\ 8148-1915 Unterhaltungsblatt ües vorwärts vom lebendigen Unterseeboot. Von Alwin Rath- Gatow a./H. Unter den blallberieselten Hängezweigen graugrünender Havel- weiden liege ich in meiner AdamShaut, unsäglich mollig faulenzend. im Boot und lasse die Sonne in den kühlen Tropfen, die mich noch vom frühen Bade betauen, funkelnd, wie mit zarten Leuchrkugeln, über mich rinnen. Ein fflügelklatschen läht meine halb geschlossenen Augen aufstarren, und zwei Schritt von mir wirft sich im edelsten Schwung seiner seidiggrau schillernden Riesenfittiche ein machtvoller Fischreiher in der leichtdunstigen Luft herum, von mir fort— den Hals im heftigen Erschrecken über den so früh und unvermutet er- schienenen Adam und im stürmischen Davonbrausen fast bis zwischen die herrlichen Schwingen auf den Rücken zurückgekrümmt. In der Ferne aber, wo der Reiher im Goldduste über dem „Großen Fenster* davontaucht. fliegt der graue Riesenvogel dieses Krieges. der„seltsame Vogel mit dem Orgelton*, wie eine ungestüme Dämonenmacht langsam im frühen Morgenlicht davon. Plötzlich drei, vier Ruderschläge von mir im perlmuttrig glimmernden Wellengeriesel eine andere KriegSvision: ein kleines Periskop taucht in konzentrisch davonblinkenden Wellenkreisen aus der harmlosen Havel auf! Scheu, unendlich vorsichtig, fast nur eine Handspanne hoch vielleicht. Ich sehe, es hat den ganzen Horizont gleich im Auge: den grauen Riesenvogel fern, den schwarzen Stern an dem vorm Lindwerder Tanzsaal vorüberrauschenden Dampf- . schornstein, die Funkenblitze auf den Uniformen, die sich um den Schornstein drängen, und mich in meiner Adamshaut auch. Ich will mir recht mein Havel-Untersceboot begucken: so nah habe ich es noch nie in den Schutz bekommen, da wird über dem Uniformgewimmel eine Fahne geschwungen, gelb wie eine Mandarinenjacke— und geräuschlos, kaum einen Wellen- kreis hinterlassend, taucht das niedrige Periskop wieder in daS wässerige Mysterium der düsteren Haveltiefen hinweg. Ob eS sich unterfangen will— an dem Dampfer Torpedierungsversuche zu versuchen? Da plötzlich ein lautes hartes, spritzendes Klatschen. DaS Wasser rauscht und gischtet, wird in stürmisch erregten Blasen emporgeworfen. Ein Sprühen von funkelnden Tropfen will alles verdecken. Denn da ist der Kampf jählings schon losgebrochen. Die silbern ver- schleicrten Schemen gegeneinander prallender dunkler Flügel sieht man in der Erregung der stäubenden Wasser, die wie ein Glitzer- dunst um das kleine Kampffeld gehüllt sind. Düstere Grimmlaute, bald kurz herausgestotzen, bald in lang- gezogener Wut heiser hcrvorgekollert, mischen sich in das Aneinander- klatschen der wassersprühenden Schwingen, in das blutgierig, tod- lüstern aufeinander losschlagende Toben der Schnäbel. Jetzt klingt es giftig wie:„Kökkökkökk 1* jetzt wie„Kruooorrr*...„Kruooorrr*... und rasselnd schnattert das wütend gerollte rrr wie von einem bra« maibasierenden Seehelden der Bühne über diesen echten, unver- fälschten See, aus dessen Tiefen lebendige Torpedos sich dort zu Leibe rücken. „Gaw— u— u— urrr* klingt es allmählich besänftigter. Wo nur noch einer der Kämpfer zu sehen ist. der etwas wie einen kriegerischen Helm auf dem roströtlichen Kopf siegesstolz zur Schau trägt, da der Gegner den Kampf aufgegeben und eS vorgezogen hat, in die nassen Tiefen wieder unterzutauchen. Aber er— frohlockt zu früh! Einige zehn Meter von dem Weibchen, dem daS zärtliche. dunkle, lockende„Gaw— u— u— urrr* gilt. in das sich das unwiderstehliche Werben des Siegers mit schmelzendem Unterton hineinmengt, taucht das mit dem glänzenden Doppelauge geschmückte Periskop des feindlichen LorcheS wieder auS dem Grausilber der Morgenflul empor. Nicht nur der Hals wird jetzt— genau wie ein Periskop— herausgesteckt, nach einer kurzen Weile des Beobachtens, des beobachtenden Lauern? und UeberschauenS der Situation auf dem wässerigen Schlachtfeld, während der der eigentliche Körper noch vorsichtig unter Wasser bleibt, taucht denn auch dieser wieder mutig und kampfbegierig heraus und fährt auf den Helmgekrönten mit wild schlagenden Fittichen los. Voller Zärtlichkeit ist dieser zu dem Weibchen gerudert, hat sich ihm Brust an Brust, Schneeweiß an Schneeweiß, genähert, und so- viel metlr von den Morgendünsten getrübtes Auge unterscheiden kann, tun sie das, was wir Menschen bei gefiedertem Liebesvolk.Schnäbeln* nennen. E« ist fast rührend anzuschauen, in wie süßer Lorch- Naivität sich der Helmgekrönte seine» süßen Schnabeltribut ein- heimst. Gleich aber muß er sich wenden, wenn er eS nicht vorziehen soll, gleich ebenso von der Bildfläche zu verschwinden, wie eben noch Die Erweckung öer Naria Carmen. S9J Von Ludwig Brinkmann. Großer Diaz! Der du die Klöster in Kasernen verwan- delt und die Prozessionen verboten hast, der du die Pfaffen aus den Schulen triebst und Staat und Kirche trenntest, würde es dich nicht für alle Mühen und Anfechtungen, die du erdulden mußtest, reich belohnt haben, diesen armen, kleinen geistlichen Herrn im Felsentale von Taviche seines Amtes walten zu sehen? Du hast die Nachkommen der spani- schen Inquisitoren das gelehrt, was ihrem Wesen und ihres Wesens Kerne so duchaus entgegengesetzt liegt, die T o l e- ranz! Was ist sie anders als große, allgemeine, herzinnige Liebe zu aller Kreatur, die erst dann aufblühen, erstarken, gesund werden kann, wenn alles Herrschergelüste ausgerottet ist! Und wie vielen Dank schulde ich meinem Kaplane und seineni simplen Glockenläuten, seinen bescheidenen Wörtlein am Grabe des Freundes, seiner Liebe, die hoffnungsfroh war, während die ineine niedergebrochen schien!