Nr. 175.- 1915. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Dieustag, 3. AuguA. Worauf sie warten... Vi?» Alice Fliege!. Es ist ein liebes freundliches Dörfchen. Märchenhaft klein mil seinen wenigen wasserblauen und rosen- farbenen Häufern. Wie ein Bild aus einem bunten Bilderbuch. Das Haus des Bahnwärters liegt als erstes an der Straße, ein- gewickelt vom rankenden Grün des wilden Weines. Sechs kleine Fenster lugen gleich blanken Augen aus dem Grün. An manchen Tagen drückt sich an jedem dieser fast viereckigen Gucklöcher ein blonder Kinderkopf das Näschen platt und blickt mit gespannten Mienen auf die Straße. Wenn die Frau des Bahnwärters ihre Sechs so sieht, wischt sie sich heimlich mit der Hand über die Augen und jammert: wie sie heut' wieder warten... Es sind liebe freundliche Menschen, die in dem Dörfchen Ivohnen. Sie haben gutmütige Gesichter, leiden keine Not und halten Frieden miteinander. Ihre Häuser mit den kleinen Gärten davor, in denen ihr Ge- müse und als einziger Luxus steif die Stockrose wächst, gleichen sich wie ein Ei dem andern. Auch ihre flachshaarigen Kinder, die den Kies zwischen den winzigen Beeten zertreten, sind kaum von ein- ander zu unterscheiden. Sie sind gesund und ftöhlich, und ihre Heiterkeit liegt in einer gemäßigteren Form auch über den Gesichtern der Großen. Wie ein Vogelnest liegt das Dörfchen eingebettet in eine Fülle von Schönheit. Im Rücken der Häuser reihen sich Bergketten mit bewaldeten Hängen und ragenden Schneegipteln. Die Fenster der Häuser blicken über die Straße aus einen See, der sich still und gefahrlos wie schimmerndes Glas breitet— das Bild der kleinen Häuser in seiner Tiefe tragend. Viele Menschen suchen das Dörfchen von überall her auf. Man kann dort an nichts Böses. Häßliches und Grausames glauben und findet ein Ausruhen von schweren Dingen. Wie ein Wunderwasser ist der See. Wenn die Müden und Stillen, die es zu seiner klaren Tiefe hinzog, lange hineingeschaut haben, fangen sie wieder zu wünschen an und verstehen das Leben, ohne ihm zu grollen. Eine Zeit aber atmete und wanderte etwas zwischen den rosen- farbenen Häusern und freundlichen Menschen, das nicht dorthingehörte. Die Frau des Bahnwärters hatte nach sechs gesunden Kindern einen Knaben geboren. Einen Krüppel. Als er heranwuchs, sah er wie ein häßlicher Gnom aus, mit dem man die Kinder im Märchen schreckt. Die Blutter weinte vor Zorn und Scham, als sie das Kind zum ersten Male sah. Sie wußte nicht, wie sie eS ohne Aufsehen vor den anderen töten konnte, sonst hätte sie es getan. Es war ein Widerwille in ihr, der stärker war als Mitleid und Mutter- liebe. Der kleine Krüppel erhielt die Nottaufe, als sie noch im Wochen- betl lag, und hieß Hans. Er wuchs in dein engen Raum des HäuS- chens auf, denn die Mutter scheute Licht. Sonne und die freie Straße für ihn. wo ihn die anderen sehen konnten. Doch das ging nicht lange. Seltsame Geschichten hingen sich da an die arme Mißgestalt, und man nannte sie.Hans Buckelzwerg'. Da haßte die Frau den Krüppel, weil er ihre Mutterwürde in Schande brachte, und trug den sechs Flachshaarigen für ihre gesunde Schönheit in doppelter Liebe Dank ab. Hans Buckelzwerg war ein Verstoßener. Sein Gesicht wurde alt vor Schmerzen und seine Augen reich von tiefer, edler Schön- heit. Denn was ihm körperlich fehlte, wurde seinem Verstand und seinem Herzen in vielfacher Vergeltung gegeben. Seine Phantasie ging ihre eigenen Wege und führte ihn in ein Wunderland, wo er die Last seines jungen Erdenlebens niederlegen durfte. Vor Vater und Mutter hatte er eine große Scheu. ES gab Tage, an denen er kaum ein Wort zu ihnen sprach. Aber mählich, ohne daß er hätte sagen können, wann und warum es begonnen, mußte er seinen sechs pausbäckigen Geschwistern von dem erzählen, was in seiner Seele bunt und prächtig war. An den langen Winter- oben den, wenn die langen Holzscheite im Kamin sangen— wenn die Eisblumen dick vor den Fenstern standen, daß die wirkliche Welt hinter ihnen verschwunden war, dann kam HanS BuckelzwergS Stunde. In der er aus seiner Häßlichkeit herauswuchs und em König wurde. Tie sechs Blonden wurden seine Vasallen und dienten ihm. Sie vergaßen, daß sie ihn sonst wie feindlich Blut verspottet hatten. Mit blanken Augen bewunderten sie ihn und bekamen vom eifrigen Zuhören glühende Wangen. Die Frau wunderte sich, daß es mit dem Toben der sechs Wild- linge vorbei war, wenn die Freiheitgcwohnten wie gefangen in der kleinen Stube waren. Aber sie war zufrieden damit, denn sie hatte nun eine Plage weniger. Ein weiches mütterliches Gefühl für den Krüppel stieg in ihr auf. Als sie Hans Buckelzwerg in solchem Drange zum ersten Male küßte, weinte er und lag noch lange in seineni Bett mit wachen Augen. Hörte das tiefe wohlige Atmen seiner schlafenden Geschwister und reckte die Arme weit den schim- mernden Sternen am klaren Winterhimmel entgegen. Er war so hungrig nach Liebe und so gebefreudig für alle die ungehobenen Schätze in seinem Herzen, daß er sich für sein neues Glück hätte totschlagen lassen. Als es dann vom Winter in den Frühling und Sommer hinein- ging, war die Freundschaft zwischen Hans Buckelzwerg und seinen Geschwistern so gefestigt, daß sie durch nichts mehr zu erschüttern war. Sie schlugen mit ihren kleinen Fäusten kräftig auf die Kameraden ein. wenn die mit Hohn hinter dem Krüppel her waren. Da ließ man das Spotten und befreundete sich mit Hans Buckelzwergs Geschichten, die bald Gemeingut des ganzen Dörfchens waren. Sie wohnten nun überall wie fremde bunte Träume mil in den rosen- farbenen Häusern.