|lr. 195.— 1915. Unterhaltungsblatt öes vorwärts Dsniltrslag, W. August. Englanö unö Irlanö. Die euglische Regierung, zahlreiche englische Schriftsteller, fast alle englischen Zeitschriflcn und Zeitungen erklären immer und immer wieder, dag England in den großen Krieg gegen Deutsch- land gegangen sei aus rein moralischen Beweggründen: im Interesse der Heiligkeit von Verträgen und der Freiheit der tleinen Nationen, ES kann auch gar keinem Zweifel unter- liegen, daß die große Masse des englischen Publikums diesen Versicherungen Glauben geschenkt hat, daß der Krieg in Englands nur populär werden konnte durch die Erweckung £cs Anscheins, es müsse die Neutrulitätsverletznng Belgiens durch Teutschland gesühnt werden. In dem bekannten Aufruf der englischen Professoren:„Warum wir für den Krieg sind', den eine große Anzahl hervorragender und durchaus ernst zu nehmender Männer unterschrieben haben, heißl es:„Wir bekämpfen Preußen im Namen der vornehmsten Sacke, für die Menschen kämpfen können. Diese Sache ist das europäische Volker- recht als der ftchere Schirm und Schild aller Nationen, der große» und kleinen, ganz besonders aber der kleinen. Der Lehre von der Allmacht des Staates... setzen wir entgegen die Lehre von einem europäischen öffentlichen Recht, durch das alle Staaten verbunden find, die Verträge zu achten, die sie geschlossen haben... Wir sind ein Volk, in dessen Blut die Sache des Rechts das Lebens- element ist." Welchen Widerhall mag dieser Aufruf wohl in Irland geweckt haben, der kleinen Nation, deren Freiheit und selbständige Ver- toaltung zu sichern, den Engländern eigentlich am nächsten liegen sollte. Aber mehr als 30 Jahre lang ist in England gekämpft worden, um endlich eine Mehrheit für ein Gesetz zu gewinnen, das der irischen Nation Homerule, das Recht der Selbstverwaltung, zurück- geben sollte. Und als das Gesetz nun endlich beschlossen war, da konnte es nicht in Kraft gesetzt werden, sondern die Regierung mußte bor einem Jahre, im Juni 1914, ganz kurz vor Ausbruch des Welt- krieges, erklären, man stehe an der Sckwelle des Bürgerkrieges. Planmäßig wurde die Nebellion gegen das Inkrafttreten des bereits beschlossenen Gesetzes von einer großen Partei vor- bereitet. Und wird es nach dem Kriege den Jrlöndern gelvährt werden? Der Führer der Rebellion gegen Homerule für Irland ist heute— englischer Justizministsr! Zahlen werfen ein sehr helles Licht auf das Verhältnis von England zu Irland. Vor fast 190 Jahren, bei der Zählung des Jahres 182 l, hat das eigentliche England einschließlich Wales eine Bevölkerung von 12 Millionen Seelen gehabt. In diesem in- dustriereichen, fortschreitenden Land nahm die Bevölkerung rasch zu, in den in 10jährigen Zwischenräunien erfolgenden Zählungen ergaben sich Bevölkerungsziffern von 13,9, 15,9, 17.9, 29,1, 22.7, 26, 29, 32,5 und im Jahre 1911 rund 36 Millionen, also eine Verdreifachung der Volkszahl in diesem 99 jährigen Zeit- räum. An dem steigenden Reichtum und Wohlstand, an der ge- steigerten Kultur, die mit solch wachsender Volkszahl notwendig verbunden sein muß, nahm Schottland nicht in gleichem Maße, aber immerhin doch sehr erheblich Anteil. Hier waren die entsprechenden Bevölkerungszahlen sür die gleichen Zählungstermine 2,1, 2,4, 2,6, 2,9, 3,1, 3,4, 3,7, 4, 4,5, 4,8 Millionen. Die Bevölkerung hat sich hier nur wenig mehr wie verdoppelt. In welchem Maße hat nun Irland an dem steigenden Reichtum der Vereinigten Königreiche teilgenommen? Im Jahre 1821 hatte Irland eine Bevölkerung von 6,8 Millionen, sie wuchs in