«usT-m Unterhattungsblatt öes vorwärts Zufall unö Schicksal. Ein Feldpostbrief meldete kürzlich folgenden Vorfall: Die Be- dienungsmannschaften eines Geschützes hatten bereits viele Wochen in ihrem Unteistand zugebracht. Obgleich die feindlichen Granaten die nähere Umgebung des llnterstandes mehrmals am Tage beim- suchten, waren sie doch stets unversehrt geblieben. Eines Tages nun entfernten sie sich zu irgend einem Zwecke aus ihrer unterirdischen Wohnung. Als sie zurückkehrten, war sie durch einen Volltreffer vollständig zerstört worden. Welch' glücklicher Zufall I so schlvtz der Brief, daß wir ausgerechnet in dem Augenblicke unseren Unterstand verlassen mußten, als die Granate schon bereit lag, die uns, hätten wir auch nur eine halbe Stunde länger verweilt, in tausend Fetzen zerrissen hätte. Ein anderer Brief meldete folgende Begebenheit: Unsere Feld- knche konnte wegen der Näbe der feindlichen Schützengräben nie ganz bis an unsere Stellung gebracht werden. Sie blieb daher etwa drei Kilometer hinter unserer Front in einer Deckung. Täglich tvurdcn nun einige Soldaten kommandiert, die das Esien in Eimern nach dem Schützengraben bringen mußten. Der Transport war nattirlich sehr gefährlich, da unser Graben und das Gelände hinter ihin fast unausgesetzt beschossen wurden. Trotzdem ist während dieser ganzen Zeit niemals einer der Essenholer auch nur verwundet lvorden. Eines Tages nun wurde das feindliche Feuer merklich schwächer, bis zuletzt nur noch einzelne wie verweht herüber- fliegende Geschosse in der Nähe unseres Grabens mit ganz geringer Kraft niederfielen. Die Gefahr für die Essenholer war also riahezu beseitigt. Da wurden, nachdem dieser Zustand bereits einige Tage angedauert hatte, zu gewohnter Zeit wieder die Essenholer kommandiert. Unter ihnen auch der Musketier M. Seine Kameraden waren bereits im Schützengraben angelangt, als er. wenige Schritte vor seinem Ziel, die Eimer noch einmal zum Wechseln niedersetzte. In eben dem Augenblicke jedoch, als er sich bückte, um die Eimer wieder in die Hände zu nehmen, traf ihn eines jener verwehten Ge- schösse. Es halte ausgerechnet die Herzgegend gesucht und noch gerade soviel Kraft besessen, sich bis zum Herzen durchzuarbeiten. Nach einigen Sekunden schon betrauerten wir unseren toten Käme- radcn. Welch' tragischer Zufall, so schloß dieser Brief. So kann man täglich Mitteilungen aus dem'Felde lesen, die betrübende oder erfreuliche Nachrichten über das Spiel des Zufalls enthalten, so daß man den Eindruck gewinnt, daß das Leben der Soldaten völlig dem Zufall überantwortet sei. Durch glücklichen Zusall kommt einer mit dein Leben davon, durch unglücklichen Zu- rall ivirv ver andere tödlich getroffen. Der Zufall hat's gewollt! io hört und liest man täglich und allerorten. Und dem einen ist dieses Wort Trost, dem anderen aber reißt es Worte bitteren Haders von den Lippen. Immer zwar spielt der Zufall eine gewisse Rolle in unserem Leben; selten aber ist es. daß er das Leben der Menschen so restlos zu beherrschen scheint wie im Kriege. Was ist nun dieses Unheimliche, Unberechenbare, was die Menschen den Zufall nennen? Ist eö eine über aller menschlichen Erkenntnis und Kraft schwebende Gewalt, der die Menschen obn- mächtig preisgegeben sind? Oder hat auch der Zufall seine Begrün- düng in realen Verhältnissen, die wir verändern und meistern können, so daß dem Spiel des Zufalls mehr und mehr von seinem Boden abgerungen werden kann'{ Die Menschen wollen auch die geheimnisvollsten Erscheinungen des Lebens ergründen. Sie haben deshalb auch stets der Ursache des Zufalls nachgespürt. Die Antworten auf die Frage nach der Ursache des Zufalls sind natürlich sehr verschieden gewesen. Er ist der Wille der Gottheit, der uns Menschen ein ewiges Rätsel sein wird, sagen die einen. Durch ihn waltet das Schicksal, sagen die anderen. Was uns Menschen als Zufall erscheint, ist der wohl- vorbereitete Plan des FatumS, der längst vor unserer Ge- burt festgelegt wurde und dem wir machtlos preisgegeben sind, sagen die dritten. Im Islam, dem Glauben der Türken, ist die Schicksalsidce am konsequentesten ausgeprägt. Danach ist das Leben nichts als die bloße Vollendung der Kreise, die das unerbitt- liche Schicksal von Anbeginn der Welt für jeden Menschen gezogen hat. Ein Entrinnen auS diesen Kreisen ist nicht möglich. Der Mensch hat, willenlos, nur die Rolle zu spielen, die das Schicksal für ihn bestimmt bat. Alles Tun der Menschen ist nichts als die Ausführung des Schicksalswillens. Der Mensch befindet sich in absoluter Abhängigkeil vom Schicksal, und er kann nichts unter- nehmen, was dem Willen des Schicksals zuwiderliefe. Er ist der Sklave Ides Schicksals. In der Wirklichkeit hat sich diese Lehre Rkohamineds umgesetzt in die materielle Versklavung der islamitischen Die Erweckung öer Nana Carmen. Von Ludwig Brinkmann. Wir haben zunächst Powell auseinandergesetzt, daß er durch Hergabe von lumpigen 5000 Pesos Anteile oder fast ein Viertel des gesamten Kapitales der neu gebildeten .Vsocittcion de Electricidad de los Mineros de Tavichc, die wir unter uns natürlich nur in der bekannten Abkürzungs- loeise mit A. E. M. T. bezeichnen, erhalten könne— gewiß ciit annehmbares Geschäft. Dadurch spart er noch die An- luge einer Reserveinaschine. Tann habe ich auch an die wichtigeren deutschen und amerikanischen