Nr. 124- 1915. Unterhaltungsbtatt ües vorwärts Sonntag, 39. Mai. Im Lanöe öes Isonzo. Eine seltsam zusammengedrängte Landschaft ist es, die der Jsonzo durcheilt, der Fluß, der die Gewässer aus den Bergen, die im Osten die oberitalienische Ebene abschließen, sammelt, und dem Meere zuführt. Da, wo er jung ist, schlägt er sich rauschend, als schaumbedecktes Gsbirgswasser durch das öde, zerklüftete und wilde Hochgebirge der Julischen Alpen. Im Tal von Tolmein lächeln dann freundlichere Bilder, üppige Matten und Wälder ziehen sich an den niedrigen Hängen hin, ja sogar der Wein und der Maulbeer- bäum sind bis hierher an sonnige und geschützte Stellen vorge- drungen. Zwischen dem Höhenzug des Monte Majatur und dem Ternovaner Wald durchbrechend, tritt der Fluß in das blühende Hügelland bei Görz hinaus. Dieser Uebergang erfolgt überraschend. Noch nicht ganz 5 Kilometer von Görz glaubt man sich tief im Ge- birge. Rauschend schießt der Strom, der hier einen Seitenarm, die Jdria, aufnimmt, in einem Kanal, den er sich durch die Felsen einer seinem Laufe vorgelagerten Barre gefressen hat, als Pracht- voller Wasserfall hinunter. Plötzlich öffnet sich dann der Blick nich frei schweift das Auge bis zum Meere hinüber. Zur Linken streicht der Ternovaner Wald südöstlich auf das Tal der Wippach zu und jenseits der Wippach schiebt sich der Karst wie ein mächtiger Riegel, der den Zugang nach Jstrien verwehrt, in das Flachland gegen den Jsonza heran. Während der Karst, kahl, verbrannt und wasserarm, unter der brennenden Sonne glühend und dann wieder von der be- rüchtigten„Bora" durchbraust, keinen Baumwuchs aufweist, bedeckt den anderen der beiden das Jsonzogebiet abschließenden Gebirgszüge, das Ternovaner Gebirge, ein riesiger Forst. Mächtige Stämme erheben sich in den weiten, unbewohnten Waldungen. Von hier sind früher die für die Kriegsschiffswerften Oesterreichs benötigten Hölzer herbezogen worden; Baumriesen von 160 Jahren wurden dazu verwandt. In den tiefen Klüften und Schlünden, die häufig vorkommen, sammelt sich der Schnee in ungeheuren Massen an. Unter dem eigenen Druck fest zusammenfrierend, wird er zu Eis; auch im Sommer schmelzen die großen EiSmaffen nicht, und die Ausbeute dieser riesigen natürlichen Eisgruben versorgt das ganze Küstenland mit Eis, ja darüber hinaus soll eS sogar noch exportiert werden. Gleich reich an landschaftlichen Reizen,�wie an Fruchtbarkeit ist das Hügelland,„Eoglio", deutsch„in den Ecken", genannt, das sich halbmondförmig von C o r m o n s zu Füßen des Gebirges bis nach Görz und dann weiter das Tal der Wippach hinaufzieht. Hier ge- deiht alle Brotfrucht, besonders Mais wird viel gebaut, ferner feineres Gemüse, die Rebe, die hier sowohl in Wenigärten, als auch nach anmutiger, antiker Sitte von Illme zu Ulme in Gehängen sich hinziehend, gezogen wird. Ebenso sit die Seidenzucht verbreitet und mit ihr der Maulbeerbaum. Der Eoglio ist berühmt durch seinen ausgedehnten Weinbau und das ausgezeichnete Obst, das er hervor- bringt. Der Oelbaum und der Lorbeer sind bis hierher vorge« drungen, �und schlanke Zypressen zeichnen ihre malerische Silhouette in den Gärten ab; es gibt sogar Stellen, an denen der Granatapfel- bäum sich hält. Die Höhenzüge