Nr. 182.- 1915. Unterhaltungsblatt ües vorwärts Mittwoch, 9. Jum. Die Zabrik in öer Zeuerzone. Ueberall im Innern des Reichs herrscht eine fieberhafte und oufopfcrndc Tätigkeit jur Herstellung und Lieferung der Bedarfsartikel für Heer. Marine und Bevölkerung, so schreibt E. F. in der„Franks. Ztg.". Die meisten werden wohl annehmen, daß hier im Operationsgebiet und in der Feuerlinie die industriellen Betriebe völlig stilliegen; sie machen sich keine Vorstellung, mit welchen Schwierigkeiten wir zu kämpfen haben, um unsere Fabrik— eine Spinnerei und Weberei— mit noch ungefähr 4 0(I A r b c i t e r n so dicht am Feinde im Gange zu halten. Bei Kriegsausbruch konnte es sich für uns nicht— wie für viele Betriebe im Innern des Reichs— in erster Linie darum bandeln, Lieferungen aufzunehmen und uns einen entsprechenden Gewinn zu sichern, sondern es trat an uns sofort die Pflicht heran, ohne Rücksicht auf einen sicheren Absatz der Waren unseren bisherigen Arbeitern die Möglichkeit zum Verdienst ihres Lebens- Unterhalts zu wahren. Obwohl diele von ihnen der Landwirt- schaft treibenden Bevölkerung angehören, war dieser Verdienst doch ein dringendes Bedürfnis, tveil fast im ganzen Gebiete der lannd- wirtschaftliche Betrieb unterbunden und ein groher Teil der Ernte verloren war. Tie Ortschaften liegen kaum ein bis zwei Kilo- inetcr hinter den Schützengräben, zum Teil vor und zwischen den feuernde» Artilleriestellungen. Im August wurde die Feldarbeit zweimal durch die vorübergehende Besetzung der Gegend durch die Franzosen unterbrochen, jedesmal eine Woche lang. Be- schädigungen von Gebäuden waren glücklicherweise nur in den- jenigen Ortschaften entstanden, die im eigentlichen Gefechtsbereich lagen. Im übrigen wurden vom Feinde die Verkehrsanlagen wie Bahnkörper, Telephon und Telegraphen stark beschädigt oder ganz zerstört. Daraus entstand für uns die Hauptschwierigkeit. Die nächste noch an den Verkehr angeschlossene Bahnstation war 15 Kilometer, und M_____ das für die geschäftlichen Beziehungen in Frage kam, 24 Kilometer entfernt. Die Postvcrbindung war in den ersten Monaten auf Wochen unterbrochen, später aus lange Zeit hin gefährdet und sehr unregelmäßig. Anfangs bestand wenig Hoffnung auf die Aufrechterhaltung des Betriebes, Erst allmählich konnten wir uns orientieren und mit der Kundschaft wieder Fühlung gewinnen; das erforderte manche langwierige, beschwerliche Reise. Die größte, fast unüber- windliche Schwierigkeit lag aber in der Beschaffung der R o h-st o f f e, die anfangs nicht zugebracht werden konnten. Han- dclte es sich doch um einen täglichen Bedarf von 12 000 bis 14 000 Kilogramm Kohlen und Baumwolle. Alle in Betracht kommenden Zufahrtsstraßen lagen im Feuerbereich der feindlichen Artillerie und Infanterie, und mindestens sechs Doppelgespanne sollten tag- lich gefahren werden. Da fanden sich in den Dörfern mutige Bauern, die mit ihren Ochscntoagcn den gefährlichen Transport übernahmen. Es gehörte mehr dazu, als nur Aussicht aus guten Vcrlicnst, die Leute fühlten sich verpflichtet, das Ihrige beizutragen, damit die Dorfgenosscn bald wieder ihren Lebensunterhalt ver- dienen könnten. Mit einer Ladung waren sie oft 16 Stunden unterwegs, bei schlechtem Winterwetter, bei Tag und bei Nacht, da sie oft Feuerpausen abwarten mutzten, um über die gefähr- lichsten Teile der Straße zu gelangen. Meistens fuhren sie unter dem Feuerbogen der Granaten hin, die mit Heulen und Zischen über das Tal hinflogen; zuweilen wurden sie auch von Schrapnell- und Infantcriefcuer� überrascht, so daß sie die Gc- spanne auf gut� Glück ihrem Schicksal überlassen und in den Straßengräben Schutz und Deckung suchen mußten. Die Wagen zeigen manche Spuren von Geschossen und etliche haben durch- schössen« Radspeichen aufzuweisen. Des Nachts wurden sie mit- unter von den Scheinwerfern entdeckt uird festgelegt; sie entkamen dann wohl nur deshalb unbcschosten, weil sie als harmlose Bauern- gespannc erkannt wurden. Die Gefahr war noch größer, so lange die in nächster Nähe mit der Straße parallel laufende Bahnstrecke von Panzerzügen befahren und vom Feinde fortgesetzt unter Feuer gehalten wurde. Monatelang haben diese Männer unter solchen Verhältnissen ihren schweren Dienst fast täglich versehen und unter steter Lebensgefahr eine freiwillig übernommene Pflicht erfüllt. Nun die Arbeiter selbst! Zumeist sind eS Frauen, Mädchen und Jungen. AuS den direkt hinter den Schützengräben liegende» Ortschaften kommen sie täglich auf denselben gcfäho. lichen Straßen zur Arbeit. Oft legen sie laufend die eine halbe Stunde bis eine Stunde langen Wege zurück, von Zeit zu Zeit in den Straßengräben Deckung suchend. Geschützdonner und ein- schlagende Granaten werden kaum mehr beachtet, vor Schrapnell- und Jnfanteriefeuer mutz aber manches Mal geflüchtet werden. Die Äufrechterhaltung des Betriebes war uns oft schon für den näckssten Tag als unmöglich erschienen, wenn die Nacht mit dem Getöse von Artillerie- und Jnfanteriefeuer erfüllt war; doch am Morgen standen unsere braven Leute wieder alle bei ihren Ria schinen. Wenn dann noch während der Arbeit aus der Richtung ihrer Heimatdörfer der Donner der Geschütze und der Knall ein schlagender Granaten vernommen wurde, beschlich sie oft ein Ge fühl der Ungewißheit, ob nicht Eigentum und Familie gefährdet seien. Wieder andere Tage heulen ununterbrochen die Granaten Über die Fabrik hinweg, oft blitzten in nächster Nähe die Geschütze unserer Artillerie auf, ujill dann bangt uns um die Sicherheit