Nr. 153.- 1915. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Nonnerstag, 8. Juli. Bta Wunsih in öie Zukunft. (Meinen Söhnen.) Du, der auf kurzen Beinen trippelt durch die Welt, hörst nicht das blutige Weinen. das diese Tage durchgellt. Du in der engen Wiege schlummerst in guter Ruh'. Fahnen, Jubel und Siege fallen dir wunschlos zu. Ich aber stehe dazwischen, der schweren Zeiten bewußt, Wonne und Wehe mischen sich seltsam in meiner Brust. Wenn einst die letzte Hülle eurer Kindheit reißt: Wohin euch wohl die Fülle eurer Erinnerung weist? Daß kein Mensch fürder sterbe durch eines Mensche- Hand: Erkennt ihr darin euer Erbe? Fühlt ihr euch dem verwandt? Ein Wunsch für euch, die Spätern, macht mir die Seele weit: werdet mir zu den Vätern einer neuen Zeit! Karl B r ö g e r. Neue Erzählungsliteratur. Gabrhela Zapolka: Der Polizeimeistep.(Berlag i�esterheld u. Comp., Berlin.) Der Kriegskonjunktur folgend hat der Verlag durch den Untertitel„Die russische Knute" dem Roman der bekannten polnischen Schriftstellerin ein aktuelles Aushängeschild ge- geben. Wir kennen seit Gogols Zeiten die maßlose Korruption der russischen Verwaltungsmaschine und die überaus anfechtbare Kultur- stufe der zarisch bevollmächtigten Menschenschinder undMenschenausbeuter im Rock der Polizei, Gendarmerie, bis hinaus zu den Staats- und Regierungsräten, den Ministern und Großfürsten. Die Zopolka erzählt mit dem temperamentvollen Rasienhaß der antirussischen Polin, zugleich mit hervorstechender Sachkenntnis die schauerliche Lokalgeschichte einer kleinen russisch-polnischen Grenzstadt, die unter der Knute eines brutalen Viehes von Polizeimeisters stöhnt und duldet. In diesem Tagcjew, der mit Totschlägern die Beute teilt, große und kleine Erpressungen an der Bürger- und Bauernschaft des Städtchens mit Meisterschaft tagtäglich ausübt, Prostituierte als Spitzel hält, etwelche Mittel für Gehälter und Reformen größten- teils in seine eigenen unersättlichen Taschen verschwinden läßt, lebt ein ausgewachsener Typ russisch-amtlicher Sittenverderbnis vor dem Leser auf. Grell sticht sein von innerer Fäulnis schillerndes Bild in das asiatische Dunkel, dem der Weltkrieg jetzt näher und näher rückt, und wenn sich auch Ohren und Augen sträuben vor Ungeheuerlichkeiten, die die Verfasserin mit der dem Sittenschilderer um des Eindrucks willen gebilligten Unterstreichung, vielleicht auch stellenweise Uebertreibung häuft, so stehen wir doch vor Tatsachen, vor dem russischen System an sich, das mit Knute, Betrug, Knechtung und hohnvoller Rechtserdrosselung regiert. Der alte Tagejew geht nicht ins Gefängnis, wie er es verdiente, sondern in Pension, und der neue Tagejew zieht ein. Wie geprügelte Bauern und Juden, gekaufte Spitzel, zemißbrauchte Geschöpfe beiderlei Ge- schlecht? die ewigen Statisten dieser traurigen Tragödie bleiben, das weiß die Zapolka mit realistischer Gestaltungskraft zu verbildlichen und durchweg künstlerisch mit flammenden Erkenntnislichtern zu erhellen. . Johannes V. Jensen: Das Schiff.(S. Fischer. Berlin.) Jensen, unzweifelhaft der stärkste und feurigste Denker Die Erweckung der Maria Carmen. u] Von Ludwig Brinkmann. Als wir auf dem Heimwege waren, besprachen wir Stuarts Entdeckung. Er ist felsenfest davon überzeugt, daß der Matador, wie dieser Stollen heißt— Stuart hatte das bereits aus unserem alten Tobar herausgebracht—, mit der Maria Carmen im Zusammenhange steht. „Erst seitdem wir zur zweiten Sohle in unserem Berge hinabgestiegen sind, ist mir die Gebirgsformation und damit die Lage der Silberadern klar geworden. Wir alle haben in dem Irrwahn gelebt, daß sie sich vom Jnnenhofe nach Norden hinziehen: dem aber ist nicht so: dort ist eine Falte im Berge, und sie hören plötzlich auf. Nach Osten dehnen sie sich aus, und augenscheinlich werden die Lager in dieser Nich- tung immer breiter, bis sie sich auch hier in einer Falte der- lieren. Aber vom Matador aus können wir die Gänge bis zu ihrem Einbrüche verfolgen." Daran anschließend hielt mir Stuart einen großen Vortrag über die geologische� Be- schaffenheit unseres Berges, von dem ich aber das meiste schon wieder vergessen habe. Ich hatte meine großen Bedenken ob der Richtigkeit seiner Wahrnehmungen: mir erschien die Sache gar nicht so einfach, so einleuchtend. Ich bestritt, daß die Maria Carmen und der Matador in irgendwelchem Zusammenhange ständen. „Unsere wackeren Spanier müßten ja ganz unglaub- liche Entfernungen in den Berg hineingetrieben haben, wenn sie von unserem Hause bis hierher mitten durch den Fels ge- langen wollten! Soviel Jngenieurkunst traue ich den Leuten aber nicht zu!" „Das kannst Du ganz ruhig tun", entgegnete Stuart lächelnd.„Die Leute verstanden von gewissen Dingen viel- leicht mehr als wir. Natürlich hatten sie von elektrischen Maschinen keine Ahnung: dazu bedurfte es Deiner euro» väischen Weisheit: aber sich in den Fels einfressen, das konnten sie, denn sie hatten tüchtige Bauleute schier umsonst zur Verfügung und besaßen vor allen Dingen etwas, was wir nur noch aus alten Märchen kennen: sie besaßen Zeit, Jahr- zahnte, wenn es sein mußte. Aber in einem Jahrzehnt wollen wir doch bereits reich sein und auf dem Parado ein- herfahren, nicht wahr Lewis?