Nr. 167.- 1915. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Zounabklld, 24. lull Im Dienste öer Zortpstanzung. Von Dr. A. L i p s ch ü tz. Auf der Ausstellung für Gcfundheitspflege, die im dorigen Jahre in Stuttgart stattfand, hing in der Ableitung.Die Frau und Mutter" eine Tafel, die der Tübinger Profestor Sellheim ausgestellt hatte. Auf der Tafel war graphiich zur Darstellung gebracht, was die Frau im Dienste der Forlpflanzung zu leisten habe. Gewöhn- liche Wachslumslurven waren auf die Tafel gezeichnet, und diese einfachen Kurven und trockenen Zahlen sprachen ganze Bände. Die Frau wächst bis zum 18. Lebensjahre heran und hat ein Gewicht von etwa SV Kilogramm erreicht. Nehmen wir an, � dah das das Endgewicht ist, das die Frau erreicht, ein großes Durchschnittsgewicht, um das die Zahlen »ach unten und oben schwanken. Nun verliert die normale Frau jeden Manat eine gewifie Menge Blut, das Menstruationsblut. Die Gesamtmenge des Menstruationsblutes beträgt im Jahre etwa S Kilogramm. Da die Menstruation im großen Durchschnitt bei der normalen Frau bis zum IS. Lebensjahre anhält, so verliert die Frau vom 18. bis 15. Lebensjahre insgesamt etwa 54 Kilogramm mit dem Menstrualionsblut. Es mutz also die normale Frau für die Leistung der Menstruation insgesamt um etwa 5V— 55 Kilo gramni wachsen, mit anderen Worten: während deS gesamten Menstruationsaiteis leistet die normale Frau ein Wachstum, das mindestens so viel ausmacht wie das Gewicht ihre» Körpers. Nun nehmen wir an, die Frau habe im Lause von 27 Jahren, vom 18. bis 45. Lebensjahre, sechs Kinder erzeugt und habe die Kinder zum Teil selber gestillt. Für den Aufbau der Leibesfrucht, für die Lieferung der Nahrung dieser sechs Kinder und für die dazwischen liegenden Menstrualionen wächst die Frau bis insgesamt IVO Kilo- gramm im Dienste der Forlpflanzung, Eine solche Frau leistet also im Dienste der Fortpflanzung doppelt soviel als für ihr eigenes Wachstum. Sowohl eine Frau, die Kindern das Leben schenkt, als eine Frau, die niemals geboren hat, leistet somit im Dienste der Fort- Pflanzung ganz gewaltiges, sei es, datz sie für die Leistung der Menstrualion soviel an Körpergemicht aufbringt, als ihrem eigenen Körpergewicht entspricht, sei eS, datz sie, wenn sie Kindern das Leben geschenkt hat, das doppelte von ihrem eigenen Körpergewicht aufbringt. So ist die Arbeit, die die Frau im Dienste der Forlpflanzung leistet, außerordentlich groß. Bedenkt man nun, wie groß die Zahl der Kinder ist, die -heute schon im Laufe des ersten LebenszahreS zugrunde gehen, so wird man verstehen, datz die Frau im Dienste der Fortpflanzung ungeheuer viel zwecklose Arbeit leistet. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika stirbt etwa der zehnte Teil der lebend- geborenen Kinder im ersten Lebensjahr, in Deulschland etwa der fünfte Teil, mehr noch in Rutzland und in manchen Teilen Deutsch- lands. Die Tatsache, datz in manchen Ländern, wie zum Beispiel in Schweden, die Kindersterblichkeit blotz 7'/, Proz. beträgt, sogt uns, datz man durch geeignete Matznahmen es erreichen kann, datz die Kindersterblichkeit geringer wird. Sie ist auch tatsächlich im Laufe der letzten Jahre, wo die Oeffentlichkeit der Frage der Kinder- sterblichkeit mehr Interesse entgegengebracht hat, überall geringer geworden. Vielleicht auf keinem anderen Gebiete der Gesundheit?- pflege kann so viel mit sozialen Matznahmen geleistet werden, wie in der Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit. In letzter Linie ist der Kampf gegen die Säuglings st erblichkeit ein Kampf gegen dieVergeudung vonKräftenderFrau, ein Kampf gegenVerschwendung vonKraft, die von der Frau d a z u v e r w e n d e t w e r d e n k ö n nt e, um den eigenen Lebensgenuß und den Lebensgenuß der ganzen menschlichen Gemeinschaft zu steigern. Man kann mit gutem Recht sagen, datz es ein Zeichen deS Höhersteigens auf der Stufenleiter der EntWickelung ist, wenn die Arbeit, die im Dienste der Fortpflanzung geleistet wird, mehr und mehr abnimmt. Das gegenseitige Verhältnis zwischen Leistung im Dienste des Eigenwachstums und Leistung im Dienste der Fortpflanzung verschiebt sich im Reiche der Organismen immer mehr und mehr zugunsten der ersteren. Bei den einzelligen Lebewesen, die sich durch Teilung fortpflanzen, geht die ganze Mutterzelle in den beiden Tochterzellen auf, in die sie sich teilt. Nach der Teilung, nach der Entstehung von zwei Tochterzellen aus der Mutlerzelle ist von der letzteren nichts mehr da, sie ist in der Nachkommenschaft vollständig aufgegangen. Nach- dem im Laufe der Entwicklungsgeschichte der lebendigen Or- ganiSmen vielzellige Tiere und Pflanzen entstanden waren, war die Möglichkeit dafür gegeben, daß der elterliche Or- ganismus die Geburt der Nachkommenschaft überlebte. Nur bestimmte Zellen deS vielzelligen Organismus blieben im Dienste der Fortpflanzung, die sogenannten Fortpflanzungs- zellen, die Eizelle und die Samenzelle. Aber bei manchen viel- zelligen Organismen ist die Leistung im Dienste der Fortpflanzung doch noch ungeheuer grotz geblieben. Die Mengen der Fort- Pflanzungszellen, die von den einzelnen Arten produziert werden, sind zuweilen außerordentlich grotz und machen«in Vielfaches vom Körpergewicht der Elterntiere auS. Man denke nur an den laichenden Frosch, an den laichenden Fisch, an zahlreiche Insekten, ebenso an die ungeheueren Mengen von Zellen und von Samen, die die Pflanzen produzieren. Es ist im Dienste der Fortpflanzung in der freien Natur eine