unserer Leute bei dem Gedanken, daß die antwortende feindliche Artillerie ihre Geschosse in die Arbeitsräume senden könnte; doch trotz bedenklicher Nähe von Einschlägen blieben die Gebäude bis her verschont. Unentwegt wird die Arbeit fortgesetzt, an eine solche Ausdauer bei Frauen und Jugendlichen hätten wir nie zu glauben gewagt. Die feindlichen Flieger wurden anfangs mit Neugierde und Interesse beobachtet und deren Beschießung mit Schrapnellen, die ihre bekannten schönen Wölkchen am Himmel aufsteigen lassen, als Schauspiel betrachtet; täglich kreisten die Flugzeuge über uns oder durchquerten auf ihren Streifzügen unser Tal. Kaum erhob man zu- letzt noch die Blicke, wenn das surrende Geräusch ihr Nahen meldete. Aber es sollte anders kommen. Eines Morgens, als die Leute eben ruhig zur Arbeit gingen, lösten sich plötzlich im blaue» Frühlings- Himmel zwei glänzende Körper von den Flugzeugen los: ein Sausen, Zischen und ein betäubender Knall zweier Bomben, die nur wenige Meter von der Fabrik, in nächster Nähe vorübcreilender Arbeiter, explodierten. Wunderbarcrwcise nur abgeschlagene Bäume, aufgewühltes Erdreich, lange strahlenförmige Spuren im Grase, aber keine einzige Verletzung von Personen! Das eine Flugzeug ereilte dabei sein Schicksal: über uns wurde es von einem deutschen Kampfflugzeuge angegriffen, der Führer durch Ma- schinengewehrscuer tödlich in Kopf und Brust getroffen, und aus 2000 Meter Höhe sauste der Apparat mit seinen Insassen senkrecht in die Tiefe; 200 Meter von uns entfernt lag ein unförmiger Trümmerhaufen, darin vergraben die beiden zerschmetterten In- fassen. So haben wir nun seit Monaten unter den schwierigsten und aufregendsten Ereignissen die Arbeit durchzusetzen und auch unser Teil zur Erfüllung der großen Ausgaben beizutragen vermocht. In letzter Zeit haben sich die Zustände infolge der größeren Sicher- heit hinter den festungsartig ausgebauten Stellungen und infolge ihrer wachsamen und tapferen Verteidigung bedeutend gebessert. Die Zufuhr ist durch eine neue Bahnverbindung erleichtert. In der Be- völkerung hat sich die Zuversicht gehoben. Obwohl von Ueberfluß in einer solchen seit Monaten so schwer belasteten Gegend keine Rede sein kann, sind doch als Folge dieser fortgesetzten Arbeit gc- sunde und erträgliche Lebensbedingungen und die Ordnung erhal- ten geblieben. Die Truppen haben ihrerseits bei der Bevölkerung infolgedessen eine Aufnahme finden können, die ihnen den schweren, ausreibenden Wachdienst in den Schützengräben erleichtern hilft. Sie haben die Ueberzeugung gewinnen können, daß nicht nur das Grenzgebiet selbst, sondern auch seine wackere Bevölkerung die großen Opfer der Verteidigung wert ist. Die Psychologie öes Krieges. Ein Nordschleslviger schreibt, wie„Nationaltidende" berichtet, von der Front in Flandern aus in einem Feldpostbrief an die Zeitschrift..Hejmdal": Die Seelenzustände erleiden im Felde bedeutungsvolle Ver- schiebungcu. Der Wirkungskreis gibt uns daS Gepräge. Schon der eine Umstand, daß wir ein vollkommenes Männerdasein führen, daß wir von Haus, Heini und Arbeit gerissen sind und die Gesell- schaft von Frauen und Kindern fast vollkommen entbehren müssen. Wir sind nicht mehr Bürger und Familienväter, sondern Krieger. Welche Wohltat ist eS, nach bevölkerten Gegenden zu kommen und Kinder am Wege spielen zu sehen. Ja, als ich gestern eine Sau mit ihrem Wurf junger Ferkel sah, die wir gefangen nahmen, ergriff es mir das Herz. Es war eine Art Erlebnis, eine Mutter zu sehen, und tvar es auch nur eine Sau. Und dann die Um- gebung und die Tätigkeit! Wohin man kommt, Ruinen von menschlichen Wohnungen, das ewige Brummen und Knallen in der Luft, der ständige Anblick von Toten und Verwundete», all das prägt sich dem Bewußtsein als das Gegebene ein, als die natür- lichsten Dinge von der Welt, und der Niederschlag ist eine Stumpf- heit der Seele. Wir müssen hier die Begriffe mancher Dinge revidieren. Am gründlichsten ist wohl der Unterschied in der Auffassung von jeder Gefahr. Ich muß wirklich lächeln bei dem Gedanken an all die Gefahren, die des Bürgers Leben und Gesundheit bedrohen. Ver- dirb dir nicht den Magen, erkälte dich nicht!... Wie gefährlich ist es im bürgerlichen Leben, sich auf die Erde zu setzen oder zu legen! Das darf man erst im Hochsommer tun, wenn die Sonne die Erde durchwärmt hat, sonst riskiert man einen Schnupfen, eine Influenza oder eine Lungenentzündung. Schon in der Garnison fiel es mir zuweilen auf, daß man- eine halbe Stunde in Frost und Schnee auf dem Bauch liegen konnte, ohne sich auch nur im geringsten zu erkälten. Und hier liegen wir oft ganze Tage in feuchten Erdhöhlen; wenn man an der einen Seite friert, dreht man sich auf die andere um. Nasse Füße gehören auch zur Tages- ordnung, und trotzdem ist der Gesundheitszustand vorzüglich. Es gibt allerdings Leute, die behaupten, die Strafe für die Ueber- tretung der Gesundheitsmaßrcgeln komme hinterher in Form von Gicht, wenn wir erst wieder daheim in unserem Bette liegen. Mög- lich, aber auf die Schmerzen, die meiner vielleicht unter den heimischen Federn lauern, verschwende ich keinen Gedanken. Jeder Tag hat seine eigene Plage. Das einzige, was ich spüre, ist eine getvisse Mattigkeit und Steifheit der Glieder; es ist nicht leicht, die Anstrengungen des Marsches auszuhalten. Früher hatte ich eine an Manie grenzende Angst vor Feuers- gefahr. Davon bin ich hier gründlich kuriert worden. Wir lagen eine Zeitlang auf einem Boden in Quartier. Stroh lag über der