— In Dickinsons Hause versammelte sich bald darauf die Ge- sellschaft. Nachdem freundnachbarlicher Pietät genügt war, durfte die seltene Gelegenheit zur Erledigung von Geschäften, da man ja nun einmal beisammen war, nicht unbenutzt vor- übergelassen werden: das Geldverdienen ist doch das Wich- tigste: deshalb sind wir ja alle hier in der Wüste.» Und so mußte ich Rede und Antwort stehen, mußte von dem großen Plane des Wasserwerkes sprechen, noch einmal die Feinheiten meines tiefsinnig ausgeklügelten Tarifes ausein- andersetzen und geloben, die Arbeiten nun endlich energisch in die Hand zu nehmen, die Bestellungen auszuarbeiten, be- sonders die mächtigen Rohre der Wasserleitung in Auftrag zu geben. Wir, das heißt der Jmparcial, waren ja durch unseren Antcilvertrag dazu verpflichtet, die Bauleitung des Wasserwerkes zu übernehmen. Ich machte übrigens eine Beobachtung, die mich ein wenig erstaunte. Wie zurückhaltend waren alle unsere Geschäfts- genossen gewesen, als es sich darum handelte, dem Unter- nehmen beizutreten— wie stürmisch in ihrem Vorwärts- schreiten wurden dagegen dieselben Männer, als sie einmal zu ihrem großen Entschlüsse gelangt waren, als es ihnen fest- stand, daß sie dieses Werk wollten! Jeder Tag Verzug erscheint ihnen nun von schmerzlicher Bedeutung; sie richten sich jetzt schon, wenigstens in Gedanken, auf die neuen Ver- Hältnisse ein, sie lechzen nach dem arbeitsamen Strome, der der jetzt adlermäßig mit Klafterflttichen Heransausende. Und nun geht ein Kämpfen an, daß fürwahr die Federn fliegen— der Wind bläst sie über den See und taucht sie ins Weidenwerk der Ufer. Es ist ein Ueberstürzen der Leiber, ein Ueberfliegen der Köpfe, ein Ueberschnappen der wutächzenden, heiser kollernden Stimmen. Zu schwül wird'S ihnen in der Kühle der Morgensonne, wie weg« gewischt, wie von einem ulkenden, sich an den Geharnischten be- lustigenden Wasserkobold an den Beinen in die Tiefe gerissen, sind sie beide auS den noch spülenden, mitgiftenden Wellchen fort. Unter Wasser rudern nun diese kleinen kampfwütigen Untersee- boote sich nach. Wie mögen die Schwimmhäute zwischen den ver- liebten Zehen daS Wasser trampeln, wie die kleinen Schnabelnüstern glanzperlende Kampfberauschtheit hinter sich blasen durch die grüne Dämmerung der Untersee. Da sind sie wie herausgeschleudert im Nu einmal dort, wo das schwarze friedliche Wasserhühnchen mit der weißen Blässe vor dem Kopf am jungsprosienden, smaragdfnschen Schilf hingaukelt. Rasender denn vorher, als hätten sie sich frische Kräfte in der Kühle geholt, knallen sie gegeneinander. Die Liebe I— Die Liebe I Da aber von fern, vom Röhricht, kommt die Liebe auf weißen weiten Schwanenschwingen, die Liebe der Versöhnlichkeit, die Liebe des Schlichtens, die Liebe, die auf Schwanenschwingen fliegt. Mit einem wahrhasten Borwurfslaut endet der schöne Flug des SchwaneS zwischen den mörderisch sich Bekämpfenden. Sie fahren auiein- ander, das ist ein absolut.Neutraler", der keine Partei ergreift, der nicht? zu erbetteln und nichts zu erhoffen hat von einem arm- seligen Lorch. Der Helmgekrönte, fort ist er, und wie stchs gehört, ist der Bescheidenere, der keine stolze Holle aufgesetzt hat, der Sieger. Er paddelt mit seinen Beinen zu dem Weibchen hin, und es schnäbelt ebenso liebenswürdig mit dem Bescheidenen, wie mit dem Stolzen, dem Prunker. In den nächsten Tagen habe ich mir ein Fernglas mitge- nommen, ich bin neugierig geworden auf diese Scheuen, die ge- lehrte Leute mit dem verrückten Namen.Haubensteißfuß* belegt haben. Ich steche allerwegen mit meiner Doppelröhre die Ufer ab, ein Fischer fern au« dem blaugrauen Dunst einer Bucht, brüllt mir zu:„Suchen Sie ein Boot?' Aber was ich nicht suche, da? finde ich: ein paar zierliche Tierchen in einem Gewuschel von halbnassem Schilf und jungen faulenden Wasserpflanzen. Soll das ein Nest sein, drumherum? Die Tafel„Hier kann Schutt abgeladen werden!* könnte daneben stehen. Wie von der schlemmenden Welle zusammengespült und dann von den mütterlichen besorgten Füßen einer Haubensteißfüssin auS- einandergekratzt, so schaut'S auS. Keine mollige Federfluse darin, wie sie selbst fede traurige Spatzenmutter irgendwo aufschnappt, kein weiches, wärmendes Hälmchen, das eine Ei liegt geradezu halb in dem darunter hinspülenden Waffer. Aber vielleicht ist eS kein Lorchnest, sage ich mir,— denn auf der Heimkehr sehe ich doch durch mein Doppelrohr ganz klar da dicht vor Lindwerder wieder einen, der sein ganzes Mittagsmahl an seiner eigenen Brust hält. Es ist nickt ander« zu sagen. Mit jener unästhetischen Wut. sich selbst zu verhäßlichen, wie man sie auch an einem der Strauße im Zoologischen Garten beobachten kann. der unter unsäglichen Halsverdrehungen die Federn von seinem Rücken rupft, zupfen sie sich. Iva« eben angeht, die Federn auS dem eigenen Balg,— aber beileibe nicht zur Nestpolsterung. Die Innen- Wandung des Magen« spicken sie mit den Federkielen, als hieße es da die Eier ausbrüten. Nach einiger Zeit schnüffele ich wieder an dem Nest herum. unter entenartigem Geschnatter fährt etwa« Lorchartiges herau« und pflügt davonplätschernd daS Wasser auf, wie ein nichl an chronischer Panne leidendes Motorboot. AIS quöllen junge Chamäleonbäuche unter der Eierschale, hat sich diese im Nest jetzt dunkelbraunrot ge- färbt, und vorher war sie doch so zartgrünblählich. EineS Mittag« in der Junischwüle komme ich von Cladow. Die Sonne brennt in den Schilfspitzen, die wie von grünen Gift- flössen überronnene Gurkhamesser auS dem User hervor- techen,— da