----- Und zwischen den flachshaarigen Kindern, fast von ihnen getragen, weil das Gehen aus den arm- seligen Stümpfen für ihn so schwer war, wanderte Hans Buckel- zwerg einen ganzen Sommer lang zum Beerensuchen nach den sonnigen Plätzen im Walde und war glücklich... glücklich.... Bis es aus einmal ganz anders kam.— Eine stille Frau wartete an den Wasiern des Wundersees, der den Menschen, die das Lebeu schlug, den Frieden wiedergibt, daß auch ihre Seele gesund werde. Damit auf des Kindes Leben, das sie unter dem Herzen trug, nicht schon von Anfang an die schweren Schatten lagen. Sie träumte im Walde und in der Sonne von runden Gliedern, seidenen Härchen und einer rosigen Wohlgestalt. Da stand auf einmal wie aus dem Boden gewachsen Hans Buckelzwerg vor ihr. Sie hatte ibn auf dem weichen Moos nicht kommen hören. Mit irren Augen blickte sie auf die häßliche Ver- zerrung ihrer Träume und streckte in abwehrendem Entsetzen die Hände aus. Sie schrie jammervoll auf und lief davon. Hans Buckelzwerg ließ sein Körbchen fallen, und die duftenden Früchte, die er der Frau schenken wollte, leuchteten auf dem Moos. Seine Augen füllten sich mit Tränen und seine Lippen zitterten. Dann quälte er sich unbeholfen bis an den Rand des See? und sah dort im hellen Spiegel lange... lauge auf sein Bild. Wie grauenvoll seine Häßlichkeit war! Und um ihn herum, bis tief hinein in das Herz des Sees, überall Wunder der Schön- heit.... Am selben Abend reiste die fremde Frau ab. Sie verheimlichte den Grund nicht. Da kam in die Gedanken der Bauern der Anfang einer erbitterten Feindschaft, die Hans Buckelzwerg galt. War es nun, weil er im Gärtchen des Bahnwärters nicht mehr so ängstljch versteckt gehalten wurde und mit den anderen Kindern umherzog— es geschah noch öfters in diesem Sommer, daß die Leute vor ihm zurückwichen. Einmal sagte ein Mann, von Ekel geschüttelt: .So einer darf nicht frei herumlaufen— der gehört ins Krüppel- heim.. Das Wort sprach sich schnell herum und die Bauern sahen Hans Buckelzwerg abmusternd an, als seien sie bis jetzt blind an ihm vorbeigegangen. Da fanden sie, daß der Fremde recht hatte und wunderten sich, weil sie nicht schon längst von selbst darauf gekommen waren. In ihrer Erbitterung steigerten sie die Dinge ins Maßlose. Hans Buckelzwerg trieb die Fremden aus dem Dorf— er nahm ihren Kindern das Brot weg. Es konnte auch geschehen, daß eine Bäuerin, die schwanger war, wie die fremde Frau vor dem Krüppel erschrak und eine Mißgestalt zur Welt brachte. Hans Buckelzwerg war eine Gefahr für den flachshaarigen Nachwuchs deS Dorfes. Er mußte weg.-- Als sie das wußten, gingen zwei der Zornigsten in das Bahn- Wärterhäuschen, als es im Dämmer und rankenden Wein schlief, und sprachen dorr laut und viel, um andere Stimmen zum Schweigen zu bringen. Die Frau des Bahnwärters wurde totenblaß und bestand darauf, daß Hans Buckelzwerg, der schon im Betl lag, gerufen wurde. Sie wollte es ihm nicht selbst sagen. Er sollte nicht denken, daß er hier im Hause zu viel sei. Sie hatte seine Schmerzen verstehen und seine Seele lieben gelernt und fühlte auch dumpf und erschrocken, daß sie etwas sehr Nützliches mit ihm verlor. Denn er hatte sich im Laufe der Zeit sein Amt geschaffen. Als die kleine Mißgestalt mit den rührenden Augen vor den Männern stand, schnürte ihnen etwas die Kehle zu, daß sie nicht recht sprechen konnten. Aber Hans Buckelzwerg machte es ihnen leicht. Er begriff, was sie von ihm wollten. Denn es war noch nicht lange her, daß er im Spiegel des Sees seine Abscheulichkeit voll erkannt hatte. Er lächelte sogar, als sei es recht und gut, was sie ihm sagten, weil er sah, daß es seine Mutter mitten ins Herz traf. Als die Männer gegangen waren, küßte er seine Mutter und bat sie, daß die Geschwister die Wahrheit nicht erfahren sollten. Während er über alles ganz ruhig und sachlich sprach und die Hand der Mutter hielt, wußte er, daß er daran sterben würde. Er hing mit allen Fasern seines Herzens an der Schönheit seiner Heimat und an der flachshaarigen Kinderschar, deren Gesundheit und Frische sein Lebensatem war. Aber Hans Buckelzwerg blieb tapfer bis zur Stunde des Ab- schieds. Er weinte auch nicht, als der blaue Wnndersee, der Wald und die Berge hinler ihm verschwanden... versanken... Nur einmal packte es ihn. Als er im Krüppelheim ankam und mit weiten Augen alle die häßlichen, erbärmlichen Geschöpfe an- starrte, die ihn neugierig umdrängten. Da flog sein Herz vor Angst, und seine Arme krumpften sich um den Hals der Mutter. „Laß mich nicht hier!" wollte er schreien. Seine verzweifelten Küsse trafen das kalte Gesicht der Frau, die vor Entsetzen fror, als sie all das verkrüppelte Elend sah. Da blieb sein Mund stumm. .So erschrecken die Menschen vor mir I" überstürzten sich seine gepeinigten Gedanken. Sein Herz, das sich voll Grauen von jenen abwandte, die wie er waren, tat einen Schwur: sein elender Körper sollte keinem Gesunden mehr ein Leid antun. Seine Arme lösten sich vom Halse der Mutter. Er glitt auf die Erde nieder. Scharf wie mit Messerstichen durchfuhr es ihn, als ihn einer seiner neuen Kameraden anfaßte und mit sich fortführte. Aber er lachte, als er grüßend noch einmal zur Mutter zurückblickte und gab der weinenden Frau einen Trost mit für die traurige Heim- fahrt. Es ist ein liebes, freundliches Dörfchen. Zwischen seinen rosen- farbenen Häusern spielen die flachshaarigcn Kinder, und es gibt nichts mehr, das den Frieden und die Schönheit stört. Wie blanke Augen lugen die Fenster des Bahnwärterhäuschens über die Straße. Sechs blonde