at-m-ms. Unterhaltungsblatt öes Vorwärts Der Sprecher öes Menschengeschlechts. Vivs Is Zsuro duivain! A. CL I. Gerade da im Zeichen des großen WeltwiirgenS die Stimmen der wider einander streitenden Völker verwirrt sind wie die der Menschen beim Turmbau zu Babel, ist eS vielleicht nicht ganz unzeitgemäß, eines Mannes zu gedenken, der schon vor vier Menschenaltern bis in jede Faser seiner leidenschaftlichen Seele hinein an die glorreiche Ver- brüderung des Menschengeschlechts glaubte und diesem Ideal bis zum letzten Atemzug nachhing: es ist der«Sprecher des Mensckicn- geschlechts�, Anacharsis Cloots, der obendrein zu den anregendsten und anziehendsten Gestalten der großen Revolution gehört. Freilich ist die hier und da auftauchende Verwunderung über das Geschick, das einen preußischen Baron in den französischen Rationalkonvent führte, ein müßiges Unterfangen, denn Cloots brauchte ganz und gar nicht die Stimmen des Blutes zu ver- leugnen, als er sich mit ausgebreiteten Armen in die gewaltigste bürgerliche Bewegung der Weltgeschichte warf. Seine Familie nämlich stammte aus dem Musterland des frühen Kapita- lismus, den Niederlanden, auf allen Meeren hatte sie ihre Schiffe schwimmen lassen und in aller Herren Ländern Reichtümer zusammengerafft, und der Freiberrntitel des römischen Reichs bestätigte nur ihr Patriziertum, versetzte sie aber nicht ins Junkertum. Dann war kaum ein Fleck der preußischen Monarchie so wenig geeignet, seinen Bewohnern preußische Staats- gefinnung einzuimpfen, wenn anders es diesen Begriff damals schon gab, als die Heimat des„Sprechers des Menschengeschlechts". Jp der Zeit, da, am 24. Mai 17o5, Cloots auf Schloß Gnadenthal in der Grafschaft Cleve geboren wurde, wußten die Machthaber des preußischen Staates verzweifelt wenig mit ihren linksrheinischen Be- fitzungen anzufangen. Nicht nur geographisch lagen diese Gebiete allzu weil von Ostelbien entfernt. Hier, wo man auf Schritt und Tritt den Einfluß der gewerbefleißigen Niederlande verspürte, hatte, der junkerliche Gutsherr nicht das Uebergewicht, hier kannte man die gewerbepolitische Trennung von Stadl und Land nicht und für den königlichen Dienst hotten die Notabeln der Grafschaften so wenig Verständnis, daß, als zwei Jahre vor Cloots' Geburt die Landratsämter in Cleve eingeführt wurden, der einheimische Adel sich überall geringschätzig von dieser Stellung fern hielt. Auf der anderen Seite behandelte Friedrich II. diese Ansätze zu einem linksrheinischen Preußen als Zollausland, während deS siebenjährigen Krieges dachte er daran, sie an die Franzosen loszuschlagen, und in seinem politischen Testa- ment von 1768 vermerkte er unwirsch:»Das sind diejenigen Unter- tauen, von denen man am wenigsten Vorteil ziehen kann." wohin- gegen der Geheimrat Sack später in einer Denkschrift rühmte, auch der gemeine Mann habe e§ hier zu einem höheren Grade von Aus- hildung und von Wohlstand gebracht als anderwärts in Preußen. Auf jeden Fall erwuchs das Verhältnis zwischen Cleve und Potsdam auf der Grundlage gegenseitiger Abneigung. Zudem ward der kleine Jean Baptist— den Namen Anacharsis nahm er erst in der Revolutionszeit an, die zu ihrer Ausstattung die ganze klassische Garderobe plünderte— durch die Einquartierungen der KriegSzeit früh schon mit der ftanzösischen Sprache vertraut, und da er mit neun Jahren einer geistlichen Erziehungsanstalt in Paris überantwortet wurde, sog er sich noch mehr mit der Neigung für französisches Wesen voll. Nach sieben Jahren Paris sandte ihn der Vater, der immerhin kgl. preußischer Geheimbderat war, auf die Militärschule nach Potsdam, wo der Jüngling die geliebte Sprache Voltaires wiederfand, denn wie auf der Pariser Militärakademie Deutsch, so war aus der Potsdamer Kriegs- schule Französisch die offizielle Lehr- und Umgangssprache. Weit weniger behagte ihm die Aussicht, die nächsten Jahrzehnte seines Lebens lange Kerle kommandieren zu sollen, und mit lebhaftem Ab- scheu erfüllten ihn die Martern und Foltern, deren die Disziplin des friderizianischen Militärsystems bedurfte. Bei den Jesuiten in Paris hatte Cloots an den himmlischen Autoritäten zu zweifeln be- gönnen, bei den Preußen in Potsdam zerstob seine Ehrfurcht vor irdischen Autoritäten, und in beider Schule ward er zum heftigen Freigeist. Da er aber selbst fühlte, wie viel ihm zum Philosophen fehlte, warf er sich fieberhast auf die Wissenschaften, und studierte bunt durcheinander NaMrrecht, Geschichte, Wölfische Philosophie. Vor allem diente ihm die Religions- Wissenschaft dazu, mit der Religion fertig zu werden. Da aber der märkische Sand auf die Dauer seinem Geist zu dürr wurde, stürmte' Die Crweckung öer Maria Carmen. bO] Von Ludwig Brinkmann. Auch Jirau Dickinson schien eine ähnliche Empfindung zu haben: sie sah manchmal erstaunt zu ihm auf, als erkenne sie den würdigen Gatten gar nicht wieder. Ich selbst war kein Spielverderber. An manchen Punkten dieser Dickinsonschen Reminiszenzen konnte ich mit eigenen Erfahrungen einsetzen, und das ganze grandiose Mexiko mit seiner kosmopolitischen Liederlichkeit tauchte vor unseren Augen aus. Und als wir uns endlich zum Abschied erhoben, sagte Frau Dickinson zu Stuart, indem sie ihm die Hand reichte: „Sehen Sie, Stadt Mexiko ist gar nicht so übel! Ich weiß, Sie werden schon wieder dorthin zurückkehren, als reu- mütiger Sünder!"