ganze Erde, und mitten im Stroh standen drei belgische Ocfen, auf denen wir kochten und brieten und unsere Sachen trockneten. Meist glübte das Feuer darin, und es nahm mich beständig wunder. daß kein Unglück geschah. Eines Tages entzündete sich denn auch das Stroh, aber glaubt Ihr, daß einer von uns es löschen mochte? Während loir darüber hin und her stritten, wer es zu tun habe, brannte das Feuer lustig weiter. Schließlich mußten wir uns natürlich dazu bequemen, es zu löschen, wollten wir nicht selbst verbrennen. In früheren Tagen ertrug ich es auch nicht gut, Blut zu sehen. Als ich einmal einen Degenkampf zwischen zwei Studenten bei- wohnte, ertappte ich mich dabei, daß ich mich hinter einem— Damenhut verborgen hatte. Und als der Krieg ausbrach, schauerte ich bei dem Anblick der blanken Bajonettg an den Gewehren der Landsturmmänner. Nun stehe ich selbst mit aufgepflanztem Bajonett, und die braven alten Landsturmmänner erscheinen mir ganz bürgerlich und zahm. Man gewöhnt sich an alles, selbst an den Anblick von Toten und Verwundeten. Zu dem ersten, was wir hier sahen, gehörten die Kirchhöfe mit den frischen Soldatengräbern, und je weiter wir vorrückten, desto häufiger begegnete uns der Tod, desto näher rückte er uns zuleide. Der Boden zwischen den Schützengräben � war übersät mit Leichen au? den Kämpsen ini Herbst, die eine Partei erlaubte der anderen nicht, vorzugchen und sie zu bestatten. Wochen- lang hatte ich diesen grauenvollen Anblick vor Augen, allmählich gewöhnte ich mich daran, und als der feindliche Schützengraben ge- nommcn war, habe ich geholfen, die Toten zu begraben. Es war eine unbehagliche Arbeit, aber es mußte geschehen, und als wir erst im Gange waren, ging es rasch und ganz mechanisch von der Hand. Am peinvollsten ist es, den schwer Verwundeten zu begegnen, die jammernd oder stumm aus dvr Schlacht getragen werden-- meist ertragen sie ihre Qualen mit bewundernswerter Seelenstärkc. Man steht ihrer Not so völlig hilflos gegenüber. Hier empfindet man am schmerzlichsten das Fehlen einer schonenden Frauenhand, wie gut und tüchtig das Sanitätswcsen auch arbeitet. Aber man müßte ja ein Herz aus Stein haben, wenn es durch den Anblick eines schwcrvcrwundeten Kameraden nicht gerührt werden sollte. Und dennoch, ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich neben dem Lager eines solchen mit Gemütsruhe meine Pfeife angezündet habe. Ich warf mir meine Herzenskälte vor und suchte zu sühnen, indem ich ihm half, so gut ich es vermochte. Diese Erfahrung von der abstumpfenden Macht der Gewöhn- heit wiederholt sich, so oft wir aus dem Frieden des Quartiers in den Tmnmel des Kampfes zurückkehren. Bei den ersten Gewehr- kugeln, die unseren Weg kreuzen, schauen wir sauer darein, ebenso wenn die Kanonen ihre Erzmäuler zu öffnen beginnen. Aber es dauert meist nicht lange, und wir sind vertraut mit dem Schießen, und je dichter die Kugeln dann fallen, desto weniger gefährlich erscheinen sie uns. Man wird taub gegen den Lärm und stumpf gegen die Gefahren. Von Napoleon wird als Beweis für seine Die Crweckung öer Maria Carmen. 23j Von Ludwig Brinkmann. Ta von Powell doch vorläufig keine nennenswerten Be- träge� zu erpressen sind, frage ich ein wenig ängstlich, ob e r die äoache in tue Hand nehmen wolle, woraus er lächelnd ant- wartet, daß ich Wohl recht übertriebene Vorstellungen von seiner finanziellen Kraft hätte. Aber er schlägt vor, eine be- sondere Gesellschaft aller Interessenten zu bilden, die gemein- schaftlich das Kapital vorschießen und sich zu einem Mindest- konsuni von elektrischer Energie verpflichten sollen. Aller- dings wird es eine schwierige Aufgabe sein, die Minenbesitzer von Taviche zu raschen Entschlüssen zu veranlassen; denn die Umwandlung voni Dampfbetriebe zum elektrischen ist für die geringe Kapitalkraft dieser Leute an sich schon kostspielig genug, als daß dann noch große Lust vorhanden wäre, viel Geld in eine erst zu gründende Elektrizitätslieferungsgesell- schaft hineinzustecken. Doch Dickinson will mit den Leuten reden, und in acht Tagen soll ich wieder einmal bei ihm vor- sprechen. Nun, ich bin soweit ganz zufrieden mit diesen Resultaten. Wenn Dickinson sich einmal dieser Angelegenheit angenommen hat, dann wird es schon werden. Der ist zäh genug. Und mir wirbelt der Kopf von großen Ideen! Wenn sich die Leute von Taviche nur einigermaßen vollständig zum Anschlüsse melden, dann muß die Anlage gleich für wenigstens dreitausend Kilowatt ausgebaut werden. Es kommt also ein Werk allerersten Ranges in Frage. Natürlich sinne ich darüber nach, wie sich der Imparcial mit möglichst geringen Gcldopfern einen möglichst großen Anteil an dem neuen Unternehmen sichern könnte, und ich sehe eine Reibe viclversvrechendcr Mittel; zunächst würden wir einen Teil unseres Beitrages durch Hergabe der Wasser- kraft unseres Waldes zahlen; dadurch wird unser Hoch- gebirgstal, über das Powell so viel murrt, eine bessere An- läge als die Maria Carmen selbst. Ein weiterer, wenn auch kleinerer Teil unserer Vervflichtungen kann dadurch ousgc- glichen werden, daß wir die Bauleitung übernehmen: das hätte für mich noch den persönlichen Vorteil, daß selbst dem skeptischen Texaner meine Beteiligung am Jmparcial auch von materieller Bedeutung wird. Und dann habe ich noch einen Gedanken privatwirtschaftlicher Natur: ich werde mich an eine bedeutende amerikanische oder deutsche Elektrizitätsfirma wenden, fiir sie eine Agentur im Tale Oaxaca zu übernehmen. So kann ich persönlich Geld verdienen und bekomme die Leitung der technischen Geschäfte rings um Taviche in die Hand. Etwas Schreckliches hat sich ereignet: einer unserer Ar bester ist verunglückt!