ungeheure Verschwendung von Kraft, wenn man die Sache von unserem menschlichen ökonomischen Standpunkte be- trachten wollte. Von besonderem Interesse find in unserem Zusammenhang jene Fälle, wo der elterliche Organismus das für die Entstehung der Nachkommenschaft nötige Raummaterial direkt von seinem eigenen Fleisch und Blut hergibt, weil er während der Entwicklung der Fortpflanzungszellen oder während der Tragzeit keine Nahrung auf- nimmt. Daist an erster Stelle der Rhein lachS zu nennen. Wenn der Nheinlachs sich zum Laichen anschickt, dann ziehen die Weibchen und Männchen vom Meere entgegen der Strömung den Fluß hinauf. Im Laufe von V, Jahren nehmen die Tiere keine Nahrung zu sich, sie hungern. Beim Schwimmen gegen die Strömung müssen sie natürlich eine große und anstrengende Arbeit leisten. So nehmen sie im Laufe der 8 bis ä Monate natürlich außer- ordentlich an Gewicht ab und im Oberrhein sind die Lachse, die hier ihre Laichzeit durchmachen, ganz abgemagert. Ihr Gewicht beträgt nur etwa die Hälfte von dem, was ein Lachs sonst zu wiegen pflegt. Obgleich nun die Tiere in dem langen Hunger und bei der schweren Arbeit so abgemagert sind, und soviel an Körpergewicht eingebüßt haben, sind ihre Geschlechtsorgane zu stärkster Entwicklung gelangt. Das Gewicht des Eierstockes, das beim Lachs zu Beginn seiner Wanderung den Rhein hinauf vielleicht nur Va» vom Körpergewicht de« Tieres ausmacht, beträgt nunmehr beinahe 30 Prozent vom Körpergewicht. Das Gewicht des Eierstockes nimmt etwa um das fünfzigfache zu. In ähnlicher Weise verhält eS sich mit dem Hoden, dem männlichen Geschlechts- organ. Eierstock und Hoden sind von Fortpflanzungszellen prall gefüllt, während alle anderen Organe, namentlich die Muskeln deS Tieres an Gewicht ganz außerordentlich ab- genommen haben. Der Rheinlachs schmilzt also seine eigene Körper- substanz ein, um sich ganz in den Dienst der Fortpflanzung zu stellen. Es ist ein großes Opfer, das der Rbeinlachs der Fortpflanzung bringt. Ein anderes hübsches Beispiel, wie man im Reiche der Organis- men der Fortpflanzung dient: ein in Chile lebender Frosch, EMno- denna Darwinii genannt. Das Männchen ist es hier, das uns wegen seines Dienstes in Sachen der Fortpflanzung ganz besonders ins Auge fällt. Nachdem die Eier von Bchmodsrina Darwinii in ähnlicher Weise beftuchtet worden sind, wie bei unseren Fröschen, verschluckt das Männchen die Eier und schiebt sie in die Kehlsäcke, die Schallblasen, mit denen die Froschmännchen bekanntlich die schöne Froschmusik zu machen wissen. Ein Rhinodermapapa nimmt insgesamt bis 15 Eier in seine Kehlsäcke auf. Hier ent- wickeln sich nun die Eier, die die Kehlsäcke füllen. Die Kehlsäcke drücken auf diese Weise auf die Speiseröhre und den Magen des Rhinodermapapa, der nun nicht anders kann als hungern. Für die ganze Tragzeit seiner 15 Jungen ist er auf Hungerdiät gesetzt. Aber noch mehr. Was das Ei an Dottetmaterial, an Nährstoffen von der Mutter mitbekommen hat, das reicht bei weitem nicht aus für die ganze Entwicklungszeit, die die Nhinodermabrut im Kehlsack von Papa verbringt. Die jungen Fröschlein könnten nicht weiter in ihrer Entwicklung, wenn es da keinen Ausweg gäbe. Der ist aber auch da. Die Naturforscher, die die Enlwickelung der Eier in den Kehlsäcken des Rhinodermapapa verfolgt haben, find der Meinung, datz schließlich die Zeit kommt, wo die jungen Fröschlein sich an die Wand der Kehlsäcke fest anpressen, und datz in ihre Blut- gefätze dabei Nährstoffe aus den Blutgefäßen des Froschvaters über- lreten, ähnlich, wie es bei den lebendgebärenden Tieren ist, wo es schließlich zur Entwicklung eine« Mutterkuchens kommt. Der Frosch- Vater gibt also von seinem eigenen Fleisch und Blut her, während er selber hungert. Im Laufe der Tragzeit büßt er sehr viel von seinem Gewicht ein und magert schließlich bis zum Skelett ab. Dann erst speit er die fünfzehn munteren Fröschlein in die Welt aus. Sehnliche Beobachtungen hat man auch bei Fischen in Indien gemacht, die der Klasse der Welse angehören. Die Männchen schlucken die befruchteten Eier und behalten sie in der Mundhöhle, wo die Eier zur Entwicklung gelangen. Die ganze Mundhöhle der Tiere ist dabei von Eiern voll, und die Männchen haben einen voll- kommen leeren Darm... Eine ganze Menge, waS im Dienste der Fortpflanzung geleistet wird. Und es will sogar scheinen, datz der.Sinn des Lebens", den wir Menschen manchmal suchen, die Fortpflanzung ist. Wir suchen einen Halt im Leben, etwas, was uns das Leben zu erfüllen vermag. Und stünde vor uns nicht das Kind, die Nachkommenschaft, wir fänden diesen Halt manchmal nicht. Jeder von uns, der über den»Sinn des LebenS" zu denken begonnen, jeder von uns, der zu zlveifeln angefangen, findet erst wieder Ruhe beim Kind. Wir stehen alle samt und sonders, mit all' unserem Denken und unserem Tun, mit unserem Wollen und Streben, mit unserer Freude und unserem Schmerz, mit unserer Liebe und mit unserem Haß, ganz und gar im Dienste der Fortpflanzung. Das ist der.Sinn des Lebens". Gehet also hin und tuet eure Pflicht gegenüber dem Kinde. Im Weichsellanöe bei Iwangorsö. Der Teil des Weichsellaufes, der durch die jetzig so viel genannte Festung Jwangorod beherrscht wird, bildet die Schlagader des zu beiden Seiten des Stromes sich dehnenden Geländes, auf dem gegenwärtig die entscheidende Riesenschlacht in Südpolen geschlagen wird. Jwangorod, das früher den Namen Demblin führte, liegt an einem strategisch hochwichtigen Punkte: da, wo der Wieprz von