ür. loi.- iMä. Llnterhaltungsblatt öes Vorwärts Der Sprecher öes Nenjchengesthlechts. in. In seiner Art war Cloois ein Entwurzelter in zwiefacher Hin- ficht: der linksrheinische Prcufce hatte ein ciqentlicheö Vaterland von «Äedurr an nie gekannt und war deshalb besonders berufen, für die Internationale der befreiten Völker das Banner zu schwenken, der ktcviiche Adlige, in dessen Adern das Blut niederländischer Handels- Herren rollte und der sich in den Kreisen des Pariser Literatur- zigeunertums umtrieb, stand auch nicht fest auf dem Boden einer Klasse. Dazu kam, dag er weit mehr ein Dichter, Seher und Schwärmer, als ein kaltblütiger und klarblickender Politiker war, wenn er auch zuzeiten durch eine Art Eingebung Dinge und Personen überraschend richtig beurteilte: so kam es. dah er, im Grunde individualistischer Anarchist, heute seine Beine unter den Tisch der Familie Roland steckte,»rorgen Robespierre gegen die Grronde unterstützte und schließlich der Höberlisten bitteres Los schlucken mußte. � Aber mochten ihn seine Feinde auch schmähen, er sei bald Feuillant, bald Cordelier, den unverrückbareir Idealen der Volks- Herrschaft und der Mcnschheisverbrüderung blieb er unerschütterlich treu. Immer wieder halte er— und war deshalb schon mit dem Fluch der Lächerlichkeit beladen— vor der drohenden Flucht des� Königs gewarnt. Als das Ereignis wirklich eintrat, durfte er einen grausamen Triumph feiern. Aber sofort raffte er sich auf und seine Stimme ertönte als Sturmglocke des Republikanismus.„Demokratisches Königtum", erklärte er,„ist ein Unding. Enliveder verschlingt uns der König oder wir verschlingen den König", und mit beiden Händen wollte er die Petition unter- zeichnen, die vom Parlament die Absetzung Ludwigs heischte. Aber da die Flucht der königlichen Familie die BolkSmasicn allenthalben tief aufgewühlt hatte und selbst die Jakobiner, aus Furcht vor nachhaltigen Störungen der heiligen bourgeoisen„Ordnung", sich wieder dem VolkSkönigtunr zutvandten, ließ sich auch Cloots einfangen— mit der Feder habe er zwar dagegen gekämpft, doch mit dem Säbel tvollc er es verteidigen. Inzwischen ernannte ihn der Konvent mit Klopstock, Pestalozzi, Campe, Schiller, Priestlcy und Pahne zum Ehrenbürger Frankreichs und die Wahlkreise der Oise und der Saöne und Loire entsandten ihn als Abgeordneten in die National- Versammlung. Hier tvar ihm entschieden wohler zu Mut, als er für die Hinrichtung Ludwig Capets stimmen durste. Mit gutem Gewissen tat crs und rühmte sich dessen später gerne. Seinem Souverän, der Menschheit, zuliebe, kündigte Cloots eben allen Tyrannen unerbittliche Fehde an. Zwar war für ihn das Eigentum so ewig wie die Gesellschaft, aber er sah einen Zustand tinunterbrocheiicr Glückseligkeit voraus, wenn die Völker erst einmal befreit und im Zeichen des Weltfriedens vereint wären. Jede soziale Frage löste sich dann ganz von selber.„Wir haben", erklärte er in seiner großen Prinzipienrede im Konvent, „viele Arme, weil wir viele Grenzen und viele Soldaten haben. Ein Pfund Brot oder Fleisch, das in einem Truppenlager verzehrt wird, setzt den Verlust von zehn Pfund Brot oder Fleisch voraus. Der allgemeine Friede wird einen ständigen Ausgleich zwischen Ver- brauch und Verbrauchern, zwischen Arbeit und Arbeitern ausrecht- erhalten. Kein Beamter wird weniger zu tun haben als der Minister des Innern. Die Nationalgüter werden verkauft sein und jeder Privatmann bewirtschaftet sein eigenes