it. 173.— 1915. Unterhaltungsblatt ües Vorwärts Die Crmoröung von saures. Von den Wirren und Stürmen des ausbrechenden Krieges ist der Tod von Jaures vor einem Jahre alsbald verschlungen worden. Taß das Herz des internationalen Sozialismus zu schlagen ausgehört hatte, wo die Welt seiner Glut und Krast am dringendsten bedurfte, machte uns alle erslarren. Jetzt, nach einem Jahre, wo wir noch täglich unter den Kolgen dieses wahnwitzigen Verbrechens qualvoll leiden, soll die Erinnerung an das unselige Er- e,gnis aufgefrischt werden. M. Beer hat in seinem schlichten und«indringlichen Gedächtnisbüchlein:„Jean Jaurhs, sein Leben und Wirken", das soeben im Verlag der Internationalen Korrespondenz, Berlin-Karlshorft l Preis 10 Pf.), erschienen ist, seinen Tod und das Echo, das er im proletarischen Frankreich fand, geschildert. In den letzten zehn oder fünfzehn Jahren machten sich im Geistesleben Frankreichs Bestrebungen bemerkbar, die auf eine wachsende Abkehr vom Nationalismus, das heißt auf eine Abnahme des Vertrauens zur Vernunft hindeuteten. Tie philosophischen Grundgedanken der französischen Revolution, die auf die Allmacht der Vernunft sich stützten, wurden immer mehr angezweifelt, und man neigte zur Neberzeugung, daß die Instinkte, Triebe und Leidenschaften oder die irrationalen fnicht-vernunftgemäßens Be- standteile des menschlichen Geistes ursprünglicher und mächtiger seien und kräftigere Beweggründe zum menschlichen Handeln lieferten als die vernünftigen und logischen. Noch mehr: die ganze Weltentwickelung sei alogisch: sie habe nichts mit Ucberlegung zu tun, sondern werde von irgendeinem inneren und unberechenbaren Lebenstriebe erzeugt. Die neueste Psychologie(Lehre vom mensch- lichen Geiste) ist bereits stark irrational. Die Abkehr vom Rationalismus hat eine tiefe Bedeutung für das soziale Leben. Sie bedeutet in der Religion eine Stärkung des Glaubens und des Wunders; in der Politik eine Wieder- belebung der Monarchie und der nationalistischen Instinkte; ja, die Stärke des Syndikolismus ist enge verbunden mit der Hochschätzung der elementaren Instinkte der Massen, der Unterschätzung voraus- sehender organisatorischer Arbeit, dem Wunderglauben an den Generalstreik: an die höchste Aeußcrung des Lebenstriebs des Proletariats. Diese knappe und gedrängte Kennzeichnung der neuesten Aeyßerungen deS französischen Geistes dürfte es einigermaßen begreiflich machen, daß hervorragende französische Katholiken. Roda- listen, Chauvinisten und Syndikalisten gemeinschaftliche An- tnüpfungspunkte fanden und zusammen gegen die Republik, gegen die Aufklärung und gegen die Sozialdemokratie wirkten. Jaurss, der geistige Erbe der französischen Revolution, der Rationalist, der Republikaner, der Freidenker und internationale Sozialdemokrat, der mit eherner Logik und unübertrefflicher Sprachgewalt seine Ideen verteidigte und verbreitete, galt den Jnstinktanbetern, Alogikern und Romantikern als der Inbegriff alles Falschen und Schlechten. Der Haß gegen ihn steigerte sich mit dem Wachsen des wiedercrwachten Nationalismus, mit der Zu- nähme der weltpolitischen Spannung, die durch den Konflikt über Marokko, den Abschluß des englisch-französisch-russischen Einver- ständnisses, die Einkreisung und Isolierung Deutschlands vcrur- sacht wurde und den Revanchepolitikern neue Hoffnung gab. Nach dem Ausbruch des serbisch-österreichischen Konflikts witterten die Rationalisten Blutgeruch und nahmen die Feinde des Vaterlandes aufs Korn. Jaures wurde vom„Tempi" zu einem öffentlichen Feinde gebrandmarkt, und die„Action Frangaise", dieser Mittel- Punkt aller oben gekennzeichneten Tendenzen, übertrumpfte den „Temps" und schrieb:„Jeder weiß es: Herr Jaures— c'est rAllemagne." Jaures ist Deutschland— er ist der Verräter Frankreichs(18. Juli lgl4l. Tie Leute um die„Action Frangaise" stnd die französischen„Schwarzen Hundert"— fanatische Hetzer, denen Apachen und Bravos stets zur Verfügung stehen. In den kritischen Tagen vom 25, bis zum 31. Juli wirkte Jaures in Wort und Schritt in Paris, Lyon und Brüssel für den Frieden. Am ver- hängnisvollen 2tbend des 31. Juli war er zusammen mit Renaudel und Longuet beim Ministerpräsidenten Viviani, um int Namen des französischen Sozialismus die Regierung sür die Ausrechterhaltung des Friedens zu gewinnen. Was dann folgte, erzählt die„Huma- nite" vom 1. August 1914: Jaures kam kurz vor 8 Uhr(31. Juli, abends» in die Redak- tion. Er war vom Ministerium des Auswärtigen zurückgekommen, wo er, von der sozialistischen Fraktion beqhiftragt, Herrn Rene Die Crweckung öer Maria Carmen. Stj Bon Ludwig Brinkmann. Ter junge Mann ermüdet mich. Jede Geiellfchatt die von Amerikanern im Lande gegründet wird, erbost ihn bis zur giaserei. Ich kann es aber doch nicht ändern. Mir tut es selbst leid, daß die herrlichen Möglichkeiten dieses Landes uns so entgehen;— ich habe aber daS Meine getan, bin mit gutem Beispiel vorangegangen. Nun mögen andere ihr Glück vor- suchen!