«r. 196.- isla. Llnterhaltungsblatt öes Vorwärts Woher öer haß! Der..Kunstwari" gibt in seinem zweiten Augusthest die folgende Erörterung eines Neutralen über die Herkunft des gegenwärtigen B'ölkerhasses wieder: Was hat man nicht alles in den letzten Monaten gehört und gelesen über Völkerhatz! Aber wer hätte vor einem Jahr behaupten dürfen, dag die Völker Europas einander wirklich haßten? Dann muß doch irgend etwas nicht in Ordnung sein. Es ist doch aus- geschlossen, daß innerhalb nicht einmal eines Jahres eine solche Um- Wandlung in der geistigen Verfassung der Völker gekommen sein kann. Entweder— der heutige Völkerhaß besteht' in Wirklichkeit nicht in dem Maße, wie fast jeder glaubt, oder man hat sich früher allgemein gründlich getäuscht in den Gesinnungen der Völker. Können die Millionen sozialistischer Arbeiter aller Länder sich hassen? Können die vielen Tausende von Gelehrten, Künstlern, Kulturfördrrern, Volkserziehern aller Länder sich nun auf einmal wirklich hassen, nachdem sie schon seit Jahren miteinander gekämpft, gearbeitet, vielleicht auch gelitten haben für dieselben Ideale? Wie könnten die vielen Millionen Deutscher, Franzosen, Engländer, Russen usw., die einander niemals gesehen haben, die niemals etwas anderes wünschten, als in ihrem eigenen Vaterlande zu leben und zu sterben, sich Plötzlich hassen'? Jede Regierung hat's erklärt: unser Land ist angegriffen; unsere Freiheit und Selbständigkeit, unsere Kultur wird bedroht vom Feinde, deshalb müssen wir uns wehren! So liest man in den Zeitungen und in unzähligen Schriften, so liest es jedes Volk in seinen Zeitungen, Wo ist nun eigentlich der Haß? Ich sehe überall nur ein not- wendiges Muß für alle Völker von dem Augenblick an� da der Krieg entbrannt war. Haben aber die„Völker" den Llrieg erklärt? Nein, und damit kann auch nicht ein Völkerhaß die Ursache des Krieges sein. Ich meinet in jedem Lande hätten die Gebildeten, die vor dem Kriege einen Völkerhaß geleugnet haben, weil er eben nicht da war, beim Ausbruch des Krieges und nachher nicht so viel schreiben und reden dürfen über etwas, woran sie bis dahin nicht glaubten. Aber vom ersten August des vorigen Jahres ab ist immer und überall geredet und geschrieben über Völkerhaß, bis man das Un- geheuerlichste, was für die Kultur denkbar wäre, geglaubt hat: einen Haß zwischen den Kulturvölkern. Wieder eine merkwürdige Erscheinung; fragt man jemanden: Hassest du die anderen? so wird die Antwort lauten: Nein, aber die anderen hassen uns. Falls nun aber die anderen, wenn man sie fragt, die gleiche Antwort geben? Das ist's eben: Niemand haßt, aber jeder wird gehaßt. Das bedeutet: Jedes Volk suggeriert sich selbst, daß es ge- haßt wird. Es ist hier eine Massensuggestion in allen Ländern. Und die Schuld daran? Die tragen meines Erachtens vor allem die geistigen Führer in der Presse. Ohne Presse würde von einem Völkerhaß nicht die Rede sein können. Damit will ich nicht bedauern, daß wir eine Presse haben. Aber wohl, daß es so gar vielen unserer geistigen Führer mangelte an etwas, das eigentlich Gemeingut aller Gebildeten sein sollte: Menschenkenntnis und Selbsterkenntnis. Das Fehlen dieser Eigenschaften bei fast allen, die glaubten, in dieser schweren Zeit reden und schreiben zu müssen, ist sehr verhängnisvoll geworden. Denn dadurch allein ist die Tatsache zu erklären, daß in allen Ländern ohne Ausnahme das eigene Volk als fehlerfrei und schuld- los vorgestellt wurde, das andere Volk dagegen als der allein schuldige Teil. Diese Erscheinung ist bei allen kriegführenden Völkern zu finden, und auch in den neutralen Staaten, je nachdem man für oder gegen die eine oder andere Partei ist. Von Anfang an bis jetzt hört und lieft man in jedem kriegführenden Lande dasselbe: Wir sind angegriffen worden, deshalb wehren wir uns unserer Haut. Bei