pr. 115.- 1915. Unterhaltungsblatt des vorwärts IW Mitwoch. 19. Mai. Sis auf öen letzten Nonn» Bon A d v l f stark iMarienbad). „Eines verstehe ich nicht," sagte Schwester Berta und liest für einen Augenblick die stets fleißigen Hände in den Schost sinken, „So vieles, so Gewaltiges habt Ihr Männer da draußen erlebt, aber keiner erzählt etwas darüber. Ich habe da unlängst, als ich bei dem schwerverwundeten Leutnant Nachtwache hielt, in einem alten Zeiischrislenbande aus den Tagen des"Oer Krieges geblättert. D Gott, was wußten damals die Krieger alles zu erzählen." Ter Hauptmann drehte sich ein wenig zu der Sprecherin hin- über, langsam und vorsichtig, denn das von einem Schrapnell zer- schmettcrte Bein schmerzte höllisch bei jeder Bewegung, „Erzählen, liebe Schwester? Was sollen wir erzählen? Gewiß, man erlebt viel und Großes, aber erzählen...? Ich bin doch nicht gerade verlegen um Worte, ja, ich will Ihnen sogar gestehen, daß ich vor dem Kriege wiederholt mich schriftstellerisch versucht habe und nicht ganz ohne Erfolg; aber erzählen V Bielleicht später, nach Monaten oder Jahren, Heute ist mein Hirn ausgebrannt, wüst und leer, wie eine polnische Landschaft, über die der Kriegs- stürm hinweggebranst ist. Und so sehr ich auch nachdenke über die acht Monate, die ich draußen im Felde gelegen, mir will nichts einfallen, was des Schilderns wert wäre. Ich weiß mcht, wie ich Ihnen das erklären soll. Es ist gerade so, als sprächen Sie zu einer Frau, einer braven, fleißigen, tüchtigen Haus- frau, die auf ein Jahrzehnt einer glücklichen Ehe zurückblickt: Er- zähle I Glauben Sie, daß sie Ihnen viel wird erzählen können, schöne abgerundete Gcschichtchen, wie sie die Schriftsteller ersinnen, trotzdem ihr Leben voll war von Freud und Leid, von sorgenvollen Tagen und seligen Stunden? Das Tiefste und Schwerste fühlt man und trägt es mit sich als ewigen Besitz, aber man findet keine Worte dafür. Und ivenn man sie findet, dann klingt das, was man sagt, so unbedeutend und fremd, daß man nicht versteht, wie das Wort, das gesprochene Wort, Dinge so verändern kann. Wenn ich zum Beispiel nachdenke über das, was ich er- lebt habe, so verschwindet die Erinnerung an das Dutzend Gefechte und Schlachten, die ich mitgemacht habe, und als größtes Ereignis meines Kricgsdaseins erscheint mir eine Nacht, eine sternen- klare, stille, ruhige Nacht, in der kein Schuß fiel, in der kaum ein Laut die tiefe Stille unterbrach, ES geschah nichts, gar nichts in dieser Nacht und doch hat sie sich mir als größtes Erlebnis meines Lebens eingeprägt. Ich will versuchen, in Worten zu schildern, was sich freilich meinem Empfinden nach sehr matt und schal ausnehmen wird. Aber Sie sollen wenigstens meinen guten Willen sehen, liebe Schwester, Ans dem Rückzug war eS, auf unsercin ersten Rückzug, wenige Wochen nach Kriegsbeginn; heute wissen wir alle, daß ein Zurück- weichen oft«ine ebenso geniale Tat sein kann als ein Vormarsch. Auch in diesem Punkt hat der gegenwärtige Krieg die alten Werte umgewertet. Damals freilich waren ivir noch ganz in den historischen Anschauungen befangen, daß Vormarsch Sieg und Rückzug Niederlage sei, und da der Feldmarschall eS nicht für nötig gehalten halte, uns subalterne Offiziere in seine strategischen Pläne einzuweihen, war unsere Stimmung nicht die beste, um so mehr, da die günstige GefecbtSlage unseres Regiments den Befehl zum Rück- zuge ganz unverständlich machte. Die Mißstimmung hatte auch die Mannschaft ergriffen; meine braven Jungen, die singend und lachend gegen die Mafchiiieiigcwchre des Feindes angestürmt waren, marschierten verdrossen und schweigend die Straße zurück. die wir vor wenigen Tagen in umgekehrter Richtung passiert hatten. So ging es rückwärts, Stunde um Stunde, Wir waren die ersten gewesen beim Vormarsch und hatten uns nicht wenig darauf zugute getan. Jetzt, beim Rückzug, waren wir die letzten und dem Feinde immer noch am nächsten; aber eS fehlte der Jubel und die Kampfeslust, oder sie traten doch nicht in Erscheinung. Es war auch keine Gelegenheil, sie zu betätigen, denn der Feind folgte uns nicht, wenigstens nicht in Sehweite. Der Abend war allmählich herabgesunkeit, ein stiller, warmer, ruhiger Sommerabend. Tie Sterne glänzten am Himmel in jenem fast überirdischen Glanz, den wir auch bei uns daheim in klaren Sommernächten so bewundern. Trotzdem kein Mond ain Himmel stand und die Sonne längst untergegangen war, wurde es doch nicht vollständig dunkel. Ein ungewisses Licht, das herkam, man wußte nicht tvober, ließ die Gegenstände und Personen der Umgebung er- kennen, ober nicht klar und deutlich wie bei Tageslicht, sondern un'icher, verschwommen, wie durch einen Zauberschleier hin- durch, der nicht nur die Form halb verhüllt, sondern auch verändert und verzerrt, daß uns alles fremd und gespenstisch anmutet. So wenig die Lage dazu angetan tvar, träumerische und phantastische Stimmungen zu erwecken, konnte ich mich doch diesem