Nr. 139.- 1915. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Doonerslllg, 17. Imii. Der Schmieö. Von Emile Zola. Der Schmied war ein großer— der größte Mensch in der Gegend, mir knorrigen Schultern, Gesicht und Arme geschwärzt von den Mammen der Esse und dem Eisenstaub der Hämmer. In seinem viereckigen Sckiädel unter dem buschigen Haar leuchteten große blaue Ainderaugen, blank wie Stahl. Er zog ein breites Gesicht und lachte— keuchend wie der Riesenatem seines Blasebalges. Und wenn er mit einer Gebärde zufriedener Macht die Arme hob-- eine Gebärde, an die ihn die Arbeit am Amboß gewöhnt— schien er seine Minfzig noch fröhlicher zu tragen, als er.die Jungfer" hob, einen Eiscnblock von fünfundzwanzig Psund, eine furchtbare „Jungser", die nur er allein tanzen lassen konnte. Es war an einein Herbstabend, als ich den Schmied zun: ersten Male sah. Er schmiedete das tschar eines Pfluges. Das offene Hemd ließ die rauhe Brust sehen, und jeder Atemzug zeigte die Ringe des Brustkorbes. Er bog sich zurück, nahm einen Anlauf und ließ den Hammer niedersausen. Und das geschah ohne Pause, mit einem beständigen, geschnreidigen LSiegen des Körpers, mit einem tadellosen Spiel der Muskeln. Der Hammer beschrieb einen regelmäßigen Kreis, riß Fimleir mit fort und ließ einen Blitz- strahl hinter sich. Das war die.Jungfer", die der Schmied so init beiden Händen tanzen ließ, während sein Sohn, ein Bursche von zwanzig Jahren, das glühende Eisen mit einer Zange hielt und ebenfalls draufschlug— mit dumpfen Schlägen, denn der Funkentanz der.Jungfer" dämpfte sie..Tocktock... tocktock..." ES war wie die Stimme einer Mutter, die das Kind beim ersten Stammeln seiner Lippen ermutigt. Die.Jungfer" tanzte noch immer, wobei sie den Mitter ihres Gewandes schüttelte und die Spur ihrer Absätze in die Pflugschar prägte, die sie immer voll- kommener formte, so oft sie auf den Amboß uiedersauste. Blutrot rrgosien die Mammen sich zur Erde und erhellten die Gestalten der beiden Arbeiter, deren große Schatten sich in die finsteren Ecken der Schmiede reckten. Nach und nach verblaßte das Muer, und der Schmied hielt inne. Geschwärzt und auf den Hammerstlei gestützt, stand er da und wischte den Schweiß nicht einmal fort, der ihm auf der Stirn perlte. Ich borte seinen Atem noch in dem Brausen deS Blasebalges, den sein >sohn zog— mit langsamer Hand. Abends schlief ich im Hause des Schmiedes, und ging dann nicht wieder fort. Er batte oben über der Schmiede ein Zimmer frei, das er mir anbot. Schon vor TageSgrauen um fünf Uhr lebte ich das Tagewerk meines Gastgeber? mit. Als ich erwachte, war das ganze HauS von Lachen erfüllt, und dieser Frohsinn belebte c? bis zum späten Abend. Unter mir sausten die Hänmier auf und nieder. ES war, als wollte mich die„Jungfer" aus dem Bett werfen, indem sie an die Decke klopfte und mich als Faulpelz betrachtete. Die ganze ärmliche .Kammer mit dem großen Schrank, dem Tisch ans locißem Holz und den beiden Stühlen knarrte und mahnte mich zur Eile. Ich mußte hinuntergehen. Unten fand ich die Schmiede schon von rotem Licht erfüllt. Der Blasebalg keuchte, eine blaurosa Flamme stieg von der Kohle auf. die wie ein rundes Gestirn zu leuchten schien in dem Winde, der die Glut höhlte. Inzwischen legte der Schmied die Arbeit für den Tag zurecht. Er rangierte Eisengegenstände in den Ecken, wendete Pflüge um und prüfte Räder. Als er mich gewahrte, stemmte er die Fäuste in die Hüften, der würdige Mann, und lachte mit breitem Munde. Es machte ihm Spaß, mich um fünf Uhr aus dem Bett gebracht zu haben. Ich glaube, er hämmerte morgens nur aus Kurzweil so eifrig— um mit dem Klang seines HämmernS das HauS zu wecken. Er legte feine großen Hände auf meine Schultern, neigte sich zu mir. als spräche er mit einem Kinde, und meinte, ich sähe södon viel wohler aui, seitdem ich in seinem Reich des Eisen» lebte. Und auf einer alten umgestürzten Karre sitzend, tranken wir täglich eine Flasche Weißwein. Oft brachte ich nun einen Tag in der Schmiede zu. Besonder» im Winter bei Regenwetter setzte ich keinen Fuß vor die Tür. ES interessierte mich sehr. Wie ein mächtige» Drama fesselte mich dieser ewige Kampf de« Schmiede» mit dem rohen Eise», da» er nach icinern Belieben formte. Ich folgte dem Metall vom Feuer zum Amboß und war stet» auf» neue überrascht zu sehen, wie eZ sich unter den sieghaften Händen des Arbeiter» bog, dehnte und krümmte gleich weichem Wachs. So oft ein Pflug fertig war, kniete ich davor nieder nnd kannte die formlose Masse von. Tage vorher nicht wieder. Ich prüfte die Teile und träumte. Hände von könig- licher Macht hätten sie ergriffen und mit Hilfe de» Feuers so g'e- formt. Zuweilen lächelte ich bei dem Gedanlen an ein junges Mädchen, doö ich einst ganze Tage long an meinem Fenster gegen- über bemerkte, wie es mit seinen zarten Händen Kupferdrähte wand, auf denen es mit einem Seidenfaden künstliche Veilchen befestigte. Nie klagte der Schmied. Nachdem er vierzehn Stunden lang Eisen gehämmert, sah ich ihn am Abend gutmütig lachen, wobei er sich zufrieden die Arme rieb. Nie war er' traurig. nie müde. Er hätte mit seinen Schultern das Haus gestützt, wenn es zusammengebrochen wäre. Im Winter meinte er, in seiner Schmiede sei es ganz angenehm. Im Sommer sperrte er die Tür weit auf und ließ den Duft des Heus herein. Als es zum Sommer ging, setzte ich mich