertstraste 01: Kommisfiliilsllhiiilg mit!>tt!rilllcn->lcll!kii. Freitag, den 31. Mai, abends 8 Uhr, im Gewerkschaftshause, Engelufer 13(Saal 1): Ordentliche General-Versammlung. Tagesordnung: 1. Bericht der Ortsverwaltung und Kassenbericht. 2. Wohl eineS Revisors. 3. Anträge. 83/2 Die Ortsverwaltnng. ptteinlft mMsrisigießemtn beschäfligl. Arbeiter unb Arbkittrinileii Krrliils. Dienstag, den 18. Mai, abends 7 Uhr, in Habels Brauerei, Bcrgmannstr. 3—7, groster Saal: Geneval- Veptammlung. Tagesordnung: 1720b 1. Vereinsmitlciwngen. 2. Unsere gewerbliche 2agc und imsere Aus- Wege. 3. Kassenabi echnung. 4- Vergütung des Vorstandes. 5. Wahl des Vorstandes und der Reorsoren. st. Wahl einco Liltgliedes zur Gewcrl« jchastslommilfiou. 7. Verschiedenes. Der Vorstand. AkMn K«DltMln-Uerdmi>. ___ Sektion l. Sandelsarkeiter. Mitgtieder nachßkhklldkr Srancheu: Kektkldungsmdllstne, Kuchhaudel u. Mungen, Ehem., pharm, ll.parfümerlk, Sinkasßerer u. Kasseullotell, Fahrkuhlfähreru. Kortlers, Glas-, Kelenchtuugs- n. Kurmareu, Haudtuchfahrerz HoimlduSrlk, Kauf- u. Maren- Häuser, Konfektiau, lebeusmittel-, Leder- u. Teüllbrauche, Theater- u.KinaaugeStllte usw. Da durch den Krieg viele Mitglieder aus den oben angeführten Branchen zum Heere eingezogen sind und aus diesem Grunde der Besuch der Branchcnversammlungen besonders viel zu wünschen übrig ließ. cmpftehlt es sid) nicht, für die nächsten Monate Branchen- Versammlungen stattfinden zu lassen. Die erweiterte Sektionsleitung hat sich in ihrer Sitzung vom 13. April eingehend mit dieser Frage beschäftigt und beschlossen, bis auf weiteres keine Branchenversammlungen abhalten zu lassen, sondern während des Krieges allmonatlich und zwar jeden Montag nach dem Zahlabend der Partei eine allgemeine Sektionsversammlung mit interesfierenden Vorträgen abzuhalten. Demzufolge findet die nächste gz/ig Sektionsversammlung Allgemeine Orts- Krankenkasse sür Berlin- Steglitz. Bekanntmachung. Hierdurch bringen wir den Kassen- Mitgliedern zur Kenntnis, daß die zahnärztliche Klinik unserer Kalle, Berlin-Steglist, Körnerftraste 55, zwischen Althofs- und Bergstraße, unter Leitung des Herrn Sanltäl?. rotes Dr. med. Ravotb, eröffnet worden ist. Bon jetzt an wird die gesamte zabnärzlliche Behandlung nur in der Klinik durchgeführt. Sorcch- stunden werktäglich vormittags g'/, bis 11 Uhr. nammitiags 1 bis 6'/, llbr, Sonnabend vormittags glelchsalls von 9'/, bis 11 Uhr: nachmittags nur von 3 bis 4 Uhr sür dringende Fälle. Sonntags keine Sprechstunde. Berlin-Stezlitz, den 15. Mai 1915. Per Vorstand: Emil Schulze, Vorsitzender. Praktiziere wieder Zahnarzt Theodor Lewin, 41/20 Skalister Str. 46 IT. G ardinen» DHBnaBnHBBHKri Spezialhaus EmilLefevre Montag, den 17 Mai, abends 8� Uhr, in den„Armin- hallen", Kommandantenstr. S8-3S, Hof rechts I Treppe, statt. Genossen d�o l s�R�N e r�über�: Kriegsfürsorge. Wll S, 0«!°�'SS 2. Diskussion. 3. Branchenangelegenheiten. Es ist Pflicht eines jeden Mitgliedes, sür einen guten Besuch dieser Versammlung zu agitieren.— Nichtorganisierte find besonders eingeladen.— Bringt die Frauen mit! Tie Sektio» I. I. A.: Fritz Wappler. Wumierbare Neuheiten, Gardinen, Stores, Vifrages. Tüll- bettdecken etc. in allen Stiiarten. Afagepaste Dekorationen mit Qoerbekang Spezial-Katalog MMIdinp plis u. fräDko. r Smith Premier SohreihmascliiiieQ Frühere Mod. 4, 5, 6. 9, vollkommen renoviert, früher bis Mk. 500.- jetzt billiger, in allen Preislagen von 91k. 125.— an. Garantieschein mit Faktura. Verlangen Sie schnttl. 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