— Ich habe also Stuarts und meine Angelegenheit in die Hände eines Rechtsanwaltes gelegt, der nach Empfang seines Vorschusses sich daran machte, den Gejellschaftsvertrag des Jmparciol zu studieren. Er ließ sich auch in einen spitzfindigen Briefwechsel mit Powells Rechtsbeiständen. oen Herren Abrahams, Adaro u. Co.. ein. aber es kam nicht eben viel dabei heraus; unser Gegner hat unstreitig nach dem Wortlaute des Vertrages das Recht auf feiner Seite, da eine Aweidrittelmajorität olles anfangen kann, was ihr beliebt, vor allen Tingen die Auf- lösung der Geiellfchaft zu erzwingen vermag. Unser Rechts- freund schlug zwar vor. trotzdem eine Klage anzustrengen; aber er war ehrlich genug zu bemerken, daß auf unserer schlechten Grundlage einem so reichen Mann wie Powell gegenüber die Sache ziemlich aussichtslos sei. So unterblieb das natürlich, und ich wandte mich der anderen Aufgabe zu; Käufer oder wenigstens Bieter sür die Maria Carmen zu finden. Im Laufe dieser Jahre habe ich wohl einige Herren dem Namen nach kennen gelernt, die sich für Minen interessieren, Kapitalisten und Agenten; und auch Tickinson hat mich reich- lich mit Adressen, Einführungsbriefen und Winken versehen. Aber überall, wohin ich kam und wo ich meine Geschichte und Wünsche vortrug, fand ich eine bitterkalte Aufnahme. Interesse war ja genügend vorhanden, was in der Silber- großsiadt nur selbstverständlich ist, und niemand wurde müde, meinen Tarstellungen bis in die kleinste Einzelheit zu folgen; man verschlang geradezu alle meine Neuigkeiten; aber�venn es hieß, mit hunderttausend oder mehr Pesos in der Tasche nach Lama zum Auktionator zu fahren und die Grube zu kaufen, dann schlugen alle die Hände über dem Kopfe zusam- men. als sei eine solche Summe etwas ganz Ungeheuerliches. Viviani besuchte; Renaudel und Longuet hatten ihn dorthin be- gleitet. Er unterhielt sich sodann einen Augenblick mit dem Ge- schäftsleiler der„Humanste" und mit einigen Freunden. Er hatte noch nicht zu Abend gegessen und noch viel zu tun. Man ging ins Restaurant Croissant hinunter, das nur wenige Schritte von der Redaktion gelegen ist, und Jaures und seine Freunde nahmen am langen Tische Platz, links vom Eingang. Der Ernst der Stunde hielt alles in tiefer Erregung. Er gab Instruktionen an seine politischen Mstarbeiter. Das Abendessen war bald zu Ende. In diesem Augenblick stand Bürger Doli«, der Redakteur des„Bonnet Rouge", aui und zeigte den Tifchnachbarn von Jaures eine Photo- graphie.„Das ist das Bild meiner jüngsten Tochter," sagte er. „Darf man es sehen?" fragte Jaures freundlich. Er nahm daZ Bild, betrachtete es einen Augenblick, erkundigte sich nach dem Alter des Kindes und machte dem Vater einige Komplimente. ES war zwanzig Minuten vor zehn. Plötzlich krachten zwei Revolverschüsse durch das offene Fenster, an dem JaureS saß. Sofort hörte man den Schrei einer Frau: „Jaures ist getötet! Jaures ist getötet!" Wie eine leblose Masse war Jaures auf die Bank dahin- gestürzt. Sämtliche Gäste waren nunmehr auf den Beinen und schrien und drängten sich um ihn. Während einer Minute herrschten Verwirrung und Bestürzung. Während sich einige Freunde von Jaures auf die Straße stürzten und den Attentäter verfolgten, legte man den Gemeuchelten auf die Bank hin. Er atmete kaum. und seine Augen waren geschlossen. Hatte er das Bewußtsein, daß ein Verbrechen an ibm verübt worden sei? Darauf wird man nie mit Sicherheit antworten können. Ter Tod trat nicht äugen- blicklich ein. Während man aus die Ankunft eines Arztes wartete, trat einer der Gäste, ein Apotheker, an Jaures heran, fühlte ihm den Puls und schüttelte bedenklich den Kopf. Man entblößte ihm die Brust, das Herz schlug kaum noch. Man legte den Körper auf den Tisch. Eompere-Morel, der inzwischen herbeigeeilt war, hielt weinend die leblose Hand. Renaudel versuchte, mit seiner Ser- viettc das Blut zu stillen, das aus der Wunde— einer kleinen roten Lefsnung im Hinterkops— floß... „Meine Herren," sagte der Arzt, nachdem er den Körper unter- suckst hatte,„ich fürchte, ich habe hier nichts mehr zu suchen." Drei Minuten später erklärte er:„Jaures ist tot." Der Ministerpräsident Viviani, der eine Revolte der Pariser Arbeiter befürchtete, ließ am 1, August an die Mauern von Paris folgenden Aufruf anschlagen: „Ein abscheuliches Attentat wurde soeben begangen: Herr Jaurss, der große Redner, der der französischen Tribüne Glanz ver- lieh, wurde m seiger Weise ermordet. Im Namen der ganzen Re- gierung entblöße ich mein Haupt vor dem Grabe des sozialistischen Republikaners, der sür so edle Ziele gekämpft und der in diesen schweren Zeiten im Interesse des Friedens die patriotische Aktion der Regierung unterstützt hat. In der ernsten Krise, die das Vaterland durchmacht, rechnet die Regierung auf die Vaterlands- liebe der Arbeiterklasse wie der ganzen Bevölkerung, daß sie die Ruhe wahren und die öffentliche Erregung nicht noch steigern wer- den durch eine Agitation, die die Hauptstadt in Uitorduuug versetzen könnte. Ter Menchelmörder ist verhaftet; er wird der Strafe nicht entgehen. Möchten alle Bürger Vertrauen in das Gesetz haben! Geben wir alle in dieser schweren Gefahr ein Beispiel der Kaltblütigkeit und der Etnigteit!" Die gesamte französische Presse— einschließlich des„Temps" und der„Action Franpaise"— verurteilten den Meuchelmord. Rückhaltlos zollte sie dem großen Toten ihre Achtung und Be- wunderung. In der„Humanite", die Jaures im Jahre 1904 gegründet und ihr tagtäglich seine beste Kraft gewidmet hatte, veröffentlichte Marcel Sembat— in normalen Zeiten der geeignetste Nachfolger Jaures'— folgenden Artikel: „Sie haben ihn uns in der schrecklichen Stunde genommen, wo Frankreich ihn mehr denn je braucht. Ach, die Narren, die ihn be- schimviten! Jetzt, wo er nicht mebr unter uns ist, merken sie seinen Wert: hie Größe des Verlustes erschreckt sie. Sie erblicken jetzt in ihm eine L-uelle bes Lichts, nachdem das Licht erloschen ist. Im Kriegssahr 1870, inmitten des nationalen Zusammen- bruchs, versuchte