Nr. 154.— 1915. Unterhaltungsblatt ües vorwärts iltitag, 9. Juli. Die Große Serliner Kunstausstellung. Die Ausstellung ist diesmal nicht in dem Irrgarten des Moabiter GlaSpalasteS untergebracht worden: sie mutzte sich mir den wenigen, aber sehr gepflegten und durch ihr Licht besonders günstigen Räumen der Königlichen Akademie am Pariser Platz zufriedengeben. Es bedarf keineS Wortes, um festzustellen, datz der Zwang solcher Ein- schränknng für die Ausstellung, zum mindestens aber sür ihre Be- sucher ungewöhnliche Vorteile bringt. Man kann diesmal bequem in einer«stunde einen Ueberblick bekommen, und wenn man die doppelte Zeit aufwendet, ist man in der Lage, alles, was irgendwie interessant scheint, zu würdigen. Durch solche äutzerliche Verände- rnng hat selbstverständlich die Kunst, die eS zu sehen gibt, keine Neugeburt erfahren. Die Herren Approbierten, die hier beieinander sind, bleiben mehr oder weniger(einige Ueberragende ausgenommen) harmlos, bürgerlich und außerhalb der enlscheidenden Enttvicklung. Da es kaum noch reizen kann, solches Gesamturteil, wie es nun seit langen Jahren feststeht, wieder einmal mit neuen Worten zu schleifen, um dabei doch nichts Neues zu gewinnen, so wollen wir uns diesmal damit zufriedengeben, hübsch der Reihe nach die Bilder und Steine, wie sie ausgestellt sind, anzuschauen. Im Vorraum stehen einige belanglose Plastiken Beachtung verdient eilte große weibliche Figur von Peterich(406). Sie orna- mentierl sich mit ihrem eigenen Haar, und möchte dadurch über den Wert einer einfachen Äktstudie hinwegtäuschen. Ihr gegenüber bängen zwei Bilder, deren eines(296) zeigt, wie eine Dame den Cszanne mit kunstgewerblichem Geschick verarbeitet. Das andere(42) ist ein üblicher Brandenburg, eine tosende Allegorie des Krieges, blaurot ung wirbelig. I» dein ersten großen Saal hängen einige der wenigen Kriegs- bilder, die nian hier zu Irenen sich kaum wundern kann. Mit den zwei Darstellungen. die der Untergang des„Blücher" fand, er- schöpft sich das Künstlerische, was alle anderen Bilder dieser Art aufzuweisen haben. Es sind Darstellungen aus der Phantasie ohne eigentliche Phantastik. In der Nummer 281, einer Kirschernte von Rudolf Kohtz, begegnet man einer sür diese Ausstellung sehr typischen Erscheinung. Das Geriesel der Blätter, der rote Perlen- fall der Kirschen und die breiten Pinselstriche zeigen, daß der verpönte Impressionismus auch in den heiligen Hallen der„Großen" seinen Einzug hält, eine Beobachtung, die wir immer wieder machen können. An der einen Wand hängen mehrere Bilder von Eduard von Gebhardt; sie lehren mis, daß durch eine Aenderung des Kostüms noch nicht die Malerei verwandelt wird. Gebhardt kleidet die Figuren der evan- gelischen Geschichte in die Gewänder der Reformationszeit; er glaubte damit etwas Modernes zu tun. Seine Bilder bleiben aber Geschichtsmalerei im alten Sinne. Die Haudwerksburfchen, die als soziales Element zwischen den Kriegsknechten stehen, sind nur Sta- tisten. Otto A n t o i n e ist gleich wieder einer, der den Im- pressioniSnuls schmuggelt; die„Leipziger Straße"(19) will die Bewegung fühlbar machen, so zeigt sie die Konturen verwischt und flackernd, die Farben als lose Flecke. Eine noch verdächtigere Anleihe (das Gute siegt) machte Paul P l o n t k e;„Das gestreifte Kleid"(421) ist ohne Renoir nicht vorzustellen. Es fehlt allerdings die verführerische Süßigkeit de§ Franzosen, das Rassige. Durch das gelbe Tuch, das in dem Korb liegt, wird die Absicht, dekorativ zu sein, ein lvenig zu deutlich. Der Direktor der Porzellanmanufaktur. S ch m u z- B a u d i ß, zeigt das große Porträt einer Dame(484). Man er- innert sich an den Wiener Klimt und amüsiert sich über den neoim- pressionistisch getupften, gefunkten Hintergrund: grün, blau, violett. Solide bürgerliche Melancholie. Eine gute Landschaft hat Ter Hell gemalt(die Landschaften sind überhaupt das Beste auf dieser Ausstellung); der großhorizontige Blick(193) baut sich in Flächen aus, auf dem Schnee bewegen sich blaue Schatten, blau verklingen die Hügel in dem fernen Hintergrund des stillen BildeS. Tic Lein- wand nebenan(176 1. eine Ofterfcier von Adolf Harten, er- innert an Viktor Müller(doch fehlt das Dämonische) und an den Weimarer Buchholz(doch fehlt die geistreiche Akribie). DaS figurenreiche Bild, das W. G e f f ck e n von einer Zechcrrundc(132) machte, läßt in der Gardine und in dem Flaschenstilleben abermals die kecke Hand des Impressionismus erkennen. Mit dem gleichen Hinweis ist das kleine Stadtpanorama von Karl Wendel(ää4), ist ein Bildnis, das