— Wir sprengten rasch davon, ohne ein Wort miteinander zu wechseln. Als wir auf dem Kamme des Gebirges, der den Talkessel von Taviche einschließt, angelangt waren, wandte ich mich um. In zwei Zimmern des Dickinsonschen Hauses brannte noch Licht. Dort saß in dem einen Raum Richard und schrieb seinen Brief an Herrn Ward senior. In dein anderen Zimnier saß einsam— Jane. Was mochte in ihrem Herzen vorgehen? Wer weiß—--? Aber ich wagte nicht, Stuart in seinen eigenen Gedanken- gängen zu unterbrechen. Ich hätte es auch nicht gekonnt. Er hatte einen scharfen Trapp angeschlagen, daß ich ihm in der gefährlichen Dunkelheit nur mit Mühe zu folgen ver- mochte. So dauerte es nicht lange, bis wir in den Patio unseres Hauses hineinsprengten, wo Joss unserer harrte, uni uns die Pferde abzunehmen. Dort lag nun vom silbernen Lichte des Mondes über- gössen der gewaltige Stapelhaufen der Erze. Und zum ersten Male sah ich mit Liebe, wirklicher, andächtiger Liebe auf unseren Reichtum uad auf den mächtigen Berg, der unseren Reichtum enthielt. Ich legte meinen Arm auf Stuarts Schulter und sagte: „Ich glaube, wir sind nun gemachte, große Leute! Und für meinen Teil habe ich Dir alles zu danken, John! Sieb, wir werden bald reich verdienen, und zwanzig Prozent des Ertrages gehören uns! Ich glaube, wir können wirklich bald nach Stadt Mexiko ziehen, vierspännig auf den: Parado zu fahren—" nach dem Tode des Vaters der Einundzwanzigjährige nach Paris, der„Wiege der Philosophie", gärenden Erkenntnisdrang im Herzen und 100 000 Livres Rente in der Tasche. Das Paris, in das er hineinplatzte, war wie geladen mit elek- irischer Spannung. Es war das Paris der de la Mettrie, Holbach, Helvetius und Diderot, das Paris, in deffen philosophischen Salons die große Revolution geistig vorbereitet wurde und alles in allem das rechte Paris für den jungen Cloots, in dessen Seele die Rebellentriebe wie Widerhaken festsaßen. Zwar erregte es einige Verwunderung, als der junge reiche Kavalier, statt sogenannten Kavaliersneigungen zu frönen, sich monatelang in die Königliche Bibliothek einschloß und aus unzähligen Schmökern die Ueberzeugung zog, daß alle Theologenweisheit auf sehr schwachen Füßen stehe. Daneben nutzte er die Gelegenheil, den großen amerikanischen Bürger Franklin in Passy zu begrüßen, er stieg die fünf Treppen zu Rousseaus Dach- kammer empor, den er mit seiner Losung: Veritas atque libertas I Wahrheit und Freiheit! erschütterte, und drückte, jubelnd in einer jubelnden Menge, Voltaire die Hand, als der ewige Spötter vierund- achtzigjährig nach Paris zurückkehrte. Da bald nach Vollaires Tode die Gcrüchlenicht verstummen wollten, derSlreitrufer des:Ivar eine kleine Stadt am Wolchow, die er befestigte und Holm- gardhr nannte.(Später Nowgorod.) Der Mönch Nestor, der erste russische Chronist, stellt die Sache fo dar. als ob die Slawen den Rurik gebeten hätten, zu ihnen als Herrscher zu kommen. Er sagt:„Im Jahre 862 standen die Slawen, Tschuden, Kriwitschen und Meren gegen die Waräger(die also doch schon als Eroberer da waren) auf. jagten sie über das Meer und entrichteten ihnen weiter keinen Tribut. Nun fingen sie an, sich selbst zu regieren und befestigte Plätze anzulegen, aber es war kein Recht unter ihnen, ein Geschlecht stand gegen das andere auf, Zank und Uneinigkeit war unter ihnen, sie fingen sogar an, einander zu be- kriegen. Da versammelten sie sich, besprachen sich unter einander und sagten: Laßt uns für uns einen Fürsten suchen, der uns regiert, Ordnung hält und uns gerecht richtet. Sie gingen über das Meer zu den Russeu-Warägern, denn diese Waräger hießen Russen(norwegisch Räs), wie andere Schweden, Normänner, Engländer und Gothen hießen. Diesen Warägern sagten die Tschuden, die Slawen und die Kriwitschen:„Unser Land ist groß und reich, aber es ist keine Ordnung in ihm, kommet zu uns, unsere Fürsten zu sein und über uns zu herrschen. Das geschah denn, und das Slawenvolk nahm den Namen„Ruffen" an."