Späher halten in unverdrossener Sehnsucht Ausschau. Die Fremden, welche die Geschichte des weinumsponnenen Häuschens noch nicht kennen, freuen sich an dem lustigen Bilde und fragen lachend:„Worauf sie wohl warten..." Diese Sehnsucht der sechs Blonden, die sich nicht zufrieden gibt, weil sie aus Liebe aufsteht, ist von dem Tage an, als er davon hört, Hans Buckelzwergs einziges Glück. Sie leuchtet, damit es nicht ganz finster um ihn ist, als sich feine feine reiche Seele lang- sam zu Tode quält, weil sie in einem mißgestalteten Körper lebt und man darum die Schönheit aus seinem Leben nahm. von einem Cnüe zum anöern öröhnt öer Kanonenöonner... Die englische Wochenschrift„Nation" bringt eine Schilderung vom flandrischen Kriegsschauplatz, die sich dadurch auszeichnet, daß sie nicht einzelne Vorgänge oder Bilder darstellt, sondern gleichsam das Ganze wie in einem Freskogemälde zur Anschauung dringen will. Der Verfasser, der ein Stuck von einem Dichter und von einem Maler ist, zeichnet zuerst die Landschaft. Ein flaches, aber ansprechendes Land, fruchtbar und von der Arbeit vieler Geschlechter sorgsam bebaut; die Fluren entwässern zahlreiche Kanäle; Deiche, Landstraßen, die von Pappeln überschattet sind, durch kreuzen cS. Dörfer und Städte geben sich durch ihre hohen Kirchtürme zu erkennen, die noch besser als in andern Ländern Bergspitzen, als Wegweiser dftnen. Hier und da ein ein samer Bauernhof oder ein„oMtsau" sSchloß). umgeben von Baum- gruppen. Die ganze Landschaft ist gleichmäßig mir Wald bestände», was den Krieg noch mörderischer macht. In gewissen Zwischenräumen sind die Hauptwege von Barrikaden oder Stacheldrabthindernisscn Die Crweckung öer Maria Carmen. 66j Von Ludwig Brinkmann. Ich bin sofort auf das Telegraphenamt gegangen und Hobe Stuart und Dickinson um Aufklärung gebeten.— Auf der Redaktion der„Mexican Herald" konnte ich nichts erfahren; die hatte nur einen Bericht ihres Korrespondenten in Laxaca vorliegen, der nicht mehr enthielt, als in der er- wähnten Notiz angegeben war.— Ten ganzen Tag habe ich geduldig gewartet; aber weder Stuart noch Dickinson haben geantwortet. Ich werde noch eine Stunde ausharren, und wenn ich dann nichts erfahr«, nach Puebla abfahren. Mein Gott, wer hätte sich das Ende so gedacht I— Während des Nachmittags war ich übrigens, um die in der Erwartung so träge dah inschleichenden Stunden eftvas abzukürzen, zum Stierkampfe gegangen. Meine herunter- gekommenen Nerven brauchten einen starken Kitzel. Wie schon denn ersten Male, als ich vor zwei Jahren dieses Schauspiel sah, hatte ich nur den einen blutdürstigen Wunsch, daß der duimne Stier doch einen seiner grausamen Peiniger aufspießen möchte; aber anstatt die mächtigen Hörner in die Rippen eines seiner Peiniger einzubohren, stößt das Tier blöde gegen die rote oder blaue Capa, daß sie lustig im Winde flattert, und ermattet schließlich zur Wehrlosigkcit im Kampfe gegen ein Phantom. Jedoch will ich das Tier nicht schelten. Geht es uns nicht gerade so? Rannten Stuart und ich nicht ständig hirnlos gegen ein rotes Tuch, ohne zu ahnen, wo der wahre Feind saß? Wüteten wir nicht gegen Powells vermeintlichen Geiz, mit deni dieser gewandte Eopeador uns ermattete, ohne zu bemerken, daß unsere eigene Unzulänglichkeit den tödlichen Degen auf uns zückte? Wir hatten eben eine allzu große Ausgabe mit allzu geringen Mitteln an Geld, Erfahrung, Wüstengowohnheit und Charakter unternommen; das konnte nur mit dem Untergange enden. Wir alle, namentlich Ward und ich, waren nicht aus dem Holze, aus dem merikanische Silbergräber geschnitzt werden; der eine war körperlich zu schwach; den anderen verzehrte der Lavastrom einer vulkanischen Leidenschaft und ließ sein nie ganz überwundenes Nomadentum niemals recht Wurzel fassen; der letzte schließlich versing sich in wirtschaftliche Träumereien, denen die zu Gebote stehenden Mittel nickst gewachsen waren; keiner war dem heimlichen Feinde gegenüber ein ebenbürtiger Gegner. So spielte sich denn in der weiten Arena der siidmerika- nischen Plateaus der ungleiche Kampf ab, in dem der blöde Stier erliegen mußte. Es ermatteten ihn die roten Tücher, die ständigen Verzögerungen, mit denen Powell so geschickt zu operieren wußte; es stachen ihn die Lanzen der Maschinen- defekte in das empfindlichste Fleisch; mit dem Widerhaken der Gewissensbisse hefteten sich die Unglücksfälle, die eigene Leidenschaften heraufbeschworen, in seinen Rücken; und nach- dem all diese Pein mit teuflischer Gewandtheit dem stumpfen Kolosse bereitet war, holte das Schicksal mit lächelnder Sicher- heit zum Todesstreiche aus---- es konnte ja nicht anders sein! Doch ein Trost bleibt; der Stier focht weiter. Ich höre die blutgierige Menge brüllen;„Vnzm un toro bravisimo!", und sie schwenkt die Hüte, und die Musik bläst einen lärmenden Tusch. Aber das arme, gequälte Tier verblutet elend im Sande. * Endlich, am späten Abend,„im Hotel Porter" zu Oaxaca eingetroffen. Trotzdem ich meine Ankunft telegraphisch ge- meldet, war Stuart weder am Bahnhofe noch im Gasthause. Es hieß, er hätte es vor ungefähr einer Woche verlassen, und niemand wisse, wohin er sich gewandt.— Meine Ungeduld kannte keine Grenzen; ich bin unfähig etwas zu schreiben, un- fähig zu lesen. An Schlaf ist überhaupt nicht zu denken. Ich werde morgen Dickinson besuchen; das ist das einzige, was mir noch einigermaßen vernünftig erscheint in dieser Un- Vernunft aller Verhältnisse.