Zauber der Sommernacht nicht ganz entziehen. Wir haben einen kleine», hoch gelegenen Wald passiert. Jetzt liegt er hinler uns, dunkel und dräuend, wie eine riesige, uuheil- volle, gewitteri'chwangere Wolke. Vor uns aber, weit übersehbar und doch ins Dunkel verschwimmend, dehnt sich am Fuße des Berges die Ebene. Ein dumpfes Brausen dringt herauf, wie von serner Meeresbrandnng und meine an die Finsternis gewöhnten Augen sehen oder glauben zu sehen— denn es kann wohl Sinnes- läuschung gewesen sein, da man ja bei dem Ungewissen Lichte der Nacht kaum etwas in der Tiefe unterscheiden kann— wie sich die Heeressäule als ungeheuere Riesenschlange die Straße entlang wälzt. „Ganzes Bataillon halt 1" und:„Die Herren Offiziere!" Im Laufschritt— mein braver Gaul hatte längst das Zeitliche gesegnet und ich mußte gleich den meisten anderen Offizieren auf Schusters Rappen marschieren— eile ich zum Versammlungsort. Mit ruhiger Stimme, der man keine Spur von Erregung anmerkt, verliest der Major den eben erhaltenen Befehl:„Das Bataillon hat den Rück- zug zu decken und die Stellung zu halten bis auf den letzten Mann." Alle hören es schweigend. Nur dem kleinen T.. der erst vor vier Tagen Leutnant geworden ist, entschlüpft es:„Ein Todes- urteil," Ruhig trifft der Major seine Anordnungen. Ein Zug muß hinein in den Wald, als Vorhut. „Wer von den Herrn---?" „Ich," schreit der kleine T, Und als fürchte er, jemand könnte ihm diesen gefährlichsten Posten streitig machen, eilt er davon. Auch wir wollen zu unserer Mannschaft, Der Major ruft uns zurück und reicht jedem von uns noch einmal die Hand. Täusche ich mich oder zuckt es tvirklich um seinen Mund und werden ihm die Augen feucht? Ich muß mich wohl getäuscht haben. Denn im nächsten Augenblick klingt seine Stimme scharf und kalt, wie auf dem Exerzierplatz: „Die Herren können abtreten!" Die nächsten zwei, drei Stunden kamen wir nicht zum Nach- denken, Arbeit ist ein sicheres Mittel gegen schwarze Gedanken. Es goll, sich einzugraben, Schützengräben zu ziehen. Feldwachen aufzu- stellen. Dann aber ivar das getan und tiefe Stille senkte sich über die Höhe. Auch drunten in der Tiefe war es still geworden. Die Riesenschlange hatte sich fortgewälzt und uns zurückgelassen, Wie mir zu Mute war, vermag ich nicht zu schi'ldern. Nur das eine weiß ich: ich empfand keine Spur von Angst, ja nicht einmal von Aufregung. Eher war es Ungeduld und eine Art von Neugier, was mein Inneres erfüllte:„Warum bleibt der Feind solange aus?" und:„wie wird es werden?" Und aus dem Zuge der Gc- danken tauchten immer wieder fünf Worte auf:„Bis auf den letzten Mann." Der Major kam, die Stellungen inspizieren, ruhig und sicher, wie bei einem Manöver, Ich weiß, daß mir dieser Gedanke zu- gleich sonderbar und doch wieder selbstverständlich vorkam. Dann ging er ein Stück in den Wald hinein. Ich sah, wie er sich auf einen Baumstumpf setzte, etwas aus der Brusttasche zog und küßte. Er war glücklich verheiratet und Vater ziveier reizender kleiner Mädchen, die er anbetete. Unser Arzr kam mit den Saniiätsleuten und traf seine Vor- berciiungen. Auf eine der Fcldtragcn streckte ich mich aus und— schlief ein! Jawohl, ich schlief ein, fast sofort, und schlief ruhig, traumlos und tief die ganze Nacht, Dieser ruhige Schlaf scheint mir heute noch wie ein großes Wunder. Als ich die Augen aufschlug, graute der Tag. Die Schützen- grüben sah ich, in denen unsere braven Jungen hockend schliefen, das Gewehr im Arm, bereit, falls der Ruf der Feldwachen das Kommen des Feindes melden würde, ihn blutig zu empfangen; den Wald sah ich, der im Tageslicht gar nicht fürchterlich aussah, sondern recht kümmerlich und schäbig mit seinen verkrüppelten Stämntchen, die unsere Leute zum Teil noch in der Nacht gefällt hatten, uin Verhaue zu bilden. DicS alles sah ich und mir war weder wohl noch wehe zn Mute. Höchstens ärgerlich war ich, weil ich bemerkte, daß meine Zigarrcntasche leer war. Zwei Stunden später kam der Befehl, daß unser Bataillon ab- rücken solle. Es hatte seine Aufgabe erfüllt. Der durch den UN- erwarteten Rückzug verblüffte Feind hatte tvohl eine Falle vermutet oder war er vom Vortage noch zu sehr geschwächt, genug, er hatte nicht nachgedrängt. Unbehindert zogen wir ab und am Nachmittag stießen wir wieder zu unserem Regiment. Ich habe ein Dutzend Gefechte und Schlachten mitgemacht, aber keine hat in mir eine so unauslöschliche Erinnerung zurück- gelassen, als jene ruhige, stille Nacht, in der kein Gewehrschuß fiel, in der wir am Waldessaum lagen, um den Rückzug zu decken:-bis auf den letzten Mann'." Ta! öes Dlmajec. Der Kriegsberichterstatter des schwe- dischcn Blattes„Tagens Nhheter" an der galizischen Front, Bengt Berg, sendet seinem Blatte eine Schilderung des so vielgenannten DunajecgebieteS, der wir die nachstehende Probe eist- nehmen. Tie Redaltion. Zwischen den ungarischen Steppen und der roten Erde Gali- zicns erhebt die Tatra ihre wuchtigen Zinnen über