Nr. 120.- 1915. Unterhaltungsblatt ües vorwärts MHmH, 26. M«. tottfig Tfsng Tse. Von Johannes v. Jensen. Wgng Tsung Tse wohnte in dem alten Chinesenviertel in SSanHhai, irgendwo hinter der alten Stadtmauer, wo sonst nie ein aufd'cingltcher Sonnenstrahl hingeralen war; jetzt aber hatte man begonnen, die alte Mauer niederzureißen. _ Statc der lieben Mauer, die immer feucht war und nach Generationen stank, die sich hier Zeit gelassen hatten, und statt des Grabens davor, der im Frühjahr lote Katzen mir dem Leib nach oben an die Ober- stäche brachte, gähnte ein großes Loch in der Stadt, das im Wer- hältnis zu dem, was niedergerissen worden war, eine» erstaunlichen ümsang halte, ebenso wie das Loch nach einem eben ausgezogenen Zahn, das bekanntlich das größte der Welt ist. Und hier aus diesem Bauplatz, der noch von muffigem Kalkstaub rauchte, und wo Bettler und Kinder auf allen Vieren nach alten Nägeln suchten, oder -um die Wette mit Hunden unbeschreibliche Dinge aus dem grünen, dickflüssigen Sumpf fischten, der von dem Stadtgraben übriggeblieben war, den man mir Mauerschult zugeworfen halte, hier waren bereits einige Dutzend Geschäfte unter offenem Himmel gegründet worden, ein ambulanter Topshändler, mit einem Lager von so riesengroßen Ton- ge säßen, daß ein schiefäugiger Diogenes leicht darin übernachten konnte, was auch vorkam, fliegende Barbiere und Restaurateure, die sich hier festbisien und Besitzrecht erschlichen, außer natürlich Horden von Rickschawkulis, jenem unanständigen Volk, das immer Eile hatte; ein Marktplatz war draus und dran, hier zu entstehen, ein greller Ort mit Platz und Sonne und Aussicht am Tage, und ohne Erquickung, nicht einmal des Nachts. Wo sonst nur Dachgetröpsel und Katzenmusik die Stille hinterm Wall unterbrochen hatte, gab es jetzt Tag und Nacht Hallo- und Menschengeschrei; man ermordete sich gegenseitig auf dem bequemen offenen Platz, und gegen Morgen, wenn selbst Diebe und Räuber schliefen, könne man es draußen von irgend einer heimlichen Wöchnerin stöhnen hören. Wang hatte einen schlimmen Nachbar bekommen, denn dem gähnenden Mauerloch gegenüber, auf der anderen Seite des Boulevards, der einem Platz- schrecken einjagte, türmten die Häuser des französischen Stadtteiles sich, die gotteslästerlichen und kahlen, überall durchsensterten und erleuchteten Häuser der Weißen. Eine nette Aussicht als Zugabe zu dem frechen Himmel. DaS schlimmste aber war, doch, daß Wangs eigenes Haus bloßgelegt worden war. Bor dem was man nicht sehen will, kann man die Augen niederschlagen, wie aber soll man sich selbst decken, wenn einem der Mantel der Barm- Herzigkeit von der Fassade fortgezogen wird? Die Mauer war fort, und unter dem vielen Himmel, der das Licht aus eine blendende, ja geradezu rohe Weise hereinließ, lag Wangs kleines Haus und krümmte sich nach der einen Seite, als ob es einen fürchter- lichen Stich habe. Wang geht ungern am Tage aus, weil man seine Tür immer sehen kann, selbst wenn er sie geschlossen hält. Wang haßt alles Auffällige. Bisher hat er seinen Lebens- unterhalt im stillen verdient, jetzt aber geht es bergab mit ihm. Wang ist Flohfallenmacher. Er macht die winzig kleinen Fallen aus Bambus, die ins Bett gelegt worden, in Form von ganz kleinen Hummerscheren, die auch ungefähr auf dieselbe Weise fungieren, mit einem klebrigen Stist in der Mitte. Sein Bater und sein Großvater waren Flohfallenmacher gewesen, Künstler in ihrem Fach, ebenso wie Wang; jede Falle, die ihren Weg aus dem alten Hause fand, hatte Segen gebracht. Wang war ebenso arm wie sein Vater, dessen ganze Freude es gewesen war, die Fallen so gut und hübsch wie möglich zu machen; er liebte seine Arbeit. Auch Wang liebte seine Arbeit und sitzt am liebsten in der kleinen, schwarzen Werkstatt und hantiert mit dem alten, der- brauchten Werkzeug, und feilt und putzt seine Fallen. Wenn eine fertig ist, findet er immer, daß die nächste noch besser und niedlicher werden muß. Er macht die kleinen Gitterstangen, indem er das Bambusrohr durchbricht und Holz an den Enden, wo ein Glied ist, stehen läßt. Wang schnitzt jede kleine Gitterstange achteckig im Durchschnitt, was gar nicht nötig ist, aber es macht ihm nun einmal Spaß. Zu Lebzeiten seines Vaters pflegten die Käufer von selbst zu kommen; das alte Haus hatte nicht einmal ein eochild; und auch Wang wurde nicht vergessen. In der letzten Zeit aber, seit das Haus bloßgelegt worden war, merkte er, daß seine Kundschaft ausblieb. Dabei ließ sich natürlich nichts machen, weder für noch gegen, aber Wang bekam weniger zu essen. Dies und die schlimme Aussicht und noch einige Umstände, die er sich allerdings selbst nicht klar machte, trugen ihr Teil dazu bei, daß Wang verstimmt wurde. Da war nun zum Beispiel die Geschichte mit dem Zopf, der seinen Kopf nicht mehr schmückte... natürlich heutzutage ging ja niemand mehr mit einem Zop», und wozu sich an die beschämende Weise erinnern, aus der er ihn losgeworden war? Außerdem waren ihn ja alle auf dieselbe Weise losgeworden: man war eines Abends, als man sich noch spät auf die Straße gewagt hatte, von einem revolutionären, fort- schriltsfreundlichen Hausen überrascht und zum letztenmal an dem unseligen Kopfputz gezerrt worden; man wurde daran mit seinem ganzen Gewicht durch den Schmutz gezogen, und schließlich war er abgeschnitten und, wie es hieß, nach Europa geschickt worden, wo einige heidnische weiße Frauen zum Glück die Pest dadurch be- kommen halten— ach, er selbst aber war ohne Zopf und hatte morgens nichts mehr zu kämmen und zu flechten, sondern mußte sich damit begnügen, mit dem Buchsbaumkamm über einige Stoppeln zu streichen, die keinen Widerstand leisteten; mag zog die