Frankreich, die Trümmer zu sammeln, und es fand in Gambetta den Mann für die höchsten Anstrengungen. Jetzt, da Jaures tot ist, wer ist denn unter uns von dieser Größe, um die furchtbare Rolle zu übernehmen? Er ist verschwunden: der Schrecken ersaßt unsere Gegner, daß er verschwunden ist. Unsere Gegner? Warum nur von diesen sprechen? Wie steht es mit uns? Im Frühjahr verloren wir Francis Pressense und jetzt Jaures! Es war die alte Geschichte: Geld hatte man genug, aber keines flüssig. Toch ich ließ mich nicht so leicht entmutigen. Ich suchte eine Geiellschasl zusammenzubringen, vielleicht drei Rtänner, von denen jeder im Falte des Erfolges einen Anteil über- nehmen sollte, lins beiden, Stuart und mir, wäre das auch lieber gewesen, da es ja nicht angenehm war, wenn ein anderer wiederum dieselbe Macht wie Powell in einer Hand vereinigte. lind es gelang mir, die Sache so weit zu fördern, daß der eine oder andere versprach, mit Tickinson zwecks gemeinsamen Vorgehens bei der Versteigerung in Korrespondenz zu treten. Sebr viel Befriedigendes kam auch dabei nicht heraus, da doch mein Hauptziel war, jemanden zu einem weit höheren Angebote als hunderttausend Pesos zu verleiten; aber überall, wo Tickinson beteiligt war, klang als obere Grenze dieser Betrag durch, und meine neuen Bekanntschaften schienen auch nicht geneigt zu sein, bedeutend höher zu gehen. Indessen war doch ein erfreulicher Ansang gemacht. Ter Imparciat begann in der Hauptstadt an Interesse zu gewin- nen, und manche Leute sagten fest zu, zum Versteigerungs- termine nach Lama zu fahren, wenn es auch keinen anderen Zweck hätte, als den Minendistrikt von Taviche einmal kennen zu lernen. Und darauf entwarf Tickinson einen ganz schlauen Plan, nämlich die kapitalkräftigsten und besonders interessiert erscheinenden Leute zur kostenlosen Fahrt einzuladen. Tann brächte man sie zunächst zusammen zum Ziele, und am Abend vor der Versteigerung würde ein Versuch gemacht, so etwas wie eine Kausorganisation zu gründen. Die Hauptsache sei; den Interessenten eben einmal vorher die Maria Carmen zu zeigen, was Powell nicht verwehren dürfe; und wenn sie den Hausen Silbererz im Patio sähen und ein opulentes Mahl bei Tickinson genössen, würde die notwendige Begeisterung schon kommen. Die Kunst ist eben: die Amerikaner zu enthu- siasmieren— dann sind sie zu allem sähig. Ter Plan war klug, wenn auch sehr kostspielig. Toch Tickinson wollte uns das nötige Geld zu diesem Zwecke zur Verfügung stellen, und Stuart und ich hatten eben alles zu gewinnen oder alles zu verlieren. Inzwischen wurde mit einer wahrhaft unanständigen Eile, die Powell augenscheinlich nur durch mächtige Trink- geldipendcn an die sonst so langweiligen Behörden erzwungen hatte, der zweite Tezeinber als Versteigerungstermin von den Herren Abrahams, Adaro u. Co. festgelegt, und ich ließ nun, da wohlweislich von Powells Seite nichts dergleichen geschah. in ein paar mexikanischen und amerikanischen Zeitungen ein Jaures stirbt, die Mobilmachung ist erklärt. Jaurös gebt, der Krieg kommt. O, wenn man auf seine Worte gehört, wenn man seinen Rat besser befolgt hätte, vielleicht wären wir jetzt nicht in den Krallen des Ungetüms. Man stimmte ihm zu— ja ich weiß es. ich sah es, wie die Minister ihn ausfragten, seinen Rat suchten. Aber mau stimmte ihm allzu leicht zu! An Stelle der klaren und in- telligenten Aussprache, die er empfahl, setzte man gewundene, doppelsinnige und konfuse Worte, die ohne Wirkung blieben. So ist das Gute, das er seinem Vaterlandc tun wollte, verhindert worden. Grausam wäre sein Schmerz, wenn er die jetzt veröffentlichten Mobilmachungsbefehle gelesen hätte. Aber alle, die ihn kannten, würden darauf schwören, daß Jaures trotz alledem auf die Aufrecht- erhaltung des Friedens gehofft und mit seinem tapferen Optimis- mus bis zu Ende für ihn gekämpft haben würde. Er würde die An- sicht noch im letzten Augenblick abgelehnt haben, daß der Krieg unvermeidlich sei, auch wenn er die Movilmachungsorder gelesen hätte. Unsere Pflicht ist es, seine Arbeit fortzusetzen und mit aller Energie im Kampfe sür den Frieden zu beharren." In den drei Tagen zwischen der Ermordung und der Bestattung von JaureS weilten seine Freunde an der aufgebahrten Leiche. Die Witwe Jaures', die Tochter Madeleine und der Sohn Louis emp- fingen zahllose Beileidskundgebungen. DaS Leichenbegängnis fand am 4. August unter ungeheurer Beteiligung der Bevölkerung in Paris statt. Jllm Grabe sprachen Rene Viviani, Edouard Vaillant, Marcel Sembat, Ferdinand Buisson, Leon Jouhaux und Eamille Huysmans. Buisson sagte: „Ich überbringe den letzten Gruß an denjenigen, der das Muster und das Beispiel der Aufrichtigkeit war. Im Namen seiner Kollegen, Schüler und Lehrer der Universität begrüße ich den großen Bürger, der es immer und überall verstanden hat, das Vaterland in der Menschheit und die Menschheit im Vaterland zu lieben." Im Namen der Eonfederation Generale du Travail hielt Leon Jouhaux eine hinreißende Trauerrede:„... Freund Jaures, du Sendbote des Friedens, des internationalen Einverständnisses, du verläßt uns zu einer Stunde, wo, inmitten einer niederge- schmetterten Welt, die schrecklichste Kriegsepopöe, die je Europa mit Blut befleckte, ihren Anfang nimmt. Märtyrer dein» heißen Liebe zur Menschheit! Deine Augen werden den roten Schein des Weltbrandes nicht sehen und auf die schrecklichen Massen von Leichen nicht blicken, die die Kugeln zu Boden legen werden. Und das ist für uns Arbeiter