it. 119.— 1915. Unterhaltungsblatt öes Vorwärts Röte öich, junger Tag... Nöte dich, junger Tag! Nöte dich in den aufbrennenden Gluten, die schöpfungsstark dampfende Erde und singendes Meer mit strahlender Liebe überfluten. Durchflamme die Welt. Schmiede der Menschheit sonnige Stunden. Lohe dem Tod sieghaft ins irre, gierige Antlitz. Erhelle die Seelen; heile die Wunden. Was ist dir Käß? Was dir Zorn? Ein blindes, tönendes Erz. Du nimmst alles, alles, alles in deine weiten Arme, an dein großes, leuchtendes Kerz. Ernst P r e c z a n g. pfinMochzeit. Skizze von P a n. Der Dietrich Ortmanu war ein heimlicher Poet. Schon damals, als er noch im blauen Kittel am Schraubstock in der Maschinen- fabrik stand und das Lied von der Feile schrieb. Andere sagen vielleicht: die Feile kreischt oder quieki, verziehen das Gesicht und halten sich die Ohren zu. Aber Dietrich hatte wohl besondere Ohren, und darum sagte er: die Feile singt. Ja, ein ganzes Lied hörte er heraus: von emsigen, schaffenden Kräften, die Wunder- dinge hervorbringen und dies Leben reich und interessant machen. Als er achtzehn Jahre alt war. schrieb er in sein Tagebuch:„Wenn ich einmal Hochzeit mache, soll es zu Pfingsten auf einer Wiese am Waldrand sein oder in einem Garten, wo blühende Obstbäume stehen. Mein Mädchen soll keinen Schleier und keinen Myrtenkranz tragen, sondern nur einige Blumen im Haar, und große, freie Freude soll in unseren Herzen sein. Wir wollen ganz eins sein mit der Natur und uns als ein paar Blüten fühlen. Denn ich glaube nicht, daß wir Menschen etwas anderes sind, als winzige Teile der großen, weltumfassenden Natur. Wir keimen, blühen, reifen, verdorren..." Als seiner Mutter das Tagebuch einmal in die Hände geriet, schüttelte sie den Kopf und sagte:.Was schreibst Du da für Un- sinn zusammen, Junge! Nimm Dich lieber zusammen, daß Du etwas wirst!" Dietrich errötete darüber und verschloß fernerhin das Tagebuch und seine anderen Manuskripte, die nach Feierabend entstanden waren und doch den Hauch der Werlstatt trugen oder nach Wald, Feld und Wiesen dufteten. Er lernte zeichnen und kani in das Konstruktionsbureau der Maschinenfabrik, wo er in der Regel still vor dem Reißbrett sitzen und einfache Maschinenteile zeichnen mußte. Das behagte ihm nicht; er hätte viel lieber die Feile singen lassen. Das Kratzen der Federn sagte ihm nichts. Dietrich suchte nach einem Ausweg, wollte aber die Mutter nicht betrüben, indem er seine.Karriere" im Stich ließ. Dann kam der große Krieg, den er zunächst mit sehr roman- tischen Augen ansah. Außerdem erblickte er in ihm das Mittel, das ,hm vom Zeichentisch befreien konnte. Er meldete sich als Frei- williger. Wenige Monate später befand er sich an der Front. Sein Tagebuch hatte er zu Hause gelassen, sonst hätte er mancherlei zu schreiben gewußt. L-o schob er es auf und notierte nur aus einem Zettel:„Der Krieg ist eine ungeheuere Maschine, die Menschen tötet und verstümmelt. Ob wir wirklich so zur Natur gehören, wie ein Baum, eine Blume oder Blüte l Ich zweifle fast, weil ich gar so viele sehe, die weder zur Blüte noch Reife gelangen. Gewaltsame Vernichtung ist wohl überall. Aber der Mensch hat sie zu einer solchen Vollkommenheit gebracht, daß er einen besonderen Platz in der Naturgeschichte verdient." Die Crweckung öer Nlacia Carmen. llO Von Ludwig Brinkmann. Mit diesem Ergebnis find Stuart und ich beute wieder nach einer sircuz. und Querfahrt von fast einer Woche zurück- gekehrt. Die Ruhe und die angenehme Kühle unseres Hauses mit den mächtigen Steinwänden, ja die Bequemlichkeit, die verwöhnten Ansprüchen allerdings etwas fraglich erscheinen könnte, hat etwas Verlockendes nach den Strapazen des Wanderlebens, lind Wards Küche mundet herrlich! Aus all diesem Glück Ivollen mich irnu diese beiden Grausamen hinauStreiben! Wollen mich, den Empfindlichsten, den Kultviertcsten von uns dreien, in die Wildnis stoßen! Das habe ich meinem Garten, oder genauer dem Projekte meines Gartens zu verdanken! Man hält mich für ein landwirtschaftliches, forstivirtfchaftliches Genie. Meine geologischen Kenntnisse seien nur schwach, aber unseren Wald loürde ich wohl zu handhaben wissen, argumentieren die beiden. All mein Sträuben ist überwältigt; ich soll in wenigen Tagen ausbrechen. Stuart ist in der Mine, Ward in der Küche nicht abkömmlich; er wird auch meine Korrespondenz übernebmen. Ich soll das Fällen und Zersägen des Gruben- Holzes überwachen, soll einen Teil unseres gemeinsamen Bc- sitztumS in allerperfönlichste Verwaltung nehmen. Meine verschiedenen technischen Projekte müssen eine Zeitlang, auf vier Wochen, ruhen bleiben. Die Holzlieferungen sind fortan das wichtigste! Ich kann noch meinen Mitregenten dankbar sein, daß sie mir gestatten, jeden Sonnabend auf der Grube einzu- treffen, um am Montag früh bei Tagcsgrauen wieder ins Gebirge zu reiten. Nun lebe ich schon ein paar Tage im Hochgebirge. Zu- nächst ist es mir schrecklich erschienen, mich von den Freunden zu trennen, so sehr hat uns ein Monat unseres Lagorlebens zu einer Familie zusammenwachsen lassen; aber schließlich habe ich Geschmack an dieser Einsamkeit des schönen Waldtales gesunden. Vielleicht wollte ich so recht einsam sein. Der vorsichtige