— Zudem ist die Entfernung gar nicht so beträchtlich! Dort oben, seitlich von dem Gipfel des Berges liegt die Mulde, an deren tiefstem Punkte unser Wetterschacht ausläuft. Von da bis zum Eingange des Ma- unter den neueren dänischen Dichtern, gibt auch etwas„Völkisches" und hat schon in seinem früheren Buch: Das Rad, jenem von geistigem Fluidum durchzitterten Chicago-Roman, sein leidenschaftlich geliebicö Hauptthema aiigeschnillen. Und noch klingender und selbst- bewußter instrumenliert er diesen Leitgedanken in seinen neuen Büchern, in denen er als Epiker die Geschichte und Kultur seiner Rasse erzählt! Die Besiedelung der Welt durch die germanischen� Nordländer. Amerika schien ihm die letzte ge- schichlliche Staffel dieser prähistorischen Eroberungszüge zu sein, dann schuf er den„Gletscher", den roh-derben Heldengesang der Urzeit und jetzt fährr er mit dem„Schiff" zu seinen Ahnen, den Wikingern, als deren Sproß er sich suhlt. Eine große leuchtende, ja verzehrende Sehnsucht strahlt durch diese herrliche unbändige Landschaflsballade, von frischem Kampfesstolze angeweht. Dichter- klarheit erhellt uns den Blick für die rohe Raubzeit der alten Wikinger; wir lesen dieses Buch von Kraft und Trog und Siegesmut jetzt mit um so offenerem Auge, Was aber war der Urgrund und das verborgene Wesen aller weit- stürmenden Kraft und siegesfrohen Roheit? Nur die Sehnsucht! Was zuerst nur Sehnsucht nach Sonne war, aus ihren dunklen Schneehöhlen herauszukommen, das wurde dem Nordländer dann Sehnsucht nach der Ferne, Wandertrieb, und schließlich durch inneres Wachstum zu einem höheren Verlangen, jenseits von Zeit und Raum und allen faßbaren Dingen— zu einer Idee.„Die nordische Seele ist ein gewaltiges Streben über sich selbst hinaus." Die Träume der krast- strotzenden, meerfahrenden Jugend sind verweht, wie die Abenteurer- lust und der Uebermm der zahllosen Söhne des weißhaarigen heidnischen Königs Regner Lodbrog verweht sind, aber die Taten, zu denen ihre Reise ins Blaue Veranlassung gab und zuletzt den Grundstein zu dem christlichen Fischer- und Händlerhafen Kopenhagen legte, bleiben als Dokument ringender und kämpfender Menschen ein Stück Geschichte. Mit diesem Stück Geschichte aber gibt Jensen Geschehnis und Symbol zugleich und weitet Entwicklung und Mythos eines Bockes zur Entwicklungsgeschichte der Menschenscele und des Menschen- geistes überhaupt. Die Darstellung und Betrachtung wird AuS- legung, aus den zahlreichen Fäden der Historie webt sich das Netz tieferer Erkenntnis der Zusammenhänge. Das dichterisch prachtvolle Buch ist durchschossen von den Ausstrahlungen eines modernen Geistes, der hinter die Dinge zu sehen versteht. » Hermann JaqueS: Der neue Werther.(Vita, Deutsches VerlagShaus, Berlin.) Hermann Jaques, der früher Jacques hieß, führt, wie dies vor ihm schon viele romanschreibende GesellschaslSkritikcr mit gleichem Erfolg taten, Träger gegenseitiger Temperamente und widersprechender Weltanschauungen zusammen uird erhält in dialektisch geistreichelnder Art durch die Gespräche dieser Leute, die natürlich alle wie ein Buch reden, den moralisch und sozial vorgebildeten Leser in behaglicher Weise. Freilich, Jaques ist kein Kulturbeobachter nach Jensens Art, der seine Sonde tiefer führt, er kann auch nicht etwa niit Oskar Wildes geschliffenen Dialogen konkurrieren(Wildes Kunst funkelnder Epi- grammc wird durch sein Engländertum nicht tot gemacht), selbst Her- mann Bahr macht solche Konversalion auf der Bühne, mit der Jaques„Standpunkte" vertritt mit verblüffenderem Taschenspieler- geschick.„Hier meine Weltanschauungsbörse, zum Aussuchen, ge- fällig mit nach Hause zu nehmen?; aber bitte nicht weiter über meine spaßhaften Versuchsobjekte nachzudenken." Wenn wir nicht weiter über Jaques Untersuchungen nachdenken, ist er immer« hin ein kleiner Hermann Bahr. Er stellt in die genuß- frohe Münckener Tafel- und Lebensrunde einiger wohlbegüterter und wohlanständiger Akademiker, Sporrsleute, Kunsthistoriker und E. T. A. Hoffmann-Schwärmer Herrn Energos. So nannten die Freunde den unbekannten dezent gekleideten Jüngling, den sie vom Baum erst abschneiden mußten, um ein paar Jahre später ihn durch einen Pistolenschuß k la Werther auf der standesgemäßen Piazza Dan Marco dauernd zu verlieren. Besagter Jüngling soll den Typ des modernen Werther personifizieren, der an Ermüdung, Langeweile, Blasiertheit und Erkenntnis zugrunde geht, wie der romantische Werther Goethes an Liebe und Verlangen starb. In einer Zeit satten Friedens und übersättigter Kultur wird der junge Mann von Erscheinung, gemüt- voll, unbeschäftigt und klug genug, um die Schwächen seiner Zeit unerträglich zu finden, wird Wertber immer wieder leben und sterben. Wirklich? Der in Passivität gehüllte Halbheld erscheint uns nicht mehr tragisch, eher lächerlich. Und nach dem Weltkrieg wird hoffent- lich der„Tüchtige" das Feld behaupten, wird in sittlicher Neugeburt der Zeit diesen„müden Männern" für immer das Wasser abge« graben werden. Der Verfasser hat offenbar das gleiche Gefühl— bekommen. Als er das Buch schrieb, war er wohl mehr'n seinen Typ verliebt. Da er aber in einem im März ISlS geschriebenen Vorwort den neuen Werther selbst zu den Toten wirst, hat das Buch demnach nur eine psychologisch-historische oder auch stilistische Bedeutung. » E. v. K a y s e r l i n g: A b e n d l i ch e H ä u s e r.