zehn Jahren nicht unbeträchtlich an, bis auf 7,8 Millionen. Im nächsten Jahrzehnt bis 1841, war die Bevölkerung nur noch bis auf 8,2 Millionen gestiegen, der Zuwachs betrug nur noch 5 Proz. gegen- über 14 Proz. in England und 9 Proz. in Schottland. Bei der Zählung des Jahres 1851 wurden»och 6,6 Millionen gezählt, rund 1ii Million weniger als 39 Jahr früher. Man könnte diesen Plötz- kicken Rückgang der Bevölkerung um die Milte des vorigen Jahr- Hunderts trotz des steigenden Wohlstandes in England und Schott- land auf die überaus schlechten Kartoffelernten in Irland in den Jahren 1846 und 47 und die ihnen folgende Hungersnot mit den unauflöslich damit verbundenen Hungerkrankheiten und-Epidemien zurückführen, obwohl auch bereits in der Mitte des vorigen Jahr- Hunderts die Hilfsmittel einer fortgeschrittenen Kultur groß genug waren, solchen Zuständen wirksam zu begegnen. Aber mit einer solchen Erklärung könnte man sich doch nur' begnügen, wenn es sich um einen vorübergehenden Zustand gehandelt hätte. Die scklechien Kartoffelernten sind doch seiidem nicht typisch für Irland geworden, wohl aber hielt der Bevölkerungsrückgang unausgesetzt bis beute an. Tie Zählung von 1861 ergab nur noch eine Bevölkerung von 5,8 Millionen, die folgenden von 5,4, 5,2, 4,7, 4,5 und schließlich die letzte von 1911 nur noch von 4,4 Millionen Ein« wohnern. Es gibt kein einziges europäisches Land, in dem in dem ver- flossenen' Jahrhundert nicht eine Vermehrung der Bevölkerung statt- gesunden hätte, zum Teil eine ganz beträchtliche, in Preußen z. B. von 11,3 Millionen im Jahre 1821 auf 49,5 Millionen im Jahre 1911. Selbst Frankreich hat seine Volkszahl in dem betrachteten 99 jährigen Zeitraum von 39,5 Millionen im Jahre 1321 auf 39,6 Millionen im Jahre 1911 vermehrt. Nur daS unglückliche Irland, das sich der Segnungen einer englischen Herrschaft nüt echt britischer Großherzigkeit und Freiheit erfreut, ist in seiner Volkszahl fast um die Hälfte zurückgegangen. Welch bitteres Echo muß nicht in Irland jener sehr ehrlich gemeinte Ausruf erwecken: „Wir Engländer sind ein Volk, in dessen Blut die Sache des Recht- das LebenSelemcnt ist!" Tie Jrländer werden hierüber wobl denken, wie der englische Geschichtsschreiber Macaulay:„Es gibt kein so lächerliches Schauspiel wie das britische Publikum in einem seiner zeitweiligen Anfälle von Moral". Wie Riga geräumt wirö. Ein Mitarbeiter des„Journal de Gcnöve" erzählt, wie Riga geräumt wird:„Die Straßen", schreibt er,„sind voller Flücht- linge: es sind Bürger und Bauern aus den vom Feinde bedrohten oder bereits besetzten Landesicilen, die ihr durch die langen Wände- rungen geschwächtes und arg heruntergekommenes Vieh hinter sich her schleppen. Aus Riga selbst fliehen besonders die Arbeiter. In der Nähe des Bahnhofes stauen sich die Wagen und ganze Berge von Gepäck. Nur mit großer Mühe kann man sich hier vorwärts schieben und sich durch den Trubel und den unendlichen Staub, der aufgewirbelt wird, einen Weg bahnen. Manchmal muß nian tagelang auf dem Bahnhof warten, ehe man an eine Ab- reise denken kann. Die Reisenden haben daher Stühle, Feldstühle, Fußschemel mitgebracht und Ivarlen still ergeben, bis sie zu den Schaltern zugelassen werden, Wenn man nach all' der Pein endlich eine Fahrkarte errungen hat, muß man oft noch inehrere Tage auf das Zeichen zur Abfahrt warten. Täglich verlassen etwa 19 999 Menschen die Stadt. Die Fahrt führt hauptsächlich nach Petersburg, Moskau, Orel, Witebsk, Dorpat, Bialyftok und Wilna. Das Hauptabwanderungsbureau befindet sich