»r. 125- i9i5. Unterhaltungsblatt des Vorwärts Die literarische Cholera öes Krieges. Im„März" schreibt Felix Langer: Unausbleiblich für die Zeit nach dem Krieg ist eine Hochflut den literarischen Neuerscheinungen. Jene, welche schon vorher literarisch produzierten, sind, soweit sie nicht im Felde stehen, augenblicklich nicht untätig und werden dann mit ihren Werken herauskommen, außerdem wird aber jeder, der nur halbwegs ver- mag Gedanken schriftlich auf Papier zu fixieren, sich berufen fühlen, von seinen Kriegserlebnissen zu berichten, was ja zum Teil schon jetzt in Feldpostbriefen geschieht. Die Verleger und Buchhändler können sich freuen. Aber diese zu erwartende Ueberproduktion an Kriegsliteratur ist eine Gefahr und zwar solvohl für die Kunst als auch für das kaufende Publikum und nicht zu mindest für den der Rachwelt bleibenden Eindruck unserer Zeit, ihrer Ziele und Gc- sinnungen. Wie war das doch zu Kriegsbeginn? Eine Million Kriegs- gcdichte wurden verfaßt. Es war zu entschuldigen, man loar im Taumel der Mabilisierungstage und der ersten Siege. Nicht die schlechtesten Verse kamen aus dem Volke und keineswegs die besten von den Dichtern, deren Namen Klang haben. Wer lächerlich war es, wenn junge Mädchen in den bereitwilligst geöffneten spalten von Tagcsblättern und Zeitschriften, jubelten: nun ist er da, der Krieg, den wir so lange ersehnt, wir werden hinaus- ziehen... und so weiter. Es zuckte einem in der Hand beim Lesen solcher Verse, auch wenn man zufällig nichts von den sieb- zehneinhalb Lenzen der betreffenden Dame wußte. Wenn man aber alte Schöpse dem Krieg als solchen zujubeln hörte, nur um der zwanzig Mark willen, die für optimistische Gedichte gezahlt wurden, so konnte man Tobsuchtsanfälle vor Wut bekommen. Als ob Krieg nicht hieße: Blut vergießen, Menschen töten und ver- stümmeln, Abschiedsweh und Vernichtung von Eristenzen, Unter- gang von Familien, Zerstörung von Lebensglück, Sorge und Qual. Als ob das dumme Mädel, dessen Leben sorgsam behütet, von Papa und Mama, und eng bezirkt von Jour und Tennispartei. Kaffee- klatsch und Tanzkränzchen, geruhig dahinfließt, sich nicht hinter Mamas Schürze versteckt hätte, wenn der Krieg leibhaftig ihm be- gegnet wäre, den es so jubelnd begrüßt hat. Als ob der alte «schöps nicht das Zittern bekommen hätte bem, ersten Kanonen- schütz. Das aber ist das Charakteristische für unsere Zeit, jeder muß reden,«Stellung nehmen, eine Meinung haben. Da aber dem Meinunghaben heute.... enge Grenzen gezogen sind bzw. daS Meinunghaben nur in einer bestimmten Richtung sich bewegen darf..... fund da das Schweigen so schwer ist), so erstarrt die Geste, die zu Anfang des Krieges aus achtenswerten Impulsen geboren war, zur Unnatur, zur Schablone. Und diese Schablone wird nun mißbraucht von allen Schreibenden und allen Zeitungen. Alle wollen sie leben und alle wollen sie Geld verdienen. Un- sichtbar doch gefühlt steht auf jeder Zeitung: kauf' mein Blattei, lieber Leser. Zu diesem Zweck mutz dem Leser das Goderl ge- kratzt werden, man kommt ihm entgegen, indem man ihm An- genehmes und Leichtverdauliches vorsetzt, und man engagiert Strobl und Konsorten und läßt von ihnen eine Himbeersauce über Krieg und Kriegsgeschrei, Tod und Sterben, Jammer und Elend fabrizieren. Wie schön ist der Krieg durch ihre Brille gesehen, laßt mich hinaus in diesen gemütlichen Krieg. Wie spaßig ist da ein Gefecht, wie amüsant eine Schlacht, wie kom- fortabel das Kampieren in den Schützengräben, wie angenehm ,st es, verwundet zu werden oder gar zu sterben. Bor- hang fällt und die Toten stehen wieder auf, verneigen sich für den Applaus... Was ich jetzt gesagt habe, ist mein ehrlicher Eindruck von der Lektüre von ungefähr hundert solcher Kriegs- Novellen und Feuilletons, und wenn in hundert Zeitungsblättern dasselbe steht, noch dazu von„Dichtern" unterschrieben, so wird es wohl wahr sein. Die Nachwelt wird unbedingt daran glauben, und das stmple Gemüt tut es schon heute. Was ist diesen Schmierern dieser Krieg: ein Mittel, um Geld zu verdienen und weiter nichts, und die Zeitungen züchten diese Kitschproduktion, indem sie sie drucken. Ich verstehe schön gefärbte Zeitungsberichte über schwere verlustreiche Kämpfe unter dem Gesichtswinkel der Masscnpsychologie und-suggestion, und ich finde sie voll berechtigt, aber die kitschigen Gedichte, Feuilletons und Novellen, von den künftigen Romanen zu schweigen, finde ich verwerflich. Wenn eine Million Gedichte, Novellen, Feuilletons gedruckt werden, die alle auf dieselbe Tonart gestimmt sind, so heißt das den Kitsch als Kunstprinzip ausrufen, ihn als Kunstform und Kunstmittel sanktio- nieren, denn tä'A Proz. der genannten Zahl sind platte Nach- ahmung. und die ewige Wiederkunft gleicher Erscheinungen„unter Die Crweckung öer Maria Carmen. lös Von Ludwig Brinkmann. Ferner hat sich die Frage nach der besten Betriebskraft aufgedrängt. Daß bei der großen Ausdehnung des Stollens, bei einer Entfernung zwischen der Kraftzentrale und den Erzlagern von wenigstens zwei Kilometern nur von elektri- fcheln Betriebe die Rede sein kann, das hatte ja schon bei der allerersten Besprechung in Stadt Mexiko festgestanden. Aber die Frage, wie die elektrische Energie erzeugt werden sollte, war schon schwieriger zu lösen. Kohlen— das erscheint das einfachste. Aber die Tonne guten Materiales kostet an unserem Minenhause infolge des mühseligen Transportes aus Eselrücken annähernd fünfundzwanzig Pesos. Ein un- sagbar teurer Betrieb, wenn auch die erste Anlage rclatip wohlfeil ist. Das Gegebene wäre hier die Wasserkraft. Der Bach in