Ward hatte mir geraten, Wenigstens einen hatblvegs zuverlässigen Mann, unseren Boten Jose, mitzunehmen. Er fürchtete gllerlei Unheil von der noch ganz rein indianisch Acht Tage später traf ihn beim Stürmen ein Eisenstück in den Oberschenkel. Er sank nieder. Als er wieder zu Bewußtsein gelangte, war es Nacht. Rings um ihn war die Luft mit stöhnen, Seufzern und abgerissenen Schreien erfüllt. Die Kanonen donnerten noch immer, und die Gewehre knatterlen nicht weit von ihm aus einem feind- lichen Schützengraben. Beim Dämmerlicht des Sternenhimmels sah Dietrich, daß er zwischen Leichen lag. Einige hatten die Augen ge- schlössen, andere starrten mit gebrochenem Blick zu den Sternen empor. Dietrich fühlte das Blut auS seiner Wunde sickern und preßte die Hand darauf. So lag er zwei Nächte und einen Tag, ehe er von Kameraden in der Dunkelheit geborgen wurde. Er kam ins Etappenlazarstt und wurde eine Woche später nach Deutschland befördert, in das Lazarett einer kleinen, ihm bis dahin unbekannten Stadt im Norden. Als die Fleischwunde noldürstig geheilt war und Dietrich, gestützt auf zwei Stöcken, ausgehen durste, verwünschte er diese Stadl mit den engen, langweiligen Gassen, in die kaum da« dürftige Licht der kurzen Wintertage hineindrang. wo der Nebel fast immer über den Dächern hing und die Menschen wortkarg und griesgrämig ihres Weges gingen. Aber dann nahm ein Kamerad ihn einmal zu einer bekannten Familie mit, und da wurde diese öde, dunkle Stadt frei- lich über die Maßen hell und weit und sonnig, mochte es auch schneien, regnen, stürmen und�der Hagel vom Wasser her wie Ma- schinengewehrfeuer gegen die Scheiben prasseln. Nun ja. das alte Lied: ein Mädchen. Ein Mädchen von siebzehn Jahren mit braunem Teint und guten braunen Augen, jnit langen schwarzen Flechten im Nacken und voll von heiterem Sinn und wuselnder Lebhaftigkeit. Eine Zigeunerin, durch irgendeine Laune der Natur in dieser korrekten, bedächtigen und sinneskühlen norddeutschen Familie zur Welt gekommen. Marie hieß sie und Miele rief man sie. Ja. es war ei» Widerspruch. Und Dietrich sagte, als er etwas warm in der Familie geworden war:.Zuleika müßten Sie heißen." Da lachte Miele bell auf; er meinte, in ihrem fröhlichen Blick etwas wie Dankbarkeit zu sehen. Die Mutter aber sagte trocken: ,.Dat laten S' nu man, aS dat is. Ick heet ok so." Und dann strickte sie ruhig weiter an den Strümpfen für ferne VaterlandSverteidiger." Miele besaß nicht genügend Sitzfleisch dazu, aber sie widmete sich nun mit Ausdauer und Hingebung der ebenfalls patriotischen Aufgabe, einem verwundeten Krieger über das holperige Pflaster und die mit Schnee und Glatteis bedeckten TrottoirS zu helfen. Sie mußte manches Witzwort über ihre nie ermüdende Hilfsbereitschaft einstecken, aber das minderte ihre gute Laune nicht. Sie faßte Dietrich stützend unter den Arm und zeigte ihm die Schönheilen der Stadt, für die er nun überraschend schnell Auge und Verständnis gewann. Hier und da stand ein bejahrtes Haus mit spitzen Giebeln und verjchnörkellen Inschriften, das mit kleinen, blei gefaßten Scheiben, wie mir blinddunklen Augen aus vergangenen Jahrhunderten herüberstarrte. Da war ferner ein kleiner, eintamer Stadlpark, um dessen Reize kein anderer sich kümmerte, und der doch immer wieder den Verwundeten und seine Helferin anzog. Dietrich batte sein Tagebuch kommen lassen; Empfindungen und Gedanken drängten jetzt wie ein wibbelndes, kribbelndes Heer von Mäusen aus ihm hinaus. Miete fand alles, was er schrieb, wunderschön:.Aber das Schönste", sagte sie..ist das von der Hochzeit und Pfingsten". Freilich.' Sie war ja ein Mädchen, mochte sie nun Miele oder Zuleika beißen.— Um die Ostern herum, gerade als die Stadt und der Park an Licht und Schönheit noch wesentlich gewannen, erklärte der Arzt Dietrick Ortmqnn für vorläufig garnisondienstfähig. DaZ bedeutete den Abschied. Es gab Tränen und Schlvüre. Als Dietrich im Zuge laß, der ihn nach einer mitteldeutsche» Garnison trug, hatte er Mühe, sich in der harten Wirklichkeit zurecht- zufinden. Noch immer war Krieg, noch immer zerfleischten die Völker ein- ander, und draußen auf den Feldern sproß und keimte in Sonne und Sturm die ewig tätige, freudig aufbauende Natur. Den Liebesliedern im Tagebuch folgte ein bitterer Text. Er kann nicht gedruckt werden. Briefe und Karten flogen hin und her. zahlreich wie die Tage. Und kurz vor Pfingsten gelangle ein Telegramm an Miele. ES enthielt nur die folgenden, mit Blaustift geschriebenen Worte:„Muß wieder ins Feld. Erbäte sofortige KriegStrauung hier. Dietrick" Es kann nicht viel anders fein, wenn eine Granate in das Dach eines friedsamen Hauses fährt. floMicbem'ii Bevölkerung der Sierra. Aber ich wußte nicht recht, was ich mit dem Burschen die vier Wochen lang an- sangen sollte, und der Alkalde Cvpriano, der unS den Wold ocrkanfte, hat einen gar jo surchtbaron Eindruck nicht gemacht. Mit Welchem unsäglichen Vergnügen sehe ich den Herr- lichen Zug der Berge nun zum zweiten Male vor mir auS der fruchtbaren Ebene des Rio Verde weit jenseits unserer silberhaltigen Wüste emporragen! Wie ein schöneres, seligeres Land scheinen ihre bläulichen Rücken vor mir dazuliegen. Und rasch lasse ich mich von