bedecken stattliche Eichenwälder, an die sich große Kastanienhaine anschließen. Das Land mit seinen heiteren Hügeln erinnert an die schönsten Stellen der toskanischen Landschaft. Nach� Süden hinab sieht man, im Sonnenflimmcr ver- schwindend, �die Ebene, deren Gesichtskreis irmner wieder nur von Zypressen, schlanken marmornen Kirchtürmen und Pinien unter- brochen wird. Am anziehendsten tritt der Charakter des Gebietes an seiner Westgrenze in der Gemarkung der romantisch gelegenen Stadt C o r m o n s hervor. Ebenso hat auch Görz nicht umsonst den Namen der„Gartenstadt" erhalten. Weiter südlich wird dies Hügel- land mit seinen langgezogenen, wellenförmigen Höhen, deren Spitzen von Ortschaften und Kirchen befetzt sind, von der Tiefebene abge- löst. Hier liegt, gegen den Karst hin G r a d i s c a, geschichtlich ein vielumstrittener Ort und eine wichtige Festung, die im Wechsel des Kriegsglücks bald Venezianer, bald Kaiserliche in ihren Mauern sah. Die Tiefebene zeichnet sich vor allem aus durch die üppige Fruchtbarkeit der wohlkultivierten Gegend. In zierlichen Reihen ziehen die Maulbeerbäume die Furchen entlang, welche durch die da- zwischen auf Ulmen und anderen Bäumen hoch emporrankenden Weinreben zu einer grünen Maner verbunden werden, während der breitblättrige Mais mannshoch die Felder überragt. Freilich, ein grimmiger Feind der Tiefebene sind die Flüsse mit ihren bald wasserarmen, bald von Hochwasser gefüllten Betten, die ewig wandern, bald Sümpfe bilden und fruchtbares Land unter Gesteins- trümmern und Sand begraben. Die Küste versandet, Lagune und Sumpf bedecken weithin die Küstenstriche, eine Brutstätte des Fiebers, aber auch zugleich ein Paradies der Wasservögel. Die zu- nehmende Verflachung � hindert das Emporblühen eines größeren Hasens. Einst lag ein solcher westlich vom Jsonzo, an dem Flüßchen Natissa: Aquileja, eine blühende große Stadt und Hafen der byzantinischen Flotte, jetzt ein Städtchen von nicht ganz tausend Einwohnern, im Innern des Landes liegend und nur durch ewig versandende Kanäle für ein kleines Dampfboot noch erreichbar. Das Bild der Küstengegend bietet einen melancholischen Reiz. Längs der Kanäle stehen arme Strohhütten, vor denen Netze trocknen. Weite Schilfgründe dehnen sich mit gelben Wasserlilien, hier und da in der Ferne leuchtet ein orangefarbenes Segel, dort steht der letzte Baum, eine zerzauste Pinie auf gelber Düne und hinter ihr strahlt das tiefe Blau des Meeres mit seinen Schaumstreifen. Auf einer Insel in der Lagune liegt Grado, ein kleiner Hafen für Schiffe mit geringem Tiefgang, der noch dazu durch eine sandbarre vor dem Eingang schwer zugänglich gemacht ist. Grado ist Seebad: ein langer schöner Sandstrand mit starkem Wellenschlag erlaubt ihm, mit dem Lido in einen bescheidenen Wettbewerb zu treten. kleines Ieuilleton. Des Heiöjers Rückkehr zur vätersitte. Eigentümliche Zustände haben sich infolge des Krieges in der Lüneburger Heide entwickelt. Der Hannoversche„Volkswille" gibt eine anschauliche Schilderung davon: Wer jetzt durch die in der Kriegszeit doppelt stille Heide wan- dert und in weltabgielegenen Bauernhausern Einkehr hält, gewinnt den Eindruck, als wäre das Rad der Weltgeschichte um mindestens hunidert