Hans Loo scheu malte(340), eine flotte Bewegung, grau in grau, zu nennen. M o h r b u t t e r ist eine Klasse sür sich; wenn auch nicht überwältigend, so doch reizvoll. Das Stilleben(374), Glas und Keramik, ist(o üble Vokabel) eine Sinfonie m blau. Aber alles sehr geschmackvoll und sinnlich lebendig; das Stoffliche ist deutlich fühlbar. Ob freilich die Originale in ihrer eigenen Natur nicht schöner sind als in der Komposition des galanten Bildes, ist nicht leicht zu sagen. Kunst, die an Kunstwerken geschieht, kann immer mit solchem Einwand rechnen. Im nächsten Saal, gleich links(372), von M o d e r s o h n die bekannte Birken-Moorstimmung; schmutzig-violette Töne, brandgelber und grauer Rauch, der aus der Erde zu dampfen scheint. Heimat- kunst. Eine neue Nuance für die Art, wie der Impressionismus wirkt, zeigt das skizzenhafte Bildnis(371), das Walter Miehc frei nach Trübner gemalt hat; man beachte, wie sich die Nase und das Kinn aus großen rechteckigen Flecken zusammensetzen. Die architektonische Robustheit, das Gesunde solcher Malerei wird be- sonders deutlich, wenn man sie mit der von Konrad Kiesel (262) vergleicht. Diese dünne, glatte Ladhmalcrei, die in den Spuren von Gainsborough schlürft, ist ganz nndeutsch. Dill(66) blieb der Alte; wattige Effekte. Eine recht gefällige Arbeit ist die korrekle, mit Farben ausgetuschte Abzeichnung eines verwinkelten Hofes(324) von Max Lieber. DaS große Bild von Kall- morgen(250) bringt nichts Neues. Das Wasser wirkt wie immer ölig und so, als wenn es nur Oberfläche, aber keine Tiefe hätte. Ein ganz interessanter Bilderbogen. Ein Bei- spiel für Malerei, die nicht gekonnt ist, gibt das Interieur Nummer 462; die Stühle stehen nicht nebeneinander, sondern durchdringen sich, der eine links vernichtet das Tischbein, die Rosen, die an- scheinend aus einem Topf, der auf dem Tisch steht, herauswachsen, könnten auch für einen Teil der Tapete gehalten werden. Sehr flott mall Robert Friedersdorff; ein farbige Tapisserie, aus hellem Gelb, weißlichem Grün, grünem Grün, schwärzlichem Grün, Oliv, Schwarz und hellem Violett mit temperamentvoller Hand zu- sammengesetzt. Die Schilderung der Marienkirche in Prcnzlau, wie sie H a n S H a r t i g(177) gibt, ist zweifellos schwächer als die Wirkung, die diese mächtige«Schöpfung märkischer Backsteingothik aus eigener Kraft zu leisten vermag. In dein Bild herrscht eigentlich ein Schlitten vor, der im Vordergrund steht, grün mit violetter Ein- fassung. Die einzelnen Baukörper haben etwas Kulissenhaftes, das Bild in seiner Ganzheit erinnert an Modellierbogen. Dabei ist eS aber durchaus nicht geschmacklos und kann als Wandschmuck für Schulen und Amtszimmer gut verwandt werden. Vom toten F r e n z e l(109) ein Herbstwald, der die stille Innigkeit dieses ehr- lichen, wenn auch wenig gelenkigen Malers gut kennzeichnet. Im nächsten Saal hängen einige recht tüchtige Landschaften, 283, 469, 248; auch auf ihnen überwiegt das Illustrative, aber der Vortrag entbehrt nicht des Charakters noch der Gewandtheit. Das junge Mädchen, das L a n d e n b e r g c r als„Frühling"(303) tanzen läßt, ist harmlos; symbolische Halbakle erinnern immer etwas an Gartenlaube. Sehr fatal ist, wie immer, Schuster-Woldan; er malt eine Dame in Blau(496) und gibt ihr einen grünen Apfel in die Hand. Solche Absichten, Sckerze, die entweder dem Apfel oder dem Menschen schaden müssen, sind ein Zeichen von malerischer Unerzogenheit. Eine ganz tolle Sache leistet sich Fritz B u r g e r (54); er setzt einen Knaben auf eine Wiese, schreibt darunter„Deutsche Hoffnung" und nutzt dabei, zwar ohnmächtig, aber unverkennbar, den als deutschssindlich reichlich beschimpften Ferdinand Hobler. Eine Erinnerung an die Malerei der Münchener Dekorateure bringt das Bild von Leo Putz, das selbstverständlich ein Bacchanal darstellt. Weiße und schwarze Frauen balgen sich mit Panthern und Tigern; perlmuttriges Fleisch und Nüsterndampf. Man möchte aber doch glauben, daß trotz alledem Putz(zum mindesten als Maler) ein ganz harmloses Gemüt ist. Eine erfreuliche Arbeit hat Eduard S t e i n b a ch gesandt(520); eine alte Fischersfrau, im feierlichen Staat, inmitten der Buntheit ihres Zimmers. Das Bild hat zwar mehrere Themen, erstens den Kopf, de» sehr gut gemalten Kopf der alten Frau, zweitens die Schleife am Kopfputz der Alten, drittens einige groteske Puppen, die auf dem Mahagoni- schreibtifch stehen; aber ein Zusammenklang bleibt. Technisch bedenklich ist ein Bild von Karl H e ß m e r t(214); ein Buchenwald, dessen Blätter gcplastikt wurden. Sie