eines Abends zu ihm vor die Tür. Die Schmiede stand auf halbem Abhang und man übersah daS Tal in seiner ganzen Breite. Er freute sich über diesen weiten Teppich beackerter Felder, die sich am Horizont verloren in den bellen Lilafarben der Dämmerung. Und oft scherzte der Schmied. Er sagte, alle diese Felder ge- hörten ihm, und seit über zweihundert Jahren liefere die Schmiede die Pflüge für die ganze Gegend. Das wa,r sein Stolz. Keine Ernte wüchse ohne ibn. War die Ebene im Mai grün und gelb im Juli, so verdanke sie ihm diese wechselnden Seidenfarben. Er hing an der Ernte wie an seinen Töchtern, und schwärmte sür die Sommersonnc. Zogen Hagelwolken berauf, so drohte er ihnen mit der Faust. Oft zeigte er mir in der Ferne irgend ein Feld. das weniger breit erschien als sein Rücken, und erzählte nur, in welchem Jahre er einen Pflug für diesen Hafer- oder Roggenacker geschmiedet. Zur Zeit des PflügenS warf er die Hämmer zuweilen bin. wanderte an der Seite der Landstraße, und die Hand über den Augen, schaute er umher. Er betrachtete die zahlreiche Familie seiner Pflüge, wie sie den Boden aufwühlten und ihre Furchen zogen, rechts, links, ringsumher... Das ganze Tal war davon belebt. Sah man die zahllosen Gespanne langsam vorüberziehen, so mutzte man an ein marschierendes Regiment denlen. silbern blinkten die Scharen in der Sonne. Und er hob die Hände und rief mich herbei, um mir die„heidenmäßige Arbeit" zu zeigen, die sie verrichteten. .... Alle diese Gegenstände, die da unter mir klangen, gaben mir Eisen ins Blut. Es wirkte bester als Drogen aus der Apotheke. Ich war an diesen Lärm gewöhnt und bedurfte dieser Musik der auf dem Amboß klingenden Hämmer, um mir des Lebens bewußt zu werden. In menier vom Brausen des Blasebalges ganz erfüllten Kammer hatte ich meinen armen Kopf wiedergefunden. Ach. in wie prächtiger Stimmung fand ich zuweilen den Schmied an heißen Nachmittagen! Nackt bis zum Gürtel, die hervor- quellenden MnSkrl gespannt, glich er ganz einer jener großen Gestalten Michelangelos, die sich mit aller Zkraft ausrichteten. Wenn ich ihn betrachtete, hatte ich die moderne Linie der Skulptur, nach der unsere Künstler vergeblich suchen in den toten Formen Griechenlands. Er erschien mir wie der HeroS der Arbeit... wie da« unerniüdliche Kind dieses Jahrhundert«, daS stetig daS Werl- zeug unserers Forschens auf dem Amboß hämmert..., daS iin Feuer und durch das Feuer die Gesellschaft der Zukunft formt. Er, er spielte mit seinen Hämmern. Wenn er lachen wollte, ergriff er die„Jungfer" und hämmerte aus Leibeskräften. Dann war cS. als hause der Donner in dem rosigen Keuchen der Esse... ich glaubte den Seufzer des Volkes bei der Arbeit zu vornehmen. Dort in der Schmiede unter den Pflügen wurde ich von meiner Trägheit und meinen Zweifeln für immer geheilt. (Deutsch von Heinrich Hesse.) llkgnp und Waterloo. 1S./18. Juni 181ö. n Belgien vollendete sich das Schicksal Napoleons. Zie gegen ihn Verbündeten, die zu Anfang de» Jahres eben daran waren, gegeneinander die Waffen zu richten, waren sich auch jetzt, als Napoleon in neuer Macht erstanden war, nicht sonderlich einig. Oesterreich und Rußland ließen sich Zeit. Sie wollten an l* eine Million Soldaten znsainmcnbringc», bevor sie gegen Frankreich losrückte». Für den Juli vlanien die beiden Kaisern, ächte den Be- ginn des Angriffs. Aber Preußen hatte sofort mobilisiert. Anfang Juni standen in Belgien 120000 Mann bereit, unter Blücher und Gneiienau. Mit Preußen geineinsam ging England vor. linier dem Oberbefehl des Herzogs von Wellington wurden etwa über 100 000 Mann zum Scbutze von Brüssel und Gent aufgeboten; die Armee Wellingtons zählte neben LS 000 Deutschen 32 000 Engländer und 2ö000 Holländer. Napoleon wartete nicht den Angriff der Verbündeten ob. In schneller Offensive stieß er vor. Sein Plan war, che die Russen und Oesterreicher kämen, nacheinander die Truppen Blüchers und Wellingtons zu schlagen und zu vernichten. Er hatte nicht mehr als 124 000 Mann zur Versügung, ober er hoffte, seine Gegner durch Ueberraschung zu bewältigen. Am 14. Juni, dem Jahrestag von Marengo und Friedland, erläßt Napoleon einen Aufruf an seine Llrinee. Er erinnert an jene beiden Schlackitcn, die über daS Gcschitt Europas entschieden:„Damals ivaren wir zu großmütig, wie nacb Ausicrlitz, wie nach Wagram:„Wir glaubten den Bersicherungen und Schwüren der Fürsten, die wir auf dein Throne ließen. Heute sind sie untereinander verbündet und haben cS auf die Unabhängigkeit»nd aus die geheiligsten Rechic Frankreichs abgesehen. Sie haben dcu allerungerechtesten Angriff unternvinme». Auf! Gehen ivir ihnen entgegen! Sie und wir— sind wir nicht mehr die nämlichen? Sol- datcn! Bei Jena wäret ihr gegen die heute so anmaßenden Preußen einer gegen drei bei Montmirail einer gegen sechs. Laßt cuib von denen unter euch, die bei den Engländern kriegsgefangen waren, von ihren schrecklichen Leiden, die sie erlitten, erzählen: Die Sachsen, die Belgier, die Hannoveraner, die Soldaten de» Rhein- bundeS sind zu ihrem Schmerze gezwungen, der Sache von Fürsten ihren Arm zu leihen, die der Gerechtigkeit und den Rechten aller Völker feind sind. Sie wisse», daß die Koalition unersättlich ist. Nachdem sie 12 Millionen Polen. 