(S. Fischer, Berlin.) Der Verfasser, nunmehr ein Sechzigjähriger, sieht in der Nacht seiner halberblindeten Augen immer wieder seine heimatliche Welt, die adeligen Gutshäuser Litauens mit ihren morschgewordenen Gesetzen, auf die eine niedergehende Generation sich wie auf eine goldene Brücke stützt. Mit seinem Geiste entfernt sich der Dichter von dieser müden Welt steifer Würde, aber mit seinem Herzen liebt er sie, diese Ahnengalerien korrekter Regelmäßigkeit, diele kuriosen Menschenexemplare mit Seelen, zerbrechlich wie Porzellan, diese leidenschaftslose Atmosphäre, in der alles Lebensvolle vom „Abendlichen" totgeschlagen wird. Abendlich, wie die Häuser, sind die Herzen jener Leute„von Familie", die wie Schatten in der Welt der Tatkräftigen herumgehen. Immer wieder reizt es Kaysec- ling, in diesen stillen, schaltenhaften Kreisen aristokratischer Eigen- brödelei Einkehr zu halten, wo in verdämmernden Farben, in ver- hauchenden Tönen, lärmloS und subtil, trieblos und mit der Noblesse, die verpflichtet, melancholisch schläfrige, überfeinerte Leben und Geschicke sich abspielen, wo man sitzt und wartet, bis eins Von dem andern abbröckelt. Manchmal kräuselt jäh ein Windstoß die Stille dieser ruhigen Seelenflächen— ein Schicksal meldet sich an, will sich entfalten. Ein Ungestüm des Blutes will revoltieren gegen die Gesetze dieser abendlichen Häuser, junge wilde Märchenträume jagen durch die herrschaftlichen Zimmer und toten Parts, eine ver- langende Mannesseele drängt suchend, tastend, strauchelnd, über- schlagend nach Leben und Erleben— aber gar bald stoßen sich die Gedanken hart im Räume und die Wünsche am Hergebrachten. Man zerbricht entweder in diesem Lebens- oder Liebesdrang oder wird zurückgeworfen in das ewige Einerlei festwurzelnder Normen. Am Ende sitzen die Alten als Sieger wieder trocken konversterend am Kamin, dem Rauch der Zigarelte nach- blickend, dieweil den Jungen die Flügel zerbrachen, als sie ihren Ausflug aus dem dumpfen Abend der morbiden Familienstammsitze in die Morgenröte sreien Menschentums wagte». Auch hier lesen wir, wie bei Jaques, von überlebten, lebensunlüchtigen Typen, aber wie ganz anders in Echtheit getaucht sind die Porträts bei Kahserling, Dort operiert ein Autor mit angelesener, hier ein Dichter mit erlesener Kultur, dort haben wir Feuilletonistisches, hier feinsten Stimmungszauber. Die Um- risse von Kayserlings Gestalten sind nur eben angedeutet, aber wir verspüren daneben etwas Dahinklingendes, Farbenreize: ein Charakter leuchtet auf, um gleich wieder— wie dies der verstorbene Hermann Bang in seinen Büchern so vorzüglich verstand— von den Gewohnheiten des Alltags überschattet zu lvsrdcn. Und dann bekommt der Alltag eine Seele, einen Charakter, und wir sehen und fühlen, wie die kleinen Verrichtungen des Tages zum Former der Menschen werden. Psychologie des Milieus, und tvie auf einer alten Radierung mit feinen Strichelchen gibt das ein Bild zugleich, gibt das jene reizvollen Bilder voll Grazie und Bcrgilbtheit Kayserling- scher Schaffensart, um die der Dämmerschein milder Melancholie und ein leiser Geruch von Lavendel weht. • S e l m a Lagerlöf: Jans Heimweh.(Albert Langen Verlag, München. Um gleich mit den Einschränkungen anzufangen: der Titel des Buches ist so wenig treffend, wie die Zelchnlingeir dazu geschmacklos sind und die Uebersetzung wohl mehr als einmal über das Original stolpert. Umsomehr darf man sich nach dieser tadelnden Feststellung der Schönheit des neuen Lagerlöfbuches freuen. Was bedeutet in den Geschichten der nordischen Er- zählerin die Fabel? Immer gleitet die Wirklichkeit ins Reich der Mythe hinüber, und wo sie die� Türen zu den Hütten der Aermsten austut. leuchtet ein goldner Schein heraus. Die Lagerlöf erfindet und empfindet, sie fabuliert und träumt, legt über die Wirkichkeit des armen, beweisbaren uninteressanten menschlichen Lebens den Schimmer mystischer Verklärtheit, und der einfachste Bauer wird zum Heiligen durch sein Herz, das in der Dichterin legendenhafter Art immer aus allen Begebenheiten in Reinheit herausleuchtet. Wer ist Jan Andersson, von dessen Heimlveh— Sehn- sucht müßte es sinngemäß heißen— das Buch handelt? Ein armer Knecht aus Skrolyka da oben im nordischen Wärmland, der letzten einer, der dumpf sein schweres Arbeitsleben dahinlebt. Aber mit einem Male fühlt er sein Herz klopfen, ein Kind ist ihm geboren, eine Tochter! Welch' eine Veränderung in seinem Gefühl, welch' ein Leuchten und Glanz um ihn, nun die Augen der Tochter ihn an- lachen. Hnfc_ von der Sonne bekommt sie ihren Namen, Klara Gulla, das Sonnenkind. Was wäre das weiter, wenn die Lagerlös nun nicht aus dieser Liebe des armen gedrückten Knechtes zu seinem kleinen Kinde den großen, glühenden Hymnus tadors sind es keine drei Meilen; wir haben nur unseren guten Reittieren zuliebe so heillose Umwege machen müssen. Und dann— es ist kein Zufall, daß ich den Matador ent- deckt habe: im Gegenteil, er kam mir ganz folgerichtig in den Weg!" „Und wie war das?" „Ei, als ich in unseren Ostweg eindrang, legte ich mir die Frage der Ventilation vor. Ich berechnete, daß irgendwo ein Wetterschacht sein müsse, vom Rücken dieses Berges aus; und eines schönen Tages erklomm ich den Gipfel und schritt immer in der Richtung des Ostweges durch die Wüste. Ein Spaß war es nicht, das kann ich Dir versichern: es war eine ganz infame Kletterei, dieser gedachten geraden Linie nach- zuziehen. Ich bin beinahe verrückt in all der Hitze geworden. Und jeden Felsspalt, jedes Bergrattenloch habe ich daraufhin untersucht, ob es nicht der Eingang solch eines Luftkanals sei— aber nichts hergleichen. So bin ich schließlich diese Ab- hänge, die andere Seite unseres Gebirges, hinabgeklettert, indem ich immer dieselbe Richtung verfolgte— und dabei auf den Eingang des Matador und damit auf den gesuchten Wetterschacht gestoßen!" „John, Du bist zu sanguinisch! Die Geschichte mit der geraden Linie mag ein Zufall sein— oder noch nicht einmal das: denn ganz sicher hättest Du irgendwo in dieser Richtung eine alte Silbergrubc gefunden, wenn Du nur weit genug ge- wandert