Nr. 117.- 1915. Unterhaltungsblatt des vorwärts Mag, 31. Mai. Verhaeren. Am 21. Mai 1915 wird der belgische Dichter Emile Verhaeren 69 Jahre alt. Berhaerens Bedeutung besteht darin und wird dauernd darin bestehen, daß er in vielen Gedichten das Epos der modernen Großstadt und der modernen Massen geschaffen hat. Sticht daß er der einzige wäre, der dies vermochte. In Deutschland hat der srühe Dehme! ähnliches gewollt und gekonnt— er in mancher Zeile vielleicht tieser denkend und präziser, nunder rhetorisch formend als der Belgier. Stets gewaltiger als Verhaeren, gewaltiger durch Einfalt des Ge- fühls und durch leuiche, gotische Derbheit der Sprache, schritt der Amerikaner Walt Whitmau dem Ziel einer monumentalen soziali- stischen Dichtung zu. Er kam anfänglich von einer katholisierenden Romantik und be» wunderte, ergriffen von der Formgräße des mittelalterlichen Flandern, in ekstatischen Versen die Denkmäler altbelgischer Vergangenheit. Er bewunderte die Mönche, die ihm lebendige Zeugen dieser Vergangen- heit zu sein schienen. Er bewunderte die Kirche. Wie Konstantin Meunier, der— ähnlich übrigens fast allen belgischen Künstlern von der Wende des vergangenen Jahrhunderts— von einer christlichsozialen Stimmung ausgegangen war und schließlich mit seinem ganzen Gefühl im modernen Sozialismus aufging, kam Verhaeren im Lauf seiner Entwicklung zu einem radikal modernen Bewußtsein. Dies also war sein Weg: mit der Vergangenheit, so bedeutsam in Sache und Form sie gewesen sein mochte, energisch ab- zuschließen und das Leben ganz auf das moderne Dasein aufzubauen. Es handelte sich zunächst daruin, dies moderne Leben so, wie es als Erscheinungstatjache vorlag, anzuerkennen: den Kathedralen, den Tuchhallen mittelalterlichen belgischen Lebens, überhaupt der abgerundeten Vergangenheit nicht weiter mit sentimentalischem Heimweh nachzutrauern und nicht weiter über die sogenannte Häß- lichkeit der Fabriken, der Handelshäfen und der großen modernen Städte zu wehklagen, sondern Schornsteine, rußgeschwärzte Arbeits- stälten und Arbeilsmenschen, das ganze technische Städtewesen und Menschentuin der Gegenwart zu bejahen, dies alles mit der Liebe des dichtenden Geistes zu umfassen und deni allem durch das formende Wort des Poeten Erhabenheit zu bestätigen. So schrieb der Dichter Hymnen auf die moderne Welt, die vielleicht Verzweiflung, aber auch kühne Begeisterung enthalten. So zeigte er die Fabriken: «Längs eines Kanals, der mit Schwefel geschwängert Wie ein Nebelsireif sich in die Ferne verlängert, Starr gegeneinander mit stumpfen Blicken, Die aus zerbrochenen Fenstern gähnen, Stöhnen und dröhnen Durch der Borstadt schwerfällige Maffe, Durch das zerlumpte Elend der Gaffe Furchtbar die Werke und schwarzen Fabriken. Granitne Würfel, Rechtecke aus Stein, Wandern die Mauern rastlos nach vorne, Schwarz und verräuchert inS Ferne hinein. Hoch auf den Dächern, Mit den Spitzen, die den Nebel durchlöchern, Oualmcn die schorne, Spein'n die Kamins. Ilnd unter ihnen In deck Baracken Stehn Menschen, habnackt mit offener Brust, Die feurige Blitze hacken und packen. Mit offenen Türen locken die Schenken: Grünspanige Spiegel. Messing und Zinn, Blinkende Flaschen, belagerte