Kopfbedeckung tief über die Ohren und kehrte den Leuten ungern den Rücken, lieber die Fassade zu, obgleich auch die nicht zu schön war; man überlebte es, denn alle überlebten es, aber... Ach ja, da war nun das mit der Opiumpseife, die er auch nicht mehr hatte. Sie war tot. Wang erinnerte sich ihrer wie eines lebenden Wesens, eine alte, dicke, dunkle Opiumpseife mit einem Mundstück aus Elfenbein, zugeraucht, braun und süß wie eine frische Kastanie, und mit einem alten köstlichen Steinkopf, angefüllt von den schwarzen Krusten eines ganzen Menschenalters; sie hatte Wangs Bater gehört, und ihr in seiner Knochenhand war er gestorben, zum letztenmal lächelnd wie ein Kind, das saugend an der Mutterbrust ein- geschlafen ist; sie war von seinen Lippen abgenützt. Nichts in der ganzen Welt schmeckte so süß Wieste, während vieler Jahre, wo Wang allein gelebt hatte, war sie ihm Bater und Mutter gewesen, sie war geheinier Teilnehmer an der Verschwörung zu dreien: Wang, die Flohfallen(nämlich die Arbeit, in der seine ganze Seele lag) und die Pfeife— und diese Pfeife hatte man verbrannt. Er hatte sie selbst verbrannt. Man hatte ihn ja gezwungen, zur Anti-Pfeifen- Versammlung zu gehen und in einem großen Hause zu johlen und im Triumph mit der alten, unersetzlichen väterlichen Pfeife, ja bei- nahe dem Alten selbst, angelaufen zu kommen und sie ins Feuer zu werfen, und mit einem Plakat herumzugehen, auf dem der schwarze Rauch geschmäht wurde, dazu hatte er sich gezwungen ge- fühlt. Warum? Weil alle anderen es taten. Jetzt aber war er ohne Pfeife. Statt dessen hatte er sich an Tabak gehalten, eine Messingpfeife, in der er wie andere Kulis Tabak rauchte. Er zog gut, aber drang nicht bis ins Herz. Bisweilen, wenn Wang einsam über seine Arbeit gebeugt saß und die letzten seltsamen Jahre überdachte, nüchtern, denn seit Monaten hatte er ja kein Opium mehr geschmeckt, begann es in seinem Hinter- köpf zu sausen, die Entbehrung des schivarzen Rauches, den er ge- schmäht hatte, und dann war es ihm, als ob er ein einziges Mal in seinem Leben, und zwar recht bald, etwas tun müßte, tvas alle anderen nicht taten... Darum geschah es an dem chinesischen Neujahrstag, dem ein- zigen und allgemeinen Festtag des Jahres, wo alle Welt sich tvas zugute tat und die Sorgen des Jahres in Feuerwerk aufgehen ließ, daß Wang Tsung Tse sich auf entgegengesetzte Weise wie alle anderen Luft machte, wie eine Rakete, die in die Erde schlägt. Die Veranlassung war folgende: Wangs Nachbar, der Gerber Fung, kam am Neujahrsabend und schenkte Wang eine Papierlaterne. Das sollte, wie man wohl an- nehmen darf, eine Höflichkeit sein, und unter gewöhnlichen Verhält- nisten hätte Wang es auch sicher als solche aufgefaßt. Die beiden Nachbarn hatten sich während vieler Jahre, obgleich beide arm waren, tiefe gegenseitige Achtung bezeigt, Wang verbeugte sich und drückte sich selbst ehrerbietig die Hand, wenn er Fung sah, und Fung machte ein Kotau und drückte sich hochachtungsvoll die Hand, wenn er Wang begegnete. Die Papierlaterne war eine Artigkeit, die in- dessen den Haken hatte, daß Fung kinderlos war, denn jeder weiß, daß der, der von einem Manne eine Neujahrsgabe bekommt, selbst kinderlos bleiben wird. Wang war allerdings noch unver- heiratet, aber er hatte keineswegs die Absicht, als Jung- geselle ins Grab zu steigen, denn wer sollte ihn begraben und Räucherkerzen nach seinem Tode für ihn verbrennen? In alten Tagen, bevor das Loch in der Mauer war, hätte Wang das Geschenk wahrscheinlich trotz der damit verbundenen Gefahr angenommen und das böse Wahrzeichen in einer Extrapfcife Opium begraben; jetzt aber war er nüchtern, das alte Jahr endigte für ihn damit, daß er im Begriff war, hungrig zu Bett zu gehen, als Fung kam; er hatte den ganzen Tag keinen Reis gehabt. In dieser Stimmung empfand er die Gabe wie eine Taktlosigkeit und schlug sie aus. Fung zog sich sprachlos mit seiner Papierlaterne zurück. Eine Stunde später, als Wang niit leerem Magen mitten in einer Freudenwoge von Feuerwerk, Festschüssen und Bomben durch die ganze Stadt, eingeschlummert war, erwachte er dadurch, daß man ihn, in Ermangelung des Zopfes, an beiden Ohren aus dein Bette zerrte, auf dem Platz vor seinem Hause, too die Mauer ge- standen hatte, schleppte und mit Stöcken verprügelte; im Schein der Raketen und durch ein geschwollenes Augenlid sah Wang, daß es der Geber war, der mit Hilfe einiger Freunde die Schmach abwusch, die ihm durch Wang widerfahren war. Noch in derselben Nacht, etwas nach zwölf, fand Fung den Flohfallemitacher sterbend in seinem Flur, ein Ereignis, das um ein Haar Fungs Haus Glück und Segen gekostet hätte, denn das schlimmste, was einem Manne passieren kann, ist ja, daß jemand innerhalb seiner Wände stirbt. Wang hatte für sechzig Cents Opium auf einmal geuommen, nachdem er seine Hosen versetzt hatte. Ein unwiderstehliches Verlangen zu sterben war über ihn ge- kommen. Nachdem sowohl er wie das alte Haus ihre Fassade der- loren hatten, war ihm, wie einem weinenden Kinde, sein Vater und die alte Opiumpseife eingefallen. Er hatte seine Schande hinunter- geshluckt und war zu der Pfeife, seinen Vorfahren und dem alten, ichattigen Dasein, den langen Nächten hinter der Mauer, zurück- gekehrt, wo das Dachgetröpsel ihm die Ewigkeit ausmaß— und gleichzeitig wollte er damit Fung großen Schaden zufügen. Aber es gelang Wang Tsung Tse nicht, das Haus des Gerbers mit seiner Leiche zu besudeln, denn Fung entdeckte ihn rechtzeitig, als noch etwas Leben in ihm war, und schleppte ihn eiligst auf den Bauplatz vor seinem eigenen elenden, schiefen Haus hinaus._ Hier in dem Loch der Mauer, das der Anfang zu Wangs Erniedrigung gewesen war, auf einem Lager