— Auf solche Art sind Reiche freilich nur im Märchen und— in der höfischen Geschichts- schreibung entstanden. Der Erfolg der Russen erklärt sich dadurch. daß sie das Land auch gegen die von Astrachan aus drängenden Chazaren schützten, die von SwjatoSlaw(945—973) endgültig besiegt wurden. Bald verbreiteten nun auch Missionare das Christentum unter den russischen Stämmen, aber sie kamen nicht wie im Westen von Rom, fondern von Byzanz; die Fürsten erhielten sogar Prinzessinnen der dort herrschenden kaiserlichen Familie zu Frauen; freilich erst, ebenso wie günstige Handelsverträge, als sie im zehnten Jahrhundert den Dnjepr hinab mit Flotten bis zu 2000 Booten und 80 000 Insassen, alles Kriegern, vor Konstantinopel gerückt waren. Diese Mengen iverden erklärlich dadurch, daß ein fortwährender Nachschub aus Schweden stattfand, ähnlich der heutigen Auswanderung nach Amerika. Weil der Patriarch in Konstantinopel wohnte, wurde das die geistige Hauptstadt des Russentums, und als diefe Stadt in die Geuvalt der Türken geriet, wurde der Groß- fürst von Moskau der natürliche Beschützer der griechisch-orthodoxen Kirche. Iwan III. heiratete eine Nichte des letzten byzantinischen Kaisers. Als die Moskauer Fürsten den Titel„Zar" annahmen, wurden sie gewissermaßen Nachfolger der griechischen Zaren, und seit dieser frühen Zeit schon wird im russischen Volke der Glaube genährt, die Zaren müßten eigentlich in Konstantinopel herrschen und die Sophienkirche werde einst von ihnen den Christen wieder zurückgegeben werden. Man»rennt die Stadt deshplb auch Zar- grad: Zaren stadt. Allmählich dehnten die russischen Fürsten ihre Macht in der Wäldregion bis zur mittleren Wolga und bis zum Eismeere aus. Dabei wurden die dort wohnenden finnischen Völker allmählich vom Slawentum aufgesogen bis auf die an der mittleren Wolga. die noch dort wohnenden Tschereiniffen und Mordwine»». So entstanden die Großrussen, die also kerne reinen Slawen mehr sind. Banden gelegen, in» Dunkeln einhergetappt, ihren finsteren Weg sich mühsam znrcchtgctastet hat. Welches Glück, Zwie- spräche mit dem ewigen Himmel und den uralten Bergen und den immer jungen Sturmwinden zu halten! Losgesprengt von dem Getriebe der wirren Einzelheiten der Welt, über- sieht man hier erst das Ganze, hat nion den freien Aus- blick des kühnen Bergsteigers, der von der Felsenklippe auS die Unendlichkeit der Welt staunend in ihrer Totalität bis zu ihren transzendentalen Grenzen überblickt, da am fernen Horizonte Aether und Erde zu einem geheimnisvollen, mysti- schen Reiche zusammenschmelzen. Waffer scheint den Inhalt meines Lebens auszumachen. Unser ganzer Bergbau ist ein unendlicher Kampf mit den düsteren Fluten des Erdinnern: ohne sie wäre Silbergraben ein Kinderspiel. Das große Werk der Asociaciün ist wohl ein freundlicheres Geschäft, aber es dreht sich auch um das Wasser: soll ich doch den Bach unseres Waldtales, diese»» lieblichen, übermütigen Sohn des Hochgebirges, hinterlistig einfangen und in unendlich feinen elektrischen Strömen über das ganze Land hinleiten, vornehinlich uin seinen tückischen Verwandten, die zerstörende Flut in den Bergen, zu be- kämpfen— Pumpen arbeiten zu lassen. Und nun spielt es mir in dritter Form einen Streich: es regnet seit Tagen in Strönien von» Hinrmel, unergründlich, als wollte es nimmer- »nehr aufhören. O diese Nässe! So bin ich denn gezwungen im Hause zu bleiben. Ich habe eine Arbeit vorgenommen, die mich fchon seit geraumer Zeit beschäftigt hat, die Frage des sozialen Elementes, das allem technischen Schaffen innewohnt. Die Technik ist nicht in freier EntWickelung entstanden, sondern iin Ringen mit den Klaffen der Unterworfenen, die schwierig wurden und durch Maschinen ersetzt werden sollten, aber sich nicht ersetzen lassen wollten: und dieser jahrhundertelange foziale Kampf hat aller Technik den Stempel aufgedrückt: sie trägt die häß- lichc Spur des Kompromisses auf ihrer Erscheinung. Eine schwere Untersuchung, die viel Feinheit des Simuliercns, hicl angestrengtes Nachdenken erfordert und nur sehr, sehr langsam aus der Feder fließt. Doch ich sehe ein schönes Ziel vor nur, eine Voraussicht über de»» Lauf ihrer Weiterentwicke- long und eine köstliche Frucht: gänzliche Emanzipation der Menschheit von der schweren körperlichen Arbeit, von der da- durch bedingten Dumpfheit des größten Teiles aller Ar- beitcnden, von der Ui»würdigkeit, Menschenunwürdigkcit ihres Zustandes... (Forts, folgt.) Dil! Slawenstämme, We zunächst am Oöttlauf deZ Dnjcstr, an den beiden Bugs und am Pripet sagen, wurden durch die Polen nach Südosten� gedrängt.