12 Millionen Italiener, 1 Million Sachsen und s Millionen Belgier verschlungen hat. wird sie die Mittelstaaten Deutschlands verschlingen. Die Wahnsinnigen! Ein Augenblick de» Glückes verblendet sie. Die Unterdrückung und Er- niedrigung des französischen Volkes stehen außer ihrer Macht; wenn sie Frankreich betreten, werden sie dort ihr Grab finden. Soldaten! Wir haben Gewaltmärsche zu machen, Schlachten zu liescrn, Ge� fahren zu begegnen, aber wenn wir ausharren, wird der Sieg unser sein; wir werden die Rechte, die Ehre und das Glück des Vater- landeS zurückerobern." In der Tat gelang Napoleon die Ueberraschmig. � Die Heere Wellingtons und Blüchers waren weit zerstreut. DaS Haupiquarlier Wellingtons war Brüssel, das Blüchers Namur. Bei Charleroi wollte Napoleon durchbrechen, die beiden Heere trennen und dann einzeln zerschmettern. Am 15. Juni besetzte Napoleon Eharleroi. Er schein: den Durchbrnch bereits für vollzogen geglaubt zu haben, wenigstens verzögerte er die iveitercn Operationen. Hätte er aber bereits an, 15. Juni Blücher? Armee angegriffen, wäre sie vernichtet worden. Für die Entscheidung war e?. in jener Zeit eintägiger Schlachien, wichtig. den Kampf vor Sonnenaufgang, bald nach Mitternacht zu beginnen. Bei Ligntz aber stieß Napoleon erst nachmittag? auf Blücher? Truppeu. Es standen 70 000 Franzosen gegen 83 000 Preußen. Blücher ging un- überlegt hitzig vor. Napoleon gelang es, das Zentrum zu dura»- brechen; die Preußen fliehen ungeordnet, Blücher selbst stürzt mit seinem Pferde, den Rückzug der Truppen leitet Gnetsenau. Napoleon hatte einen vollkommenen Sieg errungen. Als die Kunde nach Paris kam, jubeln in den Straßen die Mafien des besitzlosen Volke?, die jetzt in Napoleon den Jakobinerkaiser lieben. Aber die Be- sitzenden ließen die französische Rente um 4 Proz. fallen. Wieder zeigen Napoleon? Maßnahmen ein gewisses Zögern. Blüchers Truppen iverden nicht bis zur Vernichtung verfolgt; er scheint sich auch»nllar gewesen zu sei» über die Richtung de? Rück- zugeS. Er hat offenbar nicht gewußt, daß die preußische Armee<> rasch wie möglich sich mit dem Heere Wellingtons zu vereiiugen iitchte. Der englische Feldherr erwartete zwei Meilen südlich von Brüffel. bei Waterloo, den Angriff Napoleon? Am 18. Juni beginnt Napoleon, wieber am späten Vormittag. den Angriff. Er hat 73 000 Mann zur Versügung. sein Gegner 60 000. In furchtbaren, immer aufs neu« wiederholten Kavallerieattacken. mit 10 000 Pferden, �versuchte Napoleon, das Zentrum Wellingtons zu durchbrechen. Schon ioar Napoleon erfolgreich, der Gegner wankte, da trafen, gegen drei Uhr, unerwartet, die prcußi- schen Truppen ein. Napoleon gibt trotz der Ilebermacht den Kamvf Die Erweckung üer Maria Carmen. 30J Von Ludwig Brinkmann. Nach etwa zwei Stunden war das Geschäft erledigt.— Ich habe ein langes Telegramm an Dickinson abgesandt und ein kürzeres an Stuart. Und dann einen großen und ausführlichen Brief an die A. E.M.T. aufgesetzt, die sich jetzt nur noch zu konstituieren und die beiden von inir abgeschlossenen Geschäfts zu ge- nehmigen braucht, um den Bau der Anlage sofort in Angriff zu nehmen. Ich will aber diese paar Tage in Stadt Mexiko bleiben, um Antworten und weitere Instruktionen abzuwarten. In der Zwischenzeit kann ich noch allerlei Einzelheiten unseres Projektes mit der D. E. G. besprechen— uird meine Pariserin sehen, mit ibr hinaus nach Ehapultspcc fahren und alle Freuden der Welt genießen. Ich sah übrigens heute meinen Freund Hennaim Schmidt im Parke. Mit meinem Erfolge scheint sich sein Neid zu entwickeln: er meinte:„Ja, wer Ihr Glück Hot! Wer von seinen Freunden mitten in eine reiche Silbergrube hinein- gesetzt wird, dem kann es ja nicht fehlen! Unsereins aber bleibt rettungslos über seinem Hauptbuche sitzen!"— -i- Wie schön war es unter den schattigen Zypressen des alten Schlosses! Wir wanderten die verschwiegenen Alleen hinab, plauderten über allerlei Europäisches, schwatzten über das eine unaufhörliche Thema aller jugendlichen Herzen und freuten uns der schönen kommenden Tage. Schwören sollte ich Jeanette, daß ich nimmermehr in die„abscheuliche Wüste" zurückkehren würde— und in all den Blumen, in all dem Schatten, in all dem Frolffinn des Augenblicks hätte ich wohl gewünscht, ein derartiges Versprechen eingehen zu können. Und ich hatte noch eine ganze Reihe solcher schönen Stunden vor mir. eine lange Reihe prächtiger Festtage! Tann kam ich heim— und fand Stuarts Telegramm: „Sosort zurückkommen, Unglück mit Generator." Da warte ich nun in tiefer Trostlosigkeit auf den Zug und sinne, sinne, was sich zugetragen haben mag. Der sechzebntc Mai! Gerade heute vor einem Jahre war es, daß ich in der Maienblüte meiner Träume hoff- nungsvoll in das Tal der Maria Carmen einzog. Ich bin mit einem Male des Kampfes so müde. Ich fühle, dieses Jahr des Aergernisses hat meine Widerstands- kraft so untergraben, daß ich dem neuen Unglück kaum ins Auge zu schauen wage. Aber jetzt erscheint es mir fast, daß ein tückisches Schick- sal uns mit listigem Vorbedacht also ermattet hat, um uns mit einem Streiche um so sicherer zu verderben. So macht es der Torero, der dem wilden Stiere das rote Tuch so lange vor den Augen flattern läßt, bis es ein Kinderspiel wird, den vor Müdigkeit wehrlosen Koloß niederzustechen. So stich denn zu! Jetzt wird es ernst; jetzt beginnt— das Ende! Der Unglücksfall einer Sekunde hat genügt, das müh- same Schassen vieler Woche» zu vernichten. Was ist