Unterhaltungsblatt des vorwärts-»«wch u«, Reue. Skizze aus Flandern von Chriel Buhsse. Es ist eine sehr trübe und traurige Erinnerung... Ein kurzes, schmutziges Seitengätzchen am äußersten Ende des Dorfes. Zur Rechten nichts als die hohe, weiße, blinde Mauer eines großen Herrenhauses. Links vier kleine, niedrige, zu- sammengebaute Arbeiterhütten aus schmutzigrauem Stein, mit dumpfgrünen Fensterläden.— Da ist es finster, kühl, öde, muffig. Fast niemals glänzt ein Sonnenstrahl in diesem schmutzigen, immer feuchten Winkel.— Aber nur ein Stückchen weiter von der blinden Mauer und den kleinen Hütten entfaltet sich in seiner breiten Herrlichkeit das freie Feld; und dort ist plötzlich alles voll gesunder Lebenslust und sonniger Freude! Dort schaukeln und wogen, von der linden FrühlingSluft be- wegt, die frischen grünen Kornfelder; dort schlängelt sich gelb der breite Sandweg nach dem bläulichen Horizont unter dem hohen, sonnigblauen Himmel mit seinen blendend weißen Wölkchen. Dort singen die Vöglein und duften die Blumen; dort strahlen die Augen und röten sich die Wangen; dort gehen die beengten Lungen in einem breiten, gesunden Rhythmus auf... Vier kleine, niedrige, graugrüne traurige Hütten. An dreien sind Tür und Fensterläden geöffnet, am vierten beide dicht ge- schloffen. Zu beiden Seiten des verschloffenen Türchens lehnt eine verwaschene, länglich- viereckige schwarze Fahne mit filbernem Totenkopf in der Mitte und silbernen Fransen an den Rändern. Auf der Schwelle des Hüttchens liegt ein gelbes, mit einem roten Ziegelstein beschwertes Strohkreuz. In diesem Häuschen liegt ein Toter. .* * Es war ein langer, magerer, blaffer Bursche. Ich Hab ihn gut gekannt. Er hieß JuleS. Er war von seltsamem, ungünstigem Aus- sehen, mit einem falschen und schleichenden Ausdruck in den Augen; und er hatte auch einen sehr schlechten Ruf: den Ruf eines Faul- Pelzes, eines Diebe», eines Trunkenbolds, eines Rauffüchtigen und beinahe eines Mörders. Dieser üble Ruf war verdient. Er war faul, er stahl, er trank, er raufte,«ein Vater— ein Zimmermann— bei dem er an- geblich arbeitete, mit dem er aber nicht auskommen konnte, warf ihn schließlich auS dem Hause. Er kam noch weiter herunter. Jetzt mutzte er wohl oder übel von Raub und Diebstahl leben, denn nirgends hätte er, selbst wenn er es ernstlich gewollt hätte, Arbeit bekommen. Wiederholt wurde er in Gesellschaft einer berüch- tigten Landstreicher- und Diebesbande gesehen, und im Dorfe wurde kein Schurkenstreich verübt, bei dem es nicht hieh, dah er beteiligt sei. So hietz es, aber es war doch nicht bewiesen, da er niemals auf frischer Tat ertappt wurde und niemand belastende Tatsachen gegen ihn bezeugen konnte. Feldwächtern, Jagdhütern und Gen- darmen war es noch niemals gelungen, ihn gerichtlich verurteilen zu lassen. Er war schlau und verschlagen; immer wieder entschlüpfte er, wie ein Aal durch die Maschen eines Netzes. Er hatte noch keinen Heller Geldstrafe, war noch keine Stunde im Gefängnis gewesen. Da geschah der berüchtigte Anschlag auf einen reichen Bauern- söhn, der, als er abends aus der Stadt vom Markt heimkehrte, von drei Kerlen überfallen, ausgeraubt und halb totgeschlagen wurde. Der Mann genas wieder und beschuldigte ausdrücklich Jules als den einen seiner Angreifer. Mit unverhohlener Freude kamen die Gendarmen, um ihn zu holen, und das ganze Dorf atmete auf und jubelte: „Ha, endlich hat man den Schelm doch gepackt!" Aber der Schelm verteidigte sich I Er sei nicht dabei gewesen, behauptete er. Er sei an dem fraglichen Abend bis tief in die Nacht hinein bei seiner Liebsten ge- blieben und dann, wie eS oft geschah, in einer Bauernscheune schlafen gegangen. Und dann fügte er mit einem wunderlichen, rätselhaften Lächeln, einem Lächeln von beinahe treuherziger Auf- richtigkeit und Schüchternheit, als schämte er sich dieser, in seinem Munde so seltsam und unerwartet klingenden Worte, hinzu: „Ich Hab' mich gebessert, ich arbeite, ich wer' heiraten." Die Gendarmen nahmen eine Untersuchung vor. Sie hörten, datz JuleS am fraglichen Abend wirklich bei einem Mädchen gewesen war, von der es hietz, datz sie seine Liebste sei. Aber daS Mädchen war eine aus dem verrufenen Diebesviertel; ihr Zeugnis erschien etwa» verdächtig, und überdem war ja auch der Ueberfall mitten in der Nacht geschehen. Wo hatte er den Rest der Nacht zu- gebracht, nachdem er seire Liebste verlaffen I Die Crweckung öer Nana Carmen. sSs Von Ludwig Brinkmann. Bei Tische führte sie die Unterhaltung fast ausschließlich, und ich war außer Dickinson, der nur hier und da einige Be- merkungen in froher Laune dazwischen warf, der einzige, der antwortete. Stuart biß sich schweigend in einer der Enten fest, die Dickinson am Tage zuvor erlegt hatte. Unser Wirt erwähnte die Jagd, auf der er mit seiner Frau am Abend zu- vor an den Weihern von Tlacolula gewesen. „Sie hat natürlich meistens in die Luft geschossen," sagte Dickinson;„der Himmel allein weiß, an was sie dachte! Wenn ich wenigstens nicht besser bei der Sache gewesen wäre, müßten wir heute hungern. Nur einen: armen jungen Ente- rich, der allzu vorwitzig gewesen, machte sie den Garaus— aber es war kein Kunststück; das lebensmüde Tier setzte sich fast absichtlich vor die Mündung ihres Donnerrohres!" „Es ist derselbe Vogel, dem Herr Stuart eben so in- grimmig das Rückgrat zerbricht. HaKeat sua fata avesl" Dieses Zitat war für mich berechnet, denn bei Dickinson und Stuart siel solche Weisheit auf unfruchtbaren Boden. Der letztere aber legte Messer und Gabel nieder und trank seinen Kelch Champagner leer. „Nun, Herr Stuart, schon satt?" fragte ihn Jane er- staunt. „Das auch— und ich habe dazu so etwas wie Mitleid mit der armen Kreatur bekommen!" Dabei wurde Stuart purpurrot. „Ich wußte nicht, datz Sie ein so gutes, gefühlvolles Herz haben, Herr Stuart," bemerkte Jane ironisch,„«ne können keinem Tiere etwas zu leide tun einen Menschen umzubringen, das fällt Ihnen wohl leichter..." „Wie meinen Sie das?" fragte Stuart scharf. „Nun, das bringt Ihr Mannestum wohl so mit sich! Der Bergbau zum Beispiel. Es ist doch sicherlich ein grau- sames Geschäft— wieviel Menschen morden Sie da nicht kalten Blutes, so mit der Zeit!"