Elektrizitätsfirmen geschrieben und Ange- böte auf zwei Eintausendkilowatt-Wasserturbogeneratoren, die den garantierten Konsum vollkommen decken können, auf die nötige Schaltanlage, auf Hochspannungsfreileitungs- inaterial für zwanzig Kilometer und auf zwei kleine Trans- formator-Unterstationen eingeholt. Ich verlangte äußerste Preisstcllung bei Barzahlung— ein kleiner Kniff, den ich anwandte, um gegen übertriebene Forderungen einigermaßen geschützt zu sein, wenn die Firmen hören, daß sie einen Teil des Geldes in Obligationen zu nehmen hätten. Endlich aber mußte ich mich wieder den unmittelbaren Angelegenheiten des Jmparcial zuwenden. Es war nämlich unterdessen das bestellte Oberleitungsmaterial angekommen, das die elektrische Energie zum Ausgange des Wetterschlotes aus den Gipfel des Berges hinaufführen soll. Ich bin wieder auf ein paar Tage in den Wald hinausgezogen, um einige schlanke Stämmchen, die ich im vergangenen Sommer so sorgsam geschont hatte, grausam abzuschlachten und zu Pfosten zu verwandeln: wir brauchten vom Ma'chincnhause den Rücken des Berges hinauf etwa dreißig Stück, und kaufen mochten wir keine: denn unser ursprüngliches Betriebs- kapital neigt sich immer inchr dem Ende zu, und wir müssen, müssen am Erze sein, che wir neues Geld aufnehmen: da heißt es sparen, überall! Aber mir war es gar wehmütig ums Herz, als ich die einsamen Tage und Nächte im Hochgebirge zubrachte. Der schöne Wald war nun ganz verwüstet- nichts wurde getan, um unser Besitztunt wieder in die Höhe zu bringen, das Herausgenommene wieder zu ergänzen. Und das ganze himmlisch schöne Gebirgstal hätte unser Eigentum schon seit Monaten fein können— wenn wir mehr Geld hätten! Ich Volksmassen. Ein gewaltigeres Mittel zur absoluten Beherrschung der BolkSmassen konnte eS kaum geben als den mohammedanischen Fatalismus. Der islamitische Orient ist denn auch viele Jahr- hunderte der Schauplatz despotischer Orgien gewesen. Ihren ergreifendsten Ausdruck hat nun die Schicksalsidee in den Mythen und Sagen der alten Griechen gefunden. König Oedipus inußte seinen Vater töten und mit seiner Mutter Kinder zeugen. So wollte es die Gottheit. Keine Möglichkeit be« steht für ihn, diesem Geschick zu entrinnen. Alles, was er unter- nimmt, steht, ohne daß er's auch nur im geringsten ahnt, im Dienste des Orakelspruches. Das Schicksal setzt seinen Willen durch. Ein entsetzlicher Fluch liegt auf Tantalos und seinem Geschlecht. Tantalos halte das Vertrauen der Götter mißbraucht, den Menschen Nektar und Ainbrosia gebracht und den Göttern seinen eigenen Sohn Pelops zum Mahle vorgesetzt. Dafür wird er und sein ganzes Ge- schlecht verflucht. Aber auch in der deutschen Literatur finden sich künstlerische Ge- staltungen der Schicksalsidee. So in Schillers„Braut von Mcssina", so in Grillparzers„Ahnfrau", so in den Schicksalsdramen der Müllner, Werner und Houwaldt. Und wenn Ibsen in den„Gespenstern" den Sohn an den Sünden des Vaters zugrunde gehen läßt, so ist auch das ein Zugeständnis an die Schicksalsidee. In allen diesen Schicksalsdichtungen spielt nun auch ein neues Moment eine Rolle: die Schuld. Der Fluch, der auf den Personen und Häusern lastet, ist die Folge einer Schuld, die der Ahnherr be- gangen. Die Sünden der Ahnherren werden heimgesucht an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied. Die Kinder selbst aber sind ganz unschuldig. Sie sind die Werkzeuge des Schicksals. Daß die Dichter immer wieder die Schicksalsidee zum Vorwurf nahmen, beweist, wie sehr diese Idee zu allen Zeiten von den Köpfen der Menschen Besitz ergriffen hat. Indem aber das Moment der Schuld in die Be- Handlung des Stoffes eingeführt wurde, wurde das Schicksal bis zu einem gewissen Grade wenigstens seiner Uebersinnlichkeit entkleidet. Denn die Schuld ist etwas Menschliches, setzt menschliches Handeln voraus. Zwar wurde dann die übersinnliche Gewalt des Schicksals wieder eingeführt durch die Heimsuchung gänzlich Unbeteiligter, Unschuldiger. Ein Beweis, daß die Dichter mit der Schicksalsidee nicht fertig werden konnten. Und am wenigsten ist das Schiller gelungen, dessen „Braut von Messina" denn auch gar nicht tragisch zu nehmen ist. Viel tiefer blickte schon der größte Tragiker des Altertums, Sophokles, in das Wesen des Schicksals, indem er Oedipus über feine Söhne den Fluch wegen begangener Schuld aussprecben läßt. Nun hat sich der Begriff der Schuld aber im Laufe der Zeit sehr geändert. Die Schuld Tantalos bestand in der Verhöhnung der Götter, die Schuld des Ahnherrn in der„Braut von Messina" in der Schändung des Ehebettes, die Schuld von Oswalds Vater im liederlichen Lebens- wandel. Je nachdem die Gesellschaft ihre Anschauungen über die Sittlichkeit ändert, ändert sie auch den Begriff der Schuld, wie auch den Begriff der Sünde. So strebte Goethe in der„Iphigenie" über den alten Begriff der Schuld hinaus, der noch das Geschlecht des Tantalos bezwang, indem er- den Fluchbann löste, der auf Orestes lag. Eine neue Anschauung mit neuen sittlichen Idealen war emporgekommen: die Humanitär, vor der die alte, überlieferte Anschauung von Schicksal und Schuld nicht mehr standhielt. Sie über- wand die starre Formel der Schicksalsidee und setzte die Tüchtigkeit des Menschen wieder in ihre Rechte ein. Goethe zeigte damit aber auch, daß der Begriff des Schicksals und der Schuld