Besitztum. Wir könne» dann sogar die Mehrzahl der Ausschüsse und alle Minister unterdrücken, und eines Tages wird uns unsere Organi- salion, vervollkommnet durch die allgemeine Vereinigung, der Notwendigkeit entheben, das zu haben, waS man eine Regierung nennt." Seinen MenschheitsverbrüderungSzielen ergeben, betrachtete er sich denn nach seiner Wahl in den Konvent nicht als den Beauftragten des Oise-Departements, auch nicht als den der dreiund- achtzig Departements oder sechstausend Kantone von Frankreich, sondern als de» Mandatar von fünfundzwanzig Millionen Jndi- viduen, denen sich bald eine Milliarde Brüder anschließen werde und. in den Ausschuß zur Vorbereitung einer Verfassung gewählt, be- antragte er sofort, als Grundsätze festzulegen,„daß die Menschen aller Länder Brüder sind, und daß sie untereinander wie Bürger ein und desselben Staates sich bei- stehen müssen...." Aus solchen Worten ergab sich die Folgerung von selbst. Als die feudalen Mächte Osteuropas sich zum Kreuzzug gegen die französische Republik anschickten und in den Reihen des Jakobinerklubs die Ansichten auseinandergingen, ob der Krieg der Revolution, ob der Gegenrevolution dienlich sein werde, legte sich Cloots unbedingt für den Die Crweckung öer Maria Carmen. S2j Von Ludwig Brinkmann. Todmüde kehrte ich nach Haufe zurück. Während mir mein alltägliches Gericht, mein Huhn, gekocht wurde, lag ich auf dem Bette, rauchend, ausruhend. Endlich erschien Marina mit meinem Abendbrote. Sie sah mich fragend, verwundert an. „Was gibt es, Marina?" „Euer Gnaden schreiben nicht," sagte sie fast vorwurfsvoll. „Ja, mein Äiud, die Arbeit da draußen hat mich zu müde gemacht. Ich könnte jetzt doch keinen klaren Gedanken fassen!" „Aber dos andere ist doch viel, viel wichtiger!" „Nun, ich bin dessen nicht so ganz sicher!" „Das Wasserwerk soll doch nur ein paar Leute frei machen! aber was Euer Gnaden da schreiben, die ganze Welt; das ist doch viel mehr, so viel größer..." „Ja— aber mit dem Schreiben a l l e i n ist es auch nicht getan. Man kann da die Dinge nur vorbedenken. Um sie in Wirklichkeit umzusetzen, in Millionen solcher Werke, wie ich gerade eines in den Bergen baue, dazu bedarf es tausend Jahre." „Also nach tausend Jahren erst werden alle Menschen gleich sein?" „Ja, so lange dauert es sicher noch!" „O mein Gott!" seufzte sie. „Geht es Dir denn so nahe, Marina?" fragte ich, „Gewiß doch! Ich dachte— wenn Euer Gnaden nur rasch das Buch fertig geschrieben hätten— dann, dann wäre es gleich in der ganzen Welt anders geworden---" „Es tut mir leid, liebe Marina, daß ich Dich so ent- täuschen muß: aber ich kann eS anch nicht ändern! Siebst Du: so große Sachen brauchen Zeit: und die Hauptsache ist, die a n d c r n Menschen müssen das glauben, was der eine sagt. Aber daran fehlt es: alle andern denken, sie sind so viel klüger als man selbst. Ja, wären sie alle wie Du, Marina, dann wäre es schon besser um uns bestellt. Doch sag' mal: gefällt Dir denn das Leben nicht auch so, wie es ist? Waruiu willst Du es denn anders haben?" „Ich, ich dachte, wenn sie alle gleich sind, dann würden Euer Gnaden.. Das Mädchen unterbrach sich plötzlich. Krieg ins Zeug. Weil er den Frieden wollte, forderte er den Krieg, denn der Krieg war ihm nichts als die bewaffnete Propaganda für die Weltrepublik, und ekstatisch sah er schon voraus, wie die Völker der Erde beim Nahen der Revolulionsheere ihre Fesseln zerbrachen. Wie sich manchmal, ihm