Osten her in die Weichsel mündet. Der Weichselstrom ist hier 200 Meter breit; die Festung selbst liegt einige Werst südlich von dem Orte, am rechten Ufer des Wieprz und nahe der ihZeichsel, so datz sie beide Ströme zugleich beherrscht. Ihre Bedeutung ist schon dadurch gegeben, daß der Weichselstrom aufwärts wie abwärts nur verhältnismätzig wenige Uebergänge bietet. Von Jwangorod abwärts bis zum Einflüsse der Pilitza strömt die Weichsel last ohne Ans- nähme zwischen hohen, steilen und waldbedeckten Ufern, die den Uebergang erschweren, aber den landschaftlichen Reiz des Strom- laufes wesentlich erhöhen. Jnimer parallel mit dem linken Flutzufer läuft die alle Haupt st ratze von Warschau nachLublin, die erst südlich von Jwangorod die Weichsel überschreitet. Un- mittelbar am Strome sind bedeutende Ansiedelungen nur selten. t wischen Jwangorod und der österreichischen Grenze ist derjenige eil des Weichsellaufes am intereffantesten und belebtesten, wo die Warschau— Lubliner Straße schon von alten Zeiten her den Strom überschreitet. Dort empfängt sie auf dem rechten Ufer die Stadt P u l a w y. die auch den Namen Nowo- Alexandria führt. und die sonst von den Warschauern als Sommerfrische viel benutzt wird. Einst genoß Pulawy in ganz Polen einen Ruhm, der fast ohne gleichen war. Das war damals, als es noch die glänzende Residenz der Czartorhskis war. Das alte Schloß dieser polnischen Adelsfamilie beherrscht noch jetzt die ganze Um- gebung und bis zur Weichsel hinunter zieht sich der schöne Schloß- park, der u. a. eine Nachahmung des Sibyllentempels von Tivoli enthält. Der Park war von je durch die Mannigfaltigkeit und Schönheit seiner Anlagen berühmt, das Schloß reich an geschicht- lichen und Kunstschätzen, und eine ganze Reihe von Dichtern hat Pulawy, seinen Reizen und seinen Besitzern begeisterte Huldigungen dargebracht. Als aber die Czartorhskis im Jahre 1831 für die polnische Sache eingetreten waren, war auch das Schicksal dieser schönen Fürstenresidenz entschieden. Der Besitz wurde eingezogen. teils zur Reichsdomäne gemacht, teils an russische Große verschenkt, und in das geräumige Schloß wurde ein land- und forstwirtschaft- licheS Institut einquartiert. Vom Schlöffe von Pulawy aus hat man weichselabwärts Aus- ficht bis auf das Städtchen K a s i m i e r z. das gleichfalls am rechten Ufer des Stromes, in einem steil ansteigenden� Seitentale gelegen ist. Es hat seinen Namen von Kasimir dem Größen, der es erbaute und wird heute fast ganz von Juden bewohnt. Das Wahrzeichen von Kasimierz ist ein rundy: hoher Turm, jpyj, als einziger Rest der alten Burg Kasimiers des Großen einsani vom hohen Berge auf die Fluten der Weichsel herniederschaut. Dieser Punkt des Weichsellaufes ist landschaftlich von hoher Schönheit. Bc- sonders reizvoll ist die Aussicht vom alten Kasimir- türm nach dem anderen Stromufer, wo das Städtchen I a n o w i c z liegt. Kasimierz selbst, in einem tiefen an- mutigen Tale, um welches rings im Halbkreise Felder und mannigfach belaubte hohe waldige Berge sich ziehen, ist ein Stadl- bild von nicht gewöhnlicher Schönhert. Nur drei enge Zugänge durchschneiden den Hügelkranz, der daher der Verteidigung manche Vorteile bietet. Einst war die Stadt ein großer Mittelpunkt des Kornhandels, und aus Thorn, Elbing, Danzig, ja selbst aus Eng- land trafen die Kaufleute in dem jetzt so einsamen und stillen Die Crweckung öer Maria Carmen. 58j Von Ludwig Brinkmann. „Euer Gnaden wissen, es ist nicht wahr! Ich verabscheue den Menschen, ich hasse ihn! Ach, ich wollte, er würde mich lieber erschlagen, als Ihr Leben gefährden. Es ist doch wirklich nicht meine Schuld, nein, gewiß nicht! Warum hassen denn Euer Gnaden mich.. Marinas Schmerz war zu ersichtlich, als datz ich nicht ge- rührt worden wäre. „Sei mir nicht böse, Marina. Ich war etwas durch den Strolch gereizt und bin ungerecht mit Dir gewesen. Es tut mir leid. Werde recht glücklich, kleine Marina. Vielleicht komme ich in vielen Jahren einmal hierher zurück, und ich freue mich jetzt schon darauf. Dich dann wiederzusehen, recht froh und recht glücklich mit Dir zu fein. Und ein Andenken will ich Dir auch geben— hebe es auf!" Ich bog von meiner Uhrkette ein kleines goldenes Herz ab, für das Marina stets ein großes Interesse gezeigt hat. Sie war ja eine so seltsame Mischung von Weib und Kind. In einer poetischen Laune hatte ich ihr einen großen Roman von dem Herzen erzählt, der nur einen Fehler hatte, daß er ~ Dichtung war. In Wahrheit hatte es mir einst eine etwas leichtfertige Dame in New Äork geschenkt, und ich hatte bis jetzt noch keine Gelegenheit gefunden, es wieder von meiner Kette abzunehmen. Nun aber fiel es mir ein, Marina eine kleine Freude damit zu machen. Sie umklammertß meine Knie. „Euer Gnaden wollen fortgehen, für immer! Dann komme ich mit, ich darf doch, nicht wahr?" „Ich fürchte, Marina, es geht nicht an. Wirklich nicht. Du paßt nicht in die Welt hinein, wohin ich gehen muß. Du bist nur schön im Gebirge. Hier allein kannst Du glücklich werden!" _„Ich werde sterben, wenn Euer Gnaden mich hier lassen. So— oder durch Tozo!" „Marina, auch mir tut es leid, daß ich von Dir noch; aber deshalb werde ich doch nicht sterben— weder so, noch durch Tozo, hoffe ich. Du liebes Kind I" Ich zog die schmächtige, schlanke Gestalt an mich.