wärest es gibt ja genug in Mexiko!" „Du bist ein ungläubiger Heide! Was soll ich noch mehr anführen, um Dich zu überzeugen? Also: Tobar hat sich auf meine Bemerkungen hin erinnert; er hat von seinem Vater gehört, daß zwanzig Jahre lang an diesen Gängen gearbeitet worden sei, und er weiß noch, daß er selbst als Maultierjunge oft genug seine Tiere durch den Berg von der Maria Carmen zum Matador getrieben hat!" „Ich traue Deinem Tobar nicht: der Mann meint es nicht ehrlich mit uns; am liebsten wäre es ihm, unser ganzes Werk ginge zugrunde, und wir selbst kehrten dahin zurück, woher wir gekommen!" „Du träumst! Der Mann ist uns treu ergeben. Doch ich habe noch stärkere Beweise. Ich bin nämlich gleich darauf nach Oaxaca geritten zu unserem alten Roßkamm, der uns die Maria Carmen verkauft hat. Ich stelle nuch ganz härm- los und erkundigte mich bei ihni nach dem augenblicklichen Eigentümer des Matadors und der dahinter liegenden Per- tinencias, dessen Namen ich auch erfuhr. Und ganz beiläufig und unaufgefordert erzählte der Mann, daß die Stollen unserer Maria Carmen und des Matadors wenigstens vor- zeiten untereinander verbunden gewesen seien." „Das klingt schon überzeugender," sagte ich.„Allerdings — die Phantasie ist groß bei diesen Leuten; ein jeder träunit von den Schätzen, die hier im Innern der Erde verborgen sein sollen, träumt von den gewaltigen Bauwerken, die verlassen sind; alte Ueberlieferungen werden durch ihr erfinderisches Hirn mit Legenden umrankt, so dicht, daß man nur in den seltensten Fällen noch zu erkennen vermag, was darunter liegt, was dahinter steckt. Vorsicht, große Vorsicht ist von- nöten, wenn man nicht bitter enttäuscht werden will!" „Nun ja— aber dazu ward uns ja wohl der Verstand, daß wir zu erkennen vermögen, was echt,>vas unecht ist: und wenn ich gegen Deinen Verstand nur halb soviel Mißtrauen hätte wie Du gegen den meinen, dann wären wir alle zu- sammen nicht weit gekommen!" Ich fühlte einen kleinen Mißton der Gereiztheit ans seinen Worten heraus, und ich ging deshalb nicht weiter in den Versuchen, meinem Mißtrauen Sicherheit zu schaffen. Wir gelangten auch bald darauf bei unserem Minenhause wieder an, und da trennten unS unsere verschiedenartigen Pflichten. » Seit sechzig Jahren hörte heute zum ersten Male wieder unser Berg das Donnern der Minen, die krachend die Erz- schichten aus seinen granitnen Rippen heraussprengten. Es war fürwahr ein Freuden- und Ehrensalut, den Stuart unserer stolzen Herrin Maria Carmen abfeuern ließ die Silbergrube hatte die produktive Arbeit wieder aufgenommen. Mir war es noch etwas Neues, so aus nächster Nähe die Explosionen mit anzuhören. Stuart hatte mir nämlich keine Ruhe gelassen: ich mußte ihn in den Berg folgen, uni den großen Augenblick mitzuerleben, wie er die erste Zündschnur ansteckte. Der ganze Berg schien wie unter einem fürchter- lichen Schnierze zu zittern, und aus allen Rissen und Klüften des Gebirges kam es wie ein Klagegeheul— oder war es ein fürchterliches Lachen, eine Warnung und Drohung: niit mir wird keiner fertig: denkt daran, wie es euern Vorgängern erging; zugrunde sind sie mit all ihren Mühen an mir ge- gangen!?--- Doch fort mit diesen Spukgestalten! Stuart wird den Berg schon meistern! Meine Nerven sind eben etwas zu zart, um in Gemütsruhe das Donnern und Prasseln des Dynamits, das die unterirdischen Schluchten durchtobte, mit anhören zu können.—(Forts, folgt.) ter VaierNebe � machte? Der Heiligenschein der Güte umspielt das Haupt ihres Jan Andecsson, in Verzückung und Entrückung lebt er sein armes Leben, jede seiner Hand- Inngen ist angestrahlt von Liebe, und seine Gedanken gehen in ur» lvetllicher Reinbeit zu seinem Kinde und von diesem zurück auf alles, was in seiner Umgebung lebt. Sein großes Gefühl für sein Kind wiegt seine«ccle in Einklang mit allen rechten Dingen, und wie dies der Lagerlöf Art ist, Realität immer mit Mystik oder Mythe zu verbinden. spielt Göttliches und Uebersinnliches in die alltäglichen Dinge, Positives verschwinimt ins Phantastische, Trollgeister werden lebendig und raunen in der Natur, visionäre Gesichter heben den ganz irdischen Knecht Jan ins Reich der Erleuchteten. Mit dieser Erleuchtung, die die Lagerlöf allen wahrhaft Guten, allen einfältig reinen Herzen gibt, hört Jan Botschaften einer göttlichen Gerechtigkeit, kommt er magnetisch dahin, wo ein Bedrängter seiner Hilfe bedarf, weiß er Schuldigen ihre verborgene Schuld in den Sinn zu bringen. Aber bald nach seinem Glück wandelt Jan im Tal der� Melancholien z Klara Gulla ging in die Welt, um für die Eltern Geld zu verdienen, damit sie eine Schuld bezahlen können. DaS Geld kommt nach einiger Zeit an, aber Klara Gulla bleibt aus, bleibt ferne lange, lange Jahre. Jans Sehnsucht schweift über das Meer, seine Seele kreist beständig um die ferne Tochter. lind die Sehnsucht verwirrt ihm die Sinne, er schmückt die Tochter mit'der Krone und nennt sie Kaiserin von Portugallien. Die Nach- barn lachen über den armen Narren, ach, um so mehr, als die Tochter endlich als ganz gewöhnliches, allgewordenes Weib heimkommt, das sich der irren Liebe des Vaters schämt. Nur kurze Zeit kann sie es im Vaterhause aushalten— der Dampfer, dem der arme Kaiser von Portugallien, für den sich Jan hält, so oft entgegenharrte, da- init er das geliebte, mit allem Schönen seiner Phantasie geschmückte Kind heimbringt, führt sie wieder davon. Da stürzt Jan ihr nach, und die mitleidlosen Wellen schlagen über seinem gemarterten Herzen zusammen. Im.blumigen, gewellten Hügelland der Musen" schreitet