Menschenwerk, Menschenkraft, Menschenwissen? Wir werden niemals die Kobolde bemeistern. die hinter allen unseren Schöpfungen lauern, die uns Blinden unsichtbar Grimassen schneiden und schadenfroh auf Uebles siimcif. Ach, wenn man wenigstens noch das naive Gemüt des Naturzustandes hätte! Man würde den Dämonen unseres Schassens Altäre bauen und Weihopfer darauf niederlegen, die Uebelwollenden zu besänftigen und zu versöhnen; da- nach könnlc man getrosten Herzens die Hoffnung hegen, es möge alles gut gehen! Wir aber kommen aus der Not nicht heraus, wir Wissenden, denen nur allzu klar ist, daß wir bilslos sind und bleibe». Die Untersuchung hat orgeben, daß während meiner Ab- Wesenheit der elende Patron von Maschinenwärter, um sich ungestörter seinem Schlafe hingeben zu können, die ganze Maschine vollständig unter Schmieröl setzte, so daß der Kreuz- köpf des Motors durch ein Meer von Oel sich seinen Weg bahnte und dieses naturgemäß durch den ganzen Maschinen- räum spritzte, bis es an die Wicklung des Generators gc- langte, die denn auch prompt durchschlug und zum Teil vcr- brannte. selbstverständlich stocktcjofort der ganze Pumpenbctriob: nur mit Mühe gelang es Stuart die Maschinen im Berge zu retten; als ich aber auf abgetriebenen: Pferde bei der Mine anlangte, war der Ausbau der ersten Sohle fast wieder mit Wasser gefüllt, das rasend schnell weiter anstieg. Einen gelernten Wickler aus Stadt Mexiko kommen zu lassen, hätte mindestens ein paar Tage erfordert. Stuart hatte leider verabsäumt mir in seinem Telegramme anzn- deuten, welcher Natur eigentlich das Unglück sei; und ich war in meiner Bestürzung auch zu unüberlegt aus der Stadt abgereist, so daß ich cS unterließ, erst telegraphisch genaue Auskunft einzuholen; sonst hätte ich ja dort vielleicht einen sachkundigen Mann finden und gleich mitbringen können. Nun durfte aber keine Zeit verloren werden; etwas Wickel- Material war ja vorhanden— alle Vorsichtsmaßregeln, die ohne Powells Zustimmung getroffen werden konnten, waren von uns auf das pünktlichste beobachtet worden. So mußte ich versuchen, mit Hilfe von unseren Indianern sobald wie möglich den Generator zum Laufen zu bringen.— Ich vermag mich heute kaum noch der Einzelheiten der letzten Woche zii erinnern; das schöne Tenochtitlan war ver- gesscn, und die dringende Aufgabe nahm mich ganz gefangen; ich wurde wieder zur Maschine. Wieviel Stunden ich in all dieser Zeit geschlafen habe, weiß ich nicht; es war wenig genug, ein paar Augenblicke in der Nacht oder am Tage, wie es gerade traf, wenn irgendein Ilmstand der Arbeit inich zum Einhalten zwang. Nur fertig werden, was es auch koste— das war der einzige Gedanke, der mich antrieb! So ging es fort, durch alle Einzelheiten der Arbeit hin- durch. Der zerstörte Teil der Wicklung, sechs ganze Spulen, wurden herausgerissen. Ein Holzmodell der Nuten im Eisen- körpcr schnitzte'die geschickte Hand des indianischen Zimmer- manns, über daS dann sechsnnddreißig Rohre aus Preßspan und Mikanit geformt wurden, eine Arbeit, bei der mich bald meine anstelligen Gehilfen an Kunstfertigkeit übertrafen. Dieses Volk ist, abgesehen von der unausrottbaren, unbesorgten Trägheit, der geschickteste Helfer seiner Eroberer und zum Handwerker von Natur vorbestimmt. Es folgte dann das für meine Ungeübtheit so überaus mühevolle Geschäft des Einzichcns der Drahtwickelung, ihrer Formgebung, ihrer Verbindung, dann die Isolation, das Tränken mit Lacken usw. Endlich hatte ich nach fünf Tagen harter Arbeit ein wenig Ruhe. Die neue Wicklung mußte ausgetrocknet wer- den; das tat der Motor von selbst, der die kurzgeschlossene Dynamo unanfhörlich in Drehung hielt und so die Maschine durchwärmte.— Und dann kam der init Angst und Hoffnung erwartete Augenblick, da die Spannung der Maschine allmählich auf .'HO Volt gesteigert, die Fernleitung eingeschaltet, die eine Pumpe, in Betrieb gesetzt wurde.... War das Werk, so roh es immerhin ausgeführt wurde, gelungen? Hielt die neue Wicklung die Spannung aus? Konnten wir weiter arbeiten? Das waren die Fragen, die uns geängstigt haben! Aber es ging, ging! llnd Stuart, den ich in der Zwischenzeit verschiedene Male in Angelegenheiten der A. E. M. T. zu Dickinson gesandt hatte, woselbst er sich reichlich lange aufzuhalten pflegte, subeltc a»f, als er die Pumpe wieder arbeiten sah; er, der sonst so phlegmatisch zu sein scheint, siel mir in einer seltsamen Gefühlsaufwallung um den Hals und jauchzte, dies sei der schönste Tag seines Lebens! Nun war die Zeit der Ruhetage an mich gekommen, und ich nützte sie auch aus. Ich saß den ganzen Tag draußen im Garten, in einer Laube, die ick mir aus dichtem Bohnen- gerank gezogen, zusammen mit Ward, der immer schweig- samer wurden ich las ein wenig, xauchtc M Behagen Md. mKt auf. Noch um 7 Uhr akendZ gelang e° seinen Garden, die er selbst ins Feuer führt, Blüchers Truppen aus Plancenoil hinauszuwerfen. Um 8 Uhr unternahm Napoleon den letzlen Versuch. Todesmutig stürmte die Garde vor. Es war nichts mehr au retten. Der Tag endigte in wilder Flucht der Franzosen. Von Napoleons waren fast die Halste, 33 000, tot oder verwundet. 