unserem Tale kann aber, wie ich bereits am Tage meiner Ankunft erkannt habe, noch nicht einmal in seinen besten Zeiten genug Energie, etwa hundertundfünfzig Pferdestärken aus zehn Stunden, hergeben, geschweige denn im Sonmier, da er fast ganz�versiegt. Was an Gefälle vorhanden ist. das muß für das Schlämmwerk bleiben. Und in unmittelbarer Nähe der Mine gibt es sonst keine Wasserkraft. Doch da ist der schöne rauschende Maniallspec, der durch unseren Hochwald fließt und der, wie ich mir so oft berechnet habe, fünftausend Pferdestärken dauernd ohne besonders um- fangrciche Staubdecken und Röhreuwerke leisten kann. Natürlich würde die Anlage viel Geld kosten, und ebenso die Ueber- landleitung nach Taviche, die in der Luftlinie annähernd ünfundzwonzig Kilometer von unserem entlegenen Waldtale entfernt ist: aber die Kilowattstunde würde uns auch im ganzen Distrikte recht anständig bezahlt werden. Als ich nun ein ungefähres Projekt machte, kam ich zu nieinem Schrecken an eine Summe von einer Viertelmillion Pesos heran, und ich wagte nach den letzten Erfahrungen mit Powell natürlich nicht, ihm damit näherzutreten. Aber Stuart hat mich gebeten, doch dieses Projekt auszu» arbeiten und, wenn es auch vergeblich sei, es au Powell zu senden, um es bei den Akten zu haben und ihm dereinst be- weisen zu können, sollte er vergeßlich sein, daß wir schon etwas geleistet hätten, wenn uns nur die Gelegenheit dazu gegeben worden wäre und er nicht stets den Daumen auf den Beutel hielte. Da sind nun drei große Pläne, die den dem Strich", der für viele Leute das Gebiet der Kunst begrenzt, bestimmt für sie auch den Begriff der Kunst„über den Krieg". Aber wir leben doch um des Himmels willen nicht bloß für heute, es werden doch noch Zeiten kommen, denen die Kunst wieder mehr am Herzen liegen wird als der unseren, und in deren Interesse sollen Warnungstafeln ausgesteckt werden: genug mit dem Kitsch! Vom Kriege sprechen die Berichte der obersten Heeresleitung. Sie sind einfach vollendet, sie sagen dem Klugen alles und orientieren den Dummen, während jene Kitschiers bloß darauf ausgehen, den Dummen zu belügen. Sie sind der festumrissene Schlachtenbericht, dessen klassische Ausprägung der Schrei des marakhonischen Läufers auf dem Marktplatz zu Athen ist. Das Kunstwerk vom Krieg zu schaffen, überlasse man den Künstlern. Und hier muß strenge gesiebt werden. Das echte Kunstwerk ist immer ein Brevier der Welt. Ton, Wort, Pinselstrich sie sollen ganze Komplexe von Er- innerungen wecken, Erlebtes zum Bewußtsein bringen und Erleben lehren. Das Kunstwerk entsteht aus dem Leben und wirkt auf diese Weise auf das Leben. Immer hat der echte Künstler nach der Erkenntnis des Urphänomens gerungen, den Typus zu fasten gesucht. Goethe.(Die Eutwickelung dieses Gedankens krönt die Möglichkeit, daß zwei Künstler der Idee nach vollständig gleiche Werke schaffen, die die Form bloß voneinander unterscheidet.) So werden die gewaltigen führenden Linien der Begebenheiten zutage treten, befreit vom verhüllenden Ballast des Ueberslüssigen. Die Gesetze der Kunst gleichen volltönenden Glockenklängen. Manchen Leuten wird schwindeln vor ihren großen Schwingungen, sie ziehen das Zierliche dem Gewaltigen vor, Biskuit dem Marmor vor. Sie sagen„hübsch" lieber als„schön".„Schön" läßt sich erschüttert begreifen, nicht kollegial betasten wie„hübsch". � Hübsch und Kitsch ist aber in dem gegebenen Falle identisch. Hier darf man dem Publikum nicht entgegenkommen oder gar nachlaufen und die Kitschfabrikanten unterstützen, denn der Krieg ist keine Gaude, son- dern eine höchst ernste Sache, und als diese mutz er mit jedem Wort über ihn hingestellt werden, will man die sittliche Wandlung durch ihn bewirkt sehen, von der so viel gefaselt wird. Der Künstler wird bloß in großen Linien die Schrecken des Krieges darzustellen vermögen, denn hübsch, wahrhaftig hübsch ist der Krieg nicht. Der Kitschier stellt ihn hin als einen Zustand, der erst so recht die Kultur eines Voltes zur Geltung bringt, als ein an sich existenz- berechtigtes Ereignis, als Hetz. Dann, bitte, könnte mau ja den ewigen Krieg proklamieren, die Militärlieferanteu werden sicherlich nicht nein sagen. Ich aber glaube, daß jeder Krieg an sich ein Verbrechen an der Menschheit ist und daß die Größe der Sittlich- keit eines Volkes sich nur darin zeigt, wie inLenstv es trachtet, den Krieg zu vermeiden beziehungsweise durch ihn hindurch zum Frieden zu gelangen. Die Idee der brüderlichen Vereinthcit im Kampfe um Mensch- lichkeit und Kultur wird genügen, Oesterreichs und Deutschlands Kampf zur heroischen Tat zu stempeln. Laßt deshalb nur getrost die Künstler von der Furchtbarkeit des Krieges spreche», und je furcht- barer ihr Bild sein wird, desto größer werden Deutschland und Oesterreich dastehen, denn sie kämpfen ja für den Frieden. Aber gibt es eine solche Solidarität des Publikums, der Ver- leger und der Redakteure, die Schmierer auszuschalten und den Krieg auch literarisch zur heiligen Sache zu machen? Gibt es gegen diese literarische Cholera keinen Schutz, so dürfen wir dem Nachher mit Grausen entgegensehen. Cm Tagebuch öer Sonne. Die mittlere Temperatur eines Tages hängt im allgemeinen von der Höhe ab, die von der Sonne mittags erklommen wird, d. h. von der Größe des sogenannten Tagebogens, den sie über dem Horizont beschreibt. Im besonderen wirken aber noch zahlreiche andere Ursachen bei der Entstehung der Tagestemperatur mit, und ihr Spiel ist oft ein so verwickeltes, daß es schwer aufzudecken ist. ES kann daher das Thermometer an zwei Tagen, an denen die Sonne