in Bialystok. Gepäck- träger und Dicnstmänner fordern für die einfachste Hilfeleistung mit größter Seelenruhe 19 bis 15 Rubel. Silbergeld und Scheidemünze sind in der Stadt überhaupt nicht mehr zu haben: man zahlt daher nur mit Papiergeld. Die Kaufleute, die auf größere Scheine kein Kleingeld herausgeben können, stellen Ouitwngen aus. auf denen sie anerkennen, daß sie dem Kunden soundsoviel schuldig sind. Von Petersburg erwarlet man jetzt größere Sendungen Scheidemünze. Alle größeren Werkstätten und Fabriken des Landes, in erster Linie die, welche inil Kriegslieferungen bedacht sind, befördern ihre Maschinen, ihr Rohniaterial und ihre Brennstoffe ins Landesinnere(dasselbe wird aus Wilna berichletj. Die Staatspapiere wurden nach Moskau gebracht. Die Kanzlei des Generalleutnants Kurlow wurde nach Walk übergeführt. Der Erzbischof Johann und die geistlichen Be- Hörden übersiedelten nach den: Kloster Petschora bei Pskow. Der Staatsschatz kain nach Pskow selbst.... Der russische„Rigaicke Bote" wurde nach Dorpat verlegt. Die lettischen Zeitungen erscheinen weiter, aber mit stark vermindertem Inhalt. Die Kirchenglocken schaffte man nach Moskau i dorthin ging auch der nach Millionen zählende Besitz des staatlichen Leihhauses, das ganze kaiserliche Gestüt und niehrere Statuen, darunter eine Herderbüste und ein Bronzestandbild— Bismarcks, das die Russen in Ostpreußen geraubt haben sollen. Die Eisenbahnverwaltungen gingen nach Petersburg, Moskau und— provisorisch— nach Minsk. Aus Polen, Litauen, Kurland, Livland nnd dem Kaukasus wanderten Hunderttausende nach den miltlercn Provinzen Rußlands ab. Man zählte 159 999 Auswanderer aus der Provinz Cbolm, 599 999 aus Polen, 299 999 aus den baltischen Provinzen, 399 999 aus Wan und ganz Armenien. Mehrere Hunderttausend blieben in Brest und in Wolhynien, 69 999 in der Provinz Tschernigow, etwa 7999 in Eharlow(zum größten Teil naturalisierte Deutsche), 2599 aus Kowno in JekaterinoSlaw, mehr als 19 999 in Witebsk, 6999 in Wilna usw. Durch Kiew kommen täglich mehr als 3909 Flücht- linge i Tula sah bisher 35 999 durchziehen. In Odessa werden Flüchtlinge nickt aufgenommen, da die Stadl sick im Belagcrungs- zustande befindet. Die Zahlen sind natürlich durchweg nur schätzungsweise angegeben, und sie ändern sich täglich. Bon den geflohenen Polen befinden sich die meisten in PeterS- bürg, von den Letten die meisten iu Moskau. Am schlimmsten er- ging es den Juden, die ihre Wohnsitze meist über Hals und Kopf verlassen mußten.... kleines Zenilletsn. Ein öerliner Mronom. Ein Komet trägt den Namen des Astronomen Johannes Enckc, und die Stadt Berlin hat nach ihm einen Platz, auf dem früher die Sternwarte stand, benannt. Beide Ehrungen hat der große Be- obachter und Rechner, der vor 59 Jahren ani 26. August 1866 starb, wohl verdient, denn er kann sich neben die Ausgezeichnetsten seines Faches stellen. Als Sohn eines Hamburger Predigers 17S1 geboren, studierte er in Güttingen unter Gauß, folgte aber in den BefreiungS- kriegen erst den hanseatischen, dann als Artillerieleutnant den preußi- schen Fahnen. Nach Friedensschluß arbeitete er auf der Gothaer Sternwarte und erhielt hier einen Preis für die Bahnbestimmulig des Kometen von 1816. Später wurde er Vizedireklor der Sternwarle und blieb es. bis er 1825 zum Sekretär der Akademie der Wissen- schaften in Berlin berufen wurde. Als Bode in den Ruhestand trat, wurde Encke Direktor der Berliner Sternwarte, die kurz nach seinem Amtsantritt ein von Schinckel erbautes Haus erhielt. Als am 26. November 1818 