— Den Tag zu einer Fahrt nach Taviche benutzt. Trotzdem wir Ende November haben, lagerte auf dem Tale eine töd- liche Hitze, die mir seit Mittag unerträgliche Kopffchmerzen bereftcte. Ganz resultatlos ist meine Reise verlaufen. Ich war in Dickinsons Haus eingetreten; doch seltsamerweise war Don Ricardo nicht zu sprechen. Er ließ mir sagen, daß er mit Herrn Charles Powell in wichtigen geschäftlichen Konferenzen begriffen sei; ich möchte am anderen oder an sonst einem Tage vorsprechen, wo er mir gerne zur Verfügung stände... Bestürzt bin ich davongeritten. Mein Kopfschmerz hinderte mich, einen klaren Gedanken zu fassen. Ich fichlte, daß ich von irgendwelchen mir unbekannten Mächten willenlos hin- und hergeschoben werde, daß ein düsteres Schicksal, das mich ganz auszustoßen plant, dieses Tal beherrscht. Doch ich bin machtlos dagegen. Man kann keinen Feind bekämpfen, den man nicht sielst. Was hat das zu bedeuten? Ist Dickinson ein Hochver- räter an unserer Sache? Hat er sich mit Powell vereinigt? Er schwärmte ja stets für dessen kühnen Geschäftsgeist. Hat er vielleicht ausgerechnet, daß eS profitabler fei, sich dem Stärkeren anzuschließen und nicht dem Schwächeren? Und Stuart— wie— flicht er mich? Er war vielleicht bei jener so wichtigen Konferenz zwischen Dickinson und Powell anwesend? Sie alle haben sich gegen mich geeinigt, verschworen — ah, laß sie tun was sie wollen; meine Rolle ist hier ausgespielt, und auf eine Enttäuschung mehr oder weniger kommt es nicht an.— Als ich wieder im Bahnwagen saß, beurteilte ich die Situation ein wenig klarer. Warum hatte ich mich so leicht ins Bockshorn sagen lassen, war wie ein Feigling von bannen gezogen? Ich hätte Dickinson zwingen sollen, wenigstens ein Wort der Erklärung zu sagen, mir anzudeuten, ivo ich Stuart finden könnte. Und wenn es nicht gelungen wäre, ihn zum Sprechen zu bringen, hätte ich zur Maria Carmen reiten sollen, wo mir bestimmt Gewißheit geworden wäre, wie es um die Mine steht, wo ich sicher von Josä oder Harris oder Morgan etwas erfahren hätte.... Doch nun saß ich bereits in der Bahn und es war zu spät. Ein fürchterliches Gewitter brach vom Himmel los und kühlte das glühendheiße Tal ab. Gut; morgen wird es kühler und mein Kopf klarer sein; vielleicht vermag ich dann das Gespenst zu stellen, das inich jetzt so rätselhast befeindet und beherrscht. Im Hotel hat nian immer noch nichts von Stuart gesehen oder gehört. Fürwahr, ich stehe vor einem Rätsel. Ich kann heute nicht daheim bleiben; die Wände meines Zimmers erdrücken mich schier... * Hatte ich eine Ahnung davon gehabt, daß inir Seltsames bevorstände? Anders vermag ich meine Unruhe des gestrigen Abends nicht zu erklären... Ich hatte ein paarmal die menschenerfüllte Alameda um- wandert und mich dann ermattet unter den Bogengang am Markte gesetzt, in dem sich die Hauptgeschäfte von Oaxaca und ein paar Kneipen befinden. Ich trank dort in dumpfem Brüten mehrere Glas Bier, betrachtete mir die von der Alameda heimwärts ziehenden Bürger und Bürgerinnen der Stadt und verfolgte, als die letzten verschwunden ivaren, den Flug der Fledermäuse, die durch die weiten Gänge pfeilschnell dahinschossen, letzte Abkömmlinge einer anderen Welt, die nun ganz dahingegangen, unheimliche Gesellen in bangen, schweren Stunden Hex Nacht._ � unierbrochen. Erdwälle laufen zu beiden Seiten hinauZ in da-Z Land und unterirdische Tunnels sind crrichtei, durch die die Soldaten wie die Feldmäuse schlüpfen können. Die makadamisierten Land- slrahen sind oft von Granaten ausgerissen und in der weichen Erde zur Seite sieht man Löcher, die zehnmal so tief sind wie Psiugfurchen. Hin und her auf den Wegen strömen die Bewohner der«tadle, der Dörfer, der Höfe, die nach sicherer Unterkunft suchen und die ihre Kinder und Bündel mit dem Allernotwsndigsten mit sich führen. In der Nähe der Küste stehen sie in Gruppen auf den höchsten Dünen und spähen, ob sie sich noch für eine Nacht zu ihren Heimstätten zurückwagen oder ob sie sich lveiter auf die Wanderung in die Fremde begeben sollen. Sie erblicken die Wege voll von Truppen, dunkelblauen, hellblauen, rothosigen Männern, Reitern in dunklen Mänteln mit brauneu Ilebcrzügen über die blanken Helme, von denen Pferdeschwcifc herabhängen. Nahebei sehen sie Kraftwagen, Karren und Krankenwagen aufgefahren, im Waldes- dunkel steht halbverborgcn eine schwere Batterie. Jenseits der Truppen, nicht viele Kilometer weil, erblickt man von einem Ende des Horizontes bis zum andern eine Reihe von Rauchwolken, die unaufhörlich von der Erde auflvirbeln. Meist sind sie grau, zu- weilen schwarz, und von diesen zeichnen sich kleine schmale, weiße Wollflocken ab, aus denen Flammen sprühen. Der graue Rauch kommt von ihren brennenden Dörfern, die weißen Wollflocken von springenden Granaten und die schwarzen Wolken von gewaltigen Sprengbomben. Und von eine ur Ende der langen Linie bis zum andern dröhnt der Kanonendonirer. Zehn Kilometer weiter zurück hört sich der Donner nur noch wie ein tiefes, gleichmäßiges Brummen au, das manchnral von einem dumpfen Brüllen unterbrochen wird. Aber über der alten Stadt in der Ferne kreist ein Flugzeug wie ein Falke über jungen Fasanen. Seine Flügelspitzen biegen sich zu abgerundeten Haken, und wenn er sich zeigt, knallen die Gelvehrsalven von unten. Wer nur eine Schußwaffe hat, eilt herbei, um einen Schuß auf diese jüngste Erfindung der Menschheit abzugeben. Die Kanonen stimmen ein und die Granaten platzen rund unr die geflügelte Maschine in kleinen Wolken. Jetzt fällt eine Bombe, dringt durch das Dach eines Hauses tn einer Hinterstraße, und schon ist die Flug- Maschine im Mcrgennebel nußer Gesicht verschwunden, um am mich- steil