� Da aber von dort her türkische Völker stc bedrohten, so blieben sie nördlich der Stoppe sitzen. Sie wurden die Stammväter der heutigen Kleinrusscn oder Ruthenen— der wirklich echten Russen. Aus den Stänimen, die aus ihren ur- sprünglichen Sitzen blieben, entstanden die Weißrussen, die hinwiederum von'den Polen stark beeinslußt sind. Im Anfange der russischen Geschichte sehen wir keinen ein- heitlichen russischen«taat, sondern eine ganze Reihe von Staats- wesen, die an Umfang gering waren, deren Grenzen häufig Wechsel- tcn, auch ziemliche Sprachverschiedeuheiteu zeigten— so ähnlich, wie die Berhältnisse heute noch auf dem Balkan zu beobachten sind. Der eine Staat wurde auf Kosten des andern vermehrt, zerfiel aber dann oft wieder infolge Erbteilung oder Aufständen in mehrere kleine Fürstentümer. Jedes dieser Staatswesen hatte als politisches Zentrum eine Stadt, nach der es sich nannte. Im Norden waren Nowgorod am Jlmensce, im Süden die Stadt Kiew zunächst bekannt. Die Bevölkerung dieser ältesten Fürstentümer zerfiel in Freie und Sklaven. Unter den Freien gab es Bojaren oder„beste Leute" und die gewöhnlichen„schwarzen Leute". Die Sklaven bestanden hauptsächlich aus Kriegsgefangenen und deren Nachkomemn. Die Staatsgewalt setzte sich aus dem Fürsten, der Fürsten-Tuma und der Wjetsche zusammen. Letztere war die Volksversammlung aller freien Männer des Landes� sie beriet, wie die alten Deutschen vor der Zeit des fränkischen Königtums, über Krieg und Frieden, wählte die Fürsten und sprach Recht. Die Fürsten-Duma war ein beständiger Beirat des Fürsten, der von den Bojaren, teils Guts-, teils Beamteuadel, gewählt wurde. So blieb es bis zum 13. Jahrhundert, Ivo die Tataren aus dem Osten einbrachen und auch die Waldregion Rußlands unter- warfen. Unter dem Drucke dieser Oberherrschaft gelang es den russischen Fürsten, die freie Bauernschaft in ihren Rechten zu bc- schrchiken und zum Teil an den Boden zu fesseln. Unter den slawischen Tributstaaten der Tataren kam Moskau am meisten in die Höhe— seine Fürsten brachen endlich auch die Macht der Oberherrscher am Ende des 1ö. Jahrhunderts. Die Moskauer Großfürsten nahmen nuy den Titel eines„Selbstherrschers" an und es folgte eine Zeit großartigen Wachstums der russischen Macht. Die kleinen Fürstentümer und Republiken— denn auch solche gab es dort— wurden annektiert und schließlich die beiden Tataren- reiche Kasan und Astrachan erobert. Das weitere Wachstum des Reichs gehört dann schon der neueren Geschichte an. B. S. Die ivunÄer des OörZec Karstlanöes. Die wilden Berglämpfe an der österreichiich-italienischen Grenze spielen sich in einer geologisch und landschaftlich gleich merkwürdigen Partie des Antlitzes der Erde ab, die mau in der Gesamtheit ihrer Ersäieinuilgeu als Karstformation zusamniciizufassen pflegt. Hier ist das Wunderland der Tropfsteingrotten und unersorschteii Höhlen fonder Zahl: hier grünen in Erdtrichtern laubreicke, blütenbunte Gärten, während oben die eisige Bora kauin den spärlichsten Pflanzcnwuchs aufkominen läßt: hier ist das Reich der unterirdischen Flüsse und Bäcke, die plötzlich über steile Fclshänge in der Unterwelt ver- schwinden � und nach geheininisvollein Laufe in überraschender Ferne wieder auftauchen: hier leben Seen ein sonderbares Dasein, deren Wasser nach' uiibekannten Gesetzen kommen und gehen, und hier stoßen schließlich in einem Lande von nur zehn geographischen Meilen Längenausdehnuiig die Vegetation des Südens und nordischer Tannenbehang und Einöden hart aufeinander. So drängt sich hier eine Fülle merkwürdiger Lebcnserscheinungen auf verhältnismäßig lleinein Raum zusammen. Bei der alten Raubfeste Lueg befindet sich ein Höhlenlabyrinth — der Berg, in und auf dein sie steht, wird nach Dr. Heinrich Noo in neun Ebene» von Höhlenshstemen durchschnitten—, in dem sich ein paar Bäche namens Lokoa und Grappa unterirdisch verlieren, und kein Mensch kann sagen, wo sie eigentlich wieder ans Tages- licht kommen, ob sie ihre Wasser schließlich zur Adria oder zum Donausystein zuführen. An die Hauptgrotte knüpft sich eine Erinne- rung aus der wilden mittelalterlichen Fehdezeit. Rechts von ihr nämlich befindet sich das wie der Schlupfwinkel eines prähistorischen Raubtieres anmutende Höhlengemach, in dem der letzte Verteidiger des Raub- nestes, Erasmus von Lueger, seinen Untergang fand. Ein Verräter hatte den Belagerern mitgeteilt, daß sich der Ritter nächtlicherweile dort, wo wohl seine VouatSkamnier war, zu schaffen mache und MG» könne bei aufnierlsniner Beobachtung den Schein seines Lichtes (das natürlich ein Kienspan war) erkennen. Mir großer Sorgfalt wurden bei nächster Gelegenheit ein paar Dutzend Wallbüchsen und Feldschlangen zugleich auf den einen Punkt eingestellt und losgebrannt: das weiche Kalkgestein war in Trümmer geschossen und begrub den Verhaßten unter sich. Das war 148S, und damals trug der Karst überall noch mächtige Urwälder. Sie sind dank dem Unverstand der Dörfler längst ab- geholzt, und die Bora, der eisige, in den Gipfelschhuchren der Karst- berge geborene Nordostorkan, beherrscht seitdem die kahlen Höhen und läßt nur an wenigen geschützten Stellen neue Aufforstungen, für die die österreichische Regierung viel aufwendet, hochkommen. Naturmerkwürdigkeiten sind das Wäldchen iiiiniergrüner Steineichen bei Duino und der Pinienhain von Centenara, dessen Jahrhiniderte