selber unbewußt, unter seinen blühenden Ideologien dürre Interessen verbargen— wenn er etwa davon schivärmte. daß Frank- reich die Ketten sprengen müsse, die Cromwell dem Handel beider Hemisphären angelegt habe— so wies er auch hier aus Ziele und Mittel des Krieges hin, die später Überlegene Politiker wie Danton und Cambon durchführten und anwandten: Jenem nahm ClootS die Losung der natürlichen Grenzen Frankreichs bis Rhein und Alpen, diesem die Deckung der Kriegskosten durch Ueberschwemniung der eroberten Gebiete mit Assignaten vorweg. Auch znm Aufgebot der Massen riet er, lange che Carnot den Gedanken in Wirklichkeit umsetzte:„Ein Volk, das sich in Massen erhebt, bringt die besten disziplinierten Truppen in Verwirrung. Jean Jargnes Rousseau sagte den polnischen Aristokraten: Macht eure Städte beritten und ihr iverdet die Russen zerschmettern! Ich sage den französischen Demokraten: Bringt Frankreich auf die Beine und ihr rettet das Menschengeschlecht." Als dann einmal die Kanonen die Propaganda der Menschenrechte übernommen hatten, wollte er, um der Zukunft des Menschengeschlechts willen, um keinen Preis einen faulen und halben Frieden und kam dabei jenen Staatsmännern der Republik sehr ins Gehege, die bald mit London, bald mit Berlin, bald mit Wien einen Sonderstieden abzuschließen strebten. Mißliebiger noch wurde ClootS durch seine antireligiöse Wirksamkeit. Eine Zeitlang predigte er den Müttern und ihren Kindern in den Salons den unverfälschtesten Monismus, dartnend, wie Mensche», Tiere und Pflanzen einunddieselbe Materie bildeten und wie der Tod nichts anderes sei, als ein steter Umbildungsprozeß. Als ihn der Konvent in den UnterrichtSauSschuß wählte, ging er mit Eifer daran, Frankreich zu„entchristlichen", und bald sah er sich über diesen Bestrebungen an die Seite der Anhänger HöbertS gedrängt, die in der Kommune, dem Pariser Gemeinderat, die Oberhand be- saßen und hauptsächlich zwei Prograin», punkte verfolgten: Atheismus und Autonomie der Gemeinden. Zusammen mit Chaumette, dem Prokurator der Kommune, begab sich Cloots eines Tages zu Gobel, dem konstitutionellen Bischof von Paris, und wußte ihn zu bewegen, feierlich vor der Nationalversammlung auf sein geist- liches Amt zu� verzichten und die Abzeichen seiner Würde niederzu- legen. DaS verzieb Robespierre, dem die„Entchristlichung" Frankreichs wegen der auf dem flachen Lande dadurch erweckten Erbitte- rung ein Greuel ivar, ClootS nicht, und als er die Höbertisten traf, mußte auch der Sprecher des Menschengeschlechts fallen. Noch einmal trug ihn eine Woge Volksgunst empor bis zum Präsidentenstuhl des Jakobinerklubs, aber Robespierre er- spähte die Stunde, wo er Gist und Galle gegen ihn speien konnle: er peitschte die kleinbürgerlichen Instinkte seiner Hörer aus, indem er den Nutznießer von hunderttausend Frank Zinsen hinstellte, er stachelte ihre nationalistischen Triebe, indem er den „Preußen", den„Fremden" als Agenten des Auslandes verleumdete. Die Folge Ivar der Ausschluß Cloots' au§ dem Klub, und nicht lange, so stieß auch der Konvent den Ehrenbürger der französischen Republik als„Ausländer" aus seinem Schöße aus: der für das ganze Menschengeschlecht geglüht, mußte traurig und verbittert in dein Valerlande seiner Wahl das Toben nationalistischen Wahns am eigenen Leibe verspüren. Aber er ertrug es mit der Gelassenheit des echten Weisen, und die philosophische Ruhe verließ ihn auch nicht während des Prozesses, der