von Paris ein Komet entdeckt.worden war, geriet jahrelang die astronomische Wissenschaft in Unruhe, weil sich seine Bewegung durch keine parabolische Bahn darstellen lassen wollte. Endlich jedoch gelang es, Bahn und Umlaufszeit des Himmelskörpers zu berechnen, seine Identität mit einem schon früher mehrfach beobachteten festzustellen und die Zeiten seiner Wiederkehr zu berechnen. Wichtige Arbeiten veröffentlichte er auch über die Entfernung der Soniie von der Erde, aus dem Venusdurchgangc be- rechnet. Ein ganz besonderes Verdienst erwarb er sich auch durch Umgestaltung und weitere Herausgabe des„Berliner Astronomischen Jahrbuchs"._ kann man eine heransausenöe Granate H5ren! Während vom Jnsanteriegeschoß behauptet wird, daß man das todbringende Geschoß selbst nicht hört, so lvird von den Granaten gesagt,— wenigstens von einem Teil der Kriegsteilnehnrer wird es behauptet, während ein anderer dem widcrsprichl�— daß man sich vor einer heransausenden Granate noch hinwerfen kann, sie also heransausen hört. Zunächst ist man, wie Dr. W. Meinecke im neuesten Heft der„Monatshefte für den naturwissenschaftlichen Unter- richt" ausführt, geneigt, die Möglichkeit der letzteren Behauptung zu verneinen, da ja die Geschwindigkeiten der modernen Geschosse die Schallgeschwindigkeit von 339 Meter in der Sekunde bedeutend übertreffen. Aber genauere Untersuchungen lassen erkennen. daß die Anfangsgeschwindigkeiten allerdings die Schallgeschwindigkeit übertreffen, daß aber der Luftwiderstand die Geschwindigkeit des Geschosses auf Werte unter 339 Meter in der Sekunde heiabdrücken kann. So könnte man auch ein Infanterie- geschoß vorher hören, wenn der Schütze genügend weit entfernt� wäre, nämlich 2 Kilometer z. B. bei Gewehr II. 98. Die Zeit die der Schall gebraucht, d. i.= 6,99 Sekunden, ist kleiner als die Flugzeit von 6,57 Sekunden: aber„die Zeitdifferenz ist sehr knapp". Wesentlich anders liegt die Sacke bei der Granate Kaliber 8,8 om. Fünf Sekunden nach dem Abschuß ist das fliegende Geschoß der Schall- tvelle des Abschusses voraus. Nach zehn Sekunden hat aber die Schall- welle die Granale überholt. Nach 18 Sekunden triffl die Schall- welle am Ziel ein, es bleiben dann noch 12 Sekunden bis zum Einschlag."Von der 18. bis zur 39. Sekunde hört man mithin die Granate heransauseu. Es kairn freilich auch eintreten, daß das fliegende Geschoß auch Schallquelle ist, daß mithin die Schallwellen des Abschusses überholt werden können von Schallwellen von irgend- einem Punkte der Flugbahn. Jedenfalls dürfte diesen Untersuchungen neben dem theoretisch sehr interessanten Ergebnis auch ein praktischer Wert nicht abgesprochen werden. Notizen. — Die deutsche Sprache in Warschau. Um den Deutschen, die jetzt in den Straßen Warschaus recht zahlreich auf- treten, das Verständnis der polnischen Aufschriften zu � erleichtern, haben viele große Geschäfte recht deutliche Schilder in deutscher Sprache in ihren Schaufenstern aufgestellt. In sämtlichen Buchhandlungen sind deutsche Bücher zu haben; die Berliner und die deutschen Lodzer Zeitungen sind täglich bald vergriffen; auf den Straßen verkaufen Zeitungsausträger deutsch-polnische Sprachbücher zu billigen Preisen. — Neue Dramen. Arthur Schnitzlers neues Bühnen- werk„Komödie der Worte" gelangt im Oktober am Hofburg- theater in Wien und am Lessingtheater in Berlin zur Uraufführung. Rotes vlamenblut. 