ein Trost in unserer Trauer. Denn wenn dir, du edles und tapferes Herz, die Kriegsschrecken erspart bleiben, so werden doch dein Andenken, dein Bild in diesen tragischen Tagen stets vor unseren Augen schweben, um uns in der blutigen Nacht. die sich auftut, zu begleiten und zu hüten. Vor dieser Bahre, wo der Größte der Unseren kalt und leblos ruht, haben wir die Pflicht zu sagen und mit aller Kraft zu erklären, daß es zwischen ihm iinv uns keine scheidende Schranke gab. Man konnte glauben, daß wir die Gegner von Jaures waren. Wie hat man sich getäuscht! Wohl gab es zwischen uns und ihm taktische Meinungsverschiedenheiten. aber im Grunde haben seine und unsere Aktion einander vervoll- ständigt. Sein intellektuelles Wirken erzeugte unser praktisches, tatkräftiges Wirken. In den großen oratorischen Auseinander- setzunaen, die durch die sozialen Fragen verursacht wurden, brachte uns Jaures Licht. Mit ihm haben wir immer kommuniziert. Jaures>var unsere Gedankenwelt, unsere lebendige Lehre. Aus seinem Bilde, aus seinem Andenken werden wir in der Zukunft unsere Kraft schöpfen." Eamille Huysmans sprach im Namen des Internationalen sozialistischen Bureaus:„Zehn Millionen organisierte Arbeiter und Sozialisten sahen in Jaures die Verkörperung de§ edelsten, be- redtesten und vollkommensten Strebens des Sozialismus. Das Genie von Jaures schloß sich nicht im Rahmen einer Partei an. Er war noch mehr als der Vertreter einer Klasse. Er war das Sinnbild des Zeitalters. JauröS gehörte nicht nur den Franzosen. Er gehörte allen Nationalitäten. Sein Hinscheiden, sagte gestern ein englisches Blatt, ist eine europäische Katastrophe. Ich eriimere mich auch, was er für die Arveiter anderer Länder bedeutete. � Ich sehe noch, wie die Delegierten anderer Länder mit ihrer Entschei- dung warteten, bis Jaures gesprochen hatte; und wenn sie nicht in der Lage waren, mit ihm übereinzustimmen, so liebten sie es, sich seiner Auffassung zu nähern. Er war mehr als ein Künstler— mehr als ein großer Redner. Er war das Gewissen: er war eine moralische Macht. Er verstand es, ein Beispiel der Disziplin zu sein... Tie Ermordung des größten Bürgers war die Ankündi- gung des größten Unheils, und man möchte fastjügen, daß das Schicksal sich vorgenommen hätte, die barbarischen Szenen dem unermüdlichen Lpttmismus desjenigen zu ersparen, der trotz alledem auf dem Glauben an den endgültigen Sieg der menschlichen Ver- nunst unerschütterlich beharrtc."_ entsprechendes Inserat einrücken, in dein ich den Wert der Mine in rosigsten Farben schilderte; zu weiteren Auskünsten gab ich die Adresse meines Rechtsbeistandes auf. Und schließlich, um allem die Krone auszusetzen, begann ich noch) ein Stück journalistischer Tätigkeit: ich schrieb einen glänzenden Artikel für den„Mexican Herald" über den reichen Silberbergbau im Tale von Oaxaca im allgemeinen und über die Schönheit der Maria Carmen im besonderen. Kurz, wir waren an der Arbeit— Powell sollte es schon spüren! Die Hoffnung unsere Mine uns zu erhalten, haben wir aufgegeben: aber das Kapitat soll uns bleiben!— In allen solchen Enttäuschiingen, neuen Hoffnungen, Fehlschlägen waren Tickinsons Briefe meine einzige, wirkliche Hilfe. Von Stuart erfuhr ich kaum etwas; der ist ein schlechter Plauderer, aber ein noch viel schlechterer Schreiber. Eine lakonische Briefbestätigung und eine Bemerkung, daß es „soweit" ihm wohl ergehe, das war alles, ivas ich zu hören bekam. Ganz anders Tickinson; der verfolgte jede Phase meiner Tätigkeit mit lebhaftestem Interesse, und wenn er auch nur kurze, sachliche Briese schrieb, so verging doch kaum ein Tag, ohne daß ich von ihm zu hören bekam. Ich fühlte mehr und mehr in die Denkweise dieses wahrhaft großen Mannes ein, und meine Bewunderung stieg natürlich immer höher, so daß sie fast zu der Liebe, in der vertrauend der Sohn zum Vater aufschaut, erwuchs. Ein Schatten über dieses Verhältnis wart nur mein Mitwissen an Jones Beziehungen zu Stuart. Hätte er mir doch nie etroas davon gesagt! Ich kann mir nicht Helsen; so freundlich sich manches wohl anzulassen scheint; dieser finstere Schatten überwölkt uns den Himmel, und es gelingt mir nicht, mich zum Hoffen, zum felsenfesten Vertrauen zu ermannen—-- Es ist vielleicht Kinderei, sünglinghafte �krupulosität; wer kann aber gegen seine Gesühle?— Wie gesagt, meine Zeit ist nicht sonderlich ausgefüllt ge- wesen, wenn auch so manches angeregt wurde. Zumeist war meine Beschäftigung Schwatzen— das ist aber kaum als Tätigkeit zu bezeichnen. Mein Arm ist nun ganz verheilt, aber etwas steif ge- blieben, und die Erinnerung an mein Liebesabenteuer wird wohl sobald nicht verschivinden; daher iit die Lust zu einem neuen nicht gerade groß: vielleicht habe ich auch den Kopf zu voll von allerhand Sorgen. Ich habe mich nicht einmal darum gekünunert, ob Jeannette noch in der c-etadt weilt. In solchen erregten Zeiten vergißt man rasch. (Forts, folgt.) Die Julirevolution. Der Wiener Kongreß hatte vor hundert Jahren eine Organi- tation, wenn nicht der Staaten und LZölker, so doch der Fürsten Europas zustande gebracht. Man hatte untereinander die Länder aufgeteilt, die Grenzen berichtigt. Verfallenes wiederhergestellt, die Fürsten waren wider ihre Untertanen solidarisch vereinigt. Vor allein war es daS durch die Wiederkehr der Bourbonen„restaurierte' Frankreich, das, immer noch revolutionsverdächtig, unter die Vor mundschaft Europas gestellt wurde. Von den fünf Europa verwaltenden Großmächten waren die drei östlichen absolutistisch regiert: Oesterreich, Preußen, Rußland. Die beiden Westmächle, Frankreich und England, besaßen eine kon- stituiionelle� Monarchie, in der die Massen rechtlich einflußlos waren. Die neue französische„Charte" knüpfte das Wahlrecht an einen Steuersatz von tzllO M.