solchem Sachverhalt wäre es das erste Wunder, das in der Menschheitsgeschichte zu verzeichnen wäre: wenn die Völker sich i'.icht auf die Seite ihrer Regierungen geschlagen hätten. Die Frage von Recht und Unrecht kam für sie ja gar nicht mehr in Betracht, es galt nur noch, sich zu verteidigen. Dieses Recht und diese Pflicht hatte jedes Volk. Ein Haß zwischen den Völkern wäre nicht aufgekoinmen, Ivenn nicht die Presse aller Länder fortwährend ihren Millionen Lesern den Haß suggeriert hätte. Sehr bezeichnend ist dafür, daß am wenigsten von Völkerhaß die Rede ist in— den Briefen der Kämpfenden selbst. Für die Zukunft ist nun nichts gefährlicher, als dieser künstlich großgezogene Völkerhaß. Hier ist's auch wieder die Aufgabe der besseren Presse und der Männer der Wissenschaft, Kunst und Volks- erziehung. Besserung zu bringen. Allen, die zu der Einsicht ge- kommen sind, daß ein Völkerhaß die Kultur bedrohe, müssen, wo sie Rotes vlamenblut. 6s Von Pierre Broodcoorens. Berechtigte Uebersetzung von Johannes Schlaf. Mit dem steifen Trott einer ausgehungerten Rosinante drehten sich bei der Kirche in einem Geglitzer von kleinen Masstückchen und Flittergoldschnüren in ihrem Kreise. Flohil schlug eine Tour vor. Alles stürzte drauf zu. Ter Riese baumelte mit den Beinen, nachdem er sich ritt- lings ans ein schokoladenfarbenes Kaninchen geschwungen batte; Hilla, die es leicht mit Schwindelanfällen bekam, hatte sich an der Seite ihrer Schwester in ein Kutschchen aus be- uraltem Blech geschwungen. Ter Wcllbaum fing an zu krachen. Gekreisch wurde laut, das Heiterkeit erregte. Und ols der Grenadier hinter Flohil ein gelbes Schwein gewählt hatte, flogen die mit zweideutigen Anspielungen gespickten Späße hinüber und herüber. r., r Als sie genug hatten, stiegen sie herab. (sie in die eisernen Kähne der Schaukel zu verstauen, daran war nicht zu denken: die Weiber hätten die Eingeweide von sich gebrochen. Ter Mann hatte also eine andere Idee. Er zog sie zuni„Hoppla" hin. Eine ärmliche Glückslotterie, die ioenig Zulauf hatte. Auf einem niedrigen, schmalen Brettergerüst reihten sich im Hintergrund der Bude die auf Gestellen aufgestellten Gegen- stände. Messingene Weckeruhren wechselten mit zerbrechlichen Gipsstatuetten, blauen und roten Vasen und Küchengeräten. Eine Taschenuhr aus Nickel thronte auf ihrem Gestell inmitten von allerlei Schundwaren: Löffeln, Serviettenringen und Milchtöpfen. Hier und da aber hoben sich aus der Masse Schaukelmännchen hervor, die unaufhörlich ihren dicken, ziegelroten Kopf bewegten und in die elende Aus- itattilng eine Art von Possenspiel brachten. Das Jahrmarktsweib, eine Megäre mit eurem aufwärts fLdogenen Kinn, auf dem ein Büschel weißer Haare saß, scyteppte seine schlechte Laune von einem Ende der Bude zum anderen. Schielend setzte sie ihnen das Spiel auseinander. Es gav für o«ous drei Holzreifen. Wollte man gewinnen, so mußte man den Rerf genau über das Gestell des gewünschten Gegenstandes werfen. Flohil bestimmte Hektor und den Grenadier zu einem Versuch, cic fehlten und scheuten sich endlich vor einer können, dieser Massensuggestion entgegenwirken, denn sie ist kultur- feindlich. Wo dies nicht geschieht, fehlt es an— Menschenkenntnis und Selbsterkenntnis.[rnj Amsterdam_ I. W. Gerhard. kleines Feuilleton. »Die§leüermaus� im Deutschen Gpernhause. „Die Fledermaus" gilt, wenn auch nicht als die musikalisch liefste und reichste, so doch volkstümlichste Operette von Johann Strauß. Er ist typisch für Alt-Wien, wie Artur Schnitzler es für Neu-Wien wurde. Seine Musik ist die klingende Seele des Wiener- tums. Sagen wir: des Wienertums von„gestern": denn die kommende Generation wird und muß doch wohl etwas anders ge- artet sein. Daß Strauß vielleicht bedeutendere Kunstwerke geschaffen hätte, als bloß Tänze und Operetten, wenn er in einer