kein starrer, absoluter ist. Er hatte das Schicksal ja entthront und den Weg zum Glück der Menschen wieder freigemacht. Im„Faust" zeigte er, welchen Weg der Mensch gehen müsse, um die Henunungen der Traditionen zu überwinden und zu eigenem und dem Glück der Menschheit zu gelangen. In diesem Drama wurde auch das Schicksal restlos überwunden, das durch die Verkettung Fausts mit Mephisto den Menschen zu erdrosseln drohte. Ter Mensch wurde frei; frei durch die gesellschaftliche Arbeit. So ist das Schicksal keine starre Größe, kein ewig Unbestimm- bares, kein willkürliches Spiel übersinnlicher Macht V Immer bezog sich der Begriff des Schicksals, ähnlich dem der Religion, auf das Unerklärliche oder doch wenigstens Unerklärte in der Umgebung der Menschen. Je mehr aber die Menschen ihre Umgebung in Natur und Gesellschaft kennen lernten, je mehr sie die Kräfte erkannten, die in ihr wirkten, desto mehr verblaßte der Begriff des Schicksals, desto mehr verlor das Schicksal von seiner Furchtbarkeit. Als die Seeschiffahrt noch in ihren Anfängen stand, waren die Schiffer dem Wind und Wetter, den Tücken des Meeres, seinen Strömungen und Klippen und Untiefen fast wehrlos preisgegeben. Das Meer war das große Geheimnis, voller Un- geheuerlichkeiten und Unheimlichkeitcn; es war das große Unbe- kannte, und es ist erklärlich, daß die Volksphantasie es mit ge- fühle es immer mehr, wie Stuarts Gier nach dem ersehnten Erze auch mich packt, wie mich die Leidenschaft nach der düstc- ren, geheimnisvollen, schicksalsreichen Tiefe erfaßt, dieses Fieber des Bergmannes, von dem Stuart so viel zu berichten weiß.— Die ganze Leitung ist fertig. Die drei kilpfernen Adern glänzen in der Sanne; ich freue mich recht meines Werkes ilnd kann mich nicht sattsehen an den seinen Fäden, die sich in leichter Krümmung von einem Porzellanhalter zum anderen in kühnen Sprüngen die Felswände empor bis hin- auf zum Gipfel des Berges hinziehen. Es ist übrigens keine geringe Arbeit gewesen, das Kabel den engen und gewundenen Wetterschacht hinabzubringen: aber mst einiger Geduld ist auch das gelungen. Nun ist die kleine Station unter Tage glücklich im Betriebe: das Kabel der ersten Pumpe ist mit der Uebertragstrecke zu einer Art Ringleitung verbunden; das gibt außer der Strom- ersparnis gleichzeitig eine Reserve. Die Abteufpumpe, die überraschend schnell eingetroffen ist, haben wir heute endlich in Betrieb gesetzt; sie zieht das Wasser aus dem Schachte, und Stuart hat heute seit sechs Wochen die erste Stilnde verbracht, ohne über die erzwungene Muße zu fluchen. Die kleine Fördermaschine ist allerdings noch nicht angekommen, aber vorläufig können wir uns ja behelfeu und mit einer einfachen Winde und durch Menschen- kraft die Pumpe langsam niederlassen. * Richard Dickinson hat wie ein Löwe gekämpft! Ich war während der zahlreichen Konferenzen, zu denen sich tabak- rauchend und disputierend die hervorragenderen Minenlculc von Taviche in seinem Hause versammelt hatten, Zeuge von seinem Ringen. Endlich ist, schwerfällig genug, die A. E. M. T. gegründet worden. Ein jeder hatte andere Interessen, ein jeder wollte sich möglichst viele Rechte sichern, ein jeder sich an ollen Pflichten vorbeidrücken; es war ein harter Kampf. Es zeigte sich hier wieder einmal, wie ungeheuer schweres ist, selbst die offenbar guten und nützlichen Gedanken in Wirklichkeit umzusetzen, wenn es der Zustiimnung und Unter- stützung einer Gruppe von Menschen bedarf. Für jede Der- rücktheit lassen sie sich leichter fanatisieren, als durch ein nüchternes, logisches, zweckmäßiges Rcchenexempel überzeugen. Alles Verstandesmäßige ist dem Menschen angekünstelt, steht im Widerspruche mit seiner Natur; das Gefühlsmäßige. Instinktive, Leidenschaftliche, das allein ist ihm eigen. Und ich machte dabei noch die andere Beobachtung: wenn man Menschen durch Vernunstsgründe einsangen will, muß man spensterhaften Wesen aller Art bevölkerte. Das Meer war das Schicksal des Schiffers. Kam er glücklich ans Ziel, so war ihm das Schicksal günstig gewesen; litt er Schiffbruch, so hatte ihn das Schicksat heimgesucht. Heute hat das Meer fast alles von seiner schicksalsvollen Ungeheuerlichkeit verloren. Die Schiffe werden aus stahlfestem Material gebaut, das allen Weilern trotzt; die Maschinen sind so stark, daß sie jeden Widerstand der Wellen spielend überwinden; Schotten sickern das Schiff fast zuverlässig vor dem Versinken; die Funkentelegraphie kann im Augenblicke der Gefahr Notsignale nack allen Richtungen geben. Durch diesen gewaltigen Fortschrilt in der technischen Ver- vollkommnung der Seeschiffahrt ist die Sicherheit zur See so groß geworden, daß das Meer dem Menschen fast ebenso vertraut ist, wie das Land. Und ebenso wird es dereinst mit der Luflschiffahrt sein. Das Ungeheuer Schicksal, das früher auf dem Meere blindwütend waltete, ist durch die entwickelte Technik an die Kette gelegt worden. Und während früher der Schiffer sorgenvollen Blickes den gewitter- schweren Himmel sich zusammenziehen sah, achtet er heute kaum noch der heraufziehenden Wetter. Und mag auch das Unwelter los- brechen, so fitzen die Passagiere doch unbekümmert in den Kajüten, in den Salons, spielen Billard oder Fußball, turnen und schwimmen, lassen sich ungestört die auserlesensten Leckerbissen munden und die Sektpfropsen knallen. Man bat die