... Da niemand daraus antwortete, nahm das Gespräch eine andere Wendung.— Nach Tisch versammelte man sich im Salon des Dickinson- schen Hauses. Man denke dabei nicht an einen Salon unserer braven Westeuropäer, mit seidenen Tapeten, Empiremöbeln, Bronzen usw. Soviel Komfort gibt es hier an des Lebens äußerster Front und Vorhut nicht. Ein Tisch, ein paar Rohr- ssffel, ein paar Farbdrucke an den Wänden und zwei elektrische „Nun, in der Bauernscheune, wo ich geschlafen Hab!' antwortete. JuleS ein wenig schnippisch. Und er nannte auch den Bauer, dem die Scheune gehörte. Das stimmte. Der Bauer bezeugte, datz der Bursche oft in seiner Scheune schlief. Und cS ergab sich weiter, datz er feit einiger Zeit regelmätzig arbeitete und fein Geld sparte und nicht mehr trank. Aber die Gendarmen schüttelten den Kopf und grinsten miß- trauisch. Das hinderte alleS nicht, datz er in der Nacht dennoch aus der Scheune gekommen war. um mit den anderen den Streich auszuführen; und übrigens: dieses Nächtigen in Scheunen gehört zu einem ungebundenen Landstreicherleben und keineswegs zu den anständigen Lebensgewohnheiten eines Menschen, der ehrlich sein Brot verdienen will. Warum er wie ein Vagabund in den Scheunen schliefe? fragten die Gendarmen. „Um die Miete zu sparen,' antwortete Jules. Die Gendarmen lachten spöttisch. Haha, das war eine eigen- tümliche Manier zu sparen! Wohin käme man in der Welt, wenn jeder so dächte! „Und es is doch so! ES iS die reine Wahrheit!" bestätigte Jules nachdrücklich. „Sie haben also etwas Geld?' fragten die Gendarmen. „Ja,' sagte JuleS. „Wo ist es?� „Mein Mädchen hebt eS auf, um Möbel davon zu kaufen und ein Häuschen zu mieten." Sie hielten Haussuchung bei dem Mädchen und fanden das Geld: ein paar hundert Frank in schönen Silberstücken. Das dem reichen Bauernsohn gestohlene Geld bestand au§ Banknoten. Aber das bewies gar nicht«; sie konnten eS umgewechselt haben. Jules wurde mit dem Bauernsohn konfrontiert. „Er is eS! Er is es!' versicherte dieser.„Sie waren ihrer dreie, zwei kleine und'n großer. Er i« der große!' „Du lügst!" schrie JuleS blaß und zitternd vor Wut. „Er is es! Er is eS!* wiederholte der Bauernbursche mit un< erschütterlicher Ueberzeugung. „Und ich sag', Du lügst, Du Schuft I' poltert« JuleS. Die Gendarmen forschten nicht weiter. Sie ließen JuleS laufen, aber ihre Ueberzeugung stand unumstößlich fest. JuleS war einer der Täter, und die Untersuchung wurde gegen ihn eingeleitet. *• * Einige Wochen vergingen. JuleS, stark durch seine Unschuld. arbeitete ruhig und regelmäßig weiter, sparte sein Geld, brachte jeden Abend bei seinem Mädchen zu und schlief dort, wo er Platz finden konnte: in den Bauernscheunen, um das Logisgeld zu sparen. Als sie genügend hatten, um zu beginnen, mieteten sie eines der vier kleinen Hüttchen in der Seitengasse und heirateten. Sie waren erst vierzehn Tage verheiratet, als Jules vor Ge- richt gefordert wurde. Man hatte ihm angeraten,«inen Advokaten zu nehmen, aber er tat es nicht. Warum sollte er unnötig sein Geld verschwenden, da« er gerade jetzt so notwendig brauchte? Vor Gericht wiederholte der Bauernsohn seine formelle Be- schuldigung und JuleS mit mühsam verhaltenem Zorn und mit starkem Nachdruck seine noch formellere Verneinung. ES traten Zeugen auf, die übereinstimmend JuleS' schlechte Führung be- stätigten, wenn sie auch gesteh«» mutzten, datz er bereut zu haben schien und seit seiner Verheiratung ein untadeliges Leben führte. „Halten Sie ihn für fähig, ein solches Verbrechen zu begehen?' fragte der Vorsitzende alle der Reihe nach. Und alle bekundeten, ohne einen Augenblick zu zaudern, datz sie ihn dazu für vollkommen fähig erachteten. Diese Zeugenaussagen, in Verbindung mit der nochmals aus- drücklich wiederholten Beschuldigung deS Anklägers, waren durch- schlagend. JuleS wurde zu einem Jahre Gefängnis verurteilt und sofort verhaftet. Jedermann im Dorfe hielt die» für ein« wohlverdiente Strafe. «» * Ich weiß nicht— und eigentlich hat es niemand je erfahren— was seit diesem Augenblick an JuleS genagt hat. Nach sieben- monatiger untadelhafter Führung wurde er auS dem Gefängnis ent- lassen, und eines Abends kehrte er in daS Dörflein zurück. In der ärmlichen Hütte mit den grauen Mauern und den dumpfgrünen Fensterläden fand er seine junge Frau mit einem kleinen Kindchen, daS in seiner Abwesenheit geboren war. „Da bin ich!" sagt« er mit einem wunderlich trockenen Lächeln. Und er gab seinem Weibchen, daS so bitterlich weinte, da» bitzchen Geld, daS er im Gefängnis verdient hatte, und nahm daS Kindchen auf seinen Schoß, um es lange entzückt anzustarren. Lampen bildeten die ganze Einrichtung. Doch etwas war bier, schöner als alles, was westeuropäische Salons hervor- bringen können: Frau Dickinson! Trotz lateinischer Zitate, trotz Pariser Roben und Brillanten, trotz all der Kulturtünche war sie doch nichts als ein einfaches Kind der Natur. Ich sann darüber nach, aus welcher Mischung des