— Ich sitze in unserem Bureau und schreibe an elektrotechnische Firmen, als ich vom Fenster aus sehe, daß unsere Leute in Unruhe aus dem Stollen stürzen, sich um einen Wagen stellen und heftig gestikulierend auf dessen Inhalt blicken. Da kommt auch schon Stuart zu mir; er will ruhig erscheinen, aber ich merke es doch an seiner Stimme, die nicht wie gewöhnlich volltönend, sondern etwas heiser, belegt klingt, daß er erregt ist. Und er erzählt, was sich zugetragen hat. Beim Vordringen in den Stollen— wir hatten ungefähr den Punkt erreicht, wo nach Stuarts Berechnungen der senk- rechte Wetterschacht, der von der Höhe des Berges hinabführt, einmiinden muß— zeigte es sich, daß das Geröll, das sonst den Weg recht dicht anfüllte, locker lag und Spalten frei ließ, durch die ein Mann hindurchklettern konnte. Stuart ver- mutete, daß er am Ende seines Weges und in das Gebiet der Arbeitsstollen, also größerer Hohlräume gelangt sei, und dringt ein, indem er einen Mann auffordert, ihm mit zwei Lampen nachzufolgen. Er kommt auch etwa zehn Schritte weiter, als plötzlich der Boden unter seinen Füßen zu rutschen beginnt; hastig klammert er sich an vorspringendes Gestein der Felswand an; da wird es dunkel um ihn, er hört den Auf- schrei seines Begleiters, vernimmt dumpfes Gcplätscher von Wasser— dann wird es still. Endlich tastet er sich rückwärts, ruft andere Leute mit Lampen herbei und rettet sich auf sicheren Boden zurück; doch sein Begleiter befindet sich nicht unter der kleinen Schar, die um ihn steht. Stuart dringt mit ein Paar Leuten wieder vorsichtig vorwärts, um dem Ver- unglückten beizustehen. Allmählich gewinnt er Klarheit über die Situation: zu seiner Linken befindet sich ein senkrechter, tiefer Schacht, der bis zum Rande mit Wasser gefüllt ist. Nach oben hat sich dieser trichterförmig erWestert, da in den Jahrzehnten, in denen die Mine begraben lag, das Gestein abgebröckelt und in die Tiefe gerutscht ist. Hier war also der Unglückselige hinabgeglitten, und viele hundert Zentner von Geröll waren auf ihn herabgestürzt, so daß er vom Gestein zerschmettert in das tiefe Wasserrohr gesunken. Und dann haben sie mit Stangen gesucht und nur zu bald einen gräßlich zerauetschten Leichnam gefunden und heraus- gezogen und ans Tageslicht geschafft.., Stuart stand heute davon ab, weiterarbeiten zu lassen. Augenblicklich ist er aber mit einem Manne bereits wieder im Berge, um das Gelände zu erforschen. Er ist trotz des Un- glücksfalles in fiebcrisch erhobener Stimmung, da er die erste Etappc auf seinem Vordringen in das Berginnere erreicht hat. Jetzt kann jede Minute etwas Neues bringen, etwas Unvermutetes— Erfolg oder Fehlschlag. Wahrscheinlich sind wir aber noch weit vom Ziele— denn was hat der Schacht senkrecht in die Tiefe zu besagen? Stuart hat mich aufgefordert, ihn in den Berg zu be- gleiten, um selbst das Neue zu sehen; aber eine unbestimmte Scheu hielt mich zurück: der Gedanke an das erste Opfer.—' Ich bin im Garten gewesen bei Ward, der sich immer noch nicht erholen kann; mir wurde die Aufgabe zuteil, ihn von dem Unglücksfall in Kenntnis zu setzen. Es bedurfte einiger Vorsicht, da er keine Aufregung verträgt, die seine Wangen sofort in einer ungesunden, fieberischen Röte er- glänzen läßt. Als ich ihm schließlich erzählt hatte, was sich zugetragen, sagte er nur:„Gottlob, daß Stuart gerettet ist!" Und jetzt erst wurde mir offenbar, daß der Freund, der dem Verunglückten vorangegangen, in weit größerer Gefahr geschwebt hat. Aber da ich ihn lebend gesehen, war mir der Gedanke an die so nahe gewesene Möglichkeit seines Unter- ganges gar nicht gekommen. Die Wirklichkeit, die Sinne haben eine allzu täuschende Kraft für uns; erst Ward, der anscheinend alles entfernter sieht, vermochte durch das hin- durchzuschauen, was mir den seelischen Blick versperrte. Gang zum Kirchhofe. Stuart und ich und die meisten unserer Leute sind dem armen Holzsarge mit den Ueberresten des verunglückten Mannes gefolgt. Das Glöcklein der Kirche wimmerte lärmend; der Cura murmelte seine Sprüchlein, die paar Anwesenden standen schweigend dabei, die mächtigen strohgeflochteten Hüte in den Händen haltend— und dann war alles vorüber. Wenn es auch ein einfacher Mann gemischten Blutes war, der weder lesen noch schreiben konnte— ein M c n s ch ist doch dahin- gegangen, den sein armes Weib und seine Kinder liebten, ist gefallen für eine Sache, die ihn gar nichts anging, ist für uns elend zerschmettert worden und gestorben, fiir uns, die wir nur unsere Sache wollen.... Ich habe mich auf dem kleinen Kirchhofe der Wüste, wo zwischen Steinen ein paar Holzkreuze mit Inschriften und halb verdorrten Blumenkränzen aufragen, tief elend gefühlt,— Trelifdjc Ucberle�cnycit cvzäktt, n fwBc sich initten in bct Schlacht schlafen legen können. Auch ich bin schon beim Kanonendonner eingeschlasen; das ist keine Heldentat, sondern eine ganz natürliche Reaktion gegen die Abspannung der Nerven. Wir haben uns so eingelebt in den Krieg, dast wir die Fülle des Glücks, die in dein Worte Frieden liegt, nicht fassen können Aber deii Tag, an dem wieder Friede auf Erden ist, werden wiv rectm wir ihn erleben sollten, als eine Wiedergeburt begrüßen, als eine Befreiung von einem bösen Alp, von einer Umarmung des Todes. Hei welchem Wetter arbeitet man am bestens Nach den neuesten Untersuchungen