an sich ganz dieselbe Wärmestrahlung spendet, doch recht ver- schiedene Weisungen geben. Unter den Ursachen solcher Verschieden- betten gibt es aber eine, die auch dem Laien unmittelbar einleuchtet. Es kommt für die Gestaltung des Wetters offenbar sehr darauf an, ob die Sonne frei herabscheinen kann oder ob ihr Gesicht hinter Wolken versteckt ist. Denn Wolken dämpfen ja die Strahlung, lassen die Luft kühler werden und veranlassen jene Trübung, die bei längerer Dauer so bedrückend auf unsere Stimmung einwirkt. Auch der Wetterkundige wird auf den Wechsel von trüber Witte- rung und Sonnenschein achten müssen. Für ihn ist es durchaus wichtig zu wissen, wann und wie lange die Sonne an den einzelnen Tagen eines Jahres vom klaren Himmel herabgeblickt hat, und wie- Reichtum des Jmparcial begründet hätten und die zum min- desten in die weite Zukunft hinausgeschoben sind: die Eisen- bahn Taviche-Maria Carmen, der Hochwald mit seiner Ans- forstung in der ganzen Ausdehnung des Tales, und das elektrische Wasserkraftwerk mit der Ueberlandleitung nach Taviche. Wir unterbreiteten das alles nochmals, wenn auch, wie gesagt, ohne große Hoffnung, unserem Partner Powell, der uns ruhig erwiderte, daß er diese Pläne wunderbar schön fände und gegen ihre Ausführung nichts einzuwenden hätte, wenn wir nur die Million für die drei Projekte vorschössen. Das war natürlich bittere Ironie, und doch scheint der Mann meinen Brief nicht so ohne weiteres in den Papierkorb gesteckt zu haben. Er schrieb mir durchaus nicht allzu un- liebenswürdig und stellte, was mir besonders auffiel, eine große Reihe von Fragen über die Minen des Distriktes von Taviche, die ein gewisses Verständnis und auch ein lebhaftes Interesse an unseren Zuständen bekundeten. Wasserkraft war also zunächst für unsere kleine Zentrale nicht verfügbar, und wir haben uns schließlich zum Betriebe mit einem Oelmotor entschlossen. Das Petroleum ist an den Quellen des Staats Veracruz wohlseil genug zu haben, und es ist nicht gar so teuer, es bis zur Maria Carmen zu schaffen. Ich berechnete mir, daß die Brenmnaterialkosten des Petra- leummotors ein Drittel der des Dampfbetriebes betragen. Und mit diesem Resultate ergab sich das andere ganz von selbst. Wir waren uns natürlich schon längst darüber klar ge- worden, das Silber nicht in dem von dem uralten Medina er- fundenen unökonomischen Patioprozesse gleich unseren spani- scheu Vorgängern zu gewinnen, sondern uns auf den Verkauf des Erzes in Oaraca, wo sich ein bochinodernes Reduktions- werk befindet, zu beschränken. So bleibt nur die Aufgabe für uns, in zwei Pochwerken die Erze zu zerkleinern, sie nach Größe und Gehalt zu sieben und durch die cschüttelwerke im Bette des Baches zu schlämme!!. Den Rest müssen die Esel besorgen, die in Säcken das Erz nach dem Bahnhofe von Taviche schaffen. Wenn wir nur die eigene Bahn erst hätten! Natürlich werden auch die Pochhämmer, die Siebe und die Schüttelbeckeu elektrisch betrieben werden. Als nun der Umfang des Betriebes in diesen bescheidenen Dimensionen festgelegt war, konnten endlich meine architek- tonischen Arbeiten beginnen, und es trat eine doppelte Aufgabe an mich heran: einmal sollten die vorhandenen Bauten des Mincnhauses möglichst unberührt erhalten bleiben, um mit dem geringsten Aufwände von Arbeit aus dem Alten das Neue entstehen zu lassen, und andererseits wollte ich das ganze Ge- bäude mit dem vorhandenen Materiale von Steinen aus- viel sonnenlose Stunden die Wolken gebracht haben. Denn mit Interesse wird er genauer verfolgen, wieweit Zeiten reicher Wolken- bildung zugleich solche gewesen sind, an denen die Temperatur ver- hältniSmäßig niedrig war. Die betreffende Arbeil scheint überaus einfach zu sein. Denn während zur Bemessung der Temperatur, des Luftdrucks, der Fcuchtig- leit Thermo-, Boro- und Hygrometer nötig sind, bedarf die Unter- suchung, ob die Sonne scheint oder nicht, keiner Apparate und keiner Schulung. Selbst ein Kind könnte für irgendeinen Tag mit Hilfe einer Uhr alle nötigen Aufzeichnungen über die Geschichte des Sonnen- scheins machen. Aber diese Beschäftigung würde die Arbeitskraft eines Menschen doch allzusehr und vielleicht vollständig in Anspruch nehmen. Es ist daher der Wunsch nach einer selbsttätig aufzeichnenden Vor- richtung berechtigt, und somit wird auch hier ein besonderer Apparat notwendig. Das ist der„Sonnenscheinautograph", bei dein die Sonne ge- wissermaßen ihr Tagebuch schreibt. Freilich nicht in bezug auf alles, was sie geleistet und geschaffen hat. Aber sie macht doch gewissen- hafte Eintragungen darüber, ob sie irgendeinen Fleck der Erde zu der und der Stunde mit offenem Gesicht angeschaut oder ob sie einen Schleier vorgebunden hatte. Die ältesten Sonnenscheinautographen bedienten sich eines Brennglases zur Sammlung der Strahlen, und es ist nicht schwer, sich eine solche Einrichtung vorzustellen. Lassen wir Sonnen- licht durch eine konvexe Linse fallen, so entsteht in gehöriger Entfernung, nämlich im Brennpunkt, ein sehr Heller und heißer Fleck. Fängt man diesen auf einem Stück Papier ,auf,� so sammeln sich dort die Strahlen, und wenn das Papier licht- empfindlich, also„photographisch" ist, so entsteht ein dunkler Punkt an der belichteten Stelle. Wandert nun die Sonne auf ihrer scheinbaren Bahn weiter, so muß sich ihre Strahlung auf das Glas natürlich drehen, und sie fällt dann schräger hindurch. Infolgedessen wird auch der Lichtpunkt bei Sonnenschein wandern, und es muß also ein Bogen auf dem Papier aufgezeichnet werden; borausgesetzt natürlich, daß ein genügend großer Streifen