6j Von Pierre Broodcoorens. Berechtigte Uebersetzung von Johannes Schlaf. Tie blieb stumm, doch fühlte er, wie sie den vielsagenden Druck seiner Hand erwiderte. „Vielleicht, daß man sich ein bißchen was wissen lassen tonnte... he, sich ein Wort sagen, sich verständigen könnte." Er erstaunte jetzt über seine Kühnheit, die ihm nach der Ewigkeit von Schweigen, die bislang sie bedrückt hatte, un- erhört schien. Ter erste Schritt war getan. Das übrige würde sich ganz von allein ergeben. Sicher! Sehr verständig erwiderte sie: „Du machst Dich über mich lustig. Morgen hast Du mich ja doch vergessen." Er machte eine freudig erstaunte Geste. Zum ersten Mal duzte sie ihn. Doch dann runzelte er, von dem Zweifel, den sie hinsichtlich der vermutlichen Dauer ihrer Beziehungen ge- äußert hatte, unangenehm berührt, die Stirn. Mit der Hand gegen ihren Mund gab er mit großer Entschiedenheit zurück; „Nein! He! Pfui doch! Das ist unmöglich!" Aber sie fügte, den Kopf gesenkt, hinzu: „He, Ihr seid ja einer wie der andere! Beim Fest goldene Versprechungen, Honigkuchen und Kandis, man ißt sie zusammen an demselben Abend, und es bleibt nichts da- nach übrig." Sie verbesserte sich: r* „Wenn nicht ganz und gar manchmal noch was nach- kommt, was man nicht erwartet hat." Flohils Stimme bebte von einem Vorwurf: „Wie kann man so was sagen? Es sind nicht alle Männer aus einem Holze geschnitzt... He, es gibt auch gute." Und sie lachte: „Na gewiß. Tu wirst Dich nicht schwarz malen." Aber sofort tadelte sie sich wegen dieser schroffen Be- merkung. „Gut, wenn Tu nicht so fühlst, wie ich fühle, ich," sagte er, indem er Hillas Hand heftig loßließ und sich laut auf die linke Brustseite schlug,„so ist es aus. Besser, daß man dann auseinandergeht." Ein aufrichtiger Schmerz erregte sein wie aus Buchs- bäum geschnittenes Gesicht. Er war stehen geblieben und machte Miene, den Weg zurückzugehen, spähte aber dennoch nach ihr hin, in der Hoffnung, sie werde ihn zurückhalten. Sie zuckte die Achseln und faßte ihn mit einer allerliebst bübischen Geste beim Arm. Aeußerlich noch immer schmollend, innerlich aber frohlockend, ließ er sie gewahren. Mit dem Gefühl einer unaussprechlichen Freude sagte er sich: „Sie hat mich genau so gern, wie ich sie. O! Wenn unser Lebensweg ein gemeinsamer sein könnte, wenn unsere Seelen zusammenstimmten!" „Da ist Dein Glück. Laß den Vogel nicht wieder fort- fliegen, der sich Dir so mitten in den Weg gesetzt hat!" wieder- holte die innere Stimme. Ohne daß er Hilla anzublicken wagte, sagte er laut, unter einem abwesenden Blick: „Wir würden uns gut sein. Es wäre so schön. Findest Du nicht?" Auch er duzte sie jetzt. Es schien nicht, daß sie sich bewußt tvar, wie alle Manneszärtlichkeit in diesen Worten gezuckt hatte. Es schmerzte ihn aufs tiefste. Warum war sie so kalt und ver- schlössen, wo er von Neigung und Jubel überströmte? Sein ganzes Leben bot er ihr dar. Er vermochte den Zweifel an seiner Aufrichtigkeit, den er ihr abzumerken glaubte, nicht zu begreifen. Es sollte möglich sein, daß sie nicht aus seinem Auge und sienem Mund hervorbrach, wie Pe ihm im innersten Herzen brannte? Aber da gelangten sie auf das Straßenpflaster. Einen Armbrustschuß entfernt prasselte' der Marktplatz von La Houppe blendend erhellt und spie goldene Lichter in das krause Spitzenwerk der tintenschwarzen Bäumkronen. Der Schicklichkeit wegen ließ Hilla den Arm ihres Geleiters los. Sie beschleunigten ihre Schritte und gesellten sich zu den anderen, die aus Meter vor ihnen voraus waren. Ein reges Leben erfüllte die einzige Straße des Städt- chens. Scharenweise war man von Flobecq, von Everbecq, von Nederbrakcl. von allen benachbarten Ortschaften herbei- gekommen. Schon