wirken aufgeklebt. Solch ein Ex- periment ist nicht ganz reizlos, aber eS streift die Grenze zwischen Malerei und Panoptikum. In den kleinen Nebensälcn zunächst ein Kindcrbild von Linde- W a I t h e r; die Buntheit, die sich auf der Haut des strampelnden nackten Kerls(331) entfaltet, ist bei dem flockigen Auftrag, den der Maler wählte, sehr belustigend. Brandis zeigt eines seiner be- kannten Interieure(45), das durch eine Harmonisierung in Schwarz und Silber sehr vornehm wirkt, ohne eigentlich kraftvolle Malerei oder auch nur lebendige Empfindung zu sein. E r n st P i ck a r d t bewährt sich auch diesmal als ein Bildnismaler für Männer. Das Offiziersbild(415) in der grauen Felduniform gibt verblüffend das Struppige und Knurrige solch emes flotten Haudegens. Nebenan: von Julie Wolfthorn einige weitere Belege für den erfolgreichen Einfluß des Neo- impreffionismus(569). Ein gutes Bild malte Hart mann- Drewitz(179); entseelte Häuser stehen im Hintergrund und die berühmten„Toten Augen der Fenster" blicken scheu in die Leere, vorn klagendes Geäst, das an van Gogh erinnert. Sehr heiter ein Viebmarkt, den Erich Feyerabend gemalt hat(98). Die blauen Kittel der Treiber wurden als rhythmisches Element in dem Gewimmel der horizontalen Viehkörper genutzt. Daß Erich Erl er (88) allerlei von Segantini gelernt hat und so ein Kornfeld mit Reliefmalerei zu bewältigen versucht, wird zur Kenntnis� genommen. Nicht ungewandt ist ein zweites Bild von Eduard Stein bach (519), eine Ausladestelle bei Hamburg, blausilbrig gleitet leicht- flüssiges Wasser in den Dunst des fernen Horizontes. In einem der nächsten«Säle gibt es(311 und 312) einige Ver- wischungen von eingebildeten Whistlerkünsten; es ist von Venedig, wie im Katalog verheißen wird, wenig zu sehen übrig geblieben. Eine Grablegung von Wilhelm Pape ist nur schrecklich, und ein soziales Thema, ein Torfarbeiter wurde von Walter Firne allzu hart und langweilig bearbeitet. Eine Kohlezeichnung von Julius Rheder(437), Kriegssocken, die im Lampenlicht gestrickt werden, hat dem Hersteller gewiß sehr viel Arbeit gemocht; die Wir- kung steht aber in keinem reckten Verhältnis zu solchem Krastauf- wand. Im nächsten Saal finden wir die einzige Plastik der Aus- stellung, die Auffnerksamkeit verdient; man spürt die Zwangläufigkeit, die der Block befahl. Edmund Möller hat den weiblichen Körper (278) in den Stein ökonomisch hineinkomponiert, oder, wenn man will, er hat diesen Körper aus dem Stein herausgeholt. Die Natur mutzte sich einige Beugungen und Verkürzungen gefallen lassen; der- artige Prozesse aber sind es gerade, die, wenn sie mit bildnerischer Kraft durchgeführt werden, den Reiz eines Kunstwerks ausmachen. Im nächstfolgenden Zimmer findet sich gleichfalls eine Einzel- hcit, das einzige graphische Blatt, das zu fesseln weiß, ein Holz- schnitt von Paul Kuhfuß(297), eine Zirkusszene; man erlebt die Arbeit des Messers, das Holzspalten, ein musizierendes Gegen- einander von Schwarz und Weiß. Die Zeichnungen von Richard Müller(384) verblüffen durch ihr krankhaftes Detaillieren; jedes Haar des Bärenfells ist wiedergegeben. Saal 5: Sprung auf... J>n nächsten Saal eine ganz gc- fällige Arbeit von Friedrich von Khaynach, Ziegen, die als Silhouetten gegen einen flachen Hintergrund stehen. So etwas wie Gartenhausmalerei aus einer späten Goethezeit, ein wenig römisch, ein wenig sentimental, ohne besondere technische Künste. Mit solcher Wanderung ungefähr ist das Wesentliche, das die Große Berliner Kunstausstellung 1915, erster Teil(Fortsetzung folgt im Auaust) zu bieten bat, erschöpft. _ Robert Breuer. Soziales aus Süöitalien. Kennst du das Land? Tausende werden antworten: Ja! Sie sind dagewesen. Haben mit dem Baedeker oder Meyer in der Hand alle Sehenswürdigkeiten angestarrt und sind weitergezogen, bis der Urlaub und die Reisekassc erschöpft waren. Besonders von Süd- italicn schwärmen sie: Neapel, Vesuv, von dem azurblauen Meer, dem indigoblaue» Himmel, den Palmen am Meeresstrande, darein mischen sich ein wenig düstere Farben: Kamorro, Maffia, Brigantcn- tuni. Sie kennen das Land. Aber von den sozialen Verhältnissen des Volkes wissen sie nichts. O ja doch I Sie sprechen von faulem Lazzaroni, der seine Macaroni verschlingt und dann zu Verdauungszwecken stundenlaug in der Sonne liegt. Das Studium der sozialen Zustände Süditaliens gehört nicht zum Programm der Vergnügungsreisendcn. Es ist auch kein Vergnügen. Kein Führer verzeichnet z. B. in Neapel einen Fondaco oder eine Schwcfelgrube in«Sizilien. Was ist ein Fondaco? Dem Wörterbuchc nach