— daher die Bezeichnung der Regierung Ludwigs XVIII. und Karls X. als Zensusköuigtum. Die ganze Politik der Zeit war eine monarchisch-fcudale Ver- schwörung gegen die Freiheit. Es galt die Ausrottung des revo- lutionäre» Giftes bis zur Wurzel. Dem herrschenden Grundsatz der Intervention in die inneren Angelegenheiten der anderen Mächte widerstrebte nur England. Das Haupt der reaktionären Jnter- venlionspolilik war damals nicht sowohl Rußland, verkörpert durch den Zaren, als Oesterreich in der Person des allmächtigen Ministers Metlernich. Dieser ebenso kluge wie seelenlose Staatsmann teilte die Menschen in ruhige Untertanen und Jakobiner, die vernichtet werden mußten. Jakobiner war jeder, der für nationale Einheit, für Verfassung, für Schwurgerichte, Pressefreiheit wirkte, oder auch nur verdächtig war, einen philosophisch freigeistigen Gedanken in seinem Hirn zu hegen. Unmittelbar nach den Freiheitskriegen spielte dagegen Zar Alexander I. den Liberalen und hielt es, wegen der russisch-ösler- rcichischen Machtgegensäye mit den westeuropäischen Reformen. Aber es gelang bald Metternich, den jakobinernden Zaren durch wilde Denk- schriflen von der revolutionären Gefahr zu überzeugen und ihn in die Heilige Allianz zurückzubringen. Es war keine proletarische Massenbewegung, die man verfolgte. Der Kampf galt der auf- strebenden Bourgeoisie, der Intelligenz und deS Industrie- und Handelskapitals, die sich von dem klerikal-feudalen Grundadcl, dem Polizeistaat, der absoluten Monarchie zu emanzipieren strebte.„Die mittleren Klassen sind es", so schüchterte Metternich den Zaren ein, „die von dieser moralischen Krebskrankheit gewonnen worden sind. Das Volk scheut diese Bewegung; die in Aufregung be- findlichen Klasten sind die Geldicute, die Staatsbesoldeten, die Gebildeten, die Advokaten, die Leiter des öffent- lichcn Unterrichts. Ihr Feldgeschrei„Konstitution" bedeutet Umsturz und Verwirrung. Inmitten der Erregung der Leiden- schaften darf man nicht an Reformen denken; die Klugheit gebietet, daß man sich in solchen Zeiten auf die Erhaltung beschränkt". Die Liberalen beschimpfte Metternich als„skrupellose Glücksritter, Heuchler, Hirnverbrannte, falsche Geister und Projektenmacher". Die Landplage aber, die ihnen Kraft gebe, sei die Preßfreiheit. Nur 15 Jahre dauerte der Versuch Metternichs, Europa als einen einheitlichen Polizeistaat zu regieren. Die Juli- r e v o l u t i o n des Jahres 1830, der revolutionäre Erhebungen in Spanien, Portugal, Neapel und Sardinien vorausgegangen waren, vernichtete die europäische Schreckensherrschaft des österreichischen Staatsmannes. In Frankreich hatte Ludwig XVIIL mehr und mehr versucht, das ganze Wesen der alten, durch die große Revolution ver- scklungenen Bourbonmonarchie wiederherzustellen. Sein leitender Ministe Villsle regierte wie Metternich. Schon sprach man— nach der weißen Farbe der Bourbonfahne— von der Herrschaft des „weißen Schreckens". Im Herbst 1824 starb Ludwig und ihm folgte Charles X., jener Emigrant, der einst als Graf Artois an den Höfen Europas schmarotzt hatte, um sie hochverräterisch zum Kriege gegen sein Vaterland zu veranlassen. Mit ihm kehrte in der Tat die vor- revolutionäre Herrschast zurück. Er trieb schamlos freche und borniert feige Emigrantcnpolitik. Ein witziges Wortspiel nannte ihn, -dsn man für einen geheimen Jesuiten hielt, den TAbbe Tise (la bStise, die Dummheit). Dreierlei erstrebte der letzte Bourbone: die Ausrottung des Un« glaubens, die Vernichtung der Preßfreiheit, die Entschädigung des durch die Revolution von ihren Gütern vertriebenen Emigranten- adels. Er suchte das im fortgesetzten Kampf mit deir Kammern durchzusetzen, deren Opposition er durch Bestechung, Wahlinacht, Staatssireiche zu brechen suchte. Die Baucrnbcvvlkerung deS dama- ligen Frankreich war durchaus reaktionär. Das städtische Proletariat, durch strenge Koalitionsverbotc jeder Organisationsmöglichkeit be- raubt, konnte weder lesen noch schreiben, und war ebenso wie das politisch stumpfe Kleinbürgertum vom Wahlrecht ausgeschlossen. Die Opposition gegen die Monarchie und die klerikal-feudalen Grund- bcfitzer führten Journalisten, Professoren, Advokaten, hinler denen als treibende Macht die Textilfabrikanlcn und Hüttenbcsitzer Nord- frankreichs und die Bankiers von Paris standen. Die klerikale Politik wird durch die Kirckicnfrcvclvorlage gekenn- zeichnet, die für Einweihung der heiligen Gefäße und den Einbruch in Kirchen den Tod bestinimte, für Hostienschändung den Tod des Vatermörders lHinrichtung nach Abhanung der rechien Hand). Die gefügigen Kammern nahmen das ungeheuerliche Gesetz an, nur die Vatermordverschärfung strichen sie. Für die Entschädigung der ehe- maligen Emigranten wurde eine Kapitalabfindung von einer Milliarde aufgesetzt, deren Zinsen durch Konvertierung der Rente gewonnen wurden. Das Gesetz ging den: Adel nicht locit genug, die Zins- Herabsetzung der Rente erregte die Opposilion dcr bürgerlichen K apilalisten wie der Kirche. Die Masse deS Volkes aber sah in dieser Eni- schädigung eine Beraubung der Armen zugunsten jener verhaßten Feudalherren, von deren Herrschaft die Revolution Frankreich be- ireit halte. Die leidenschaftlichste