Kräste kennen gelernt, die die Gewalt des Meeres überwinden; das Schicksal ist nicht mehr Herr über den Menschen, sondern der Mensch ist Herr über das Schicksal geworden. So begegnen wir überall der Tatsache, daß der Mensch durch die tiefere Kenntnis der Natur das Wirken des Zufalls und des Schicksals in sehr engen Grenzen zurückdrängt, bis er es schließlich völlig ausschaltet. Es ist geradezu der hohe Beruf des Menschen, in dieser Richtung zu wirken und jeder Fortschritt, den er auf dem Wege zur Herrschaft über die Natur macht, nimmt dem Schicksal etwas von seiner Herrschaft über den Menschen. Je größer die Macht des Schicksals, d. h. der noch unerkannten und ungebändigten Weltkräfte ist, um so geringer ist die Macht des Menschen. Und umgekehrt. Durch die noch unverstandenen Kräfte in Natur und Gesellschaft wirken Zufall und Schicksal. Aber die Menschen arbeiten unablässig daran, die Herren ihres Geschickes zu werden. Wenn nun aber in der heutigen Kriegszeit dem Walten des Schicksals wieder eine so große Bedeutung beigemessen wird, so er- klärt sich daS gar nicht schwer. Dieser gewaltige Krieg ist ja an« ein Kampf der physischen und psychischen Menschenkraft gegen die Technik. Nur weil die Kriegstechnik in allen ihren Verzweigungen eine so ungeheure Höhe der Entwicklung erklommen hat, daß der Mensch ihr gegenüber fast machtlos erscheint, deshalb scheint dos Schicksal wieder mit so unerbittlicher Gewalt zu wirken; deshalb sind die Menschen fast wehrlos dem Zufall preisgegeben. Der Mensch steht seinem eigenen Produkt sozusagen machtlos gegenüber: die Rolle, die früher die Naturgewalten im Leben der Menschen spielten und die sie bis zu einem gewissen Grade ja auch beute noch fvielen. diese Rolle unbegriffener Elementarmacht hat im Kriege die Technik übernommen. Sie hat Gewalt über den Menschen ge- Wonnen: darum erscheint sie ihm so rätselvoll in ihrer Wirkung und vom Zufall beherrscht. Darum sieht er hinter den feindlichen Kanonen und Maschinengewehren die Hand des Schicksals. Das Werk der Menschen steht auf gegen seine Erzeuger, um sie zu ver- nichten. lind die konzentrierte physische und psychische Energie, die die Erfindungsgabe der Menschen in die Kriegswerkzeuge zusammen- preßte, ist mächtiger als die in Individuen aufgelöste Energie der Menschen. Aber dieselben Kräfte, die nun Tod und Verzweiflung unter Millionen Menschen bringen, würden ungeahnten Segen verbreiten, wenn sie im Dienste der werteschaffenden Arbeit ständen. Dann wäre der Mensch wieder Herr seines Werkes, das ihm nun über- mächtig und vom Schicksal geleitet erscheint. Der Krieg stellt die Menschen auf jene Kulturstufe, wo das Leben von Rätseln und Un- begreiilichkeiten völlig beherrscht wurde, wo man das Schicksal als die dämonische Macht ansah, gegen deren Willen der Mensch zu wirken sich straflos nicht vermessen durste und um deren Bändigung man seinen Gott anflehte. Jni Dienste der Arbeit aber würde alles Unheimliche vom Wirken der Technik schwinden; die Menschen würden ihr Werk nach ihrem Willen lenken und millionenfältigen Segen würde es über die Menschheit bringen. Schicksal und Zufall würden aus dem Reiche des menschlichen Geistes vertrieben. Die Menschen aber würden zu Herren ihrer selbst, zu Herren des Schicksals, zu den Herren der Welt. W. Herold. sie durch Einzelbearbeitung ins Garn locken; um die Leiden- schaften zu entfachen, bedarf es des Resonanzbodens der großen Versammlung, dainit ein leise angeschlagener Akkord mächtig in allen widerdröhnt.— Jedem Menschen, der auch nur den allergeringsten tech- irischen Verstand hat, muß es einleuchten, daß hier etwas von großer Nützlichkeit und damit von guter Rentabilität geschaffen werden soll. Aber trotzdem kam es jedem einzelnen recht sauer an, sich in dem immerhin erheblichen Umfange zu binden. Alle diese jungen Unternehmungen leiden am Kapitalmangel. Dazu muß man die allgemeine Lage berücksichtigen: der ganze Distrikt befindet sich noch keineswegs in einem Zustande der Beruhigung; nach mehr als einem halben Jahrhundert tiefen Winterschlafes waren vor kaum fünf Jahren die ersten Anfänge gemacht worden, neues Leben aus den Ruinen er- blühen zu lassen; da war noch viele Unsicherheit, ob sich all diese Gruben, all die hier aufgewandten Gelder und An- strengungen wirklich belohnt machen würden; da wechselten noch häufig die Besitzer: die einen, weil sie mit zu schwachen Mitteln an zu große Aufgaben herangetreten waren, die sie dann Leuten mit stärkeren Hilfsquellen überlassen mußten; die anderen, weil sie sich in der einen oder anderen Hinsicht enttäuscht sahen, iiiid rasch entschlossen den Staub des Tales von Oaxaca von ihren Füßen schüttelten, um in einem ge- segneteren Himmelsstriche die erträumten goldenen Früchte zu ernten. Endlich spielten allerlei politische Erwägungen mit; überall im Lande hörte man die Nachrichten von einer nationalen Gärung gegen die amerikanischen Ausbeuter; an einigen Plätzen im Norden des Landes ist es bereits zu offenen Arbeiterrevolten gekommen, die mehr nationalen als sozialen Charakter haben. Noch hält ja der greise Präsident des Reiches alle unruhcstiftenden Kräfte mit eiserner Hand, der gefürchteten„mano dura", in Schranken; wird er aber immer gegen die ihm feindlichen Strömungen ankäinpfen können? Und wenn ibn eine glückliche Revolution Vertriebes