den Kamm der Karpathen, und von den Schneefeldern der Tatra herab bahnen sich des Tunajcc Wogen ihren schier endlosen Weg bis hinunter zum serueu Ostseestrand. Die Welt ist groß und ist dennoch so klein. Die Bäche in den Bergwäldern droben überstürzen sich in jagender Hast, als fürchteten sie, der große Fluß drunten könne ohne sie davonrauschen ans seiner langwierigen Reise gen Norden, als fürchteten sie, das Tal nicht mehr zu erreichen, dem sie alle zustreben, dies Schreckenstal, um das nun seit Monaten Tag und Nacht die erbittcrsten Kämpfe toben. Und über eine Weile tvcrden all die Wasser, die da jetzt schäumend herniederbrausen, die Küsten der Ostsee umspülen, und die nämlichen Wellen, die hier das Blut der Kämpfer mit fortspülen, werden ruhig durch Städte und Dörfer dahinziehen, tu denen beschaulicher Friede herrscht. Die Welt ist so klein... Der Fluß Duuajcc selbst ist wie. ein bewegtes Menschenleben. Aus dem Schzße der Tatra drängt er ungestüm hervor zum Licht; ein jeder Frühling brachte ihm neues Wachstum und Stärke, und war er oben in den engen Karpathenschluchten auch eingeengt, so brauste er hernach nur um so gewaltiger daher, um endlich einmal die Freiheit zu getviuncn und seine Kräfte in der ersehnten Ebene zu entfalten. Er trifft auf Hindernisse und umgeht sie, daher sein ge- schlängclter Laus. Gibt es aber kein Ausweichen, so dehnt er sich in die Breite, bis daß er Kraft genug findet, das Hindernis zu bezwingen, daher die zahlreichen Stromschnellen. Aber erst nachdem er sich den letzten Ausläufern des Gebirges genähert, und das Flachland ihm von ferne winkt, ist er stark genug, seinen Weg gen Norden nach eigenem Willen zu gehen. Er nahm auf seiner Wanderung Bäche und Flüsse in Unzahl in sich aiyr, die die Kraft nicht hatten, den eigenen Weg zu gehen; nun schreitet er im Per- ein mit der mächtigen Weichsel daran, das vielumstrittene Pole» zu teilen,— lange noch, bevor die Menschen auf diese Teilungs- gedankcn kamen. Das Tal des Dunajec aber ist seit jeher seine Glanzzeit; der lange Weg durch Polen nur noch die Resignation, nicht mehr � der wahre Herrscher zu sein. Denn dort, wo die Weichsel in die Ostsee mündet, kümmert man sich nur ivcnig um die Tatra oder darum, Ivo der Dunajec entspringt, der doch, solange er durch Galizicn wandcrt, ein so mächtiger Fluß ist. Im Frieden ist der Duuajcc ein Mittel, um vorwärtszukom- men; im Krieg ist er ein Hindernis, das selbst den zähesten Gegner lange festhält, lind ganz ivie er die Heere anlockte, die sich nun Mann gegen Manu an seinen Ufern gegenüberstehen, so lockte er auch schon in FriedenZzeiten die Menschen an, sich längs seines Laufes niederzulassen. An den letzten hügeligen Ausläufern des Gebirges klettern, soweit das Auge reicht, die Acckcr hinan. iHer Wald ist kräftiger und höher, wo der Fluß sein Bett durchs Tal gegraben hat, und die rauhen Bergwinde uickit hinreichen. Und die Ansiedelungen häufen sich, teils Wohl der Schiffahrt, teils wohl auch des Fischfanges wegen, teils wohl auch, weil die Menschen in Galizicn nun mal eine merkwürdige Borliebe für Wasserläufe(weniger dagegen für lausendes Wasser an sichl haben, und sei es auch nur ein»och so winziges Flüßchen, an dem genügend Platz ist, um eine gleich winzige?liisiedclung hinzubauen. Unterhalb des Berges, draußen vor dem Tal des Dunajec, dehnt sich das Land in gewaltigen Wellenlinien von Hügeln und Tölern. Die Hügel sind fast alle kahl, denn es fällt niemandem ein, dort oben etwa zu bauen, aus dem einen Grunde schon, ivcil es dort oben zu gesund ist, so gesund jedenfalls, wie es in dieser Sie Exweckimg öer Maria Carmen. öj Von Ludwig Brinkmann. Ter Tag ging in Geschäften und Entschließungen dahin. Oberst Powell scheint sich mit seinem Schicksale ausgesöhnt zu haben und tvar gewillt, mich anzuerkennen. Da ich eine neue Aufgabe übernommen habe, bin ich auch entschlossen, das Meine zum Gelingen des Ganzen zu tun. Mein„morgen" l)at sich entschieden, das„übermorgen" wird sich finden. „Glück auf!" das ist der deutsche Bergmannsgruß. Also „Glück auf" der Jmparcol Mining Co. Ltd.(Kapital IM Ml) Pesos)! Ter Ztame unserer Gesellschaft soll übrigens andeuten, daß wir in' dem von politischen Leidenschaften zerrissenen Lande, das sich dazu noch stets von einer nordischen Invasion bedroht fühlt, nichts tvcitcr beabsichtigen als ruhig unseren Geschäften nachzugehen. Ziocck des neuen Unternehmens: Wiedereröffnung der Silbergrube„Maria Carmen", im Distrikte Taviche, Staat Oaxaca. Ten Geschäftsanteilen entsprechend ist die Anzahl der Stimmen festgelegt. Dazu hat sich Powell, tvenn er init seinen drei Stimmen in der Minderheit bleiben sollte, den Schutz der Minorität gewähren lassen, indem größere Geld- ausgaben— über 1000 Pesos— unter allen Umständen seiner Zustimmung bedürfen. Im übrigen ist er stiller Teilhaber, während wir anderen tätig sind. Die Gehälter von uns dreien sind so fcstgescht, daß wir in den beiden ersten Jahren