wieder die« entsetzte Geschnatter und sechs niedliche etwas über einen Finger lange Lorchbabie« sausen davon... und pflügen das Wasser aus wie ein nicht an chronischer Panne leidende« Motorboot. Die Mutter hinterher. Eine Schmach für uns Menschen, grollt es immer in mir, wenn ich so diese Flucht der zierlichsten Wesen erleben muß. Ich plaudere mit dem braunen Abendfalter, der mir gegen die Nase knallt und dann auf meinem Finget die feingeperlien Fühlfäden wie dozierend, wie Paradiesesverträglichkeit dozierend auf und niedersenkt, aber mit den Lorchen zu plauden, mir den Reihern, mit den Birkhähnen, es will mir nicht gelingen. Ich bin ein großer Sünder— ich weiß es, dem frommen Franz von Assissi ist cS gelungen. Unheimlich... Aber so auf Viertelkilometer-Entfernung zuzusiZhauen, wie den Fingerlangen die ersten Fische serviert werden, das rst mir gestattet. Drollig, wenn die Mutter au« dem See emportaucht und der kleine Lorch vor dem hingehalteneu Fisch die ersten Schlingversuche machr, wie er eS nicht zustande bringt und der nächste Junglorch die Weite seines Halses an dem gleichen Gegenstand probiert, bis endlich die ganzen fünf alle sich fast erwürgt haben und nun die Mutler zuletzt mit einem energischen Schluck den kleinen Bissen verschwinden läßt. Merkwürdig auch, wie sie edcsmal einen neuen Fisch erst ganz energisch schütteln muß, ehe ich das Kücken heranwagt; sie schntlett oft mit einer Ausdauer, als chüttele sie den Kopf über solche Göhren- Zimperlichkeit. Oder weiß sie schon... daß sie eines Tages allesamt in einer Federpelzboa sich wiederfinden werden? Oder daß sie selbst mit ihrem atlasschimmernden Federpelz einmal auf dem Hut pincs Mädchens wippen wird? pariser Silhouetten. Von Per Krohg(Paris.) Aus dem Norwegischen von Werner Peter Larsen. Zwei heisere Musikanten ziehen in den Höfen umher und singen patriotische Lieder zur Gitarrenbegleitung. Wir hören sie bisweilen ganz schwach irgendwo am Ende der Straße. Sie singen immer drei Lieder, ein feierliches, ein sentimentales und ein lustiges. Es ist sieben Uhr morgens. Alle Fensterläden des Hauses, in dem ick wohne, tun sich auf. Die dicke Witwe ist natürlich, wie immer, zuerst aufgestanden, nach und nach aber wird eS überall lebendig, aus jedem Fenster strecken sich zwei nackte Arme hervor, und diese Arme schütteln Teppiche, rote, blaue und geblümte Teppiche. Die Pförtnerin scheuert die Fliesen im Hof. Dann kommen die Musikanten langsam auch zu uns und be- ginnen mit dem feierlichen Lied. Alle Arbeiten werden unter- brachen, die Teppiche hängen andachtsvoll herab, und das ganze HauS brummelt leise die Melodie mit. Die Kupfermünzen springen und klingeln auf den Hoffliesen. DaS sentimentale Lied wird jedoch von einem surrenden Laut unterbrochen. AlleS starrt gen Himmel.„Da ist er l" In dem kleinen HimmelSviercck. das uns Licht und Luft geben soll, taucht ein Flugzeug auf. Im selben Augenblick fast rst es wieder verschwunden. DaS dritte Lied, das lustige, das von Frankreichs Wundervogel, dem Aeroplan, handelt, findet begeisterten Beifall. Nun sind auch die Musikanien wieder fort. Sie sind nun am anderen Ende der Straße im vorletzten Hof. In dem letzten dürfen sie nämlich nicht hinein, weil es ein so seines Haus ist, iu dem schon die Pförtnerwohnung vornehmer ist, als irgend eine andere in der Straße, und die übrigen Wohnungen das Jahr gar und gern dreitausend kosten. Bei uns ist nun also wieder die Arbeit im Gange. Die Teppiche klatschen und schwappen gegen die Hauswände, und alles, was nur irgend bewegbar ist, wird vom Platz gerückt und zum Fenster hin- ausgeschüttelt. Wir kennen alle bis ins Kleinste die Wohnungs- einrichtung deS anderen. Der Hof liegt in Sonne und tanzendem Staub. Nur die äußerste Ecke ist kalt und grau. Aber da geht die Sonne sowieso nie hin. Da wohnt die dicke Witwe, die immer mißgelaunt ist. Das Merkwürdige ist nur, daß sie als einziger Mensch im ganzen Hose über ihrem Fenster ein Sonnenzelt hat. Die Pförtnerin scheuert noch immer die Fliesen und erzählt zwischendurch dem verkrüppelten Krämer ihre Geschichte, diese Geschichte, die niemand müde wird, immer wieder zu hören, trotz- dem sie ein jeder Hausbewohner täglich einmal mindestens hört: Sie hat drei Deutsche, die in Paris geblieben waren, angezeigt und verhaften lasten. Der eine gab sich für einen Elsässer aus. der zweite für einen Amerikaner und der dritte für einen argentinischen Tangolehrer. DaS erste Mal hatte der Polizeikommissar zu ihr zje- sagt, er habe diese Sorte nun endgültig satt, die da in einem fort ihre früheren Liebhaber als Spione anzeige. Aber sie war nicht mundfaul gewesen, o nein, sie hatte ihm einfach gedroht, sie werde die Sache lllemcnceau erzählen, und da war er ganz kirre geworden und hatte geradezu aus der Hand gefressen. Nun hatte die Psörtnerin zur Abwechslung eine Spionin in Sicht, eine Polin, die vor dem Kriege viel mit einem deutschen ihnen ihr Werk erleichtern soll; alle ihre Pläne für Neuem- richtungen basieren auf dem einen Gedanken des elektrischen Betriebes: ihre ganzen Hoffnungen ohne Ausnahme scheinen mit einem Male auf das gedeihliche Entstehen der Wasser- kraftzentrale von Juquila begründet zu sein. Aber so sind diese Männer: zögernd, fortwährend berechnend, kalkulierend treten sie an ihre Aufgabe heran; fast scheinen sie vor lauter Reflexion und Zaghaftigkeit nicht zum Entschlüsse zu kommen — bis mit einem Male die glimmende Kohle ihrer reinen Verstandestätigkeit zu der hellen Flamme der energischen Tat auflodert. Mit zwei Dutzend solcher Feuerbrände, die alle zu versengen drohen, wenn man sie nur anrührt, soll ich die nächsten Monate, vielleicht Jahre zu arbeiten haben?