alter Bestand den letzten Rest der Pinienurwälder aus der Römer- zeit darstellj. Aber das Merkwürdigste bleibt die geheimnis- volle Unterwelt der tief im Schöße der Erde dahin- brausenden Bäche und Fliisic. Nur wenige Menschen kennen sie näher, inid das sind nicht Bergsteiger, Speläologen912 schon ein eigenes Museum besteht, cingeburgerl: es geht auf das nilgriechische Wort für Höhle zurück) oder sonst Gelehrte, sondern arme Grotten- jäger. die dem durch Anpassung an die ewige Nacht in den Tiefen blind gewordenen Olm ll>ots,is an- guiueus) nälbstellezi. der neben angenlosen Mollusken und Käfern von wissenschaftlichen Instituten usw. stets gut bezahlt wird. Es ist ein Lebe» von Abenteuern und Tragödien, die noch nicht ge- schrieben sind. Manch solcher Olnisänger ist halb verschmachtet in irgend einem Höhlengange von nachsuchenden Freunden gefunden worden, mancher, dem der PstotenSfaiig ein Goldkeltchen für sein Mädchen einbringen iollie, ist für immer verschollen, mancher sah meilenweit von der Stelle, da er in die Unterwelt stieg, das Tages- licht wieder. Diese Leute, mögen setzt im Kriege unschätzbare Dienste leisten, ha sie die geheimsten Winkel und Wege über und unicr der Erde kennen. Milte» in den kahlen Oeden des Karst finden sich, wie erwähnt, fruchtbare Oasen, die in dieser Umgebung wie Zaubergärten der Armida anmuten. Es sind die sog.„Dolinen", in ihrer geologischen Entstehung noch nicht erklärte Erdirichter von ost beträchilicher Größe, in denen sich die Feuchtigkeit sammelt, während oben Sonne und Bora alles vernichten. So bedecken üppige blumige Wiesen ihren Grund, auf dem sich an manchen Stellen selbst stattlicher Vaumlvnchs breit macht, und jedes Fleckchen ist zu primitiven Gartenlulturen ausgenutzt. Andere solche Trichter, ebenfalls Dolincn genannt, in den höheren Regionen des Karst, bilden wieder immer sich erneuernde natürliche Eiskeller, deren Ausbreitung den bitterarmcn Aelplern einen kleinen Verdienst bringt. Die Wunder des Zirknitzer Sees, der freilich nicht mehr zu Görz gebort, sind oft beschrieben worden, und so gibt es noch manchen anderen Weiher, dessen Wasser zeitweise durch trichterförmige„Saug- löcher" in die Unterwelt verschwinden— auf Monate, während- dessen der frnchlbare Secboden angebaut wird— um gewöhnlich im Winter und Frühling für einige Zeit zurückzufluten. Um diese Welt der Bergwiindcr nun tobt der furchtbare Gebirgskampf. in dem sich die Jialiciicr an der uneinnehmbareil Höhlendefensive der Oester- reicher verbluten— nickit zum mindeslen deshalb, weil diese Karst- welk ihnen fremd ist und aus Schritt und Tritt ungelaniite, vom Gegner klug benutzte Schrecknisse birgt.___________ " Verantwortlicher Redaireur: Alfred Wiclcpp, Neukölln. Für de» Die Deöeutung von Ersatzstoffen für öie Ernährung. Es ist eine jedem Kinderarzt geläufige Beobachtung, daß künstlich ernährte Säuglinge gelegenllicli längere Zeit hindurch durchaus nicht gedeihen wollen, obwohl die Verdauung bei ihnen nicht gestört erscheint. Eine geringfügige Aenderung in der Zusammensetzung der Nahrung bringt ost ganz erstaimlicv schnelle Abhilfe, so wenn man ein kleines Quantum Zucker durch Mehl ersetzt oder statt eines Kohle- Hydrates Malzextrakt in die Nahrung einsetzt. Wie in diesen Fällen, so sagt Prof. Dr. H. Aron in der Monatsschrift für Kinderheilkunde, so läßt überhaupt die Berechnung des Nährstoffs einer Nahrung nach ihrem Gehalt an Eiweiß, Feit, Kohlehydraten und Mineralstoffen oft im Stich. Es ist lalsächtich eine der auffallendsten Erscheinungen, daß auch das idealste Nährmittel, die Mutlermilch, gegen Ende des ersten Lebensjahres versagt. Das Kind bedarf jetzt'einer Beikost, die sich häufig nur durch ihren geringen Gehalt an„Nährstoffen" auszeichnet. Sollte es wirklich der von den meisten Forschern ins Feld geführte Mangel an Eisensalzen in der Milch lein, der uns zwingt, dem älteren Kinde grüne Gemüse, frisches Obst, � Brotsuppen und ähnliches der Milchkost zuzulegen, oder spielen hierbei auch andere Stoffe eine Rolle? Die Frage wurde ganz besonders durch die Forschungen auf dem Gebiet der Vitamine ins Rollen gebracht. Bekanntlich ist es gelungen, der Beri-Krankheit dadurch Herr zu werden, daß man einen Auszug aus Reiskleie als Heilmittel benutzte. Man hatte nämlich festgestellt, daß diese Krankheit überall dort austrat, wo man Reis genoß, der poliert war, bei dem also das sog. Silber- häutchen mit der Kleie ciitferul worden war. Aehnliche Be- obachtiingen konnte man auch bei anderen Erkrankungen wie z. B. beim Skorbut machen, den man aus den Mangel an frischem Fleisch oder frischen Gemüsen zurückführte. Es toll sich bei den Vitaminen um bisher noch unerforschte Körper handeln, die nur eben in frischem Fleisch oder in frischen Gemüsen, nicht aber in den Konserven ent- hallen sind. Ihr