jeder nur 830, von da an aber 3000 Pesos jährlich beziehen. Unsere Arbeitskraft während der beiden ersten Jahre ist sonnt zum Teil als weitere Kapitaleinlage aufzufassen. Nach den ersten beiden Jahren sollen die etwaigen Gc- Winne verteilt werden, so daß Stuart und ich jeder zwanzig, Ward und Powell jeder dreißig Prozent erhalten. Die Entdeckung der Grube und das Vorkaufsrecht wur- den mit einen; Ziünftcl des Gesamtkapitals von IM MO Pesos bewertet, die von Ward und Stuart als Einlage ge- geben wurden. Außerdem werden Powell in bar 42 800, Ward 14 300 und ich 10 000 Pesos zahlen, so daß als wirk- liches Kapital etwa zwei Drittel des Nominalwertes in die Betriebsküsse des Unternehmens fließen. Damit läßt sich, wenn auch nicht viel, so doch schon etivas beginnen. Und ich bin Minenbesitzer geworden.— Powell, Ward und Stuart fahren morgen nach unserem Bcsitztume ab. Sobald sich der Oberst durch Augenschein da- von iiberzengt bat, daß die Verhältnisse wirklich so liegen, wie Ward und Stuart sie geschildert haben, weist er die Kapi- talien an und hilft beiw Abschlüsse des Ankaufsvertrages mit dem Roßkamin in Oaxaca. Ich selbst bleibe noch einige Tage hier. Ich habe heute nach Teutschland geschrieben, daß meine Gelder an Schmidts Bank überwiesen werden. Sobald der Vertrag in Oaxaca ab- geschlossen ist— ich erhalte ein Telegramm— werde ich die Summe auf das Konto des Jmparcäl überweisen lassen. Wegen gewisser Formalitäten ist meine persönliche Anwesen- yeit dazu nötig. Tann fahre ich sofort nach. Endlich kam heute nach mehr als einer Woche lang- wciliger Wartezeit die Depesche von meinen Teilhabern, die mich von meinem theoretischen Bergbaustudium erlöst, mich endlich crwricßlichcr Tätigkeit wiedergibt! Mein Koffer ist längst gepackt; ich fahre heute nachmittag noch nach Puebla. Wird mir der Abschied schwer? Außer Schmidt habe ich kaum einen Bekannten hier, und der steht meinem Herzen nicht bc- sonders nahe. Aber jedesmal, wenn ein Baum verpflanzt wird, läßt er im alten Erdreich Tausende und Abertausende von zarten Wurzelfasern zurück— ich habe Stadt Mexiko, namentlich in den letzten Wochen der Freiheit, doch lieb gc- Wonnen. * Um sechs Uhr aus dem Bette, um acht von Puebla abgc- fahren. Tie Strecke noch Oaxaca ist etwa 360 Kilometer lang; die Eisenbahn hat aber dazu mehr als zwölf Stunden gebraucht, da ihre Schmalspurwcitc, die starken Steigungen im Gebirge und der südmexikauischc Schlendrian keine große- ren Geschwindigkeiten zulassen. Diese Gemächlichkeit tvar mir übrigens nicht unwill- komnten. Wohl selten ist es einem Reisenden vergönnt, zwischen Morgen und Abend eines einzigen Tages so viele Klimata mit so viel verschiedenen Vcgetatioitsformationen und entsprechenden Landschaftsbildcrn zu durchqueren, wie gerade auf dieser Strecke, die aus der subtropischen Mäßig- keit des mittleren Plateaus, aus der Ticrra Fria, durch die Tropenglut der tief ins Gebirge einschneidenden Flußtäler, die Tierra Caliente, wieder hinauf zur südmexikanischen Hoch- ebene führt. Zunächst erinnerte die Landschaft fast an unser Thürin- gen: wir fuhren an sanft geschwungenen Hügelketten vorbei, die grün bewaldet deutschen Forsten gleichen. Indessen rief der Anblick der kleinen spanischen Dörfer immer wieder aus träumerischen Reflexionen zur Wirklichkeit zurück; diese niedrigen weißen Häuser mit den flachen Dächern und die etwas stereotyp anmutenden romanischen Kirchlcin mit den beiden Türmen und der gewölbten Kuppel gibt es nur in lateinischen Landen. So ging es über die Hochebene hin bis nach Tchuacan, das wegen seiner heilkräftigen Mineralquellen das Karlsbad Mexikos genannt wird. Doch plötzlich änderte sich das Bild; die Berge scheinen immer näher an die Bahn hcranznrücken, die einem Fluß- laufe folgend allmählich in glühendheiße Täler hinabrollt. Tic Kakteen nehmen baumartige Formen an; sie treten an Stelle dos Laubwaldes der Hochebene, die der Zug verlassen. Und in den Niederungen des Tales wiegt sich das hochragende Zuckerrohr im leisen Luftzuge, der von den Bergen hinab- strömt: weite Felder mit Mais und Tabak gedeihen aus dem sumpsigen Boden an den Ufern des Flusses, auf denen vereinzelte Kakaobäume und mächtige Palmen emporragen. Einmal hält der Zug fast eine Stund« und ermöglicht es den Reisenden, die MittagSmahlzeit in Ruhe cinzunchinen. Die wird, wie hier überall, von Chinesen, den kochkündigen Söhnen des bezopften Ostens, bereitet. Vielleicht ist es nur ein Rassenvorurteil— aber mir will es nie schmecken, wenn die schlitzäugigen Himmelssöhne mir die Schüssel reichen. Ich unterhalte mich daher vor dem Bahnhofshäuslein mit ein paar vollblutindianischeu Mädchen, die herrliche südmeri- kanische Früchte verkaufen, Orangen, saftigreife Bananen, Erdbeeren, Mangos, die blutroten Früchte der Kakteen und viele andere, deren Namen ich überhaupt nicht kenne; die helfen mir über die Hitze hinweg, die fürchterlich im engen Tale brütet. Schließlich hat man das schmählich aus den spärlich be- waldeten Bergen geraubte Holz zur Heizung der Lokomotive in den Tender geladen, und der Zug setzt sich wieder in Bc- wegung; ihm folgt die Schar dreiviertclnacktcr indianischer Kinder, die in vergeblicher Hoffnung jetzt zum letzten Male die Hand ausstrecken und um Centavitos flehen und denen man zum letzten Male versichert: ich hob' kein Geld. Nun zwängt sich der Fluß in schaurige Felsentäler ein; er rauscht über ivildes Gestein, das Wind und Wetter in: Laufe der Jahrmillionen vom oberen Rande der Granitwände losgesprengt haben. Die tropischen Gluten lassen hier kein einziges bedürfnisloses Pflänzlein gedeihen; leblos ist die Steinwüste: nur hoch im tiefblauen Acthcr kreisen ein paar �eier.