Bänke lind vorne die fahlen Gefäße mit Alkohol drin, Die ihren Glanz aus das Pflaster strahlen. Die Kannen steigen in Pyramiden Verlockend auf dem Schenklisch empor, Trunkene Männer stehen mit müden Augen wüst und wortlos davor, Und jeder trinkt gierig sein großes Glas Goldenes Ale oder Whisky, gelb wie Topas.. Es ist gesagt: in diesen Versen mischt sich eine kühne Be- geisterung mit einer unaussprechlichen Verzweiflung. In der Tat kann man hier von Begeisterung reden: von einer Ekstase, die sich mit Wirklichkeiten, selbst mit unseligen Wirklichkeiten nährt. Leidenschaftliches Gefühl für das moderne Dasein, zumal für das Proletarierdasein so, wie es ist— dies Gefühl trägt diese Poesie. Aber auch die Verzweiflung, die in dieser Begeisterung enthalten ist, behauptet sich. Und nun ist es prachtvoll zu sehen, wie sich der größte Gedanke Verhaerens aus dieser mit Verzweiflung gemischten Begeisterung ablöst, die Hoffnung nämlich, daß aus dieser zugleich grandiosen und schrecklichen, ja ver- worfenen Wirklichkeit des modernen Daseins einmal der siegende Antrieb zur Neugestaltung der Gesellschaft kommen wird. So spricht der Dichter um 1999: „In diesen Städten von schwarzem Basalt, Wo zaubrische Feuer dem Dunkel entlohen, In diesen Städten, wo mit Donnern und Drohen, Mit Schrei und mit Träne aus tausend Stimmen Die Menge sich ballt, In diesen Städten, die plötzlich sich krümmen, Wenn die Angst und der Aufstand sie rot überwältigt, Fühl' ich mein Herz vertausendfältigt, Fühl', wie sich's tvandelt und weitet und füllt Und in jäher Ekstase fast überguillt. Wie eine Welle im Strom sich verliert, Eine Schwinge im Aether unsichtbar wird, So verliere auch du, O mein Herz, dich in diesen unzählbaren Mengen, Die die Städte mit Schrei und Jubel durchdrängen. Vereine, umfasse Liebend in dir die zerstückelte Maffe Und nimm immer so sehr Teil an diesem Verändern und Wandeln Der Menschen und Dinge, Bis dich dann plötzlich das tiefste Gebot, Nach dem sie alle ahnungslos handeln, Jäh wie ein blendender Blitz durchloht! Laß Einklang walten zwischen deiner Kraft Und den Geschicken, Die unbewußt dir die Menge schafft... Hier ist ein gewaltiges�Bekenntnis gedichtet: ein Bekenntnis zum Kollektivismus, fast zum Sozialismus, ein Bekenntnis, in dem die Theoreme des historischen Materialismus die Glut eines unmittel- baren menschlichen Wahrheitserlebnffses erhalten, ein Bekenntnis zu den Möglichkeiten der Zukunft, die von der Masse bestimmt werden und den einzelnen in ihren Rhythmus aufnehmen. Denken wir heute an Verhaeren, so denken wir daran, daß er der Dichter dieses großen und hoffnungSkühncn kollektivistischen Be- kenutnisses ist. Die RHen im Mtilieriekampf. Rußlaird ist kulturell, politisch und wirtschaftlich zurück- geblieben, militärisch aber hat man sich im Lande des Zaren durch- aus zeitgemäß auszurüsten gewußt. Und wenn Putilow, der russische Krupp, iu der Qualität und Quantität nicht immer leistungsfähig genug gewesen ist, so ist von anderen Ländern nach- geholfen worden. Auch die deutsche Rüstungsindustrie hat das russische Heer mit uiancherlci technischen Kriegsmittcln versorgt. Der russifch-japanische Krieg hat Rußland, militärisch be- trachtet, vorwärts