Jahre zurückgestellt und wir lebten etwa am Ausgange des 18. Jahrhunderts. Dies Wunder Hadder Krieg mit seinen wirtschaftlichen Folgen vollbracht, die den Heidebauern gezwungen haben, auf so manche„Errungenschaft" der Neuzeit zu verzichten und zu den Lebensgewohnheiten der Vorfahren zurückzukehren. Einen großen Einfluß auf die Lebensweise des Heidjers hat die— Brotkarte ausgeübt. Für den leiblich angestrengt arbeitenden Landbewohner ist das Quantum Brot, das ihm auf Grund der Brotkarte zusteht, oft zu. gering. Er tvar deshalb gezwungen, sich nach Ersatzmitteln für Brot umzusehen, und da fiel sein Blick ans die in Vergessenheit geratene Hirse und namentlich Grütze. Er erinnerte sich, daß auf dem Boden in verstaubter Ecke sich noch ein „Pümpel" befand, in dem durch Stampfen aus dem Buchweizen die nahrhafte Grütze hergestellt lvrrd, und er entzog ihn seiner Ver- gessenheit. iso sieht man jetzt überall in der Heide die Pümpel wieder in Tätigkeit, und auf dem Morgentisch erscheint wieder wie in alten Zeiten der schmackhafte Buchweizcnpfannkuchen, der von alt und jung gern gegessen wird. Auch in der Beleuchtung ist der Heidjer gezwungen, zu Mitteln zu greifen, die längst als für die Zeiten alcgetan gelten konnten. Zwar haben die Ueberlandzentralen ihre elektrischen Arme weit in die Heide hinausgestreckt, und mancher Hof erstrahlt abends in hellen» Glänze; der größte Teil der Heidebauern ist aber der Petroleumlampe treu geblieben, bis jetzt ihm das Petroleum untreu gctvorden ist. Der Heidjer mußte, wollte er nicht abends im Dun- keln sitzen, auf andere Beleuchtung denken. Diese hat er jetzt ge- fuirden in den ältesten uns bekannten Lichterzeugern: Kieirfackel und Trankrüsel. Es ist kein Scherz; die Kienfackel beleuchtet jetzt so manche Bauernstube, und der Oelkrüsel, a>r langem, beweg- lichem Holzarme schaukelnd, wird zu der Stelle im Zimmer hin- gedreht, die augenblicklich des Lichtes am bedürftigsten ist.— Aber nicht allein Nahrung und Licht hat durch den Krieg eine erstaun- liche Wandlung erfabren, auch die Kleidung urid ihre Herstellung ist durch ihn in Mitleidenschaft gezogen. Die Bauerin hat ge- funden, daß die am Spinnrad gesponnene Wolle die billigsten und besten Strümpfe tkstd Unterkleider gibt; sie hat daher das Spinn- rad, das lange unbenutzt auf dem Boden stand und von Spinn- geweben eingesponnen tvar, toieder hervorgeholt und sitzt nun des Abends spinnend in der Stubenecke, in Gedanken an ihre Lieben im weiten Felde. Der Erfolg dieser vorelterlichen Tätigkeit, die man fast in jedem Bauernhaus beobachten kann, ist dann eine schöne Menge dauerhafter Liebesgaben für unsere Krieger. Zum Spinnrad hat sich der Webstuhl gesellt, der ebenfalls lange Jahre im stillen Bodenwinkel ein verträumtes Dasein geführt hat. Ja, der Handwebstuhl läßt vielerorts in der Heide wieder seine zarte Musik ertönen, und auf ihm wird ein Linnen gelvebt, so schön und stark, wie es unserem Geschlecht bald zur sage geworden ist. Die teuren Lederpreise haben schließlich bewirkt, daß alt und jung zu den Holzschuhen zurückgekehrt sind, und lustig erklingt ihr„Klipp, klapp" in Haus und Straße. Alles dies: Kienfackel und Trankrüsel, Grütze und Spinnrad, Webstuhl und Holzschuhe als tägliche Begleiter des Heidjers klingt wie ein Märchen, und doch ist es Wirklichkeit geworden, Wirklich- keit gerade in einer Zeit, die auf ihre technischen Ersindungen und Errungenschaften so besonders stolz toar.