stumpfte voni unablässigen Zechgelage genährte Trunkenheit die Gesichter. Am Nachmittag hatte ein„ommegang"(Ringelstechen) den Rasenplatz um die Kirche herum unter dem schwerfälligen Kreisen von hundert Hengsten und Stuten mit falber Mähne dröhnen machen. Diese geräuschvolle Verlustierung hatte mit Hereinbruch des Abends ihr Ende gefunden. Und jetzt kehrten, in Aruppen zu dreien und vieren, über die Kreuze ihrer Gäule hinaus- ragend, die Knechte zu den fetten Pachtgiitern zurück, die sie für diese Stunden der Freude verlassen hatten. Das holperige Pflaster klapperte von Hufen. Welche von den Rittern aber waren zurückgeblieben, um am Sckjauktisch der Gasthöfe noch eins zu trinken, während ihre mit den Zügeln an den in die Hauswand eingelassenen Eisenring befestigten Tiere schnaub- ten, stanipften und manchmal mit einem langen Gewieher auf die grellen Laute antworteten, die fern von den Ulmen der Chaussee her zu ihnen beriibertrompeteten. Vom roten Haus des Gerichtsverwalters an bis über die Brauerei Mulkenyzer auf der Straße, die nach Flobecq führte, hinaus stachen Lanipionsgirlandeu mit ihren vielfarbigen Gewinden von den aufgeschreckten Giebeln ab. Mit einem herzhaften Indigo bepinselte Draperien, in Büscheln auf der Spitze der Masten angebracht, knatterten im Winde. Die Menge schwoll, trieb ihre Späße. Sie rollte dahin wie von Regenstürmen übermäßig geschwellte schwarze Gräben. Die Bühnen der Gaukler, der bewimpelte Kiosk des städtischen Musikkorps schienen in ihr zu schwimmen wie Flöße. Ver- renkte Gesten reckten sich, die unzerbrechliche Kämme, Uhr- ketten, dauerhafter als Gold, Portemonnaies aus arabischem Leder schwangen. Ein Händler mit flüssigem Leim verzweigte sich unter seinem schwarz klaffenden' Mundloch vor Eifer wie mit hundert Armen über die gaffende Menge hin. Ein? Azetylenlampe, die neben ihm ihr blendend weißes Licht ausströmte, legte sein grotesk vergrößertes, eckiges Schattenbild mit drollig marionettenhaften Verrenkungen an den Kirchturm. Etwas weiter ab zischten auf den Wärm- Pfannen eines Garkochs im Freien in ihrer Brühe schwarze und weiße Würste. Mit dem des Bratenfettes gemischt, verbreitete sich ihr Dunst über das Menschenmeer hin und übertäubte den Misckduft des angenehm riechenden Erd- bodens, von niolschen Früchten und der Ausdünstung der schwitzenden Bauern. Auf den Terrassen, die ohne Beleuchtung geblieben waren, bogen sich die Tische unter Batterien von Gläsern. Von Geschrei unterbrochene Lieder glucksten. Unter diesem Heidenlärm hervor brach in kurzen Pausen der wuchtige Krach des Bolzens, der unter einem wütenden Hammer- schlag mit einem metallischen Laut in die Höhe getrieben, am Ende eines Pfahles einc� Pnlverwolke entbrannte. Der Strom trieb Flohil und seine Gefährten zu den Holzpferden. (Forts, folgt.) Tkeatcr Folics Caprice BVa Possen-Theater Qfa Freitag-, den 27. August: Wiedereröffnung und Premiere. Casino- Theater Lothringer Str. 37. Tägl. 8 Uhr: Die neue Berhiner Volksposse Familie Schnafe. Iii bcrlin. Handlung. Urberlin. Figuren. Vorher der ersIKi. Sperislitälon-1'sil. Vorverk. s. d. ganze Woche v. 11— 2 Uhr. Sonnt. 4 Uhr: IMe gute Haina. KrirnKtiillssst der NttslllltN-Kllhnfllhr- MlilS- ZllMIIlg!ll Kttlin. Bekanntmachung. Am Freitag, den 8. Oktober 1913. abcmds 8— 9 Uhr, �findet im ..peSlaten". Dirckjenstraße, Stadtbahn- bogen 110, die Wahl von sechs Vertretern d«: Versicherten im Ausschuß und 2£WTrIatzinänncnt statt. Wir fordern untere Staffen- Mitglieder auf, innerhalb der nächsten 14 Tage Wablvorschläg..' emzureichen. Nach dem 19. September 1915 ein- gereichte Wahlvorschläge toerden nicht berücksichtigt. Die stimtnwibgabe ist an die Wahlvorschlägc gebunden. Die zugelassenen Wahlvorschläge sind am II. und 13. September 1915 von 9—2 Uhr im Geschäftszimmer der Krankenkasse, Dircksenslr. 