—. Ein Intermezzo: Jane Dickinson. „Wo ist Ihr Partner, Herr Stuart, geblieben? Weshalb kam er nicht �ur Beerdigung des Freundes?" „John blieb zu lange in Stadt Mexiko— darüber ging unsere Mine schier zugrunde. Nun sucht er zu retten, was noch zu retten ist; er will den Berg nicht eher verlassen, als bis er ihn sicher weiß!" „So müssen wir wegen des Silbers auf die Gesellschaft der Freunde verzichten?" „Ich fürchte, ja! Jndeffen, um genau zu sein, nicht wegen des Silbers, sondern wegen der Ehr ei" „Was heißt Ehre?" Ich zuckte die Achseln.— Ich langte endlich wieder im Minenhause an. Es wurde bereits Nacht. Ein Blick auf den Generator— er lief noch. Ich befühlte ihn mit der Hand; er war unerträglich heiß. Der Maschinist erzählte mir, daß der Stromerzeuger während des ganzen Tages unaufhörlich, ohne eine Minute Unter- brechung, gearbeitet habe. Im Sturmschritte geht es in den Berg hinein-- ich sehe Stuart. Er dreht das Rad des Kontrollers: der Eimer fährt ans der Tieie, wird ausgeleert und verschwindet wieder in das Reich der Finsternis. Stuart blickt mich finster an und sagt: „Einen Tag des Stillstandes habe ich zurückgewonnen —— noch eine Nacht und noch einen Tag, und wir find schon weiter, als wir vor drei Tagen waren, damals als Ricardo seinen Schurkenstreich beging. Und dann werden wir, so Gott will, rasch fertig werden.. „Wenn die Maschinen ausdauern. John! Du weißt ja nicht, was Du ihnen zumutest! Gönne ihnen doch eine Stunde zum Abkühlen! Auch Dir kann es nicht und auch mir nicht schaden!" „Erhalte sie mir im Gange, daß ich nicht rasten muß, und schaffe mir Ablösung von Leuten, damit nichts ins Stocken gerät: nachher kannst Du schlafen, soviel Du willst, und, wenn Du endlich munter wirst, Deine Motoren kühlen: nun aber wache init mir eine kleine Weile; Du hast doch wirklich lange genug geruht." Der Freund war bitter, gehässig in seiner Ausdrucks- weise, und ich ließ ihn stehen. Die Motoren der Förder- Maschine sowie der Pumpen waren verhängnisvoll heiß ge- worden; ich schickte einen der Leute zum Hause, um einen Ballen Packleinwand zu holen. Unterdessen setzte ich mich in einen Winkel und sah der Wanderung der Eimer zu. Stuart hatte sich wirklich vorzüg- lich in die ihm doch so ungewohnte Beschäftigung cinge- arbeitet. Das unaufhörliche Wechselspiel der fahrenden Gefäße ging glatt von statten: nur weniger Sekunden des Aufenthaltes am Ziel bedurfte es, dann war durch die Gehilfen der Eimer geleert, und die Reise begann von neuem. Noch einmal versuchte ich eine Unterhaltung mit dem Freunde: „John, wir haben Ward heute begraben!" „Da habt ihr auch was Rechtes geleistet! Glücklich, wer mit so wenigem zufrieden sein kann!" „Um de» verstorbenen Freundes willen solltest Du nicht so sprechen!" „Was gehen mich die Toten an: ich habe leider keine Zeit für sie!" Ich wollte nichts mehr erwidern: es war ja doch nutzlos. Auch kamen in diesem Augenblick gerade die Ballen Packlein- wand, und ich hüllte die beißen Motoren damit ein und tränkte die Tücher mit Wasser. Ein sehr gefährliches Be- ginnen: aber was konnte es helfen? Lieber die Motoren in ein paar Monaten vom Rost zerfressen, als sie in diesem Wahn- sinnigen Betriebe in tvenigen Stunden durch die Ueber- lastung ausbrennen lassen. Den Bedienungsmannschaften. besonders Stuart, gab ich dann noch eine Reihe von Ver- Haltungsmaßregeln, wie sie die Maschinen regelmäßig an- feuchten und bewachen sollten, damit sie nicht allzu naß würden, wie vor allen Dingen dafür gesorgt werden müsse, daß bei einem Stillstande des Motors sofort das Gehäuse sorgsam getrocknet werde, um die Gefahr des Rostens und des Durchschlagens zu vermeiden. Und dann verließ ich den Berg— mit schwerem Herzen. Draußen war es schon Nacht: hoch ich konnte mich ihrer nicht erfreueg. (Forts, folgt.) Maler zusammen gewesen war. WaZ-jedoch sie selbst außerordentlich verdächtig machte, war, daß sie jeden Morgen mit einer Aktenmappe vorbei kam. Es kommt hinzu, daß über diesen Polinnen überhaupt immer ein etwas geheimnisvoller Schleier liegt. Sind sie selbst nicht Deutsche, so sind sie mit Deutschen verheiratet, oder zum mindesten doch deutschfreundlich gesinnt. Aber die Pförtnerin wird sie schon noch fassen: sie sammelt�jetzt die Beweise in langen Unter- redungen mit den anderen Psörtnersfrauen unserer Straße. Der Krieg hat den engen Lebenskreis dieser Kleinbürger eigent- lich nur wenig berührt. � Sie alle haben ja fast einen Angehörigen an der Front, so daß dies also nichts Besonderes mehr ist. Eine Ausnahme bilden nur diejenigen, die von der Behörde ein Schreiben des Inhalts empfangen haben: «Sie können stolz und froh sein. Herr X. ist für das Vaterland gefallen. Er war ein Held!" Aber selbst dieser Ausnahmen, die stolz und froh sein können, werden immer wenigere, und es hat fast den Anschein, als werde man die Ausnahmen bald auf der anderen Seite suchen müssen, auf der Seite derer, die noch nicht froh sein können, weil sie das behördliche Schreiben noch nicht haben. Die Tage gehen den alten Gang. Die Kleinbürger stehen, wie immer, mit der Sonne auf und legen sich, wie immer, bald nach ihrem Verschwinden schlafen. Für sie ist der Achtuhrschluß der Kaffee- Häuser ohne Bedeutung. Sie gehen am- Sonntag ins Kaffee- Haus. Sie habeisi seit jeher auf die Nachtschwärmer herabgesehen. Und zu den Ausländern, die sich auf dem Montmartre verluslierten, pflegten sie zu sagen:„Da reisen Sie nun später heim, und erzählen