— Ernährungsreform unü Gebiß. Die Einsicht von der großen Wichtigkeit eines gesunden Ge- bisses hat sich ourch die Mahnrufe der Aerzte in der letzten Zeit weit und breit eingebürgert. Besonders die Einrichtung von Schul- Zahnkliniken ist es gewesen, welche großen Nutzen stiftet, indem sie die ersten Anfänge der Zahnkrankheiten ftühzeitig erkennt und ihr Fortschreiten verhindert. Aber die unter den Menschen immer mehr überhand nehniende Zahnverderbnis kann durch diese Aiaß- nahmen doch nicht allein beseitigt werden. Vielmehr mnß mau, um radikale Abhilfe zu schaffen, das Uebel an der Wurzel anfassen. Die Degeneration des Gebisses, die sich im Kariöswerden und frühem Ausfall der Zähne äußert, scheint nach den Ansichten neuerer Forscher mit der Veränderung der Ernährung zusammenzuhängen. Man hat in zoologischen Gärten beobachtet, daß die dort gehaltenen wilden Tiere nicht selten an Karies erkranken, während die Gebisse der freilebenden Tiere intakt bleiben. Auch die Zähne der Naturvölker zeigen dieses Verhalten im Gegensatz zu denen der Kulturvölker. Wildlebende Tiere und Naturmenschen leben im lvesentlichen von roher, grober Kost. Mit den Fortschritten der Zivilisation gehen die Mcnschcn zu weichlicheren Kastformen über. Alle Bestrebungen gehen dahin, die?kahrungs, Nittel zu zerkleinern und zu erweichen. Dies mag für die Ausnützung der Nahrungsmittel größere Vorteile bringen, für die Zähne ist es dagegen von Schaden. Die Kiefer uird die Zähne werden, dabei entlastest sie brauchen bei der heutigen Lebensweise nicht mehr so viel zu leisten als früher; deswegen wachsen die Kiefer weniger oder verkehrt, die Zahnalveolen verkümmern, die Zähne werden locker und fallen aus. Gröbere Ztahrungsmittel dagegen wirken, wie der Breslauer Zahnarzt Dr. K u n c r t in der„Deutschen Monat?- schrift für Zahnheilkunde" ausführt, durch den scheuernden, reini- genden Einfluß, den sie auf die Zähne ausüben, geradezu das Eni- stehen einer Karies verhütend. Die Bestrebungen zur Kräftigung des Gebisses härtere und schliwrer zu kauende Nahrung zu verwenden, stehen übrigens im Einklang mit den Tendenzen der modernen Ernährungsreform, mit der in Form des stark ver- mablcnen Kriegsbrotes die bittere Notwendigkeit uns bekannt gemacht hat. Sonst, bei der geioöhiilichen Barfiveisc, ging uns die Kleie völlig verlöre»», die viel Eiweiß und»oichtige mineralische Nähr salze enthält. Ebenso verhält es sich nvit den anderen Zcrealicn»vie Grieß, Reis, die alle nach Möglichkeit geschält nnd so ihrer Nährsalze beraubt gel»ossen wurden. Von der Nährsalz reicheren Gemüsekoft ist man zu der Nährsalz ärmeren Fleischkost übergegangen. Dieses Manko an Eisen, Kalk, Magiiesia und Kicsel- salzen übt einen ungmrstigen Einfluß auf die Eiütoickehrng des gesamten Organismus, insbesondere otkr auch auf einzelne Organe wie die Zähne aus. Wenn die Bestrebungen nach einer Reform der Ernährung in der Zukunft Berücksichtigung finden, so werden sie auch zur Entwickelung guter und starker Zähne führen und