Gegen alle diese Uncntschlosscnhcitcn, diese Vorsicht, diese Argumente hat Dickinson anzukämpfen gehabt, und doch hat er durch seine Unermüdlichkcit. seine Standhaftigkeit und sein gutes Beispiel das Unmögliche möglich gemacht: die A. E. M. T. wurde gegründet, die 50 000 Pesos wurden in die Nationalbank von Meriko eingezahlt— Powell hat seltsamerweise ohne Murren die 5000 Pesos des Jmparcial be- willigt— und die Konsumkontrakte sind gezeichnet. Auf dieser Basis konnte also weitergearbeitet werden— und Dickinson forderte mich auf, nun das Meine zu tun! (Forts, folgt.) Die vergnügten pePmiftsn. Der Philosoph des Pessimismus fand zu Lebzeiten kaum Bc- achtung, geschweige denn Anerkennung. Heute gibt es eine Schopenhauer-Gesellschaft, die auch in diesem Jahre, obgleich ihr das„von sehr beachtenswerter Seite nahegelegt wurde", aus ihre festliche Generalversammlung nicht verzichtete. Man trat fünf Tage lang in Düsseldorf zusammen. Ein F e st t r u n k eröffnete die Tagung, wobei der Ober- bürgermeister die Gäste begrüffte. Am andern Tage, bei der ersten Sitzung, tat er das noch einmal, und dann i'prach man über Schopenhauers Verhältnis zur gegenwärtigen Weltlage, über das man mit Recht geteilter Meinung war. da ja bisher keine perfön- liche Aeutzerung des Philosophen zu diesem Thema vorliegt. Am folgenden Abend vereinigte man sich zu einem„vortrefflichen F c st mahle". Hierüber sagt der osfizielle Bericht u. a.: „Anknüpfend an die Fabel von dem Esel, welcher von Vater und Sohn schließlich auf den Schultern in die Stadt getragen wurde, behauptete der Vorsitzende, daß es ihnr oft unmöglich sei, allen Wünschen gerecht zu werden; während die einen die Haltung im Jahrbüch und Einladungsschrist allzu deutschfreundlich fänden, habe man andererseits die nionströse Forderung erhoben, alle Mit- glieder der feindlichen Staaten aus der Gesellschaft auszuschlieffen; — während viele die zur Anknüpfung persönlicher Beziehungen ver- anstalteteii Festlichkeiten hochwillkommen hießen, habe ein anderes Mitglied großen Anstoß daran genommen, daß man bei der Frankfurter Tagung in dein von Schopenhauer be- Ivohnten und dadurch geheiligten Hause die Gesellschaft zu einem f e st l i ch e n F r n h st ü ck eingeladen habe;— und so habe es auch nicht an Stimmen gefehlt, welche der diesjährigen Tagung einen Mißerfolg voraussagten, während der Verlauf der heutigen Sitzungen sowie das gegenwärtige Festmahl den ficht- baren Beweis des Gegenteils erbracht habe. Ihm erwiderte der Herr Oberbürgermeister, daß der Vorredner trotz Schopenhauer noch so viel Optimismus besitze, es allen rechtmachen zu wollen, während ihn selbst die Erfahrung darüber belehrt habe, daß es un- möglich sei, alle Wünsche zu befriedigen, und daß man sich begnügen müsse, zu tun, was man nach bester Ueberzeugung für das Rechte und Ersprießliche halte. Noch andere Reden erfreuten durch eine poetische Bismarckvifion und die sympathischen Aeußerungen eines holländischen Mitgliedes die Versammlung, welche durch ihr Zusainnienbleibeii bis gegen Mitternacht bewies, daß man sehr wohl die herbe Ethik Schopenhauers billigen und doch dabei ein f r ö h l i ch e s H e r z be- wahren könne..."' Vom dritten Tage heißt es u. a.: „In der Abenddämmerung konnte man fröhliche Paare und Gruppen in dem weiten, schönen Garten des Malkastens lustwandeln sehen; später vereinigte sich alles zu animierter Unterhaltung in einem besonderen Saale dieses berühmten Sammelpunktes der Düsseldorfer Künstlerwelt." Der vierte Tag brachte einen Ausflug nach Benrath: „... Ein gutes Mittagsmahl im Hotel Hesse gab der Gesellschaft die Kraft zur halbstündigen Wander uitg durch den herrlichen Schloßpark mit seinen uralten Riesenbäumen bis an den Rhein, wo ein für uns bestelltes Motorboot die ganze Gesell- schaft aufnahm und in genußreicher Rheinfahrt nach dem mittel- alterlichen Städtchen Zons führte. Hier erwartete uns in einem Hotel am Rheine an langer, festlich geschmückter und reichbesetzter Tafel der Kaffee, bei welchem ein freudiges Hoch auf den ungenannten Geber, dem man alle Veranstaltungen des Tages verdankte, auS- gebracht wurde... ... Schnell führte der Zug die frohe Gesellschaft von Benrath nach Düsseldorf zunick, wo man sich zum Abschieds- trunle in der Tonhalle zusammenfand.— Aber das Abschied- nehmen war nach so reichen Eindrücken und nach dem Anknüpfen so wertvoller Bekanntschaften nicht leicht zu bewerkstelligen, und da auch die zur Verfügung stehenden Mittel noch nicht erschöpft waren, beschloß die Gesellschaft, am folgenden Tage noch eine weitere Exkursion zu unternehmen." Man fuhr also am fünften Tage nach Kaiserswerth: „... Hier ivurde vor dem Hotel zum Burghofe im Angesichte des alten Kaiserschlosses all sonniger windgeschützter Stelle das Mittagsmahl im Freien eingenommen.... ... Beizeiten mußte aufgebrochen werden, denn noch stand für den Abend ein letzter, nicht geringer Genuß bevor." Man ging nämlich ins Theater, um sich an den„drolligen Situationen" von Shakespeares Lustspiel„Was ihr wollt"—„n ä ch allen Anstrengungen der letzten Tage" zu erholen." Der Krieg hat vieles auf den Kopf gestellt. Zu seinen erfreu- lichsten Leistungen gehört es, daß er kubistische Bilder geschaffen hat, die man ohne Kommentar verstehen kann lwir sahen solche im „Sturm"), und daß er die organisierten Pessimisten zu fröhlichen Menschen umschuf, die den Willen zum Leben entschieden bejahen. Wir stehen wirklich an einer Weltenwende. Theater. Lessingtheater.