Vorhandensein, wenn auch in kleinsten Mengen, ist aber unerläßlich. Diejenigen organischen Verbindungen, welche sich neben Wasser, Eiweiß, Fett, Asche und Rohsaser noch in unseren Nahrungsmitteln finden, faßt man in der Nahrungsmittelindustrie unter dem Namen Extraktstvffe zusammen. Prof. Aron hat sich nun bemüht, an der tzand des Tier- experiments die Frage zu sludieren, welche» Einfluß diese Extrakt- stoffe auf die Ernährung haben. Junge wachsende Ratlen, die mit einem Nährstoffgemisch aus Kasein, Butler, Weizenstärke, Salzen und Weizenkleie gefüttert wurden, gediehen sehr gut und nahmen normal im Gewicht zu. Ersetzte man in diesem Nährstoffgemisch die Kleie durch reine Zellulose und fütterte die Tiere jetzt mit einem im übrigen der ersten Nahrung völlig gleich zusammengesetzten Gemisch aus Kasein, Butter, Weizenstärle, Salzen und Zellulose, so gediehen die Tiere viel schlechter, nahmen wenig an Gewicht zu und gingen sogar nach einer gewissen Zeil zugrunde. Sobald man aber diesen schlecht gedeihenden Tieren, ohne ihre sonstige Nahrung irgendwie zu ändern, getrennt von dem übrigen Futter noch eine kleine Menge in bestimmter Weise ans Weizenkleie gewoniieiicr und gereinigter Extrakistoffe in koiizenlricrtcr Form verabreichte, nahmen sie prompt im Gewicht zu und gediehen jetzt prächtig,— solange die Extrakl- itoffe weiter gereicht wurden. Ließ man aber diese Beikost aus Extratlstoffen fort, so trat allmählich wieder Gewichlsstillstand ein und die Tiere gediehen offensichtlich schlechter als die Kontrollliere, welche die Extrakistpffe noch weiter erhielten. Die Aufnahme einer gewissen Menge Extraitstoffe erwies sich also von der größten Be- deutuiig für das Gedeihen der Tiere, die Gewichtszunahme und das Wachstum� wurde bei einer im übrigen unveränderten Ernährung, bei praktisch gleichbleibender Eiweiß-, Fell-, Lipoid-Energie- und Salzzufuhr in der Nahrung in ganz deuilich erkennbarem Maße ge- fördert, durch eine getrennt von der Nahrung verabreichte kleine Menge Extraklstzoffe. Die Bedeutung der Extraktstoffe für die Ernährung kann somit als durch das Experiment als erwiesen aiigcseben werden. Und o manche von unseren Müttern bei der Pflege der Kinder rein instinktiv benutzlen Mittel können in ihrer Wirkung somit nach diesen Ergebnisscii auch theoretisch gerechtfertigt werden. Ebenso un» verkennbar ist der nahe Zusammenhang der Ergebnisse dcr Arbeiten von Professor Aron mit der Vitaiiiiniorschung. Mag auch das Wort Vitamine vorläufig noch nicht viel inehr als ein bypolheliicher Begriff sein, es steht dennoch zu erwarten, daß sich init dem Fortschreiten der Wissenschaft aus dem hypothetischen Begriff etwas Greifbares entwickeln kann und wird. kleines Zeuilleton. von Gottsrieö Keller. Seltsame Gegensätze wies das äußere Leben Gottfried Kellers, der am 15. Juli vor 25 Jahren dahinschied, auf. Dcr Dichter mit der ewig regui Phantasie führte das höchst prosaische Amt eines Züricher Stadlschreibers, und das mit äußerster Gewissenhaftigkeit. Er wohnte in dem laugweiligslen Miclshause einer langweillgeii, toten Straße, und wer ihn nicht kannte, hätte in ihm nicht den Poeten verinutct. Besuchern, die sich zu dem sich oft recht bärbeißig gebendeii Herrn Siadtschrcibcr binauswagtcu. öffnete sehr osl„ein kleiner, ziemlich brcir gebauter, aller Mann mit grauem Bart, in grauem Schlafrock und schlürfenden Pantoffeln die Tür, und das war der Hausherr selbst. Im selben Hause aber, wo der Züricher Würdenträger sein Heim ausgeschlagen yatte, tagte im Erdgeschosse der Mohrenklub, die Vereinigung der aus Deutschland geflohenen Sozialisten, die, wie Bebel erzäblr, oft rechten ispektakel machten. Als Keller einst den Besuch von Heyse hatie, fragte der Gast, wer da unten solchen Lärm mache. Keller antwortete im „Zürcher" Dialekt, e-S seien die„Sozialdcmokrale". Und soforr deklamierte Heyse mit komischen Pathos:„Dort unter der Schwelle brodelt die Hölle." Der Poet führte ein Spießbürgerleben. die Schwester besorgte ihm, solange ihre Gesundheit es erlaubte, die Wirtschaft. Abends sah er sich nach einem guten und reichlichen Trünke um, und es kam wohl vor. daß er nicht recht heim fand. Da wird denn die drollige Gxschichte erzählt, daß er einst in solcher Verfassung auf der Straße herumirrend einen Vorübergehenden geiragr tzabe: „Können Sie mir nicht sagen, wo dcr Slaatsschreibcr Keller wohnt?"„Aber, das sind Sie ja selbst, Herr Doktor", war die verwunderte Antwort.