— Fast wäre ich über Tozo gefallen, der um das Haus her- umlungerte, aber sicher von meiner Anwesenheit nichts wußte, da ich ja immer um diese Stunde in den Bergen zu verweilen pflegte. Er war durch mein plötzliches Erscheinen so bestürzt, daß er allen wirklichen Groll und auch die Komödie des Grolles vergaß und ehrerbietig seinen breitrandigen Strohhut zog: „Guten Tag, Don Luis!" „Guten Tag, Tozo! Du kannst mir beim Aussteigen helfen, wenn Du so freundlich sein willst," erwiderte ich. „Wegen einer Verletzung am Arme kann ich ohne Hilfe nicht auf das Pferd kommen." Und ich gewann Zeit darüber nach zudenken, was ich mit dem Burschen anfinge. Ich machte im Geiste alle Möglichkeiten durch: ich fragte mich, ob ich ihn auf der Stelle niederschießen oder mit der Reitpeitsche bearbeiten oder ihm nur in Worten zu verstehen geben solle, daß ich seinen Schurkenstreich kannte, oder ob ich ganz im Gegenteil ihm einen Peso für die kleine Hilfeleistung überreichen und ihm wieder Dienste bei der A. E. M. T. an- bieten solle. Mir fiel aber gar nichts ein— so sagte ich „danke", winkte Cyprians und Marina zu, die an der Haus türe standen, und trabte davon. Vielleicht war es das Richtigste, daß ich gar nichts getan noch gesagt habe: er mag nun denken, daß selbst seine Mord- absichten mir gleichgültig seien: sicher das beste Mittel, einen eifersuchtentbrannten Hitzkopf etwas abzukühlen. Höhnische Milde hätte ihn nur noch mehr gereizt, Prügel hätten seine Wut gestachelt, und Menschenblut zu vergießen ist nun ein- mal keine angenehme Tätigkeit, andererseits aber hätte ich gerichtliche Schwierigkeiten bekommen und die Bevölkerung im ganzen Staate unnötig aufgebracht. Der ganze Zwischen fall gehörte meinem Gefühle nach schon der Ver gangenheit an.— Ich weiß kaum, über welchen Gedanken ich brütete, als ich den glühendheißen Saumpfad hinabzog, der über den Kamm und die nach Norden abfallenden Terrassen des Ge- birges in die Ebene führt. Ich hatte nur die Empfindung, als führe ich auf einem leicht sich wiegenden Schiffe von einem erstickend heißen tropischen Hafen auf das blaue Meer hin» aus, in unbekannte, dunkle Fernen. Vorsichtig durchkreuzte ich den Rio Verde, zog langsam das jenseitige Plateau hinauf und machte einmal nur auf einer leichten Anhöhe halt, von der ich, wenn ich in das Ge- birge ging, zuerst seine schroffen mächtigen Zackenzüge ganz überblicken konnte. Nun schaute ich zum letzten Male hinüber. Die Sonne ging gerade hinter den Bergen unter, und ihre violetten Gipfel leuchteten mit goldenen Strahlenkronen in den purpurroten Himmel hinein, als wollten die erhabenen Herren in königlicher Pracht dem scheidenden Freunde ihren Äbschiedsgruß aus der Ferne senden.— Je näher ich dem Hause der Maria Carmen kam, desto klarer sah ich in das Geschick des Jmparcial hinein.— Mit Wards Tode hat der Niedergang begonnen, das war sicher. Und ich dachte viel an den armen Freund, dessen Leben durch die Zahlen so seltsam gehindert, gestört, erschwert war. In den Zahlen steckt die Logik: ach ja, das mag für alle toten Dinge richtig und nützlich sein, aber für das Leben— nimmermehr. In der Logik erfriert das Leben und wird zu Stein. Wie haben doch die Zahlen die natürlichen Bande zwischen Vater und Sohn aufgelöst und da, wo sie bestehen blieben, zerfressen! Ich mußte an den alten Samuel denken. Was ist durch die Logik der doppelten Büchführung aus dem lebens- starken Verhältnis zwischen Vater und Sohn geworden? Nichts als ein totes Geschäft. Daher der Ingrimm des Vaters, da er dabei nichts verdienen konnte, da er gerade auf seine Kosten kam und sich sein Kapital nur verzinste, anstatt einen an- ständigen Reingewinn abzuwerfen. Dieser verwünschte Schlingel von Sohn! Anstatt wie ein guter Kaufmann nur an den Geschäftsnutzen zu denken, hat er sich den Luxus eines Gefühls geleistet, hat sein Herz an ein Frauenzimmer ge- hängt und den Ueberschuß seines Lebens ihr geschenkt, ohne an den Vorteil seines Geldgebers zu denken. Ich kann mir wohl vorstellen, wie der alte Geldmann aus dem tiefsten Grunde seines geschäftsdurstigen Herzens die Sentimentali- täten seines Artur haßte: aber dennoch durfte er sagen: „Einen Sohn habe ich verloren, aber kein Geld!" Das ist doch auch eine Befriedigung. Und wer war denn Mabel Thomas? Ward hatte niemals mit mir darüber gesprochen, soweit er auch sonst sein Herz mir geöffnet. Sicherlich hat er sie liebgewonnen zur Zeit, als er noch als kleiner Buchhalter in Chicago sparte. Sicher war sie das Zarteste, Heiligste seines Herzens, das er auch dem besten Freunde nicht offenbaren mochte. Und doch hat er seine Wünsche und Hoffnungen nicht verwirklichen können weil er zu tief in den Zahlen steckte. Wie kann ein Mann daran denken ein Weib heimzuführen, wenn er all die Ueber- schüssc seines Schaffens dazu verwenden muß, die Ansprüche eines unerbittlichen Gläubigers zu befriedigen, bei dem er mit dem ersten Atemzuge tief verschuldet war. Da mußte auf bessere, freiere Zeiten gewartet werden— und darüber ist er gestorben... Doch hat er dem Teuersten, was er auf Erden gehabt, noch das letzte Liebe antun wollen: er vermachte ihr sein Be- sitz tum, seinen Anteil an unserer Gesellschaft. Aber der uner- bittliche Gläubiger kam mit seinen Ansprüchen und zwang die Geliebte, das Erbteil unserem Feinde auszuliefern---—. alles der Logik der Zahlen zuliebe!