Selma Lagerlöf die steinigen Pfade ab, wo die Märtyrer und Beladenen wohnen und läßt aus der Dürre äußerlichen Daseins die Blumen innerlicher Schönheit und Güte hervorblühen. Alles geht schlicht vor sich und die Maskenzüge leeren Beiwerks werden verschmäht, ihre Geschichten zu verbrämen. Dagegen übcrflammt die eigene Herzenswärme der Dichterin jegliches Geschehen, und wo die Nüchternen_ sich an die nackte Wahrscheinlichkeit halten, an jenes feige Zugeständnis, an die Langweiligkeit deS privaten Lebens, da breitet sich der Sonncnglanz ihres versöhnlich milden Legenden- geistes und führt den Leser sanft und unmerklich aus jeneni trüben Reich, Ivo die Gespenster der Armut, Mühsal und Nöte den Weg zur Freude versperren, ins lichte Königreich der Dichtung. » Hermann Stegemann: Der gefesselte Strom. iEgon Fleischel u. Komp., Berlin.) Hanns Jngold, ein rheinischer Fischmeisterssohn, hat sich mit stählerner Selbstzucht, gefördert durch die freie Luft des grenzloscn Amerika, heraufgearbeitet zum großen Ingenieur und Wasserbauer von iveitem Blick und revolutionärer Schaffenskrast. Er kehrt voll tätiger Energie zurück ins schläfrige Heiinatsstädtchen, erkennt mit scharfeni Blick sogleich, welch ungeheure Kraft in den Wassermassen des Rheins an der Mündung des engen reißenden Lauffen unnütz von der Natur verschwendet worden und mit einem Schlag, unverdrängbar, bohrend, jeden Gedanken absorbierend, steht ein Lebenswerl vor seinein inneren Auge: den Lauffen sprengen, ein Wasserwerk mit gewaltigen Turbinen bauen, das mit dreißig- tausend Pferdekräften elektrisches Licht und Kraft in die Lande schickt. «so stoßen Krafttechnik der neuen Zeit, Tatenlust, angewandte Tüchtigkeit und schaffender Geist mit der romantischen Landschaft und gemütlicher Fischerei alter Zeit auf grüner Wasserweide zu- snmmen. Jngold raubt mit seinem Werk dem alten Vater„die Wasserweide", Frieden und Seelenruhe, er bringt Familie und Sippe gegen sich auf, verliert im harten Ziel seine Jugendgeliebte. Vor die Entscheidung gestellt, allem zu entsagen, was seinem Leben das Glück der Liebe, Idylle, Sonne und Wärme zu geben bereit ivar, folgt er dem heiligen Schöpferdrang in seinem Herzen, der ihn zwingt, der höheren Pflicht treu zu bleiben, die der Zukunft seines Vaterlandes den größten Dienst leisten wird. Der Verfasser hat den Konflikt zwischen Welt und Wille, kleinem Privatglück und großem Allgemeinheitsdienst ergreifend und meisterhaft vor Augen geführt. Rührend ist die Gestalt Ruths getroffen, einer vornehmen großen Frauenseele, die ihre Liebe und Wünsche blutenden Herzens opfert für das Ideal Jngolds, des Schöpfers.� Nicht ganz auf der Höhe des Seelischen und Landschastlichcir— Stegemann bringt mit dichterischer Schön- bcit und Farbenglut die Natur der rheinischen Wasserlandschaft— steht die Technik des Romans. Sie ist reichlich abenteuerlich- romantisch, arbeitet mit Schiffszusammenstößen, Bootsunfällen, Tod durch Sprcngschüsje, Schlagflüssen und Ertrinken, FeucrSbrllnsten, ja scheut sich nicht, nach bekanntem Muster einen Arbeiterstreik herauf- zubeschwören, nur um dem einst entgleisten Dr. Engelhardt Gelegen- beit zu einer glücklichen Operation zu geben. Aber man sieht gern über diesen gewaltsamen Episodenrahmcn hiniveg, bewegt durch das Problem: allen Gewalten zum Trotz sich erhalten. Die Geschichte eines Kraftmenschen, eines Typs der neuen, jungen Generation, der Arbeitsmenschen._ J. V. Der Cinöruck eines Steinmetzen an öer West- und Ostfront. Im„Steinarbeiter" schreibt ein Vertrauensmann des Stein- arbeiler- Verbandes über seine Erlebnisse in Frankreich und Galizien: Der Krieg stellt eine moderne Völkerwanderung dar. Von meiner Arbeitsstelle im Westen rückte ich nach erfolgter Mobil- machung nach dem Osten. Dort wurde in der Stadl£. die Regi- mentsbildung vorgenommen. Flugs waren wir in Frankreich, schnell wurden die Schützengräben bezogen. Die französische Artillerie ist sicherlich gut, auch ist der Franzose ein uns ebenbürtiger Soldat. Befanden wir uns in den Reservestellungen, so fiel mir auf, daß die Bevölkerung im Umgang mit uns sich tadellos benahm. Niemals konnte ich das Gegenteil davon beobachten. Geologisch ausgedrückt, steckten wir in der Kalkstcinzone, daher kommt es auch, daß bei einer trockenen Periode die Landwirtschaft besonders zu leiden hat. lieber die kriegerischen Eindrücke schreibe ich nichts, man tut im Kriege seine Pflicht, erträgt alle Strapazen mit Geduld und mit Ausdauer, aber es hat mich schon manchmal angeekelt, wenn in der Presse einzelne ihre Heldentaten so rau-sstrichen. Wir müssen alle unsere Pflicht tun. In nachstehenden Zeilen schildere ich meine Eindrücke über Land und Leute im Westen und Galizien. Im Westen fällt einem die reiche Architektur auf, besonders an städtischen und kirchlichen Ge- bäuden. Und alle Stilarten sind vertreten, im Gotischen herrscht sogar eine reiche Ueberladung. Den Steinmetzen krabbelts in öer Hand, wenn man die Wcrksteinarbeiten bewundern kann. Allerdings, die Franzosen haben leicht zu bearbeitende Weichgesteine, und so konnten sich die Architekten recht frei in ihren Phantasien gehen lassen. Hartgesteine würden solche Feinheiten in der Profilierung ohne weiteres ausschließen, allerdings die Wetterbeständigkeit wäre eine größere. Die Friedhöfe nahni ich besonders in Augenschein. Ich dachte, ob man dort auch solch einengende Bestimmungen wegen des polierten Granits hat. als wie in Deutschland. Ich kann kokt- statieren, daß in Nordfrankreich die Denkmäler aus Granit sogar sehr in Schwung gekommen sind. Aber