meinem Pferde auS der sumpfigen Ebene mit den dichten Dschungeln von Zuckerrohr, den Palmenhainen und rotflanunenden Granatensträuchern das Tal aufwärts tragen. Jetzt geht es durch Mais- und Pulque- felder; ab und zu durchstreife ich ein Gebüsch von mächtigen, uralten Zupressen, deren Stämme oft viele Männer nicht um- spannen können, oder einen Hain von dunkelgrün belaubten Eichen, bis in der größeren Höhe auch diese seltener werden und weite Matten die Berghänge bedecken, auf denen die Rinderherden eine? um eine weißgetünchte Kirche gruppierten Dorfes weiden. Doch ich halte mich in meiner Herberge nicht lange auf; es treibt mich den schönen Nachmittag hoch in den Bergen zu verleben. Ich folge auf holprigem Pfade dem Bache immer weiter; wächtige Felsen aus Granit ver- engen die Schlucht, die immer steiler wird. Dann aber weitet sie sich wieder zu einem breiteren Tale aus, das mit einem kleinen Walde von Pinien und Eukalyptusbäumen bewachsen ist— unserem Walde; aus beiden Seiten des Baches ragen die schlanken Stämme zwischen den Felswänden zur Sonne empor. Noch weiter aufwärts schließt das Tal nach Norden eine steile, nur spärlich bewachsene Berglehne ab, von der unser Bach in kleinen Kaskaden hinabhüpft; und hinter dieser Berg- lehne bcginui das zerrissene Felsenmeer des Hochgebirges, über dem die Seeadler wie kleine, schwarze Punkte am Himmel kreisen. Doch ich wage mich nicht weiter vorwärts; ich steige von meinem Pferde und lasse es grasen; im Schatten lege ich mich auf eine bemooste FelSplatte und blicke durch die Nadelbüsche der Baumkronen zum blauen Aetber. Täglich bin ich seitdem hier hinaus gezogen. Habe ich eigentlich früher jemals gewußt, was ein Wald, ja was ei ii Baum ist? Ich zweifle daran... Diese schönen Bäume! Viele, viele Jahre sind sie alt und haben den Stürmen, die über das Gebirge fegen, und den Blitzen des Himmels getrotzt und sich mit ihren Wurzeln Sie sprachen, seufzten und weinten durcheinander. Sie berieten und schalten und ereiferten sich. Die Mutter wollle nicht, der Vater hielt e? für die beste Lösung. Die Meinung der Geschwister war geteilt. Und Micke sagte immer wieder fest und ruhig:„Ich fahre!" Zwölf Stunden später saß sie auf der Bahn. Der Vater be- gleitete sie. Er war ein wortkarger Mann und überließ die Tochter ihrem Sinnen. Sie kam nicht los von den Worten des Tagebuchs: „Wenn ich einmal Hochzeit mache, soll es auf einer Wiese am Wald- rand sein...." Und nun war's eine kleine, verräucherte Stadt, ein enges Amts- zimmer, und sie trug keine Blüten im Haar und keine freie Freude im Herzen. Dietrich steckte ihr eine» Strauß Maiglöckchen an die Brust, und ein Beamter vollzog in trockenem AmtSton die Trauung. Dann gingen sie, das Paar, der Vater und ein Kamerad Dietrichs, in ein Restaurant, ließen sich ein Extrazimmer geben, aßen etwas und tranken eine Flasche Wein. Die Fenster deS Raumes gingen auf einen trüben Hof hinaus, wo Wagen standen und Fässer lagerten. Die Sonne drang nicht bis hier herein, und Miele fröstelte. Der Kamerad Dietrichs versuchte einen fröhlichen Ton anzuschlagen, aber die anderen lächelten nur gezwungen. Es lag wie eine schwere Drohung über allen. Ein Schweigen, so fest, daß niemand es breche» konnte.~ Noch am Abend erfolgte der Ausmarsch zur Bahn. Miele hatte die Maiglöckchen von der Brust genommen und sie auf Dietrichs Gewehr gesteckc. Sie selbst hing an seinem Arm wie ein schweres Gewicht und kämpfte unablässig mit den Tränen. Er blickte starr geradeaus und hörte nicht, daß ein Lied an- gestimmt wurde. Vor seinem inneren Auge stieg die Hochzeit empor, die er fich einmal vorgestellt hatte. Jene Hochzeit voll Licht, Blühe», Freude und tiefem Naturbewußtsein. Er sah sein Mädchen und sich und die Freunde sprühend vor Lust am Waldrand tanzen, sah weit hinaus die Welt in Blüten und Fruchlverheißung. Sah Schaffen, Wirken, Reiferwerden. lind je länger er nun mit steifem Genick starr vor sich hinblickte, desto mehr verwandelte sich das Bild. Wolken kamen und die Sonne verschwand. Er stand allem am Waldrand, die Blüten erloschen und die Ferne ward dunkel. Und so weit wie er sehen konnte, bis in den dunklen Horizont hinein, flammten unzählige blutrote Blumen auf... „Komm wieder, Dietrich, komm wieder!" Er hörte es erst, als er im fahrenden Zuge zwischen den Kameraden saß und der dicke, schwarzgelbe Oualm der Lokomotive die blühenden Wiesen verbarg. /ln öer Tiroler SüögrenZe. Heiß vranntc die Julisonnc, als ich mich von dem 1200 Meter koch, an der Hauptstrecke Franzcnsfcste-Morburg � gelegenen T o b l a ch auf den Weg gen Süden machte. Hier, auf der Hoch- fläche von Tovlach. entspringt die Drau; sie fließt nach Osten, durch Kärnten und Südsteiermark durch, wo sie von den �Slowenen Trave geheißen wird, vereinigt sich mit der Sau lSave! und fällt dann, wie man weiß, bei Belgrad in die Donau. Nach Westen aber entwässert sich die Tovlacher Höhe zur Etsch. die bei den Italienern Adigc heißt und mit dem Po in der Adria aufgeht. So ist die Toblachplattc eine wichtige Wasserscheide zwischen dem Mittelmecr und dem Schwarzen, dem gastlichen Meer der Alten. Vom Trautal, das viel bekannter unter dem Namen Puster- tal ist, gehen eine Menge Quertäler ab: nach