ihn mit den anderen Höbertisten wegen Hochverrats aus die Anklagebank brawte— iogar royalistischer Strebungen zieh man den Schwärmer für die Weltrepublik. Mit Würde entgegnete er seinem Ankläger, und als aus dem Zuhörerramn der Ruf an sein Ohr drang:„Auf die Guillotine mir dem Preußen!", drehte er sich gleichmütig um und bemerkte:„Meinetwegen auf die Guillotine I Aber Ihr werdet mir zugeben, Bürger, daß es immerhin außerordentlich ist, wenn ein Mann, der in Rom verbrannt, in London gehängt und in Wien gerädert würde, in Paris unter der Republik guillotiniert wird." Denselben Gleichmut der Seele wahrte er, als er am 24. März 1794, dem Germinol des Jahres II. zum Richtplatz gekarrt wurde, und lächelnd betrat er die Stufen des Schaffotis, in den Augen einen Widerschein des wundersam blauen Frühlingshimmels und im Herzen die tröstliche Gewißheit, daß sein Leib jetzt in den ewigen Umwandlungsprozeß der Natur eingehen iverde. Was er sich einst als Grabspruch gewünscht:„Dieser Vandale war unserer Revolution nützlich." ward ihm nicht zuteil, aber unter den Männern der Revolution lebt Cloots weiter, nicht als kluger „Nur heraus mit der Sprache, Marina! Was würde also?" Sie sab mich mit ihren großen, schwarzen Augen un° gclviß an. Dann jagte sie zögernd: „Ich dachte nur— Euer Gnaden werden lachen, es ist auch so dumm— ich dachte. Euer Gnaden würden mich dann ebensogut wie eine andere fremdländische Dame— nun, heiraten.. „Aber mein Kind, dazu ist doch schließlich noch etwas mehr nötig," sagte ich lächelnd. „O wenn ich in einem großen, feinen Hause wohnen würde, wenn ich solche Kleider hätte und ein Pferd, wie die amerikanischen Damen in Oaxaca, ich sähe ebenso schön aus wie jene———" „Da magst Du wohl recht haben, Marina! So, nun will ich aber essen, sonst wird mein Huhn kalt!" Draußen bei den Werken gewesen und dann einen weiten Spazierritt gemacht. Mich peinigen seit gestern namenlos viele, schwere Gedanken. Marina steckt mir im Blute, darüber ist kein Zweifel. Und das quält mich aus verschiedenen Gründen, namentlich so allerlei Moralisches �stört mich. Da war doch der große Cortez aus anderem Schrot und Korn: dem haben keine inoraliscksen Gespenster den Schlaf geraubt, und pr ließ keine roten, reifen Beeren asketcnhaft am Baume hängen, damit sie irgendeinem indianischen Schlingel, der sich faul im Schatten seiner Zweige auf dem Rasen ausstreckte, von selbst vor llebereifcr ins Maul sielen. O nein, der war nicht so! Mein Zustand wurde mir ganz besonders bewußt, als ich auf dem einsamen Hochplateau mit dem weiten, unend- lichen Ausblick nach Süden anhielt, da, wo sich dereinst mein Schloß im Walde erheben soll. Träume?— Wie nah, wie wirklich ist mir dock alles seit den letzten Tagen geworden, seit unserer denkwürdigen Unterbaltung mit Dickinson. Unserer Mine Gedeihen ist sichergestellt und damit unser Fort- kommen hier im Lande. Warum soll ich mir denn mein Schloß nicht bouen? Plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen, und ich sehe: es ist auf einmal alles anders geworden: der Erfolg hat die Schiffe hinter mir verbrannt! So lange noch die dichten Wolken uns Häupten über diesen Bergen hingen, aus denen jederzeit der Blitz des Mißerfolges auf uns niederschmettern konnte, so longo wor sich das Herz, wenn auch nur im tiefsten, finsteren Grunde, des einen bewußt: der Möglichkeit des Zurücks� So lange hatte ich noch eine Heimat, und erfolgreicher Poliliker. wohl