ein Verkaufs- gewölbe, ein Warenlager. Aber in Neapel sind sie zwar Lager, doch nicht von Waren. ES sind die Lager, wo daS menschliche Elend auf- gestapelt ist: riesenhaft und entsetzlich. Unter einem Fondaco ver- steht nian ein Gebäude, Jahrhundertc alt, in dessen unter- irdischen Kellerwohnungen, nassen, lichtlosen Löchern Tausende von Proletariern hausen: Proletarier im altrömischen Sinne, Menschen, die nichts, aber auch gar nichts ihr eigen nennen als ein paar elende Kinder, Menschen, die leben vom Bettel, von einem kleinen Handel oft mit den widerlichsten Dingen, durch deren Hände im ganzen Jahre keine hundert Lire gehen. Und m dem göttlichen Neapel mit seinen Prächten der Natur, mit dem Pomp seiner Kirchen und religiösen Umzüge, mit der Auf- Die Erweckung öer Maria(armen. 45J Von Ludwig Brinkmann. „Glückauf, Glückauf!" Mit diesem Rufe begrüßte mich Stuart freudig am Nachmittage. Er hat mich in schweren Gedanken überrascht, ja, ich kvill es gern gestehen, fast weinend.� Was ist es nur, was mich so bange macht? Das bißchen Schießen vom Morgen? Ter Schreck, als nur ein paar Steine um die Ohreir flogen? Es ist etwas nicht ganz in Ordnung in meinen Nerven, Zweifel- los! Ich werde eilen müssen aus diesem Glutmeere hinaus- zukommen, ins Hochgebirge hinein, zu meinen Wassern, zu meinen Arbeiten. Dort ist es leichter zu leben. „Komm in den Patio hinaus— die ersten Fuhren Erz liegen da!" Ich folgte Stuart. Das, was um Mittag aus dem Innern des Berge herausgesprengt war, das blaugrone Erz, lag auf dem Hofe zu einem stattlichen Haufen geschichtet. Und der helle Somieiiglanz ward in glitzernden Reflexen von den Adern aus Silberkics zurückgeworfen; man sah fast sinn- lich, daß hier ein Berg des Reichtumes, daß hier ein ver- hängnisvoller Schatz trügerischer, tückischer Zwerge auf- gestapelt war. „Freut eS Dich gar nicht, Lewis, den ersten Erfolg unserer Arbeit endlich zu sehen, endlich einmal handgreif- lich allem Volke beweisen zu können, daß hier etwas geschaffen worden ist? Wer darf jetzt noch Zweifel hegen? Niemand! Und von heute an wird sich die Zukunft unseres Unternehmens etwas anders gestalten, darauf kannst Tu Dich verlassen!" „Freuen tut' es mich schon, John, und doch, ich habe so seltsame Gedanken— ich bin wohl ein wenig angegriffen, ich weiß nicht." „Nun, was gibt's?" „Sag' mal, John, wenn der ganze Berg aus Silber ist, wie es nun den Anschein hat, waruin haben dann unsere Vorgänger ihn im Stich gelassen?" „Nimm es nicht übel, Lewis, aber das ist wirklich eine einfältige Frage! Du hast doch nrit all Deinen elektrischen Pumpen Mühe genug gehabt, Herr der Situation zu werden, und fast wäre es auch Dir gründlich mißlungen; es ist schon klar genug, woran die Leute gescheitert sind!" „Ich weiß nicht! Was haben die alles geleistet: haben, wie Tu doch glaubst, drei Meilen lang den Berg dnrchstbßen, von unserem Hause bis in das Tal des Todes. Das sieht doch fast so aus, als wären sie auch eines Ozeans Herr gc- worden, wenn sie nur gewollt hätten!" „Schließlich ist es doch nicht unsere Sorge, ihre Ge- schäftc nachträglich zu bedenken. Genug, w i r holen i h r Silber ans dem Berge. Mit Eimern, Peons und Manltiercn das Wasser aus dem Berge zu schaffen ist doch verdammt keine Kleinigkeit; dazu ist es bei uns zu naß. Und weiß der liebe Himmel, was sonst alles den Leuten störend in den Weg getreten sein mag: Kapitalmangel oder Krieg, Revolution, Arbeiterrevolte, Tod und Krankheit der maßgeblichen Leute; wirklich, es gibt mehr als eine Möglichkeit, die ihrem Wirken ein jähes Ende bereitet haben kann. Warum sollen w i r darüber nachgrübeln; genug, daß wir Vorteil von den Mühen anderer Leute haben!" „Und all solch Unheil kann uns doch auch in den Weg treten!" „Lewis, ich verstehe Dich nicht mehr," rief Stuart erregt. „Gewiß, lvir beide können hier auf der Stelle vom Blitz erschlagen werden. Dann ist alle Blühe vergeblich gclvcsen, dann ersäuft die Maria Carmen wieder, vielleicht für immer — und was die Hauptsache ist. Du hast mit Deinem Skep- tizismus und Deiner Gespensterfurcht recht behalten!" „Ich möchte wohl. Du behieltest recht, John!" Und jeder von uns ging wieder an seine Arbeit. * Der Berg von Silbererzen, der auf unserem Hofe auf- gestapelt wird, ist zu einer beträchtlichen Höhe angewachsen. Neue Problenie treten an uns heran, nämlich die Auf- gäbe, die Erze zu stampfen, anzureichern, das heißt, sie mög- lichst vom tauben Gesteine zu befreien, und nach Oaxaca zu schaffen. Natürlich ist es keine Frage, die von heute auf morgen erledigt zu werden braucht; der