Morgen wiederzukehren— und von einem Ende der langen Linie bis zum andern dröhnt d e r K a n o n e n- d o n n e r. Niemand kann sagen, wo die lauge, rauchschlverc donnernde Linie nach der einen Seite hin zu Ende ist, aber gegen Norden zu macht sie am Meere halt. Dort haben die Menschen in FricdcnStagen sich ihre Landhäuser am Strande gebaut, mit Gasthöfen, Wohnhäusern, Strandpromenaden, Badchäuscrn, Golfplätzen, Läden und allein ähu- lichen. Vom Golfplatz feuern jetzt SechSzöller. Andere stehen verborgen unter den Bäuincn des Parkes. Der Feind antwortet mit schweren Granaten, die die Dächer der Wohnhäuser und die Billards inr Kasino zerschmettern. Auf der Strandpromenade liegen Leichen, und niemand bleibt stehen, um einen Blick auf sie zu werfen. In den Salon deS einen Gasthofs werden Verwundete Hineingelragen. Plötzlich ertönt ein noch fürchterlicherer Krach, als ihn selbst die SechSzöller erzeugen. Ein ungeheuerer Stahlvogel fliegt brüllend über die Badehäuser mit einer Schnelligkeit von lOOti Kilometer in der Stunde. Einen oder zwei Kilometer draußen in der See bewegt sich ganz langsam ein ungeheueres schwarzes Fahrzeug, das aus seinen zwei Riesenkanonen diese schrecklichen Geschosse absendet. Jetzt hat sich die Feucrlinie bis auf die See selbst hinaus verlängert, und vom offenen Meere, weit, weit über die Flüsse, die Kanäle und das bebaute Land bis hin zur un- bckanutcn Ferne dröhnt der Kanonendonner. Es ist Abend in einer der alte» flämischen Städte. Die Glocke auf dem schönen Iiathausturm schlägt eben sechs Uhr. mitten in e.uer Wolke von Staub und Rauch, denn eine„schwarze Marie" hat gerade das Rathaus getroffen. Viele Einwohner der Stadt liegen unter ihren �Trümmern begraben. Auf dem lveiten Marktplatz sieht ein Schwärm Soldaten rund um ein kleines Feuer hei ihren Fcldkesseln, ihre Hoffnung ist, noch eben ein Abend- essen zu erhalten. Mitten nnlcr sie und ihre Kessel springt eine neue Granale und niauch einer braucht kein Abendessen mehr. Männer und Weiber laufen durch die Straßen, die einen ins offene Land hinaus, die anderen zu ihrem Heim, Matratzen stopfen sie in die Fenster und Türen, um sich gegen die Granaten zu schützen; in dunkle, feuchte Keller kriechen sie hinab, Ivo sich Männer, Frauen und Kinder dicht aneinander drängen, um so die Schrcckensnacht zu überstehen. lieber ihren Häuptern hören sie das Krachen zusanrmen- stürzender Türme und Mauern. Die alte Stadt ist der Vernichtung geweiht und die ganze Nacht brüllt der Kanonendonner. Wenn das Dunkel am tiefsten ist. kommt ein langer Zug Sol- baten singend durch die Straßen. Das sind die„Moriiuri"— sie singen stets, in welcher Sprache und mit welchen Worten auch immer. Tic brennenden Häuser erleuchten ihren Weg. Ihre Füße treten auf Glas von gesprungenen Fenstern. Die Züge sind aus gemischten Bataillonen zusammengesetzt, denn nur lvenige Bataillone können noch zwei Kompagnien von ihren eigenen Männern aufstellen. Sic Verlagen die Stadt durch das südöstliche Tor, rücken ein paar hundert Meter vor und kriechen dann im Gänse- marsch in schmale Schützengräben, vorsichtig über Lebende, Ver- wundete und Tote krabbelnd. Gerade bei Sonnenuntergang war der Angriff des Feindes besonders heftig i jetzt bringt er seine Toten fort, und auch wir müssen au unsere Toten denken. Hinter den Bäumen der Straße warten die Krankenwagen und die ganze Zeit dröhnt der Kanonendonner. Unmittelbar vor Tagesgraucu werden in Scharen die Ver- Ivundeteil auf der Bahnstalion eingebracht. Da tvarten sie bis die Züge kommen und sie hinter die Front zu den Lazaretten führen. Wenn die Krankenwagen eintreffen, zeigt es sich, daß unterwegs schon Viele von den Verwundeten gestorben sind. Die Lebenden werden auf Stroh gelegt und die Aerzte bewegen sich rasch von einem zum anderen, hier verbindend, dort schneidend. Einige von den Verivundeten waren Feinde, aber jetzt sind"es gur noch verwundete, sterbende Menschen, die von«chmerzen gcschüttcli werden und in einer unverständlichen Sprache in Kinder- irrt von ihrer Heimat sprechen. Manche liegen ganz still und nur von Zeit zu Zeit durchfährt sie ein nervöser Schauer. Blanche haben brennend helle Augen und ihre Gesichter spielen ins Gelbe. Die Mikroben der Genickstarre mid des Brandes erfüllen unsichtbar die Lust— und die ganze Zeit dröhnt der Kanonen- d o n n e»,.. Musik. Deutsches, Künstlertheater:„Der Sonnen- Vogel" Das Gebilde dieses Namens ist keine Lärmdrossel, sondern enie Operette, oder richtiger i ein Kugelballon, der Statisten- diensie verrichtet. Vor etwa anderthalb Jahrzehnten entstanden und rasch verschwunden, soll der„Sonnenvogel" nun aufs neue seine Schwingen versuchen. Die Librettistcnfirma Okonkowski-Schanzer hat es ja an Auffrischungsfarben nicht fehlen lassen. Die Kalauerei, freilich auch die Lust unbekümmerten Fabulierens steckt ihnen im Blute. So kam, dicsnial nach einer Novelle des Ungarn Franz Herczeg, eine reckt ulkige„Handlung" zustande. Der Erfinder- Professor(Viktor Jans o n), der sich schmeichelt, vermöge seiner elektrischen Werkzeuge nicht bloß Haß und Liebe oder sonstige Empfiudungcu bei anderen Menschen zu erzeugen, sondern auch sogar zurück iu die grauesle Vergangenheit fahren zu können, und seiir ständig beschnapsteS Laboratoriums-Faktotum(Joseph Dill) sind zwei nickt funkelnagelneue, doch ergötzlich„geistbare" Gesellen. Als dritter ist der polnische Graf Leninsky«Berthold R o s e) zu nennen. Und zu dieser ganzen Traumgroteske hat Viktor Holländer die Musik geschrieben. Daß ihm, wenn er nicht ein kleiner Offenbach selber