die„Pyramidenware" gibt eS allerdings dort nicht. Die Friedhöfe in Nordfrankreich zu studieren. ist wahrhastig ein Genuß. In der Mobiliar- ausstattung wird in Frankreich Hervorragendes geleistet. Ich habe allerdings bloß die Wohnungen der Besitzenden im Auge. Aber das muß man sagen. Geschmack hat der Franzose. Die Ramschware unserer Möbelhäuser habe ich in den besseren Wohnungen nicht angetroffen. Alles war„Original". An den vielen Klosterbautcn kann man ermessen, daß der Katholizismus früher in Frankreich einen großen Einfluß gehabt haben muß. Aber der Franzose ist leichtlebig und seiner Regierung glaubt er immer noch, daß die Deutschen bald aus dem Land fliehen müssen. Entfernungen � Berantwortlichec Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln, Für den spielen heute keine Rolle mehr. Als wir in Galizien ankamen, ging es sofort ins Gefecht. Die Armee Mackensen drang rasch vor. Die Galizier sind sicherlich nicht russenfreundlich. Die Bauart der Häuser, ich habe nur die ländlichen Gegenden im Auge, kann sich mit der in Frankreich nicht im geringsten messen. Der Galizier kennt keine An- ivrüche ans Leben, und dieses kommt auch im Hausbau sofort zur Geltung. In Frankreich arbeitet der Bauer mit den modernsten Acker- geräten, der galizische Bauer würde dieselben sicherlich mit einem großen Mißlrauen beobachten. Herrlich sind die Beskiden, noch herrlicher die Karpathen. Soviel nehme ich mir schon noch vor, daß ich in Friedenszeiten diese Gebirge als„Ferienwanderer" durch- streife. Mir scheint, die Bevölkerung kann auch den vorhandenen Werl der Naturschönheiten nicht richtig würdigen. Ich würde nur wünschen, es könnten die Arbeiler der deutschen Fabrikstädte einige Wochen in den Karpathen verbringen sin Friedenszeiten natürlich). Malerisch ist die Tracht der Bevölkerung. Die Kirchen, im Ver- hältnis zur Bauart auf dem Lande sind allerdings reich in der inneren und äußeren Ausstattung. Auch gibt es in Galizien viele Klöster und der geistliche Einfluß ist sehr groß. Entschuldigt, wenn meine Ausführungen etwas weitschweifig ge- worden sind, hoffentlich kommt der ersehnie Friede bald, dann geht es wieder mit ungeschwächter Kraft an die gewerkschaftliche Arbeil. kleines Feuilleton. Das ruMche Tor im Norden. Mit einer Plötzlichkeit, wie man sie sonst nur bei amerikanischen Städten, bei einen: Klondyke oder San Francisco, erlebt hat, ist aus deni kleinen Hafen im russischen Norden, den Archangelsk bisher darstellte, ein Mittelpunkt fieberhafter und weltumfassender Tätigkeit gcioorden. Ein Bild von dem heutigen Leben in dieser Stadt, das wegen seiner Bedeutung auch für uns von Interesse ist, zeichnet Charles Rivet im„Temps". An den Kais der Nördlichen Dwina, vom Solowetzplatze bis zum Denkmal Peters deS Großen und rings um die Kathedrale bis zur Dreifaltigkeitskirche erheben sich ganze Berge Boumwollballen aus Amerika, Maschinen in allen Formen und englistber Herkunft, Kisten aus Liverpool von wunderbaren Ausmessungen und Haufen spanischer Tonnen. Auf allen diesen Waren liest man die kurzen ausdrucksvollen Worte:„Via Archangelsk." Es ist kaum vier Wochen her, daß der Hafen von Archangelsk für die Schiffahrt geöffnet ist, und schon haben sich wie durch Zauberei längs der Kais riesige Speicher er- hoben, die 10 000 Tonnen Getreide aufnehmen können, eine ganze lange Galerie von Zweigstellen Moskauer, Petersburger und Lon- doner Firmen, von Transport- und Speditionsagenturen. Es könnte scheinen, als ob die Anziehungskraft eines Rieseumagncten in dieser nördlichen Tundra Kapitalien nach Millionen, Tausende von Ge- schäftsleutcn und Hunderttausende von Arbeitern, sibirische Aus- lader, Erdarbeiter von Wladimir, Holzhauer vom Onega, Flößer und Zimmerleute von Kotlas, Darensl und Wologda, zusammen- gezogen habe. Hinter ihnen rückt wie eine Heuschreckenwolke der ganze Schwann von Kaufleuten. Spekulanten. Käufern und Unter- nehmern heran. In dieser vielfarbigen Menge, die heute Archangelsk bevölkert, heben sich die verschiedenen Völkerschaften deutlich von einander ab, und besonders stechen die Eingeborenen dieses Küsten- landes durch ihren soliden Eindruck hervor. Das Meer ist nur eine Seite des„Via Archangelsk"; die andere ist die nördliche Dwina, die die große Reise durch den Polarkreis bis zur Wolga obne Unter- breckmng ermöglicht. Bei dem kräftigen Klang der Volksweise der Dubinuchka, laden ganze Arbeitermassen mir Hilfe von Karren und Lastwagen die frisch angekommenen Waren auf die Kais ab, und aus der Ferne rückt hinter der Mosesinsel die ununterbrochene Reihe neuer Schiffe und zahlreicher Holzflöße, die von der Wy- tschegda herabkommen, heran. Während der ersten vier Monate dieses Jahres sind in Schuisk zahlreiche Kähne von 90 Meter Länge ge- baut worden, und die Wolgaschlepper werden sie, mit den Erzeug- nissen der ganzen Welt beladen— der Franzose klagt bitter dar- über, daß die französischen darunter die seltensten sind—»ach dem Süden entführen. Das plötzlich erwachte kräftige Handelsgetriebe hat auch seit langem schlummernde Pläne in Archangelsk neu be- lebt; die Verbindung der Stadt mit dem Hinterland soll nun energisch gefördert werden. ES soll eine Wasserverbindung zwischen der Biadka und der mittleren Wolga und der nördlichen Dwina geplant werden, um den Hafen mit dem ganzen Osten des Reiches in Beziehung zu bringen. Ein anderer Plan bezieht sich auf die Verbindung des Onegasees mit dem Weißen Meer m.t Hilfe von Kanälen, Flüssen und Seen, wodurch ein neues Ab- satzgebiet für die Waren von Archangelsk in den Gegenden an