damit die große Gefabr beseitigen, die dem Wohle de? Organismus von feiten kranker Zähne drohst Notizen. — Vorträge. In der Urania wird am Donnerstag Prof. Flamm einen einmaligen Vortrag über„Die Seemachtmittel unserer Feinde' halten. An allen übrigen Tagen der Woche gelangt der Vortrag„Flandern und der Krieg' zur Darstellung. -�Theater öhronik. Das Deutsche Theater schließt seine Spielzeit bereits am 31. Mai, weil einer der Hauptdarsteller von der Militärbehörde nur bis zun» 1. Juni beurlaubt ist. Am I.September sollen alle drei Bühnen wieder eröffnet werden.— Im Deutschen Künstler-Theater beginnt Dienstag ein Sommergastspiel unter der Direkton Victor Holländer mit dem musikalischen Schwank„Die Schöne vom Strand". — Ein Theater, das volle Gagen bezahlt. Das Erfurter Stadttheater hat am Schluß der Spielzeit die vor- genommenen Gehaltskürzungen voll nachgezahlt, da der Theaterbesuch ein sehr guter war. — Heirat durch Stellvertretung. Ein neues französisches Gefetz ermöglicht es den Soldaten zu beiraten, während sie an der Front sind. Allerdings muß die Ehe ohne den richtigen Bräutigam, durch einen Stellvertreter, geschlossen werden. Die erste derartige Hochzeit fand vor wenigen Tagen im Rathaus des Pairtheon-Bezirkes statt. Die Feier verlief sehr still. D«r Sol- daten-Bräutigam hatte einen Freund als Vertreter geschickt, der die Frage des Bürgermeisters:„Sie behaupten, daß M. L. Ihnen die gerichtliche Vollmacht übertrug, zu erklären, daß er gewillt ist, Mlle. M. zur Frau zu nehme»»", mit„Ja,, beantlvortete. Nachdem die Braut mit leiser»stimme ihre Einwilligung gegeben hatte, war die Heiratsfeierlichkeit beendet. Die Erweckung öer Maria Carmen. tsj Von Ludwig Brinkmann. Meine Bauten sind die Vorarbeiten zur Einrichtung eines hochmodernen maschinellen Betriebes. Das erscheint nicht gar so schwer, zumal ich den besten Teil der vergangenen Wochen damit zugebracht habe, mir ähnliche Einrichtungen in der Um- gebung von Taviche und Oaxaca anzusehen. Und dankbar er- innere ich mich der Gastfreundschaft, die mir die Leiter der Bergwerke im Distrikte gewährt haben; sie weihten mich in olles ein, was ich nur zu wissen begehrte, �führten mich durch ihre Maschinenhäuser, ihre Mühlen, ihre Schlämmereien und in ihre Gruben hinein. Sie boten inir auch die Gastfreund- schaft des Hauses, die niir nach langen Monaten vollkommener Einsamkeit in der glühenden Wüste so sehr wohltuend war. Die Zeit meiner Studienritte machte mich geradezu glücklich; ich streifte nicht, wie sonst mit Stuart, in menschenleeren Wildnissen des Gebirges einher, sondern durchquerte die weiten Flächen des Tales von Oaxaca, des Kleinodes unter Cortez' Juwelen, und suchte die Menschen da auf, wo sie arbeiten, wo sie leben.— Ach, man darf nicht allzu lange in der Einsamkeit weilen, man wird freudlos und freundlos.