Norden in die Hohen Tauern hinauf, zu' den Uebergängen. und Paßstraßen nach Salzburg und Nordweststeiermark, nach Süden aber gegen Italien zu, und da teilen ssp die südlichen Kalkalpen in eine Anzahl Gruppen, die einander in majestätischer Großartigkeit nichts nachgeben. ES find die Dolomiten, jene von Wind und Wetter in ungezäblten Jabrtausenden umtosten,' angegriffenen und auf das äußerste zerfressenen, zerrissenen, zerklüfteten Kalkgebirge, die den Kletterern unerschöpfliche Gelegenheit zu den gewaltigsten Leistungen an Körperkraft und Scharfsinn im Wcttervoraussehev und Griffe-Erkunden geben, und von denen manch ein Tuxw und Jocki und Grat noch nie von eines Menschen Fuß betreten ward, so viele auch ibr Leben daran gewagt und darum geopfert. Bald hinter den großen.Hotelbauten von Töblach tritt dw Straße— eine. Kunst- und Prachtstraße allerersten Ranges, wie. man sie in Oesterreich, und besonders dort unten in den Grenzgebieten gegen Italien bäusig findet— zwischen die hohen Berg- tief im Felsgcsteinc verankert; sie überdauern in ihrer Kraft Tage und Jahrev Nichts vermag sie zu erschüttern; sie leisten allem Widerstand; nur einem sind sie nicht gewachsen; der Art des Menschen, deS Herrn aller Dinge. Manchmal bereitet es mir Angst, in den Wald hinein- zugchen. Ich wandere zwischen den Stämmen einher, wie ein tückischer Zwerg zwischen Wesen einer höheren, edleren Art, die durch einen abscheulichen Zauber zur Webrlosigkcit, zur Kraftlosigkeit verurteilt sind, die aber im Tiefsten ihrer Seele erbittern, wenn ich mit einem Stück Rötel das Kr�rz daran zeichne. daS sie zu gualvöllem Tode, zur Vernichtung verurteilt. ES ist ein böser Zweikampf, wenn der Gegner mit verbundenen Augen, mit verschnürten Händen seinem Schlächter gegenübersteht, und es ist ein eigen Gefühl, hier Henker spielen zu müssen.— So ganz einfach ist es nun doch nicht Holzschläger zu sein. Es will alles gelernt sein. Mir wird jetzt erst klar, was es beißt, die Maria Carmen mit einer gewissen Menge Holz zu versorgen. Eine Ahnung steigt mir davon auf. daß ich noch niemals, in meinem ganzen Leben nicht, mich an eine schwierigere Aufgabe herangewagt habe. Stuart und Ward wußten wohl, worum es sich handle, als sie einen von uns dreien zur persönlichen Leitung des Geschäftes bc- stimmten. Vier verschiedene Größen von Holz hat Stuart bestellt; die eine als Stützen, die andere als Querstückc, die dritte als Tragebalken für das Dach und eine vierte als Schienen- schwellen. Abfälle sollen, solveit sie wertvoll, als Brennholz geliefert werden. Das eine ist nur alS Grundprinzip meines Vorgehen? klar geworden: ich lasse nur solche Bäume schlagen, aus denen wenigstens ein Stück der größten Dimensionen zu erzielen ist. Die kleineren. Sorten werden sich dann schon von selbst ergeben. So wird der Wald wenigstens einigermaßen ge- schont, alle kleineren Bäume bleiben stehen. Aber, es erhöbt den Aufwand der Arbeit, der Kosten gar sehr, da es so viel Mühe macht, die schweren Stämme zwischen dein kleinen Holze hinauszuschaffen. Und ist der Bauin geschlagen, liegt er endlich auf der Lichtung, wo die Sägcböckc ausgestellt sind, gibt ein jeder ein schweres stcreoinetrisches Problem zu lösen: nämlich das Holz möglichst nutzbringend zu zerschneiden. An der ersten Pinie stand ick fast einen Vormittag, che ich wußte, wie ich sie zerlegen sollte. lehnen. Steil richten sie sich auf. noch verdeckt das schwärzliche Grün, dos feiner Kalkjtaub leicht überzieht, den Felsen. Bald ist man an dem leuchtend grünen. eiskaltenJEoblacher See. mit einem Hotel daran. Nun steigt die Straße langsam, aber stetig weiter. Die Wände werfen eine quälende Hitze zurück, und der Tourist. der ausgeruht von Toblach heraufkommt, mag recht wohl die Kaiser- sckmtzenpatouille bedauern, die da eben von den Bergen auf unsicht- barem, seblstgewähltem Pfad niedersteigt, grau und grün, den Stutzen über dem Rücken, den Bergstock oder Eispickel in der Rechten und das Edelweiß mit der Spielhahnfeder auf der Kappe. Sie haben wohl da oben Besuche gemacht in den Forts und gehen jetzt auf Bruneck oder Lienz„ein"(hinein), wo zunächst einmal ein„Viertele" die Müden erfrischen wird. Denn der Tiroler Spezial macht nicht müde, der erfrischt, den kannscht Woltern trinkh'n! Da braust und donnert von Toblach her'was heran. Kalk- staubig wird die heiße Luft, vorbei saust und hinauf ein mächtiger Wagen, das K. K. Postauto der Dolomitenrundfahrt, nach Tre Croci, dem Falzaregopaß, dem Pordojjoch, dem Misurinasee und so halt in die schönsten Gegenden hinein. Aber auch der Wanderer kommt vorwärts und ist endlich in Landro, von dem ich äugen- vlicklich nicht mehr weiß, ob es auf Deutsch Höhlen-, Buchen- oder Dürrenstein heißt. Sehr italienisch ist das Dörfchen schon nicht. denn von den paar Einwohnern sind sicher ein großer Teil An- gehörige der Grenzwächter, Finanzer. Gendarmen usw.. und da bleibt für sonstige Bewohner in den paar Häus'In überhaupt kaum noch Platz. Ader was Landro! vergessen ist's beim ersten Blick rn die Höhe.... Da geben die Wände auf der Linken auf ein- mal den Blick frei, und was für einen Blick! Ein Felsenkessel aus graugrünem, wildem Stein; oben plattet sich's ab. und aus un- endlichem