der Ostsee und in Mittelrußland geschaffen würde. Schließlich lebt auch die einzige Eisenbahnstrecke jenseits des Polarkreises, die Murman-Bahn, wieder auf, und es sind bereits über 20 000 Arbeiter zu ihrer Vollendung angeworben worden. Aber nicht nur die russische Hafenstadt ist in einer neuen ungeahnten Entwicklung, die Bewegung erstreckt sich auch auf ihr Hinterland. Man spricht von den natürlichen Reichtümern des Landes; die Murman-Lager enthalten 63 Proz. Blei. Die Zahl der Menschen, die in Archangelsk zusammenströmen, nimmt unaufhörlich zu. und ebenso die der einlaufenden schwedischen, norwegischen, dänischen, englischen und amerikanischen Schiffe. Ein billiges vurftstillungsmittel. Einer der größten Plagegeister unserer Truppen ist in der Sonnenhitze das Durstgefühl, und so gehört sehr viel Selbstzucht dazu, um mit trockener Kehle an einem lockenden Wasser- tümpel vorüberzugehen. Da macht in der„Allgemeinen Fischereizeitung" Fischereidirektor a. D. Heyking auf Grund feiner eigenen Erfahrungen von 1370/71 auf die durststillenden Eigenschaften der Kalmuswurzeln aufmerksan, und empfiehlt die Sendung an die Truppen. Die Wurzel foll 1870 unseren Truppen bei Gewaltmärschen in großer Hitze große Dienste geleistet haben. Ein Stück in den Mund genommen und daran ge- lutscht, soll das Durstgefübl zum Verschwinden bringen. Der Standort des Kalmus sind Bachufer, Teiche, Gräben, Torflöcher usw. ?in der Teichwirtschaft rechnet er zu der harten Flora und wird als ogenanntes Teichunkraut betrachtet. In Seen trägt er viel zur Verlandung bei. Teichwirt und Binnenfischer sehen daher die Pflanze nicht gern. Die Vermehrung des Kalmus geschieht bei uns durch die Wurzelstöcke. Die Ernte der Kalmuswurzel ist sehr einfach. Vermittels einer Getreidegabel, deren Zinken hakenförmig umgelegt sind, mit recht langem Stiel, zieht man die meist schwimmenden Wurzeln an Land und schneidet hier die dicken Wurzeln in fingcr- lange Enden aus. Die Rhizome wirst man wieder ins Wasier, da sie sich wieder als Pflanzen entwickeln. Die Wurzelenden werden an der Sonne getrocknet und halten sich jahrelang. Durch künst- liche Trocknung verflüchtigt sich viel ätherisches Oel— sie ist also nicht zu empfehlen. Eine Getreidegabel mit gebogenen Zinken wird man nur gebrauchen, wenn man in größerem Ilmfang Kalmus ernten will— sonst rut es ein Stecken mit Haken oder Ast oder im Wasser watend die Hand. Das Einsammeln der Wurzeln kostet nichts, da man es auf Ausflügen selbst besorgen kann. Teich- und Seebefitzer werden nichts gegen das Einsannneln haben, da Kalmus tatsächlich ein lästiges Wasserunkraut ist. Unsere Feld- grauen werden vielleicht das Einsammeln von Kalmus im Felde telber besorgen können(wie 1870), wenn man sie über den Wert der Pflanze für ihre Zwecke von der Heimat aus unterrichtet. Die Ausgrabung der größten Moßhee der Welt. Bereits vor Ausbruch des Krieges waren in Rabat in Marokko Ausgrabungsarbeiten im Gange, die unsere Kenntnis der Archi- tektur des Islam um ein neues, ganz besonders interessantes Mo- nument bereichern. Wie der Leiter der Ausgrabungen Marcel Dieula in der letzten Sitzung der Pariser Akademie mitteilte, ist es gelungen, die Rinne der berühmten Moschee von Jakub'cl Jnseratenteil verantw.: Th. GlockesBerlin. Druck u. Verlag: Vorwärt» Mansur bereits zu einem großen Teile freizulegen und�den großartigen Plan der Gcsamtanlage zu rekonstruieren. Seit vielen Jahren bildete der Hassanturm, der sich am linken Ufer der Mün- dung des Bu-Regreg emporstrcckt, mit einigen wenigen Mauer- resten und Säulen die einzigen Spuren des Bauwerks, das einst in seinen riesenhaften Dimensionen einen gewaltigen Eindruck her- vorrufen mußte. Eine dicke Erdschicht bedeckte die Ruinen, iväh- rend Feigenbäume, Kakteen, gigantische Aloen die mächtigen Dämme einfaßten nnd den Boden in Parzellen teilten, auf denen die Einwohner von Rabat Getreide anbauten. Diese Riesen- moschee wurde auf Veranlassung des Sultans Abu Jussuf Jakub cl Mansur erbaut, der als letzter Vertreter der Almohadcn- Dynastie 1184 bis 1199 nach unserer Zeitrechnung regierte. Dem- selben Sultan, der am 19. Juli 1193 bei Alaros einen glänzenden Sieg über die Castilier erfocht, verdankte auch«evilla den Bau einer großen Moschee und des alten Alcazar, eines prächtigen Pa- laftes im maurischen Stil. Zahlreiche Inschriften an den neu- entdeckten Säulenkapitellen beweisen, daß die Riesenmoschce in Rabat sehr schnell erbaut und unter der Herrschaft des Nachfolgers von Abu Jussuf Jakub für den Gottesdienst freigegeben wurde. Sie umfaßte einen rechttvinkligen Raum von 186 Meter Länge und 142 Meter Breite. Ihre Grundfläche von 26 675 Luadrat- meiern überstieg also bei weitem die Dimensionen der größten dekannten Moscheen, auch der von Cordoba, die etwa die Größe der Peterskirche in Rom hat. Tns Monument wurde währschein- lich um 1400 von einer heftigen Fcuersbrunst zerstört, deren Spuren an den Ruinen noch deutlich wahrzunehmen sind. Die Moschee ist das einzige uns erhaltene Beispiel altmohaminedani- scher Baukunst ni Marokko. Gegenwärtig ist man mit der Aufrich- tung von 324 Säulen beschäftigt, eine Arbeit, an der neben Terri- torialtruppen auch deutsche Gefangene mitwirken, die auch die Erde bis zur alten Bepflasterung der Moschee wegrämnen müssen. Ihrem Frondienste wird es somit zu verdanken sein, wenn die Freilcgung der Moschee bis zum Ende des Herbstes beendet ist._ Invalide Sühnenkünstler. In einer Zeit, in der so viele kräftige Männer aus den ver- schiedensten Berufen den Verlust wertvoller Organe zu beklagen haben, mag die Erinnerung an zwei Bühnenkünstler erweckt werden, die in solcher Lage waren, ohne doch ihrem Beruf entsagen zu müssen. Der Schauspieler Weilenbeck, der bei den Meiningern wirkie und auf deren Reisegastspielen Bewunderung erregte, war blind. Trotzdem waren dem Künstler große künstlerische Aufgaben anvertraut. So spielte er den Shylock, Papst Sixtus, den eingebildeten Kranken usw. Trotz völliger Blindheit bewegte er sich auf der Bühne so, daß der Zuschauer dieses nicht ivahrzunehmen brauchte. Freilich wurde bei den Proben genau die Zahl der Schritte ausgerechnet und festgelegt, die er jedesmal auf der Bühne zu machen hatte.