— (Forts, folgt.) Weichielsiadtchen ein, um ihre Getreidegcschäfte hier abzumachen. Nun aber liegen die zahlreichen Kornspeicher meist verfallen, da der Handel von seiner allen Höhe weit gesunken ist. Auch auf diesem Teile dc-Z Weichsellaukes senden die beiderseitigen Hiigel- und Verggruppen ihre Ausläufer zumeist bis dicht an den Flug heran, der somit strcchenwcise zwischen Höhenrändern dahinflieszl. West- lich ist es das Hand von Nadom, östlich das Gouvcinemcnt Lublin, das die Weichsel hier bespült. Das Gouvernement Lublin ist das cigcniliche Land des soviel genannten Wicprz, der im grosten Bogen ans der Gegend von TomaSzow zur Weichsel hcrumschivcnkl. Seinen Laus bezeichnen viele Sümpfe, in denen auch urwäldliche Tierrestc gesunden worden sind. DaZ Lublincr Land ist in seinem westlichen Teile vielfach sandig, auch sumpfig, nimmt aber weiter nach Osten au Fruchtbarkeit stelig zu. und im Bezirke des Bugs halten sich Weizen und Roggen beinahe das Gleichgewicht. Die großen Städte dieses ganzen Teiles des WcichiclgcbietcS liegen nicht am Strom selbst, sondern an seinen Flanken— hier Radonr, dort Lublin, schon von altershcr die bedeutendste Stadr in ganz Südpolcn, die sehr anmutig inmitten von Seen. Bkorästcn nild Anhöhen an einem kleinen Nebenfluß der Wieprz, an der Bystrzyca gelegen ist. Lublin ist eine geschichtliche Stadt. Im 10. Jadrhulideri begründet und in der polnischen Geschichte vielfach von Bedeutung, zählt sie nicht weniger als 18 Kirchen, zahlreiche Klöster und cine'Reihe alter Paläste der großen polnischen AdelSgeschlechtcr. Unten im Tale liegt die alte Judenstadt, und in ihrer Nachbarschaft erhebt sich auf bohein Felsen ei>l alles Schloß von Kasimir dem Großen, von dem ein Turin noch recht gut erhalten ist. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts war die Stadt, die einst 70 000 Einwohner zählte, bis auf etwa >6 000 gesunken, seitdem bat sie sich wieder wesentlich gehoben und birgt heute über 00 000 Menschen. „Ttof Wiedersehen! Statt„Adieu" sollen wir„Auf Wiedersehen sagen. Einen schöncreii Abschiedsgruß können wir uns gar nicht denken. Er macht unserer UcbcrsetzungSkunst alle Ehre. Ebenso wie wir daS fraii- zösische„Bondez-vcms" wunderhübsch mit„Stelldichein" übersetzt haben, ist uns eine nicht minder gute Ucbcrtragung dc-Z italienischen „a rivederoi" durch unser„Auf Wiedersehen" gelungen. Und doch will uns dieser schöne Abschicdsgruß oft nicht über die Lippen. Wenn wir mit einem Freunde oder einer Freundin eine Zusammen- kunft �verabreden, so ist das gegenseitige„Auf Wiedersehen" am Schluß ganz in der Ordnung. Wie aber, wenn es sich um kein wirkliches Wiedersehen handelt, wenn viele Meilen uns von dem treiinen, mit dem wir uns durch den Draht unter- halten?„Auf Wiedersehen" sagte da mancher zunächst humoristisdt, und aus diesem scherzhaften lelcphonischen AbichicdSgruß hat sich ein ernsthafter Gruß entwickelt, mit dein heule sehr viele ihre tele- phonische Unterhaltung beendigen. Wenn ein ungelegener oder un- bequemer Besucher sich von uns verabschiedet, so widerstrebt es unS ebenfalls, ihm„Auf Wiedersehen" zuzurufen. Der Hauptgrund aber dafür, daß wir den Gruß„Auf Wiedcrschett" nicht gern zu einem alltäglichen, nichtssagenden und konventionellen Gruß herabwürdigen möchten, liegt darin, daß er für uns immer noch einen feierlichen Eharaktcr trägt. Wie herzlich und innig klang der Gruß„Auf Wiedersehen", den Taufende und Abertausende von uns ihren Lieben zuriefen, als diese ins Feld zogen imd den sie als letzten Gruß von diesen erhielten. Für viele, ach, ist dieser Gruß leider wirklich der letzte Gruß gewesen, da den Scheidenden schon längst die kühle Erde in Feindesland deckt. Und nun sollen wir dieses Grußwort, das uns als letzte Erinnerung an einen teuren im Kampfe Gckallcncn immer wieder vor der Seele ichwcbl, als alltäglichen Gruß auch solchen Menschen gegenüber gc- brauchen, die loir oft gar nicht kennen und die uns also gleichgültig sind. Nimmermehr! Blair gebe uns einen anderen Gruß für den alltäglichen und konventionellen Gebrauch. Den feierlichen Gruß„Auf Wiedersehen" dürfen wir nicht dadurch entwerten, daß Ivir ihn gleichsam als eine Scheidemünze verwenden. Da wäre es doch weit mehr angebracht, den alten Gruß„Ade", der schon in niittelhochdeutscher Zeil bei unseren Vorfahren gang uird gäbe war und den noch heule unsere Dichter mit Vorliebe gebrauchen, wieder zu Ehren kommen zu lassen. Wie schön klingt doch dies „Ade" in dem Liebe r„Nun ade, du mein lieb Heimatland, Lieb Heimatland, ade i" und in vielen, vielen anderen echt deutschen Abschiedsliedern. Man komme uns nicht damit, daß dies„Ade" doch fremden Ursprunges sei. Aus unserem Liederschatz werden und dürfen wir es nicht ausrotten. Wir sprechen doch auch vom„deutschen Wein" und von„deutscher Kameradschaft", obwohl die beiden Worte „Wein" und„Kamerad" ebenfalls aus der Fremde zu»nS gekommen sind. Was wir einst von anderen erworben haben und waS sich bei uns eingebürgert hat, das halten wir fest. Schon im Mittelalter hatte sich bei den Franzosen der Abschicdsgruß„Ade" in der Be- dcutung„(Lott befohlen" entwickelt, und wir übernahmen ihn als adü ins Mittelhochdeutsche. Später wandelten die Franzosen in einer Anwandlung von Pedantismus, ihren schönen Gruß„adä'' in die„richtige" Form„i dieu" um, und die deutschen Pedanten, an denen cS ja leider bei uns nicinalS gefehlt hat, ahmten dies sofort nach. DaS geschah zu der Zeit Hessings, der leider in dieser Beziehung allzu sehr ein Kind seiner Zeit war. Hessing schrieb „insulieren" für„isolieren" im Hinblick ans daS lateinische Stamm- wort insala; dabei schrieb er aber„Insel" und nicht„Jnsnl". Derselbe Lessing schrieb auch„Adieu" und bezeichnete daS alle„Ade" als„kindisch und qcinein". Hierbei muß man sich freilich vergegenwärtigen, daß im 18. Jahrhunderl daS