Blutes, aus welchem Zusammenklange von Umständen dieses seltsame Wesen entstanden wäre. Ja, ich vermag Stuart zu verstehen, ich verstehe auch ane. Es konnte ja nicht anders kommen. Nur daß die aust des Eroberers das Schicksal dreist beim Schöpfe faßte. während der andere, schwäckere, feigere unter der Bürde seiner Skrupel mühsam feines Weges dahinkeuchte, um— ich fühle es nur zu gut— eines Tages den ganzen Ballast in den Graben zu werfen und leichten Fußes dem begehrten Glücke nachzujagen, wenn es nicht unterdessen— der erste geraubt hätte... Die Unterhaltung drehte sich dann nur um das einzige, liebste Thema aller zivilisierten Menschen, die diesen Himnielsstrich bewohnen, um Stadt Mexiko. Frau Jane fing zu schwärmen an; in allerdings recht mystischen Be- inerkiingen ließ sie durchblicken, daß selig schöne Erinnerungen sie mit der reizvollen, üppigen, koketten Stadt verknüpften. „Ich fürchte— so schöne Tage kehren nie wieder," setzte sie mit einem Seufzer hinzu. „Warum nicht?" fragte Dickinson.„Solange wir leben, dürfen wir hoffen. Und ewig werden wir wohl auch nicht hier unten bleiben müssen. Vielleicht kommt einmal eine eit, da wir unsere Geschäfte von der Stadt aus leiten. ann sollst Du es gut haben, Jane; Du wirst am Paseo de la Reforma Dein Schloß besitzen, so schön, wie nur irgend jemand es haben kann. Und bis dahin— nun, Tu hast mich noch niemals karg gefunden; wenn auch schweren Herzens, so gebe ich Dir doch zeitweise Deinen Urlaub. Ihr Frauen könitt ja nicht leben, ohne Kaufläden zu sehen, zu studieren, was die Welt wohl Kostspieliges hervorbringt, unvernünftige Ge- legenheitskäufe zu machen oder euch doch wenigstens in den Schaufenstern zu spiegeln!" „Du bist sehr gut, Richard; aber etwas kannst Tu mir doch nicht geben; die Zeit kannst Du nicht aufhalten. Die alten Freunde werden untreu, und nach neuen habe ich keine Sehnsucht. Ich glailbe, ich könnte jetzt die Stadt hassen. Vielleicht macht sich das Alter fühlbar!" Darauf fingen wir Männer an zu lachen; aber Jane be- stand auf ihrem Bejahrtsein. „Nein, nein, die Stadt überlasse ich jüngeren Leuten, Don Luis und Don Juan! Sie werden dort schon Unter- „Wie heißt eS?' fragte er leise, mit vor Rührung heiserer Stimme. „Jules... Julien,' schluchzte sie. „Julien... Julken..." Und er streichelte die Backen des kleinen Wichtes, der ihn mit leuchtendfrohen Augen anlachte. Sein Leben wurde sehr ruhig, sehr still, sehr einsam. Er arbeitete den ganzen Tag, sprach lvenig, saß in seinen spärlichen Mutzestunden irgendwo und starrte sinnend vor sich hin. „Das Einsperren hat ihm gut getan," meinten die Leute.„Er hat bereut, er ist brav geworden." »» * Oft habe ich versucht, ihn zun. Reden zu bringen, denn sein Fall interessierte mich, und ich hatte nach und nach eine merkwürdige Sympathie für ihn gewonnen. Aber niemals ist eS mir gelungen. Nach ein paar kurzen Sätzen brach er immer wieder das Gespräch ab und versank in Schweigen, und auf seinen blassen Wangen trat dann eine zarte Röte wie deS Schmerzes oder der Scham. Nicmal- habe ich ihn bittere Worte äußer», klagen, poltern oder Bor- würfe erheben hören. Gegen Weib und Kind war er über alle Matzen sanft und gut. Nach Umgang, mit wem es auch sein mochte, außer seiner Familie, schicu er nicht das geringste Bedürfnis zu haben. Er war nicht scheu, er war nicht bösartig, er war weder falsch noch aufbrausend; ich weiß nicht, wie es mit ihm stand. Nur etwas Seltsames, etwas unheimlich Seltsames war an ihni. Stets hatte er auf dem Dachboden, wo er jetzt ganze Tage zimmerte. einen Sarg auS tveitzem Holz, einen Armeleutsarg stehen. Dort stand er, unter den Dachsparren schräg an� die Waird gelehnt, gespensterhaft bleich in, ungewissen Dämmerlicht der Dachkammer, und dort blieb er stehen, bis er verkauft und von irgend jemandem geholt wurde. Dann machte er sofort wieder einen neuen, um ihn an des anderen Stelle zu setzen. „Ach, schon wieder'n neuer Sarg!" klagte dann seine Frau, der dieser Anblick so unheimlich war. Warum willst«»ich warten, bis sie bestellt wer'n?" Er lächelte seltsam und starrte sprachlos vor sich hin. Drüben im Gefängnis hatte er sieben Monate lang weiter nichts als Särge, weiter nichts als Armeleut-Särge gemacht. ES saß ihm im Blut und in den Händen. Es war eine Manie, eine Einbildung für ihn geworden. Er hatte Särge gemacht, so viele, datz er einen ganzen Kirchhof damit hätte füllen können. Und vielleicht sah er ihn auch in seiner Phantasie, diesen Kirchhof, gefüllt mit solchen langen, schmalen, weißen Kisten unter dem grünen Rasen. „Du siehst doch, daß sie gesucht werden; die werden immer gesucht", kam endlich seine stille, geheimnisvolle Antwort, Und mehr war aus ihm nicht herauszubringen.... »* * Ein kurzes, schmutziges Seitengätzchen, zur Rechten die hohe. bloße Mauer des großen Herrenhauses, links die vier kleinen Arbeiterhüttchen mit den grauen Wänden und den grünen Türchen und grünen Fensterläden, von denen nun das zweite geschlossen ist, mit dem Strohkreuz und dem Ziegelstein auf der Schwelle und mit der verwaschenen schwarzen Fahne, die mit einem silbernen Toten- köpf und silbernen Franzen geschmückt ist... Ganz still, ohne einen Vorwurf und ohne eine Klage, wie eine Kerze, die langsam niederbrennt, ist er dahingegangen. Was er gehabt hat, weiß nieinand, was ihm am Herzen nagte, kennt kein Mensch. Armut... heimlicher Kummer... schleichende Krank- heit... wer kann e« sagen? Reue, meinen dre Dorfbewohner. Aber was wissen die Dörfler! Da liegt er nun in einem jener weißen Armeleut-Särge, die er immer auf Vorrat zimmerte, weil er ihrer schon so viel gezimmert hatte und ihrer noch iinmer mehr zimmern mutzte�... Was tut nun in der Dämmerung des dicht verschlossenen HäuS- chens die junge Frau mit dem kleinen Kindchen? Sitzt sie gebrochen und schluchzend in dem stillen, leeren Kämmerchen, oder irrt sie ziel- loS umher mit verweinten Augen, nicht wissend, waS sie sucht? Liegt daS Kindchen sanft schlummernd in seiner Wieg«? Oder spielt es ruhig in seinem Stühlchen mit dem ärmlichen Spielzeug, das es in der halben Dunkelheit kaum sieht?