getrieben. Modernisierungsbestrebungen setzten ein und heute läßt sich auf allen Gebieten des russischen Militär- Wesens erkennen, wie die Fortschritte der Kriegstechnik mich hier ihre Anwendung gefunden haben. Ein Beispiel ist die russische Feldartillcrie. In der„Frank- furter Zeitung" schildert ein deutscher Generalstabsoffizier, wie die Russen Artilleriekämpfe führen. Für diese Waffe wird das Menschenmaterial sorgfältig ausgewählt. Der Mannschaftsersatz der Artillerie entstammt in erster Linie dem Handwerker- und dem Fabrikarbeilcrstand, der in Rußland oem Bauer und Land- arbeiter geistig unbedingt überlegen ist. Die Ofsizieranwärter er- halten in zweijährigen Kursen eine gründliche praktische und theoretische Ausbildung aus den Artillerie-Kriegsschulen. Die russische Artillerie besitzt in allen Formationen Rohrrück- laufgeschütze mit Panoramafernrohren und Schutzschilden. Das Feldgeschütz stammt der Konstruktion nach aus den Jahren 1999 und 1392 uns hat ein Kaliber von 7,6 Zentimetern. Es werden Granaten und Schrapnells verfeuert. Der Brennzünderschuß des russischen Schrapnells reicht bis 5559 Meier, d. h. um einige hundert Meter weiter als das deutsche Geschoß der gleichen Art. Das Geschütz ist in Frankreich konstruiert, wird aber jetzt in den Putilow-Werten und in der staatlichen Geschützgießcrei(beide in Petersburg) hergestellt. Die leichte Feldhaubitze hat das Kaliber von 12,2 Zentimeter, ist also um 11- Zentimeter stärker als die deutsche leichte Feldhaubitze. Auch dieses Geschütz verseuerr Granaten und Schrapnells. Der Brennzünder reicht bis 7689 Meter und ist erheblich weiter als unser Zünder. Es gibt vier Geschützkonstruktionen und an die Leistungsfähigkeit der deutschen Nüstuiigsinduftrie werden wir erinnert, wenn wir erfahren, daß die Konstruktionen 1992 und 1999 an die ruffische Armee von— Krupp geliefert wurden. Zur russischen Feldartillcrie gehört auch die schwere Artillerie des Feldheeres. Sie besteht aus schweren Feldhauvitzen nno Lang- kanonen. Beide Geschütze entstanrmen den Schnerder-Wcrken (Frankreich) und find durchaus modern. Nicht auf der Höhe steht die russische Geschoßfabrikation, wenn man sich auch bor Uebertreibungen zu hüten hat. Mitteilungen über Granaten, die mit Lehm gefüllt sind, bezeichnet der oben ge- nannte Gewährsmann als Zeitungslügen. Aber die Wirkungen der ruffischen Artillerie sind gering, außerdem sind für das dortige Schießverfahren gewaltige Munitionsmengen erforderlich, und an Munition hat es den Russen, besonders in der letzten Zeit, ost ge- fehlt. Im Beobachtungsdienst ist die russische Artillerie sehr aufmerk- sam. Die Beobachtungsmittel sind ebenso modern wie die Ge- schütze und Richtgeräte. Bei dieser Gelegenheit machten deutsche Soldaten recht eigenartige Erfahrungen. Bei der� Eroberung russischer Batterien zeigte sich nämlich, daß diese für den Bc- obachtungsdienst mit—--- deutschen Fernrohren ausgerüstet waren. Für die Beobachtungsstellen werden hohe Baume verwendet. wie Hochsitze angelegt und verkleidet. Die Beobachtungsftcile selbst'ist auch bei den Russen durch Fernsprecher mit den Gc- schüren verbunden. Jede Batterie besiht auf zwei Telephonrarrcu so viel Kabel, daß