ist, einige gute Tugenden dieses unsterblichen Meisters prickelnder Melodien und beißender Ironie in Musiknoten täuschend zu Gcsickt sieben, ioll nicht das schlechteste Lob sein._____ Verantwortlicher Redakteur: Alfred Scholz, Neukölln. Für den Die Aufführung des Werkchens, für das sich außer den vor genannten Künstlern Gertrude Hesterberg, sowie Friedrich- Holländer als Musikleiter und Viktor Palfi als Regisseur einsetzten, mochte wohl befriedigen. vir. kleines Feuilleton. Dublin. Schon einmal, in den ersten Stadien des großen Krieges, ein Mittelpunkt der Kampfbandlungen aus dem südpolnischen Kriegs- schauplatze, ist Lublin jetzt von dem', Schicksal ereilt worden, vor dem cS im Herbste 1914 das russische Heer noch zu bewahren vermocht hat. Es ist«üdpolens alte Hauptstadt, in die die verbündeten Truppen jetzt siegreich ihren Einzug gehalten haben, und bis auf den heutigen Tag trägt die Stadt das Gepräge einer reichen und bedeutenden geschichtlichen Vergangenheit. Sehr anmutig liegt Lublin im Tale der vielgewundenen Bistritza teils in der Niede- rung, teils aber auf Hügeln, die von dem mächtigen alten, bock auf einem klippenartigen Felsen emporragenden Schlosse gekrönt werden. Dies Sckloß mit seinem fcstungsartigen Aussehen stammt aus dem 12. Jahrhundert und ward von König Boleslaw gegründet; heute dient es als Strafgefängnis. Von dort führt eine kleine, schlecht gepflasterte Straße zu dem tief im Tale liegenden Judenviertel herunter, wo in engen schmutzigen Häusern die Krankheit und das Elend herrschen und wo ein abstoßender Geruch die Luft verpestet. Zur Seite des alten Schlosses erhebt sich eine niedrige alte Kirche, an die sich merkwürdige Erinnerungen der polnischen Geschichte knüpfen. Man weiß, wie oft im alten Lublin der polnische Reichstag seine Tagungen abgehalten hat, und wie oft die Meinungsverschiedenheiten bei diesen Versammlungen bis zu einem Punkte sich zuspitzten, wo der Faust und dem Säbel das letzte Wort zu bleiben schien. In solchen Augenblicken griff der Kanonikus der S ch l o ß k i r ch e zu den heiligen Geräten, die auf dem Altare standen, und indem er sie hoch emporhob, trat er bei den Landboten ein. Da beugte sich die ganze Versammlung in An- dacht, und der kritische Augenblick war überwunden. Das moderne Leben der Stadl sammelt sich hauptsächlich in der Krakauer V o r st a d t, wo der Gouvcrneurpalajt und das erste Wirtshaus von Lublin, das Hotel de l'Europe, sich befinden, lim von der Judenstadt in diesen Stadtteil zu gelangen, durchschreitet man da-s Krakauer Tor, ein altes, auf die Zeit Kasimirs des Großen zurückgehendes trotziges Bauwerk mit zinnengekröntem Turme. Lublin hat eine sehr bewegte Geschichte hinter sich. Mongolen, Littauer und Ruthenen haben die Stadt im 13. Jahrhundert erobert und wieder verloren, geplündert und verwüstet. Dank ihrer Lage, die sie von jeher zum Mittelpunkt eines großen Ackcrbaubezirkes gc- macht hat, konnte sich die Stadt immer wieder erholen. Im 15. und 16. Jahrhundert erlebte sie ihre Blütezeit. Auf dem Reichstage in der großen Dominikanerkirche 1569, der ein volles Jahr dauerte, wurde hier die Vereinigung Polens und Littauens ausgesprochen, woran noch heute ein großer Marmorobeliök in der Nähe des Gouverneurspalastes erinnert. Hundert Jahre später, 1655, lernte die Stadt den Kosakenschrecken kennen; sie verbrannten die Vorstädte von Lublin mit den schönsten Gebäuden, so daß die einst reich bevölkerte Stadt auf eine Einwohnerschast von 5999 Köpfen herabsank. Von all den vielen Kriegen, die über Polens blutgetränkte Gefilde dahingebraust sind, haben nur wenige die Hauptstadt Südvolens unberührt gelassen, doch halte sie sich unter der Regierung des letzten Polenlönigs Stanislaus Poniatowski be- reitS wieder zu neuer Blüte aufgeschwungen. Heule zählt Lublin 59 999 Einwohner und ist eine rührige Stadt, die 18 Kirchen, zahl- reiche Klöster und eine Reihe von stattlichen Adelspalästen ausweist. Diese Paläste entstammen meistens der Zeit des Barocks, wo die CzartorySkis, die Polockis, die Sobieskio und andere Geschlechter in Lublin glänzende Feste zu feiern liebten. vom Humor im Jeiüe. In einem Feldpostbriefe, den ein in Rußland kämpfender Ber- liner an seine Angehörigen gerichtet hat, beißt es:„Am Sonnrag- nachmittag gab es wieder zu unserem Vergnügen eine kleine Jagd auf unsere Feinde. Alles, was wir gefangen haben, haben wir getötet, was wir nicht fangen konnten, mußten wir mit uns schleppen." Die Empfänger des Briefes zerbrachen sich die Köpfe über diese in mehr als einer Beziehung rätselhafte Mitteilung: um Russen konnte es sich doch nicht handeln, da unsere wackeren Feld- grauen keineswegs solche Barbaren sind, die ihre Gefangenen röten. Der zweite Teil der Mitteilung aber gestaltete die Sache noch rätsel- haster. Die vierte Seite des Briefes brachte endlich des Rätsels Lösung; es ging daraus hervor, daß es sich bei der Jagd am Sonntagnackmittag um die kleinen lästigen Tierchen handelte, die unserer im Osten kämpfenden Truppe sehr viel zu schaffen machen. Die Wirkung dieses Scherzes wird dadurch nicht beeinträchtigt, daß er auf ein ehrwürdiges, ja sogar klassisches Alter zurückblicken darf. In der sogenannten Stabianer Straße in Pompeji befindet sich im „Hause der griechischen Distichen" ein Gemälde, das den alten Homer im Gespräch mit zwei griechischen Fischern darstellt. Die Fischer berichten laut der Inschrift des Gemäldes dem Dichter: „Was wir gefangen, werfen wir fort, was wir nicht gc- sangen, tragen wir bei uns". Es handelt sich hier gleichfalls nicht um die