Opposition fand daS Prcßgesctz, das geradezu auf die Zerstörung des Buchdrucks überhaupt abzu- zielen schien. So nicdcnrächtig waren die Schikanen aller Art, die Zensulvorschriften, die Stempelbelastung. die elastischen BeleidiguugS- Paragraphen. Als der Minister den Entwurf ein Gesetz der Liebe und Gerechtigkeit nannte, wurde das„Liebesgesetz" ein aufpeitschendes Schlagwort der Zeit. Uebrigcns mußte die' Regierung den Entwurf zurückziehen. Tie Reden der Opposition in der französischen Kammer waren in diesen Jahren Trost und Hoffnung der geknechteten europäischen Menschheit. Alle Freiheitsschnsucht aber verdichtete sich in einem wundersamen Kultus Napoleons, dessen Gestalt nach feinem Sturze ins Riesengroße wuchs, und der nun allen als Heros der Befreiung galt. Besonders in den Mafien Frankreichs war die Trikolore Bona- parte? das hcilig-revolutionäre Symbol. Karl X. versuchte den wachsenden Sturm durch verschiedene schwankende Mittel zu beschwören. Das verspätete Experiment eines zu Zugeständnissen geneigten Ministeriums scheiterte rasch. Schließlich rief er die roheste Gewalt des reaktionären Terror zu Hilfe. Polignac, ein alter Vertrauter des Grafen Artois, ein boshafter, schwachsinniger Greis, sollte als leitender Staatsmann Frankreichs die Julircvolution entfesseln. Man glaubte das Mittel gefunden zu haben, der Gärung Herr zu werden. Weltpolitische Abenteuer, nationale Eroberungen sollten die Gemüter ablenken, Irgend ein Streich des Seeräuber-Dej von Algier gab den Vorlvaud' zu einer Erpedition nach Afrika— zum großen Mißvergnügen Englands. Man hatte die Fahrt nach Algier so eingerichtet,' daß die erwarteten Siegesmeldungen gerade in die Soinmerwahlcn von 1830 fallen und sie günstig im Sinne der Regierung beeinflussen mußten. Algier wurde nun binnen 20 Tagen erobert, aber man konnte die Zeit doch nicht richtig innehalten und lo kam die Siegesmeldung zu spät nach Frankreich. Sie hätte aber auch sonst niemanden beeinflußt; denn jedermann erkannte die Ex- pedition als ein Manöver, von der Bewegung im Innern ab- zuleiten. Noch einen anderen Triunrphzug in die auswärtige Politik plante man damals, dessen Ausführung die Julircvolution verhinderte; Frankreich hatte 1820 mit Rußland ein Bündnis ge- schlössen, das die Eroberung des linken Rheinnsers zum Ziele hatte. Im Bei trauen auf die Wirkung des auswärtigen Sieges hatte_ " Pergnttvortlicher Redakteur Alfreh Scholz. Feuköllzz, Züx den Jnjeratenteil verantw. Polignac den Staatsstreich gewagt. Wer die Neuwahlen ergaben eine überwältigende Opposition. Trotzdem fühlte sich die Regierung sicher. Sie Verlraute auf die Massen. Polignacs Anschauung war, daß das Volk nur Arbeit, wohlfeiles Brot und gelinde Steuern brauche, um ruhig zu bleiben; ein sozialpolitisches Programm, das man seitdem vielleicht vorgeschritten finden möchte, das aber da- mals die Ehre der revolutionär gesinnten Masse um so tiefer ver- letzte, als man dem König die Komödie einer Abordnung loyaler Kohlen- und Lastträger vorspielte, deren Sprecher das Wort ein- gelernt war:„Sire, ein Kohlenträger ist Herr in seinem Hause, machen Sie es auch so!" Und Karl X. folgte dem Rat! Während ringsum das Land von revolutionärem Brandstoff erfüllt war und in der Tiefe sich eine geheime Verschwörung organisiert hatte, trotzte der König der Volks- bewegung und unterzeichnete am 25. Juli jene„Ordonnanzen", durch die die Preßsreiheit aufgehoben, eine strenge Zensur wieder eingeführt, das Wahlgesetz geändert— Erhöhung des Zensus, in- direkte Wahl— die noch nicht zusammengetretene Kammer auf- gelöst wurde. Am 26. Juli wurden diese Verordnungen veröffentlicht. Gegen Mittag wurden sie bekannt. Die Straßen füllten sich mit Menschen, die Revolution brach wie aus allen Poren der Stadl hervor. Freilich es war nicht die bürgerliche Opposition in der Kammer, die den Kampf führte. Die Jornalisten protestierten, die Parla- mentarier verhandelten und stilisierte» Beschlüsse, man wollte den Boden der Gesetzlichkeit nicht verlassen. Die Massen aber handelten: Arbeiter, Kleinbürger, Studenten, Soldaten und Offiziere Napoleons, schlugen und gewannen jene dreitägige Volks- schlacht der Freiheit, die am 28. Juli begann. Die Regierung hatte den Belagerungszustand verhängt. 12 000 Mann Truppen standen in Paris dem König zur Verfügung, der selbst auf die Jagd gegangen war. In dem engen Gaficngewirr des alten Paris ivuchsen die Barrikaden aus. Am Donnerstag, den 29. Juli, einem strahlenden Sommerlag, war der Sieg des Volkes entschieden, tags darauf vollendet. Ein Teil der Truppen war zu den Revolutionären übergegangen. Die Besitz- und Namenlosen hatten die Julischlacht geschlagen. Karl X. flüchtete nach England. Dann aber, als das Werk getan, erschienen die besitzenden Bürger wieder, und bemächtigten sich des Ertrages. Keine Republik, keine Demokratie, keine Herrschaft der Masse I Thiers entwarf die Proklamation:„Karl X. kann nicht mehr in Paris regieren; er hat das Blut des Volkes vergossen. Die Republik würde uns furchtbaren Konvulsionen aussetzen, sie würde uns init Europa verfeinden I Der Herzog von Orleans ist der Re- volulion ergeben, das französische Volk ist es, von dem er seine Kvone haben wird". So stieg aus dem Opferblut des heldenhaften Pariser Volkes das Bürgerkönigtum Louis Philipps empor; und während die Kämpfer auf den Barrikaden nicht geduldet hatten, daß die Revo lution durch irgendwelche Plünderung befleckt würde, und selber mit ihren Leibern den Besitz beschützt