„Hab' ich Sic gefragt, wer ich bin? Wo ich wohn', Hab' ich Sie gefragt", gab Keller unwirsch zurück. Durch besondere Zärtlichkeit verwöhnte er die Schwester nicht, auch nicht, als sie leidend war. Ein Zurschautragen seiner Gefühle war ihm unmöglich. Als Ilse Frapan ihn während eines schweren Anfalls der treuen Regula besuchte, antwortete er auf ihre teilnehmende Frage trocken:„Sie ist alt; es wird wohl der Anfang vom Ende sein." Merkwürdig erscheint der visionäre Zug in seinem Innenleben. Er träumte die wunderbarsten Dinge und führte ein eigenes„Traumbuch", um sich vijn den Gesichten, die ihn nachts überwältigten, zu befreien. Ans diesen Traumbildern sind viele seiner Werke entstanden. Ueberhanpt konnte ein ganz zusälliger Anlaß die fruchtbarsten Gedankenverbindungen in ihm hervorrufen. Durch das Preisausschreiben einer Leichenverbreiinuiigsanstalt soll er zu dem Gedichtzyklus„Lebendig begraben" gekommen sein. Bei der Arbeit und Lektüre rauchte er uuaushörlich, und wenn die Schwester ihn ärgxrlich crmahnte, die Fenster zu öffnen, io knurrte er zurück: „Wir machen schon aus, wenn lvir ersticken." Aber uiochie er auch gelebt haben wie ein Philister, er starb wie ein Dichter. Den Scbeidenden nmgaukelten lichte Träume. Einen der letzten hat er Böcklin erzählt. Ein Jüngling, hocy und schlank, in schimmerndem Goldpanzer, labe ivährend der Nacht regungslos zwischen den Fenstern gestanden, habe ihn unverwandt unler dem hochgesiblagenen Visier her angeschaut und mit leisem Finger den Uhrpendel an- gehalten..._______________ Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck U.Verlag: Vorwort» S Lemberger SuchhanölerMe. Der Leiter der österreich-ungarischeu Buchhändler-Korrespondenz Herr Karl Junker, berichtet nach einem Besuche in Lemberg aus Grund der Erzähluiigen seiner dortigen Berussgeliossen von den Nöten und Fährlichkeilen, die der Lemberger Buchhandel während der Russenzeit durchzumachen hatte. Natürlich war die Lage dfc." Buclihandels in Lemberg während der russischen Besetzungszcit recht schwierig und traurig. Das geistige Leben, mit dem der Buchhandel so innig verknüpft ist. wurde znin völligen Stillstand gebracht. Das Publikum, das in drückender finanzieller Lage ficki befand, entwickelte! nur sehr schwache Kaufkraft: bezogen doch die Staaisbcamten zunr Beispiel seit dem September nberliaiipt keinen Gehalt. Russisches Publikum aber kam als Bücherkäufer nur soweit iir Betracht, als die Militärärzte hier und da etwas kauften. Dabei konnte man leicht erkennen, daß sie für deutsche medizinische Werke lehr viel Interesse und Vertrauen zeigten. Nur waren ihnen die Preise: in der Regel zu hoch: sie meinten immer, daß bei ihnen zu Hause: derlei russische Bücher viel billiger seien. Wenn man ihnen nun er-' klärte, daß medizinische Bücher in Nußland zumeist Uebersetzungew aus dem Deutschen seien, für die kein Verfasserhonorar bezahlt würde und daß wir solide Bücher als unberechtigte Nachdrucke an- sähen, so schien ihucu dies nicht immer verständlich zu sein. Allen- falls wäre dem Buchhandel nur noch der Absatz von Schul- büchern übrig geblieben, allein der Versuch einiger privater und städtischer Schulen, den Schulbetrieb aufzunehmen, um die Kinder nicht dem Müisiggange auszuliefern, stieß bei derr Russen auf Widerstand, und so sunklionierlen denn nur einige wenige Privatschulen. Diesen aber war es strengstens zur Bedin-» guug gemacht, keine in Oesterreich erschienenen Lehrbücher zu ver« wenden; auch war es verboten, deutsch und ruthenisch zü unter» richten. Dagegen mußte die russische Sprache Lehrgegeiistaud sein, und den armen Buchhändlern blieben unter diesen Umständen nur einige polnische, in Warschau unter russischer Zensur herausgegebene und einige russische Sprachbüchcr zum Handel übrig, die•nun, nach dcr Wiedereiimahmo Lembergs durch die Verbündeten, ihnen als wertlos auf dem Halse bleiben. Papier als lanüwirtschaftliches Nebenprodukt. Der ungeheure Papierverbrauch zwingt bereits dazu, einen: Ersatz für den bisher in steigendem Maße verwendeten Holzzellstoff. die Zellulose, zu suchen. Besonders Amerika strebt eine Lösung dieses Problems au und hat bereits in den Regierungslaboratorien zu Wausau im Staate Wisconsin allerhand anverc Rohmaterialien zu praktischen Versuchen herangezogen. Dabei ergab sich, daß na- mentlich gewisse Abfälle der Landwirtschaft eine ungeahnt ausgiebige Verwendung für die Papierherstellung finden können. Zwei bc- deutende Vorteile entspringen daraus. Erstens wachsen die aus Ernteabfällcn sich ergebenden Stoffe alle Jahre wieder, während' der Wald, den man zur Zellulosegewinnung schlägt, ein ganzes Mcnschenalter braucht, und zweitens wird der Landwirlschast der Futterwert, den sie bisher aus solchen Abfällen zog, nicht einmal genommeii, da man sie ausscheiden kann, bevor die Abfälle in die Papiersabrik wandern. Für diese sind jene Stoffe nämlich geradeso entbehrlich, wie sie der Landwirtschaft unentbehrlich sind. Besonders die Stengel von Korn, Reis und Baumwolle, sowie verschiedenen Grasarteir und Riedgräser kommen für genaiinte Zwecke in Betracht, wie mau ja auch bei uns in Deutschland schon lange Stroh zur Papierbereituug verwendet.