(Forts, folgt.) �Keg�nd iiftfrtdutii feilt kann. Es flcTN bort oben ein zu friscker, reinigender Wind, im übrigen aber mühte jeder, der Wasser haben will, doch mindestens mehrere Meter ties graben, und das— nein, bau lohnt sich doch sicherlich nicht... So hat man sich denn be- gnügt. hier und da gelegentlich ein wenig zu pflügen und zu buddeln, so daß das Land zur Not schließlich aussieht, wie etwa ein Acker. Ekbörie es jedoch womöglich einem der sogenannten „polnischen Fürsten", denen ja hier so gut wie alles gehört, oder fanden sich gerade einmal nicht Arbcitsträstc genug, so hat man das Land ganz einfach wieder brach liegen lassen oder es int besten Falle mit etwas Jungholz bepflanzt. Auf den Hügeln in der Nahe größerer Ansiedelungen oder Städte thront mit Borliebe weithin jichtbarlich ein Kloster, teils vielleicht, um den Eindruck zu erloecke», als sei es dein Himmel näher, teils vielleicht auch, um den Leuten da unten stets als Mahnung an ihre sowohl wie an des Klosters Bedürfnisse vor Augen zu stehen. Die Stadt aber, in der dio Menschen in beihcn Sommern und naßkalten Wintern ihr Leben verbringen, liegt wie ein Bienen- stock irgendwo unten im sumpfigen Tal. Selten, daß mau auf eine Ausnahme stößt./ Für den Westeuropäer ist nnd bleibt denn auch sedc galizischc Stadt bei Licht besehen noch immer ein Stück Asien in Europa, die sich von jeder anderen russischen oder polnischen Stadt durch nichts unterscheidet, nicht ciniual dadurch, daß wie dort, so auch hier der geschmacklose Ziegelbau der Kirche dem Besucher inmiticu der verfallenen Hütten bettelarmer Bauer» cutgegeuprotzt, Aver lauiu rinnt irgendwo ein Wässerchen durchs Land, es mag so elend und sumpfig sein, wie es will, schon finden sich auch wieder neue Mensche», die ihre Wohnungen um es kerumbauen. Es dauert gar nicht lange, und die Häuser stehen in mehreren eng- gedrängten Reihen da, so daß es fast aussieht, als wären die hinter- sten immer näher au die vordersten herangerückt, um dem schlam- migen Tümpel nur ja möglichst nahe zu sein. Eine grundlose Straße mit stinkendem Rinnstein bildet die Lrniptader der vstaht. Im Eirunde gcnoinincn habe ich diesen Rinnstein stets als völlig überflüssig cmpsnnden, denn ein einziger Regen- oder Tauwettcrtag genügt,»in die Straße in ihrer ganzen Ausdehnung in einen Rinnstein umzuwandeln, in dem die Wagen- räder bis über die Speichen versinken, und eine Unzahl lustiger Wässerchen rieseln, die sich nach erfolgter Bereinigung in den Bach, an dem die Ansiedelung liegt, ergießen. Aus diesem Bach, in dem alles, was fließen kann, sich begegnet, holen die Einwohner ihr Wasser. Es kümmert sie nicht, daß sie, wollten sie sich die Mühe machen, einen Meter tief zu graben, bereits aus Einrndwasser stoßen würden; es kümmert sie auch nicht, daß hier nnd da ein von der Gemeindeverwaltung errichteter Brunnen steht, denn au diesem füllen ihre Kruken eigentlich nur diejenigen, die unmittelbar daran wohnen, die übrigen holen ihr Wasser nach wie vor dort,„wo sicks Ijalt mal gewohnt sind". Der Fahrweg liegt zumeist höher als die Häuser selbst. Hier und da ist eine Bretterplanke zu den Häusern hinübergelegt, d. h. wenn der Hausbesitzer gerade mal den Einfall gehabt hat. Anderen- falls sieht eben ein jeder zu, wie er am besten durch den Dreck hinüberkommt. Die kleinen, gezimmerten Häuschen mit den Strohdächern, die noch einmal so hoch sind, wie die HäuÄvand, liegen hinter niedrigen, aus Reisern geflochteneu Hecken. Ist es gerade ein„wohlbestalltes" Anwesen, so kann es wohl geschehen, daß sich neben der kalk- getünchten Stube noch ein Raum für das Bich, die Ackergerät- schaftcn und das Korn findet, das dem Bauern verbleibt, wenn er alle, die ihn aussaugen, befriedigt bat. In den meisten Fällen ist es jedoch kein„wohlbestalltes" Anwesen, und da gibt es dann eben nur einen Raum mit einem Fenster. Dort wohnen die Men- schcn. Bevor man jedoch dieses Zimmer betritt, durchschreitet man eine Art Vorraum, dessen Diele die Erde selber bildet; dort stehen meistens eine oder zwei Kühe; eine Gans watschelt daher, Hühner springen ein und ans, ein paar Tauben gurren auf dem Gesims, und irgendein struppiger, dreckiger Köter bläfft einen jeden an, der an ihm vorbeigeht. Tie Männer sind fort. Die jungen sind an der Front nnd die alten besorgen mit ihren eigenen Wagen und den tleiiicn, aber zähen Pserdcheu allerlei Lastsuhrcn für-den Train. Zwei kleine Mädchen sieben, an die Hanswand gelehnt, draußen im Schnee, Ihre Kleider bestcheu aus einigen schmutzigen Lumpen, die eine ■ist barfuß und die Schuhe der anderen würde in Wcstcnropa selbst das ärmste Behlertind von sich werfe», lind es ist nicht gerade sebr kalt, aber es liegt dock, Schnee, und es ist Winter.