Wort„gemein" noch nicht die herabsetzende Bedeutung halte, die loir heule damit verbinden, sondern soviel wie unser Wort„gewöhnlich" besagte. Geben wir also dein alten deutschen Abschicdsgruß„Ade" auch in unserer Prosarcde die alten Rechte wieder, die ihm unsere Dichter stelS gewahrt haben. Damit erhalten wir einen guten und brauchbaren Ab'chiedSgruß, und wir bewohreii fo am besten unseren feierlichsten und herzlichsten Scheide- grüß„Aus Wiedersehen" vor seiner Enlivcrtung. kleines Feuilleton. Der Krieg aller gegen alle. Nicht nur die Menschen führen seit zwölf Monaten gcgcncin- ander Krieg, sondern, um sich die notwendigsten Güter des Lebens zu erhalten, haben sie auch allen unnützen Nagern und Fressern den Vernichtnngskaiitpf angesagt: den Hninstern und den Feld- mausen. Das ist sehr angebracht, denn zu Johann! hat es diesmal geregnet, zwar nur ein ganz klein wenig, aber gerade das ist be- dcnkiich, denn— sagt die alte Bauernregel: llicgnet's am Johannis- tage auch nur leise, dann regnet's— Mäuse, lind auc� den Krähen hat man den Vernichtungskrieg erklärt, und den Amseln, den Spcr- lingen und sogar den Schmetterlingen, zumal den Kohlweißlingen. llvd jeder wird diese Maßregeln billigen. Nicht unerhebliche Preise bat man für die Vernichtung dieser Tiere ausgesetzt. In Braun- ichweig zahlt der Magistrat 1 Pf. für jeden Spatzeri und ö Pf. für jedes Sperlingsncst. lind mit den Kohlweißlingen hat sich der Magistrat zu Herborn sogar böS verrechnet. Einen Pfennig wollte er für jeden dieser lästigen Schädlinge zahlen, aber da ahnte er nicht, wie viele Kohlioeißlinge es in der Welt gibt und speziell auch in Hcrborn, und heute müssen die Herborner Schuljungen, um sid> einen Pfennig zu ergattern, schon fünf Kohlweißlingen der Garaus macheu. Daß auch eine solche Maßregel, ivie alles auf Erden, ihre zwei verschiedenen Seiten bat. hat man schon früher eingesehen. Schon vor buudcrt Jahren, am 7. November 181-1, wurde einmal ein Sperlings-Jagdgcbot in unserer Rordwestccke erlassen. Tasselbe lautete dabin: „Zwisdicn Weser und Rhein hat auf dem Lande jeder Bewohner eines Hauses, zu dem ein ganzer Herd Landes gehört, jährlich 2! Sperlinge, bei einem halben Herd 16 Stück, und jeder Arbeiter oder Häusling„seiner Wohnung wegen" 6 Sperlinge zu liefern, jedod, mit Ausnahme der Stadt Emden, deren Bewohner rncht so großes Interesse dabei haben, weil diese Stadt sehr eng gebaut ist und sich dort keine zu großen Mengen Vögel wie in den übrigen Städten und Flecken befinden; deshalb kommen in Emden auf jedes Hans nur 0 Stück. Im übrigen ist von den Lieferungen niemand befreit, auch nicht die Prediger und Sdiullchrcr sowie die Beamten, die königliche Eiebäude bewohnen. Für jeden fehlenden Sperling ist 4'A Stüber Strafe zu zahlen, wer aber mehr liefert, bekommt dafür entsprechend viel heraus. Ter llcberschntz kommt den Armen- kaffcn der ciiizelncn Gemeinde» zugute." Später wurde aber auch die Stadt Emden mit i» diesen Ver- tilgnngskrieg hineingezogen und im Jahre 1005 bekam dort einer. der seine Sperlinge nicht beibrackite. ein Strafmandat über 6 M. Tie Sache wurde dann sogar durch Gerichtsurteil bestätigt, und tvahrscheiirlich gilt sie beute noch. Dadurch entsteht dann manchmal eine regelrechte Sperlingshausse; so wurden z. B. vor ein paar Jahren in der Einsstadt Weener bis zu 20 Pf. für einen Sperling geboten, ganz anders, wie in der Bibel! lind wie war es vor 150 Jahren! Damals ballen wir die Franzosen im Lande, und weil sie des Mäuseschadens in ihren Magazinen nicht anders Herr werden konnten, hatten sie große Katzeiitieferungen ausgeschrieben. Eine Korrespondenz vom Eichsfeld vom 25. November 1761 berichtet darüber:„Tie Lieferungen der Katzen a» die Franzosen nach Göt- tingen und Mühlhansen dauern fort. Jedes Haus, es sei so klein, wie es wolle, mutz zwei Katzen liefern und für jede Katze 6 Rtlr. erlegen."— So wandeln sich die Dinge in ihrem Werte! Die deutschen Studenten und der Krieg. Jnr neuesten Heft der„Akadcmiscbcn Rundschau" veröffentlicht der Herausgeber Dr. Robert Corwegh einen Aufsatz über die Hoch- schulen während des Kriege?, der ein umfairgreichcs Zahleirmateüal zusammenstellt und in diesen Zahlen den starten Anteil erkennen läßt, den die deutschen Studenten an dein gegenwärtigen Kriege nehmen. Mit Ausnahme von vier Forstakadenlien haben sämtliche denlschen Hochschulen ihren Betrieb aufrecht erhalten, aber die Zahlen der immalrilulierten Studenten und besonders der wirklich noch Studierenden weisen außerordentliche Rückgänge auf. In den 22 Universitäten. 11 Technischen Hochschulen, 5 Handels- Hochschulen, 3 Tierärztlichen und 6 Landwirtichasllichcn Hochschulen und Bergakademien waren im Herbst 1014 64 710 Studenten immatrikuliert, während die 52 deutschen Hochschulen im vorjährigen Sommer 70 077 zählten. Von diesen eingeschriebenen Studenten standen jedoch unter Waffen 36 000 Universilälsstudenten, 8000 Techniker, 6000 Handclshochschüler und je 300 Tierärzte, Landwirte und Bergbanschüle?'