— ES ist da drinnen alles so still. Kein Ton, kein Seufzer, kein Atemzug dringt heraus. Nur der frische Lenzeswind streicht kosend über die weiten Felder und singt leise sein ewige» Lied. Die grünen Kornähren schaukeln und wogen, der gelbe Sandweg schlängelt sich einsam fort in stille Fernen, und am sonnigblauen Himmel schwimmen so hoch und rein und glänzendweitz phantastische Fetzen von daunenweichen lichten Wölkchen...(Berechtigte Uebertragung von Georg Gärtner.) Haltung finden! Viele bunte Rosen blühen da, und der Herr der Schöpfung liebt es, wie ein Schmetterling von einer zur anderen zu gaukeln I Nicht wahr? Nun, Herr Stuart, er- zählen Sie doch; Sie sind so schweigsan,— erzählen Sie doch von der Stadt! Sie werden doch gewiß viel da erleben. Ich darf Wohl nicht alles hören? Ach! ich bin eine alte Frau und kenne das Leben; und wenn es gar zu schlimm kommt, so geben Sie mir ein Zeichen, ich halte mir die Ohren zu!" Stuart aber warf sehr ernst ein: „Gewiß, ich bin kein Heiliger, und deshalb schweige ich lieber. Es sind für inich überwundene Sachen, das. Ick gehe, wenn ich es vermeiden kann, nicht niehr nach Stadt Mexiko. Nach jedem anderen Orte lieber, als gerade dahin! Denn wenn ich erzählen wollte— es wäre besser, nicht nur isic, sondern alle hielten sich die Ohren zu, das ganze Haus hielte sich die Ohren zu---." Dann brach er plötzlich ab. Frau Jane erbleichte. Ein unbehagliches Gefühl beschlich uns alle. Nur Dickinson, der einzige Arglose unter uns, suchte die alte frohe Laune wieder herzustellen. „Ja, ja, Jane, wilde Gesellen kommen von den Staaten hierher in unsere Wildnis. Da passieren schreckliche Gc- schichten! Es ist schon besser, wenn er nichts sagt. Stadt Mexiko ist ein böses Pflaster! Ich erinnere mich, als icks vor zehn Jahren— ich war damals noch Junggeselle, liebe Jane — zum ersten Male dorthin kam..." Und er packte mit einigen galanten Streichen aus. Es war die seltsame Stunde nach einem üppigen Diner mit reich- lichen und starken Getränken, da die erregten Sinne den Zwang etwas lockern, sich von dem Joche etwas frei machen, das sonst Kultur und Gesittung den Menschen auferlegt, da größere Freiheiten erlaubt scheinen. Und Dickinson hatte sicherlich Ergötzliches genug zu erzählen. Das machte auf mich einen gar seltsamen Eindruck; es eröffnete sich mir eine ganz neue Perspektive, als ich auch den Menschen, den Jüngling in dem sonst so kaltblütigen, reservierten Silbergranden erkannte. Ueber seiner imposanten, würdigen Ersöbeinung hatte ick vergessen, daß der Mann auch einmal jung gewesen, daß einst ein Blutstrom der Romantik auch durch seine Aden, geflossen. Es war mir lpie dem Wanderer ini mexikanischen Hochgebirge, der ganz, ganz tief im Grunde der Schlucht plötzlich ein unter dem sonnendurch- glllhten Steingeröll des Berges verborgenes silbernes Bäch- lein entdeckt, das so köstlich und erquickend ist, wenn es auch gar nicht mit der imposanten Größe der Felsenriesen, all der in ihrer Unendlichkeit erhabenen, trostlosen, wuchtigen, leblosen Steinmassen zusammenpassen will. (Forts, folgt.) Jm wieüereroberten Halizien. Gin Mitkämpfer schreibt uns aus Galizien vom Ende Juni: Tie staubige Landstraße von Hainona über Przenniil nach Lern- vetg führt durch das Land, das die Russen fast zehn Monate besetzt hallen. Vor einigen Tagen noch wälzten sich Teile der geschlagenen dritten Armee und Kosakenschwärme aus ihr der Grenze zu. Heute sind auf ihr die unheimlich langen österreichischen. Verpflegungs- kolonnen uiib_ die deutschen Bagagewagcn zu Hause. Dieses Land sollte für Rußland Neuland werden. Schon die Durch- dringung, die Galizien eben durch ruthenische Art erlitten hat, ließ es für � Rußland eins seiner Kriegszicle sein, das ihm zum mindesten nach der Vermehrung seiner AuSfuhrstraßen, der Beherrschung der Dardanellen, eins der wichtigsten war. Die Zeit nach dem Rückzug der Oesterreicher aus Galizien bis jetzt war auch ausgefüllt von dem Bestreben, festen Fuß unter der Bevölkerung zu fassen. Man hatte Dorf und Feld geschont. Von Russengreueln— abgesehen von Ilebergrifsen an Juden— hört man Ivenig. Die Aussaat ist durchweg gut besorgt, und Ivo es an Saatgut fehlte, gab es der„Moskalc" reichlich her. Galizien einheitlich zu beurteilen, ist unmöglich. Wir trafen auf unseren Hin- und Hermärschcn so sandige Stellen, wie bei Sandowa- Wisznia, wo der Stiefel tief in den heißen Sand sank. Da wollte der Buchweizen kaunr noch gedeihen und die Roggenhalme konnte man zählen. Dann sahen wir wieder Land, wo das Korn dicht stand und gute Aehrcn zeigte, mächtig ausgedehnte Wiese», die große Herden nähren konnten, und schöne Buchenwaldungen, wie wir sie kaunr an den sonnigsten Stellen des Westerwaldes fanden. Gemein- hin hat die Voistellung von Galizien einen üblen Beigeschmack. Doch muß diese Anschauung geändert ivcrden, wenn�man das Land näher kennen lernt. Die Bevölkerung ist allerdings schon durch den slawischen Einschlag ein Rätsel für sich. Für sie kommt im Erwerbs- leben nur die Tätigkeit auf dem Felde und im Stalle in Betracht. Den