— Tic Häuser sind samt und sonders ohne Schornstein. Den Bcrgwald droben darf niemand anrühren, denn er gehört einem polnischen Magnaten. Im Brunnen sitzt der Typhus. Im nächsten Hos sind die Blattern. Gestern ist wieder ein Soldat daran gestorben. Und mit dem Frühjahr kommt nun wohl auch die Cholera wieder.... Ich weiß nicht, ob das alles allein am Kriege liegt; ich weiß nur, daß eS Tränen aus härteren Augen pressen könnte, als die meinen sind. Tic Kinder spielen nicht einmal hier. Nein, sie stehen da, an die Hauswand Hingelehut, stehen schweigend in Kälte und Lumpen und Schmutz und starren unverwandt bor sich hin mit dem müden Blick der Alten in den großen Kinderaugen. Es ist, als sei es nicht genug, ihren Hunger zu stillen, als könne man den Leidenszug aus ihren Gesichtern nicht sortwischen mit einer Gabe von Brot. Und es ist nicht ihre Umgebung allein, die ihnen alle Kinderfreude geraubt und zertrümmert hat. Nein: aus ihren entsagungsvollen Blicken sprechen die Leiden unzähliger bedrückter Geschlechter, aus diesen Blicken spricht der Jammer verzweifelnder Mütter, die in der Nächte Stille weinten, daß es ihnen nicht rnög- lich war, ihrer Kinder Hunger zu stillen. Möglichst, mitten in der Stadt, so daß ein jeder sie sehen muß, steht die Kirche. Die Kirche ist aus teurem roten Ziegel erbaut. Die Hutten der Bauern aus ungeschälten Stämmen. Die Kirche ward nach dem Plan eines Baumeisters errichtet. Die Hütten der Bauern nach dem Borrat von brauchbarem Holz. Die Kirche hat ein richtiges, schönes Schieferdach. Die Hütten der Bauern haben Dächer aus zerschlissenem Stroh. Die Kirche hat viele buntvemattc GlaSfciister. Die Bauern konnten nur ein einziges blindes Fenstercheu in die Bordcrwand der viittc setze». Die Kirche hat Gold an ihren Türme» und Silber auf ihrem Altar. Die Bauern haben nie anderes Gold, als das der Kirch- türme gesehen und nie anderes tailber, als das, was sich nicht allzu oft nls Münze zu ihnen verirrt. — Draußen, hinter den letzten Ausläuscrn des Gebirges, schimmert die Erde feucht durch den schmelzenden Schnee, in Er- Wartung des Frühlings und der«ante». Es ist so überaus dankbar, dies Land hier zu beackern. Der Boden ist fruchtbar und arm an Steinen. Und die Sonne scheint so warm im Tal des Dnnajcc, und von droben, von den Karpathen, stürzen ungezählte Wasser herab. Und die Saat sprießt reichlich und belohnt die Mühen des Sämannes mannigfach. Nur— ja, nur ist eigentlich die Mühe so trostlos vergebens. Es bleibt so wenig übrig für den, der nicht selbst den Boden besitzt.... Der polnische Magnat muß eine hohe Pacht erheben, denn er muß standesgemäß leben, und das kann er sonst nicht. Schlägt aber die Ernte einmal fehl, oder der große Bruder, der die stärksten Arme hat, trinkt aus dem Bach und liegt alsbald am Typhus danieder, so muß Batcr zum Geldverleiher geben und sich tu Schuld setzen, um die Pacht zahlen zu können und nicht von Haus und Hof gejagt zu werden. Und von der steit an muß er seine gesamte Ernte unter dem Preis verkaufe», denn der Geldverleiher besteht darauf, daß er sonst die ganze Schuld aus einmal bezahle. Und wen» dann der Magnat seine Pacht hat und der Gläubiger de» Zins und der Staat seine Steuern, so mnß auch noch die Kirche haben, was der Kirche ist, bevor daran gedacht werden kann, der Kinder Hunger zu stillen. Die Kirche will aus rotem Ziegel gebaut sein mit einem richti- gen, schönen Schieferdach. Die Kirche muß gemalte Glaöfenster haben und Gold an ihren Türmen und Suoer auf ihrem Altar. Und deshalb ist die Erde unter des Bauern Pflug so hart und schwer im Tal des Dnnajcc... (Deutsch von Werner Peter Larscn.) Kleines Feuilleton. Schweüijche Expressionisten. In den Ausstellungszinlincrn des„Sturm" lPotsdamer Str. kann man zurzeit die Arbeiten von fünf schwedischen Malern(von denen einer eine Dame ist) besichtigen. Man erfährt zunächst, daß jene seltsame Erscheinung, die man Expressionismus genannt hat, und die noch immer allen Philistern ein Lachreiz, den Eingeweihten aber nur eine Gesctzesersüllung ist, auf ihrem Zuge durch Europa nun auch in das Land StrindbergS gelangte. Wir wissen, daß die Expressionisten die Aufgabe der Malerei darin sehen, die Natur zu verneinen und unabhängig von ihr daS zu gestalten, was das Subjekt empfindet, was es sozusagen innerlich mit den Nerven und den Muskeln, mit der Borstellung und dein Willen sieht. Nun hat solches Programm freilich einen Haken, nämlich