angeordnet und die Vorrichtung festgestellt ist. Diese Linie ist aber schon ein einfaches Sonnenscheinautogramm. Denn cS zeigt, daß die Sonne während eines bestimmten Bogens, den sie am Himmel durchlaufen hat, nicht hinter Wolken verborgen gewesen ist. Und wenn sie auch nur vor- übergehend verdunkelt worden wäre, so würde dies genau abgebildet worden sein. Unsere Vorrichtung zeigt jedoch einen verhängnisvollen Mangel. Denn es ist klar, daß die Sonne schon nach einigen Stunden so schräg auf das Brennglas fallen muß, daß keine geordnete Licht- sammlung mehr stattfinden kann, selbst wenn man den empfangenden Streifen noch so weit herumführt. Man sah sich daher genötigt, kunstvolle Uhrwerke anzubringen, die das BrcunglaS der scheinbaren Bewegung der Sonne folgen ließen. Nun konnten allerdings sichere Aufzeichnungen auf einem photographischcn Papierstreifcn erfolgen, der hinter dem Glase fest angeordnet und bogenförmig gekrümmt war, wenn auch das Triebwerk recht umständlich war. Und ein genialer Kopf hat es entbehrlich gemacht. Er erreichte sein Ziel einfach dadurch, daß er statt der Liiffe eine Kugel� anwendete. Diese ist ja auch als Brennglas aufzusaffen, und bei der bekannten Schusterkugel dient sie als solches. Denkt man sich eine konvexe Linse, wie sie als Strahlensammlerin dient, auf das stärkste gewölbt, so weitet sie sich eben zu einer Kugel aus. Diese hat über- dies noch den Vorzug, daß ihre Brennweite sehr kurz ist. Die neueren Sonnenscheinautographen bestehen also im wescnt- lichen aus einer Glaskugel und einer dicht dahinter au- geordneten Schale, in die an jedem Tag ein frischer Streifen lichtempfindlichen Papiers eingelegt wird. Diese Kugel kehrt der Sonne natürlich stets dasselbe Gesicht zu, und da ferner die eingelegten Streifen mit Stundenstrichen versehen sind, so zeichnen sich Sonnenschein und Sonnenbewölkung einfach und sicher auf. Es gibt auch Apparate, bei denen der Sonnenschein für den Verlauf einer ganzen Woche registriert wird. Sie sind freilich anderer Art, und es ist bei ihnen wieder ein Uhrwerk erforderlich. Aber sie arbeiten dafür selbständiger. Und zweiundfünfzig Photo- graphische Blätter nach der Belichtung sotgfältig getont und fixiert, geben dann zusammen ein interessantes Büchlein, das dem Leser genau zeigt, ob ein sonniges oder trübes Jahr hinter ihm liegt. DieDeutfch-Cnglänöer gegen DeutHlanö In der„Franlfurter Zeitung" lesen wir: Dem Beispiel Sir Felix Semons, des berühmten Larhnologen, der neben vielen anderen naturalisierten Deutschen in England, wie führen, das durch die Niederlegung von altem Mauerwcrke gewonnen wird, so daß nur Mörtel zu kaufen und vor allen Dingen herzutransportieren ist. Das machte die Aufgabe be-. sonders verzwickt, aber auch interessant. Natürlich habe ich eine ganze Reihe von elektroiechnischen Firmen zu Angeboten für die verschiedenen nötigen Maschinen aufgefordert, um mir ein Bild von dem Kostenaufwand machen und die Dimensionen für die Fundamente festlegen zu können. An die Bestellungen werden wir indessen erst herantreten. wenn die Bauten beendigt sind. Die Arbeit des Niederreißens hat viel Staub gemacht und' unser schönes Minenhans in seinen interessantesten, ruinen- haften Teilen zerstört, aber das Neue hat zu werden angc- fangen und verrät bereits in seinen Fundamenten die endliche Form des Ganzen. Ich habe schwere Wochen hinter mir und meine Aufzeich- uungeu sind liegen geblieben; so mußte ich mich kurz fassen. * Während die Bauleute draußen Stein auf Stein zu- sammensetzen oder auf dem Hofe ihren Mörtel Mengen— in derselben weiten Pfanne, in der unsere Vorgänger zuletzt vor sechzig Jahren ihre gerösteten Silbererze mit Quecksilber mischten und durch das Eselgespann, das sich rings im Kreise drehte, zusammenrühren ließen—, sitze ich in der Kühle meines Zimmers und lese. � Selbst an Korrespondenz ist zurzeit kaum etwas zu leisten; wir alle arbeiten ruhig weiter; die Gebäude ioachsen nun beinahe von selbst: Stuart wühlt sich nach wie vor unverdrossen in den Berg ein, und Ward notiert sich die aus- gegebenen Gelder, behütet Geldschrank und Küche und murrt, wie trotz der Bescheidenheit unserer Ansprüche doch der uner- sättliche Berg ein Tausend Pesos nach dein anderen verschlingt. Und er hat recht; das rasche Dahinschwinden unseres Kapitals kann auch uns mit Sorgen erfüllen, waren doch nach Ankauf unserer Pertinencias von dem verfügbaren Geldc nur wenig mehr als fünfzigtauseiid Pesos übrig geblieben. Doch ich lese; ich habe mir schon damals, als ich noch in unserem Walde wirkte, Bücher aus Europa kommen lassen; sie sind nun endlich eingetroffen. Es ist nicht viel, etwa ein Dutzend Bände; die müssen nun wieder für ein halbes Jähr vorhalten. Trotzdem gehe ich gar unökonomisch vor; ich falle mit gierigem Heißhunger über sie her und möchte alle am lieb- sten gleichzeitig verschlingen. Aus welcher Entfernung blickt man doch von hier aus auf das gute alte Europa! Wjg lauge scheint die Zeit hinter mir zu liegen, da ich mitten darin lebte, da all mein Wollen und Vorstellen sich darauf allein bezog! Werde ich es jemals wir schon Betichiefcir, scharfe ÄelüunK gegen die Meihobs der deutschen Kriegsuhrung nahm, sind nun weitere naturalisierte Deutsche und zwar Universitätspros es soren gefolgt. Die„Tiines" vom 14. d. M. ist in der Lage, folgendes Schreiben zu veröffentlichen: „Angesichts der jüngsten Ereigniffe wünschen wir öffentlich unsere feste Loyalität gegenüber unserem Adoptivmutterlande auszu- drucken, an das wir uns nicht bloß durch Dankbarkeit, ssamilien- bände und unseren feierlichen