6 000 wurden gefangen. Das englische Heer hatte 16 000, Blüchers Armee 6000 Mann verloren. Gneisenau verfolgte die Franzosen und rieb die Steste auf. Erst als alles verloren, bringt sich Napoleon selbst in Sicher- heit. Krank, von Schmerzen gequält, war er bis 3 Uhr morgens im Sattel geblieben. Noch aber gab er seine Sache nicht auf. Un- miltelbar nach der Schlacht diktiert er die Bulletins über Ligny und Waterloo, und an seinen Bruder Joseph fcdreib: er nach Paris, dah er noch immer 130 000, ja 300 000 Mann habe, um den Sieg zu gewinnen.„Mut, Festigkeit!" so schreibt er eigenhändig unter den Brief. Da verließ, verriet ihn Frankreich, nicht sowohl die Massen des Volkes, als die Führer der Neaknon. Nach der Kunde von Waterloo stieg die französische Rente um 2 Proz.. und bald zwingen die ab- lrünnigen und aufrührerischen Kammern, Napoleon abzudanken. Kmgsbilöer aus Rom. Z?on dein Straßenbilde, das Rom in diesen ÄriegStagen dar- bietet, weiß der römische Berichterstatter des Pariser„Petit Journal" folgendes zu erzählen: „Von Tag zu Tag wechselt Rom sein Aussehen. Es ist heute keineswegs mehr die Fremdenstadt von ehedem. Tie Fremden, selbst die aus neutralen und mit Italien befreundeten Ländern, können nicht rasch genug die Ewige Stadt verlassen, als wenn sie jeden Augenblick befürchteten, einen Zeppelin über der Kuppel von Sankt Peter auftauchen zu sehen. In einem ausländischen Kon- sulat war ich Zeuge einer kleinen Volksversammlung von Leuten, die alle einen Patz haben wollten, die wild durcheinander schrien und wütend waren, daß man sie nicht alle zu gleicher Zeit bediente. Es war, als wenn die Leute wer weiß was zu verlieren hätten, wenn sie noch eine Stunde in Rom bleiben sollten. Und die, die an einem Tage nicht abgefertigt wurden, traten am anderen Morgen in der Frühe den Weg zum Konsulat an, um möglichst als erste im Wartezimmer Aufstellung zu nehmen. Denn ohne einen auf den Namen ausgestellten und mit der Photographie des Reisen- den versehenen Patz ist es heute unmöglich, über die Grenze zu kommen. So müssen sich alle um einen Patz bemühen; auch die nervösesten Damen und die launischsten jungen Künstlerinnen lernen sich in Geduld fassen. Meine Kollegen, die lange genug auf die Zensur und die Militärbehörde geflucht hatten, weil alle Briefe sieben bis acht Tage zurückgehalten loerden, haben sich schließlich auch in ihr Schicksal gefunden, nachdem sie feststellen mutzten, daß jede Lift, die Schwierigkeiten zu überwinden, zuschanden geworden u>ar. Ein paar sind zur Front abgereist, um dort etwas zu sehen und den Versuch zu machen, darüber zu berichten. Alle diese Abwanderungen aber haben die Bevölkerungsziffer von Rom nicht herabzumindern vermocht. Die Lücken, die sie reißen, werden sofort von den einziehenden Soldaten wieder aus- gefüllt. Niemand weiß, woher diese Soldaten alle kommen und wohin sie gehen. Es wird darüber strengstes Stillschweigen be- wahrt, genau wie in Frankreich. Auch wir wissen nicht, wohin man unsere Freunde und unsere Verwandten ruft, wo sie ihr Leben für das Vaterland in die Schanze schlagen. Durch die Ewige Stadt zieht heute ein Regiment nach dem anderen. Kaum, daß der Morgen dämmert, so schallt schon ruhestörewder Lärm der zu Pferde und zu Fuß zum Bahnhof ziehenden Truppen durch die Straßen. Diese Durchzüge hindern tagsüber den Straßenverkehr natürlich sehr. Und diese Truppenzüge setzen sich bis in die Nacht hinein fort, um, kaum daß die Sonne aufgegangen ist, wieder zu beginnen. Und wenn die einen draußen in Portonaccio oder Trastevere auf Bahnhöfen, die kein Fremder in Rom auch nur dem Namen nach kennt, in die Züge verladen sind, so nahen schon wieder andere den Bahnhöfen, von denen Tag und Nacht Züge auf Züge abgelassen werden. Die Haltung der Leute ist still und ruhig, aber entschlossen. Nirgends Geschrei, kein Drängen, keine Trink- gelage. Still und ernst steigen die Soldaten in die Züge; sie wissen, daß sie eine große patriotische Aufgabe zu bewältigen haben, und daß sie hinausziehen für ein größeres und freieres Italien. Neben diesen an die Front ziehenden Soldaten gibt es andere junge Leute, die sich für die Abreise rüsten. ES sind die jungen schaute durch ein paar Lücken des Blattgewirrs in den dunkelblauen Himmel hinein: dolee far nientel Und war doch so traurig: ach armer Ward! Er fing mit mir zu plaudern an, langsam, da ihm das Atemholen zu viel Mühe machte: „Es freut mich, daß der Betrieb wieder aufgenoinmen ist; hoffentlich geht es nun ohne Unterbrechung weiter!" „Das hoffe ich auch. Unfern Freund John würde es umbringen, wenn noch einmal ein Unglück geschähe. Aller- dings hängt unser aller Schicksal nur an einem dünnen Fädlcin, an einer notdürftig reparierten Maschine; aber das Wasserwerk am Mania-Jläpec wird hoffentlich noch vor chrem zweiten Zusammenbruche fertig!" „Ich werde das ja nicht mehr erleben!" „Unsinn, Ward, Sie werden bald wieder vollkommen auf dem Posten sein; es stirbt sich nicht so rasch, wie manche Leute gerne möchten! Sehen Sie da die braunen Kerle, die den Boden unseres schönen Gartens nivellieren, die sehen doch wirklich wie das ewige Leben aus!" „Das weiß Gott," sagte Ward lächelnd „Nun, auch die oder wenigstens ihre Urgroßväter� die ganze Bevölkerung des Tales von Oaxaca, hatten sich eines Tages kurz nach der Eroberung fest vorgenommen zugrunde zu gehen, lieber zu sterben, als das verhaßte Joch der Ein- dringlinge zu ertragen, hatten heilige Eide geleistet, sich von nun an ihrer Frauen ganz zu enthalten, und wenn das Fleisch doch schwach sein sollte, die Frucht abzutreiben; es war ihnen