„Seine einzige Frau", Lustspiel von Julius Magnussen. Der Däne Magnussen, dessen vor Jahren in Berlin aufgeführte Komödie„Der große Tote" durch einen frischen Zug burlesker Satire interessierte, macht es sich hier bequem.� Er ahmt den Stil jener Pariser Plauderstücke nach, welche die sonst üblichen Motive des Pariser Schwankes, auf dessen toaghalsige UeberraschungStricks verzichtend, in spielerischer Konversationsform, auch gern mit einem eventuellen Einschuß von„Gemüt" behandeln, indes bei diesen, ihren vornehmeren Allüren und psychologischen Sentiments im Grund auch nur, wie jene Posse, statt Menschen auf Draht gezogene Puppen bringen. Man wird den Eindruck einer nach Rezepten arbeitenden Rechnung, die dort auf Anstiftung bunten Trubels, hier auf irgend- welche erklügelten Experimente eingestellt ist, nicht los. Und immer dreht sich das Spiel in jenem kleinen Kreis privile- gierter Nichtstuer, der sich in seiner Abgetrenntheit von allem, was dem Leben irgendwie Gehalt gibt, als die„Welt" bezeichnet, und in der Halbwelt die notwendige Ergänzung findet. Ein reicher, dreimal bereits geschiedener Lebemann, der seine Unbeständigkeiten in der Liebe aus seiner allzu temperamentvollen Empfänglichkeit für die Musik erklärt, begegnet einem hübschen Mädchen, dem er verliebte Blicke zuwirft; er erfährt, das Fräulein sei seine eigene Tochter aus der ersten Ehe, und suggeriert sich darauf eiligst zärtlich väterliche Empfindungen. Es entzückt ihn, daß er nun für ein anderes Wesen sorgen kann, um so mehr, als er nach ihre» toleranten Scherzen annehmen darf, sie werde im Zusammenleben ihm lveitere Seitensprünge nicht verübeln. Das gibt die stilgemäße Folie für das Idyll im Haus seines Neffen. Der junge Herr hält es für chik, daß Ehe- leute sich möglichst wenig um einander kiimmerit. Er hat seine Kaffeehaus- und Literatenvorstellung vom„Weibe", dem das eigene Frauchen zu seinem Leidwesen, meint er, nicht ent- spricht. Zu einfach, offen und vernünftig dünkt sie ihm. Bis sie ihm endlich einen Streich spielt, der seine Eifersucht aufstört. Ein großer Mime hat's ihr angetan, und freudestrahlend sagt sie ihm gleich nach dem ersten Zusammentreffen am Telephon ihren Besuch zu. Dieser müde Herzensbrecher, der sich trotzdem ein.Herz getoahrt hat, von Kurt Götz vorzüglich dargestellt, ist die geschickteste Rolle in dem Stück, doch aber auch nur Rolle. Die Unterhaltung mit dem journalistischen Interviewer, die Auseinandersetzung mit der ge- schiedenen Gattin, die den berühmt Gewordenen von neuem kapern möchte, sind voll witziger Pointen. Pikant und bühnenwirksam bei mancher inneren Unwahrheit ist auch die Liebesszene, in der die Dame erst nach sehr beträchtlichen Ver- zögerungen sich auf die ihr in dem ersten Akt attestierte Anständigkeit besinnen darf. Der Versuch im Gegensatz zur gewohnten Theaterkonvention der Geschichte durch das Erscheinen des Ehemanns bei dem Rivalen eine originelle Wendung zu geben, mißlang, und mutete am Ende noch schemenhafter als die sonst übliche Schablone an. Dem Gatten sind seine Theorien von der Unvermeidlichkeit des Ehebruchs offenbar derart zu Kopf gestiegen, daß er's zu keinem rechten Zorn bringen kann. Er redet allerhand konfuses Zeug und rührt dadurch das Mitleid in des andern Seele. Als gute Freunde gehn sie auseinander und der Mime fährt sofort im Auto zu der jungen Frau, um sich mit einem Blumenstrauß für immer zu verabschieden. Nun ist der Peter Andreas wieder der einzige Mann. Daß er um sie gebangt hat, löscht alle üble Laune in ihr aus— auch die Erinnerung, wie nah sie selbst dem Fall ge- Wesen. Sie fühlt sich als großmütig Verzeihende und der Beglückte will sich künftig bessern. Eine sehr fein gearbeitete Aufführung berhalf der Kleinigkeit zu freundlichem Applaus. Sieben Herrn Götz sind namentlich Traute, Dumke-Carlsen, die die junge Frau reizend natürlich spielte und F o r r e st S weißköpfiger Lebemann-Onkel mit dem weinroten gutmütigen Gesicht und dem sanften, elegisch ab- gestillten Organ zu nennen. ckt. kleines Zeuilleton. f\ü$ öer Physiologie öer Zelle. Es ist schon seit langem bekannt, daß für den Ablauf deS Lebens der Zelle das Zusammenarbeiten von Kern und Protoplasma nötig ist. Wenn man von einer einzelligen Amöbe mit Hilfe eines ge- eigneten Instrumentes ein Stück Protoplasma amputiert, ohne daß man ein Stück des Kernes mitbekommt, so ist daS abgetrennte Pro- toplasmaftiick nicht lebensfähig; obgleich es noch imstande ist, eine bestimmte Zeitlang Bewegungen auszuftihren und Nahrung zn fangen, so ist eS doch nicht imstande, die Nahrung zu verdauen und zu assimilieren, so daß eS nach einiger Zeit unfehlbar dem Tode verfällr. Ebenso geht ein vom Protoplasma isolierter Kern— Verwarn hat solche Experimente an Einzelligen ausgeführt— unfehlbar zu Grunde. Nun hat, wie das„Archiv für Protislenkunde" be- richtet, Karl Gruber diese Frage wieder aufgenommen und dabei einen außerordentlich interessanten Befund erhoben. Grubcr hat nämlich neun Zehntel des Protoplasmas von Amöben wegamputiert, so daß Kerne zurückblieben, die nur V,n deS normalen Protoplasmagehalts um sich hatten. Und diese verstümmelten Amöben blieben trotzdem am Leben, konnten Nahrung