von Dr. Ellsworth Huntington von der Dale-Universität, über die das„Journal os lhe Aineriean Medieal Association" in Ehieago berichter, ist es ein Irrtum zu glauben, daß ein beständiges Wetter für unsere Gesundheit und Ar- beitsfähigkeit zuträglich ist. Es zeigt sich im Gegenteil, daß ganz erhebliche und plötzliche Temperaturschlvankungen und ein jähes Fallen des Barometers sowie Sturmperioden mit darauf einsetzendem kälterem Weiter auf die Arbeitslust anregend wirken. An Tagen dagegen, an denen die Temperatur konstaut bleibt, ist die geistige Aufnahmefähigkeit geringer, und die Arbeit geht langsamer vor sich. Auch in den Untersuchungen über den Einfluß der Jahreszeiten auf die Arbeitsleistungen in Fabriken, Schulen und Hörsälen kommt Dr. Huntington zu einigen überraschenden Ergebnissen. Diese Studien wurden in einem Zeitraum von vier Jahren gemacht, und die miß gezeichneten Kurven zeigen, daß die niedrigsten Löhnungen im Januar bezahlt werden. Darauf folgt eine langsame, feste Zunahme im Februar, März. April, Mai und der ersten Hälfte des Juni. Im zweiten Teil deS Juni, den Juli und August hindurch bleibt die Kurve auf einem niedrigeren Standpunkt als Anfang Juni, aber sie ist immer noch höher als während des Winters. Ende August be- ginnt das Arbeilsbedürfnis noch einmal reger zu werden, und zwar steigt es bis Mitte November, um dann nachher wieder zu fallen. Im Dezember ist dann wieder eine kleine Steigerung, die aber wohl nur auf die Nahe des Weihnachtsfestes zurückzuführen ist, das mehr Ausgaben ersordert. Ende des Monats aber sinkt die Lust zur Tätigkeit sehr erheblich und bleibt während des Januar sehr niedrig. _ Interessant ist es, daß die Kurven für die höchste phhsische Leistung und für das Maximum geistiger Anstrengung ge- wisse Unterschiede aufweisen. Wie aus den Klassenberichten von West Point und Annapolis hervorgeht, tritt das Maximum � geistiger Leistungsfähigkeit im Herbst später ein, als die � höchste körperliche Arbeitsleistung bei den arbeitenden Ständen, während es im Frühling früher einsetzt. Tie Kurven zeigen aber gleichförmig, daß sehr niedrige Teinperatnren sowohl die physische wie die geistige Tätigkeit stark herabdrücken. Sowie die Temperatur steigt, steigen die Kurven, wenn auch zunächst nur langsam. Die geistige Arbeit erreicht ihren Höhepunkt bei o Grad Celsius, während die körperliche Arbeitsleistung für Männer bei 13 Grad Celsius und für Mädchen bei 16 Grad Celsius aufs höchste gesteigert ist. lieber diese Temperaturen hinaus sinken die Kurven. Man glaubt im allgemeinen, daß die kalte Witterung die Leistungsfähigkeit erhöht, aber das ist nur bis zu einem gewissen Grade richtig, d. h. nur so lange die Temperatur sich nicht unter dem Gefrierpunkt befindet. Eigentliche Kälteperioden wirken ungünstig, und Frühling und Herbst sind die besten Jahreszeiten für alle Arten von Arbeitsleistung. Der Einfluß des Wetters auf die Stimmung wird auch an einer neuen Selbstmordstatistik in einer amerikanischen Stadt dargetan, in der 2000 Selbstmordfälle im Zusammenhang mit den Wettertabellen untersucht werden. ES scheint danach, daß helle und trockene Tage die Stimmung der Lebensmüdigkeit begünstigten. An trockenen Tagen stieg die Anzahl der Selbstmorde um 61 Prozent gegenüber den Regentagen und bei ganz hellem Himmel unr 21 Proz.' gegen- über�den halbbedeckten Tagen, In den Wintermonaten ist die Zahl der«Selbstmorde am niedrigsten, am höchsten im Sommer, aber auch nicht in der größsten Hitzeperiode im Juli und August, sondern «xikwürdigenveife im Juni. von Kleines IeuiUeton. der Herstellung öes Eisernen Kreuzes. »ei>e Das eiserne Kreuz wird heute nicht mehr in derselbe, t W feregcstclü wie sein Vorgänger in den Jahren 1816 und 1870. Die Hortschritte der modernen Technik haben auch die Erzeugung dieser Kriegsauszeichnung umgestaltet, und ganz besonders kommt dabei jetzt die Elektrizität reichlich zur Verwendung. Tie Kreuze werden nicht etwa gegossen— das wäre heute zu zeitraubend—, sondern mit Hilfe kräftiger Stanz- und Prägemaschinen aus Eisenblech ver fertigt. Nach dieser Rohbearbeitung werden sie einer Prüfung unterzogen und kommen sodann in die Silberschmiede, wo die Lötarbeit vollzogen wird und wo sie mit dem schmalen Silberrande versehen werden. Schließlich geben Frauenhände dem silbernen Kreuzrande mit elektrisch betriebenen Schleis- und Polierapparaten den letzten Schliff. Ein merkwürdiger örief. Bei einem Kriegsgefangenen wurde ein Brief gefunden, der den Behörden Kopfzerbrechen machte, weil er anscheinend in 32 ver- schicdenen Sprachen geschrieben war. DieS bestätigte sich, als man den Brief dem österreichischen Dolmetscher Spiridion Gopeevic zum Entziffern gab, der 37 Sprachen gelernt hat. Wir geben hier- mit die von ihm angefertigte Ucbersetzung, wobei wir die betreffende spräche in Klammern voransetzen. In Ucbersetzung(altgriechisch): O Tyrann der Götter und Menschen, Amor, l dänisch): verzeih mir, wenn ich jetzt hier dein Lob singe,(serbisch): so gut ick, in 32 Sprachen vermag.(Italic- nisch): Aber kann ick, etwas Süßeres und Göttlicheres seiern(eng- lisch): als die köstliche Quelle der Liebe?(Rumänisch): Süßes Wasser! Wer davon trinkt, geht nicht weg!(Schwedisch): Warum sollte ich verschweigen, daß ich trinke(spanisch): von jener Quelle häufig und stets mit Wonne?(Slowakisch): Der Himmel beschenkt uns mit allem(lateinisch): und immer ist cs mir angenehm ein schönes Mädchen zu sehen,(deutsch): welcher ich dann zuflüstern kann:(keschua): Ich liebe dich mit großer Zärtlichkeit, schönes Mäd- chen!