Nr. 197.- 1915. Unterhaltungsblatt öes Vorwärts Zonüllbend,?8. Allguß. Die Iahnengafle. (l)en toren Slegei'n.) flnöers als im Tag, öa auszelajsLN eine laute Menge ste öurchlärmt, stehen unfte buntbestaggten Gasten in öer Nacht— voll Schwermut und verhärmt. Durch die vielen farbenstarken Zahnen, Sie öer Sieg aus allen Zenstern hängt, bebt von jenem tiefen Schmerz ein Nhnsn, üer heut jeöe Menfchenbrust beörängt. Wenn öer Nachtwinö zärtlich in öen Jalten all öer taufenö grellen Sanner räumt, feh ich taufenö zuckenöe Gestalten, örin stch jäh verlöfchtcs Leben bäumt. Ltnö von einer zu öer anöern Mauer nächtelang ein leifes Schluchzen geht: „Ihrer Anfchulö, ihrer Liebe Trauer unü ihr Slut ist's, was im Winöe weht." Jene taufenö unbekannten Toten, öie öer rafche Sieger Toö gefällt, alle, alle fenöen einen öoten einmal noch öurch ihre stille Welt. Schreiten felber öurch öie Straßenzeilen, mitten öurch öie bunte Wimpelpracht, unö vor manchem stillen Haus verweilen unö verstnnen ste öie letzte Nacht. Sis üer kühle Msrgenwinö öie Zahnen wieöer zu erregtem Jubel baufcht, unö tief unter jeöem Leiö öas)?hnen einer schöneren Zukunft rauscht. Karl Dröge r. Die blühende heiöe. Uebcr die sandigen Heiden, über die Moore und in den lichten Nadelwäldern hat nch aus niedrigen: Gesträuch«ine Unzahl rötlicher Blüten in schmalen, langen Sträugchen entfaltet. In der deutschen Pflanzenwelt gibt es, wenn wir von angebauten Kultur- gewächsen abschen, kaum eine zweite Pflanze, die an den ihr zu- sagenden Standorten durch ihr massenhaftes, oft geschlossenes Aus- treten und durch ihre Blütcnsülle der Landschaft ein so eigenes Gepräge aufdrückt wie die„gemeine Heide", das Heidekraut, vom Botaniker Callunh vulgaris getauft. Tie an sich zierlichen, aber infolge ihrer Kleinheit einzeln nicht gerade bestechenden Blüten wirken durch, ihre Menge, und das Erblühen an sonst blumcn- armen Lrtcn und zu einer Zeit, wenn der Sommer zur Neige g�ht, kommt hinzu, um dem tvinterbangen Menschen eine Sym- pathie für diese Pflanze zu erwerben. Es lohnt sich aber, über diese bloße Shmpalhie auch einmal hinauszugehen und sich das Gewächs etwas näher zu betrachten. Ein gewöhnliches Vergröhe- rungsglas und allenfalls eine Pinzette, mit der man die Blüten- teile nach Bedarf auseinanderzupft, werden dabei gute Dienste leisten. Was am meisten ins Auge fällt, sind vier rötliche Blättcheu von eiförmigem Umriß. Entfernen wir sie, dann konimt ein- neue rötliche, etwas kleinere Hülle zum Vorschein, die etwa einem Elöckchen mit vier Zipfeln am Rande gleicht. Tics ist die cigent- liche Blumenkrone, während die äußere größere Hülle, die wir sonst für die Blume zu halten gewohnt sind, einen farbig gewordenen Kelch darstellt. Derartig blumenkronenartig gefärbte Kelche sind im Pflanzenreich keine Seltenheit. Wie diese Färbung zustande gekommen ist, durch„natürliche Auswahl" oder auf anderem Wege, das wissen wir nicht genau, wohl aber unterliegt es keinem Zweifel, daß die Blüten des Heidekrauts durch diese Einrichtung noch weiter als sonst gesehen werden. Ihr gedrängter Stand an schmalen, langen Zweigen und die Eigentümlichkeit, daß die Blüten alle mehr ooer weniger nach derselben Seite gerichtet sind, fördern das „Gcsehenwerden" noch stärker. Unsere Leser wissen schon, daß solche Schaustellungen, mögen sie dem Menschen noch so sehr ge- fallen, nicht für ihn, sondern für Insekten berechnet sind. Auf die Mitwirkung dieser Tiere ist das Heidekraut zu einem erheb- lichen Grade gngewiesen, und diese Mitwirkung wird