die Entfernung zur Feuerstellung keinen Ein- fluß auf die Wahl der Beobachtungsstellen ausübt. � Die Telepbon- karren sind mit einem Pferde bespannt und so leicht gebaut, daß sie dem zur Erkundung vorreitenden Battericführer jederzeit folgen können. Die berittenen Kabelträger in den deutschen Armeen sind beweglicher, die sofort zur Verfügung stehende Kabel- länge ist aber bei den Russen größer. Jedem Batterieführcr steht ein besonderes Kommando bock 21 Aufklärern und Verbindungsleuten zur Ver. fügung, von denen 11 beritten sind und dem Führer ständig folgen« Die Stärke dieses Kommandos ist durch die schlechten Wegevcr. hältniffe in ganz Rußland bedingt, zu deren Verbesserung die Regierung herzlich wenig tut. In dem Milliarden-Etat des großen Reiches waren in den Jahren 1919 bis 1912 nur 13,48, 18,8 und 19,2 Millionen Mark für Wegebauten— Unterhaltung und Neu- anlagen— ausgeworfen! Die Aufklärungskommandos werden gc- schickt verwandt. Ein Teil der Berittenen wird bei Märschen nur einen Tagesmarsch vorausgesandt, um die Wege vorher zu er- künden. Ohne diese Vorsicht würden die Batterien an Flußlaufcn. in Seengelände usw. manche unliebsame Ueberraschung erleben, zumal da die Karten oft nicht � mit der Natur übereinstimmen. Wegebauten und Brückcnanlagen stehen dann nur aus dem Papier, sind zwar vergeben worden, aber die belvilligten Baukosten siiid auf dem Jnstanzweg verschwunden und der Unter mchmer hat die Austräge nicht ausgeführt. „Die guten Eigenschaften der ruffischen Artillerie treten ick Lagen hervor, die für Erkundung und Beobachtung Zeit gewähren. Den schnell wechselnden Aufgaben des Beivegungskriegcs sind die Batterien nicht gewachsen. Da versagt die Aus- klärung, die Beobachtung und das Schietzverfahren rn gleicher Weise. Auch die beste Waffe der russischen Armee, die Artillerie, kann den Charakter des ruffischen Volkes nicht verleugnen, der den Soldat wobl zum Festhalten befähigt, nicht aber zum Zugreifen. Deswegen verwendet der Truppcnsührcr die Artillerie, ebenso wie die anderen Waffen, am liebsten im VerteidigungStamps. Für diese Verwendungsweise spricht noch ein anderer Grund mit. Rußland ist in der Geschütz- und Geschoßsadrikation noch immer vom Auslande abhängig. Die großen Verluste an Artillerie rn den Herbst- und Winterschlachten an den Masurischen Seen haben daher zu besonders vorsichtiger Verwendung des noch vorhandenen Materials geführt. Die russische Jnfauterie findet daher jetzt noch weniger Unterstützung an der eigenen Artillerie wie ffüher. Diese Die Crweckung öer Maria Carmen» 8j Von Ludwig Brinkmann. Aehnlich ist mein Gefühl. Ich lasse die anderen sich mit den mächtigen Schießgewehren schleppen) sie schützen damit auch m i ch, da etwaige Strolche auch bei nur Waffen vermuten und fürchten.