bitter Ernst damit— und dennoch leben sie alle noch, blühen mächtig fort..." „Ja, es ist seltsam das zu beobachten! Jn� meiner Heimat, in Minnesota, sind die Indianer in weniger als hundert Jahren, seitdem die ersten Ansiedler sich dort nieder- ließen, vom Erdboden verschwunden! Und hier wird das- selbe Volk von Tag zu Tag zahlreicher und mächtiger!" „Es scheint mir überall auf Erden das Gleiche zu sein: wo erobernd eine Rasse höherer Kultur die andere nieder- wirft, sind nur zwei Resultate möglich: entweder ist der unterworfene Stamm zu sehr an die Freiheit des Natur- lcbens gewöhnt, so daß er in der Unfreiheit, die alle Kultur mit sich bringt, rasch zugrunde geht, wie die Völker'Nord- amerikas und Südamerikas, die Polynesier, die Australier und ein großer Teil der Afrikaner— oder aber er hat in sich selbst bereits vor der Eroberung eine Art von Kultur hervorgebracht, hat sich bereits an die Unfreiheit des Arbeits- zwanges gewöhnt; dann übersteht er die Krisis der Unter- jochung, überwindet sie wie eine schwere Krankheit und nimmt das erobernde Volk wieder in sich auf. verschmilzt mit ihm zu einer neuen Einheit oder kapselt es als einen Fremd- körper ein, wie hier in Mittelamerika und in ganz Asien, um ihn schließlich selbst gesundend wieder auszuscheiden; denn nur ein Sklavenvolk übersteht die Sklaverei der Kultur!"______________ Lerantwortlicher Redakteur: Alfred WUUpp, Neukölln. Für den Studenten, die die Hörsäle öerlasien babcn und zu den Fahnen geeilt sind. Während die„alten Leute" mit ihren funkelnagel- neuen Uniformen in den Straßen nmherstolzieren, müssen sich die Rekruten daran genug sein lassen, in Ermangelung der Uniform eine weiße Armbinde mit der Inschrift„Destntto di Roma" lDistrikt Rom) spazieren zu führen. Man trifft die jungen Leute überall. Daneben bilden die Zivilisten im Cafe, im Theater und im Kino nur noch eine lvinzige Minderheit. Nicht eine Römerin, die nicht heute ihren kleinen Soldaten hätte, und wenn dieser Soldat auch ganz und gar nicht militärisch und heldenhaft aussieht. Man weiß nicht, ob es der Bruder, der Vater, der Bräutigam oder der Liebhaber ist. Rom gehört heute der Armee, und ich mutz sagen, daß dieses militärische Rom mir ungleich besser gefällt als die Fremdenstadt von früher." Ueber öas Hinneneis Islanös. Unter diesem Titel erschienen soeben die Aufzeich- nungen des bekannten Forschungsreisenden Knud Ras- müssen in dem Verlag von„Norstedl u. Söner". Wir geben hier nach„Dagcns Npheler" eine kleine Probe des ersten Kapitels:„Die Lebensfreude der„Kött"» (Fleisch-) Bewohner" wieder. „Den 10. April. In einer stillen kleinen Bucht, hinter einen, von Grönlands raubcstcn und am meisten vom Srurnr umbrausten nördlichen Vor- sprängen, haben die fröhlichen Polareskimos sich eine Ortschaft ein- gcrich'lel, der sie den Namen„Kött" gaben. Schon der Klang dieses Namens ist ein voller, wenn auch erdgebundener Beweis dafür, daß sich's hier wohl sein läßt. Draußen in dem launischen Meer schwimmen blutvolle Walrosie umher— das lebendige tägliche Brot. Sie bleiben im Fahrwasier, wenn der kurze Sommer das Eisband löst und den spannenden Kajakfang beginnen läßt. Und treu den Millionen Muscheln, die sich auf dem Meeresgrund befinden, bleiben sie auch den Winter über hier, so daß die Fleischdepots am Land niemals leer zu stehen brauchen. Für den, der kühn das Leben als Einsatz beim Fange wagt, ist denn auch die Beure überreich. Daher ist die Ortschaft Kött für die Polareskimos, die sich dort niederlasien. die«Oase der Lebensbedürf- niste" geworden, wie man sie auch allen anderen Völkern der Welt wünschen möchte. Und es ist hier wie überall, wo die launische Natur einen geseg- neten Ueberflnß geschaffen hat: die kräftige Alliagsnahrung, die das Walroß liefert, ist nicht das einzige, was sich hier bietet; zur Ab- wechslung ist auch reichlich für Delikatessen gesorgt. Leckere Hasen tummeln sich überall auf den grasbestandenen Abhängen. Und macht man nur eine Tagesreise über das Bmneneis, so kann man auch fette Nenntiere jagen. Scharen von schön- farbigen Füchsen liefern zwischen den Felsblöcken ihre Schlachten, und vom Mai bis in den August hinein wimmelt es an den Klippen von delikaten kleinen Fischen, die sich mit Keschern zu Tausenden leicht fangen lasten, um dann in frisch abgezogenen Seehundfellen eingetalzen zu werden— ein ausgesuchtes Festdcsterl bei den Festlichkeiten der Polarnächte. So sah das eskimoische Kanaan aus, von dem aus wir unsere lange Reise unternchmen sollten. Wir kamen an einer frühen Morgenstunde hin, gerade als die Sonne im Begriff war. durch die Nebel zu brechen, die noch schläfrig über den Bergen lagerten und uns alle Aussicht eigensinnig nahmen. Die rotblonde Kühle der Aprilsonne lag über den Bergabhängen, und je klarer die zerrissenen, sturmzerzausten Klippen aus dem Nebel hervortraten, gleich Neuland, das aus dem weißen Nichts entsteht, desto lebhafter fühlten auch wir selbst uns erneuert in der frischen Morgenbrise. Wir vAtgaßen den Nebel und die Kälte der Nacht, und selbst die Hunde begriffen, daß wir uns jetzt im munteren Galopp Kött nähern mußten. Unser großes Gefolge forcierte mit den vrelen schwer beladenen Schlitten in voller Fahrt den Eisrand, daß die losgebrochenen Eisslücke nur so ans Land hinaufgespült wurden. Die Bewohner von Kött standen vor ihren Schneehütten auf- gepflanzt