(Albanesisch): Hier ist cs gut sein: bleiben wir hier!(Pol- n:sch): In Wahrheit, Scherz beiseite,(japanisch): ich liebe dich, (neuisländisch): du bist mein Augenstern und meine Liebe!(Böh- misch): Schönes Mädchen, sei barmherzig,(bulgarisch): willst du mit mir gehen?(Baskisch): Folge mir! Willst du?(Romäisch): Komm in meine Umarmung.(Portugiesisch): Welches Vergnügen, dann, wenn sie, mich umarmend, flüstert:(russisch): Mir ist es hier sehr angenehm;(türkisch): Licht meiner Augen, Ecke meiner Leber, du bist mein Geliebter!(Neugriechisch): Du bist mein Leben, dich liebe ick,!�(Französisch): Dann begegnen sich unsere Lippen— ein süßer Kuß... lKroatisch): Aber wohin verirre ich mich! Ich phantasiere!(Persisch): Auch das geht vorüber!(Norwegisch): 7 ist es besser, ich lasse die Mädchen und begnüge mich mit dem, was ich schrieb.(Katalanisch): Bei all dem gibts keine Verzeihung für mich.(Holländisch): Darum schließe'ich zur Befriedigung de csers,(Arabisch) 1 Gott sei Tank! Der Dichter als Heschästsmann. Zu den Leuten, die sich berufen fühlten, der Welt ihre Meinung über das Verhalten der Feinde Deutschlands kundzugeben, gehört auch der Schriftsteller O l l o E r n st. der einen offenen Brief an Gabriele d'Annuiizio veröffentlichte. Nun erhielten die„L e ip z i g e r N. Nach r." vor kurzem folgendes schreiben: Groß-Flottbek, den 27. 3. 1913. Sehr geehrte Redaktion! Wie ich höre, hoben Sie meinen„Offenen Brief an Gabriele dÄnnunzio nachgedruckt. Ich darf Sic Höst, ersuchen, mir mehrere Belege und ein Nachdrnckshonorar von 30 M. zu übermitteln. Hochachtungsvoll Otto Ernst. Hierzu bemerkt das Leipziger Blatt: Herr Otto Ernst muß sich verhört haben. Es ist uns zwar dunkel in Erinnerung, vor einiger Zeit in irgendeinem Blatte einen solchen„Offenen Brief" gesehen zu haben. Wir haben ihn aber nicht nachgedruckt, da wir erstens Herrn d'Annuiizio nicht für einen Menschen halten, an den man „offene Briefe" schreibt, und zweitens Herrn Otto Ernst nicht für so bedeutend, daß man seine„offenen Briefe" an irgendwen nach- druckt. Was aber der Sache ein allgemeines Interesse verleiht, ist die Tatsache, daß der Verfasser einer solchen Kundgehung, für die er doch eine möglichst große Verbreitung wünscht—, denn sonst würde er seinen Brief an dÄnnunzio doch geschlossen durch die Post schicken—, nachträglich noch Honorar verlangt, und zwar Honorar, das � zu dem Inhalt in gar keinem Verhältnis steht. Mit demselbeir Recht könnte doch ein Parlamentarier von allen Zeitungen, die seine Rede abdrucken, ein beliebiges Honorarsordern. Für die Blätter, die seinerzeit geglaubt haben, Herrn Otto Ernst einen Gefallen damit zu tun, daß sie seine Ansicht über jenen italienischen Maulhelden zum Abdruck gebracht haben, wird diese Honorarforderung eine eigenartige Ileberraschung bedeuten. Denn wenn Herr Otto Ernst schon aus eine bloße Vermutung hin uns mit einem solchen Brief beglückt, so ist doch bestimmt anzunehmen, daß er alle die Blätter abgrasen wird, die seinen„Offenen Brief" wirklich abgedruckt haben.'Einer Honorarforderung für die geistige Leistung, die in dein oben wiedergegebenen Schreiben enthalten ist, sehen wir mit Fassung entgegen. Stuart ist übrigens sehr verstimmt. Als ich nach der Rückkehr zum Minenleger ans der Hütte der Witlve kam, der ich hundert silberne Pesos in die Hand gedrückt— fürwahr ein armseliger Ersatz für den großen Perlust! die gute Iran war aber sichtlich überrascht, sie hatte augenscheinlich nichts erwartet— sah ich wie er eindringlich mit den Leuten ver- bandelte, und seine Stimme klang ehern und gebieterisch. Er forderte die auf sich zu melden, die keine Lust mehr zur Arbeit hätte»! sie könnten ausgezahlt und entlassen werden: wer aber käme, solle seine volle Schuldigkeit tun. Er verlasse sich darauf. Tatsächlich waren nämlich in den drei Tagen, die seit dem llnglücksfall verstrichen waren, die Leute höchst unzuver- lässig gewesen. Es war, als hätte etwas sie bestürzt gemacht, als hätte eine heimliche Furcht sie überfallen. Viele blieben ans, und tver doch kam, suchte unter nichtigen Vorwänden bald wieder fortzukommen. Stuart knirschte vor Wut, denn er wollte weiter, weiter! Es ging auch weiter. Unendliche Berge von Geröll wurden herausgeschafft, und bald lag eine Halle im Berge, weit lvie ein Tanzplan, sauber und frei. Meine Scheu vor dem Schauplätze des Unglücks mußte auch bald überwunden werden: ich hatte ein paar Glühlampen dort verlegen zu lassen, und die nützliche Arbeit hilft ja bald sentimentale Gefühle zu überwinden. Auch trieb uns alle die Begierde zu sehen, was gefunden war. Es war in der Tat interessant genug. Mehr als ein halbes Jahrhundert hatte der Raum hier unter Wasser gc- standen, durch das von oben hereinbrechende Gestein fast ver- schüttet: und dockt war vieles, als hätten es die alten Spanier erst am Abend zuvor verlassen, als hätten sie gewußt, daß wir eines Tages hier Vordringen würden, um die Arbeit da wieder aufzunehmen, lvo jene sie liegen gelassen. Ist das nicht überall so? Eine Kultur fällt in Schutt und Asche, und eine andere blüht nach einem Jahrhundert der Wüste wieder aus den Ruinen hervor. Ta steht nocki fast unversehrt die alte hölzerne Trommel im Balkengerüst, die zwei Maultiere im Kreise drehen mußten, um die Lasten ans der Tiefe des Schachtes zu fördern, fürwahr ein prächtiges Arbeitsstück vom Standpunkte des'altspanischen Zimmermannes: das mächtige Gebälk zeigt trotz seiner klobigen Massen eine wunderbar schlickstc Formgebung und zweckvollste Konstruktion. Und dennoch: die elektrische Haspel, die wir hierher stellen werden, wird doch etwas Zweckvolleres, stärkeres, cv* Schöneres, eine Kulturstufe über der anderen sein.