— Bei Ocotlan verließ ich nach zweistündiger Fahrt die Bahn, die nach Ejutlan weiterführt. Am Bahnhofe fragte ein Indianer nach mir, der draußen init Pferden wartete. Er heißt Josä und ist beim Jmparcial in Diensten. Den Weg vom Bahnhofe bis zu unserer Grube Maria Carmen werde ich tvohl noch so oft zurückzulegen haben, daß ich fürchte, keinen Strauch und keinen Stein jemals aus meinem Gedächtnis zu verlieren, wenn ich auch hundert Jahre leben sollte. Ich kann mir alle Notizen sparen. Es ist auch nicht gerade erquicklich, daran zurückzudenken. Wüste— Wüste— endlose Wüste— und eine Glut darauf! Die Steine scheinen fast zu brennen, und hinter Ocotlan werden sogar die bedürfnislosen Kakteen selten. Wie war doch die Fabel von dein Manne aus Arizona, der starb, natürlich in die Hölle kam und seinen lebenden Freunden schrieb, sie möchten ihm Decken nachschicken, er sei solche Kühle nicht mehr gewöhnt? Ich glaube, derselbe Mann würde nach seinen Erfahrungen in diesem Feuermeere um Wärmeflaschen und heißen Grog iil der Verdammnis Hoch- ofen flehen! Nachdem ich einen fast ausgetrockneten Bach, der sich in seinem Unterlaufe zum wasserreichen Rio Verde entwickelt, überschritten und mich nach Südwesten, auf Taviche zu, ge- wandt hatte, bestand das einzige Leben, das ich bemerkte, aus ein paar Kolonnen von Arbeiter», natürlich meist eingeborenen Peons, die mit der Aushöhlung des Bodens für eine Eisen- bahn beschäftigt waren. Es muß sich also lohnen, diesen Distrikt zu erschließen: ein gutes Vorzeichen! Es sind keine schönen, ebenen, kunstvollen Dämme, die diese Lande durchziehen) es brausen hier nicht majestätische hochrädrige Lokomotiven pfeilschnell von Meilmstein zu Meilenstein) es sind meist schlecht verlegte, schmalspurige Gleise, die sich fast ohne Unterbau durch die Wüste hinziehen, und kleines, schmächtiges Gefährt schleicht vorsichtig auf dem unsicheren Grunde dahin, der schweren Lasten und großen Geschwindigkeiten keinen Widerstand leisten könnte) aber dies sind die wahren Pioniere, die Kultur in unerjchlossene Welten hineintragen, die durch die Mühseligkeit ihres Dienens erst den größeren, zukünftigen Mitteln das Dasein ermöglichen.— Endlich bin ich in Taviche geröstet und gebraten ange- langt. Ich ivarf einen neugierigen Blick auf das Dutzend Minen, die rings im Kreise aus den Abhängen des Berges liegen) aus einigen der Maschinenschuppen qualmten weiße Dampfwolren auf. Was es wohl kosten mag, hieher auf dem Rücken von langsamen Eseln ein wenig Kohle zu bringen und von hier aus das Silbererz nach Ocotlan zur Bahn zu schaffen, auf dem Rücken derselben Esel! Kahl und trostlos sind die Berge) sie weisen nicht den geringsten Pflanzenwuchs auf; nichts als kahles Gestein, das die Glut der Sonne bleicht und zermürbt. In der Schenke von Taviche nahm ich ein karges Mahl, Brot und Käse; das war alles, was ich bekam. Dann ging es weiter, wieder die Berge hinauf, weiter in der Richtung auf den Rio Verde zu. Ein unsagbar wüstes Hochland habe ich zu durchqueren, bis sich ein in enge Felswände eingezwängtes Tal nach Süden öffnet, zu dem ein abschüssiger Pfad über wildern Steingeröll den Zugang erschließt Endlich wird dieses Tal etioas ffeundlicher. Hier wachsen doch wenigstens ein paar Agaven und Kakteen und ganz im Grunde, beim Bache, ein paar Sträucher und Grashalme. Es gibt hier also ein wenig Wasser: da läßt sich etwas schaffen! Ich will hier einen Garten anlegen, ein paar Melonen ziehen; eine kleine Oase soll hier werden! Keine Lage ist ganz trostlos, wenn man etwas schassen kann. Hier gibt es genug zu tun!