5, einzusehen. Mitglicdcrvcrzetchnifse liegen daselbH täglich von 9—2 Uhr aus. Ein- spräche gegen die Nichtigkeit des Mitglicdervcrzeichnisscs und der fich daraus ergebenden Wahl- und Stimmberechtigung find bei Ver- mcidung dcS Ausschlusics von der Wahl, unter Beifügung von Beweis- Mitteln, spätestens bis zum 10. Scp- tembcr 1915 beim Vorstande ein- zulegen. Der Wahlausschntz ist berechtigt, die Wahl- und Stwrmberechtigung jedes Wählers bei der Wahlhandlung zu prüfen, es empfiehlt sich daher, einen Ausweis hierüber mitzubringen. Wahlvorschlag des Vorstandes: 1. Friedr. Ebelt, 80, Schlesische- strafie 46, Droschkenkutscher bei Bctiinger. 2. Karl Gottschalk, Schönebcrg, Eiscnacher Straße 67, Droschken- kutscher bei Bettinger. 3. Kas. Leworski, Schöne&g., Apostel- Paulus-Straße 3, Autofahrer bei Stufe. 4. Ed. Gießen, SW, Arndtstraße 12, Droschkenkutscher b. Willer. 5. Herm. Oehmicke, 8, Wißmannstr. 7, Kutscher b. Lehmann. 6. Ludw. Weiß, Neukölln, Richard- straße 102, Kutscher b. Noack. X Herm. Laube, Fichtestr. 30, Kutscher b. Fuhrhcrrn Podebl. 8. Rob. Zapel, Görlitzer Str. 26, Kutscher b. Fuhrherrn Kurth. 9. Aug. Schröter, Cuvrpstr. 25, Kutscher b. Fuhrherrn Pätzold. 10. OSkar Apel, Cuorhstr. 25,.Kutscher b. Fuhrherrn Pätzold. 11. Aug. Hannemann, Waldemar- straße 15, Autofahrer b. Wegncr. Franz Lubick. Skalitzer Str. 9, Kutscher b. Pagcl. Wilh. König. Neukölln..Hobrecht- straße 41. Kutscher b. Pagel. 14. Anton Otte, Skalitzer Str. 43, Kutscher b. Regäsel. 15. David Lirkas. Friedenstr. 56. .Kutscher b. Regäsel. 16. Gottsr. König, Mcmeler Str. 32, Kutscher b. Kumbicr. 17. Herm. Wilm,Königsberg«rStr.31, .Kutscher b. Wieprecht. 13. Friedr. Hentschel,.Königsberg«: Straße 23, Kutscher b. Erpel. 19. Ernst Radom, HauSburgstr. 9, Kutscher b. Rob. Krüger. 20. Franz Hahn, Memeler Str. 30, Kutscher b. Müller. 21. Dikt. Florian, EraSmuSstr. 9, Autofahrer b. Rich. Krüger. 22. Julius Meyer, Memeler Str. 26, Kutscher b. Körner. 23. Alb. Hansen, Pankow, Prinz-Hein- richstr. 2, Autofahrer b. Bunge. 24. Wilh. Wesmeicr, Barsusstr. 11, Autofahrer b. Pritsch. 25. Franz Bartkowski, Stromstr. 50, Autofahrer b. Schröder. 26. Fritz Stübling, Paulstr. 26, Auw« sahrer b. Groß. 27. Wilh. Krinclkc. Föhrer str. 6, Autofahrer b. Groß. 28. Joses Grunewald, Turmstr. 44, Autofahrer b. Arndt. 29. Wilh. Rau, Febmarn-Str. 16, Autofahrer b. Geschw. Kluchert. 30. Aug. Hopp, Reinickendorfer Str. 98, Autofahrer b. Surk. 31. Joh. Tcsch. Brücken- Allee 1, Droschkenkutscher b. M. Pohlmann. 32. Aug. Tiedc. Stepbanstr. 16, Auto- sahrer b. M. Pohlmann. 33. Franz Hcrzberg, Gollnowstr. 9, Kutscher b. Klingbeil. 34. Herm. Loff, Gerichtstr. 17, Kutscher b. Alb. Böhm. Berlin, den 24. August 1915. Der Vorstand. Friedrich Barth, Wilhelm Armls, Schriftführer. Vorsitzender. KB. Der in anberaumter Wahl ergänzte Ausschuß wird baldmöglichst 4 Vertreter der Arbeitnehmer im Vor st a n d e und 12 Ersatzmänner zu wählen haben. Da die Mitglieder dcS Ausschusses nicht dem Vorstande angehören dürfen, empfiehlt es sich, bei Ausstellung des Wahlvorschlages für den Ausschuß schon die Vorstands. wähl zu berücksichtigen. 'Theater 5ür Doimerstax, 26. August. Berliner Theater s uhr: Exlrabläller. Deutsches Opernhaus Charlottbg. 