Unlertaneneid, sondern auch durch die tiefe Sympathie gebunden sühlen, die der genauen Kenntnis des Lebens der Nation und ihres Charakters entspringt. K. H. Breul. Cambridge University, H. G. Siedler, Oxkorcl University, R. P r i e b s ch, London University, A. W. Schüddekopf, Leeds University, K. W i ch m a n n, Birmingham University." K. H. Breul ist Professor der Germanistik an der Cambridge- Universität, erwarb das Doktorat i» Berlin und studierte in Tübingen, Stratzburg und Paris. Er ist ein bekannter Schillerforscher, zu dessen Werken er verschiedene Kommentare schrieb. Hermann Georg Fiedler ist Professor der Germanistik an der Oxford-Universität. Er ist ein gebürtiger Sachse und stammt aus Zittau. Er machte seine Studien an der Leipziger Universität und kam zuerst als Lektor für deutsche Sprache an die Universität Glasgow. R. Priebsch ist Pro- fessor der Germanistik an der Universität Londoir und ein gebürtiger Reichenberger. Er absolvierte das Gymnasium in Prag und studierte an den Universitäten Leipzig, Prag, Berlin, Straffburg und Graz. Sein Spezialgebiet ist die Erforschung deutscher Handschristen. A. W. Schüddekopf ist Germanist der Universität Leeds und erwarb den Doktorhut an der Universität Göttingen. Wie ferner englische Blätter melden, hat der Lordmayor seine Zustimmung zu dem Empfang in England naturalisierter Oester- reicher gegeben. Die Deputation wird von Ernst Schiff gesührt werden. Darunter werden sich auch der bekannte ungarische Maler Laszlo sowie Dr. Ofenheim, Max Deutsch und N. Pilischer befinden. Sie werden dem Lordmayor ein Memorandum überreichen, in dem sie ihren loyalen Gefühlen, die sie für England und den König von Großbritannien hegen, Aus- druck verleihen. Weiter ist, der„Zeit" zufolge, ein von zahlreichen naturalisierten deutschen und österreichischen Untertanen verfafftez und unterzeichnetes Memoranduni am 8. d. M. im Horns Leoretary zur Ueberreichung an den König übergeben worden. Soweit das Frankfurter Blatt. Diese Deutsch-Engländcr spielen also eine ähnliche Rolle wie der Engländer-Deutsche H. S. C h a m- b e rl ai n, der in Deutschland gegen Errgland schreibt. Theater. Kgl. Schauspielhaus:„Ein treuer Diener se ines Herrn." Trauerspiel von Franz Grillparzer. Von dem eigenartigen Reize der Grillparzerschen Persönlichkeit, der in den Griechcndramen in„De? Meeres und der Liebe Wellen". in„Sappho" und in„Medea" am hellsten leuchtet, spürt man in diesem selten aufgeführten Ritterstück nur hier und da in einigen Szenen einen Hauch. Im übrigen herrscht der herkömmliche Apparat des Genres, der seit jeher mit Mord und Totschlag, krassen Leiden- schaften und abenteuerlichen Verwicklungen auftrumpft. Das Lärmen einer theatralisch lauten Handlung verschlingt die wenigen intimen Wendungen, in denen der Poet zu Wort kommt. So fehlt die innere Anteilnahme, obwohl die Grundidee, aus den feudalen Verschnörkelungen, mit denen sie im Stücke � auftritt, herausgelöst, nicht ohne Interesse und Bedeutung ist._ Was Grillparzer hier vorschwebt als Ziel, ist die verherrlichende Darstellung eines Charakters, der in einer Zeit des Faustrechts, aus Achtung vor dem Gesetz, zu dessen Hüter er bestellt war, � schwerstes Unrecht ohne Gegenwehr erduldet, lieber leidet, als daß er selber in noch so gerechter Rache zum Friedensbrecher würde. Die Vasallen- treue, auf die der Titel deutet, ist nicht das Hauptmotiv, nur ein den Willen BankbanS, von dieser Bahn nicht abzuweichen, bestärkendes Moment, das in der Zeitstimmung des Rittertums verankert, jener Gesinnung, die in ihrer abstrakten Reinheit im Rahmen des gegebenen Milieus allzu fremdartig erscheinen müßte, konkretere historische Färbung geben soll. Als ein Vasall, dem sein König beim AuSzuge ins Feld den Schwur abnahm, an seiner Statt daheim des Friedens treu zu walten, fühltBankbansich zu solchemduldendenVerhalten auch da verbunden, wo menschliche Empörung ihn sonst mit fortgerissen hätte. Vortrefflich ist die Szene, in der der Alte, unermüdlich in seinem Amte tätig, den milden Bruder abweist, der ihm berichtet, daß der Königin Bruder, der herzogliche Wüstling, beim Feste BankbanS Gemahlin mit Anträgen verfolge, und die Aussprache der Gatten. Krauffneck brachte die überlegen milde Würde, das hochherzige Vertrauen des ergrauten Mannes zu seinem jungen Weibe, das in freier Neigung den Ehebund geschlossen, in schlicht er- greifender Natürlichkeit heraus. Obwohl gewarnt, denkt er nicht daran, nachzuforschen. Und als fie, verwirrt, voll Scham, daß sich beim heißen Werben des Verhaßten des Blutes Stimme leise in ihr regte, zum Gatten flüchtet, durch ein offenes Geständnis das Herz zu reinigen, da spendet er in Väter- lichen Worten ihr warmen Trost, führt sie zu klarer Zuversicht. Indes nach dem zarten, innigen Auftakt, in dem der unermeßlich weite Abstand zwischen Bankbans Denkart und dem landläufig ritterlichen Ehrbegriff sich offenbarte, setzt gleich der Trubel wirrer, waffenklirrender Gewattsamkeilcn ein. Der Herzog, zugleich ein ivenig als moderner von der Enträtselung der Weib-Sphinx fabelnder Schürzenjäger aufdrapiert, ist durch die Verachtung Ermis in seiner Eitelkeit so schwer gekränkt, daß er zunächst in eine Fieberkrankheit fällt, sodann mit Hilfe seiner Schwester, der Königin, die Schöne in sein Zimmer lockt und, da sie fest bleibt, sie von seinen Kriegern ins Burgverlies schleppen lassen will. Die verfolgte Unschuld er- sticht sich, und auf den Herzog und die Königin fällt der Verdacht des Mordes. Auf so verzwickte Voraussetzungen baut Grillparzer den Konflikt. Bankbans Bruder und Sippe