von Mauerbrocken und in einem milden Aschenregen des Feuerwerks, womit inan das neue Jahr immer noch feierte, verendete Wang Tsung Tse. (Autorisierte Uebersetzung von Julia Koppel.) Die Schlachtfelder Gberitaliens. Aus den früheren Kriegen zwischen Italien und Oesterreich. Der Kriegsschauplatz, auf dem voraussichtlich die ersten Zu- sammenstöße zwischen Italien und den Verbündeten stattfinden werden, ist von altersher blutgetränkler Boden. Schon vor Jahr- taufenden wurden hier schwere Kämpfe ausgefochten, und immer wieder hat die Kriegsfurie auf den norditalienischen Gebieten ge- wütet. Auch von schweren inneren Kämpfen ist Oberitalien heim- gesucht worden, besonders als unter Viktor Emanuel II. die Ein- heitsbewegung sich gebieterisch bemerkbar machte. Als im Jahre 1819 die revolutionären Wellen auch das lombardisch-venezianische Königreich überschwenimten, und der Unwille über die Fremdherr- schast offen zum Ausdruck kam, mußte sich Karl Albert von Sardinien notgedrungen entschließen, den lombardischen Brüdern gegen die Oesterreicher zu Hilfe zu kommen. An der Spitze der kaiser- lichen Truppen stand der 82jährige Radetzkh. Es gelang ihm, sich inmitten einer feindseligen Bevölkerung auf Verona zurückzu- ziehen, um dort im Schutze der oberitalrenischen Festungen, des sog. Festungsvierecks, den Piemontesen den Uebergang über die Etsch so lange unmöglich zu machen, bis ihin Verstärkungen gestatteten, dein Feind entgegen zu treten. Am 10. Juni kam es zur Schlacht ber V i c e n z a. und am 25. Juli bereitete Radetzkh, der von Tirol her Verstärkungen erhalten hatte, bei C u st o z z a und Sommacampagna den Piemontesen eine Niederlage. Mit vieler Mühe entging das Heer Karl Ulberts einer Durchbrechung, und Radetzly konnte siegreich wieder in Mailand einziehen, das er wenige Monate vorher hatte preisgeben niüssen. Die Lombardei mußte sich infolge dieses Sieges zu einem Waffenstillstand entschließen. 18 Jahre später, am 24. Juni 1868, sah Custozza abermals eine Schlacht, in der Erzherzog Albrecht die fast doppelt so starken italienischen Truppen unter Cialdini zurückwarf. Die Oesterreicher stützten sich auf das Festungsviereck und hatten in einer Stärke von 82 000 Manu in und um Verona Aufstellung genommen. Unter der Anführung Lamarmoras überschritten die Italiener am 23. Juni 1886 mit zwei Armeekorps den Mincio, während Cialdini gegen die Etsch vordringen und Garibaldis Freischaren in Tirol einbrechen sollten. Am 24. Juni in aller Frühe griff Erzherzog Albrecht den Feind aus der ganzen Linie an. Den ganzen Tag über dauerte der Die CeVeckimg öer Maria Carmen. 11) Von Ludwig Brinkmann. Bei Tagesanbruch marschierte meine Abteilung von Holzfällern ab, zu zweit je einen Balken tragend, über un- gebahnte Flächen von wildem Steingeröll hoch hinauf bis zum Kamme des Gebirges; an manchen Stellen mußten die schweren Stücke von einem Felsvorsprunge zum anderen hinaufgereicht werden; an einer steilen Wand ließ ich sie sogar mit Stricken hinaufziehen. Alles an sich einfache, aber doch unendlich mühevolle Arbeiten. Es begann schon sehr, sehr heiß zu werden— wir haben Ende Juni—, als die kleine Sendung auf dem Grate angelangt war. Zur anderen Seite ging es, wie beabsichtigt, leichter hinab. Wir ließen die Balken aus den abschüssigen Pfaden in das tiefe�Tal hinabgleiten; ein oder zwei Mann bremsten am Seile, während andere die Last fortwährend frei machten, wenn sie sich irgendwo in jüner Fuge des Gesteins festgeklemmt hatte oder wenn die Steigung nicht steil genug war, um den Widerstand der Reibung zu überwinden. So gelangten wir schließlich aus dem Gebirge hinaus. Dann wurden die Balken wieder auf den Rücken geladen und durch eine Furt des Rio Verde geschleppt, der hier besonders seicht ist. Auf dem jenseitigen Hochlande gelangten wir schließlich zu einer halbwegs fahrbaren Straße, die fast bis zum Hause der Maria Carmen hinführt. Dorthin hatte ich einen der landesüblichen Schsenkarren mit zwei� massipen Holzscheiben als speichenlosen Rädern kommen lassen, der in etwa fünf Stunden das Holz zu dem ersehnten Bestimmungsorte brachte. Die nächsten Sendungen werden die Reise wohl schneller zurücklegen: ich glaube nicht, baß ich mich noch darum zu kümmern habe.— Im Minenhause genieße ich nach einer Woche harter Arbeit und vielen Schweißes wieder die Wohltaten der Kultur, die mir fast als ein königlicher Luxus erscheinen. Sogar ein Bad habe ich nehmen können! Es ist doch alleS nur relativ; im allgemeinen würde sich der Westeuropäer hier wie in der Barbarei fühlen; aber nach dem Leben im Hoch- gebirgswaldc erscheint mir unser Wüstendasein der Gipfel des Erstrebenswerten. Ten schönen bequemen Sonntag, auf den ich mich die ganze Woche freute, habe ich nun doch nicht gefunden. Ward und Stuart haben mir liebenswürdigerweise ein paar Briefe aufgehoben, die ich beantworten sollte. Ich fei nun einmal ein Gelehrter. Es handelt sich um eine etwas schwierige Korrespondenz mit der Eiseubahngesellschaft, die jetzt die Strecke Ocotlan- Taviche baut. Wir hatten den Antrag gestellt, sie über den letzteren Ort bis in unser Tal hinein zu verlängern. Aller- dings wäre der Bau, trotz der Kürze der Strecke, wie uns ja wohl bewußt, sehr schwierig und entsprechend kostspielig; es ist hinter Taviche eine bedeutende Steigung zu über- winden, ein tiefer Einschnitt in den Grat des Gebirges zu brechen und schließlich wieder auf Serpentinen in unser Tal hinabzusteigen. Zum Gedeihen unserer Mine ist solch ein Werk aber ebenso notwendig wie Maschinen und Geld— Ja. das Geld! Damit hapert es ja in unserer kleinen Gesellschaft stets. Die Eisenbahnleute wollen Geld allerdings nur in Form von Garantien: aber das