Geröll und Ewigkeitsschutt steigen da die Drei Zinnen auf. daß einer, der es zum erstenmal sieht, schier an Leben und Sterben vergißt. Stehen da. breit und mächtig in ihrer steinernen Nacktheit, rot glüht der Kalkstein ihrer Massen, stehen und ragen in den südblauen Himmel in der lastenden Sonnenstille. Drei nebeneinander, drei Niesentürme, jeder für sich und alle drei doch zusammen. Und weit hinter ihnen her schaut das Gigantenhaupt des gewaltigen Langkofels hervor.... Unten auf der Straße seh ich jetzt auf einmal eine schwarz- gelbe Stange mit einer Schrifttafel drauf: Das Photographieren wird strengstens verboten; Verhaftung. Bestrafung. Warum? No, wer ein paar Schritte weiter geht, merkt es schon.... Eine Drehe der Straße entzieht dem Blick die Drei Zinnen. Aber es gibt bald Ersatz— und auch nicht von schlechtern Eltern. Tut sich da an einem kleinen Seelein wieder ein Oertchen auf. Schluderbach genannt— gar nichis Italiensches dabei— ein Tiroler Dörfl eben. Jetzt noch ein paar Meter Weg— und da ist er: der Monto Cristallo. Braunroter Fels sind die zwei ungeheuren Türme, zersägt, voller Schroffen, da wie abgefeilt, dort wie gesprengt, und doch in wuchtigem Zusammenhalt wie aus lauter Platten aller Größen und Formen aufeinander gebaut. Und wenn'» nur das war'! Aber da blitzt und gleißt weiß und grün der Schnee von den Felsen, da breiten sich Eisfelder in der glühenden Sonne, die nur den und jenen grauen Fleck �rst hineingebissen hat. Droben die Kletterer werden freilich diesen Stellen sorgsam ausweichen.... Und jetzt steht unten an der Straße wieder ein Pfahl, aber da ist die Inschrift kürzer: Kaisertum Oesterreich. - Land Tirol. /'■* Bezirk Lienz. Und ein paar Meter davon eine rot-weiß-grüne Stange, und «ich ein Schild darauf: Italien. Wieder macht die Straße eine Wendung, sie senkt sich, und fast sieht es aus. als endete sie in einem dunklen Rund von Kalk- wänden und grünen Nadelbäumen; dazwischen ein festgebautes, aber nicht einladendes zwei Stock hohes Haus, das erste italienische. Eine Osteria, ein« Kneipe. An dieser Stelle war damals außer den Pfählen nichts von einer Grenze zu sehen. L-n. Theater. Deutsches Theater:„Die Mitschuldigen" und „Das Jahrmarktsfest von Plunoersweileru" von Goethe. Der Abend brachte ein Lustspiel des zwanzigjährigen, noch un- bekannten Goethe und eine Farce, in der der Fünfundzwanzig- jährige, nachdem er mit seinem Götz und Werther das ganze�junge Teutschland zu stürmischer Begeisterung fortgerissen, seiner Freude an moralisch-parodistisch derbem Ulk frei die Zügel schießen läßt. Beides aus der Laune des Tags und für den Tag rasch hingetoorfe- nen Szenen, die heute wesentlich nur noch das Interesse von literarischen Reminiszenzen haben. Die„Mitschuldigen", zu denen wohl Erlebnisse der Leipziger Studentenzeit den Anstoß gaben, bewegen sich mit ihren gereimten Alexandrinern im Geist und den Geleisen oer damals überall als Vorbild geltenden französischen Komödie. Ivobei der Hahnrei her- gebrachter Weise als komische Figur gilt. Der Goethesche betrunkene Und dann die Schwierigkeit mit den Arbeitskräften! Es gibt unter den Indianern meines Dorfes einige ganz ge- schickte Burschen, die wohl die Art zu schwingen verstehen. Aber sonst sind diese Tolteken recht eigenartige Gesellen. Sue sind wie die Kinder: int Guten leicht zu leiten, be- sonders wenn man über ihre allzu große Bequemlichkeit ein wenig das Auge zudrückt; doch sie werden störrisch und eigensinnig, wenn man sie etwas schärfer anfaßt, sie energisch zu größerer Kraftentfaltung anspornt. In ihrem Charakter sind sie gerade das Gegenteil von Stuarts Mestizen; die sind nur unter der Strenge gutwillig, aber mit freundlicher Behandlung würden sie sich nicht regieren lassen. Wie oft habe ich anfangs die Geduld verloren, wenn mir die Leute ihre paar Realen täglich durch allzu geringe Dienstleistungen erkaufen Ivollten; manchmal zuckte mir die Reitpeitsche recht sklavenhalterisch in der Hand, aber ich be- zähmte mich; ich stehe allein hier, ohne Hilfe der Freunde. inmitten einer halbwilden Bevölkerung; und Roheit wäre auch das wenigst geeignete Mittel, diese Kinder an sich zu fesseln. Ich habe also Gelegenheit genug, die mir schwerste Kunst, die Geduld, zu üben. � Ich hatte mir vorgenommen zu meinem ersten Besuche im Minenlager eine Sendung Holz, wenn auch eine noch so geringfügige, mitzubringen. Ich war daher herzlich froh. als ich schließlich ein paar Stämine sauber geschält und ge- schnitten auf dem Platze liegen hatte. Der Transport aber war schier noch schwieriger als das Fällen und Zersägen. Das will eben auch gelernt sein. Ich hatte für diese Reise nicht den gewöhnlichen Pfad talabwärts und die endlose Straße am Südabhange des Gebirges gewählt, die über den Durchbruch des Rio Verde auf gewaltigem Umwege in unsere Wüste führt, sondern ich entschloß mich zu dem kühnen Unternehmen, fast der Luft- linie folgend über den Grat der Sierra nach Norden vor- zudringen. Dieser Weg ist weit unbequemer, bietet aber außer der Kürze noch den großen Vorteil, daß die eigent- liche Talfahrt über einen sehr ausgedehnten und sehr steilen Bergabhang stattfindet, auf dem die Lasten durch ihre eigene Schwere