. Von den 4000 Studentinnen talcn 600 Kranken- dienste. Dabei beteiligten sich von 100 Sludeilten ain Kriege in Königsberg 84, Tübingen 77, Gießen 74, Kiel 74, Marburg 70, Rostock 60, Greifswald 68, Freiburg 68, Halle 66, Göttingen 61, Er- langen 61, Heidelberg 60, Jena 57, Leipzig 57, München 56, Berlin 54, Würzburg 52, Straßbnrg 46, Breslau 46, Bonn 42. Münster 35, Franksurl 1l. In Königsberg, da§ in dieser Aufzählung an der Spitze steht, sind 1057 von 1280 Studenten i»S Feld gezogen; unter den technischen Hochschulen weist Danzig die höchste BeteiligungS- ziffer auf, indem eS von 72 Hörern 63, also 00 Proz., entsandte. Im laufenden Sommerhalbjahr zählt das Berliner Verzeichnis 8010 Studierende gegenüber 8647 im vorigen Sommer. Tatsächlich besuchten aber nur etwa 2300 männliche und weibliche Hörer die Universität. In München sind in diesem Sommersemester 5701 Stu- diercnde eingeschrieben, von denen 3057 im Heeres- und SaiiilätSdienst beurlaubt sind. Bon Todesopfern, die der Krieg bisher in der deutschen Hochsckulwclt forderte, werden folgende Zahlen mitgeteilt: Bonn 2 Dozenten und 113 Studenten, Freiburg i. B. 3 UniversilätSlehrer, 3 Assistenten und 117 Studierende, Göllingen 7 Dozenten, 8 Assistenten und 142 Studierende, Heidelberg 78 Studenten, Jena 112, Kiel 24. Leipzig 3 Dozenten und 266 Studenten. München 180, Tübingen 3 Dozenten nnd 130 Studierende. Unter den Technischen Hochschulen wird die Berliner, die in früheren Sommerhalbjahren ctlva 2200 Studierende zählte, jetzt von 362 besucht, während sich 1700 bis 1800 im Kriegsdienste befinden. Nahrungsmittelverbauch in Dänemark. lieber den Verbrauch von Nahrungsmitteln bei der dänischen Bevölkerung veröffentlicht in der.Münchener Medizinischen Worden- schrifl" Hindhede, der Direktor des Laboratoriums für Ernährungs- Untersuchungen in Kopenhagen, einige benierkenSwcrte UntcrsuchungS- ergebniffe, die bei der großen Bedeutung, die allen ErnährungS- fragen in der gegenwärtigen Kriegszeit in erhöhtem Maße zu- kommt, auch für weitere Kreise in Deutschland von Interesse sein dürften. AIS Norm gilt bei uns in Deutschland die von Voit aufgestellte Forderung, daß ein Arbeiter im Durchschnitt täglich in der Nahrung zu sich nehmen muß 120 Gramm Eiweiß, 60 Gramm Fett und 500 Gramm Kohlehydrate, wobei eine Wärme von 3100 Kalorien sWärmeeinheitcn) erzeugt wird. Es ist iiilereffaiit, daß im dänischen Zuchthaus die Nahrung, wie übrigens nicht durch Untersuchungen fest- gestellt, sondern nach den von Autoritäten eingeführten Reglement berechnet ist, ziemlich genau dieser Forderung entsprirbt. Tic Nahrung enthält dort 110 Gramm Eiweiß, 60 Gram», Fett und 512 Gramm Kohlehydrate, wodurch eine Wärme von 3150 Kalorien erzeugt wird. Die Untersuchung des Nahrungsverbrauchs der Bevölkerung ge- schah in der Weise, daß zu 10 bis 12 Familien die dicht bei einander lvohncii, ein Gehilfe des Laboratoriums geichickr wurde, der 4 bis 5 Wochen im Ort wohnte und jeden Tag jede einzelne Familie besuchte, um der Hausfrau bei der irot- wendige» Ucberwachung deS Verbrauchs behilflich zu sein. Jede Sorte Fleisch usw. wurde für sich berechnet, Ucberbleibscl wurden abgerechnet, von Nahrungsmitteln, von denen gute Durch- schnittSanalyien fehlten, wurdcm dem Laboratorium Proben ein- gesandt. Untersuchl wurde die Nahrung bei zwölf ländlichen Fa- milien sHäuSler und Hüffler), die sämtlich verhältnismäßig gut gc- stellt waren, und bei dreizehn slädtiichcn Familien, die der besser- gestellten Mittelklasse angehörten sBeamte, Aerzte und ähnliche). Alle ländlichen Familien hatten einen größeren Nahrungsverbrauch als den für den niittleren Arbeiter geforderten, im Durchschnitt 3814 statt 3100 Kalorien. DaS kann nicht überraschen, da Landarbeit wohl für sehr schwere Arbeit gerechnet werden muß. Aber auch bei den städtischen Familien ergab sich ein durchschnittlicher Verbrauch von 3360 Kalorien. Doch glaubte H., daß hier LuruSvcrbrauch statlfinder, eS wird ja allgemein zugegeben, daß man ohne schwere lörpcrlrche Arbeil mit 2500—3000 Kalorien auskommen kann. Wahrscheinlich verführt die ivohlschmeckende Kost sreichlich Fleisch und namentlich Fettstoff) zu Uebercrnährung. Rechnet man zum Vergleich mit der Voitschcn Norm die Kost auf 3100 Kalorien um, so ergab sich für die ländlichen Familien 85 Gramm Eiweiß, 447 Gramm Kohlehydrate und 00 Gramm Fett, und für die städtischen Familien 86 Gramm Eiweiß, 378 Gramm 5kohlehydrate und 120 Gramm Fett. Würde also die Voitsche Norm für Deutschland Geltung haben, so findet sich der sehr charakteristische Unterschied zwischen der dänischen und der deutschen Ernährung, daß die erstere bedeutend eiweißärmer, ober fettreicher ist. H. bemerkt hierzu, daß Dänemark das Land der Butter ist, inan ist dort daran gewöhnt, die Butler dick auf da§ Brot zu streichen. TrockneS Brot zum Kaffee des Morgens zu genießen, wie es in Deutschland häufig angetroffen wird, ist dort ganz uitbekaiint. Die uiitersnchic» Familien, speziell auch die ländlichen, sind sämtlich gut ernährt, obwohl sie im Verhältnis 30 Proz. Eiweiß locniger verzehren, als nach der alten Voirfcheii Norm verlangt wird. Auch" die SlcrblichkcitSziffcr in den verschiedene» Altersklassen ist in den dänischen ländlichen Distrikten geringer als in den Großstädten Kopenhagen und München. Man kann daher die eiweißarme aber fellreiche Kost der dänischen Landlcute nicht für schädlich erachte». H. schließt mit der Bemerkung, daß falls Voit vor vierzig Jahren auf dem Lande in Dänemark gelebt hätte, feine Norm wahrscheinlich folgendermaßen gelautet hätte: 80 Gramm Eiweiß,>00 Gramm Fett, 450 Gramm Kohlehydrate'gleich 3100 Kalorien. Auch solche Kost würde keineswegs zu wenig Eiweiß enthalten. eine „kopfgelü.