Tiere, deren Fang den Beruf der Fischer darstellt, sondern ebenfalls um die in Rede stehenden kleinen Ouälgeisler, die also schon in klassischer Zeit den Menschen lästig gewesen sind. Es ist sehr leicht möglich, daß ein im Osten kämpfender Philologe oder Archäologe den pompejanischen Witz erneuert und aktuell gemacht hat. Man darf es aber nicht als ausgeschlossen betrachten, daß unsere Feldgrauen von selbst auf das hübsche Scberzrätsel verfallen find. Der Vergleich zwischen den Russen und den unangenehmen Tierchen liegt doch sehr nahe. Es wäre nicht das erste Mal, daß etwas, das schon die Alten kannten, ganz unabhängig davon in der Neuzeit wieder aufgekommen ist. Nach Ben Akiba ist ja„alles schon dagewesen"._ Ehe und krebs. Wie die„Times" berichtet, hielt am vorigen Dienstag das Generalkomitee der„Englischen Stiftung zur Erforschung des Krebses" eine Sitzung ab, in der Rechenschaft abgegeben wurde zur Frage über gen Einfluß der Ehe auf die Häufigkeit des Krebses. Die Resultate, zu denen das Gencralkomitee in dieser Frage gekommen ist, sind von außerordentlichem Interesse. Der Bericht deS General komitees weist daraus hin, daß schon mehrfach Versuche gemacht worden sind, der Frage beizukommen, ob die Häufigkeit des Krebses der Eierstöcke, der Brüste und der Gebär- multer bei verheirateten und unverheirateten Frauen verschieden sei. Aber in allen diesen Versuchen stützte man sich auf das statistische Material der Krankenhäuser. Diese Versuche führten zu keinem klaren Ergebnis. In England ist nun der Versuch gemacht worden, für die Behandlung dieser Frage die Zahlen zn verwerten, die über die Todesursachen der Bevölkerung überhaupt vorliegen. Damit war nun der Weg beschritten, der allein in dieser Frage zum Ziel führen konnte.' Für die einzelnen in Betracht kommenden Bevölkerungsgruppen, d. h. für die verheirateten und unverheirateten Frauen, liegen ja genügend sichere Angaben über die Zahl der Lebenden und über die Sterblichkeit vor. so daß man berechnen kann, welch einen Prozentsatz der Lebenden die an Krebs Verstorbenen in den beiden in Betracht kommenden Gruppen ans- machen. Es hat sich nun gezeigt, daß der Krebs der Eierstöcke und der Brüste häufiger bei den unverheirateten als bei den verheirateten Frauen vorkommt. Anders verhält es sich mir dem Gebärmutter- krebs, der bei den verheirateten Frauen häufiger vorkommt als bei den unverheirateten. Die festgestellten Tatsache«! sind von umso größerem Interesse als überall in den zivilisierten Ländern eine Zu- nahine der Sterblichkeit an Krebs zu verzeichnen ist, und auf der anderen Seile die Geburtenhäufigkeit in den am meisten zivilisierten« Jnjerätenteil verantw7:"TH. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärt» Ländern eine Abnahme aufweist. Soviel ist jedenfalls aus den in England ermittelten Verhältnisfen über die Häufigkeit des Krebses bei den verheirateten und unverheirateten Frauen klar, daß die zu- nehmende Zahl der unverheirateten Frauen, das Hinausschieben des Heiratsalters und die Abnahme der Geburtenhäufigkeit Faktoren sind, die in der Frage über die Häufigkeil des Krebses der einzelnen Orgaue des weiblichen Geschlechtsapparates berücksichtigt werden müssen._ �us öer Geschichte des Kupfers. Das Kupfer, das für die Herstellung von Munition und Gc- schössen von außerordentlicher Bedeuiung ist, ist vielleicht nächst dem Golde und dem Silber, das dem Menschen am frühesten bekannt gewordene Metall. Wie Pfahlbaufuude lehren, hat man viele Gegenstände aus Kupfer oder Bronze hergestellt, die erst weil später aus Eisen verfertigt wurden. Eine besonders reiche Ausbeute an derartigen Kupfergerälen haben die vorgeschichilichcn Fundstätten Un- garns ergeben. Die Verwendung des Kupfers in vorgeschichtlicher Zeit war sehr mannigfach. So kennt man Nägel, Bolzen, Nadeln, Spangen, Armbänder und anderen Schmuck aus Kupfer. Sehr verbreitet war der Gc- brauch dieses Rohstoffes im vorgeschichtlichen Nordamerika, wo er von den Indianern auf kaltem Wege durch einfaches Hämmern verarbeitet wurde. Seinen Namen hat das Kupfer aus dem Assyrischen Kipar, einem Wort, das älter ist als der Name der Insel Cyperu, nach der das Metall bei den Römern, die es, wie auch die Griechen, zuin größten Teil von hier bezogen, den Namen des aes cyprium erhielt. Daraus hat sich später das ouprum entwickelt, aus dem unser„Kupier" entstanden ist. Auch den Hebräern war das Kupfer bei ihrem Eintritt in die Geschickte schon bekannt. Sie bezogen es aus Aegypten, wo in den verschiedensten Teilen des Reiches Kupfer- bergwerke betrieben wurden. Ueberaus reiche Funde hat man in den ältesten chaldäischen Trümmerstätten gemacht. Dorr fand man Kupfer zusammen mit Steinwerkzeugen und goldenem Schmuck. Man hat hier außer kunstvoll verarbeiteten Slatuellcir auch eine kupferne Lanze von ungewöhnlichen Dimensionen aus- gegraben, die etwa im Jahre 4999 vor der gewöhnlichen Zeit- rechnung entstanden ist. Die Erfindung der Kunst, das Kupfer aus Erzen darzustellen, wird dem Phönizier Kadmus zugeschrieben, der um da» Jahr 1699 v. Chr. nach Griechenland gekommen und in einem Berge Thraziens Kupsergruben eröffnet haben soll. Die Phönizier sind ja als Meister im Bronzcguß bekannt geworden. Die von ihnen in den Handel gebrachte Bronze wurde in großem Umfange in Griechenland abgesetzt. Die alten Griechen benutzten das Kupfer fast ausschließlich zu Waffen, und die trojanischen Helden hatten kupferne Panzer, Schilder und Schwerter. Während der Kupferbergbau im Altertum in Spanien die größte Ausdehnung erhielt, wurde die