Handel besorgt der galizische Jude. Nach meinen Erkundi- gungen bearbeitet der galizische Bauer höchstens 18— 20 Morgen und bringt es fertig, zwei Pferde und ebensoviel Kühe zu halten. Seine Wirtschaft muß demnach ziemlich intensiver Natur sein. Trotzdem— die Löhne der großen Grundbesitzer spielen da eine Nolle— schickt doch dieses Galizien Tausende von Arbeitskräften nach Deutschland, mehr noch nach Amerika und Frankreich. Dieses ist um so verwunderlicher, als die Liebe zu Grund und Boden in großer Leidenschaft bei ihnen vorhanden ist. Ich habe Bauern gesehen, die kaum nach beendetem Gefecht unter Lebensgefahr den Schaden in Hos und Feld zu heben suchten. Wenn wir in Scheunen über- »achteten, konnten wir sicher sein, daß das galizische Ehepaar im Stroh vor dem Anwesen schlief i der Soldat könnte ja mir Feuer rurvorsichtig sein. Als wir bei Stawki den Russen eine verschanzte Stellung genommen hatten, kam eine galizische Bauernfrau dadurch zu Tode, daß sie unvorsichtig eine russische Handgranale berührte. Die Verwandten kamen später, sahen sie und blieben stumm. Sie mochten in den Junitagen wohl zuviel bleiche Lippen und starre Augen gesehen haben. Als sie aber den Verlust ihres Heims sahen, das die Russen verbrannt hatten, fand der tiefe Schmerz Ausdruck. Ich habe auf drei Kriegsschauplätzeu Menschen um Haus und Hof jammern hören, aber bei keinem hatte das Weh so leidenschaftliche Laute als bei diesen einfachen Menschen, für die das Weltringen mit seinen gewaltigen Zielen gar nichts, das Ererbte und Erarbeitete aber alles bedeutete. Ein seltenes Ereignis war es, als wir auf unserem Marsch nach Grodck ans ein« deutsche Kolonie stießen. Wie ein Zauberreich mutete das alles an: die freundlichen Gesichter, die Ordnung und Sauberkeit im Gehöft, das gute Wasser. Wasser! das lernt man al§ Soldat in Galizien schon schätzen. Auf vielen Märschen dachte ich daran zurück, wie ich als Knabe den Mund an den Wasser- Hahn hielt und unser gutes Wasser trank. Das deuchte mir oft jetzt der höchste Genuß, den man haben kann. Mhskolowicc heißt die deutsche Oase dort drunten in Galizien. Die Bewohner sprechen hochdeutsch und eine Art bayerischen Dialekt. Seit 180 Jahren sitzen sie hier und haben sich im steten Kampf mit ruthenischem Wesen ihr Deutschtum bewahrt. Münchenthal hieß der Ort ursprünglich. Aus- gerechnctim Jahre 1848 erfolgte die osfizicllellmtaufunginMySkolowice. Zwischen Grodek und Lemberg, dem galizische» Jerusalem, findet man 13—20 deutscheKolonien. Sie sind ein tüchtiges Element und liefern dem k. und k. Heer manchen tüchtigen Korporal, denn das Land kann den Nachwuchs nicht anfnehmen. Und für den erwachsenen Sohn bleibt die Laufbahn bei den Husaren in Lemberg oder anderswo. Will et das nicht, so findet man ihn mit 400—300 Kronen ab, und er wird Industriearbeiter in Kanada. So ist er das geworden, was sein deutscher Blutsbruder schon ist— Proletarier— auf dem Umwege des deutschen Bauerngehöfts in Galizien. Eine Ver- mengung mit dem ruthenischen Teil der Bevölkerung soll so gut wie gar nicht stattfinden, obwohl in den guten Teilen Galiziens das junge Mädchen gar nicht so unintelligent und manches sogar eine Schönheit ist. Als der„Moskale" kam, wollte man fliehen. Das ging nicht. So blieb man. Der russische Beamte kant und wollte Saatgut geben, da fürchtete man ruthenische Hinterlist und lehnte ab. Zu- letzt kam der russische Steuererhebcr. Ordnung muß nun einmal sein. Wenn sich jemand über die„schwarzen Germanen" in Galizien gefreut hat, so sind es diese deutschen Kolonisten— denen stand Freude und Dank in den Augen. Die letzte Nacht auf öer„Cmöeu". In einer Schilderung von höchster Anschaulichkeit wird noch einmal der heldenhafte lintergang der„Emden" nach langent rühm- vollen Kampfe unter ungünstigsten Bedingungen in den Berichten eines Mitkämpfers lebendig, die im nächsten Heft der Zeilschrift ..lieber Land und Meer" von Maxim Hauschild initgeteilt werden. Der Erzähler war auf dem Kohlendantpfer„Buresk", dem Begleitschiff der„Emden", einem gekaperten englischen Dampfer, Zeuge des ungleichen Kampfes zwischen„Emden" und„Sidney" gewesen, und er hatte geholfen, die Versenkung des„Buresk", dessen wert- volle Ladung nicht in die Hände des Feindes fallen sollte, im letzten Moment noch herbeizuführen. Die Mannschaft deS Kohlen- schiffes wurde von der„Sidney" aufgenommen, die nun mit voller Fahrt wieder nach North Keeling Island zurückfuhr, wo die„Eindcn" wrack mit einigen Graden Schlagseite inmitten der Brandung aus den Riffen lag. Noch wehte die deutsche Kricgsflagge inmitten der zerschossenen Eisentrümmer, die ein einziges, säst unentwirrbares Knäuel bildeten. Am Heck stand dichtzusammengedrängt ein Teil der tapferen Mannschaft. Trotzdem sandte der feindliche Kommandant nochmals zwei volle Breitseiten gegen das wehrlose und steuerlose Schiff, die wieder etwa 30 Mann der tapferen Besatzung das Leben kosteten. Um iveitcres unnützes Blutvergießen zu verhindern, wurde drüben die deutsche Flagge niedergeholt, in kleine Stücke vergilt oder ins Meer geworfen. Der Kommandant der „Sidney" unternahm keine Rettungsversuche, da er infolge der herannahenden Nacht und der starken Brandung für seine eigenen Leute fürchtete. Da erbot sich der Verfasser des Berichts, mit seinen Leuten Arzneimittel, Verbandszeug und vor allem Trinkwasser hin- über zu bringen, uin wenigstens die augenblickliche Not nach dem schweren Gefecht drüben lindern zu helfen. Erst nach längerer Zeil erhielt er die Erlaubnis. In schwerer Fahrt, bei der sie bereits einen über Bord gefallenen