— Stuart, Ward und Powell begrüßten mich an der Türe. Das alte Steinhaus ist nur zur Hälfte eine Ruine; der eine Flügel hat ganz gut die Wechsel des Geschickes und seiner Besitzer ansgehalten. Natürlich sieht es noch gar wild aus; Türen und Fensterläden sind roh ans nnbehobelten Brettern zusammengefügt, um den Bedürfnissen des nächsten Augen- blickes zu dienen; und das ist fast schon der höchste Komfort, denn sonst besteht das Mobiliar der beiden einzigen bewohn- baren Zimmer ans vollen oder leeren Kisten; alle notwendigen Dinge sind bestellt, aber noch ist natürlich nichts aus Stadt Mexiko angekommen. Es ist wunderbar zu sehen, wie behag- lich sich augenscheinlich meine Uankees in dieser Umgebung fühlen: es scheint fast, daß kaum etwas mehr als ein Dach und ein paar Kisten dazu gehören, sie heimisch zu machen. Es hat auch seine Vorteile, so wenig von Kultur verwöhnt zu sein! Natürlich drehte sich die Unterhaltung ausschließlich um die Maria Carmen. Dsch davon ein andermal mehr. Ich will nun hinaus, vor das Haus, meine Pfeife zu rauchen, d'e- isterne zu sehen, die klaren. Schön ist es, in die Nacht hinein- zuschauen! Und das Datum meines Eintreffens bei� der Grube will ich mir merken: wir haben den 16. Mai 1905. Ich bin selbst erstaunt: ich fange bereits an, mich wohl- zufühlen. Vielleicht liegt es daran, daß ich fast keine Gc- legenheit habe, über meine Lage nachzudenken. Ich habe un- endlich viel zu tun.—- Mein Koffer ist schließlich von Ocotlan hierhergekommen. Q die wackeren Esel! Niemand soll in meiner Gegenwart mehr ein böses Scheltwort aus diese Tiere sagen; sie sind die nützlichsten Diener und besten Freunde, die wir haben. Wohl sind sie langsam und oft recht eigenwillig; das liegt aber daran, daß sie mehr Verstand haben als wir allzu eifrigen Söhne des Nordens. Sie wissen ganz genau, daß in diesen Glnten und Wüsten nur langsame, vorsichtige, abwägende Beständigkeit zum Erfolge führen kann. Was anderswo in einer Woche bewältigt wird, dauert hier ein Jahr; das ist nun eininal mexikanisches Naturgesetz' man muß sich damit abftnden. Wehe dem aber, der sich einbildet, er könnte die Verhältnisse zwingen, mexikanisches Jahreswerk in einem Tage vollbringen. Wie bald wird der zusammenbrechen, niederstürzen— und gar nichts geschaffen haben! Nun, da ich nicinen Koffer habe, meine Bücher insbe- sondere, nun ist es mir, als lockre ich in der Heimat; der Zinlinernlann hat mir ein Bord an der Wand befestigt, ans das ich sie in Reih und Glied hingestellt habe; nicht ganz zwei Dutzend Bände. Stuart und Ward sind indessen erstaunt, daß es überhaupt so viel Gedrucktes in der Welt gibt. Ich glaube, ich habe noch niemals etwas mit größerem Rechte Heimat nennen können, als dieses wellentlegene Tal im wüsten Hochgebirge. Alles was ich besitze ist hier: mein weniges Geld, mein Koffer und sein armer Inhalt; sonst nenne ich nichts mein Eigen. Aber Freunde? Verwandte? Ach, ich habe sie bereits vergessen, lote sie sich meiner nicht erinnern werden, wie sie vielleicht nicht einmal wissen, ob ich noch unter den Lebenden� weile. In mehr als einem Sinne ist mir die Rückkehr vollständig abgeschnitten; ich muß in diesem Tale ausharren, muß hier groß werden, muß es zu meiner Heimat machen! Und habe ich nicht