— Es war mir alles neu, alles interessant, wie diese hochgewach- senen Menschen aus Massachusetts oder Ohio ihren Geschäften nachgehen, wie sie schaffen und spekulieren, wie sie ihr privates Leben den ungewohnten Daseinsbedingungen der tropischen Wildnis anzupassen suchen. Und ich fand, daß wir, Stuart, Ward und ich, iin Hause der Maria Carmen den anderen Be- rufsgenossen an häuslichem Komfort kaum nachstanden; es sah schier bei allen ebenso wild aus wie bei uns; mein kleines Privatzimmer erscheint mir gegen alle anderen Behausungen, die ich sah, von einer fürstlichen Eleganz. Und selbst wo Frauen ihres Amtes im Hause walteten, ivar kann» ein Unterschied zu bemerken. Ja ja. die Amerikanerinnen! Man mnß alle land- läufigen europäischen Vorstellungen nnd Begriffe beiseite lassen, wenn man sie verstehen will! Ich habe einige reizende Frauen auf meinen Studienreisen kennen gelernt, färben- prangende Schmetterlinge in der Wüste, aber auch nichts niehr als eben— Schmetterlinge. Doch den schönsten und mir interessantesten dieser Sommervögel habe ich n i ch t gesehen: meine Amerikanerin; trotzdem ich einige Male in ihrem Hause weilte. Einer der ersten, die ich besuchte, war �naturgemäß Herr Richard Dickinson, der Besitzer von fünf Vilbergruben, den Excel�iorminen, und anerkannt der reichste Mann des Distriktes. Und wer beschreibt mein Erstaunen, als ich den Gatten meiner Diana, den ich nur flüchtig in der Abend- dänimerung meiner Ankunft in Oaxaca gesehen, vor mir stehen sah! Ich verlor für einen Augenblick fast die Sprache. Dickin- son nahm sich meiner in der zuvorkoinmendsten Weise an und ließ es sich nicht verdrießen, mich Neuling in alle Geheimnisse seines Betriebes einzuweihen. Da sein verhältnismäßig wohnlich eingerichtetes Heim mich berechtigterweise auf das freundliche Walten einer Haus- frau schließen lassen mußte, fragte ich schließlich ganz un- schuldig nach Frau Dickinson, worauf er erwiderte, seine Frau sei auf einem kurzen Besuche in Stadt Mexiko. Seine rasche Antwort ließ aber erkennen, daß er dieses Thema nicht weiter ausgesponnen zu wissen wünschte. Seitdem habe ich Dickinson nicht mehr aufgesucht; aber während ich andere Besuche im Distrikte machte, kehrten meine Gedanken und selbst meine Blicke oft zu seinem Hause zurück, als gäbe es da irgend etwas unsagbar Schönes zu entdecken. Mit meinen rasch gesammelte» Erfahrungen wäre es nicht gar so schwer gewesen, unsere Minenbauten auszuführen, wenn uns nur reichere Mittel zur Verfügung gestanden hätten. Indessen macht gerade das die Aufgabe interessant; init dem geringsten Aufwände eine gewisse Leistung zu vollbringen, das ist das ewige Problem des Lebens. So habe ich wochenlang über Entwürfen, in Unter- redungen und Unterhandlungen mit Stuart und Ward zuge- bracht, und endlich waren wir so weit/daß der Bau beginnen konnte.— Die erste Beschränkung, die wir uns auferlegten, war die Abmessung der täglichen Förderung. Selbstverständlich würde, wenn wir uns von vornherein auf einen großen Ertrag ein- richteten, die Anlage verhältnismäßig wohlfeil; jedoch welche Ausbeute können wir erwarten? Wir tappen ja alle in voll- kommener Dunkelheit; Stuart dringt immer weiter in seinen Berg hinein, aber an die Erzlager ist er noch nicht gekommen, und all seine Annahmen sind nichts weiter als die Hoffnun- gen seines sanguinischen Optimismus; er spricht nur von fünfhundert Tonnen täglich, lediglich weil einige andere sehr reiche Minen Mexikos eine solche oder sogar eine stärkere Förderung haben. Waruin die Maria Carmen weniger leisten sollte, sei nilht einzusehen, meint er. Allerdings hat Stuart einen