deutschen Matrosen reiten konnten, gelang eS, an die Ueberreste des Kreuzers heranzukommen. „An Bord selbst sah es entsetzlich aus. Der Aufprall. auf das Korallenriff war so stark gewesen, daß das Steuerhäuschens �zer- schmettert worden war. Sämtliche Aufzüge und Munitionsschächte waren zerschossen. Am Heck war imolge eines Volltreffers die ge- samt« Bereitschaftsmunition in die Luft gegangen. Der vordere Mast und zwei der Schornsteine existierten überhaupt nicht inehr. Die durch den Brand entstandene Hitze ist gar nicht zu beschreiben. Sämtliche kleinere Eisenteile, Flaschen, Gläser, Bullaugen und Fenster- scheiden waren in der Hitze zu unförmigen Klumpen zusammen- geschmolzen. Von den Geschlltzmamtschaftcn sind nur zwei ohne schwere ' verantwortlicher Redakteurs«lsrep Wiclepp, Neukölln. Für Lei Verwundungen davongekommen. In den letzten Stadien des Gefechts wurden die Geschütze nur noch von den Offizieren, Sanitätsleuten, Munitionsmännern und Funktionären bedient. Sämtliche erreichbare Munition war verschossen, der Rest in die Luft gegangen. In Ge- meinschast mit den verwundeten Kameraden suchten wir nun die Trümmer nach den Verletzten ab. Doktor Ludwig Schwabe half, obgleich selbst verwundet, beim Rettungswerk in geradezu heroischer Weise mit und ließ sich trotz unseres Protestes nicht davon abbringen. Hin und wieder lehnte er sich unauffällig gegen die Wand, um nickit umzufallen, half aber immer wacker mit. Auch Kapitän von Müller, vom Pulverstaub an Gesicht und Händen gelb gebrannt, ivar bei den Helfenden und organisierte ruhig wie immer das Rettungswerk. So arbeiteten wir stundenlang im Dunkel der Nacht, um unseren Kameraden zu helfen und wenigstens die augenblickliche Not zu lindern. Das Vorschiff, wo auch eine größere Anzahl Verwundeter lag, konnten wir nur mit Hilfe improvisierter Brelterbrücken erreichen. Gegen 2 Uhr nachts ging uns das Trinkwasser aus. Zurück zur„Sidney" war wegen der immer höher werdenden See nicht mehr möglich. Wir halfen nun, so gut wir konnten, und lagerten die Verwundeten, in wollene Decken gehüllt, am Voiffchiff nieder. Unterdessen ivurde achtern am Heck das Schiff immer mehr von der aufgeregten See überflutet. Nachdem suchten wir sämtliche Teile des Schiffes nach Verletzten ab, was nicht so einfach war, da wir infolge der zerschossenen Treppen und Aufzüge teilweise sogar außenbords durch die Luken und Bullaugen in den inneren Schiffs- rümpf hineinkleiteru mußten, um die unten eingeschlossenen Kameraden zu erreichen. Das Ivar natürlich keine Kleinigkeit, und mehr als einmal gerieten wir in Gefahr, von der Brandung erfaßt und in die See hinausgespült zu werden..." Musik. Im Deutschen Opernhaus, das um des Künstler- Personals willen ohne Ferienzeit durchspielt, sind die Geister der frohen Muse lebendig geworden. Karl Millö ckerS„Bettel- st u d e n t" eröffnete den Reigen. Um wieder einmal zu erfahren, was für reizvolle rassige Musik dies Werk enthält, ist es gut, sie von einem vollwertigen Opernorchester zu hören. Aehnliches gilt von einer Aufführung durch Operngesangskräfte. Es mag darüber, ob sich der Opernstil mit dein leichtflüssigeren Vortrag einer ausgesprochenen Operettenbühne vertrage oder nicht vertrage, zweierlei Meinung be- stehen. Es mag auch zugegeben werden, daß bei der Erstaufführung wenigstens noch mancherlei Schwere in Kauf genommen werden mußte. Aber wenn auch die Inszenierung von der Basis einer komischen Oper aufstrebt— es ist doch ein Genuß besonderer Art, eine farbige Massenwirkung der Volksszenen, unterstützt durch prachtvolle Stadt- und Landschaftsdekoralionen, vor Augen zu haben. Dazu kommt eine ziemlich glückliche Besetzung der zahl- reichen Haupt- und Nebenrollen. Die Titelpartie vertrat Bernhard B ö t e l. Seine Stimme reichte zwar nicht für das große Haus aus, ließ aber einen zumal in höheren Lagen klangvollen lyrischen Tenor erkennen. Den zweiten Bruder Studio gab August Gesser, dem es teilweise noch an tüchtiger Schulung des Organs zu mangeln schien. Jedenfalls bringen beide Sänger für ihre Rollen einnehmende jugendliche Er- scheinung mit. Unter den anderen Solisten schlugen Eduard K a n d l als Oberst Ollendort und Joseph Plaut als sächsischer Invalide und Kerkeruteister Enterich eine vortreffliche Komik an. Das Osfiziersguintetl mit Einschluß des Cornets, den Elsriede Dorp recht forsch zu geben verstand, sowie die Chöre und die Krakowiak- tanzpartie waren wirksam am Platze. Ter„Bettelstudent" dürfte große Zugkraft bewähren. eü. kleines Feuilleton. Wie MesKag Maler wuröe. Der berühmte holländische Maler Hendrik Willem MeSdag, der, 84 Jahre alt, am 10. Juli im Haag starb, hat einmal selbst einem Besucher die Ansänge seines künstlerischen Schaffens in anschaulicher Weise geschildert,«ein Entwicklungsgang war kein gewöhnlicher: erst in einem Alter, in dem sonst der Lebensweg seit langem fest- gelegt zu sein pflegt, reifte in Mesdag der Entschluß, Maler zu werden. Bis zu seinem 33. Jahr saß Mesdag noch auf dem Kontor- stuhl seines Vaters.