8 uhr: Die Fledermaus. Fricdrich-Wilhclmsfädt. Theater. s'/. mir: Lehmanns Kinder Residenz-Theater sv. uhr Der SonnenYogel. Schiller-Theater O. Rosmersholm. 8 Uhr; Z. I.Male; Gebr. 8 Uhr Herrnffeld. Theater Benjamin macht alles. 12. 13, Kleines Theater. sv,u.: Ein kostbares Leben. Komische Oper. Freitag, d. 27. Aug., VjS Uhr i. Maie; wg M man sein. Jhnstspielhans. s'i.ü.rflerrselialtl. Schlller-Th.Charlottenbg. z? Maio: Bes G'wissenswurm. Thalia-Theater. 8-/. u.: Eine verflixte Annonce. Theater am Vollendorfpl. 8v,u.: Immer feste druff! Theater des Westens Andersen. Dentsches Theater«, Direktion: Max Reinhardt Mittw. l.Sept: Eröfi.-Vorst: Faust I. Donnerstag; Das Wintermärchen. Kammersplele. Mittw. 1. Sept.: Eröfin.-Vorst.; Der Weibsteufel. Donnerst: Weibsteufel. Volksbühne. Theater a. BOlowpl. Direktion Max Reinhardt Mittw. 1. Sept.: Eröffn.-Vorst.: Die Räuber. Donnerstag: Die Räuber. 8 Uhr: Vorher: Am Wörther See. Theater In der Königgräfzer Straße 8 Uhr: RaUSCh. Trianon-Theater. 8>/4UhT: : Hannemaoos daetifolger. URANIA TaubenstraBe 43/49. 8 Uhr: An den Grenzen von SUdtirol und Italien. Rose-Theater. sv.u.: Die Toebtep des Gefangenen, Gartenbiihne: Mamas Liebling. Walhalla-Theater. „... Die Tlaschlnenbaner b Uhr: von Berlin. Gartenbohne: Vorstell., Apollosänger. Verband der Freien Volksbühnen Neue freie Volksbühne/ Geschäftsstelle: Berlin C 25, Linienstr. 227. Freie Volksbühne Fernspr.: Amt Norden 2944 Beginn des Spieljahres am I. September 1915. Zur Aufführung gelangen: Volksbühne, Theater am Bülowplatz Vorstellungen des Deutschen Theaters, Direktion Max Reinhardt, Die Räuber von Schiller 11 DerKaufmann von Venedig i Die Mitschuldigen von FaUSt 1. Teil[Goethe Tausend und eine Nacht v. Drachmann Das Käthchen von Heilbronn v. Kleist Die Macht der Finsternis von Tolstoi 1 von J Shakespeare Viel Lärm um Nichts König Heinrich der Vierte Die versunkene Glocke Die Weber von Gerhart Hauptmann Deutsches Künstler-Theater DatterlcH von Nieborgall Schiller- Theater, Charlottenburg Das Glück im �Vinkel von Hermann Sudermann Lessing-Theater Baumeister Solneß von Ibsen Deutsches Opernhaus Die verkaufte Braut von Smetana Ferner Wen statt: Erstklassige Konzerte, Kuast-n. Leseabende Einschreibegeld M. 1.10; jede Vorstellung ebenfalls M. 1.10 Jetzt ist die günstigste Zeit zum Beitritt!- Jedermann kann Mitglied werden, Die Mitgliedschaft ist zu erwerben durch Einzeiehnnng in einer der durch Plakate gekennzeichneten, in allen Stadtteilen befindlichen Zahlstellen der Vereine oder an den Theaterkassen Hermann Tietz(Leipziger Straße, Alexanderplatz, Frankfurter Allee), in der Volksbühnenbuchhandlung, Köpenicker Straße 68 und in der Geschäftsstelle des Verbandes der Freien Volksbühnen, 0 25, Linienstraße 227. 15518* awwtgggaKAlAZXZZZZZZZZZZXZZZZZZXZZXZXZXXZXXrXXXXZZZZXZXZX Freitag, im Gewerkschaftshaus, Voigt-Theater. Badgtr. 58. Badstr. 58. Das ahrige Jubiläum oder: Ebrltch währt am längsten. VolkSslück mit Gesang in 3 Auszügen. krsttclsssixes Variete Kasieneröfinung 10 Uhr. Ans. 4 Uhr. Reiehshallen-Ttieater. Stettiner SHnsrep. Ans. 8 U. Zum LOS. Male: Zeit bild von Mcysel. Militärpersoncn u. deren Angehö- rigen vollkommen freier Zutrittzu d.Stett. Sängern. Tägl. 8 Uhr. Sonnt. 3'!, u. 8 Uhr. 6 Kur noch Tage; ?Painr? n. das ges. Aug.-Progr. Voranzeige! Mittw., l.Sept.: Beginn der Winter-Spielzeit. Ein Bekord-Progr. Alles neu Gewerkschaftshaus Im herrlichen Natnrgarten 8onnt»x, den 29. August 1915: Ein einmaliges Gastspiel der 4 Steiermärker Sterne Tnsnelfla. am Harmonium, Betty Jack am Klavier, und die