hinabgleiten.,,,. (Forts, folgt.) Ehemann ist obendrein ein Liederjan, ein Spieler und Dieb, der dem galanten Kurmacher seiner hübschen Frau dos Geld zur Zah- long einer Spielschuld stiehlt und darin eine Art Revanche steht. An einer Stelle blitzt in den Worten des pfiffigen Lumpen sogar ehvas wie eine Figarowendung auf, der Groll des Deklassierten wider die reichen Aristokraten, denen ihr Geld das Privileg jedweder Willkür leiht. Die Pointe ist, daß jedes Glied der sauberen Ge- scllschaft im Glashaus sitzt und darum nach dem andern, der ihm Unrecht tut, nicht Steine werfen sollte. In der Erkenntnis feiert man Versöhnung. Aber diese Moral tritt nicht als überlegene ironisch-schneidende Satire, viel eher als behaglich schmunzelnde Lebensklugheit auf, die an den allgemeinen Gaunereien im Grunde nichts auszusetzen findet. Es steckt im Stücke ein gut Teil jenes jugendlichen Zynismus, in dem jugendliche Vertrauensseligkeit nach den ersten harten Enttäuschungen so leicht, für eine Zeitlang um- schlägt. Das wäre zu ertragen. Viel merklicher wird die Lust- spielwirkung beeinträchtigt durch die Gewaltsamkeiten der Er- findung. Wenn der alte Wirt, Sophiens Vater, um einen Brief, der seine hemmungslose Neugier reizte, von dem bestohlenen Gaste zu erhalten, die eigene Tochter, die er im Verdacht hat, als Diebin angibt, wird man dabei die peinliche Empfindung krasser, auch noch so weit gesteckte Grenzen schwankmäßiger Karikaturenfteihcit überschreitender Unnatur nicht los. Waßmanns Versuche, dieser unmöglichen Figur durch possenmätzige Drastik aufzuhelfen, hatten nur mäßigen Erfolg. Biensfeldt war ein guter, der hier so naheliegenden Versuchung des Uebertreibens klug aus- weichender«öller, W i n t e r st e i n ein stilvoller aristokratischer Ton Juan, Johanna Terwin eine reizende, rokkokohaft zierliche Sophie. Die Aufführung der Jahrmarktsfarce, der Novität des Abends, zeigte wieder Reinhardts phantasievoll originelle In- szenierungskunst. In fröhlichem Gedränge schwirrten die Jahr- marktstypey, die Ausrufer und Ausruferinnen, unter denen Johanna Termins Eichkätzchenjunge und die Tänzerin der jungen Katharina Steina besonderen Beifall fanden, durch- einander. Eine Extra-Ueberraschung bot das Puppenspiel der travestierten Esthertragödie, das beim Lesen kaum irgendeinen Ein- druckt macht. Doch gerade diese Episode mochte Reinhardt, den Regisseur, zum Bühnenexperimente am meisten gelockt haben. Der Einfall, die Schauspieler wie richtige Kasperfiguren an Drähten hängend mit zappelnd eckigen Arm- und Beinbewegungen vorzu- führen, erwies sich als ein außerordentlich lustiger Treffer. Der Hamann Biensfeldts, der den Perserkönig teuflisch animiert, den Mardochai samt allen anderen Juden seines Reiches aufzu- hängen, war mit kohlschwarzem Schnurbart, knallendroten Backen und hölzern höhnischem Hahagelächter das Ideal eines verruchten Kasperbösewichts. Glückselig strahlend, die Erregtheit nur durch die rutschend hopsenden Bewegungen auf seinem Thron verratend, nahm Waßmanns korpulenter asiatischer Despot die Drachen- saat, die ihm der andere in die Ohren träufelt, entgegen. Im zweiten Teil der Travestie schoß Leopoldine Konstantins Esther, die als fürstliche Kebse ihres Gatten Mardochai Beschwörungen, beim Könige für ihn zu bitten, mit zuckersüßem Stimmchen freundlich abweist, den Vogel ab. Die Form, die so der Text erhielt, ent- schadigte für viele heut sonst toten Stellen. Indes das Fehlen jeder inneren Beziehung der Parodie zu dem in solcher Breite ausgc- malwn Jahrmarktstreiben, das aphoristisch Skizzenhafte des Ent- Wurfes, das sich zu keiner zusammenfassenden Pointe zuspitzt, ließ es im ganzen nicht zu einer vollen ungebrochenen Stimmung kommen. Die Buntheit, in der der Hörer vergebens eine Einheit sucht, erzeugte am Schlüsse ein Gefühl der Leere. ät. Kleines Ieuilleton. Oer Pfingstochse. Neben seiner Bedeutung als kirchliches Fest war Pfingsten lange Zeit so recht vaS Fest der Hirten und der Landbevölkerung. Zu Pfingsten wurde das Vieh zum ersten Male wieder auf die Weide gelriebe», und die hinausziehenden Ochsen, Kühe und Kälber er- hielten allerlei Putz von Blumen und frischem Grün. Dieses Treiben ahmten dann in den mittelalterlickien Städten auch die Metzger nach. Da aber dort für ein großes Viehtreiben nicht so viel Platz war, so begnügte sich jede Metzgerinnung damit, am Pfingstfeste nur einen Ochsen auszuputzen. Dieser wurde aber dafür um so bunter be- hängt. Alles an bunten Farben, was nur überhaupt aufzutreiben war, Flittergold. Blumen und grüne Zweige wurden aufgehängt, und so ward daS Tier umhergeführt und schließlich auf dem Fest- platz angebunden. So entstand das Wort von dem Pfingstochsen, mit dem man jetzt auch einen Menschen bezeichnet, der sich auffallend bunt und unharmonisch hcrausstaffiert bat. In den Städten ist heute der vierbeinige Pfingstochse nicht mehr anzutreffeu. aber auf dem Lande ist vielfach die bunte Ausschmückung eines Ochsen zum Pfingstfcst noch immer im Gebrauch. Namentlich die Bewohner einiger Bezirke Mecklenburgs putzen noch in jedem Jahr einen Pfingst- ochsen aus. Entstehung unü Dauer des pfingstfestes. Bis zu Beginn des vierten Jahrhunderts wurde die gesamte fünfzigtägige Zeitspanne