„Mein Vater," so erzählt Mesdag selbst,„bc- trieb in seinem Heimatsort Groningen em großes Getreidegcschäft und besaß eine Mühle zur Stärkefabrikation. Er wollte, daß ich das Geschäft fortsetze, und so arbeitete ich an der Herstellung des Stärkemehls, bis ich es eines schönen Tages satt hatte und mich endlich entschloß, meiner großen Sehnsucht nach- zugeben und— zu malen. Es war nicht leicht, so plötzlich das Geschäft im Stich zu lassen und sich der Kunst zu widmen, aber meine Frau unterstützte mich darin und wir reisten nach Brüssel. Dort wohnte inein Vetter Alma Tadema, der sich dann in London niederließ und englischer Bürger und Künstler wurde. Er machte mich inir Wilhelm Roelofs, einem unserer besten Landschaftsmaler, bekannt, der nun meine ersten Schritte auf der neuen Laufbahn leitete. Nach zwei Jahren angespanntester Arbeit wagte ich es, einige Studien in Brüssel und in Amsterdam auszu- stellen. In Holland beachtete mau sie kaum, aber die belgischen Künstler brachten ihnen ein freundliches Jnterrsse entgegen, weil sie eine persönliche„Manier" in meinen Arbeiten zu entdecken glaubten. So ermutigt ging ich den Sommer über nach Norderney. Dort an der Küste des MeereS entschied sich mein Schicksal, dort fand ich meinen Weg.. Das Meer also war es, das alle schlummernden künstlerischen Kräfte in Mesdag wachrief, und ihm blieb er auch Jiis in sein hohes Greisenalter treu. Nie müde wurde er, die See in der viel- geställigsten Bewegtheit und Beleuchtung immer von neuem auf seine Leinwand zu zaubern, nie müde, die immer wechselnden Ein- drücke in Skizzen von fast ängstlicher Genauigkeit festzuhalten. Wenn er vom Meer sprach, so geschah es mit einer rührenden Zärtlichkeit und mit einer Art von väterlichem Stolz. ES hielt ihn nun auch nicht mehr an Orten, die von der Küste weitab lagen. Nach seinem Aufenthalt in Norderney siedelte er nach dem Haag über, um nahe bei Schcveningen zu sein, und bereits ini folgenden Jahre 1870 errang er mit seinem ersten Nordseebild im Pariser Salon die goldene Medaille. Ein ganz besonders feines Empfinden besaß Mesdag für die künstlerischen Oualitäten der zeitgenössischen Maler. Dies beweist vor allem auch seine prächtige Gemäldesammlung, die er schon früh zusammenzutragen begann und die wertvolle Bilder der Barbizoner und Haager Schule enthält. Es befinden sich heut besonders ge- schätzte Bilder darunter, die damals kaum beachtet oder sogar von den Ausstellungen zurückgewiesen wurden und deren wahren Wert Mesdag mit seinem ausgeprägten künstlerischen Takt sofort erkannte. Das Ergebnis seiner langjährigen Sammlertäligkcit hat MeSdag selbst bereits vor zehn Jahren dem Staat zum Geschenk gemacht, und dieses großartige„Museum Mesdag" wird gewiß dazu beitragen, den Namen des ausgezeichneten Seemalers späteren Zeiten in seiner unvergänglichen Bedeutung zu übermitteln. Vie IrieSensfahrt üer 5rauen. Der im Frühjahr im Haag veranstaltete Internationale Frauenkongreß hatte den Beschluß gefaßt, an alle kriegführenden sowie auch an die neutralen Staaten Frauenadordnungen zu senden, die über die Möglichkeit und die Art der Einleitung von Friedensverhandlungen mit den Regierungen dieser Länder berat- schlagen sollten. Die holländischen Zeitungen machen nun über diese Friedensfahrt der Frauen nähere Mitteilung. Es wurden zwei verschiedene Abordnungen gebildet. Die eine bestand atts einer Amerikanerin Jane Adams, Dr. A. Jacobs und Ris« Gcnotti. Diese Abordnung besnchie England, Teutschland, Oesterreich- Ungarn, die Schweiz. Italien und Frankreich und wurde überall von den leitenden Staatsmännern cmpsangen. so in Berlin von Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin, Druck u.Berlag: VorwSrttz dem Reichskanzler und von dem Staatssekretär v. Jagofiv fertict1 von Sir Edward Greq, Gras Stürgkh und Baron Buriov. Grat Tisza, dem Schweizer Minister des Auswärtigen Hossmann und dem Bundespräsidenten Motta, Salandra und Sonnino, Dclcosse und Biviani, endlich auch von dem belgischen Minister d Avignon. Selbst der Papst bat dieser Frauenabordniing eine allerdings nicht offizielle Audienz gewährt. Tic zweite Abordnung nahm den Weg, nach Norden. Ihr gehören die Amerikanerin Valch, die Engländerin MacMillan, die Holländerin Remondt und die Ungarin Rosika Schwimmer an. Die Reise nach Rußland konnte die letztere Dame nicht mitmachen, während aus die Fahrt von Holland nach Tcutc- mark, die durch Deutschland führte, das englische Mitglied deip Abordnung verzichten mußte. Diese Damen wurden zunächst iur Haag von de vi Minister des Auswärtigen empfangen, sprachen dann in Kopenhagen bei dem Ministerpräsidenten und dem Aus- wärtigcn-Minister vor und fanden in Kristiania eine ganz be-- sonders begeisterte Aufnahme. Am 3l. Mai empfing König Haakon die Friedensbotinnen, mit denen er sich dreiviertel Stunden lang unterhielt; und daran schloffen sich Empfänge beim Minister des Auswärtigen, bei den Kammervorsitzenden, beim Ministerpräsi- deuten usw. Auch in Stockbolnt wurde der Abordnung die größte Aufmerksamkeit erwiesen; ihr zu Ehren hielten die schwedischen Frauen 600 Versammlungen in etwa 300 Gemeinden ab. worin ein Beschluß im Sinne des von dem Frauenkongreß gefaßten angc- nommcn wurde. In Petersburg verweilte die Abordnung dann volle 14 Tage; sie wurde von Ssasanow cinpfaitgen und stattete dort auch einem Lazarette einen Besuch ab. Der Petersburger Besuch fiel übrigens gerade in die Zeit der Moskauer Unruhen. Nun sind die Abgrditungen nach getaner Arbeit wieder nach dem Haag zurückgekehrt; wie berichtet wird, wollen sie auch weiter an dem Friedenswerke arbeiten. Sie haben den Beschluß gefaßt, daß an dem Orte, wo, wie sie hoffen, die Friedenskonferenz recht bald zusammentreten soll, zugleich ein Frauenkongreß stattzufinden habe. Verinulltch versprechen sie sich von der Anwesenheit so vieler friedensfreundlich gesinnter Frauen aus aller Herren Ländpr c'ne günstige Einwirkung aus den Fortgang der Arbeiten der curo- päischen Diplomatie. 