(Die Ernte des zur Papicrfabrilatioir besonders geeigneten Kornstrohs— Baumwollstroh liefert nur ein minderes Papier— schützt man in Amerika auf rund 150 Millionen Tonnen. Das sogciiannte Reisstroh, das in China und Japan schon von alters her zur Papierfabrikation Verwendung fand, ergibt einen jährlichen Ertrag von etwa zwei Millionen Tonnen, Baumwolle, dcr„König der Ernte" in den amerikanischen Südstaaten, einen solchen von etwa zehn Millionen und Flachs liefert rund drei Millionen Tonnen Stroh.) Mit all diesen Stoffen wird aber heute, sofern sie nicht direkt Futierzwecken dienen, eine ganz unverständliche Verschwendung getrieben. Lernt maii dagegen sie von einem höheren ökonomischen Standpunkt aus betrachten, so wird man überrascht sein, welch prächtiges Material in ihnen der Papierfabrikation nutzbar gemacht werden kann. Das Ackerbauministcrinm der Vereinigten Staaten ließ bereits eine Denk- schrist drucken, von der jedes Blatt aus einem anderen der vor» genannten Rohmatcrialien hergestellt ist. Notizen. — E i n französisches Kriegerdenkmal wurde de� toten Kriegern im Kriegsgefangenenlager zu Grafenwöhr(Oberpfalz) errichtet. Der Schöpfer desselben ist Fredy Stall, ein Mitglied des Verbandes der französischen Künstler, dessen Werke schon seil Jahren auf den Ausstellungen des genannten Verbandes Beacbtung fanden. —„Drückeberger". Zu der von uns gebrachten Er- klärung des Wortes ist nachzutragen, was der Sprackforscher Prof. O. Behaghel zum gleichen Thema in der„Franks. Ztg." schreibt. Die Entstehung des Wortes Drückeberger hängt nach ihm mit der weitverbreiteten Erscheinung zusammen, daß das Volk die Neigung hat, wie den Eigennamen überhaupt, so auch den Ortsnamen einen bestimmten Sinn beizulegen. Wer müde ist. der geht nach Bettingen: wer ungern gibt, der ist nicht von Gibenach: Bettingen und Gibenach sind Dörfer bei Basel. Unigekehrt werden dann Personen und Dingen mit bestimmten Eigenichasten Orre mit freigebildelcn?iameir als Ursprungsorte beigelegt: das Wasser wird zum Pumpenheimer, der Apfelwein zum Hohenastheiiner, der Mann, der sich drückt, der einen Freiplatz Hai, der schlau ist, zum Drückeberger, Freiberger, Schlauberger. — E i n nordischer Musen msverein. Wie aus Stock- Holm berichtet wird, ist die Gründung eines ilandinavischen Mnieunis- Vereins im Gange. Der Verein umfaßt Museumsleiter. Museums- beamte sowie auch den weiteren Kreis der Sammler und beschäftigt sich mit Fragen der Museumslechnik, der Ausbewahrnng von Kunst- werken, FälschuiigSaiigclegenbeiten und dergl, mehr. Die Gründung ist erfolgt nach dem Vorbilde des Jiiternationalen Museums- Vereins, der in erster Linie zum Schutze gegen Kunstfälschnngen begründet worden war. Der Leiter dieses Vereins war der verstorbene Professor Justus Brinckmann in Hamburg, an dem die»ordischeil MusenniSleiter durchweg mit großer Verehrung und Dankbarkeit hingen. Nun ist jedoch die Zulunft dieses inter- nationalen Museumsvereins in Frage gestellt, da_ es zweifelhaft bleibt, ob die französischen und englischen Fachkreise nach Wieder- Herstellung des Friedens sich an einem Vereine werden beteiligen ivollen, dcr deutschen Ursprungs ist. Unter diesen Umständen haben es die Leiter dcr skandinavischen Museen für angezeigi gehalten, zur Wahrung ihrer Interessen eine eigene Organisaiion zu begründen. — Der gestrenge Zensor von Kiew. Bei der Unter- redung des neuen russischen Ministers des Innern mit Vertretern der russischen Presse fragte nach dem„Rjelsch" einer der Anwesenden den Minister ängstlich, ob auch die Presse die ministeriellen Aeuße» rnngen, naincnltich die über den bevorstehenden Zusammentritt der Reichsdnma, werde abdrucken dürfen. Der Minister bemerkte zu der Frage lächelnd, daß die ihm uiiicrstcllte Zensur doch wohl seine Worie vor ihrem gestrengen Auge passieren lassen würde. Und doch sollte es anders kommen. Dem Kiewer Zensor paßte der Inhalt der Rede des Ministers nicht, und er vcranlaßte, daß die dortige Presse auch nicht ein Wort über die bevorstehende Berufung der Reichsduma drucken durfte. — Wandernde Lieder. In diesem Kriege erlebt man Beispiele dafür, wie Volkslieder entstehen. Irgendwo und wann wird ein Lied zuerst gesungen, dann wandert es weiter, verändert sich und schließlich weiß niemand mehr, woher es kommt. Maiichmal kamt inan es aber doch seststelleii. Erschien da kürzlich in der Unterhalluiigs- beilage des„Lokal-Anzciger" vom 19. Juni ein Gedicht„Feldbegräbnis" vom Grenadier R. Grußdorf, das mit ganz geringen Aendcrungen und unter Weglassung von zwei Schlußstrophen wörtlich aus Karl B r ö g e r s Sammlung„Aus meiner Kriegszeit" abgeschrieben ist. Oder sind Brögers kernige, echr volkstümliche Lieder schon so ver- breitet, daß man ihren Verfasser nicht mehr kenn»_ uchdruckerci u. Verlagsanstalt Hanl Singer Lc Co., Berlin SW,