bergmännische Gewinnung des roten Metalles in England erst im Jahre 1558 durch dcuischc Bergleute bekannt. In Deutschland betrieb man bis zum 14. und 15. Jahr- hundert die Bergbaue mehr zur Gewinnung des Silbers als des Kupfers. Aber schon in Urkunden aus der Zeit Ottos des Großen ist von der Ausbeutung der reichen Knpserlagerstätten iu Rommels- berge bei Goslar die Rede. Hier wurde im Jahre 968 von den Franken der Kupferbergbau eröffnet. In Sachsen begann der Bergbau bei Milt- weida und Frankenberg bereits um das Jahr 922. Von der Mitte des 12. Jahrhunderts ab wurden auch bei Marsberg i. W. Kupfererze gewonnen. Der wichtigste deutsche Kupserbergbau war aber der des Maiisfelder Bezirkes, und der vielgerühmte„Segen des Mansselder Bergbaues" begann sich vom Jahre 1199 an über die deutschen Lande zu er- gießen. Sehr all ist auch der Kupserbergbau von Ilmenau, Roda. Frankenberg in Hessen sowie der in der Umgegend von Saalfeld. In diesem Zusammenhang ist es nicht uninteressant, zu erwähnen. daß in Australien die ersten Kupfererze erst im Jahre 1841 gefunden wurden. Zwanzig Jahre später begann dann der Betrieb in der Moontagrube, die das reichste Bergwerk Australiens darstellt. Notizen. — D i c Entstehung des Alters st aares. Der graue «taar ist bekanntlich die typischste Augenkrankheit des höheren Alters. Er besteht in einer Trübung der Augenlinse, die es verhindert, daß das ins Auge eintretende Licht auf die Netzhaut gelangt. lieber die Ursachen dieser pathologischen Veränderung hat sich bisher nichts Sicheres feststellen lassen. Neuerdings hat nun Dr. Fritz Schanz in Gracfes Archiv auf die ultravioletten Strahlen als Urheber der Linsentrübung hingewiesen. Erpcrinientc, die an eben heraus- genommenen sowie an noch im Körper befindlichen Linsen vorge- nommen wurden, ergaben, daß Bestrahlung mit ultraviolettem Licht eine Linsentrübung hervorruft. Die leicht löslichen Eiweißkörper. aus denen die Linse aufgebaut ist, verwandeln sich uuler dem Ein- fluß der ultravioletten Strahlen in schwer lösliche, koagulierte Sub- stanzen, die das Licht nicht hindurch lassen. Auch das Tages- und noch mehr das Sonnenlicht, die beide mehr oder weniger ultra- violette Strahlen besitzen, zeigen die gleiche Wirkung auf das Auge. — D i e Bedeutung der drahtlosen Telegraph ie im Kriege. Der Direktor der„Compagnie für drahtlose Tele- graphie Marconi" hielt bei der jährlichen Bersaiuiulung der Gc- sellschaft in London einen Vortrag über die Tätigkeit der Stationen für drahtlose Telcgraphic. Er erklärte, daß Deutschland als erste von allen Mächten die Wichtigkeit der drahtlosen Telcgraphic er- faßt habe und sagte u. a.: Wie erinnerlich, erklärte England Teutschland am 4. August den Krieg. Am Nachmittag desselben Tages, ungefähr gegen 5 Uhr, sandte Deutschland an alle seine drahtlosen Stationen eine Depesche folgenden Inhalts: England hat uns den Krieg erklärt. Versucht so schnell als möglich in einen neutralen.Hafen zu kommen. Dieser Funkspruch wurde sofort von allen Stationen in den Kolonien ausgesandt nnt der Absicht. die Handelsflotte Teutschlands zu warnen. Ter ganze Vorgang nahm nur wenige Minuten in Anspruch. Es gelang aber Deutsch- land dadurch, den allergrößten Teil seiner Handelsschiffe vor der Vernichtung zn retten. — Ehrenbezeugungen in den Lüften. Aus Metz wird der„Franks. Ztg." geschrieben: Ein Offizierstellvertreter, der im Westen(Ärgonnen) bei einem Fußartillerie-Regimenl steht, er- zählte mir in wenigen Worten folgende Kriegsepisode, die fest- gehalten zu werden verdient. Ein französifcher Flieger stürzt tödlich getroffen in die deutschen Linien ab und wird mit Ehren begraben. Darauf steigt ein deutscher Flieger auf, um dem Feind die Nachricht von dem Schicksal seines Fliegers und den Ort seines Grabes durch Abwurf mitzuteilen. Die Franzosen haben die Nachricht richtig er- halten. Am nächsten Tag erscheint wieder ein französischer Flieger und wirft einen Kranz ab, bestimmt, das Grab des Kameraden zu schmücken. — D i c Windmühle als Sichterzeuger. Wie anderwärts, so leiden auch an der Nordseeküste die abseits der größeren Städte gelegenen Landgemeinden, sofern sie sich nicht der Seg- nungeu der Ueberlandzeutrale zu erfreuen haben, empfindlich unter dem herrschenden Petroleummangel, eine Not, die jetzt den Müller zu Uttum, einem kleinen Dörfchen bei Emden, erfinde- risch gemacht hat. Als Mittel zum Zweck bedient er sich der Wind- mühle, die bekanntlich der friesischen und holländischen Land- schaft ein so charakteristisches Gepräge verleiht. Es gelaug ihm, durch eine besondere Vorrichtung die Mühlentrcibkrast, die bisher infolge der verschiedenen Windstärken bedeutenden Sckiwankungen unterworfen war, derart zu regeln, daß sie sich jetzt in vollkommener Gleichmäßigkeit äußert und also zur Inbetriebsetzung einer ström- erzeugenden Dynamomaschine geeignet erscheint. — Ausstellung von„Kriegsgreuel n". Ter Landes- verein Sächsischer Heiiuatschutz hat in Dresden eine Ausstellung er- öffnet, die geradezu erschreckende Beispiele von der Geschmacksver- wirrung und Geschmacklosigkeit in weiten Kreisen gibt. Den glück- lich-unglücklichcn Hindenburg sieht man auf«chokoladentassen, Kon- servenbüchsen, Salzfäßchcn, Aschbechern, Senfgläsern, nichl nur auf Schnupftüchern, sondern sogar auf Waschlappen und Fußmatten! Aber damit ist die Phantasie.patriotischer" Fabrikanten noch lange nicht erschöpft: Lampcnglockeu, Teifenstücke, Nadelkissen, Radier- gumme— alles, alles muß Hindenburg„veredeln".__ Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co. Berlin SW.