aber, was auch viel ist, als lauterer und edler Schwärmer. Und das hohe Ideal, dein er reinen Herzens nachstreble, die Verbrüderung der Mcm'cbheit, erscheint keiner Zeil so sehr nncrbittlichstc Notwendigkeit ivic unseren Tagen, da rauschende Ströme BlutcS Volk von Volk trennen. Vire ic gerne hnmaini hw. von öer Poesie öes wanöerns. DaS Wandern übt auf den Menschen einen eigenartigen Reiz au§. Schon die bloße Aussicht der Teilnahme an einer Wander- fahrt, währt diese auch nur einen Tag, läßt uns frohgestimmt sein. läßt uns die täglichen Sorgen vergessen, hebt uns hinaus über oll den Alltagskram. Voller Erwartung werden Vorbereitungen gc- troffen und ein Blick voll ängstlicher Sorge gebt immer wieder hinauf nach dem Hintmel, ob man vielleicht ergründe, ivic sich das Wetter gestalten könnte. So ein wenig„Hangen und Bangen" ge- hört eben zu einer glücklichen Stunde. WaS aber wirkt nun so erhebend und was weckt diesen eigen- tümlichen Reiz und die ertvartungssrohe Spannung in uns? Es ist die unS bevorstehende Entfeffeliing des Geistes und die iveitcre Betätigung der Sinne, die Erlösung von den alltäglichen Gewohnheiten und kleinen Sorgen, vor allem aber daS Ausnehmen neuer Eindrücke, init einem Wort: die Erweiterung unseres Gesichtskreises. Wandern bedeutet ein Erleben, eine Stärkung der Gefühle und ihre eigentliche Erweckung, eine Stählung des Geistes und der Spannkraft. Was uns begegnet, redet zu uns in der ihm eigentümlichen Sprache: waS wir in Dorf, Stadt und Land sehe», wirkt auf uns und löst ein Empfinden in imS aus. Wenn wir in einem Buche lesen, wirkt durch das Buch der Dichter ans uns. Bei einer Wanderfahrt wirkt die Ilmwelt auf uns ein, wir erkennen die Wunderwerke der Ratnr und begreifen ihr unendliches Walten. Hier reden die Dinge nicht erst durch eine» anderen zu imS. Geographie- und Geschichtsunterricht der Schule, aber auch die Literatur, wecken in uns das Verlangen. das kennen zu lernen, das wirklich in uns aufzunehmen, zu einem unauslöschlichen Eindruck zu machen, wovon wir gehört und gelesen, waS wir uns mit lebhaften Sinnen aufgebaut haben. Wandern und Reisen hat in unfern Tagen eine vordem nie gc- ahnte Ausdehnung erfahre». Allerdings reisen die meisten, weil sie vermeinen, eine Erholung notwendig zu haben, Sie weinen, der Erholung wegen, gehen aber nicht seilen an einen Ort, von den, sie sich vorher ver�elvissert haben, daß sie die Zahl der betäubenden Ge- nüsse noch steigern können. Aber auch der andern viele bringen von ihren Reisen nur wenig mit. Man höre sie nur. In einem Biergartcn saßen beim Nachmittagskaffee einige Frauen, von denen eine in überlautem Tone die neben ihr fitzende Tochter anrief:„Wie lange sind wir über'n Jardasee gc- fahren?" Die Antwort kam nur leise. Aber die Mutter schrie sie hinaus, daß es durch den ganzen Garten schallte. Daraus nämlich kam es an: alle sollten sie es hören, alle sollten sie wissen, daß man da war. Und ein vermögender Apothekenbesitzer kannte vom Gardasee nur Salo, wo er gewohnt und von seinem mehrwöchigen Aufenthalt wußte er noch, daß man„Buema sera" sagt, wenn man grüßt, waS seiner bestimmten Meinung nach„Guten Tag" hieß. Cr kannte kein LandschaflSbikd, wußte nichts von der Eigenart der Be- wohner, er hatte nickt einmal den Unterschied in, Pflanzenwuchs er- faßt, er konnte nur sagen, daß es dort„Ach Gott, na ja, sehr schön" ivar. Ich bin auch über den Gardasee gefahren in seiner ganzen Länge von Desenzano nach