ist ja identisch. Bis diese eingelöst sind, müssen entsprechende Summen hinterlegt sein. Wir sollen uns zu einer Mindestbeförderung von soundsoviel Tonnen täglich, im Laufe von zehn Jahren steigend, per- pflichten. Diese Forderung ist ja soweit berechtigt, wird aber zur größten Ungerechtigkeit, wenn in unserein Tale andere Minen erschlossen werden, die dann von vornherein die Wohl- tat der Bahn hätten, während wir das ganze Risiko über- nehmen müßten. Ich beriet mit Ward und Stuart lange; der einzige Ausweg scheint sich dadurch zu öffnen, daß wir uns in irgend- einer Form als Sondergesellschaft an der Zweigbahn Taviche- Maria Carmen beteiligen: jede weitere Entwickelung der Bahn durch andere Neugründungen käme uns dann auch zu- gute; ja wir könnten etwas Tarifpolitik zugunsten unserer eigenen Silbererze treiben. Nun hieß es, diesen neuen Gedanken der Eisenbahngesell- schaft möglichst mundgerecht zu machen. An meinem national- ökonomischen Aufsätze aber arbeite ich den ganzen Tag. Es ivaren gewiß romantische Ideen gewesen, die mich ur- sprünglich mit meinem Schicksal, in den Hochgebirgswald hinausziehen zu müssen, versöhnt hatten; ich hatte gehofft, Muße dort zu finden, um in der Kühle der Berggipfel, in des Himmels Nähe, auf den Kampfplänen der Stürme und lln- Wetter meinen eigenen Gedankengängen nachzugehen, über vieles nachzusinnen, mir Klarheit zu erringen, das zu be- denken die Hitze, die Unruhe, der Lärm des Minenlagers nicht gestatten wollten. Doch ach, wie prosaisch ist jede nützliche, harte Arbeit! Wie abspannend ist das Umherschweifen in den S-chluchten und auf den Abhängen der Berge, das unaufhörliche Be- aufsichtigen der Arbeiter, wenn man nur einige Werte, seien sie auch noch so bescheiden, schaffen will. Vielleicht liegt in all dem eine höhere Art von Romantik, eine transzendentale, die uns selbst und unser allzu romantisches Ringen nach Schein- werten mit cinbegreift. Wer weiß das? Genug, ich arbeite ohne aufzuatmen. Stuarts Rat hat mir einige Anleitung gegeben, wie ich am besten der Bequem- lichkeit meiner Leute begegnen kann. Ich habe das System des Tagelohnes ganz aufgegeben. Ich vereinbare nur mit ihnen einen Stückpreis für jede einzelne Arbeit, für das Fällen eines Baumes, für das Wschlagen der Aeste, für den Transport zum Zimmerplatze, für das Abschälen der Rinde, für das Zersägen; ich biete zunächst die Hälfte von dem. was ich zu geben bereit bin, und erwecke dadurch in meinen wackeren Tolteken die feste Ueberzeugung, daß sie eigentlich mich dabei übers Ohr hauen; und wenn ich trotzdem nicht zuni Ziele zu gelangen scheine, spiele ich eine Gruppe von Arbeitern gegen die andere aus; dann geht es gleich; denn futterneidisch sind sie alle. So habe ich auch den Transport bis zum Fuhrwerke zu festen Preisen vergeben. Um aber die akkordierten Arbeiten möglichst rasch aus- geführt zu bekommen, habe ich Prämien ausgesetzt— in Ge- stalt von Schnaps. Auf meine Rückreise in die Berge hat mir Stuart fast den ganzen Vorrat des Minenhauses mit- gegeben. Man sollte diesen Völkern keinen Branntwein reichen, nach dem sie so lechzen; ich weiß es. Aber wir müssen das Holz rasch haben, dannt wir mit unserer Mine vorwärts kommen; der Erfolg unseres Werkes ist uns schließlich das Höhere, Wichtigere. Alles Erobern geschieht auf Kosten der Schwächeren. Vor allen Dingen habe ich nach und nach die wider- spenstigsten dieser braunen Gesellen entlohnt und entlassen; das Dutzend, das mir zurückgebliebem scheint sich nun schon etwas an mich zu gewöhnen. Ich kümmere mich jetzt auch weniger um die einzelneu, und es scheint niir, als od es seit- dem besser voranginge. Ich habe die Kolonne ganz unter die Leitung eines Vormannes gestellt, eines sehr intelligenten und anstelligen Burschen, namens Tozo, den mir mein Wirt Cypriano empfohlen. Dieser Mann hat begriffen, worum es sich handelt, und er treibt die Leute für mich an. Ein alter Mann unter meinen Leuten, Porfirio, scheint mich aus einem mir unerklärlichen Grunde ganz besonders in sein Herz geschlossen zu haben; seine Anhänglichkeit an mich gibt dem ganzen Verhältnis zwischen mir und den Leuten den moralischen Halt. So geht die Arbeit nun munter voran; doch, ach, wie bald wird mein armer Wald dahin sein! (Forts, folgt.) Kampf m Brcmunbet Sonnenglut. Um 7 Uhr abends war das italienische Heer trotz tapferer Gegenwehr geschlagen, die letzte Stellung auf der Höhe von Custozza genommen, so daß der Rückgug unver- meidlich war. Die Italiener hatten nicht weniger als 7581 Mann Ler- laste. Diese Niederlage vereitelte natürlich Cialdinis beabsichtigten liebergang über den Po. In Custozza steht noch heute ein Denkmal zur Erinnerung an diese Schlacht und an die gemeinsam Gefallenen. Auch in M a g e n t a erinnert eine im Jahre 1862 geweihte Kapelle an das Ringen vom 4. Juni 1859 zwischen den Oesterreichern und den vereinigten granzose» und Sardiniern. Vom Mittag bisjzum Abend dauerte der Kampf um die in den Reisfeldern am Tessin zer- streuten Dörfer. Auf beiden Seiten standen etwa 109 000 Mann, die mit zäher Tapferkeit kämpften. Die Nacht war schon herein- gebrochen, als sich die Franzosen unter Anführung Napoleons der wichtigsten feindlichen Stellung, des Fleckchens Magenta, bemächtigten. Keine der beiden Parteien hatte indessen das Gefühl, besiegt zu sein, und der Anführer der Oesterreicher, der ungarische Graf Gyulay, gedachte Tags darauf die Schlacht von neuem auf- zunehmen. Erst infolge der Nachricht, daß die vom Unter- befehlshaber Clam-Gallas geführten kampfunfähigen Truppen nach Mai- land zurückgekehrt seien, sah er sich genötigt, seine Stellung aufzugeben und sich in das Festungsviereck hinter dem Mincio