von Paris, der Stadt der Vergnügungen, aber Sie wissen nicht, daß die Kellner in den Nachtcafss zum großen Teil Deutsche sind, daß die Tänzerinnen aus allen Weltgegenden zu- sammenströmen(„die hätzlichsten natürlich aus Berlin..."), daß die Musikanten deutsche Zigeuner, daß der Vortänzer ein Spanier ist, und daß sich unter der ganzen Gesellschaft nur sehr, sehr wenige Franzosen befinden. Sie� laufen die ganze Nacht über irgendwo herum, und dann trotten Sie nach Hause und legen sich schlafen, und da, auf dem Heimwege, treffen Sie dann die wirklichen Pariser, die jeden Morgen durch die Stadt fluten, um zu arbeiten. Sie sind� e s, und nicht die anderen, die Paris ge- schaffen habe». Aber Sie find natürlich viel zu müde oder berauscht, um darauf Acht zu geben, und wenn Sie spät abends endlich erwachen, sind die wahren Pariser schon wieder schlafen ge- gangen. Wie lange Sie in Paris bleiben, ist völlig gleich, Sie lernen Paris niemals kennen." „Paris faßt den Krieg mit Ruhe auf," hat in so und so vielen Telegrammen gestanden. Aber diese Ruhe ist nicht von gewöhn sicher Art, sie ist weder feierlich noch gleichgültig. Manchmal aber will es geradezu unfaßlich scheinen, daß der Feind tatsächlich im Lande steht, daß er kaum hundert Kilometer von hier entfernt steht, und daß dort oben, im Norden Frankreichs die rote Kriegsfackel loht. Und spricht man bisweilen mit den Verwundeten, so hat man immer wieder den Eindruck, daß Paris nicht mehr die erste Stadt Frankreichs, sondern nur noch eine riesige Vorstadt ist, eine Vorstadt zu der neuen mächtigeren Hauptstadt, die da irgendwo oben im Norden liegt: an der Front. Paris illuminiert nicht, und Paris flaggt nicht, aber an jedem neuen Morgen denken die Pariser so bei sich, so ganz im Stillen: Nun ist also der große, der endliche, der entscheidende und befreiende sieg abermals um einen Tag nähergerückt. Vorläufig freuen wir uns mal im Stillen an allem, was ihn irgendwie fördern könnte. Und Angst haben wir mal ganz gewiß nicht." Und so warten sie und warten, von Tag zu Tag: auf das große Ereignis, auf die Erlösung, auf Joffres' neuen, gewaltigen Tag des Gerichts. » Es ist neun Uhr abends, und alle Fenster mit den herab- gelassenen Vorhängen sind erleuchtet. Unsere Pförtnerin ist über ihrer Zeitung eingenickt. Da plötzlich steckt ein Polizist den Kopf zum Fenster'herein, ruft irgend etwas und ist auch schon wieder verschwunden. Die Pförtnerin aber stürzt wie besessen in den Hof hinaus und schreit: „Sofort alle Lichter löschen! Zeppeline gemeldet?..." Einen Augenblick darauf ist unser Haus verschwunden. Man sieht nur noch eine schwarze Masse mit einem Biereck oben darin, indem viele Sterne stehen. Sämtliche Hansbewohner poltern im Sturmlauf die Treppen hinab. Draußen auf der Straße ist es völlig dunkel und still. Aus den grauen Häusermassen gleiten schwarze Schatten hervor und gespenstern hinab in die Richtung der Boulevards, wo der Himmel immerhin freier und' das Dunkel nicht so pechrabenschwarz ist. Auf diesem grauen Hintergrunde erscheinen die Schatten wie scharf ge- schnittene schwarze Silhouetten. Sie huschen hin und her, verschlingen sich ineinander, ballen sich zusammen und ergeben schließlich die merkwürdigsten Gebilde. Es gibt da Menschen mit zwei Köpfen und acht Beinen, oder solche ohne Kopf, dafür aber mit zwanzig Armen, und wieder andere mit großen Buckeln und höchst wunderlichen Gliedmaßen, Menschen, die sich aus dem Knäuel vielleicht schon im nächsten Augenblick heraus- lösen und sich als zwei durchaus normale friedlich daherwandelnde Bürger entpuppen.--- — Ich habe mich über derartige Sternhimmel seit jeher ärgern müssen. Werde ich doch stets sozusagen melancholisch, sobald ich näher über diese kleinen leuchtenden Pünktchen nachdenke, die da so aussehen, als lebten sie in großen Sippschaften beisammen, während sie doch in Wirklichkeit Meilmillionen von einander entfernt im Weltenraum kreisen. Einen Stern aber finde ich an diesem Abend, der einen ganz eigenartigen, einen ganz besonderen gelben Schein hat. Es ist kein Komet, und es ist auch keine Sternschnuppe; es ist irgend ein Stern, den ich vordem noch nie bemerkt habe, der aber desungeachtet unter all den anderen ruhig seine Bahn zieht, und zwar, wie mir scheint, mit einem eigenartig wippenden Gang. — Ein vorbeigleitender Schatten weist gen Himmel und sagt: „Sehen Sie nur den Aeroplan da oben!" Ich schaue hinauf: in der Tat ein Aeroplan. Er muß ganz fabelhaft hoch fliegen, denn man vernimmt nicht den geringsten Laut. Er scheint einen großen Bogen um den Bahnhof Montparnasse zu beschreiben. Wahrscheinlich sind außer ihm noch eine ganze An- zahl solcher Luftpolizisten heute Nacht auf Wache, um die wichtigsten Plätze zu beschützen. Die Scheinwerfer suchen unermüdlich den Himmel ab, maucherorts in den Wolken steigt eine Leuchtrakete auf... Die Menschen drängen sich so dicht auf den Straßen, als sei der größte Feiertag. Gewiß ist der Anlaß zu diesem Gedränge ja eigentlich der unerwartete Zeppelinbesuch, aber dieser Anlaß ist bald vergessen. Das Sensationelle der Sache hat alle gepackt? es ist sozusagen eine neue Mode? es wirkt„commg U faut", und man spricht ringsum in denkbar zier- lichstem Französisch, das, wie es dem Ohr erscheint, unablässig blaue und rosa Schleifchen in den Lüften schlingt. Mitten aus dem Bürgersteig sitzt eine Gruppe von Menschen um. einen kochenden Kessel auf einem Petroleumapparat. Sie trinken Thee.... Und mit einem Male bricht die ganze Geschichte ab. Das Gas flammt auf. Die Zeppeline sind abgeschwenkt, alle Gefahr