und empfingen uns mit Schweigen; unsere Ankunft war für sie ein Ereignis, auf das sie nur schon zu lange gewartet hatten. Hier verschwendet man keinerlei Bcgrüßungsredensarten, doch wir begriffen, daß der feierliche Empfang die Bestätigung von etwas für sie Ungewöhnlichem enthielt. Man wußte, daß wir eine lange Fahrt vor uns hatten, und war sich darüber klar, was das für uns bedeutele. Sie hatten bereits im voraus Proviant für unsere Hunde gesammelt und warteten nun nur darauf, daß wir ihr gewaltiges Fleischlager als Provial für uns und unsere Hilfsschlitten übernehmen sollten. Das Eis, auf dem wir unsere Fahrt gen Norden fortsetzen wollten, war jüngst von einem Nordslurm aufgerissen worden, und da das neugebildele Eis noch nicht stark genug war. um unsere schwer beladenen Schlitten zu tragen, mußten wir trotz unseres großen Eifers, fortzukommen, uns bis auf weiteres gedulden, bis einige Tage der Kälte das Eis fahrbar machen würden. Es war daher selbstverständlich, daß unser erster Tag in dem Ort im Zeichen des Festes stand. Das Programm für die Spiele ergab sich von selbst, ohne eine voraufgegangene Anordnung. Hier oben kann man sich nicht gegen Bezahlung irgendwo und-wie unterhalten lassen, man muß selbst agieren. Die Gemüter sind schlicht und unverdorben, und die Be- Illstigungen stehen damit im Einklang. Tatmchlich belustigt man sich mit Kinderspielen, die von Erwachsenen ausgeführt werden. Aber das geschieht in einem sich steigernden Tempo, das etwa der Ge- schwindigkeit entspricht, in der das Blut allmählich pulsiert und der Wärme, die den Körper durchströmt." Es folgt nun eine ausführliche Schilderung der harmlosen Eskimo-Spiele: Ziehkämpfe, ausgeführt mit Lederriemen, an denen um die Wette gezogen wird— Hundekämpfe, die von den Männern so geleitet werden, daß die Tiere sich durch ihre gegenseitigen Bisse zwar Schmerzen bereiten, aber nicht schaden lönnen, und die gleichzeitig ein gewisses pädagogisches Moment enthalieu, denn dem Sieger wird stets, damit er nicht übermütig werde, nach der Niederlage des erschöpften Gegners ein neuer Gegner gegeben, der ihn dann zu züchtigen vermag— und schließlich fingierte Bärenkämpfe, bei denen in Bärenfelle gehüllte Burschen von Hunden gejagt werden. „Diese letzteren Spiele wurden während eines wütenden Schnee- sturmes ausgesührt, der mit der ganzen Kraft eines bösen Unwetters über uns gekommen war. Durch die verschiedenen Stadien war die Stimmung schließlich so erregt, daß man sich Lust machen mußte, indem man alles nm und um drehte; man hatte den drolligen Einfall, die Hunde für beute loszulassen und die Männer selbst ins Joch zu spannen. So begann ein Schiiltenweltrennen mit ständig wechselnden Formen, bei dem im Laufe einer Stunde gewaltige Strecken zurückgelegt wurden, und das mit einer Schlacht zwischen den Hunden— alias Menschen endigte, in der man wieder einen Einblick in die Unberührbeit dieser Leute ge« wann: trotz der Hitze des Kampfes kam es nie vor, daß sie zu weit gingen und die spielerische Schlägerei etwa in Ernst ausarten ließen. Als Abschluß der Festlichkeiten des Tages wurden in allen Hütten Gesänge aufgeführt. Man singt seine einfachen, monotonen Lieder, bis eine durch die Wärme in den Hütten hervorgerufene Müdigkeit sich über die Geister legt und all diesen Menschen nach dem lebhaften Tage sorgloser Aeußerungen der Gesundheit und Freiheit die Augen schließt) In der kalten Nacht draußen spielen dann die Kinder, da in den warmen Hütten der ihnen sonst gehörige Raum von den fremden Gästen bis auf den letzten Platz eingenommen wird. Erwachen die Alten aber, dann dürfen die Kinder schlafen. Und auf diese Weise werden die Kleinen schon durch ihre nächtlichen Spiele an die Un- regelmäßigkeit der Lebensweise gewöhnt, die mit Naturnotwendigkeit mit dem Leben eines Polareskimos verknüpft ist." Inseratenteil verantw.: Th. GlockeVBerlin. Druck u. VerIag7VörwärtS Kleines Feuilleton. Settachtung. Wahr ist's! Seht euch rings im Land um: In der wilden Laienzunft Lebt ein respektabes Quantum „Unerlöster Unvernunft". Blindes Hetzen, Schüren, Wühlen Schädigt uns bisweilen sacht. Politik wird mit Gefühlen ' Letzten Endes nicht gemacht. Mit Klamauk und mit Gelärme Biacht man wirklich keinen Staat, Denn was nachkommt, ist oft Bärme. Und dann hast du den Salat. Ohne unsre Wucht zu bändigen Und der Furcht ein Ohr zu leihn Heißt, mit Wilson sich verständigen, Lange noch nicht kleinlaut sein. » Michel ist kein blinder Hesse, Hoffentlich erlaubt er bald, Daß man auch der deutschen Presse Mal den Maulkorb lockrer schnallt. _ Peter im„Tag". Ein Schlachtbilö aus 5lanöern. Der Kriegsberichterstatter der„United Preß" in New Dork. der sich im Großen englischen Hauptquartier befindet, entwirft ein anschauliches Bild von der ungeheuren Ausdehnung des flandrischen Schlachtfeldes: Unser Auto hielt nach einstündiger Fahrt an dem Fuße eines Hügels. Näher und näher hörten wir das Feuern, als wir an dem Abhang entlang gingen. Wir wollen auf die Anhöhe steigen und sehen, was los ist," sagte der Lazarettarzt,«wir können die ganze britische Infanterie von hier aus übersehen." Zehn Minuten später waren wir auf der Spitze des Hügels.