zurückzuziehen. Danach trat ein Wechsel in der österreichischen Heeresleitung ein, wobei deni Kaiser Franz Josef der Feldzeugmeister Heß, der sich im Feldzuge von 1849 als Waffengenosse Radetzkys auf demselben Kriegschauplatz bewährt hatte, an die Seite trat. Auf dem neuen Vormarsch in die Lombardei stießen die Oesterreicher am 24. Juni 1859 morgens auf die gleichfalls vormarschierenden Verbündeten. Es kam zu einer Reihe von Einzelgefechten zunächst ohne Ent- scheidung, bis die Franzosen nachmittags einen energischen Angriff auf das Dorf Solferino machten, das den Mittelpunkt der österreichischen Aufstellung bildete. Da auch ein österreichischer Angriff auf den rechten Flügel der Fran- zosen zurückgewiesen wurde, traten die Oesterreicher, während gerade ein furchtbares Gewitter das Schlachtfeld in tiefe Finsternis hüllte, den Rückzug über den Mincio an. Die Verluste der Verbündeten betrugen 17 090 Tote und Verwundete und 2500 Gefangene, die der Oesterreicher 13 000 Tote und Verwundete und 9000 Gefangene. Der Anblick des blutgetränkten Schlachtfeldes wirkte auf den jungen Kaiser Franz Josef so erschütternd, daß er der von General Benedek begehrten Fortsetzung des Kampfes seine Einwilligung versagte. Wenige Tage darauf wurde die Welt von der Nachricht überrascht, daß der Friede geschlossen sei. Napoleon III. selbst hatte die An- regung dazu gegeben. Doch die Erfolge dieses Feldzuges be- friedigten ihn keineswegs. Er hatte den Thron von ToScana seinem Vetter Jeröme in Aussicht gestellt, doch mußte er in Hinsicht auf die Einigungsvestrebungen Italiens darauf verzichten. Auch Schwierigkeiten militärischer Art hatten sich herausgestellt, besonders hätte die Belagerung des oberitalienischen Festungsvierecks un- geheuere Opfer gekostet, mit denen sich die Franzosen schwerlich ein- verstanden erklärt hätten. Da sich auch ini österreichischen Haupt- quartier der Wunsch nach Einstellung der Feindseligkeiten bemerkbar machte, so fand in B i l l a f r a n c a am 11. Juli 1859 eine Zu- sammcnkunft der beiden Kaiser Napoleon und Franz Josef statt, die mit dem für Frankreich demütigenden Ergebnis schloß, daß Napoleons kriegerische Phrase„Italien frei bis zur Adria" ohne I Erfolg geblieben war. Die Lombardei wurde zwar an Sardinien ab- � getreten, Venezien aber blieb—• bis 1866— unter österreichischer Herrschaft._ Kalmus. Der alte, oft besungene Zauber des PfingstfesteS umspinnt uns aufs neue und ein Abglanz davon fällt auch in die dunkelsten Häuser der Großstadt: selbst der Aermste schmückt sein Kämmerchen mit jungem Griin. Galt die Osterfeier dem Siege des TageS und der Sonne, die nun über die Mächte der Finsternis und des Frostes triumphieren, so ist Pfingsten für die meisten Menschen noch heute wie in heidnischer Zeit das Fest des wiedergewonnenen Grüns und vollendeten Schmuckes der Natur. Birke und Kalmus sind auserkoren, das Sonnnerfest des Deutschen gastlich zu bewillkommnen. Freilich ist die Kalmusstaude nicht überall zu ffndcn; Ivo man ihrer aber habhaft werden kann, erhalten Tür und Tor, Fenster und Pfosten Kalmusschmuck. Jedes Bild wird von ihren schwertförmigen Blättern beschattet, und vom Gesims nicken sie ins Zimmer herab. Nicht selten sind Hausflur und Fußböden mit Stückchen des würzigen Stengels bestreut, die nicht nur die Schritts dämpfen, sondern auch einen Duft verbreiten, den die Lunge mit Wollust atmet. Eine einzige Kalmuswurzel zur Pfingstzeit gezogen, wo der ganze Reichtum ihres Aromas in ganzer Fülle hervorquillt, ist köstlicher, denn alle teuren Parfüme; der�Kalmus(Acorus calarnus) gehört zur Familie der Arongewächse und ist somit ein Verwandter des gefleckten Aron, der in blattigen Gebirgswäldern vorkommt und der äthiopischen Calla, die wegen ihrer tutenförmigen schneeweißen Blütenscheiden eine beliebte Zimmer- pflanze ist. Der Schaft der Pflanze ist blattartig zusammengedrückt und besitzt eine scharfe und eine rinnenförmige Kante. Die unschein- baren Blüten stehen in einenr Kolben, der anfänglich von dem unteren, scheibenförmigen Teile des Schaftblattes umhüllt wird. Wenn sich die Staubbeutel einer Blüte öffnen, ist deren Narbe bereits eingetrocknet. Selbstbestäubung ist daher ausgeschlossen. Schnecken, die man des öfteren auf dem Blütenkolben kriechen sah, könnten allerdings an ihrer klebrigen Kriech- sohle leicht Pellen der älteren tiefer am Kolben stehenden Blüten zu den Narben der jüngeren und höherstehenden tragen. Eine Fruchtbildung hat man aber bei uns nicht beobachtet. Beweis genug, daß die auf der Pflanze weidenden Schnecken eine Be- stäubung nicht vollziehen. Die Befruchtung wird demnach wohl durch Insekten stattfinden, die aber unserer Fauna fehlen. Daraus ergibt sich, daß der Kalmus ein Fremdling in der deutschen Pflanzen- welt ist, ivie man auch weiß, daß er aus dem Osten stammt. Die Küstengebiete des Schwarzen Meeres und die ungeheuren Land- Wasser' zwischen dem Altai und Japan sind seine eigent- liche Heimat. Aber in verhältnismäßig kurzer Zeit hat die Pflanze. wahrscheinlich den Flußläufen folgend, durch das östliche Tiefland den Weg zu uns gefunden und wird heute wildwachsend in fast ganz Deutschland an Sümpfen, Teichrändern und Flußufern gefunden. Im Mittelalter kannte man das Kraut selbst bei uns noch nicht, wohl aber seinen Wurzelstock, der aus Italien bezogen wurde. Namentlich in süddeutschen Handelsstädten war er hochgeschätzt, und wer zum Pfingstfest Kalmuswurzel in seinem Haushalt aufzuweisen vermochte, war nicht wenig stolz auf v das seltene Gewürz. Dementsprechend wurde es auch hoch bezahlt, so daß der Patrizier Anton Tucher in Nürnberg in seinen Büchern 1503 sehr gewissenhaft notierte, daß er außer Mandeln, Zucker- kraut und