Hof ist groß und ver- niag noch monatelang die aus dem Berge herausgeholten Schätze aufzunehmen; aber einmal wird der Platz doch nicht mehr langen, und andererseits müssen wir endlich zu ver- dienen anfangen; es darf nicht so fortgehen; wir brauchen Geld, viel Geld, um unseren Betrieb zu entwickeln. So batten wir gestern abend, in einer stillen, schönen Stunde aus der Bank vor dem Minenhause ein langes und ernstes. Gespräch über die Zukunft des Jniparcial. Noch ist die Lücke, die der Tod in unsere Reihen riß, als er Ward von uns fortnahm, nicht ausgefüllt. Wir hatten bereits vor einiger Zeit den Versuch gemacht, einen Nach- folger für Ward zu finden, aber vergeblich. Mit meinem Freunde Hermann Schmidt in Stadt Mexiko stand ich fa während meines ganzen Aufenthaltes in unserer Wüste in einem gelegentlichen Gedankenaustausche, und kurz nach Arthurs Hinscheiden traf ein Brief von ihm ein, in dem er sich, wie gewöhnlich, bitterlich darüber beklagte, daß er so hoffnungslos auf den Pultschemel seines Bankhauses fest- geklebt sei. daß er mit kargem Lohne in dem reichen Lande sich durchkämpfen müsse, in dem andere, die nicht besser seien als er selbst— das war auf m i ch gemünzt— ohne allzu große Mühe wohlhabend würden; er hätte eben kein Glück usw. Nun, ich wollte dem wackeren Buchhalter eine Chance geben; ich lud ihn ein, in den Dienst des Jniparcial zu treten und Ward? Geschäfte zu übernehmen; auf der einen Seite stellte ich ihm in Aussicht, daß er in Bälde Prokurist unseres Geschäftes werden, sich also eine Lebensstellung erringen könne, tvenn der Jniparcial die große Entwickeluna näyiiie, die wir von ihm erwarteten; ans der anderen Seite verschwieg ich ihm nicht, daß das Schaffen im glühenden Sonnenbrände der Wüste, das Dasein im weltentlegenen Minen hause ein nicht ganz angenehmes sei, während uns stets der Mißerfolg arm und bekümmert von danncn sagen könne, wenn wir ans unseren Träumen von silbernen Schätzen erwachten. Aus Hermami Schmidts Antwortschreiben notiere ich ein paar Sätze: „Ich muß an meine Gesundheit dabei denken? Was nützt es, wenn ich die ganze Welt gewänne nnd nähme schaden an meinem Leibe? Wer eine Million verdient und sie wegen eines verdorbenen Magens nicht genießen kann, ist elender daran als der, der gar nichts hat. Und da drunten ist es fürchterlich— in diesem Hexenkessel wird der zäheste Braten in einem Jahre mürbe. Ja, Sic, Sie haben ciiic andere Natur als ich.... � Die Buchbaltung ist eine trockene Beschäftigung im ewigen Einerlei; wer sich nicht wenigstens gelegentlich etwoS anfeuchten kann, wer nicht die Oede des Tages durch die Ab- wechfelnng am Abend zu unterbrechen vermag, der geht über den beiden Seiten des Hauptbuches zugrunde. So erging es ja Herrn Ward- und ich habe keine Neigung sein Schicksal zu teilen: nein, wahrlich nicht! Sie dürfen sich nicht damit vergleichen: Ihre Tätigkeit ist eine andere. Die schaffen draußen im Berge: Ihre Arbeit hält Sie in Spannung, in Atem; Sie erdrückt nicht das Bleigewicht der Langenweite. Ihr Leben besteht nicht im Aufaddieren kirchtnrmhohcr Zahlensäulen; nnd zudem besitzen Sie andere, wissenschaftliche Jntcresscii, die Ihnen über eine gelegentliche kleine Sand- dünc Ihrer Wanderung hinwegzuhelfen vermögen, während mich die sogenannten höheren Dinge nicht berühren... (Forts, folgt.) geblasenhnt seiner vielen Fremden giöt es Viertel, die zusammen ein paar Hundert Geviertmeter umfassen und wo 60 000 solcher Proletarier wohnen— was sage ich— verkommen. In diesen Kellerlöchern besteht das ganze Hausgerät aus einem paar wackligen Stühlen, einem alten Tisch, einem blechernen Ofen und— einem Heiligenbild. Die Lagerstätten sind mit Maisstroh gefüllte Säcke. In einem Keller hausen oft fünf und sechs Familien; die einzelnen „Wohnungen" sind mittels Säcke von einander getrennt. Die Frauen sind arme, elende Geschöpfe, dürr, hängebrüstig, meist nur mit einem Fetzen von Rock bekleidet. Die Männer rennen tagsüber nach einem, wenn auch noch so geringen Verdienst umher, um das Geld zusammenzubringen zu einem Brot aus schlechtestem und ge fälschten, Mehl, zu eincnr Stück Kürbis, das in ranzigem Oel gebraten wird. Katzen- und Hundefleisch. Pferde- und Eselslebern sind Festgerichte. Und in diesen Löchern werden Kinder geboren und grohgezogen. Das ist das Entsetzlichste! Man must die bleichen, skrophulösen Geschöpfe gesehen haben, um zu begreisen, was hier an der Mensche heit für ein Verbrechen verübt wird. Jmnier hungrig und doch nur als unnützer Fresser angesehen, schärst sich des Kindes Sinn frühzeitig