ist vorüber. Nun liegen die Boulevards öde und verlassen. An allen Fenstern flammt wieder Licht auf. Selbst die Aeroplane sind verschwunden. Sämtliche Sterne am Himmel stehen für eine Sekunde in Ver- wunderung still----. Dornröschen in naturwijlenfchastlicher Beleuchtung. Wer die großen Wahrheiten des Lebens in einfachstem Gewände finden will, mag die Märchen seiner Kindheit vorholein So sagt Forstreuter in einem„Schlafende Natur" betitelten Aussatz, den er in der„Volksbildung" veröffentlicht. Diese Märchen find Sinn- bilder für Tatsachen so tiefer Art, daß sie nicht nur die Erlebnisse des Menschengeschlechts, sondern auch die allgemeinsten Schöpfungs- gedanken der Natur umfassen. WaS das Märchen vom Schlafe sagt, das bezeugt auch die lebende Natur da draußen. Der Schlaf ist der Tierwelt geradezu ein Universalmittel, mit dessen Hilfe auch dem unliebsamsten Umstand die gefährliche Spitze abgebrochen wird. Die Erscheinungen des Winterschlafs in der Tierwelt sind all- gemein bekannt, weniger dürfte dies von den Erscheinungen des Sommerschlafs der Fall sein. Unter den einzelligen Wesen ist der Ruhezustand— in der geläufigen Rede verbinden wir mit Schlaf ja immer Ruhe— bei gewissen Anlässen allgemein. Viele Urtiere haben keinen individuellen Tod, weil sie sich beständig teilen, oder auch zur Abwechselung einmal vereinigen. Bei ihnen hat dann der Schlaf Be- Ziehungen zur Sammlung von Spannkrästen. Wir sehen, das Ver hältnis von Schlaf und Tod(im Bewußtsein des Menschen rein ge- sllhlsmäßig ausgedrückt) hat seine Wurzeln schon in der Zelle. Meistens kapseln sich die mikroskopisch kleinen Tiere erst in- folge äußerer Ursachen ein. Viele sind nämlich Bewohner kleiner Pfützen und Tümpel, deren Wasser oft eintrocknet. Dann drohen Dürre und Hungersnot. Das winzige Protoplasmaklümpchen macht sich noch kleiner als es schon ist und hüllt sich in einen festen Mantel. Eine solche„Cyste" ist selbst gegen Hundekälte und Hunds tagshitze gesichert. Da sich die äußeren Formen des ursprüng- lichcn Tieres vollständig geändert haben, könnte man hier von einer Art Vermehrung sprechen. Nun geht es schlecht an die etwaigen, der Vernichtung anheimgefallenen Teile, wie Geißeln, Zellwände, als vollwertige„irdische Reste dieses„Verblichenen" anzusehen. Mit gewisser Abänderung kehrt der Urschlaf bei allen Tieren wieder. Was vom Schlaf als Universalmittcl oben gesagt wurde, paßt besonders auf den Kreis der Würmer. Cystenzustände sind bei ihnen ebenfalls zu finden. denn der Schlaf ist doch ein so bequemes und leicht erreichbares Mittel, zugleich mit gern ausgenutzter Energieersparnis verbunden, daß Trockenheit und Kälte mehr als angenehme Unterbrechung denn als Uebel erscheinen müssen. Besonders bringt die bei den Würmern häufige Lebensweise als Parasytcn es mit sich, daß der Schlaf an irgendeiner Stelle der viel- gestaltigcn Entwicklung als„guter Freund" erwünscht ist. Dabei wird oft das Wirtstier als Ruhebett ersehen, wenn auch um- gekehrt manche diesen Zustand im Freien verbringen. Natürlich haben die Ruhezustände eine große Bedeutung für die Entwicklung des Wurms. Wir können also auch nicht von einer absoluten Ruhe sprechen, auch nicht beim nienschlichen Schlafe. Für gewisse Organ- gebiete bedeutet dieses Stadium vielmehr eine vermehrte Leistung. Der Schlaf ist also ein Umschalter im Mechanismus des Körpers, indem die Bewegungs- und Sinnesorgane mit ihrem ganzen Apparat aus- und die für den Ersatz von Spannkräften sorgenden Teile in verstärktem Maße eingeschaltet werden. Das Gesägte paßt voll- kommen auf den Bandwurm, der ein Finnendasein führt, um in Muße sich für die Zeit kommenden Schweigens vorzubereiten. Wir können die Finne sozusagen als Puppe ansehen und kommen so zu der Gruppe von Tieren, die gleichsam in kristallisierter Form das Prinzip vom Schlaf als Jungbrunnen aufweisen, zu den Insekten. Bei ihnen ist das ganze Leben auf die große Pause zugeschnitten; die erste Daseinsstufe bekommt einen selbständigen, von der späteren völlig verschiedenen Charakter. Der große Schlaf muß eben den Bogen von der Raupe zum reifen Tier spannen, und 'hier reicht die ernste Wissenschaft schon in die lieblichen Gefilde des 'Märchens. Bei vielen Kriechtieren und Lurchen ist Winterschlaf und Sommer- schlaf zu beobachten. Besonders hervorgehoben zu werden verdienen tropische �Formen. Alexander von Humboldt fand Wasserschlangen in den Sümpfen Brasiliens während der trockenen Periode ver- graben vor. Sic rührten sich kaum, als man sie störte und erholten sich erst bei starker Befeuchtung. Krokodile folgen während der Regenzeit den Regenströmen. Sie gehen ihnen soweit nach, daß sie infolge der rasch eintretenden Dürre von den Hauptströmen ab- geschnitten werden. Anfänglich genügen die Lachen. Trocknen auch diese ein, vergraben sich die Ungeheuer in dem Schlamm. Die Fähig- keit mancher Schwanzlurche, monatelang in dürrem Sande ihr Leben zu fristen, grenzt in der Art, wie das geschieht, ans Wunderbare. Bekannte Forscher vergleichen die ausgetrockneten Tiere, ohne zu übertreiben, mit einer Schuhsohle, die infolge des Alters und der Einwirkung der Sonnenstrahlen eine bizarre Forin angenommen hat. In dem Reigen der Schlafenden dürfen die Fische nicht fehlen. Der bekannteste Schlammbewohner unserer Breiten, der Schlammpeitzker, macht es jenen Schlangen und dem Krokodile nach, und Lurchfische namentlich der Cerarododus legen sogar die Kiemen ab, wenn die Sandflüsse Australiens eintrocknen, um das mit schleim tapezierte Sommerdeu.zu beziehen. Musik. MarschnerS„Hans Heiling" im