Person den Text und Musikschöpfer im Wagnerschen Sinne vereinigt, mindestens doch einen wirklichen Wortdichter zum Mithelfer besessen hätte, ist sicher. Das„Fledermaus"-Libretto besitzt keine poe- tischen Qualitäten. Strauß komponierte seine blühenden, meisterlichen „Fledermaus"- Melodien gewissermaßen am Texte„vorbei". Im Grunde gehen uns die Vorgänge und die Personen, außer dem Ge- fängniswärter Frosch, verteufelt wenig an. Nur die Musik reißt uns ungestüm fort. Das beweist diese Aufführung abermals. Es mag annähernd zwanzig Jahre her sein, als eine Opern- bühne, nämlich das Münchner Hoftheater, den ersten, glänzend ge- lungenen Versuch mit der„Fledermaus" machte. Die ihr jetzt am Deutschen Opernhause bereitete Wiedergeburt kann sich hören und sehen lassen. Alles stimmte wundervoll zusammen, zumal im ersten Akte. Echt Wienerisches brachte eigentlich nur Bernhard B ö t e l als Eisenstein mit. Herta Stolzenberg, Elisabeth Böhm van Endert und Paul Hansen suchten aber, es ihm gleich zu tun. Und daß Julius L i e b a n als Frosch eine ebenfo jovial-liebenswürdige als originell umrissene komische Charaktercharge geben würde, war zu erwarten. Jgnaz Waghalter dirigierte. Er traf stellenweise das Tempo, das alles berauscht. Den Ballakt könnte die Regie freilich noch prickelnder gestalten. � ek. Sreft-Litowsk. Unaufhaltsam drangen die Heeresmassen der verbündeten Armeen vorwärts und immer enger wurde der Bogen, der die arg bedrängten Russen nach ihrem Rückzug auf Brest'- Litowök um- schloß: jetzt ist auch dieses letzte Bollwerk gefallen. Die starke Bug- festung war für die zurückflutenden russischen Massen deshalb von solcher Bedeutung, weil Brest-Litowsk einen der größten und wich- tigsten Knotenpunkte des gesamten russischen Eisenbahnnetzes bildet. Kreuzen sich doch hier die Bahnverbindungen Brest-Litowsk— Minsk — Moskau, ferner Brest-Litowsk— Bjelostok— Petersburg und Brest- Litowsk— Kiew. Auch als Festung ist die Stadt an der Mündung des Muchawez in den Bug nicht zu unterschätzen. Die Festungswerke wurden im Jahre 1831 angelegt, sind aber in den letzten Jahrzehnten bedeutend verstärkt und erweitert worden.'Die gewaltigen Forts verteilen sich auf die beiden Ufer des Bug und sind, ebenso wie die Brückenbefestigung„Graf Berg", mehrere Kilometer weit vorgeschoben. Als natürliche Befestigung wird die Stadt im Osten durch die gefährlichen Rokitno- sümpfe umsäumt, die nach der größten Stadt in dem engeren Sumpfgebiet auch die„Sümpfe von Pinsk" genannt' werden. Brest- Litowsk hat mit seinen etwa 60 00» Einwohnern, von denen über die Hälfte Juden sind, bei weitem keine so denkwürdige geschichtliche Vergangenheit aufzuweisen wie viele andere Orte des östlichen Kriegsschauplatzes. Auch von baulichen Denkmälern wird das Auge des Besuchers der Stadt kaum gefesselt. Brest-Litowsk wurde im Jahre 1539 nach der Vereinigung Litauens mit Polen zur Residenz der Fürsten Radziwill erhoben. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts tagte in seinen Mauern eine Synode, die die Union der katholischen mit der griechischen Kirche aussprach. Unmittelbar ist die Stadt später von den hartnäckigen Kämpfen zwischen den Russen und den Polen nicht betroffen worden. Aber in seiner Nähe, bei dem Dorfe Kruptschitz, trugen die Russen im Jahre 1791 über die Polen einen Sieg davon, und im folgenden Jahre wurde die Stadt an die Moskowiter abgetreten. Beim Bau der Festung im Jahre 1831 ist auch Brest-Litowsk, das seit 1801 Kreisstadt ist, neu angelegt worden. Aber bei einem verheerenden Brande am 17. Mai des Jahres 1895 wurde ein großer Teil der Stadt in Trümmer gelegt. Der Handel liegt fast ausschließlich in den Händen der Juden, die hier auch eine weithin berühmie Lehranstalt besitzen. Weiteren Ausgabe. Dann versuchte er es selbst. Er verlor, versteifte sich und gewann, nachdem