Riva und habe die ganze Zeit in brennender Sonne auf dem vorderen Teile des Schiffes zugebracht, habe mit meinen Augen immer wieder das überwältigende Bild unispannt und habe innner Wieder ans die Berge geschaut, die aus der grünen Flut aufsteigen in das lichte, lenchtendc Blau. Ich bin an seinem Ufer zurückgewandert auf der an den Bergen sich hin- schlängelnden, sacht ansteigenden Straße, habe in die Limonengärten geschaut und ihre Anlagen betrachtet, habe mir den Zweck der bohen starken Manerpfciler darin erklären lassen, habe die starken«läinme der Weinreben angestaunt und die von den Reben gebildeten hohen Laubengänge und habe die Feigenbäume bewundert, deren Frucht ich bisher iuir in getrocknetem Zustande kannte. Ich habe mir ein Boot genommen, bin die Felsen entlang in die stillen Buchten gefahren, wo das Wasser schäumend von steiler Höhe rollt, habe beobachtet, wie dieser weiße Gischt sich auflöst in dem dmikle» Grün und mit ihm eins lvird und habe der Musik gelauscht, die mich»nt unendlichem Tönen zauberhaft umfing. Ich habe aber anch im Boot den See durchmessen in seiner Breite und habe getollt in seinen Fluten. Dann aber kannte ich ihn, als wäre er mein eigen, lind Ivenn ick weit drüben, ans der anderen Seite des Atlantischen Ozeans: so lange lebt jene alte Welt, die ich vor Jahren verlassen, für mich fort, so lange beherrschten mich ihre Anschamingen und ihre Gesetze. Jetzt aber sinkt sie hinab, unter meinen Horizont, wie die Sonne des vergangenen Tages: alles, was sie mir in der Zeit der frohen, der oft so schweren Jugend gewesen, lebt jetzt nur noch schattenhaft, wie die Er- innerung an eine lange Nacht wirrer Träume, aus der ich zu einer neuen Wirklichkeit erwache. Hier muß ich meine Hütte, mein Leben mir zusammenzimmern: weiteren An- schannngen, leichteren Gesetzen, stärkeren Möglichkeiten bin ich unterworfen, und in größerer Freiheit kann ich mein Schicksal gestalten! � Ich spüre etwas von dem Geiste dieses Kontinentes, der den großen Cortez beseelte! Auch er ließ Europa hinter sich und die Welt seiner Anschauungen und hat tatkräftig sein neues Schicksal geschaffen: auch er mischte sich und sein Blut mit dem uralten Volke der Neuen Insel: anch ihm-- schenkte ein indianisches Weib den Kelch des Lebens voll ein.... Warum nicht? Marina, das Kind der Totteken, würde gar nicht so schlecht in dieses Haus passen, das hoch im tol- tekischen Gebirge aus uraltem Porphyr, den nur der Tolteke zu meißeln versteht, zusammengefügt ist. Znm mindesten wäre es den Versuch wohl wertl Was uns Europäer» fehlt, ist die Ursprünglichkeit, der unmittelbare Zusammenhang mit dem Grunde alles Lebens: wir Werde» vor der Zeit alt: aber solch ein liebliches Kind der Natur kann vieles an uns ändern. kann uns den Rücken wieder gerade richten, den all die Last der Kultur gekrümmt hat, reicht uns das frische Ouellwasscr des Berges, nach dem wir dürsten, führt uns zur Kindlichkeit zurück, die wir niemals zuvor besessen... Einrichten muß man sich in dieser neuen Welt! Ihre Rosen soll man pflücken— und alles Alte vergessen I Und ein neues Geschlecht muß in diesen Bergen entstehen, den neuen Verhältnissen angepaßt, das Mischvolk natürlicher Ur- sprünglichkcit und alter geistiger Hochknltur. Dein Roman. Eortez, hat uns den Weg gewiesen: so wie Dn muß man kolonisieren, iven» das Werk Bestand haben soll.... Vieles bewegte mich ans jenem einsamen Hochplateau. Und es war mir, als sähe ich das