verlangen blutige Rache. Und er. als Mahner der Gesetzlichkell, muß nun, so hat der Dichter eS er- klügelt, der Schützer derer werden, deren Niedertracht ihn um sein Liebstes brachte. Erst der König darf Richter in der Sache sein. Während die Seinigen die Burg, in der der Herzog sich verborgen, bestürmen, erscheint er dort, um auf geheimem Pfad die Königin und ihr Kind zu retten, und wehrt dem Mörder nickt, der ihm angst- zitternd auf der Flucht folgt. Das Schlußbild ist eine Apotheose der Barmherzigkeit. Von dem heimgekehrten Könige erbittet Bankban, selbst zuerst des Aufruhrs verdächtig, Verzeihung für die Rebellen. Er vergibt dem Herzoge. In der Verbannung mag er fucken, durch Sinnesänderung den ungeheuren Frevel, der ihn be- fleckt, zu sühnen. Der ausgezeichneten Darstellung der Hauptperson durch Krauffneck stand S o m m e r s t o r f f S König, eine fest in sich geschlossene berrisch-kraftvolle Gestalt, ebenbürtig zur Seite. Weniger lebendig wirkte nach meinen, Empfinden die-mal Fräulein Th i m i g, die die junge Gattin spielte. Die anderen größeren Rollen lagen in Händen des Fräulein S ch ö n f e l d und der Herren Lukas, Leffler, Ledebur. Der Beifall blieb karg. dt. kleines Feuilleton. Schmerzlose Geburten. Seit einer Reihe von Jahren sind Chemiker und Chirurgen eifrig mit der Erfindung eines Mittels beschäftigt, das die schmerz- haften Wehen bei der Geburt beseitigen soll. Diese Versuche scheinen jetzt von Erfolg gekrönt worden zu sein. Amerikanische Fachzeit- schriften bringen spaltenlange Artikel über das neue Mittel des be- kannten französischen Chemikers Georges Paulin. dessen Erfindung ihm nunmehr nach langjährigen Versuchen angeblich geglückt ist. ES wird danach in Zukunft möglich sein, der Mutter bei dem GeburtSakt bedeutende körperliche Erleichterungen und seelische Beruhigung zu verschaffen. Die Betäubungsmittel, die man bis jetzt in diesen Fällen angewandt hat, wie Chloroform, Aether und Morphium, sind insofern schädlich, als sie den GeburtSakt verlängern, indem sie zwar eine Linderung der Schmerzen herbeiführen, aber die motorischen Nerven, durch deren Mitwirkung die Geburt zustande kommt, bewegungsunfähig zu machen. Dagegen wirkt PaulinS Mittel auf die Gefühlsnerven, ohne die Bewegungsnerven in ihrer Arbeit zu stören. Der französische Chemiker hat bei seinen Ver- suchen ein giftfreies Morphium angewandt, das sogenannte„Morphine desintoxiguee". Mit diesem gistfreien Betäubungsmittel Haben Paulin und sein Mitarbeiter Dr. Pierre Laurent Versuche an Tieren angestellt, die vollkommen zufriedenstellend verlausen sind. Der bekannte Frauenarzt Professor Ribemont-Deffaigne am Beaujon- Krankenhaus in Paris hat jetzt sogar eine junge Frau, die sich frei- willig dazu anbot, mit diesem neuen Morphium behandelt, und die Wirkung hat alle Erwartungen übertroffen. Während der Geburt sah die Mutter mit frohen Augen die Aerzte und die Kranken- Pflegerinnen an, und sie fiel nur gelegentlich in einen leichten Halb- schlummer. Dabei lächelte sie, wie bei einem angenehmen Traum, und man konnte sie leicht wieder in? volle Bewußlsein zurückrufen. Das Gerücht von dem glücklichen Verlauf dieser Geburt verbreitete sich bald und innerhalb wenigen Wochen konnte Professor Ribemont- Dessaigne nicht weniger als 112 VabicS zum Lebeil verhelfeil, ohne daß die Mütter dabei zu leiden hatten. Auch bei den Kindern ließ das Mittel keine üblen Folgen zurück. Vielleicht wird jetzt die Geburtenziffer ein wenig steigen. Der Hauptgrund ihres Sinkens liegt ja freilich auf anderem Gebiete. Zur verwenöung ües Süßholzes. Wegen seines angenehn, stark süßeil Geschmacks ist das Süßholz vornehmlich bei Kindern als Genußmittel beliebt. Sonst findet es noch in der Medizin bei der Herstellung von lösenden Mixturen Verwendung. Auch als geschmacksverbessernder Zusatz zu schlecht- schmeckenden Arzneien wird es nicht selten hinzugefügt. Das Süß- holz ist schon seit prähistorischen Zeiten deiit Menschen bekannt und mehr als 2>/s Jahrtausende ist der Gebrauch dieser Droge nach- weisbar. Unter ihren Bestandteilen treten besonder? vier süß- schmeckende hervor, nämlich drei Zuckerstoffe: Mannit, Rohrzucker und Traubenzucker, und als vierter Süßstoff das Glykorrhizin, das kein Zucker ist. Seiner chemischen Zugehörigkeit nach ist das Glykorrhizin, wie der Rostocker Pharmakologe Prof. Kobert gezeigt hat, ein sog. Saponin. d. h. ein Körper, der, mit Wasser ver- mischt, wie Seife zu schäumen beginnt. Derartige Saponine sind in der Pflanzenwelt recht häufig. Prof. Kobert regt nun an, diese wert- volle Droge in der Industrie und im Haushalte stärker zu ge- brauchen, wie dies schon in anderen Ländern üblich ist. üw werden die ruffischen Marmeladen, die vollmundiger und wohlschmeckender sind als die deutschen, mit Süßholzzusatz versehen. Es ist sehr wohl denkbar, daß der sehr volle Geschmack der russischen Marmeladen von dem Glykorrhizin des Süßholzes herrührt. Auch das englische Porterbier sdoiihle stout, brown stout) ist ein Welthandelsartikel, dem das deutsche Präparat an Wohlgeschmack nicht gleichkommt, da ebenfalls bei dem englischen Fabrikat Süßholziaft zugesetzt wird, der aus dem Kaukasus stammt. Weiter wird auch der amerikanische Kautabak, das beliebteste Geimßmiltel der Seefahrer, mit Süßholz vermischt. Ganz große Mengen im Werte von sieben Millionen Mark jährlich dienen diesem Zloeckc. «schließlich erinnert der Forscher an ein in ganz �Ldfraiilreich er- hältlicheS Pulver, Coco. das auch aus mit AniSöl parfümiertem Süßholz besteht. Es liefert, mit Wasser versetzt, ein wohlschmeckcn- des, durststillendes Getränk. Schließlich könnte man in chemischen Fabriken das Glykorrhizin rein herstellen und in den Handel bringen. Es schmeckt noch bei 20 000 fachet Verdünnung nachhaltig süß und wäre geeignet, als Zusatz zu Marinelade und Fruchtsästen und als Veisüßung-mittel der Speisen für Zuckerkranke und Fetlsüchtige statt des wenig angenehm schmeckenden Saccharins wertvolle Dienste zu leisten._ Todesursachen. Die häufigste Todesursache bei Säuglingen ist bekamttlich der Magendarinkatarrh oder Brechdurchsall. Bei den Kindern vom 1.