Deutschen Opern- haus. Die Entstehung der romantischen deutschen Oper steht mit der durch die romantische Schule in Fluß gebrachten Strömung im innigsten Zusammenhang. Die Librettisten schöpften vorwiegend ihre Stoffe aus dem erschlossenen Born deutscher Märchen- und Sagenliteratur. Webers„Freischütz" brach mannigfachen Nachfolgern auf musikschöpferischem Gebiet die Bahn. Unter ihnen sind Louis Spohr und Heinrich Marschner als die bedeutendsten zu nennen. Insbesondere Marschner. Wohl gelang es ihm nicht, der deutsch- volkstümlichen Oper gegenüber einer bald hereinbrechenden welschen Musikflut zum obsiegenden Durchbruch zu ver- helfen. Deutsch aber i st seine Musik zu„Hans Heiling"; so deutsch, als Webers Freischütz-Musik es ist, wenngleich nicht so populär. Daß Marschner, der außerdem ein wirklich gediegener Dirigent war, von Weber ausgegangen ist, merkt man gar wohl an mancherlei Modulationen und melodischen Schlußwendungen. Der Originalität seines Empfindens und Gestaltens tut das nicht im mindesten Abbruch. Daran vermochten wieder andere zu erstarken, beispielsweise Lortzing(Undine). Ja, vom Schöpfer des Hans Heiling hat selbst ein Wagner(Lohengrin) in musikalischer Beziehung ihm kaum bewußten Vorteil gewonnen. Den Stoff zur Handlung des Marschnerschen Werkes hat Eduard Devrient der böhmischen Sage von Hans Heiling entnommen. Das ist ein Erd- oder Berggeist,'der eine Sterbliche heiratet,� aber, von Eifersucht verzehrt, sie und ihre Umgebung in Felsen(Hans- Heilingfelsen zwischen Karlsbad und Elbogen in Deutschböhmen) verwandelt. Hier allerdings ist dies Motiv vertieft und in versöhn- lichein Sinne gewandelt. Marschners Musik zeichnet sich durch treffende Charakteristik, Wahr- heit des Ausdrucks und dramatische Lebendigkeit aus. Seine Meisterschaft sowohl in der Schilderung des Dämonisch-Gespenstischen, wie des Volksmäßigen und Komischen wirkt auch noch heute über- zeugend. Merkwürdig selbständig erscheint er mir namentlich in der Formung eines nicht selten auf Wagners Deklamation zusteuernden Gcsangstils. Prachtvolle Arien, Duette, humoristische Lieder und Zwischenaktsmusiken sind aufgehäuft. Es war also ein Gebot der Pietät,„HanS Heising" dem Spiel- plan der einzigen Berliner Volksoper einzuverleiben. An Fleiß und künstlerischem Bemühen ward nicht gespart. In dekorativer Hinsicht ist wieder einiges wirklich Stilvolle geleistet; desgleichen gibt es, neben mancherlei Schablonenhaftem, gute Regiebeweise. Dennoch stand die erste Aufführung des Werkes unter einem ungünstigen Stern. Werner Engel als Titelheld versagte infolge� Heiserkeit vollständig. Mittendrin übernahm Reisinger vom Desfauer Hof- theater die Rolle. UnVertrautheit mit der Akustik des so riesigen Theaterraumes mag einer stimmlich wie auch darstellerisch nicht eben überwältigenden Leistung zur Rechtfertigung dienen. Unter allen Umständen sollte das Publikum vor argen Enttäuschungen bewahrt werden, indem lieber eine andere Oper eingeschoben, statt ein hier noch neues Werk verpatzt wird. Sonst gaben Paul Hansen und Maria Schneider manches Vortreffliche. Auch die Chorleitungen klangen im Schlußakt einhellig zusammen. die schwungvolle musikalische Leitung. Eduard Mörike hatte ok. kleines Keuilleton. Der Locü-firdeiter. Ein rührendes Geschichtchen mit einer schönen moralischen Nutz- anwendung, die dem patriotischen Zweck dienen soll, den englischen Arbeitern die Kriegsarbeit schmackhafter zu machen, läßt sich eine Pariser Zeitung aus London melden:„Jeden Morgen", so schreibt das Blatt,„Schlag sechs Uhr kann man unter den Arbeiterrrupps, die nach der Flugzeugfahrik von Bhfleet in der Grafschaft Surrey hinausziehen, einen Mann von ungewöhnlich Hohem Wuchs und stark ergrautem Haar sehen, dem seine Arbcitergenossen ein lustiges„Guten Tag, Nobbh!" zurufen. Nobby, der vor einigen Tagen erst in die Fabrik als Arbeiter ein- getreten ist, ist unter seinen Kameroden schnell beliebt geworden, und zwar aus einem durchaus verständlichen Grunde: Dieser Ar- beiter mit dem liebenswürdigen, gutmütigen Gesicht und dem heiteren, leutseligen Wesen ist niemand anders als das Oberhaupt einer der ältesten und angesehensten Adelsfamilien Großbrüanniens. Hieß doch Nobby noch vor wenigen Tagen Lord Norbury. Der englische Edelmann ist der Meinung, daß jeder Bürger entsprechend seinen Mitteln verpflichtet sei, in Kriegszeiten zum besten des Landes zu arbeiten. Zu alt, um zur Front gehen zu können — Lord Norbury zählt 52 Jahre— glaubte er dem Vaterlande in der Fabrikation von Flugzeugen den nützlichsten Dienst leisten zu können, da er technische Kenntnisse besitzt und auch in mechanischen Dingen bewandert ist. So hat denn Lord Norbury ohne zu schwanken und heiteren Mutes sein wundervolles Schloß Greenwvod Gate verlassen, und er hat sich in einer kleinen Arbeiter- kammer in Byfleet häuslich niedergelassen. Als er in der Fabrik nach Arbeit fragte, wurde er auch soforl eingestellt, und zwar zu einem Lohnsatz von 72 Pf. für die Stunde. Lord Norbury, der jetzt „Nobby" heißt, arbeitet von morgens 6 bis abends ö Uhr, also volle 12 Stunden. Gesundheitlich fühlt er sich bei der angestrengten Ar- beit außerordentlich Wohl. Auch hat er den festen Entschluß gefaßt, von dem Gelde, das er als Lohn erhält, nicht nur seinen Lebens- unterhalt zu bestreiten, sondern, wenn es geht, auch darüber hinaus noch Ersparnisse zu machen._ Die Gfotenbahn. Der Umstand, daß die kriegerischen Ereignisse der Gegenwart die Aufmerksamkeit des deutschen Publikums ziemlich restlos in Anspruch nehmen, hat es bewirkt, daß bedeutsame