fangen, verdauen und assimilieren, schließlich wieder zu normalen Amöben heranwachsen und sich teilen. Wir ersehen aus diesen Versuchen von Gruber, wie außerordentlich gering die Proto- plasmamenge sein kann, die zu einem normalen Funktionieren der Zelle neben idem Kern vonnöten ist. Dieser Befund ist insofern interessant, als die künstlich proto- plasmaarm gemachten Amöben von Gruber in den natürlichen Ver- hältnissen ihre vollkommene Analogie haben, nämlich in den Samen- z e l l e n, wo die Protoplasmamenge aus einen ganz geringen An- teil reduziert ist. In der Samenzelle besteht die Hauptmasse, der Kopf des Kernfadens allein aus Kernsubstanz, nur der dünne und unscheinbare Faden oder die bewegliche Geißel aus Protoplasma- substanz. So ahmeir die Versuche von Gruber bis zu einem gewissen Grade das Verhältnis nach, wie eS bei der Samenzelle in Wirklich- keit vorhanden ist. In den verschiedenen Vererbungstheoricn wird heute der Schwer- Punkt im Kern gesucht, weil der Augenschein uns lehrt, daß die Samenzelle namentlich aus Kernsubstanz besteht. Aber die neuen Versuche von Gruber sagen uns, daß diese einseitige Berücksichtigung der Kernsubstanz in der Diskussion von Vererbungstheorien nichi gerechtfertigt ist, daß die Annahme, daß allein der Kern der Träger der Vererbung ist, unrichtig ist. Zum normalen Ablauf des Stoff- wechseis der Zelle gehört stets und unbedingt eine bestimmte, wenn auch geringe Menge von Protoplasma, und ganz geringe Mengen von Protoplasma sind geeignet, den Stoffwechsel der Zelle oder der lebendigen Substanz so zu beeinflussen, daß er überhaupt erst er- möglich! wird. Wir haben also gar keine Veranlaffung, nur vom Kern als dem„Träger der Vererbung" zu sprechen, weil uns in der männlichen Fortpflauzungszelle namentlich die Kernsubstanz an Masse imponiert: die ganze Samenzelle ist Träger der Vererbung. ikin viereinhalb Jahre anüauernüer Schlafzusianö. Einen einzig dastehenden Fall von ununterbrochener viereinhalb Jahre dauernder Schlafsucht hat Prof. Eulenburg in Berlin bei einem 51 Jahre alten Mann beobachtet. Der Zustand stellte sich im Anschluß an eine Kopfverletzung beim Aussteigen aus der Tram- bahn ein. Der Patient lag in stets gleichbleibender Haltung bc- wegungsloS im Bett. Nach Ablauf dieser Zeit erwachte er, und zwar erfolgte das Erwachen ganz allmählich. Der gesamte Ein- druck war der eines aus einem tiefen. Schlaf langsam Erwachenden, noch gänzlich Verträumten. Es erfolgte nunmehr eine weiter fort- schreitende allmähliche Besserung. Der Blick Ivurde belebter, der Patient fing an, sich allein an- und auszuziehen und Bewegungen zu machen. Er blieb zunächst den ganzen Tag auf, lag aber in der Regel nachts mit geöffneten Äugen schlaf- loS. Dann fing der Patient an, wieder regelmäßig zu schlafen, er aß und trank reichlich, nahm infolgedessen an Körpergewicht zu. Von den Erlebnissen, die zu seiner Erkrankung führten, wußte er nicht das geringste, er erinnerte sich aber, daß er ein Amt gehabt, daß er dieses jedoch verloren habe. Bald konnte er sich jedoch um eine für ihn geeignete Bureaustellung bewerben, er harte auch das Glück, eine solche zu finden und ist darin seit längerer Zeit zur Zufriedenheit seiner Vorgesetzten tätig. Er arbeitet dort täglich längere Zeit, sein körperliches Befinden ist befriedigend, und außer der fahlen Gesichtsfarbe erinnert nichts inehr an die frühere schwere Krankheit._ Die veröaulichkeit öer pilZe. Die Nachprüfung der Nährwerte des Friedenlbalschen Stroh« mehles führte Lewy und von der Heide auch zu Untersuchungen über die Verdaulichkeit der Pilze. Die Ergebnisse dieser Arbeit wurden in der physiologischen Gesellschaft in Berlin vorgetragen. Daß die Pilze, so wie sie gewöhnlich genoffen werden, trotz ihrem reichen Gehalt an organischen und besonderen stickstoffhaltigen Be- slandteilen ein verhältnismäßig penig wertvolles Nahrungsmittel sind, ist seit langem bekannt. Es liegt dies wohl an der schlechten Aus« Nutzung ihres Nährstoffinhalts. Es war daher der Gedanke naheliegend, das Friedenthalsche Prinzip der feinsten Vermahlung hier bei einem an Nährstoffen reicheir Nahrungsmittel anzuwenden und so festzustellen, ob hierdurch die Ausnutzung gebessert würde. Die beiden Untersucher haben an sich genaue siebentägige Stoffwechselversuche mit feinst vermahlenen Steinpilzen angestellt. Durch die mehlfeine Vermahlung wurde aber keine Verbesserung in der Ausnutzung erzielt. Das Prinzip der feinen Vermahlung der Vegeiabilien zum Zwecke der befferen Nutzbarmachung ihres Inhalts für Ernährungszwecke hat demnach keine allgemeine Gültigkeit. Notizeo. — Vorträge. Heute Dienstag, den 15. Juni, findet sin Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht tPotsdamer Str. 120) zur Er- läuterung der Sonderausstellung„Schule und Krieg" ein letzter Vortragsabend statt. Geh. Oberregierungsrat Dr. Pallat spricht über„Kriegszeichnungen von Schülern". Im An- schluß an den Vortrag wird eine Auswahl aus den für die Aus- stellung eingesandten Schülerzeichnungen vorgeführt. Beginn 8 Uhr pünktlich, Eintritt frei. — Bücher haben ihre Schicksale. Der flämische Schriftsteller Stijs Streuvels ist wegen seinem ziemlich objektiv gehaltenen Kriegstagebuches, aus dem auch der„Vorwärts" Proben veröffentlicht hat, von belgischen Zeitungen beschimpft worden. Andererseits haben deutsche