den: daß nichts anS den Sinnen herausgehen lami, was nicht früher in sie hinein- gegangen ist. Es können sich also auch die Expresjiomsleu. die Ausdrucksmaler, von den Eindrücken, d. h. von der Natur, nicht völlig lösen. Siemüssen ivohloderübel indenGrenzen dieser Weltbleiben. Immerhin, es ist ein Unterschied, ob ein Maler sich bemüht, möglichst genau die Wirklichkeit abzuschreiben, oder ob er nur die Empfindung, den Rausch, den die Wahrnehmung irgendeines irdischen Seins oder Geschehens in ihm hervorrief, als eine Art Gefühlsstenogramm, ohne alle photo- graphische Absicht, mehr aus psychologischen oder dekorativen Gründen auf die Leinwand bringen will. Freilich, die Besicu der Jmpressio- nisten, Leute wie Liebermann oder Manet und Goya, würden es radikal ablehnen, für Abschreiber der Natur gehalten zu werden; sie würden die Theorie der Expressionisten beinahe für sich in Anspruch nehmen können. Aber zwischen ihnen und unser» neuen Revolutionären Idie eher mit den Gothikern, auch mit manchem köstlichen Schnitzer der Neger und Südseeinsulaner verwandt sind) bleibt dockst eine Kluft Wenn ausnahmslos jedes Bild nur durch das wertvoll ist, was es uns von dem Künstler mitzuteilen hat, so verheißen uns die Expressio- nisten solche Selbstverständlichkeit in einem besonderen, gesteigerten Grad. Da nun der Wille eines Künstlers immer zu Recht besteht, so haben wir Zuschauer uns einfach zu fügen und haben nur nachzuprüfen, ob die uns kühn gegebene Verheißung sich erfüllt. Was nun unsere Schweden betrifft, so läßt sich nicht sagen, daß sie UNS mit gewaltigem Flug aus allem Irdischen herausreißen, um uns in einen völlig ungewohnten Zustand des Grauens oder der Seligkeit zu versetzen. Indessen, soviel läßt sich zugeben: einige dieser schwedischen Ausdrucksmalereien geben so etwas wie das Gesicht, da-s irgendeiit sehr empsindticheS Individuum in einem Augenblick des nervös gesteigerten Daseins von der Natur(hier stockt die Theorie) gehabt haben mag. Es sind Berichte von wilden nnd liebevolleil Träumen; nicht überwältigend, aber leidlich interessant. Die Kunst rettet sich aus der harten Formelwelt der Technik. der Erkenntnis, der Moral und der geheimnislosen Weisheit, toie will wieder urmenschlich. vormenschlich, zugleich animalisch und dämonisch sein. Nun ist bei unsern Schweden solch Begehren nirgend zur Erfüllung gereift; man kann sie trotzdem als Symptome für die gesetzmäßig sich vollziehende Wandlung der naiven Natur- freude in den bewußten Naturhaß, des klugen Analysierens in die keckste Synthetik bewerten. In schwach, um toll zu sein; aber ent- schlössen, die Fesseln der Gewöhnung zu durchbrechen und fürs erste einmal halb aus Uebermut und halb aus Instinkt in ein zielloses Abenteuer bineinzuspringeil. Man wird sie schellen; heute, da die Ordnung doppelt geschätzt wird, vielleicht gar verdammen. Man wird sagen, daß der Jsaae Grunewald so malt, als wären Spielzeugschachteln ausgeschüttet worden, und daß seine Frau Sigrid van weichen, süßen Nebeln vergiftet zu sein scheint. Man wird nicht zugeben lvollen, daß die Bilder, wie sie. der Jsaae Grünewald von Plätzen und Hafenstraßen hintastet, einige Verwandtschaft haben mit den Aengsten, die wir zu- weilen beim Durchschreiten solcher grausamen, lärmerfüllten Einsam- leiten selber empfanden. Man wird nicht zugeben wollen, daß die Sigrid die eigentümliche, ahnungsvolle Atmosphäre, in der die Kinder leben, und die uns verwirrt, anzudeuten vermag. Es ist auch gar nicht notwendig, daß man uns solches zugibt; wir sind keineswegs erpickt darauf, unsere Schweden als große Offenbarung auszugeben. Wenn wir uns für sie einsetzen, so ge- schieht es eigentlich mehr aus Trotz und aus alter, neu entzündeter Nebellengesinnuug. Wir wittern das Heraufkommen einer wohl- beleibten akademischen Herrschaft; der lvollen wir soviel Tücken und Listen bereiten Schweden. wie nur irgend möglich. Darum: es leben die R. Br. Nochmals üec Erfinder öes Maschinengewehrs. Zu der von uns in Nr. kl« des Unterhaltungsblatles gebrachten Notiz, Leonardo sei nach der Ansicht seines Biographen Feldhaus der Elstnder des Maschinengewehrs, schreibt uns Ingenieur Feldhaus folgendes: Es ist nicht richtig, daß ich irgendwo für den großen Meister den Ruhm der ersten Erfindungen des Maschinengewehrs in Anspruch genommen habe. Es ist auck nicht richtig, daß ich irgend etwas über Leonardos Zeichnungen von Gewehren und Geschützen in der Archen- holdschen Zeitschrift„Das Weltall" veröffentlicht habe. Richtig ist vielmehr, daß die ganze Notiz von Archenhold selbst ausgeht und auf einer Besprechung meines Buches„Leonardo der Techniker und Erfinder"(Verlag Eugen Diederichs, Jena) beruht, die im„Weltall" erschien.