nach Ostern mit dem Namen Penlekoste, der fünfzigste Tag snach Ostern) bezeichnet, und es gab noch kein eigent- liches Psingstfest. Dessen Einführung kam erst durch einen Beschluß des Konzils von Elvira im Jahre 305 zustande. Von diesem Zeit- Punkt an wurde Pfingsten zu einem hohen Fest, und annähernd acht Jahrhunderte lang ist eS dann stets volle acht Tage gefeiert worden. Diese lange Dauer führte aber zu manchen Mißständen, so kam es oft vor, daß die Leute, durch die lange Feier übermütig gemacht, in den Kirchen Unfug trieben und Ausschreitungen begingen. Das Konzil zu Kostnitz vom Jahre 1094 setzte deshalb fest, daß Pfingsten (ebenso wie Ostern) künftighin nur noch drei Tage gefeiert werden solle. Diese dreitägige Feier bestand dann bis weit ins 18. Jahr- hundert hinein. Friedrich II. von Preußen machte erst im Jahre 1773 den Anfang zu einer weiteren Herabsetzung der Pfingstfeiertage auf zwei. Mehr als ein halbes Jahrhundert blieb Preußen daS einzige Land mit einer zweitägigen Pfingstfeier, im Jahre 1831 aber trat das Königreich Sachsen der Anordnung Preußens bei. Schließlich gingen auch andere Landeskirchen dazu über. Läufejagü. Im Verbandsblatt der Hut- und Filzwarenarbeiter schildert ein Feldpostbrief den„inneren Krieg" folgendermaßen: „Im Dörfchen T... M... waren wir allzu reichlich mit den Quälgeistern versehen. Eines Morgens kam unser Doktor beim Stellen der Kompagnie in furchtbar zerknittertem Anzug. Wir lachten.„Lacht nicht", sagte er.„Ihr habt Läuse, ich auch. wir müssen was ordentliches dagegen tun; ich habe meine Sachen gekocht, so sehen sie nun aus; aber das genügt noch nicht, ich habe Desinfektionsinasse reichlich bestellt, am nächsten freien Tag geht's los. Das Stroh aus den Stuben mutz rauS, auch Möbel, Betten; der Fußboden wird desinfiziert, dann wäscht sich jeder von oben bis unten mit der verdünnten Lauge, die Kleider werden ebenso gründlich gereinigt, aber auch die Polnischen müssen sich gründ- lich waschen und reinigen und Ihr patzt auf,� daß diese das auch machen!" Na gut. am nächsten Rasttag ging'S los; nachdem wir Soldaten unsere„Kur" vornahmen, wurden die Polen lebendig, sie hatten es doch nun erfahren, daß sie auch daran glauben müssen., Wir waren fertig, jetzt kamen die Polen daran, zuerst die Männer. Der„Panie"«Herr) mußte anfangen, dann die.Shnh" (Söhne), das ging noch ganz gufi ab« jetzt sollten nun die „Kobietas"(Frauen) und„Panis"(Fräuleins) darankommen. Teufel auch, der Doktor hatte doch gesagt, wir sollten aufpaffen, daß alles richtig gemacht wird. Hm, sollten wir nun vielleichk den polnischen Evas zugucken? Inzwischen rannten diese emsig hin und her wie Ameisen, steckten die Köpfe zusammen, zischelten. wie das werden soll. Na. wir hatten unter uns Rat gehalten, den Frauen wurde das Wasser mit der Lauge zurechtgemacht. dann hieß es: Marsch, hinein in die Stube, gründlich waschen. und wir bleiben verweile draußen. Jetzt waren sie fertig, aber ihre Blicke verrieten schon, daß sie sich veralbert fühlten. Ich mache den Dolmetscher und fiage nach ihrem Befinden. Antwort: „Swoty Panie(goldener Herr), das machen wir nicht wieder; es hat schrecklich gebissen." Ach Herrje, wir hatten also die Lauge für die Frauen wahrscheinlich etwas zu kräftig gemacht. Die Lauge wurde nun dünner zurecht gemacht und nun kamen „w schistke Oziecki"(alle Kinder) an die Reihe. Glücklich war alles vorbei und wir waren eine Zeitlang sauber, selbst die Polen waren jetzt damit zufrieden. Hoffentlich sind wir bald zu Hause, dann sind wir auch wieder zufrieden und die Polen— mögen sich kümmern." Die öeschießung von Dünkirchen. Ein Genfer veröffentlicht im„Journal de Geneve" Stellen aus einem Brief, den er von einem Augenzeugen der Beschießung von Dünkirchen erhalten hat. Man liest dort:„Die Beschießung von Dünkirchcn au» solcher Entfernung wird Sie sicher ebenso iiber- rascht haben wie uns. Wer hätte je gedacht, daß man uns von so weit beschießen würde? Die erste Granate fiel auf die Stadt cun 28. April um 8,30 Uhr; ihr folgten bald zwei andere und weitere drei um die Mittagszeit. Schon bei der ersten Explosion gab es eine wahnsinnige Panik und die tollsten Gerüchte: es sind Flieger, Zeppeline; es ist ein Kreuzer; am Ende ist es gar ein ischietzfehler der Engländer oder der Belgier! Am Nachmittag weiß man es genau: es ist ein Geschütz, das sich vor der belgischen Front befindet und das Dünkirchen aus einer Entfernung von fast 40 Kilometer beschießt! Am nächsten Morgen, von 11.30 Uhr an, fallen in Zeitabständen von fünf zu fünf Minuten 18 Granaten auf die Stadt. Diesmal ist der Schaden groß: das Chor der Martinskirche wird zerschmettert, das Tabaklagerhaus, das alte Arsenal, mehrere Häuser werden aufgerissen, und natürlich gibt es auch Tote Ein Splitter der ersten Granate sprang aus einer Entfernung von 500 Meter in eine Schreibstube und traf einen belgischen Offizier am Arm. Der Splitter hatte glücklicherweise keine Kraft mehr und wirkte nicht viel anders als ein starker Faustschlag.... Freitag, um 8 Uhr nachmittags, neue Beschießung. Zehn Granaten, von denen eine mitten im Militärlazarctt cxplo- dierte und etwa fünfzig Personen tötete, verwundete oder unter den Trümmern begrub. Alle Lazarette