— In einem Winkel an der Wand entdeckten wir ein holzgesckmitztcs Madonnenbild: seine Farben sind allerdings durch die Fluten des Berges aus- gewaschen, aber doch war die rührende Inschrift darauf, die fromm die allgütige Mutter um Schutz für die Bergleute an- fleht, deutlich zu erkennen.— Andere Zeiten sind nun gc- kommen: wir werden ein Plakat daneben hängen, das vor den Gefahren des elektrischen Stromes lvarnt und erste Anweisung bei Unglücksfällen gibt! Und die erste große Enttäuschung haben wir nun erlebt! Stuart hat nämlich unterdessen seine geologischen Unter- suchungcn beendigt: die Erzlager, die hier abgebaut wurden, sind wirklich erschöpft: die Gänge, die sich von hier aus in den Berg hineinziehen, sind leer: die Adern waren an dieser Stelle nicht von großer Stärke: alles scheint darauf hinzuweisen, daß sie erst in größerer Tiefe mächtiger werden, wohin ja auch unsere Vorgänger durch den Schacht gelangten. Da drängt sich die bange Frage auf: Werden wir wirk- lich weiter drunten das finden, was wir so hoffnungsselig suchen? Hat die alten Herren des Berges nicht ein Irrwahn hinabgetricben? Sind sie in die bodenlose Tiefe, die erst vor einer Woche wieder ein Opfer verschlungen hat, nicht vielleicht durch trügerische Erwartung gelockt worden, die zu so bitterer Enttäuschung führte, daß sie das ganze Werk als hoffnungslos ausgaben und die Maria Carmen ihrem Schicksale überließen? selbst an Stuart, so ehern und festgefügt er zu sein scheint, kann ich die Enttäuschung erkennen. Er sagt nichts, aber doch ist es fast lvie eine Ermattung über ihn gekommen. Wie fieberhaft hatte er gearbeitet, um zu diesem Ziele zu gc- langen, das Erz zu erreichen, hier, lvo er so sicher darauf gc- rechnet! Aber es sollte nicht sein: es muß noch viele Monate vielleicht weitergearbeitet, immer mehr Zeit und Kraft auf- gewendet, immer länger sich mit dem murrenden Powell um das Geld gestritten werden: und selbst Stuart ist dessen müde! Doch was hilft es? Wir stehen vor neuen Aufgaben, und wir müssen ilmen in das Antlitz blicken, obnc Zeit zu ver- säumen. Zunächst haben wir eine neue Maschine anzuschaffen, die den Schacht ausleert, eine Abteufpumpe, die allmählich in die Tiefe gelassen werden kann: dann bedürfen wir einer Fördermaschine und aller möglichen anderen Ncireinrich- tungen. Die alte Pumpe soll in der Nähe des Schachtes auf- gestellt werden, um.die Wasser der oberen Soble aufzusaugen und zum Knie des Stollens zu schaffen.(Forts, folgt.) Wie öie Spinne ihr Neh webt. Jeder kennt die kunstvollen Gewebe, die die Spinne ohne siebt- bare spuren von Kraflanfwand zuwege bringt. Ein amerikanischec Gelehrter, der sich der Mühe unterzogen hat, diese Tiere bei ihrer Arbeit zu belauschen, macht über den Vorgang des Spinnens und über das Zustandekommen des mit mathematischer Genauigkeit gesponnenen Netzes in einer amerikanischen Fachzeitschrift ausführliche Angaben. Nach einem Gewitter, das jede Spur des Gewebes einer Spinne zerstört hatte, fand er das Tierchen unter einem Ast fitzen. den es sich als Zufluchtsort vor dem Unwetter ausgesucht hatte. Hier war es gegen den Regen geschützt, da das Laubwerk das Wasser ableitete. ES war gegen Abend, als der Gelehrte die Spinne hier bemerkte. Ändert- halb Stunden gab sie nicht das geringste Lebenszeichen von sich und rührte sich nich: von der Stelle. Ilm 9 Uhr, nachdem sich die letzten Gewitterwolken verzogen hatten, verließ die Spinne ihren Zufluchts- ort, führte ein Fädchen bis an einen Punkt, der einige Zoll tiefer lag, kletterte dann den halben Weg wieder zurück und blieb, mit nach unten gekehrtem Kopf, etwa fünfzehn Minuten in dieser Stellung hängen. Darauf begab sie sich zu ihrem AusgangSpunkr zurück nni> wanderte von da wieder weiter nach unten. Fünf Minuten spater war von ihrer Arbeit noch nichts zu sehen. Nachdem weitere zehn Minuten vergangen waren, befestigte sie an einem etwas liefer liegenden Zweig ein Fädchen. dos nachher einen der zwei senkrechleir Radien bildete. Alsdann ließ sie von dem ersten Zweig ein langes, sreischwebendes Fädchen fallen, das»ach ein paar Sekunden in einem Winkel von 50 Grad an dem Laubwerk links unten befestigt wurde. Um 9 Uhr 50 Minuten nahm die Spinne, wieder mit vem Kopf nach unten, ihren Platz an dem Verbindnngspnnkt ein und gönnte sich eine lange Pause. Plötzlich jedoch schien es ihr klar zu werden, daß sie wieder mit der Arbeit beginnen müsse. Sie kroch also nach dem nächsleir Zweig und suchte lange in dem Laubwerk herum. Zehn Minuten nach elf Uhr kroch sie zum Mittelpunkt des Kreises und blieb dorr wiederum fünf Minuten hängen. Um 11 Uhr 37 Minuten war die rechte Hälfte des Kreises urit 22 Radien fertig. Der 27. Radius entstand um 12 Uhr 3 Minuten, bis schließlich um halb ein Uhr der letzte der 31 Radien fertig wurde. Daraus führte die Spinne dichr um den Mittelpmilt 2% mal ein Fädchen spiralförmig herum, wobei sie sich an den Radien festhielt. Dadurch kam ein gewisser gleich- mäßiger Abstand zwischen den Radien zustande. Um 12 Ühr 11 Minuten war der äußerst� der konzentrischen Fäden fertig gemacht. Jedes- mal, wenn die Spinne die äußerste Grenze erreicht hatte, machte sie kehrt und begann von neuem. Es schien, als ob sie die Fädchen mit den Hinterfüßen aus ihren Spinnwarzen