Kullurerrungen- schaften, die unter anderen Verhältnissen mit Recht lebhaft erörtert worden lonren, kaum bemerkt werden und sang- und klanglos ins Leben treten, ohne daß selbst die jeweilige Fachwissenschaft davon einen mehr als gelegentlichen Vermerk nimmt. Das gilt, wie Dr. Hennig im„Prometheus" berichtet, von der Einführung des elek- irischen Betriebs auf der nördlichsten Eisenbahn der Erde, der sogenannten Osotenbahn, die vom schwedischen Ostseehafen Lulea quer durch die Halbinsel in nordwestlicher Richtung hoch über den Polarkreis hinauf bis zum norwegischen Ozcanhafen Narvik verläust, und von der in engem Zusammenhang hiermit stehenden Eröffnung des neuen großartigen elektrischen Kraftwerks am Porjusfall des Lulea-Elfs. Es ist nicht weiter auffallend, wenn Schlvedcn auf diesem Gebiete unter allen europäischen Staaten die Führung er- griffen hat, trotzdem in Deutschland auf elektrisch betriebenen Versuchsstrecken recht bemerkenswerte Ergebnisse erzielt wurden. In Deutschland besteht mit Recht das strategische Bedenken, daß eine elektrische Bahn viel leichter lahm gelegt werden kann als eine Dampfeisenbahn. Dazu kommt noch, daß Deutschland reich an Kohlen, aber namentlich in seinen nördlichen Gebieten arm an natürlichen Wasserkräften ist, so daß hier die Wirt- schaftliche Ersparnis nicht im entferntesten die Rolle spielen kann wie in Schlvedcn. Schweden bezieht alljährlich für 7s> Mstlionen Kronen Kohlen aus England, wovon rund der zehnte Teil aus die Staatsbahnen entfällt, während es andererseits zu den an natür- liehen Wasserkräften reichsten Ländern Europas gehört. Auch kommen hier strategische Bedenken nicht in Frage. Als Probcstrecke wurde absichtlich die oben genannte Bahn gewählt, weil einerseits diese Strecke besonders den Wctterunbilden ausgesetzt ist, andererseits die Bahn den steigenden Anforderungen des Erzlransports ohnehin nicht genügt hätte._ Was verwundete im Körper zurückbehalten können. Nicht nur Kugeln bleiben oft in den Körpern der Verwundeten zurück, ohne daß sie irgendwie gesundheitsstörend einwirken, auch andere Gegenstände. Im Jahre 1893 führte Professor Bardenheuer im Bürgerhospital in Köln eine Operation an einem siebenundvierzig- jährigen Manne aus, der seit der Schlacht von Königgrätz, also über ein Vierteljahrhundert hindurch eine 33 Millimeter lange Säbelspitze im Körper trug. Diese Säbelspitze war von einem Granatsplitter am Säbel abgeschlagen und mit dem Granatsplitter in eine Brustwunde getrieben worden. Der Splitter war entfernt worden, ohne daß man von der Säbelspitze etwas wußte. Nach zwanzig Jahren zeigte sich auf dem Rücken des Mannes, in der Höhe, in der er die Brustwunde gehabt, eine Geschwulst, die sich allmählich verhärtete. Als diese zu schmerzen begann, ließ er sie aufschneiden und die Säbelspitze trat heraus.— Ebenfalls im Jahre 1893 wurde in Erfurt ein Postbeamter operiert, der in einem Gefecht 1870 einen Schuß in den Hals erhalten hatte. Erst nach 22 Jahren etwa zeigte sich am Hals eine Geschwulst, und als sie operiert wurde, förderte der Arzt zur größten Ueberraschung des Patienten das Glied einer Schrchpenkette zutage, wie sie an Helmen getragen wird. Das feindliche Geschoß hatte augenscheinlich die Kette zerrissen und das Glied in den Hals getrieben.— Manchmal entfernen sich übrigens derartige Kriegsandenken auf eigen- tümliche Weise. Ein Berliner Königsgrenadier hatte bei Wörth einen Schuß in den Hals bekommen. Die Kugel, die sich gesenkt hatte, war im Körper geblieben. 1339 wurde durch den berühmten Langenbcck ein etwa 15 Gramm schweres Stück entfernt. Doch war die Kugel gebrochen und ein Stück war im Körper geblieben. Da Patient im Jahre 1391 wieder eine Geschwulst am Halse fühlte und Schmerzen empfand, wollte er sich wieder einer Operation unter- werfen und war bereits zu dem Zweck von Bramann in Halle untersucht worden. Da ging eines Morgens die Geschwulst von selbst auf; der Mann verspürte im Munde einen harten Gegenstand und glaubte, ein Zahn sei ihm ausgefallen. Es war der Rest der Chasjepotlugel, die ihn 21 Jahre vordem getroffen hatte. Ein neuer Kochregler. Gegenüber dem Kohlenherde hat der Gaskochherd die große Ueberlegenheit, daß sich bei ihm durch Flammenregulierung jede be- liebige Temperatur einstellen läßt. Dieser Vorzug ist meist aller- dings nur in der Theorie vorhanden, denn in der Praxis scheitert die Einstellung der Flamme an dem passiven Widerstände der Köchinnen. Nur eine automatische Regelung der Wärmezufuhr, ähnlich wie bei den Thermostaten in den Laboratorien, könnte hier Abhilfe schaffen. Diese Bedingungen erfüllt der in der Zeitschrift jür Beleuchtungswesen beschriebene Kochregler von Professor H. Junkers. Inmitten des Brennerkopfes eines Kochherdes befindet sich eine Reglerkapsel mit dem thermostatischen Elemente. Durch die Berührung des Topfbodens mit der Regler- kapsel wird die Uebertragung der Wärme des Kochgutes auf den Regler hergestellt. Die Wirkung des Kochreglers vollzieht sich also absolut automatisch. Es sind keine besonderen Töpfe nötig, nicht der geringste außergewöhnliche Handgriff ist erforderlich. Es vollzieht sich alles wie bei der gewöhnlichen Kochweise: der Topf wird einfach aufgesetzt; die Wartung und Kleinstellung besorgt der Regler, und das mit so ab- soluter Zuverlässigkeit, daß das Anbrennen vonMilch oderGemüsen voll- ständig ausgeschlossen ist. LergvwsSlicher Redakteur:»Ifcffe Wiclepp. Aeukölly. Für des Lnieratenteil verantwu Th?Glocke. Berlin. Druck u,Verlag:VorwärtzBuchdruckerei u.-berlagsanstalt Paul Singer Sr. Co, Kerlin SW,