* Die ruifische Hecrcsleitung hat bekanntlich auf de» Kopf zahl- reicher deutscher Generäle einen Preis gesetzt. ES ist dies, wie wir in den.Russischen Hosgeschirbteu", die kürzlich bei Georg Müller in München erschiene» sind,»achlesen Ivnncn, ein altbeliebteS russische? Kauipsmittcl. Es wurde z. B. auch auf de» unbequemen Polenkönig Stanislaus LeScrzinski angewendet. Dieser balte die ganze Ratio» für sich, sab sich aber mchlsdestoweniger genötigt, vor dcir Russen, die in Warschau einrückten und sich über ganz Polen ausbreiteten. zu fliehen. Er zog sich zurück und schloß sich in Danzig ein, wohn» ihm Lasel) mit de» Truppe», welche er hatte sammeln können, folgte, obgleich er alles dessen entbehrte, was zu einer Belagerung nötig war. Bald aber erschien unter den Mauern Dauzigs der Feldherr Münnich, dieser anfgcllärtc, mutige, am Hose mächlige und von der Armee geschätzte und anerkannte Mann, der ebenso rücksichtslos uni> kühn in scineii Unternehmungen, als von den Soldaten, die er»irtrt schonte, und von den Offlziereit, deren Rang oder Geburt er nicht achtete, gesürchlel war. Es daucilc nicht lange, so war er auch mit Belagerinigsartilleric vcrsebcir, und nach einigen Stürmen öffne«: Danzig seine Tore. Während dieser Zeit war Stanislaus, als Baues: verkleidet, unter tausend Gefahren geflohen, denn Münnich hattr einen hohen Preis auf sein Haupt gesetzt. Er wurde indes gerettizt und gelangte sicher nach Frankreich, wo seine Tochter später düe Geinahtin Ludwigs des Fünfzehnten wurde. Als Miiimich erfuhr, daß Stanislaus entkommen, raste es förmlich und legte der Stadt Danzig eine Brandschatzung vo» zwei Millionen Rcichstalern auf. Diese Summe wurde jedoch später auf die Hälfte herabgesetzt. Notizc». — Unterirdische Brücke n. Beim Bau des Tunnels für die Berliner Nord-Süd-Untergrundbahn traf man, wie„Prometheus" berichtet, im Zuge der Fricdrichftraße auf zwei tiefe und ausgedehnte Moorlöcher, die als Untergrund für Bahnbautcn nicht geeigne» waren, die man aber auch nicht umgehen konnte. Da auch Beton« bauten wegen der im Moore enthaltenen Säure keinerlei Dauer versprachen, war man gezwungen, beide Moore durch eiserne Brücke« zu überspannen und auf diesen die Tunnelröhre zu verlegen. Altz Konstruklionsmaterial wurde Nickelstahl gewählt. ES dürfte daS erste Mal fein, daß so große Eisenbauwerke— die eine der Brücke» hat 60 Meter Svannweite, die andere drei Bogen von je 42 Meter tief unter der Erde über umfangreiche Geländeschwierigkcitcn hinweq dem Verkehr den Weg bahnen müssen. — Die B i e r k a r t e. Nachdem die vielfach erhobene Forde»» rung nach vollständigem Brauverbot immer wieder mit der Begrüm- drmg abgelehnt wurde, daß das Bier nicht nur ein Genußmittel, sondern auch ein nnentbehrliches Nahrungsmittel fei, verlang» Dr. Holitfchcr- Prickenhammer, daß die Verteidiger des Nährwertes des BiereS die richtige Schlußfolgerung ziehen und den Biev- verbrauch ebenso unter Aufficht nnd Begrenzung stellen wie den Beo- brauch anderer aus Brotsrucht hergestellter Nahrungsmittel, und zwar durch Einführung der Bierkarte. Drei Liter Bier enthalten etwas mehr Nährwerteinheite» als 1 Pfd. Brot; wer daher eine Bierkarte auf 3 Liter nimmt und verbraucht, dem wird daffir auf seiner Brot» karte ein auf 1 Pfund lautender Abschnitt entwertet. Denn der Bier- trinker hat kein Recht, mehr Nahrungsstoffe zu verbrauchen als der Nichttrinkcr. Schach. S. L o y d. zquig lairtsi i+818) Weiß zieht und macht Remis. Lösung,-o- 11— öMI— SJH h»nq giuxajß ?vq quii;?izi 5: iXM'! 111'S(SXl M-u -l-O-l Z- öl 1P1 l Nachstehende Beratungspartie ist im Budapester Schach- klub gespielt: Weiß BaraSz und Verbündete gegen Schwarz A b o n y i und Verbündete. Tamenbauerncrössniing. 1. d2— d4 d7— dö 2. Lei—£4 c7— c5 I Die richtige Entgegnung au> den Tcrlzug von Weiß. Bei anderen üblichenForlsetzungcndcSAiiziebendcn. wo irühcr oder später e;J—«4 geschieht. gehört der schwarze Damen- läuserbaucr u. E. nach eS! 3. e2— e3 Sb8— c6 4. c2— c3 8�8—£6 5. Sbl— d2 e7— e6(Lf5!) 6. Lfl— d3 Lf8-d6 7. Sgl—£3..... LgO oder LXL war da? richtige. Die durch den Tcrtzng zugelassene Bauclirzerrüttung rächt sich später. LdöXf* 8. e3Xf4 0. c3Xd4 10. Sd2— b3 11. a2— a4 Besser war Del 11...... 12. Kel— e2 13. Tbl— el 14. Ke2—£1 15. Tel— e3 16. Ld3— bö 17. Sb3— el 17......"DXb2?; c5Xd4 JMS— b6 »7— a5 nebst cvcnt. Sc5. Db6— b4t S£6— e4 0-0 £7—£5 Lc8— d7 Ta8— c8 I1b4— d6 18. Sd3, Dc3; 19. Sc5 mit Figurcngewinn. 18. Sei— d3 Tc8— c7 10. LböXtÖ..... Ter Austausch ist durch nichts ge- rcchiscrtigt. �813— oä!) 10...... 20. Sf3— e5 21. Ddl— el 22.£2—13 23. Se5Xc6 Ld7Xc6 Tf8— c8 37— b6 Se4—£6 Vorzuziehen war 32—34 23...... Tc7Xe6 24. Del— e2 S£6— d7 Schwarz steht günstiger und will mit Recht die Vcrivickeluugcn. die sich au» 24...... To 2 ergeben. nicht riskieren. Z. B.: 25. TXe6, TXD; 26. TXD, T8c2; 27. Tel. TXg2; 28. Td8t, KT7; 29. Seöf, Ke7; 30. ScOf:c. 25. Tal— el 26. Sd3— c5 27. De2— 35 28. Te3— c3 867—£8 Tc0— c2 Tc6— c2 Dies sieht zwar plausibel aus. ist aber nicht das richtige. Bester war Td3 und falls hieraus T8c2, so Turrn- lausch nebst De8. 28...... 066—68 1 Hiermit droht Dbl' 20. Tc3Xc8 Dd8Xc8 Dh4'£ geht jetzt nicht wegen SdS. 30. Se§— c6..... Aus DXb6 V würde Dc2 folgen. 30...... Dc8— c7 31. Kfl-gl?..... Mehr Widerstand leistete 3l. g3, TXb2; 32. Te2:c. 31...... 32. Kgl— hl Droht Dd2 33. Sc6— eo 34. 32—33 Es drohte DX� 34...... 35. Tel— gl Sonst DeS 36. 035— 33 Ausgegeben. Dc7X« Td2— c2 Df4Xdl Dd4—£2 Df2— e2 Tc2Xb2 _?>c r' i i 1 1 im,»-•oi uui« in in» ui un- u I. V a-w" i/>>«—— i~"n------"___'_____•____________—■--— ex-—_■— — Verantwortlicher R-dalteur;«lsre�WieZevt». ScujiUfl. güi fies Inseratenteil verantw.: Th. Glocke. Berlin. Druck u, Verlag:«orwarlj» Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Eo, Berlm SW,