— 15. Lebensjahr war in den Jahren 1900—1010 25 Proz. eine ansteckende Krankheit: Diphtherie. Scharlach, Masern oder Keuchhusten die Todesursache; die Zahl der Tnberkulosentodessälle hat von Jahr zu Jahr stetig abgenommen. Etwa der dritte Teil der Todesfälle war durch eine Krankheit der Atmungs- oder Verdauungsorgane verursacht. Das Leben der Kinder in diesem Alter wird am meisten durch eine Lungenentzündung bedroht. Im Lebensalter von 15—20 Jahren war die weitans bedeutsamste Todesursache die Tuberkulose, nainentlich die Lungentuberkulose und zwar für die weiblichen Persoueu nicht unerheblich mehr als für männ- liche. Von je 1000 in diesem Alter gestorbenen Personen starben an Lungentuberkulose 375 Männer, aber 439 Frauen. Eine große Bedeutung als Todesursache haben in diesem Lebensalter, nament« lich bei männlichen Personen, die Verletzungen und die gewaltsam herbeigeführten Todesfälle. Die Tuberkulose ist auch in der Altersklasse von 30— 60 Jahren die weitaus bedeutsamste Todesursache. In zweiter Reihe woran Lungenentzündungen nebst anderen Krankheiten der Atmungsorgane, in dritter Reihe Krankheiten der Kreislaufsorgane die häufigste Todes- Ursache in dieser Altersklasse, letztere bei Frauen mehr als bei Männern. KrebS und andere Neubildungen führten bei fast dem ganzen letzten Teil, bei Frauen sogar bei fast 15 Proz. zum Tod. Dann war eine häusige Todesursache der Gehirnschlag. Verletzungen durch Verunglückungeit sowie Selbstmord spielen auch bei dieser Altersklasse eine große: Rolle. Was die Sterblichkeit der über 60 Jahre alten Personen anlangt, so sind nach den vorliegenden Ausweisen 30,3 Proz. aller Männer mtd 36 Proz. aller Frauen an Altersschwäche gestorben. �Bei den Erwachsenen hat int Vergleich mit früheren Jahren die Sterblichkeit an Tuberkulose und Typhus abgenommen. Zugenommen haben dagegen die Todesfälle an Blind- darmentzündung, Krebs und Selbstmord. Notize«. — Thegterchrvtlil. Die für Dienstag, den 1. Juni, im Lu st spielhaus angesetzt gewesene Erstaufführung des Schwankes „H e r r s ch a f t l i ch e r D i c n e r wird gesucht" ist verschoben ivorden. Die ausgegebenett Billetts verlieren ihre Gültigkeit und werden durch neue Eintrittskarten ersetzt. — Verbot der„Versunkenen Glocke". Die Sonntags- aufführung der„Versunkenen Glocke" von Gerhart Hauptmann im Höllischen Freilicht-Theater wurde eine halbe Stunde vor Beginn polizeilich verhindert mit der Begründung, ein feind- licher Ausländer nähme als Darsteller daran teil. BeinerkenSwert ist, daß der betreffende Schauspieler seit mehr als 25 Jahren in Deutschland als deutscher Schauspieler wirkt und als Mitglied deK Stadttheaters Halle a. S. dort in der vergangenen Spielzeit großen Rollen unbehelligt vom Publikum, von der Presse und von den Behörden aufgetreten ist, trotzdem jedermann seine Staatsangehörigkeit kannte. Auch im Freilicht-Theater hatte er bereits dreimal den Nickelmaun verkörpert. Geschädigt werden durch die Maßnahme nur die Mitglieder des Freilicht-TheaterS. das in wirt- schaftlicher Hinsicht ein Akt sozialer Selbsthilfe der Künstler ist. wiedersehen? Mit jedem Tage wachse ich in diesem steinigen Boden fester, so daß ich nicht weiß, ob es mir jemals gelingen wird, mich wiederum von hier loszureißen. Und wenn ich mir doch vorstelle, daß ich zurückkehre, so fürchte ich fast, ich würde mich vor Heimweh verzehren, vor Heimweh nach dem dickwandigen Minenhause, nach dem Berge der Maria Carmen, nach dem Tale von Oaxaca. �..f Die schöne Zeit der Muße ist vorbei. Für die Dachkon- struktionen ist eine Ladung eiserner Träger eingetroffen, und damit wissen meine mexikanischen Bauleute nichts anzufangen. Für jeden Handgriff muß ich Anweisungen geben, den ganzen Tag in glühendem Soimenbrande dabeistehen; ich habe es jetzt lvohrlich schwerer als meine Handlanger. Sonst stand ich ihnen immer etwas unmännlich gegenüber; von Stuarts Herrcnnatnr ist mir, der ich in Europas sozialistischen Ideen groß geworden, nicht viel zu eigen; es ist mir immer ein eigenes Gefühl gewesen, andere für mich arbeiten zu sehen. Des einen höhere Lebenslage wird doch allenthalben nur durch die Inn so bescheidenere ökonomische Stellung des anderen er- kauft. Ein gar grausames Naturgesetz; hierzulande wird es besonders deutlich; die europäischen Rassen sind seit Jahr- Hunderten in dieses reiche Land eingebrochen, erst die Spanier, die mit Pulver und Blei die eingeborenen Nationen unter- warfen, und dann die Angelsachsen, die nicht durch das grobe Geschütz der Gefährten und Nachfolger des großen Cortez herrschen, sondern durch die feinere, aber schließlich noch mäch- tigere Waffe des Kapitals; sie alle wollen aber dasselbe: reich werden, indem sie die unterjochten Völker für sich arbeiten lassen. Man darf solche Gedankengänge nicht zu fein ausspinnen, wenn man etwas in dieser Welt erreichen will. Fast ist es mir, als ob es hier nur zwei Alternativen gäbe: entweder sich über alles Moralische kühn erheben und ein W c r k zu wollen, oder das Sittengesetz zu ehren und— nichts zu