aus das Beutemachen. Der erste Schritt aus der Kellerhöhle ist zumeist der erste Schritt auf der Bahn, die in das Gefängnis und Zuchthaus führt. Die Mädchen werden Verlorene schon in frühester Jugend. So war es allgemein noch vor 20 Jahren, so ist es vielfach noch jetzt. Der Fondaco war und ist teilweise noch heute die Stätte, wo- her die Kamorra ihre Rekruten bezog. Ja, die Kamorra, sie spukt in viele» Köpfen. Romane sind darüber geschrieben worden, viel Phantasterei. Die einen nennen sie Verbrecherorganisationcn, die anderen politische Organisationen, die mit Verbrechen und Terror arbeiten. Ich sage: die Kamorra ist eine soziale Erscheinung. Sie mutzte entstehen unter einer Sonne, die das Blut heißer durch die Adern jagt, in einem Lande, wo die Gesellschaft das Proletariat rücksichts los in den tiefsten Schmutz trat, sich auch nicht der elementarsten Pflicht gegen die Armen und Elenden er- innerte. Die Kamorra war die ungesunde Reaktion des im Elend geborenen, im Elend verkommenden Volkes Snditaliens gegen die Unterdrücker und Ausbeuter. Ihre Mittel waren echt reaktionäre, Mittel des Verbrechens. Dabei waren die große» Teile der Kamorristen wieder nichts anderes als Ausgebeutete. Die Masse der Kamorristen arbeitete meist unbewußt für politische Streber, die ihr Ziel mit Verbrechen und Bedrohung erreichen ivollten; sie arbeiteten für kapitalkräftige Verbrecher, die ihr Geld in Verbrechen anlegten; die Kamorristen waren ihre Werkzeuge und trugen die Verantwortung dafür. Der Sozialismus ist es, der die Kamorra in ihrer Wurzel ge- troffen hat. Dadurch, daß unsere italienischen Genossen die Idee der politischen und gewerkschaftlichenOrganisation in das Volk gebracht haben, dadurch, daß sie den Kampf orgamsiert haben gegen die Gesell- schaft, die verantwortlich ist für alles Elend und Leid des Proletariats, dadurch, daß sie ihm die wirtschaftliche Umgestaltung als das Ziel seines Kampfes hinstellen, haben sie das unheimliche Wirken der Kamorra und anderer Geheimgesellschaften gebrochen. Es ist noch nicht alles erreicht. Aber es ist viel erreicht. Schlimmer noch als in Neapel sind die sozialen Verhältnisse in Sizilien. Diese Insel könnte eine Kornkammer Italiens sein. Sie war es auch einmal. Aber das historisch Gewordene lastet schwer auf diesem Lande, wo die Natur ihre Gaben mit reichspendenden Händen geben würde. Ueber drei Millionen Menschen wohnen auf der Insel. Ein paar Tausend davon leben als Menschen; einige Hundert spielen die Herren, prassen und schwelgen. Die Millionen der Si- zilianer hungern und verelenden. Die Herren sind die Nachkommen der berüchtigten Barone des Nittelalters. Von ihren Vätern, richtigen Großbanditen, haben sie angeheure Landstriche geerbt. Diese Latifundien haben Sizilien wirtschaftlich zugrunde gerichtet und das Volk in materiellen und sittlichen Verderb gestürzt. Tagelang kann man durch den Grund- besitz eines Einzigen wandern, ohne eine Aehre zu sehen, nirgends ein Anbau, trotzdem die Erde hundertfällige Frucht geben würde. Man könnte denken, das Land sei herrenlos. Das ist es nicht. Sein Herr kann oder mag nur nicht das Land bebauen. Aber wehe dem armen Schelm, der sich das Land urbar macht. Ihm winkt schwerste Strafe. Warum aber be- baut der Herr das Land nicht? Um nicht Steuern bezahlen zu müssen. Das ist der Staatssinn der vom Staate geschützten italienischen Landbarone. Ter Bauer soll der Steuerzahler bleiben, der Bauer und der Arbeiter. Für drei Scheffel Ackerboden bezahlt der Bauer im Jahr 127 Lire allgemeine Steuern, 100 Lire Bodensteuer, sonstige Abgaben 50 Lire, für den Wirtschaftsbetrieb gibt er aus 30 Lire, und ein« nimmt er— höchstens 600 Lire. Jedes, selbst das gesegnetste Jahr schließt mit neuen Schulden für den Bauern ab. Immer tiefer kommt er in Abhängigkeit vom Herrn, der ihn zum Sklaven degradiert. Sogar das Scheren des Haupt- und Barthaares ge- bietet er ihm. Ein sizilianisches Bauernhaus ist nicht viel mehr als ein Stall, meist sogar viel weniger. Es besteht aus einem einzigen Raum, mit einer einzigen Oeffnung. die Tür, Fenster und Schornstein zugleich ist. Durch das Dacki tröpfelt der Regen. Die Familie liegt aus Stroh und in demselben Raum steht der Esel oder das Maultier, haust das Schwein und gackern die Hühner. Fleisch hat der Bauer selten, außer es verendet einmal ein Stück Vieh. Noch schlimmer— materiell— ist der Feldarbeiter daran, ob- wohl er sozial unabhängiger ist als der Bauer und deshalb von ihm beneidet wird. Freilich hat der Landarbeiter auf Sizilien meist nur die Hälfte im Jahre