alles hier? Ich besitze ein Dach, ein wenig Kleidung, meine Nahrung, habe ein Pferd, eine Büchse, durch das Land zu streifen, das Gefühl schrankenloser Freiheit zu genießen, habe einen Freund, Stuart, der mein Schicksal mit mir teilt— und habe schließlich eine große, weit über Jahre und Jahrzehnte hinausreichcnde Ausgabe. Und doch will mir manchmal der Mut sinken, wenn die bciBItifit dlclmchi: iutmei: fft der Beti zurüzügers im umgekippten Satze bei einer der Glossen zur nach- stehenten Partie, die unlängst im Schachklub„Central" zu München gespielt wurde. Holländisch in der Vorderhand. lZr. S. Tarrasch H. Satzinger 1. 12—14.... Dies gibt der Eröffnung den Namen. 1...... e?— e6 Die Eröffnung 1. 64, 15, die für Schwarz übrigens nicht fonderlich zu empfehlen ist, heitzt„Holländijch", Wenn Schwarz also, statt des den llcS einschränkenden Texlzuges, mit 1.... 65! antworte!,)o entsteht eine der„Holländischen" analoge Eröffnung, nur mit dem Unterschiede. daß Weiß dann ein Tempo mehr hat. Hiermit wird zwar die Eröffnung für Weiß spielbarcr. aber auch Schwarz hat keinen Nachteil, wenn er sich in der Folge den I,o8 nicht einschränkt, sondern wachtet, zu e7— e5 zu gelangen, wogegen eben 1. 14 gerichtet war, 2. 8x1—13 67— AS In Betracht kommt, mit 2.... bS dem Lc8 eine wirksame Diagonale zu verschaffen. 3. s2— e3 c7— o5 4. b2— b3 Li8— e7 5. Lei— b2 Le7— 16 Vorzuziehen 816. Zu erwägen war auch 5... 16 nebst evnt. 8x8— b6— 17 zur Vorbereitung von 06— e5. 6. 8 f3— e5 Lf6Xe5 Besser So6 nebst Sge7. 7. f4Xe5 Sg8-e7? Weit besser war 7...I>b4i'; 8.»3. De4; 9. Kf2, 64 usw.(Aus diesem Grunde hätte Weiß aus«5 mit dem Läujcr nehmen sollen.) 8. Dkl— 63 Sb8— c6 9. 0—0 0—0 10. D61— h5 Se7—£6 11. Dkl— 13 12. Sbl— c3 13. Tal— 11 So6— e7 a7— a6 b7— b5 14. Sc3— 61 Lc8-b7 _Sic§ ermöglicht einen glänzenden Schluß. Daß Weiß bedeutend besser steht, konnte Schwarz nach der Unlcr- lassung im 7. Zuge nicht hindern: aber sofort 14.... o4! hätte jeden- salls mehr Widerstand geleistet. 13. 861— k2 c5— c4 16. Sf2-g4I..... Sehr schön gespielt, obschon auch einsach I,s2 genügte. 16...... 17—15 Falls 16.... cXck3. so 17. 8k6f, eXIS; 18. SX16 nebst TbS. Der Textzug sucht die Drohung L16f zu verhindern. 4) 17. oöX16 8s7— 15 18. 16X8? LlöXk? Die schwarze Partie ist zwar schon längst verloren: aber die Art und Weise, in der Dr. Tarrasch nunmchr beendet, ist sehr elegant: 19. Dh5Xb71I Kg8Xb7 20. T13— hSf Kb7— g8 21. Sg4-h6t Kg8— h7 22. Sh6— 17f Kh7— g8 Mit Dh4 oder Sb5 zu decken, verzögert nur das Matt, ohne die Fort- setzung zu ändern. 23. Th3— bSf! Sg6Xb8 24. 817— he ff- Briefkaste«.(I. Kassubek. Berlin.) Mit vollem Rechte machen Sie daraus aufmerksam, daß das Problem in 24- unserer Nr. III sowohl durch Läth als durch 8654 nebenlösig ist und daß die korrekte Slellung wie solgt sein muß. Weiß: Kc6, Dg6, Lb2, Sc3. Schwarz: K64, De2, Lc4, Bd3. (24= durch 1. Dg6— e4t.) Das Pro- blem, das schon so wie so leicht genug war, ist durch das Versehen leider noch viel leichter geworden. LeranMilliäU RedaktÄr! Alfred Wiclcpp, Neukölln. Für den Jnieraienteil verantto.: Th. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag:VorwällS Buchdrucker-! u. Perlagsunstal: Paul Singer& Co, Berlin SW.