Bauwerk meines Lebens fertig, als wölbe sich ans dem wirren Gcklüfte dieser Felsen dos säulengetragene Dach des stolzen Hauses, hoch wie die sich wiegenden Wipfel der zu meinen Füßen grünenden Bäume. Und mit dem Abendwinde wehte die Ahnung einer neuen, schöneren Zeit auf weichen Fittichen herbei. (Forts, folgt.) ?etzt nur seinen Namen �öre, sieht mir deutlich sein Bild dar Augen � dann lebe ich flleich wieder in seiner qanzen ubcrwälligendcn Prachi, gedenke der stillen Winkel an seinen Uiern, vernehme seine Sprache und sehe die Wäscherei am See und wie die Frauen in ihren bunten Gewändern an den Steinlrögen hantieren. Und doch war ich nur zwei Tage dort. So bin ich auch die Strohe am Comosee gewandert, zu welcher Wanderung mich eigeiulich� der Unterbruch der Bahn zwang. Da machte ich die Bekanntschaft eines italienischen Telegraphenarbeiters, der auch in der Schweiz und in Deutschland gearbeitet. Seine Augen leuchteten, lachten, blitzten keck, erzählte er von der deutschen Signorina? er muh sie kennen gelernt haben. Ich aber lernte durch ihn die Bevölkerung am Comosee kennen. Er führte mich in die Dörfer und Häuier, und mit ihm sah ich im Gewölbe einer Osreria am Wciniah. Seildcm kenne ich den Italiener, kenne die plötzlich auiflammcnde Leidenschaft, das heige Begehren und Drängen, das oftmals— wenn auch nur für einige Tage— ganz Italien durchzuckr. Ich sah vom Comosee die verschwenderische Pracht der Natur, das Leven und Treiben des Volkes und dessen unbeschreibliche Armut, die sie nicht einmal zu drücken scheint. Ebenso habe ich auch den Thüringer Wald genossen und höre noch heute, was seine weiten Buchenalleen rauschen, in stundenlangem Sichversenken und Einfühlen manches Bild eines rräunierischen Waldsces aufgenommen, habe mich von seiner Stimmung uinwehen lassen und seinem Flüstern gelauscht. Das ist ein Stück Poesie des Manderns. Es muh ein Erleben dabei sein, ein Erfassen dessen, was man gesehen. Wer aus Lange- weile, Neugier oder Mode wandert, wer da reist, weil der Müller und der Schulze es tut, und man es doch auch kann, dem wird der geheime Reiz des Manderns verborgen bleiben, dem wird der eigentliche Genug fehlen. Wie wahre Freundschaft gepflegt sein will, wie man ihr Opfer bringt, sich ihr hingibt, so verlangt auch die Freundschaft mit der Natur ein Sichhingeben, ein mit dem ganzen vollen Gefühl dabei sein. Die tiefe Poesie des Manderns'ersaht inan nur. wenn man mit allen Sinnen, mit voller Hingabe dem Neuen und Fremden lauscht, wenn man sich um das Sein und Werden des Erschauten bemüht, es auf sich wirken läht, es sich zu eigen mach:. Dann ist das Tote um uns nur scheinbar tot und es ist, als hätte es eine eigene Sprache. Dazu gehört nicht, dag man den Sternen im Reisehandbuch Aachiagt und möglichst alle in der zur Verfügung stehenden Zeit zu erledigen sucht. Wer das tut, wird für alles nur einen flüchtigen Blick haben. Er gewinnt vielleichr einen allgemeinen Eindruck, doch wird eS kein bleibender sein; es wird ihm nicht zu eigen. Wer das aber will, muh der geheimen Sprache der Dinge lauschen, das geheime Regen und das oft schier unbegreifliche Walten erspüren, muh sich ganz verlieren in seiner Umgebung, in ihr aufgeben und eins werden mit ihr. Ein solches Einfühlen verlangen aber nicht nur die gewaltigen Bilder, sondern auch die intimen Reize, eine einfache vom Mondlicht übergossene Schneelandschaft, die blühende Heide oder ein Moor. Auf das Sehen kommt es