hatten, begann die Zeit räuberischer Bereicherung für die Bourgeoisie, die laue und träge Politik der Rechten, der goldenen Mitte! Dennoch war die Wirkung der Julischlacht über alles gewaltig. Den in Knechtschaft schmachtenden europäischen Völkern schien es plötzlich, als ob die Pariser Julisonne ihnen die eiserne Kerker tür geschmolzen hätte, und sie in die neue Sommerfreiheit hinaus strömen könnten. Rkan muß in den Briefen hervorragender Deutscher jener Tage lesen, welche Begeisterung alles ersaßt, welche Hoffnung alles ergriffen hatte, wie sich die Menschen auf den Straßen freudetrunken umarmten und sich Glück wünschten. Ueberall brachen revolutionäre Bewegungen aus. Auch in Deutschland, in der Forni von Verfassungskämpsen und Demonstrationen, zugleich aber auch gesteigerte Verfolgungen, verschärfte Martern, verstärkter Druck. Kleine waghalsige Emeuten scheiterten rasch. Und während die europäische Politik jetzr durch den englisch-russischen Gegensatz bestimmt wurde, trauerten alle Völker. Dann aber kam 1848! Kleines Feuilleton. kwas, Sie mische Weihe. Kwas ist eine Art russisches Nationalgetränk und soll ein vor- züglichcs Turststillungsmittel sein. Prof. Kobcrt in Rostock, der früher lange Zeit auch in Torpat tätig war, hat in der Kriegszeit schon verschiedentlich seine Erfahrungen in den Dienst der Oeffcnt- lichkcit und namentlich des Ernäbrungswcscns gestellt. Es sei daran erinnert, daß er für die Bereitung des Blutbrotes wie überhaupt für die Ausnutzung des Blutes als Nahrungsmittel eintrat. Ebenso hat auch Kobcrt auf ein viel verbreitetes Getränk, das mit Hilfe von Lakritzen hergestellt wird, aufmerksam gemacht. Neuerdings wandte er sich, wie die„Pharmazeutische Zeitung" mitteilt, dem Kwas zu. Der Kivas läßt sich historisch außerordentlich weit zurückver- folgen. So kann Kobert nachweisen, daß das von Zosymos uns in griechischer Sprache überlieferte Rezept fast wörtlich aus dem Alt- babylonischen stammt, ja die alten Babylonier bereits„schwarzen", „roten" und erstklassigen„dicken" Kwas unterschieden. Nur das Wort„Kwas" ist nicht babylonisch oder griechisch, sondern russisch und bedeutet säuerliche Flüssigkeit. Neben der alkoholischen Gärung geht nämlich beim Kwas wie auch beim Weißbier auch eine milch- saure Gärung vor sich. Der Kivas wird in Rußland aus Brot und Milch bereitet und stellt ein Dünnbier dar, das meist weniger als 1 Proz. Alkohol enthält. Kobert dachte nun daran, jetzt, da wir so viele russische Gefangene iin Lande haben, von denen ganz bcstimnit eine recht beträchtliche Anzahl des Kivasbereitens kundig ist, diese Kunst auch bei uns einzuführen. Daß er damit nicht auf viel Gegenliebe stieß, ist nicht ivciter verwunderlich, da man doch in unserem hoch- entwickelten Gärungsgewcrde danach strebt, jede sogenannte wilde Gärung auszuschließen. Ist man doch hier ganz besonders stolz, und das mit Recht, auf Erfolge, die man vor nicht allzu langer Zeit bei der in Berlin einst so beliebte»„kühlen Blonden" erreicht hat. Etwas anderes dürfte es aber bei den Truppen sein, die in russischen Gebieten stehen und ihren Durst nicht so leicht mit ein- wandfreiem Wasser stillen können. Hier dürfte sich Kwas vielleicht schon manchen Freund erworben haben, und vielleicht hat mancher unserer Feldgrauen bereits einen gründlichen Einblick in die Kunst des Kwaskochens getan.__ Volkszählung bei öen Seelöwen. Da die Seelöwen, die an den Küsten des Berings- Meeres und auf den Aleuten bausen, Eigentum der amerikanischen Regierung sind und diese ein Interesse an der Feststellung hat, ob die Kopfzahl dieser iseclöwe» zu- oder abnimmt, so sendet sie alle Jahre einige Vertreter nach Alaska, um eine Zählung der Scclöwe» vorzunehmen. Das Unternehmen ist nicht ganz leicht, denn die Tiere halten sich anc liebsten in loild zerklüfteten Felspartien auf, und es erfordert eine beträchtliche Gewandhcit, um bald über Klippen und Felsblöcke am Meresrande, bald über klaffende Fclscngratc über dem Meere hinwcgzuklettern. Ueberdies sind die Tiere sehr scheu; es kommt daher darauf an, sie an Gewandhcit zu übertreffen und ihnen durch eine strategische Wendung den Rückzug nach dem Meere abzuschneiden. Wie viele Familien auf dem von den Agenten gerade bereisten Gebiet Hansen, läßt sich aus der Zahl der männlichen Alten feststellen, die gewöhn- lich in den Klipepn liegen und beim Nahen eines Menschen hoch- schnellen, um sich möglichst rasch in die Fluten zu werfen. Schmie- riger ist es, die Zahl der Muttertiere und das Schwierigste, die der Neugeborenen des Jahres festzustellen. Immerhin haben sich Onkel Sams Sendlinge zu helfen gewußt. Da eine Seelöwin jährlich nur einem Jungen das Leben gibt, so braucht nur die Zahl der festgestellten jungen Seelöwen verdoppelt zu werden, um Mütter und Nachwuchs herauszurechnen. Wie werden nun aber die Spröß linge des Jabres ermittelt? Einfach genug. Anfang August, wenrt die Seelöwenjungen geboren und von ihren Müttern bereits ver- lassen sind, aber doch noch keinen längeren Aufenthalt in der See riskieren, treiben zwei Agenten, der eine von der Küste, der andere vom Lande aus die vorhandenen Tiere einander zu und scheuchen sie darauf vor sich her. Es entsteht dann ein Wettlauf längs der Küste; die Schwächsten und damit Jüngsten bleiben am weitesten zurück, die ältesten lütdcn die Spitze, die sich dazwischen Fort- schnellenden stellen die zwischen beiden geborenen Generationen dar. In dieser Weise ist es z. B. gelungen, auf einem Hügel der St.