5ahrenöe Kasernen. Unsere Eisenbahnbeamlen, die sich besonders zu Beginn der Mobilisation in der Bewältigung des enormen Bahnverkehrs hervorragend bewährt haben, verfolgen auch mit fachkundigem Auge die zahlreichen Beobachtungen, die sich ihnen im Dienst ausdrängen, und ziehen aus ihnen technisch mehr oder minder bedeutsame Rück« schlüsse. So ist zum Beispiel, wie der„Prometheus" berichtet, der bayerische Eisenbahnsetretär Jakob Hechtl iit Franzensbad zu einer Neuerung angeregt worden, die gerade jetzt zur Kriegszeir. zur Zeit der Massentransporte auf gewaltige Strecken. von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist. Die Hechilsche llieiteruitg zielt auf die Umwandlung der Personenwagen in Schlafwagen. Nach der im Modell peinlich durchgearbeiteten Erfindung ist es möglich, jeden beliebigen gedeckten Wagen mit einer beweglichen Sitzvorrichtuug auszurüsten, die in Liegebrücken umgewandelt werden kann, so daß die Mannichaften während der Nacht oder bei langandauernden Fahrten in vollkommen ausgestreckter Lage ruhen können. Dieser Umstand bedeutet für die Soldaten nicht nur eine Erleichterung der Reise, sondern ist auch für die so- fortige Gefechtsbereitschaft des beförderten Truppenteils nicht be- deutungslos. Denn es ist klar, daß selbst bei langen Fahrten bei einer dem Körper günstigen Ruhegelegenheit die physische Kraft der Soldaren geschont bleibt. Ein Eisenbahttzug mit der Hechtlschen Einrichtung ist in der Tat eine fahrende Kaserne, da in solchen Wagen 36—48 Mann beguem sitzen oder schlafen können. Vergiftungen öurch Exploftonsgase. Vielfach hören wir in dem jetzigen Weltkrieg, daß bei Explo- füllten von Geschossen schwere Schädigungen nicht nur durch die Sprengstücke, sondern durch die Gasoergistungen bervorgentsert werden. Besonders furchtbar ist die betäubende Wirkung der Gase, die sielt bei der Erplosion der 42-Zentimetcr-Granaten bilden. Mit den Vergiftungen durch Explosionsgase beschäftigt sich nun im �Prometheus" Dr. Heubner-Gießen. Bei der Explosion von Sprengniischungen, deren wesentlichster Bestandteil der Kohlen- stvff ist. bildet sich Kohlenorbd und Kohlensäure. Beide Gase sind, wie wir ans dein täglichen Leben wissen, schwere Blnigiitc. Eine Gistwirkung tritt jedoch erst bei größeren Mengen ein. Das Kohlenoxyd ist ein sehr gefährliches Gift und es verbindet sich sehr schnell mit dein Blutsarbstofs. So beobachtete man bei Nähschüsieit im Freien, daß das ergossene Blut und die nächste Umgebung der Wunde eine hellrote Färbung zeigten, herrührend von den in die Wunde gelangten Pulvergasen. Die Verfärbung nimmt zu mit dem Gehalt der Gase an Koblenoxyd und ist am stärksten bei dem rauchlosen Pulver, dessen Gedalt zwischen 3 und 10 v. H. schwankt. Entwickeln sich diese Gase nun in großer Masse aus einem crplo- dicrenden Geschoß, so befindet sich im Augenblick in dessen Um- gebung, selbst bei bewegter Lust, unter Umständen für mehrere Minuten, eine mit Kohlcnorhd geschwängerte Atmosphäre, so daß wenige Atemzüge zu schweren Pergistnngserscheinungen, ja zum Tode führen können, besonders auch deshalb, weil infolge der Erschütterung oder auch etwaiger Perletziingen die Leute betäubt zu Boden stürzen und so in die sich hier infolge der Schwere der Gase ansammelnde dichtere Gasschicbt geraten. Bedenken wir, daß ein Gramm Schietzbaumwollc 860 Kubikzentimeter Explosionsgase liefert, die sicb durch die srciwcrdende Wärme im Augenblick der Erplosion ans 7800 Kubikzentimeter ausdehnen, während ein Gramm schwarzes Schicßpulver nur 260 Kiivikzemimcter Explo- sionsgase erzeugt, die sich aus 2100 Kubikzentimeter ausdehnen, so erscheint es jedenfalls verständlich, daß die Gefahren einer Vcrgiitnng durch die Explosionsgase heute in weit höherem Maße vorhanden sind als in früheren Zeiten. Notize». — Theaterchronik. Das Kleine Theater wird in der nächsten Spielzeit den mit Agely, Bauernfeld, Hollberg, Grabbe begoititenen historischen„KomödienzhkluS" weiter ausbauen und als erste Neueinstudicning Kleists„Amphitryon" und Hebbels„Diamant" spielen. Die Berliner Kriegs st erblichkeit. Die„Deutsche medizinische Wochenschrift" ersucht uns mitzuteilen, daß der Aufsatz pou Dr. Gotlstcin über die Berliner Kriegsstcrblichkeit, über den in Nr. 133 des Unterhattungsblatts berichtet wurde, in dieser Wochen- schrist erschienen ist, — Der Lemberger Rubel. AuS Lemberg wird den Blättern gemeldet: Hier werden originelle Eriinierungsmedaillen an die Befreiung aus russischer Herrschaft in Verkehr gebracht. Die Gcdenkmcdaillen stellen einen Rubel mit dem Kops des Zaren dar, der zu beiden Seilen die Ausschrift„Knutenherrschcr" trägt. Auf der anderen Seite befinden sich die Daten der russischen Invasion und der Wtedereroberung der Stadt durch die verbündeten Truppen. — Ein Grabdenk in al für feindliche Krieger. Auf dem Merseburger Friedhos ist seit Beginn des Feldzuges eine bc- sondere Begräbnisstätte für die hier verstorbenen feindlichen Ver- wundeten und Kriegsgefangenrn eingerichtet worden. Es erheben sich heute bereits 75 Grabhügel, auf denen schlichte Schildchen an- gebracht sind. Die Pflege dieser Grabstätten liegt in den Händen der in dem hiesigen Lager untergebrachten Kriegsgefangenen, die ihren toten Kameraden in diesen Tagen eine be- sondere Ehrung durch die Errichiung eines Denkmals erwiesen. Sie wählten die Form des Obelisken und ließen ihn aus Sandstein in einer Höhe von über drei Meter aufführen. Das sehr gefällig wirkende Denkmal erhebt sich inmitten der Gräber und trägt außer dem Palmsymbol an seinen verschiedenen Seitenflächen ein- gemeißelte Widmungen in französischer, englischer und russischer Sprache._________________ vuchdruckerei u, BerlagSanstalt Paul Singer& Co, Berlin SW>