Rhabarber auch„2 Lot Kalmus" aus Venedig bezogeir habe. Späterhin fiel der Wert des Kalmus in dem Maße, als er sich bei uns einbürgerte. Während man ihn nämlich in süddeutschen Städten noch 1753 als kostbares Gewürz aus Indien einführte, machte man im nördlichen Deutsch- land die Entdeckung, daß er hier seinen Einzug ganz heimlich ge- halten hatte. Auf die Einwanderung aus dem Osten deutet der Name„Tatarenkraut" hin, wie die Pflanze in Polen und dem süd- östlichen Deutschland genannt wird. Um 1600 ist der Kalmus überall in Deutschland verbreitet gewesen. Eine Einbürgerung hierzulande war aber nur durch den kräftigen Wurzelstock möglich, und diesem gebührt daher auch unser größtes Interesse. Der Wurzelstock einer Pflanze, auch Rhizom genannt, ist ein wurzelartiger, unterirdischer Stengelteil. Seiner Länge nach ist er in längere oder kürzere Glieder eingeteilt, die mit schuppen- artigen Blättern, sogenannten Niederblättern, bezogen sind. Im Herbst treibt er Stockknospen, die im Frühling zu oberirdischen Zweigen auswachsen und fälschlich Stengel genannt werden. Einen derartigen Wurzelstock besitzen übrigens viele Pflanzen, von denen nur der Spargel und das Maiblümchen genannt seien. Der Wurzelstock des Milnrus wird über einen halben Meter lang. Er ist walzenförmig, von schwammig-fleischiger Beschaffenheit, außen blaß pfirsichrot und innen weiß. Wegen eines flüchtigen Oeles, das er enthält und eines Bitterstoffes ist er seit alters ein gesuchtes Heilmittel und wird als„Kalmuswurzel"(Rbworna Calarni) in Apotheken und Drogenhandlungen geführt. Nicht unerwähnt soll bleiben, daß auch das Pilsener Bier seinen eigenartigen Geschmack unter anderem der Kalmuswurzel mit verdankt.„Urquell" ist näm- lich aus Wasser gebraut, das von Wiesen stammt, die über und über mit Kalmus bestanden sind. In der Hausapotheke wird Kalmus in mancherlei Zubereitungen verwertet. Man braucht die Wurzel als wirksames Mittel gegen Verdauungsbeschwerden. Ueberhaupt gilt Kalmusaufguß auf dem Lande als Universalmittel, denn nicht nur die gestörte Magentätig- keit soll er beseitigen, sondern auch kaltes Fieber, Skrofeln und so- gar die englische Krankheit vertreiben. Wenn wir auch dieser Ansicht über die Heilkraft der Wurzel nicht zuneigen, so ist uns doch bekannt, daß sie zur Bereitung stärkender Bäder dient und auch zur Herstellung von Par- fümen verwendet wird. Auch als Würze gewisser Süßig- leiten dient sie. Wer in der Konditorei gepuderte Kalmus- Wurzel kauft, die im Orient das beliebteste Konfekt sind, muß dafür immerhin einen ansehnlichen Preis zahlen; es ist aber höchst einfach, diese Leckerei selbst herzustellen. Auch geben eingemachte Kalmus- wurzeln ein schmackhaftes Kompott. Der Kalmus bewahrt sein würziges Aroma während des ganzen Sommers, obwohl es zur Frühlingszeit am kräftigsten ist. Es scheint noch nicht hinreichend bekannt zu sein, daß die Wurzel von Materialisten, Fabrikanten ätherischer Oele, Destillateuren und Konditoren gern getauft wird. Im Handel berechnet man 100 Kilo ungeschälte Wurzeln mit 45 M., geschälte und schön weiß getrocknete mit 70 M., Primaware wird noch teurer bezahlt. Kalmus hat also auch einen Handelswert, den die Teich- wirte noch zu wenig Beachtung schenken. Auf ein Kilo marktfähige Ware durften 4ffz— 5 Kilo Rohmaterial zu rechnen sein. Die geeignetste Sammelzeit ist das Frühjahr. Doch ist beim Einsammeln die größte Vorsicht am Platze, denn der Standort der Pflanze, llfer und Sümpfe, ist zunreist moorig und nur zu leicht verliert der Erntende den Boden unter den Füßen. __ C. Schenkling. Die Nora! Nachiavellis. Gerade zur rechten Zeit bringt Universitätsprofessor Hofrat Viktor Concha in der ungarischen Rundschau für historische und soziale Wissenschaften einen größeren Aufsatz über die Aufersteh- ung der berühmt-berüchtigten Lehren Machiavellis, die er 1514 in dem Buche„Der Fürst" zusammenfaßte. Es scheint jetzt an der Zeit, in bunter Reihe eine Musterkarte der Anschauungen dieses Italieners zu geben; erklärende Worte dazu erscheinen überflüssig, die Tatsachen sprechen für sich selbst.„Daß Romulus seinen Bruder tötete und dann der Ermordung des Tilus Tatius zu- stimmte," sagt Machiavelli,„könnte nicht mißbilligt werden, wenn man die Absicht betrachtet, welche zum Morde führte."„Als allgemeine Regel muß gehalten werden, daß... wegen außerordentlicher Mittel niemand verdammt werden kann, wenn diese für die Ordnung eines Königreichs odor zur Gründung einer Republik notwendig sind."„Wenn auch die Handlung verbrecherisch ist— hat sie nur Erfolg, gibt es keine Anklage."„Wo von der Rettung des Landes die Rede ist, darf nicht darauf gesehen werden, was recht oder unrecht, milde oder grausam, schmählich oder lobens- wert ist �— alle Rücksichten beiseite, mutz zu dem Mittel gegriffen werden, welches ihm Leben und Unabhängigkeit rettet." Machia- velli hatte schon in seinen: Werke über die Republick in den Dis- corsi bekannt, daß der Zweck die Mittel heiligt, daß der Staats- mann Fuchs und Wolf in einer Person sei, was er in seinem „Fürsten" in Fuchs und Löwe ändert. In letzterem Werke stellt er denen, die einen neuen Stab zu gründen wünschen. Cäsar Borgia als Muster hin und überhäuft dessen Heuchelei, Betrüge- rcicn und Morde mit Lobpreisungen. So verherrlicht er die Hinrichtung des Orsini in Sinigaglia. „Um von diesem nicht zugrunde gerichtet zu werden, half er sich mit der Verstellung und verstand es so gut, feine Gefühle zu ver- heimliche», daß die Orsini wieder anfinge», ihm zu vertrauen, und dieses Vertrauen strebte der Prinz in jeder Weise zu festigen, schenkte ihnen Juivelen, Kleider, Pferde, so daß ihm ihre Einfältig- keit in Sinigagli alle Köpfe auslieferte."