Beurteiler aus der Objeklivitäi dieses Literaten ganz ungerechtfertigte politische Schlüsse gezogen. Wie die „Vlaamsche Stem" mitteilt, sind die vielumstritlenen Bündchen des Streuvelsschen Tagebuches jetzt im deutschen Etappengebiet ver- boten worden..... — d'Annunzio kein Pole. Die Meldung des„Neuen Pester Journals", daß nach Mitteilungen des ehemaligen österreichischen Ministers deS Aeußern, Grafen GoluchowSki, d'Annunzio polnischer Abkunft, sein Vater ein Advokat Dr. Rappaport gewesen sei, wird jetzt dementiert. Die„Oesterreichisch-Jsraelische Union" hat bei dem Minister GoluchowSki angefragt, ob diese Behauptung zutreffend ist, und die Antwort erhalten, daß er niemals eine solche oder ähnliche Aeußerung getan habe. — lieber den Ausdruck„Katzelm acher" für die Italiener gaben wir vor kurzem eine Erklärung. Die„Frankfurter Zeitung" hat inzwischen eine ganze Reihe verschiedener Deutungen gebracht und schreibt nun u. a.:„Mehrere Zuschriften suchen und finden den Ursprung deS Wortes auf einem ganz anderen Gebiete, nämlich auf dem der geschlechtlichen Verhältnisse; sie gehen mein von dem italienischen cazzo aus. Die Beweise für diesen Ur- sprung scheinen uns nicht durchschlagend zu sein; es sprechen dafür nicht nur etymologische Bedenken, sondern vor allem der Umstand, daß die Zotenhaftigkeit bei der Aus- teilung von Spitz- und Spottnamen wohl ver Romanen und Slawen, nicht aber bei Germanen angetroffen wird. Es müßte denn sein, daß die Alpen-Deutschen, die den Italienern das„Katzelmacher" aufgehängt haben, sich dieser Bedeutung des Wortes nicht bewußt waren." Diese„Wissenschaftlichkert" ernes so großen Blattes ist beschämend. Bekanntlich find alle Sprachen von volkstümlich derben erotischen Ausdrücken durchsetzt, die man beim„Feinde" natürlich— Zotenhaftigkeit nennt! — Gegen das Esperanto richtet sich jetzt eine eifrige vaterländische Propaganda auS Kreisen des Deutschnationalen Handlungsgehilfenverbandes. Das bringt manchen begeisterten Esperantisten in einen schweren Konflikt zwischen seinem Steckenpferd und seinem Patriotismus. Wir sehen der Zuspitzung dieser Gegen- sätze mit aufrichtiger Besorgnis zu. — Eine Tauchtiefe von 88 Meter wurde nach der „Zeitschrift des Vereins deutscher Ingenieure" bei den Bergungs- arbeiten des bei Honolulu gesunkenen Unterseebootes„F 4" der Marine der Vereinigten Staaten erreicht. Die Luft wurde hierbei dem Taucher aus einem Druckbehälter anstatt wie bisher durch eine Handpumpe zugeführt. Beim Auftauchen machte der Taucher in verschiedenen Tiefen Pausen, um den Druck nach und nach aus- zugleichen._ URANIA Taubenstraße 48/49. 8 Uhr: Zum ersten Male: An den Grenzen von Südtirol und Italien. oigft-Tlieater. Badstr 58. Badstr. 58. BOT' Täglich: Gme Macht in Kerlin Volksstück mit Gesang in 8 Aufzügen. Erstklassiges Variete Kajsencröfsnung 10 Uhr. Ans. 4 Uhr. i�Qse-IKeater. s'/.ühr Unsere Practitmädels. Gartonbühne: Die Försterchristi. Walhalla-Theater. e uhr: Eine Meile in der Minute. Theater iür Dienstag, den 15. Juni. Berliner Theater s uhr: Extrablätter! Deutsches Künstler-Theater 8',.Uhr Die Schöne vom Strand Deutsches Opernhaas, Charlottenb. 8 uhr: Iphigenie in Aulis Frledrich-Wilhelmstädt. Theater 8'/. u.: Eine unmögliche Frau, Kleines Theater 8 uhr: Jettehen Gebert Licssin g-Theater 8 uhr: Seine einzige Frau JUnstsplclbans sff.u.: Herrsehaltl. Diener gesucht Kontls Operetten-Theater s uhr: Hoheit tanzt Walzer Schiller-Theater O. 3 uhr: Der blinde Passagier Schiller Th. Charlottenbg. 8 uhr: Wohltäter der Menschheit Thalia-Theater 8 uhr: Der Rauh öerSahinerinnen Striese, Theaterdirektor: Kgl. Sachs. Hofschauspieler Hanns Fischer als Gast. Theater am BioIIendorfpI. 8>/. u.: Immer feste druff! Theater in der KSniggräfzer Straße 8 uhr Rauseh Theater des'Westens 8 Uhr: Der brave Fridolin Trianen Theater sv.uhrDie Heiratssehuie Volksbühne.Theafer am Bülowplafz s'/.uhr Die Lokalbahn, oiemedame Guido Thielscher „Venus im Grünen". Operette in 1 Akt. v. Rud. Lothar. Husik von Oskar Straus. Mitwirkende: Else Berna Lotte Werkmeister Thalia-Theater, Berlin Karl Bachmann Julius Spielmann sowie der vom Publikum und Presse glänzend beurteilte dnni Spielplan. fc/l/rk&vt- e/r- cJtiw 3fe|4* Reiehshallen-Tbeater. Stettiner Sänger. Ans. 8 U. Zum Schluß: Militärisch. Zeit bild von Meysel. Wilitärpersonen u. deren Angehö- rigen vollkommen freier Zutritt zu d.Stetl. Sängern. Zll M OtnnDen - Die-- Wochenschrift für Arbeiterfamilien Wöchentlich 1 Heft für 10 Pf. TSol 8 Uhr. Sonntags S1/, u. 8 Uhr Kin Programm, von dem Berlin spricht! R. Stcidl— H. Bender Sämtl. Schlager neu für Berlin Adelmanns? Palni? u. die weiteren auserwählten Junl-Spezialitttten. Kl. Preise. Angen. kühl. Aufenthalt Heines Werke > Z Lände 4 Mark- Buchhandlung Vorwärts H.& P. Uder, Berlin SO.!<>> Engfeldfer 5. Tabak-dilroühandlnng und Tabakfabrik. Spezialität: Nordhäuser Kautabak von Q.*1. Kanewacker, Qrimm a Triepel. ' Stets frisch zu den aullers den Kngrospreisen.- � Amt �loritxpl. 3014. Gartcnhühne: Apollo-Sänger.__,----------------------------------------------—---— o~----------.________-— r. — Wcraulwortlicher Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln. Für den Jnjeratenteil verantw.: Th. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag:«orwärtg Buchdruckeret u. Verlagsanstalt Pauk Singer 61 Co, Berlin bW,