— Der durch seine Gastspiele auch in Deutschland bekannt gewordene französische Tenorist Gustave Roger<1813 bis 1879) hatte, nachdem er bereits ein berühmter Sänger war, im Jahre 1839 das Unglück, durch einen Unfall auf der Jagd den rechten Arm zu verlieren. Durch einen meisterhaft gefertigten künstlichen Arm wurde das feh- lende Glied ersetzt, und nun hatte Roger erst recht große Erfolge, denn nun wollte jeder Roger nicht nur hören, sondern auch sein Spiel mit dem linken und noch mehr sein Hantieren mit dem rechten Arm sehen, und die Roger-Bewunderung galt nun nicht mehr bloß der herrlichen Stimme. � Stoffarben. Wissen Sie, was rnsuvs bedeutet?— Sie wissen e? nicht? Es ist schrecklich, wenn man so etwas nicht weiß, und ärgerlich, wenn man erst ein Wörterbuch ausschlagen muß. um zu crsahren, daß mauvo eine Farbe bedeutet. Aber das ist ja nicht das einzige französische Eigenschaftswort, das die guten Deutschen zur Bezeichnung von Stoffarben benutzen. Muß das so sein? Das mittelhochdeutsche Wörterbuch von Müller und Zarncke zeigt, daß unsere Sprache vor 700 Jahren neben den Grundfarben etwa 100 gutdeutsche Farbbezeichnungen hatte, und das BerzeickmiS der Zwickauer Tuchmachcrmeistcr, das sich über niehr als 870 Jahre erstreckt, gibt bei jedem Meisterstück an. wie der Stoff gefärbt war. Er hatte Fürstensarbe, Fcderfarbe, Haarfarbe, Lederfarbe, Kranichfarbe, Zimtfarbc. Aber schon im An- fang des 18. Jahrhunderts kommen Fremdwörter für Farben aus. Darunter erschien Corrlenrkarbs und verdrängte das Wort rnsneevar oder rnissevar(= bunt, fahl), wie es früher hieß. Was will jedoch dieser einzelne Eindringling im Vergleich zu dem Gewimmel von Fremdwörtern in den heutigen Mode- zcitungen bedeuten? Und wie leicht lassen sie sich ersetzen! vouleur ist buntfarbig, borcksaux weinrot, cbarnois reh- oder gemsfarbig, csriss kirschrot, creme elfenbein- oder sahncfarbig, ecru bastfarbig. fraise erdbeerfarbig, taupe maulwurfsgrau und mauve malvenfarbig. Sagen wir doch für beige naturfarbig, für cbangeaiit schillernd, für uni einfarbig. Unsere Sprache ist so reich, daß wir nicht auf Wortbettel zu gehen brauchen I /lmerikanische Riesen-Unterseeboote. New Dorker Zeitungen bringen jetzt Einzelheiten über die in Amerika für England und die V e r e i n i g t e n Staaten ge- bauten Riesen-Unterseeboote. Die Unterseeboote würden größer sein als alle in Deutschland, England und Frankreich bisher vorhandenen, und doppelt so groß als die bisher in der amerikanischen Marine angewandten Unterseebote. Bei den neuen Fahrzeugen, die über 20 Knoten Geschwindigkeit haben würden, sei besonders die Offensive ins Auge gefaßt worden, im Gegensatz zu dem jetzigen amerikanischen Typ, der sich nur zur Küstenverteidigung eignet. Diese neuen Unterseeboote würden der Flotte überall hin folgen können und sogar imstande sein, über den Atlantischen Ozean zu fahren, was bisher noch kein Unterseeboot gewagt habe. Auch würden sie in der Lage sein, den Gegner mitten auf dem Ozean anzugreifen und dann mit eigener Kraft wieder in den Heimathafen zurückzukehren. Während bisher die amerikanische Marine ihre nach den Philippinen bestimmten Unterseeboote nur auf dem Verdeck von Kriegsschiffen transportieren konnte, würden die neuen Boote die Fahrt nach den Philippinen mit eigenen Maschinen machen, da diese auf einen Aktionsradius von 3300 Meilen be- rechnet feien. Jedes dieser Boote würde ein Deplacement von 1200 Tonnen haben und 1�/« Millionen Dollar kosten, während die jetzigen amerikanischen Küsten-Untersceboote nur 430 000 Dollar kosten._ Notize». — Leo Kolisch gefallen. Unseren Lesern ist der Name Leo Kolisch aus mancher scharf beobachteten und bei aller sozialisti- schen Kritik doch stets von Humor durchzogenen«kizze bekannt. Im „Vorwärts"-Verlag ist sein Argentinienbuch„Das Land der Zu- kunft" erschienen, das Ergebnis seines dreijährigen Tramplebens in Südamerika, das ihn vom Ozean bis an die Cordilleren und vom Monteur und Hauslehrer bis zum Landstreicher alles kennen lernen ließ. Viele Feuilletons über Argentinien, über Arbeiterleben drüben und hier im alten Mitteleuropa hat Kolisch in der Parteipresse veröffentlicht. Er selbst hat unserer Presse mit Lust und Liebe angehört; zuerst in seiner nordböhmischen Heimat, zuletzt in Mannheim. Dazwischen lag für ihn, den geleniten Kaufmann, eine mehrjährige Tätigkeit in der großen Wiener Arbeiter« bäckerei, den Hammerbrotwerken. Als er vor zwei Jahren wieder seine Zelte abbrechen und nach Buenos« Aires auswandern wollte, hielten seine Freunde, darunter Ludwig Frank, ihn zurück, da sie viel von ihm für unsere Tagesliteratur erwarteten. Vor einigen Monaten zog er fröhlich als Landsturminfanterist in die Karpathen. Noch vor kurzem schrieb er, daß er sich wundere, bisher unverletzt zu sein. Die Antwort darauf kam zurück:„Retour! Gefallen I"... Buchdruckerei u, Verlagsanstalt Paul Singer& Co, Berlin SW.