„Und da er bemerkte, daß seine bisherige Strenge einigen Unwillen erweckte, gab er, um die Sorgen der Untertanen zu zerstreuen und seinen Einfluß nicht zu schwächen, die Erklärung ab, daß die Grausamkeiten in der Ver- gangenheit nicht von ihm, sondern von seinen Ministern begangen wullden. Um dies in einer jeden Zweifel ausschließenden Weise zu erhärten, ließ er den Gouverneur— den er wegen seiner un- geheuren Erfahrung in Grausamkeiten mit ganzer Vollmacht ausgestattet hatte— auf dem Marktplatz von Cesena entzweigeschnitten zwischen blutigen Schwertern aufnageln." Und nachdem Machia- belli im berüchtigten achten Kapitel des„Fürsten" Cäsar Borgias sämtliche Niederträchtigkeiten und zur Gründung seiner Macht aus- geführte Greueltaten erzählt hat, schließt er seinen Vortrag mit den Worten:„Bei Behandlung der Laufbahn des Fürsten kann ich es nicht tadeln, ja ich muß dem, wie ich schon bisher getan, zu- stimmen, daß sich jeder den zum Beispiel nehmen soll, der durch Glück oder mit Hilfe anderer zur Stacht gelaugt ist." Er zeigt aber auch an solchen, die mit Hilfe von Verbrechen zur Macht gelangen, ohne daß er sie, ivie er sägt, würdigen wollte, Beispiele denen, die einmal notgedrungen solche nachahmen müßten. So stellt er Agathocles, den von unvergleichlichem Glück begleite- ten sizilianischen Bürger dar, der König von Sizilien getvorden ist. „Er war der Sohn eines Töpfers, sagt er. und trieb während seiner ganzen Laufbahn ein ehrloses Leben, führte aber seine Schand- taten mit solcher geistigen und körperlichen Geschicklichkeit durch, daß er sich dis zur Monarchie erheben konnte. Fragen wir, wie Agathocles imstande war, sich nach so vielen niedrigen Verbrechen in der Macht sicher zu behaupten?— Dies hängt nur von der rich- tigeu oder unrichten Anwendung der Grausamkeit ab. Die richtig angewendete Grausamkeit ist die, welche der betreffende im Jnter- esse seiner Sicherheit einmal verübt, unrichtig aber ist, wenn er sie auch späterhin forffetzt." „Die Erfahrung unserer Zeit beweist es, daß die Fürsten Großes geleistet haben, die sich um ihr Wort, ihr gegebenes Ver- sprechen nicht kümmerten, es aber verstanden, den Leuten mit Schlauheit den Kopf zu verdrehen und schließlich über die Ehrlichen triumphierten.... Der Fürst muß sich den Löwen und den Fuchs vor Augen halten, denn der Löwe ist nicht imstande, der Schlinge auszuweichen, und der Fuchs vermag nicht den Kampf mit dem Wolf zu bestehen. Er muß also ein Fuchs sein, um die Schlinge zu erkennen, und ein Löwe, um die Wölfe zu vertreiben. Tie nur den Löwen spielen wollen, gehen zugrunde." „Ich kann kühn behaupten: ES ist sehr nachteilig, immer ehr- lich zu sein, dagegen fromm, treu, menschlich, gottesfürchtig scheinen, ist sehr nützlich.... Denn die Rkenschen urteilen im großen und ganzen mehr mit ihren Augen als mit ihren Gefühlen. Die Augen hat jeder offen, wenige haben ein richtiges Gefühl, jeder sieht, was du zu sein scheinst, aber wenige sehen, wie du bist. Der Fürst soll daran denken, sich Leben und Macht zu sichern, die Mittel dazu wird man immer achtenswert finden und loben, weil die Menge sich immer nach dem Schein und Erfolg richtet. Auch gegemvärtig spricht ein Fürst, der besser ungenannt bleibt, immer nur vom Frieden und vom Worthalten und ist beider Feind, seine Mackü und seinen Ruhm aber hätte er schon längst verloren, wenn er ihnen treu geblieben wäre." Mit diesen Worten kommen einige Kameraden zurück vom Friedhof eines größeren französischen Torfes, das nicht weit vom Schützengraben liegt. Vier tote Kameraden! Ich fühle plötzlich das Bedürfnis, den vier Kameraden einen letzten Besuch abzustatten. Langsam gehe ich dem Friedhof zu und denke daran, wie lebenslustig sie noch gestern waren— und heute schon tot. Heute rot— morgen tot! Die schreckliche Wah» heit des Krieges!" In einem Grabe, zwei Schritt laug und zwei Schritt breit, liegen sie alle vier friedlich nebeneinander. Ich lüfte die Plane, die sie meinen Augen verbirgt, ein wenig. Der erste, ein Jung- ling von 22 Jahren. Mutig war er hinausgezogen, batte Abschied genommen von seinen Eltern und seinem Mädchen, von dem er so viel erzählte, das er so lieb hatte und das bestimmt später seine Frau werden sollte. Noch gestern nachmittag dachte er an sie, schrieb, daß er noch immer gesund und munter sei und hoffentlich bald in die Heimat zurückkehren könne. Am Abend war er tot... Ein Granatsplitter hatte ihn im Schützengraben in dem Augenblick, als er in seinen granatsichern Keller flüchten wollte, eingeholt und ihm den Todesstoß gegeben. Derselbe Splitter zerriß seinem hinter �ihm stehenden Käme« raden, einem Landwehrmann, die Brust. Seine Frau und vier Kinder, die ihm soviel Freude machten, weinen um ihn. Neben dem Landwehrmann liegt ein junger Krieger, den eine Granate vollständig in Stücke ritz. Er glaubte be- stimmt, später wieder nach Hause zu kommen. War er doch Bursche beim Zahlmeister und somit außerhalb der eigent- lichen Feuerlinie. Ein feindlicher Flieger hatte die im untern Stockwerk des Hauses gelegene Kantine bemerkt und die Artillerie verständigt. Ein Glück war es noch, daß die Kantine, als die Granats kam, geschloffen war. So konnte sie nur dem einen Kameraden, der im ober» Stockwerk beim Lesen eines soeben aus der Heimat empfangenen Briefes war, den Tod bringen. Der vierte hatte bei Ausbruch des Krieges seine kranke Mutter verlassen müssen. Nie war er, solange ich ihn kannle, richtig froh gewesen. Seine Gedanken waren meist bei der kranken Mutter, die seiner Hilfe bedurfte. Sie wartet schon so lange auf die Rückkehr ihres einzigen Jungen.... Noch ein paar Stunden, und ein formloser Hügel, geschmückt mit einem Holzkreuz, wird sich über ihnen wölben:„Hier ruhen vier brave deutsche Kameraden. Sie starben den Heldentod fürs Vaterland" wird auf dem Kreuze zu lesen sein. Vier Tote, und wieviel Menschen weinen um sie! Ich ivende mich ab und sehe einen größeren Hügel. Auf dem Kreuz ist zu lesen:„Hier ruhen 34 deutsche Soldaten. Sie starben den Heldentod fürs Vaterland." Wieviel sprudelnde Lebenslust liegt unter diesem einen Kreuze begraben. 