„Da liegt Ostende," sagte der Doktor,„und da ist der Kanal. Sie können von hier aus die weiße Linie der Brandung erblicken; hier ist Upern, und da ist Armentieres." Vor uns erstreckte sich das ungeheuer weite Schlacht- seid. � Hier spielte sich die stolzeste und größte Schlacht zwischen Engländern und Deutschen ab, die die Kriegsgeschichte kennt. Es ivar der erste Tag des neuen Sommerkrieges. Als wenn hundert Gewitter tobten, dröhnte es in der Luft. Wir versuchten, einen allgemeinen Ueberblick über das weite Feld zu gewinnen. Es war unmöglich: überall Rauchwolken, überall Kanonendonner. Augen und Ohren waren in äußerster Spannung; aber es war alles so ausgedehnt, daß ich den Bewegungen nicht zu folgen vermochte. Und dieser Eindruck blieb, bis wir verschiedene Punkte auswählten, auf die wir unsere Blicke richteten, so daß wir die Bedeutung der überwältigenden Weite besser zu fassen vermochten. Einige Kilo- meter vor uns lag Dpern als der hervorragendste Punkt. Die große Ruine des Turmes der Tuchhalle erglänzte ganz weiß im Sonnenschein. Als ich vor einer Woche hier war. erschien die Ruine immerhin noch wie ein vom Alter fleckiges Wrack. Wir sahen, wie weiße Wölkchen ringsherum explodiertem Es waren Schrapnellgranaten; sie spielten einen Zapfenstreich auf der Stadt. Zwei Kirchenspitzen ragten in den sonnigen Himmel hinauf, und auch um sie spielten die Schrapnellwolken. Unter diesen Mauer- spitzen floß ein See weißen Rauches. Jetzt fing ich an zu be- greifen; das große Stadtviertel des schönen alten Ipern lag unter dieser Rauchwolke; die Häuser in den gewundenen alten Straßen zersplitterten in Stückchen. Jede Minute verschwand eine Kirch- turmspitze wie ein Licht, das verlöscht, und der alle Turm wurde für immer vop dem Platze gerissen, der ihm unter den Architektur. schätzen der Welt von jeher gebührte. Nur wenig konnte hier noch dem Untergange entgehen. Die Sonne glänzte hell über die Stadt. in_ der Tod und Zerstörung wütete. Die Steine, aus denen die Häuser einst sorgsam erbaut wurden, die Wohnhäuser, die Kirchen, alles, was von Generationen in Jahrhunderten geschaffen worden war—, es ging jetzt vor unseren Augen der Auflosung entgegen. Aber Dpern bildete nur ein Fleckchen in dieser Ländschaft. Unweit davon lag Poperinghe. Auch dort wirbelten Granaten umher. Ein dicker, schwarzer Rauch stieg in den Vorstädten auS der Erde. Es war anzunehmen, daß dort ein 42-Zentimeter-Geschütz der Deutschen explodiert war. Die Bewohner waren morgens ge- flohen, nachdem sie alle die Schrecken und das Herzeleid durch- gemacht hatten, das über ihre kleine Stadt so jäh herein» gebrochen war. „Da explodiert ein„Jack Johnson" in Dpern," sagte jemand aus unserer Gesellschaft. Wir sehen die schwarzen Blitze eines deutschen 42-Zentimetcr-Geschützes, das neben dem Turm der Tuch- halle platzte. So weit wir auch in dem Halbkreis des flandrischen Landes umherblickten, Überall gingen Geschosse nieder. Auf einer Straße von 21 Kilometer zählten wir sechs große Rauchmassen. Es waren keine einzelnen Häuser, sondern brennende Dörfer. Noch weiter hinaus erblickten wir einen gewaltigen Brand; Plötz- lich brach schwarzer Rauch durch das Gelb hindurch. Eine große Destillation, in die die Bauern von meilenweit her ihre auf- gestapelten Getreidevorräte geschafft hatten, brannte.„Der schwarze Rauch deutet darauf hin, daß der Alkoholbehälter explodiert ist," sagte der Arzt. Der große Brand der Destillation und die brennenden Dörfer waren nur einige Punkte in dem ungeheuren Bilde. Im Vordergrund flog ein britisches Luftschiff, dem weiße Rauchwolken folgten, die aus deutschen Schrapnells kamen. Sie stiegen in so regelmäßigen Reihen zum Himmel empor, als ob es chinesische Laternen wären, die an einem schräg ausgespannten Draht hingen. „Was würden wohl Julius Cäsar oder Napoleon über diese Schlacht gedacht haben I" sagte der Doktor ruhig. �eroplatie für den amerikanischen poftöienft. In Amerika beabsichiigt die Post, so lesen wir im„Prometheus", regelmäßigen Aeroplandienst einzuführen. Die Gegend, in der die« Miiiel zur Beförderung der Postsachen von besonderem Werte ist, ist das Gebirge, die Rocky-MountainS, wo beispielsweise einige Städte in der Luftlinie nur eine kurze Strecke voneinander emfernt sind, die einzige Erdoberflächenverbindung aber, die für den Post- dienst brauchbar ist, einige hundert Meilen lang ist. Ein weilerer Vorzug des AeroplandiensteS ist seine große Unabhängigkeit von der Wegebeschaffenheit und damit von der Jahreszeil, ein Umstand, der in einigen Teilen de» Landes sehr maßgebend ist, zumal auch in neuester Zeit die Aeroplane silb immer mehr vom Wetter unabhängig machen. Eine sehr werlvolle Begleiterscheinung einer solchen Ein« richtling wird im Kriegsfalle zutage treten, indem die Regierung in den Postfliegern eine große Schar bestgeübter Mannschaften zur Ver- sügung hat. Diese Flieger würden nicht nur die größle Gewandt« heit in der Handhabung ihrer Maschinen mitbringen, sondern auch erhebliche Territorialkemitnisse zur Verfügung haben, vor allem fallt sich der Krieg in ihnen bekannten Gebieten abspielt. Rotize». — Vorträge. Auf der Treptow-Sternwarte finden folgende öffentliche, gemeinverständliche Kinovorträge statt: Sonn- abend, den IS. Juni, um 3 Uhr:„Walrosie, Eisbären, Pinguine"; Sonntag, den 20. Juni, um 3 Uhr;„Sitten und Gebräuche fremder Völker", um 5 Uhr:„Frontkämpfe"(Deutsche, Oesterreicher und Türken), um 7 Uhr:„Polarjagden"._____ �__ Zuchdrückere» u. VeriagsanjtaU PazU Singer Sc Co, Berlin LW,