erreichen. Des einen Lust ist des anderen Leid, und man gemeßt nur, wenn andere für uns die Mittel dazu schaffen; unmoralisch, im höchsten Grade unsittlich ist es jedoch, um eines kleinen Genusses willen großes Leid auf die anderen zu häufen. Aber tun wir das nicht alle? Für die faden Ergötzungen einer einzigen Nacht, für Tinge, die, solange sie ungenofsen sind, ein Vergnügen erscheinen, hinterher uns aber init Kopfweh, Haß und Ekel erfüllen, vergeuden wir oft das, was ein armer Mann, ein Handarbeiter in Monaten durch bittere Mühsal geschaffen, verwüsten die Differenz zwischen seinem Lohne, der ihn nur am Leben erhielt, und dein tatsächlichen Werte seiner Arbeit. Solche Gedanken nahmen mir oft den Mut zur Fortarbeit, selbst zum Genüsse meiner Muße. Nun aber liegen die Verhältnisse anders: ich leiste etwas, Ibas keiner von all denen, die um mich herum sind, zu leisten vermag. Ich glaube, selbst meine Arbcitsleute erkennen das an, und vielleicht sind sie ganz int Gegensatz zu dem gewöhnlichen Handarbeiter, der Geistesarbeit für eine höhere Forin von Amüsement ansieht, davon überzeugt, daß ich härter arbeite als sie selbst. Ich fühle mich nun ganz gleich init meinen Gesellen. Wir arbeiten hier für ein Höheres; da verschwinden alle die feinen Unterschiede. Und welches ist das höhere Prinzip? Mein und meiner Freunde Rcichwerden? Das ist das Letzte, das UngeMsseste; sicher ist nur eines: daß die Maria Carmen nach sechzigjährigem Todesschlafe erweckt werden imd auferstehen wird; mit dem ihren wird tausendfältiges neues Leben wach; unser wüstes Tal wird sich bevölkern; die Eisen- bahn wird dieses Land öffnen, unser Hochwald wird sich im Gebirge erheben, ans dem rauschenden Bache in der stillen Einöde der Felsen wird sich ein mächtiger elektrischer Strom nach Taviche ergießen. Es ist doch der Mühe wert, um solchen Preis zu arbeiten!— ♦ Nun fangen wir an, nicht nur der temperamentvolle Stuart und ich selbst, sondern auch der stille und gemessene Ward, in hellem Zorne gegen Powell zu entflammen. Das Haus ist fertig, das Dach gesiigt, Fenster und Türen sind eingebaut, alles steht bereit, um die Maschinen aufzunehmen — und Powell weigert sich, seine Zustiininung zu deren Am kaufe zu geben. Immer die alte Begründung: erst will er Gewißheit haben, daß wir wirklich auf abbauwürdiges Erz stoßen, erst will er die Proben sehen, und dann kann an- gesckafft werden. Wir machen ihn darauf aufmerksam, daß mindestens sechs Monate verloren gehen, wenn wir auf Erz stoßen und nichtstuend auf die Einrichtung des maschinellen Betriebes zu warten haben; er erwidert, das sei zwar nicht gerade angenehm, aber es sei die größere Sicherheit wohl wert; wir wenden ein, daß wir dann alle drei, die wir doch so gerne vorwärts wollen, zu einem halben Jahre elendester UnProduktivität verurteilt würden, worauf e r wieder, daß das unsere Sache sei; wir wären viel zu viele tätige Teilhaber — eine Spitze gegen mich persönlich—, so daß eben teilweise Untätigkeit des einzelnen die Folge sei. Es ist eine jämmerliche Polemik, aber nichts daran zu ändern; er hat sich ja, wie er es nannte, das Recht der Minori- tat gewahrt. Wer hätte es aber damals ahnen können, daß er diesen guten Rechtes so böse walten würde, um damit den ganzen Betrieb zum Stillstand zu zwingen. Wie heftig zankt Powell auch über den Hansbau! Wir hatten ihm natürlich nichts davon gesagt, indem wir die gesamten Ausgaben für Maurerarbeiten, Kalklieferungcn, Eisen- ankaufe usw. ein wenig jesuitisch als unabhängige Posten betrachteten, die einzeln wohl unter der ihm reservierten Grenze blieben, in der Gesamtheit aber natürlich viel mehr ausmachten. Ach, der Mann hat kein Gefühl dafür, was wir hier wollen, leisten! Er sollte sich den neuen Gebändekomplex ansehen, der fast organisch wie eine notwendige Weiterbildung ans dem alten herausgewachsen ist. Wir sind alle drei so stolz ans das Haus; die Verbindung von Altem und Neuem, durch das Zweckmäßige zur Harmonie gebracht, befriedigt ungewollt auch das ästhetische Bedürfnis. Es ist vielleicht ein wenig Autoreneitelkeit dabei � aber ich besehe mir immer wieder mein Werk von allen Seiten, vom unteren, vom oberen Tale, von den Abhängen der Berge. Ein vollkommenes Bild; nur fehlen die schönen, mächtigen Eichenbäume, die hierzulande jedes stolze Bauwerk mit ihrem satten Grün umrahmen. Innige Dankbarkeit beseelt mich dabei auch meinen kasti- lianischen Vorgängern gegenüber; sie haben mich eines gelehrt, das uns Ingenieuren so arge Schwierigkeiten bereitet, nämlich technische Schöpfungen nicht in die Umgebung hinein zu kleben, sondern hinein zu pflanzen. So ist unser Minenhaus kein amerikanisches Jndustrieprodukt, das in der südmexikanischeit Wüste rasch aufgestellt witrde, sondern ein mächtiges Steingefüge, das sich trotzig und ebenbürtig zwi- scheu den erhabenen Felswänden des Tales erhebt. Ohne vieles Theoretisiereit wußten die Spanier instinktiv das Ricks- tige zu treffen, und uns war es leicht gewesen, auf diesem Grunde das Neue nach unseren Bedürfnissen richtig weiterzubilden. Es�st gelungen— aber Undank ist unser Lohn. Lassen wir Powell! Wenn die Moria Carmen erst Silber ans ihrem Schöße gibt, wenn wir erst verdiene», wenn vor allen Dingen mehr Kapital erhoben werden muß und damit neue Teilhaber eintreten, dann ist es mit seinem allzu starken Rechte der Minorität vorbei. _(Forts, folgt.) verantwortlicher Redakteur: Alfred Wiclepp, Neukölln. Für de- Inseratenteil verantw.: TY. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag:Borwär»Buchdruckerej u, Verlagsanstalt Pauk Singer& Co, Berlin SW.