34 kraftstrotzende Männer! Jeder wollte in die Heimat zurückkehren! Ich sehe mich um. Noch viele dieser Gräber grüßen schwer auf dem einen Friedhof. Wieviel Herzen warten vergeblich auf die Rückkehr ihrer Lieben! Langsam verlasse ich den Friedhof. Ein Gedanke regt ficht Wie lange noch, und auch dich hat der Tod ereilt! Heute rot— morgen tot!•— Hetreiüemehllojes Gebäck. Durch die Einführung der Brotmarken sahen sich bekanntlich viele Wirtschaften gezwungen ein Gebäck zu verwenden, das ohne Getreidemehl hergestellt war. So hat einer der bekanntesten Berliner Betriebe als erster ein Gebäck hergestellt, das aus Kartoffelprodukten und Reisstärke bestand. Diese Gebäcke hatten aber den schwer» wiegenden Nachteil, daß sie im Verhältnis zu ihrer Größe zu schwer ausfielen, die Krume bildete auch eine ziemlich feste, wenig. zum Teil gar nicht gelockerte Masse. Die Lockerung des Gebäckes erfolgt bekanntlich durch die von der Hefe erzeugte Kohlensäure, ist aber nur möglich, wenn der Teig nicht zu„kurz" ist, d. h. wenn er genügend wasserunlösliche Eiweißstoffe, also Kleber enthält. Durch den gummiartigen Zustand des Klebers werden die Gase im Teig zurückgehalten und der Teig dadurch gelockert. Da die Möglichkeit der Herstellung von geirside- mehllosen Gebäcken nicht nur volkswirtschaftlich von Wert ist, sondern auch fachwissenschaftlich von größtem Interesse war, so befaßt sich auch die Versuchsbäckerei der Versuchsanstalt für Getreideverarbeitnng mit derartigen Versuchen. Die Lösung gelang ihr dadurch, daß dem Teige Stoffe zugesetzt wurden, die ähnliche physikalische Eigenschaften wie der Kleber haben. Wie Dr. A. Fornet in der „Chemiker-Zeitung" zeigt, hat das so hergestellte Gebäck die gleiche Porosität wie Weizengebäck, die Farbe der Krume ist ungefähr die der früberen Semmelgebäcke. Das Aeußere ist von gewöhnlichen Kümmelbrötchen nicht zu unterscheiden. Was nun den Geschmack anbetrifft, so ist es klar, daß rcineS Weizengebäck den Vorzug ver- dient. Immerhin soll man nach diesem Verfahren hergestellte Ge» bäcke auch im trockenen Zustande gut essen können. Jedenfalls ist es wissenschaftlich interessant, daß man imstande ist, ohne jeglichen Zusatz von Getreidemehl ein Gebäck herzustellen, das ohne weiteres als solches angesprochen werden kann. kleines Zeuilleton. /im Grabe öer kameraüen. Ein junger Genosse schreibt der„Magdeburger Volksstimme": „Auf dem Friedhof liegen vier tote Kameraden, sie sollen am Nachmittag begraben werde::!" Das deutsche Hospital in Lonüon. Dr. zum Busch, der Oberarzt der chirurgischen Abteilung des deutschen Hospitals in London, durfte seine Stellung auch während des Krieges beibehalten. Er teilt der„Deutschen medizinischen Wochenschrift" auf dem Umweg über Italien mit, daß er seit An- fang August stark vermehrte Arbeit hat, da von den: gewöhnlichen Stab des Krankenhauses acht Aerzte und eine Anzahl Schloestern fehlen. Trotzdem hat er es fertig gebracht, mit Benutzung allen verfügbaren Raumes 50 neue Betten aufzustellen, so daß jetzt täg- lich etwa 200 Kranke verpflegt werden können, auch die Poliklinik geht nach alter Weise fort. Es wäre für die vielen armen Deut- scheu und Oesterreicher ein großes Unglück gewesen, wem: das Hospital hätte geschlossen werden müssen. Außer den gewöhnlichen Kranken hat das Hospital viele aus Kamerun hierher gebrachte Gefangene, die an Malaria erkrankt sind, in Behandlung und dann zahlreiche Gefangene aus den Jnternierungslagern. Sie finden alle in diesen schweren Zeiten in: Krankenhaus Pflege und, soweit möglich, Heilung. Auch Liebesgaben versendet das Krankenhaus und versieht die Gefangenen mit Wäsche und Zi- garven._ Notize«. — M u s i k ch r o n: k. Im Deutschen Oper i: hause wird als nächste Erweiterung des Spielplans Marschners„Hans H e i l i n g" in Szene gehen. Vorher werden aber noch Mozarts „Figaros Hochzeit" und Glucks„Iphigenie in Aulis" in neuer Einstudierung und teilweise neuer Besetzung erscheinen. — Kurze Schlacht schilderung. Die schwere Aufgabe, eine moderne Schlacht möglichst kurz und lebenswahr zu beschreiben, löste ein schwerverwundeter englischer Soldat auf folgende Weise. Nach seinen Eindrücken über die Schlacht, in der er verwundet worden war, befragt, antwortete er:„Zuerst hörte ich einen Höllen- lärm und dann sagte die Pflegeschwester: Versuchen Sie doch ein wenig zu trinken!" — Kriegsphotographen. Die Arbeit der 5diiw- Operateure aus den Kriegsschauplätzen ist natürlich nicht gefahrlos. Um aus möglichst großer Entfernung Bilder aufnehmen zu können, die aber dennoch beim Beschauer den Eindruck erwecken, als ob sie aus näckffter Nähe gemacht worden wären, verwendet man sogen. Teleobjekte. Eine französische Firma benützt nach der„Lichtbild- bühne" solche Objekte, die Bilder auf 500 Meter aufnahmen und die in ihrer Klarheit so täuschend sind, daß man glauben könnte, sie wären aus dem Schützengraben selbst photographiert. Dasselbe Verfahren wurde auch früher bei Kinoaufn-abmen angewandt, wem: es sich darum handelte, wilde oder scheue Tiere auf die Leinwand zu bringen. Verantwortlicher Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln. Für de» Inseratenteil verantw.: Th. Glocke. Berlin. Druck u.VerIag:Vorwärt» Buchdruckerei u. Betlagsanstalt Paul Singer L- Co., Berlin SW.