Beschäftigung. Er verdient dann wöchent- liÄ bis zu 10 Lire. Aber dieser Lohn wird ihm in lauter Kupfer- münzen ausbezahlt, und die Herren mischen darunter betrügerischer- weise solche, die längst entwertet sind. Für ein elendcs, feuchtes Loch, worin er mit seiner Familie auf Stroh schläft, zahlt er jährlicb 70 und mehr Lire. Auf seinem schwarzen Brot liegt eine Verzehrsteuer. Im Frühjahr, wenn er keine Arbeit hat,„geht er ins Gras"; er sucht an Hecken und Rainen Kräuter und Grünzeug, die er mit heißem Wasser aufbrüht und ohne Salz als Nahrung verschlingt. Zwischen den Latifundienbesitzern und den Bauern und Land arbeilern stehen die verschiedenen Arten Aufseher, ein rohes, gewalt täliges Gesindel, das sich zu 90 Proz. aus ehemaligen Zucht Häuslern zusammensetzt, die getreue Schutzwache der Herren bildet, die Bauern und Landarbeiter schindet und sür eigene Rechnung extra ausbeutet. Und doch ist das Leben der Baueru und Landarbeiter noch em paradiesisches gegenüber dem Leben der Arbeiter in den sizilianischen Schwefelgruben. Dieselben Latifundienbesitzer, die den sizilianischen Bauern und Landarbeiter in das tiefste Elend gestoßen haben, machen den Arbeitern in ihren Schwefelgruben das Leben zur Hölle Nur Menschen können Menschen derartig erniedrigen und miß- handeln. Der Zuchthäusler, der entsprungen ist und unter den Zolfatai iSchweselgrubenarbeitern) eine Zufluchtsstätte gefunden hat, flieht aus dieser Hölle wieder ins Zuchthaus zurück. Irgend welche hygienischen oder sonst schützenden Einrichtungen finden sich in den Schivefelgruben nicht. Ausbeutung, höchster Gewinn sind die einzigen Regeln sür den Betrieb. Die Arbeitszeit bei den Carusi, so nennt man die Schwefel- grubenarbeiter wegen ihres kahlen Kopfes auch, beträgt bis zu vier- zehn Stunden im Tage. Die Lust in den Gruben ist geradezu der- giftet. Und Kinder von sechs Jahren an arbeiten darin I Die Arbeit mißbildet den Körper, verkrümmt das Rückgrat, dazu treten besonders bei den Kindern Mißhandlungen aller Art. Die Folge: Neunzig von Hundert der Arbeiter sind körperlich entartet. Die aus den Schwefelgruben sich stellenden Rekruten sehen aus wie Buben von H und 15 Jahren. Der Lohn ist der erbärmlichste. Dabei herrscht noch das Truck- shstem. Der Arbeiter erhält seinen Lohn nicht in Bargeld, sondern in Waren. Er erhält verdorbene Waren, die ihm zu höchsten Preisen angerechnet werden. Dabei begaunern ihn die Unternehmer noch mit falschem Matz und Gewicht. Was Wunder, wenn unier solchen sozialen Zuständen auch in Sizilien die geheimen Gesellschaften, die Maffia und wie sie alle heißen mögen, blühten und noch blühen. Das Verbrechen ist die ungesunde Reaktion auf ungesunde soziale Zustände. Aber auch aus Sizilien hat der Sozialismus seine organisatorische Kraft ein- gesetzt, die Arbeiter und Bauern gesammelt, ihnen die Ursachen ihres Elendes gezeigt und sie zum organisierten politischen und wirtschaflichen Kampf gesammelt. Und der Sozialismus hat Früchte geerntet. In vielen Streiks haben Landarbeiter und "-chwefelgrubenarbeiter um Verbesserung ihrer Lage gekämpft und Erfolge errungen. Die Bauern haben sich aufgelehnt und Er- leichterungen erhalten. Freilich, die Waffen der italienischen Re- gierung— Militär und Justiz— standen immer auf Seiten der rücksichtslosen Ausbeuter. So manche Opfer fielen. Ich habe das nicht geschrieben, um auch meinen Stein auf Italien zu werfen. Ich schildere nur, was ist. Ja. Italien hat seine Jrredenta, wie jedes kapitalistische Land. Dieses unerlöste Italien ist sein Proletariat, besonders das süditolienische. Als wahre Vater- landsfreunde haben unsere itatienischen Parteigenossen sich daher gegen den Krieg erklärt, weil sie wissen, daß kein Land und kein Volk als Heiland und Erlöser auftreten kann, wenn im eigenen Lande und Volk noch so vieles unheilvoll und unerlöst ist. La. kleines Feuilleton. Seiüe in üer Mark Sranüenburg. Eine der wirtschaftlichen Folgen des letzten Kriegsabschnitts ist, daß die Rohseide aus Italien uns nicht mehr zugeht. Nun, unsere Industrie wird sich schon auf andere Weise helfen, und es ist nicht anzunehmen, daß die Seideneinfuhr bei uns gänzlich aufhört. Bei dieser Gelegenheit erinnert die„Köln. Ztg." daran, wieviel Versuche im 18. Jahrhundert bei uns gemacht wurden, die Seidenraupen- zucht in Deutschland heimisch zu machen, um so Geld im Lande zu machen, und womöglich das eigene Erzeugnis mit Nutzen abzusetzen. Das war ja die fixe Idee aller Könige des Rokoko, die nach den damals herrschenden politischen Grundsätzen weder Geld noch Menschen