er der Zigeunerin ein Silberstück gelassen hatte, ein wertloses Töpfchen. Er bot die Kleinigkeit Hilla an. Und als sie sich ein Bedenken machte und zögerte, steckte er es ihr beherzt in den Arm. Das Vergnügen wäre nicht vollständig gewesen ohne eine Partie an der Schießbude. Es war der Grenadier, der diese Belustigung vorschlug. Er war ein berühmter Schießscheiben- schütz und bewies das damit, daß er mit dem Luftzug seines Karabiners prompt die unbewegliche Flamme der Kerzen in ihren Blechtüllen zum Erlöschen brachte. Er gewann sechs .Kleinigkeiten, das Stück zu vier Centimes, behielt sie für sich, schmückte die Damen aber freigeberisch mit essenzbenetzten Rosenknospen. Gerade als Flohil vor einer Bude stehen blieb, wo an fettigen Schnüren Pferdefleischwürstchen und geräucherte Fische baumelten, die seinen ausgiebigen Appetit anregten, lösten sich vom Kirchturme langsam neun Schläge. Jannah zuckte zusammen. „Neun Uhr!" Sie trat an Hilla heran und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Das Mädchen kniff die Lippe ein und hörte, die Brauen hoch- gezogen, zu: schließlich stimmte sie unter einem Kopfnicken der Schwester bei. Inzwischen disputierte Souhe mit einem alten, dicken Mann um den Preis einer endlosen Schnur von Würstchen. Hilla legte ihm sanft die Hand auf den Arm: „Mann, es lohnt sich wahrhaftig nicht mehr. Es ist so weit. Ich muß nach Hause." Er zeigte sich bestürzt. „Schon!" Hillas frisches Gesicht verzog sich zugleich ungeduldig und entschlossen. Er las ihren Augen ab, daß sie aufrichtig bedauerte, schon so früh gehen zu müssen und daß sie mit ihrem Begleiter mitfühlte, daß es ihr andererseits aber un- möglich war, seinem Wunsch, den gemeinsamen Bummel fort- zusetzen, zu willfahren, da sie streng verpflichtet war, sich so- fort nach Hause zu begeben.. Er verstand sie also, zwang sich zu lächeln und gab ihr, während ihm die Lippen zuckten, die Hand. „Auf später!" sagte sie eilig. � Sie zwinkerte mit den Augen. Ein Lachein kitzelte ihr in der Nase. Um nicht loszuplatzen, biß sie fest die Kinn- laden zusammen. Der Handel mit Getreide, Flachs, Teer und Holz ist jedoch un- bedeutend: nur der Viehhandel ist verhältnisniätzig gut entwickell. Von der Industrie geben einige Tabakfabriken Kunde. Vorher der erstki. 8peziaiitäten-Tei>. Vorvcrk. f. d. ganze Woche v. 11—2 Uhr.! Sonnt, i Uhr: Die tgnto Mama. Konfiimatioa ©tnpfiehlt unter günstigsten Zahlnngsbcdingnngen' KREDIT FEDER Zentrale Norden Brunnenstrasse 1 | Eingang Weinbergsweg 28 Filiale Osten Frankfurter Allee SSO Filiale Süden Kottbuser Damm 103 Filiale Westen Charlottenburg, Scharrenetr. 5 1 Ecke Wilmersdorfer Strasse Einssgnungs- Anzüge Prüfungs-flnziige Einsegnungs- Kleider Prölungs-Rleider Scliuluynren, Waxclie * AchtenSie aufblauwelße Firmenschilder! 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Slralau-Rummelsburg: 56' as""s WoiRoncQQ- Restaurant Peukert, Berliner Allee 251. R riitvitaev. abends 8 Uhr. �OdenbOZIFkö' Engeluseris, Saal 1, Ersatzwahlen für die Bezirksleitungen. Neukölln* Sieglitz: SchellhasesFestsaie, Ahornstr. ISa, abds. 8-/, Uhr. Köpenick und kriedriebsbagen:"�»�«»rten. Fricdrichshagen, Friedrichstr. 74. abends 8 Uhr. Oberseböneweide, Nieder8cböneweide, 3oliannj8- tkol n Um n• Restaurant George, Qberschöneweide, mal U. umg.. Wilhelminenhofstr. 44 a, abends 81/, Uhr. Spandau*?le,ita,,rant nertz, Spandau. Kurstr. 21, abends Tagesordnung in alten Versammlungen: i Bericht von der Generafversa»nm- lung. 2. Stellungnahme zur au�erordent- lichen Generalversammlung. Ohne Mitgliedsbuch kein Zutritt.- Zahlreiches und pünktliches Erscheinen wird erwartet. 1 1 18/12*_ Die Ortsverwaltnng. Veraniwortlicher Revckteur: Alired Wielepp, It�ulölln, Für Pen Jnferatenteil verantw.: Th-Glockc, Berlin. 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