wichtigen Zeugen auf seiner Seite: den alten Tobar. Je weiter das Werk vorwärts schreitet, tnit desto ängstlicherem Eifer lauschen wir alle den längst bekannten Berichten des grauhaarigen Indianers. Wenn wir drei des Abends auf der Bank vor dem Minen- häufe sitzen, unsere Pfeifen rauchen und uns ein kleines Wortgefecht liefern, ereignet sich inanchmal eine fast auf- redende Szene: Stuart springt plötzlich auf. läßt Tobar her- beikommen und fragt ihn aus; und der alte Mann beginnt dann weitläufig zu erzählen, wie alles vor sechzig Jahren ausgeschaut hat, und verfolgt den Gang der erzführenden Schichten mit stolzen Handbewegungen in großartiger Pose. Mir fällt dabei stets eines auf: die Berichte des alten Tobar, die ursprünglich nur von großer Undeutlichkeit und Allgemeinheit gewesen, werden init der häufigen Wieder- holung immer klarer und deutlicher und durch allerlei Detail- werk, von dem der Plann früher niemals gesprochen, mehr präzisiert: von allen Dingen aber mehren sich in seinen Er- Zählungen die Anzeichen, die glückverheißende Verhältnisse im Innern unseres Berges verkünden. Wenn ich dann die schwarzen Fledermäuse unter dem grünblauen Himmel dahinflattern sehe, beschleicht inich wohl trotz solcher hoffnungsfrohen Aussichten ein dunkles Gefühl von Sorge. Es mag meine lebhafte Phantasie die Haupt- schuld daran tragen, wenn ich manchmal ein hinterlistiges Komplott wittere, das die Indianer ausgeheckt haben, um ihre amerikanischen Feinde in eine schnöde Falle zu locken, wenn ich fürchte, sie lassen uns durch Tobar märchenhaste Reichtümer in einem Loche vorspiegem, das nichts als un- endlich viel Wasser und taubes Gestein enthält. Aber wenn toir auch Gut nnd Blut darüber verlören, auf jeden Fall wäre es ein spannendes Abenteuer, das mitzuerleben mich fast reizen könnte. Wenn ich indessen den Freunden solche inelodramatifcheir Ideen mitteile, Pflegt Stuart hell aufzulachen. Er meint, er kenne seinen Tobar denn doch besser; der hätte nichts vom finsteren Verschwörer an sich; und was die immer größere Deutlichkeit seiner Angaben betrifft, so sei das nur natürlich: nach einem Zeiträume von zwei Menschei»leben frische sicki das Gedächtnis nur ganz allmählich auf. Und er will mit Feuer- eifer an aroßartiae Vorbereitungen herangehen. Ward und ich selbst sind viel vorsichtiger, und um nicht mit Powell in Konflikt zu geraten, entschließen wir uns, alle Maßregeln zunächst für hundert Tonnen täglicher Förderung zu treffen. Wenn wir die erreichen, wird sich die Maria Carmen schon genügend rentieren und dann kann ja ernst- lich an Erweiterungen herangegangen werden. (Lsrtk. tolgt.) nach Süd-Amerika Nächste Abfahrten von AmrterdarrwSQd Amerika (La Coruna, Vigo, Lissabon, Pernambuco, Labia, RiodeJaneiro, Santos,Montevideou. Buenos Aires) Schnelldampfer: Tubantia, 9. 3uni und weiter alle 14 Tage. Frachtdampfer-Expeditionen nach Bedarf.• Auskunft durch den: KÖNIGLICHEN HOLLÄNDISCHEN LLOYD. AMSTERDAM __ oder in Berlin;Passage-ÄgenturD.A1Vonk,7ßünt.d.Lind.JNW7 Telegramm-Adresae! Realloyd Telephon: Zentrum 11881 1 ReroenschMerztll und Khelimatisnins. Fand nachSJahren Linderung von den unsagbarsten Schmerzen. Herr I. 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