an. Das Auge vermittelt uns die Eindrücke. Wer Genuh vom Wandern haben will, wer die Poesie des Manderns erfassen will, muh mit dem Auge und mit vollem Bewuhtsein seine Umwelt aufnehmen, muh dem Auge die Ruhe und Zeit des Schauens lassen. Wir müssen sehend in vollen Zügen gcniehen und uns in die Umgebung einstellen. Das aber muh ge- übt werden. Es gilt nicht, auf schnellstem und kürzesteni Wege nach einem berühmten Aussichtspunkt zu gelangen und dabei all das schöne unbeachtet zu lassen, das auf dem Wege dorthin liegt, das meist eine ganz andere Sprache zu uns redet, eine feinere und innigere, weil die Menge der Gedankenlosen nicht daran zerrt und zehn, sich dort glücklicherweise nicht breit macht und den Genuh stört. Wer all die kleinen Schönheiten genossen und aufgenommen, dem erst wird das Schöne seiner Gesamtheit recht offenbar werden. Wir wollen wandern, um zu geniehen, unseren Gesichtskreis zu erweitern, Körper und Geist zu verjüngen, zu kräftigen und zu bilden. Wer achtlos nur dem gesteckten Ziele zustrebt, wird nur halben Genuh haben und oft enttäuscht sein. Der wirklich Schauende und immer bewnht Geniehende wird überall soviel Eindrücke empfangen und Ueberraschungen finden, doh selbst ein Umweg, ein falscher Weg, der ihn verspätet zum eigentlichen Ziel kommen läht, nicht Aerger und Unmut auslösen wird, denn er hat auch auf diesem Wege gelebt und genossen. Lei jeder Art des Manderns und Reifens gilt ja nicht als Haupr- sache, in bestimmter Zeit das gesteckte Ziel zu erreicken oder dort gewesen zu sein, seine Ansichtskarte geschrieben zu haben, sondern die durchmessene Gegend zu erfassen und aufzunehmen, das geheime und doch offene Leben und Weben, Wachsen und Gedeihen zu er- spähen, zu verstehen. Auf das Sehen kommt es an und das Gesehene auszunehmen, um es jederzeit im Erinnern lebendig werden zu lassen. Wer das kann, hat ein gut Stück Poesie des Manderns ersaht. Alwin Rudolph. Theater. Friedrich-WilhelmstädtischesTheater.„Kyritz- P h r i tz", die alte Gesangsposse von Wilken-Justinus, entzückt die Berliner von heute noch fast so, wie jene Generation von Anno dazumal. Sind es auch nur Spiegelungen kleinstädtischer Lebenskreise in harmloser Kontraststellung mit Berlin, als es selber noch erst kaum etwas von seiner rapiden Entwicklung zu einer Welt- sladt verspürte— goldiger Humor aber leuchtet darin auf. trotz alledem. Und welcher Mensch, mag er sonst der ärgste Miesepeter seiir, möchte auf dieses Gesundbad verzichten! Direktor William Löwe hat also gut daran getan,„Kyritz-Pyritz" auf den Sommerspielplan zu setzen. Ja, das gutbesetzte HauS schien anzudeuten, dah die Posse ständig ihr dankbares Publikum finden soll. Für eine flotte Aufführung leistet ein anscheinend tüchtiges Künstlerpersonal volle Gewähr._ ek. kleines Feuilleton. Wetter, Nerven unö— Weltgeschichte. Es ist eine bekannte Tatsache, dah die Neger, in ihrer afrika- nischen Heimat körperlich und geistig träge, in Nordamerika tätig und iogar intelligent werden, während englische Familien, die teil Geschlechtern in tropischen Gegenden leben, sich vor jeder Arbeit drücken und geistig nicht mehr mitrechnen. Was weniger bekannt ist, dah Abkömmlinge derartiger Familien die Fähigkeiten ihrer Vor- fahren wieder gewinnen, sobald sie sich wieder in gemähiglerem Klima ansiedeln. Professor Huntington von der Aale- Universität bat nun umfangreiche Beobachtungen über diese Erscheinung gesammelt und überdies in 2ö