• Leonardo hatte von unserem Maschinengewehr, d. h. von einer sich automatisch neuladenden und abfeuernden Waffe keine Ahnung. Was die Archeuholdsche Kritik als Maschinengewehr ansah, ist ein schon 100 Jahre vor Leonardo bei deutschen Ingenieuren bekannte Konstruktion. Insbesondere finden sich derartige Geschütze— die im Gegensatz zum heutigen Maschinengewehr für jeden Schuß ein bc- sonderes Rohr haben— in der in Göttingen aufbewahrten Pracht- handschrisl des süddeutschen Ingenieurs Kyeser von Eichstädt vom Jahre 1405 dargestellt. (In unserer Notiz war der Unterschied zwischen dem modernen Maschinengewehr und der alten Totenorgel. bereits hervorgehoben.) Notizen. — Erinnerungsfeier. Am 9. Januar fiel im Westen der oswreutzische Dichter W a l t h e r H e y m a n n.«eine Lands- leute veranstalten am Mittwoch, den 19,, als an seinem Gebnrts- tage, eine Erinnerungsfeier int großen Saale der Neuen Phil- Harmonie, Köpenicker Straße 99/97, nachmittags i1/« Uhr. Eintritt frei. —.Her in an n K u a ck f u ß, dessen Tod wir gestern bereits meldeten, wurde vor LO Jahren allgemein bekannt durch das Bild: „Völker Europas, wahrt eure heilig st eu Güter!" Die Idee zu diesem Bilde stammte vom Kaiser... DeutseKes Theater Direktion: Max Heinhardt. 8 Uhr: J>as Wlnterinttrchen Donnerstag: Schluck u. Juu Sonntag nnd Montag 2'/3 Uhr; Xachrnittagsvorstellung(kleino Preise): Die deutschen Kleinstädter. Kammerspiele 81/, Uhr: I»cr Wcibutcnfcl. Donnerst.: Die deutschen Kleinstädter URANIA TaubenstraBe 48)49. 4 Uhr(halbe Preise): Die Winterseiilaetiten in Masuren. 8 Uhr: Der Kanal u. Mtküste Englands. Theater für Mittwoch, den 19. Mai. Berliner Theater 8 uhr: Extrablätter! Deutsches Künstler-Theater s uhr: Der Pfarrer von Kirchfeld Deutsches Opernhaus, Cbarlottenb. 8 Uhr: Der Zigeunerbaron Friedrich-Wilhelmstädt. Theater. 8/.uhr 0 diese Leutnants! Gebr. Herrnfeld-Theater 0.-. Iber«edankcnlcscr. 8 Lhr: j,as einzige.11 Ittel. Kleines Theater ... Scherz, Satire, Ironie s unr; n>||efepe Bcdentung Komische Oper 8» u.- Der Opernball Komödienhaus 8 uhr: Die fünf Frankfurter I-essing-Thcatcr s uhr: Baumeister SolneO (Solneß: Alb. Bassermann) Ijiistspiclhaus 8-,.Uhr Ein Prachtmädel Metropol-Theatcr 8 uhr: Der Hochtourist Bontls Operetten-Theater Gastspiel Louis Treumajm. s uhr: Hoheit tanzt Walzef Residenz-Theater 8 uhr: Das kommt davon Schiller-Theater O. s uhr: Der lächelnde Knabe Schlller-Th. Charlottcnbg. 8 uhr: Lumpacivagabundus Thalia-Theater 8Uhr: Alt-BerlinerPossen-Ahend: Das erste Mittagessen. Hermann und Dorothea. Guten Morgen, Herr Fischer! Theater am X'ollendorfpl. S1/. Uhr: Immer feste drnft! Sonnt. Sfl-Uhr: Die Oollarprinzessin Theater des Westens Ab Pfingstsonntag täglich: Iber brave Fridolin Posse von Okonkowski u. Gabriel. Theater in der Königgrätzer Straße 8 Uhr: RaUSCh Trianon-Theater S'/.Uhr' Volksbühne.Theateram Bülowplatz s.uhr Rösiekes Geist RitaSacchetto Else Bötticher Rosa Felsegg Julius Spielmann sowie der neue Mai-Spielplan Reichshallen-Ttieater. Stettiner Stingcr. Ans. 8 11 Zum Schluß: Militärisch. Zeit- bild von Meysel. Militärpersonen u. deren AngeHö- eigen vollkommen srcierZiltrittzu d.stett. Sängern. V«IKt-VItSatSI'. Badstr. 58. Badstr. 58. Vom 1. Psmgstscicrtag ab täglich im Garten: Gr. Thentrr-u. Spemlität.- Norsttllung. Kaiicneröjsnung 9 Uhr. Ans. 4 Uhr. KÖNIbUCHEIlllOUÄNDISÜlEfi LlOYD nach Süd-Amerika Nächste Abfahrten von AimterdairwSUd Amerika (La Coruna, Vigo, Lissabon, Pernambuco, Bahia, Riode Janeiro, Santos, Montevideou. Buenos Aires) Schnelldampfer: Frisia, 26. Mai und weiter alle 14 Tage. Frachtdampfer: 2., 30. Juni u. s. w.* Auskunft durch den: KÖNIGLICHEN HOLLÄNDISCHEN LLOYD, AMSTERDAM oder in Berlin: Passage-AgenturD.A.Vonk,70Unt.d.Lind.,NW7 Telegramm-Adresse: Realloyd Telephon: Zentrum 11881 Berlin Praler-Wer Kastanie» Allee 7—9. 1. und 2. Pfingst-Feiertag: Große Extra-Frühvorstelluög. Theater und Spezialitäten. Anfang 6 Uhr. Eintritt 20 Pf. Rose-Theater. sjl hr �JJfie deutsche Helden sterben Walhalla-Theater. s uhr: Die Jagd nach dem GIDek. UnauffättiQ erhält ergrautes Saar gletchmäß. Natur- färbe wieder d. Nelchel's„Ncgenerater". (Keine Farbe, dah. unvenvaschbar.i Wirkt allmählich u. absolut unschädl. Einfachstes Mittel. Fl. m. 3,—, franko 3,5« durch Gtto Ncichel, Serlin 43, Eisenbahnstr. 4. Tlöbelfuhrlk„Fortuna" Eingetragene CScnojfciifchnft mit beschränkter Haftpflicht SO 36, Heidelberger Str. 75/76. Laut Beschluß der außerordentlichen Generalversammlung vom 7. Mai er. löst sich unsere Genossenschaft aus. Gläubiger haben ihre Forderungen einzureichen. 193/5 Die Liquidatoren. (gustav Berger. Gustav Schön- bürg. Richard BSolf. Spezialarzt Dr. med.'Wockenfull, Friedrichsfr. 125(Oranienb. Tor), für Syphilis, Harn- u. Frauenleiden— Ehrlich-Hata-Kur(Dauer 12 Tage), Blutuntersuchung. Schnelle, sichere schmerzlose Heilung ohne Berufsstörung. Teilzahlung. Sprechstund. 12'/,— 2'/, u.'i'/j— 8'/;. Unerreicht in seinen Vorzögen �os�Wascty� eingetragene kfla hängen Schutzmarke Verantwortlicher Bchakteur: Alfred Wirfepp. FeuMo. Wx de» Jnjeratenteil vergntw,! Th, Glocke, Berlin. Druck».Verlag: Vorwärts Buchdruckerej u, Verlagsanstalt Paul Singer Sc Co, Berlw SW.