-Paüls-JnseMm Bcrings-Mecr innerhalb von 4 Stunden an- nähernd 11 000 Scclöwenjunge herauszufinden. Im ganzen ergab die im Vorjahre vorgenommene erste Zählung der Jungen 92 269 Exemplare, während als Gesamtsumme des Bestandes an See- löiven überhaupt 268 305 ermittelt wurde. Bei dem Schutze, den die amerikanische Regierung den Seelöwen angedeihcn läßt/dürfte sich ihre Zahl schnell vervielfältigen.' Notizen. — Musikchronik. Im Deutschen Opernhaus findet die Erstaufführung von Offenbachs phantastischer Oper„Hoff- manns Erzählungen" am Donnerstag, den 5. August, statt. — Das Blüthner-Orchester eröffnet seine diesjährige Spiel« zeit am Sonntag, den 3. Oktober, unter Leitung feines aus der Ge- fangenschaft zurückgekehrten Dirigenten Paul Scheinpflug. — Schwedische Künstlersolidarität Die hervor- ragendsten schwedischen Künstler, unter ihnen Albert Engström, Karl Larson, Liljesors und Anders Zorn haben sich in allen schwedischen Zenungen mit einem Aufruf an das Publikum gewendet, eine Samm- lung für die vom Kriege betroffenen notleidenden deutschen Künstler in die Wege zu leiten. — Abwehr geschmackloser„Liebesgaben". Ein Feldgrauer aus Thüringen wehrt sich in einem Schreiben an seine Angehörigen dagegen, daß man Geschmacklosigkeiten ins Feld sende. In seinem Briefe heißt es nach der„Weimarischen Landeszeitung": „Wir erhalten hier außer den zahllosen Liebesgaden, für die wir herzlich dankbar sind, auch recht sonderbare Geschenke, die sich durch einen am falschen Platz zur Schau getragenen Patriotismus be- liebt macheu wollen. Ich sab Hosenträger in Schwarz-Weiß-Rot mit dem Aufdruck„Piel Feind, viel Ehr", Taschenmesser mit der Inschrift„Immer feste druff": Gegenstände der banalsten Art, die mit dem Eisernen Kreuz geschmückt sind. Die Redensart„Gatt strafe England" findet sich auf Briefen, Postkarten, Bildern, Zei- tungen. Zigarren kästen usw. Recht geschmacklos erscheinen mir auch Taschentücher inil den Bildnissen unserer Heerführer. Ist es wirklich etwas Schönes, wenn sich ein Soldat mit dem Bild Hindenburgs die Nase putzen soll?" — Die K o ch k i st e als K ü h I k i st e. Eine Kühlkiste. die auS einem mit Heu oder Holzwolle vollgestopften Kasten bestehen kaim, ist imstande, einen Eisschrauk zu ersetzen. Auf den Boden wird eine Schale mit einem großen Stück Eis gesetzt, abgekühlte skeine wannen) Speisen daraufgestellt, die Kiste stets gut verschlossen gehalten; so verwahrt, halten sich die Speisen tagelang vorzüglich. Es ist nicht nötig, die Kühlkiste an einen besonders kühlen Ort zu stellen, sie hält gewöhnliche Zimmertemperatur gut aus. Schach. Unser Turnier. Motto:„Lassalle". » 2ch fitzo— m k) Auf Wunsch aus unserem Leserkreise profitieren wir von der an aktuellen Meisterpartien stillen Zeit, um einige, der Mehrzahl unserer Leser noch unbekannte, aber berühmte Partien aus früheren Zeiten vorzuführen. Spanisch. Malchpartie zu München gespielt. De. Em. lasker. Dr. S. Tarraseh. 1. e2— e4 e7— e5 2. Sgl— f3 Sb8— c6 3. Lfl— b5 a7— a6 4. Lb5— 34 Sg8—{6 5. 0—0(De2:) Lf8— e7 Am besten ist 5...... SXo4! um nach 6. 64, bö; 7. Lb3 zu 7...... 67—65 zu gelangen. 6. Tfl— e7 b7— b5 Es drohte LXS nebst SXeä. 7. La4— b3 8. c2— c3 9. Lb3— c2 10. 62—64 11. Sbl— 62 67-66 Sc6— a5 c7— c5 Dd8-c7 Saö— c6 Unnützer Tempoverlust. Besser ist 11...... 0—0; 12. Ski, Lb7; 13. Sg3, Tfc8; 14. Sfö(Lgö, Se8) 14...... LfS usw. 12. h2-h3..... Um Lo8— g4 zu verhindern. 12...... 0—0 13. 862—11! c6Xd4 14. 03X64 Sc6Xd4 15. 813X64 e5Xd4 Der von Schwarz gewonnene Bauer ist wegen der iiolicrken Doppelbauern der 6-Reihe offenbar nicht viel wert. 16. I-vl— g5 b7— h6 In Betracht kam 863! 17.],g5— h4 Dc7— b6 Es war besser, mit Leö nebst Tc8 um den wertlosen B64 sich nicht zu kümmern. 18. V61— 63 g7— g5? Statt dieser Lockerung war die Drohung o4— e5 nebst LXS und Dh7f besser durch Te8 zu parieren. Lc8— e6 Tf8— c8 St6— 67 867— k8 19. Lh4-g3 20. Tal— 61 21. Lc2— bl 22. e4— e5 23. 1163—13!...... Mit Recht verschmäht Weiß den L64, um bei der ausgerissenen 8 önigliellung des Gegners nicht die Damen zu tauschen. 23...... 66-65 Fall» 23...... Kg7; 24. Dh5, Sg6V so 25. ed, LXdo; 26. TXL! usw. Gegen diese Kombination- ist der Textzug gelichtet. 24. 1113— h5 Kg8— g7 25. k2-k4 f7— f5 Verhältnismäßig besser war 25..... Sg6! Falls hieraus 26. 15(VIS!) so 26...... d3f!; 27. Lt2, Leb; 28. Se3!, 814; 29. Dg4, 64 nebst eocnt. L65 usw. 26. eSXföt Le7Xf6 27.{4Vg3 hÖXgS 28. Lg3— e5..... Schwarz kann nunmehr den Bga nicht decken. 28...... 64—63+ 29. Kgl— hl 8k8-g6 SO. Dh5Xg5 Le6-f7 31. Sfl— g3 Lf6Xe5 32. TetXe5 Tc8-h8 33. LblXdS Ta8-a7 34. Tdl— el..... Droht Te6. 34...... Kg7-f8 35. Ld3Xg6 Pb6Xg8 36. Dg5— e3 Ta7— c7 37. Sg3— f6..... Droht DaSf, Kg8; Se7j usw. 37...... Dg6— c6(64!) 38. DeS— g5 Aufgegeben. Zur Kenntnis der Variante sei noch erwähnt, daß in einer der vorher- gehenden Partien desselben Matches der Verlaus bis zum Zuge Nr. 16 derselbe war und es folgte: 16. Sg3, 867; 17. Lb3, Db6; 18. 815, 1-16; 19. 1,14(Ld5 nebst dZ) 19...... So5; 20. L65, Ta7; 21. Db3, Tc7; 22. g4, g6; 23. ShSr, Kg7; 24. g5, Ldl; 25. Dg3, 16; 26. 815+, Kh8!; 27. Shf, lg; 28. LXgö, LXL; 29. VX1-. 63; 30. Kbl, Tc2: 31. Te3, 18X12; 32. Sg2, 62: 33. Tgl, Tel; 34. De7, TXTt; 35. KXT, 61D+; 36. KXT, V13+: 37. Kel, Da5+; 38. Tc3, LXh3; 39. DX66. DXT+! 40. bVc3, DXc3+: 41. Ke2, Dc2+: 42. Ke5, Dd3+; 43. Kf4, g5+; 44. KXg5, 817+ und Schwarz(Tarrasch) gewann. Ttz.Glocke,Be>fllp. Krück tt.Vxrlgg:Vorwart«)v.uchdruckerej u, Lerlagsanstglt KaiU Singer& 6p, Sftlm SW„