herauszöge. Mit den Vorderfüßen wurden die schneckenförmigen Fädchen abgeschnitten. Das ganze Spinnwerk war in 4 Stunden und 23 Minuten Vollendel. Nach dieser anstrengenden Arbeit ruhte sich die kleine Künstlerin ebensolange unter dem Zweig aus, den sie ursprünglich als Zufluchts- ort benutzt hatte._ Ein öienstfähiger Hauptmann mit künstlichem Dein. Wir lesen ja täglich von den Fortschritten und Erfolgen der Medizin und ganz besonders der Chirurgie. Wir hören, cs gibt keine Krüppel mehr, wir freuen uns dessen, und doch will uns hier stets ein gewisser Rest von Unglauben beschleichcn. Aber cs scheint, daß heute doch das Unglanblichc wahr wird, wenn man hört, daß ein Hauptmann, dem ein Bein abgenommen werden mußte, wieder ins Feld reiten konnte. Im Zentralblatt flir chirurgische und mechanische Orthopädie veröffentlicht Prof. E. Hocftmann die Krankengeschichte. Im HindenburghanS in Königsberg i. Pr. wurde im November ein Hauptmann ausgenommen, der im September bei Vitry le Francois durch einen Granatschuß im Kniegelenk verwundet worden war. Im Oktober war das Bein in der Mitte des linken Oberschenkels amputiert worden. ES wurde eine künstliche Gliedmasse hergestellt, mit der am 30. November 1911 die ersten Gehversuche gemacht wurden. Bereits am 9. Dezember konnte der Hauptmann Ncitversuche auf dem Reitapparat im Zandcrinstitnt vornehmen, und drei Tage darauf begannen die Reitiibnugen ans einem ruhigen Pferde. Der Hauptmann konnte am 23. Dezember die Anstalt verlassen, und meldete sich am 28. Dezember zum Dienst. Mit Absicht wurden alle Zeitangaben sa genau gemacht, um nicht beim Leser den Anschein zu erwecken, es würden Märchen erzählt. Es kommt, so führt Pros. Hoestmann ans, darauf an, daß man möglichst früh mit der Anfertigung der Ersatzglieder beginnt und dann möglichst energisch den Kranken beweist, daß sie mehr damit machen könne», als sie glauben. Meist tonnen die Leute nn- mittelbar nach Anlegen der Ersatzbeinc Treppen steige». Hier gilt cs einen kleinen Kunstgriff anzuwenden, cs müssen die Stufen zuerst hinauf und nicht hinabgestiegen werden, denn sonst ersaßt den Gehschüler leicht ein Schwindelgefiihl und er ist nur schwer zur Wiederholung zu bewegen. Ist das Treppensteigen aber von vornherein gut gegangen, gibt das den Kranken großen morali- scheu Mut, der sie veranlaßt, auch schwierigere llcbungen anstands- los zu versuchen. Tiere beim Erübeben. Zwei Jäger, die sich während des süddeutschen Erdbebens in voriger Woche auf dem Anstand auf Rehböckc befanden, teilen in den„Münchener Neuesten Nachrichten" ihre Beobachtungen mit. Der eine berichtet aus einem Revier bei Nöhrmoos:„Ich ging um 3 Uhr 13 früh aus die Nehpirsch. Kaum hatte ich das Dorf im Rücken, hörte ich den Warnungsruf eines Fasane»Hahnes: sofort antworteten vier weitere Hähne, eine um diese Zeit für den Weidmann außergewöhnliche Wahrnehmung. Ungefähr um 2 Uhr 30 erhoben sich sämtliche Fasanen unter starkem Geschrei und Warnungs- rufen und flogen 40 bis 30 Meter weit. Für den Jäger ein ganz unverständliches Benehmen. Auch andere Vögel, lvie Nußh äher und Raben, waren sehr unruhig. Ich selbst merkte im Walde nichts von dem Beben; nur das Benehmen der Tiere war mir auffällig." Ein Jäger ans Straubing schreibt:„Gegen 33/4 Uhr beobachtete ich die Einwirkung eines Erdbebens auf die Tierwelt. Mit einem Schlage erhoben sich mit großem Geschrei die Raben von den Bäumen, flatterten die Fasanen laut scheltend von den Aesten und warfen sich zu Boden: die äsenden Rehe flüchteten in den Wald zurück, Amseln, Spötter, Buchfinken usw., welche längst ihr Legewerk begonnen hatten, hielten plötzlich an. Das Beben äußerte sich in einem starken, rüttelnden Stoß, begleitet von einem donnerähnlich rollenden Geräusch aus Süden her. Ich wurde auf meinem Hochsitz herumgebeutelt, daß ich befürchtete, abzustürzen." Maßregeln gegen Lepra aus üen Gstseeprovinzen. Die Nachricht, daß unser Ostheer bis nach Kurland vorgc- drungen, gibt Pros. B l a s ch k o in der deutschen medizinischen Wochenschrift Veranlassung, darauf hinzuweisen, daß in diesen Provinzen seit jeher die Lepra verbreitet ist. Wenn wir auch nicht wissen, wie die Lepra verbreitet wird, so wissen wir doch, daß 'ie übertragbar ist, wenn auch die Gefahr einer Uebertragung glücklicherweise äußerst gering ist. Nicht ausgeschlossen ist a»ch hier eine llebcrtragung durch Ungeziefer. Blaschko schlägt dcshalv vor, daß beim Einrücken der Truppen in Quartier zu- nächst Erkundigungen darüber einzuziehen seien, wo sich Lepröse befinden. In Häusern, in denen Leprakranke gewohnt haben, soll kein deutscher Soldat Quartier nehmen. Durch Perteilung vor- beugender Mittel, wie Naphthalin oder Kresolpuder, ist daS Vor- kommen von Ungeziefer bei den Truppen möglichst einzudämmen. Bei einem etwaigen weiteren Vorrücken wären in den bestehenden eprosoric» die Bücher einzusehen, um Namen und Wohnort der m den Heimen nntergebrachten Kranken zu erfahren. Blaschko meint, wenn auch die Uebertragnng nur sehr selten wäre, so sei bei den heute in Frage kommenden großen Menschenmassen die Gc- -aht nicht zu unterschätzen; wenn von etwa 10 000 Soldaten auch nur einer erkrankte, so mache das bei 300 000 Soldaten schon 10 Kranke, die, in die Heimat zurückgekehrt, Anlaß zur Ver- 'chlcppung über Deutschland geben können, Veraniwsltiictzcr Neöcstcur: Aljred WielM« R-nkölln. pt j>en Jnjeratenteil veranttv.: Ttz.Glocke.Berlin. Druck u.Verlag:Vorwärtji Buchdruckerei u. Verlagsanftalt Kgul Singer& Co* Berlin SW.