und zahlreiche Amtsräume wurden geräumt. Was die Zivilbevölkerung angeht, so hatte 80 Proz. der Einwohner Sonnabend die Stadt verlassen. Ich vergaß, Ihnen mitzuteilen, daß während der Beschießung Tauben die Stadt überflogen, um die Wirkung der Schüsse zu beobachten. Seit dem 30. ist nichts mehr vorgekommen. Die belgischen Flieger waren sehr tätig.... Von Dpern ist jetzt fast nichts mehr übrig. Die Stadt ist dem Erdboden gleichgemacht, und es ist nicht daran zu denken, daß die Trümmer der prächtigen Tuchhallen wieder aufgebaut werden können. Auch Poperinghe wurde beschlossen. Augenblicklich kehrt die Bevölkerung von Dünkirchen wieder zurück." Die Mückenhaube öes japanischen Soldaten. Die Mückenplage ist in diesem Jahre bereits in sehr starkem Maße aufgetreten, und es ist daher zu befürchten, daß im kom- wenden Sommer auch unsere Soldaten sehr darunter zu leiden haben werden, wie es bereits in dem vorigen der Fall war. lieber die englischen Matznahmen berichteten wir dieser Tage. Auch der Pariser„Temps" beschäftigt sich mit dieser Frage, und er macht dabei auf die Mitteilungen aufmerksam, die der ftanzösisch-: Oberstabsarzt Matignon, der während des russisch-japanisch� Krieges bei dem japanischen Heere weilte, über die weitgehenden Vorsichtsmaßregeln bei diesem Heer gemacht hat. Man hatte eine Art Mückenhaube hergerichtet, die in der Ausrüstung keines Sol- baten fehlte. Es handelte sich für die Japaner in erster Linie um die Bekämpfung des Sumpffiebers. und man suchte der Ueber- tragung durch die Mücken vorzubeugen. In allen Dörfern, wo die Truppen einige Zeit weilen mußten, wurde das sumpfige Ge- lände entwässert, da» Austrocknen der stehenden Wasserpsützen wurde von Soldaten oder von chinesischen Kulis ausgeführt. Die Fenster der bewohnten Häuser waren fast immer mit Gaze ver- hangen, die am Fensterrahmen befestigt war. Vor den Zimmer- türen waren Decken ausgebreitet. Endlich war jeder Soldat oder Offizier mit einem kleinen Mückennetz versehen, das den� Kopf gegen die Stiche schützt. Dieser Schutz für den Kopf ist ein zylindrischer Sack aus gewöhnlicher grüner Gaze, der von zwei leichten stählernen Ringen und von einer Spirale von gleichem Metall gehalten wird. Die Ringe haben einen Durchmesser von 25 Zentimeter. Der obere Teil des Netzes wird durch ein Stück Gaze geschlossen, die über den oberen Ring gespannt ist, der untere Teil ist offen, um das Durchstecken des Kopfes zu ermöglichen. Am unteren Ring ist eine 20 Zentimeter lange Hülse aus Leinwand, die mittels einer Schnur am Hals zugezogen werden kann. Der Kopf wird in dieser Mückenhaube nicht in seinen Bewegungen ge- hindert, und sie kann daher Tag und Nacht getragen werhen. Der Apparat faltet sich von selbst zusammen und wird durch zwei Knöpfe in dieser Lage gehalten. So zusammengelegt ist da» Mückennetz nur Nh Zentimeter hoch; sein Gewicht beträgt nicht mehr als 50 Gramm._ Notize». — Theaterchronik. Im Kleineu Theater geht in Abänderung deS Spielplanes GrabbeS Lustspiel:„Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung" an beiden Feiertagen in Szene. — Musikchronik. Im Theater des Westens wird die neue Gesangsposse„Der brave Fridolin" am Pfingst- feiertag zum ersten Male gegeben. — Konzertchronik. JameS R o t h st e i n bringt eigene Kompositionen mit dem Philharmonischen Orchester am Donnerstag. den 27., in der Philharmonie zur Aufführung. — Die Kunstausstellung„Der Sturm", Potsdamer Straße 134a, ist an den beiden Psingstfeiertagen von 11—2 Uhr geöffnet. Ausgestellt sind schwedische Expressionisten. — Der s e l t s a m st e P f i n g st b r a u ch ist die berühmte Echternacher Springprozession, die alljährlich am Pfingstdienstag in der luxemburgischen Stadt Echternach stallfindet. Sie ist ein Dankfest für das Aushören des Veitstanzes, der im 8. Jahrhundert in dieser Gegend gewütet hat. Die zahlreichen Teilnehmer des Festes führen, durch festgehaltene Tücher miteinander verbunden, unter Begleitung der Geistlichkeit und einer Musikkapelle auf ihrem Zug nach der hochgelegenen Pfarrkirche die Prozession be- kanntlich in der Weise aus. daß sie jedesmal nach drei Schritten vor- wärts zwei wieder zurückschrciten. Auf diese Weise geht man um den Altar herum, auf dem jeder seine Spenden niederlegt. — Die nutzbaren Radium Vorräte der Erde. Die gesamten bauwürdigen Radiumvorräte der Erde werde» von Dr. W. Petraschek mit 425 Gramm berechnet, worunter auch die wahrscheinlichen Vorräte fallen. Für die Radiumindustrie sind nach der„Montanistischen Rundschau" nur die Uranmineralien von wirk« licher Bedeutung, und zwar entfällt auf etwa drei Millionen Teile Uran nur ein Teil Radium. Fast alle Uranlagerstätten sind an die Nachbarschaft von Granilmassen gebunden. Bekanntlich befinden sich in JoochimSthal die reichsten Vorkommen an radiumhaltigen Erzen. Von Bedeutung sind ferner die Vorkommen an radiumhaltigen Erzen von Schönficht und Petschau an der böhmischen Fortsetzung der Eibenstocker Granitmasse sowie die Lagerstätten von Cornwall und Portugal. Verantwortlicher Redakteur: Slfretz Wielepp, R-ukölln. Für des JnjeratenteU verantw.: Th. Glocke. Berlin, Druck u, Verlag: Vorwärt« Buchdruckern u. Verlagsanstall Paul Singer&«fl, Berlin SW.