gern über die Landcsgrenze gehen ließen. Um solche Kleinigkeiten, wie Klima und Bodenbeschaffenheit, kümmerten ie sich dabei wenig; eine Bananenzucht in der Lüneburger Heide anzulegen, hätte durchaus im Gesichtskreis der damaligen WirtschaftSpolitiker gelegen. Es kam auch wohl daher, daß die einzelnen Staaten damals die Ausfuhr ihrer kostbaren in- dustriellen Erzeugnisse als Monopole hüteten und mit allen Mitteln zu verhindern suchten, daß die Nachbarn sich auch dergleichen aus eigenen Kräften verschafften. Man erinnere sich der fast wie ein Roman klingenden EnlführungSgeschichte venetianischer Spiegelarbeiter durch Colbert am Ende des 17. Jahrhunderts nach Frank- reich. Unter tausend Vorsichtsmaßregeln mußten sie mit Hilfe des französischen Gesandten in Venedig über die Grenze geschafft werden; sowie die Entführung bekannt war, arbeitete wieder der venetianische Vertreter in Paris; er ließ die Flüchtlinge durch Frauen- zimmer bearbeiten, um sie zur Rückkehr zu bewegen, sogar Vergiftungs- geschichten kamen dabei vor, aber alles war umsonst; die Spiegel- sabrikaiion blieb in Frankreich und brachte bald dem Lande Mil- lionen ein. Aehnlich war es auch mit der Seide. Die Seidenweber wurden überall streng überwacht, ihre Auswanderung war durchaus verboten. Die preußischen Könige hatten trotzdem schon früh versucht, sich solche zu verschaffen, um auf jeden Fall die Maulbeerpflanzungen und die Seidcnzucht in ihrem Lande heimisch zu machen, und sie suchten ihre Untertanen mit der ihnen eigenen Energie von deren Nützlichkeit zu überzeugen Das letztere gelang freilich nicht immer. Eine besondere Liebhaberei für die Seidenzucht in der Mark Brandenburg hatte Friedrich der Große, der bedeutende Hoffnungen auf sie setzte. Noch heute sind in dem Orte Friedrichs- Hägen, südöstlich von Berlin, der von ihm gegründet wurde, die auf seine Veranlassung gepflanzten Maulbeeralleen zu sehen; sein Denkmal schmückt dafür den freien Platz in der Milte der Haupt- straße. Es gab in der Friedrichstadt in Berlin damals eine Seiden- sabrik des Hofes, bei der gegen 1500 Arbeiter angestellt waren. Die kamen aus allen möglichen Ländern, aus der Schweiz, aus Süd- srankreich, meistens wohl aus Italien, und bildeten inmitten der ehr- samen Berliner Bürgerbevölkerung eine fremde Kolonie, mit der man nicht immer zufrieden war. Sie brachten fremde Sprachen, fremde Gewohnheiten und fremde Unsitten mit, und nach einiger Zeit zeigte es sich, daß eine scharfe Ueberwachung notwendig war. Sie kosteten außerdem eine Menge Geld, denn jeder Familie von Seidenwebern. die sich zur Auswanderung entschloß, wurden außer dem Lohne 50 Taler Reisegeld bewilligt. Ganz sicher war man ihrer zudem nie; von Haus aus waren es ja doch meistens unruhige Leute, und sie suchten manchmal ebenso rasch wieder aus dem Lande herauszu- kommen, als sie hineingegangen waren. Doch die preußische Polizei paßte schon damals gut auf. Der nächste Zweck wurde jedenfalls er- reicht, die seidenen Stoffe wurden etwas billiger in Berlin und die Schönen der Hauptstadt waren zufrieden. Der Ertrag an Seide stieg bedeutend während der Regierungszeit Friedrich des Großen und ging erst nach ihm langsam immer mehr zurück. Auf die Dauer konnte die Seidenraupenzucht sich eben doch nicht mit dem norddeutschen Klima vertragen. Indessen wird doch von einigen zeitgenössischen Schriftstellern behauptet, daß es um 1780 etwa 3000 Webstühle in der Mark Brandenburg gab, und daß gegen 10 000 Menschen dabei ihr Brot fanden. Besonders auf dem Lande versäumte die Regierung kein Mittel. um Lehrer und Pastoren zu ermutigen, Maulbeerpflanzungen an- zulegen: sie bekamen dafür besondere Prämien. So wurde das Dorf Nowawes, beute eine Art Vorstadt von Potsdam, eine Art Mittel- Punkt der Seidenkultur in der Umgebung Berlins; hier fiedelten sich eine Menge fremder Weber an. /4u.= Die Schöne vom Strand. Deutsches Opernhaus Cbarlottbg. s uhr: Haus Helling Friedrich-Wilhelmsfädt Theater. 8>;4u.O, diese Leutnants! Kleine» Theater. 8'//4u.: Seine einzige Frau. I-nstspielhanH. 8'/. u.jerrscliaitl. Diener gesucht Schlller-Xh. Charlotte nbg. s uhr: Alt-Heidelberg. ThaUa-Theater. 8 uhr: Eine vertlixts Annonce. Theater am XoIIendorfpI. 8./.U.: ImmeF feste druff! Trlanon-Theater. 8,.mm Die Heiratsschule Volksbühne. Theater amBOIowpIa:z s'/.uhr Pension Sehölier. URANIA TaubenstraBe 48,49. 8 Uhr: An den Grenzen von Südtirol und Italien. Tägl. 8 Uhr. Sonntags 3'/, u. 8 Uhr 1 Das neue Juli-Variete-Progr.! Wieder eine Steigerang regen den vorig. Honat. geu w l>a» lenkbare l,afttichl