durch den Bau der inneren Blütenteile erleichtert. Im Grunde der Blüte liegt der kugelige Fruchtknoten, und cm seinem Fuße sondert sich der Blütenhonig(Nektar) ab, den die vierzipflige kleine Blume wie in einem Becher ziisanrmenhält. Aus dem Gipfel des Fruchtknotens entspringt in der üblichen Weise ein rötlicher Griffel, der— weil er aus der Blüte weit herausragr — schon mit bloßem Auge leicht kenntlick ist. Ter untere Teil des Griffels kommt aus einem purpurn gefärbten Kegel hervor, den die dem Griffel fest anliegenden Staubbeutel der acht Staubgefäße bilden. Die anfliegenden Insekten, die hauptsächlich aus Bienen und Hummeln, aber auch aus Flicgenarten bestehen, brauchten also nur lieben dem Griffel und neben den Staubeuteln in das Innere der Blüte einzutauchen, um sich des Nektars zu bemächtigen. Aber vorher wird doch eine kleine Arbeitsleistung von ihnen verlangt. Sehen wir nämlich'in eine gut geöffnete Blüte hinein, so bemerken wir, daß an jedem Staubbeutel unten zwei sransenartigc Anhängsel sitzen, die ungefähr wie Frackschöße herabhängen, aber etwas aus- einandergespreizt sind. Diese Anhängsel bilden in ihrer Gesamtheit einen Zaun, der gegen den Grund des Fruchtknotens herabrcicht und' den Nektar absperrt. Das Absperren ist freilich nicht so ernst gemeint. Der Rüssel der Insekten durchdringt die Zwischenräume des ZauneS sehr leicht, aber seine Stäbe, eben die Anhängsel, werden dabei jedesmal berührt und erschüttert. Nun sitzen die einzelnen Staubbeutel auf elastischen, dünnen Stielchen und diese sind durch eine gelenkartige Biegung so eigentümlich geformt, daß jede Berührung der Stäbchen die Beutel in beträchtliches Schwanken verseht. Um das Spiel wirksam zu machen, befitzen die Beutel an ihrer Spitze kleine Löcher, durch den der Blütenstaub entleert wird, und dieser Blütenstaub ist sehr locker und trocken, so daß die einzelnen Körnchen nicht zusammenkleben. Tie Insekten, die mit ihrem Saugrüssel den„Zaun" durchdringen, um Nektar zu schlür- fen, bringe» regelmäßig die Staubbeutel zum Schwingen, und diese pudern ihren Gästen wie aus Streubüchsen die Köpfe ein. Ter Mohr, der seine Schuldigkeit geigp hat, kann nun weiter gehen, und es bedarf keiner weiteren Ausführung, daß er beim Besuch der nächsten Blüten die belegungsfähigen Narben der weit vor. stehenden Griffel nun seinerseits einpudert und damit die Be- fruchtung sichert. Mit dieser zierlichen Einrichtung hat es die Natur aber hier nicht bewenden lassen. Wenn die Heide blüht, gibt es nicht selten lange Regenzeiten, in denen die Insekten sich mißmutig verkriechen uud als Blütcnbcsucher streiken. Ten Heidekrautblütcn schadet der biegen zwar nicht, denn sie sind nach abwärts geneigt, und alles Wasser rinnt über die rötlichen Kelche hinab, ohne jemals in das Innere der Blüten zu gelangen. Aber das Ausbleiben der Befruchtung bei Milliarden von Blüten könnte schließlich dem Fortbestande der Pflanze doch gefährlich werden, obwohl die Lebensoauer deS Strauches mehrere Jahre beträgt. Dieser Gefahr begegnet ein Szenenwechsel in der Blüle. Wenn die Blüte altert, tveichen die Staubsäden auseinander, die Staubbeutel werdep da- durch getrennt, nach außen gerückt und endlich in eine Lage gc- bracht, in der der Wind ansetzen kann. An dem fehlt es auf der Heide so leicht nicht. Er schüttelt den Blütenstaub aus den„Streu- büchsen", verwebt ihn üher die Sträucher, und so erreichen Zweifel- los viele der pulverigen Körnchen ihr Ziel an den zahllos vorragen- den Narben. Das Heidekraut gehört daher zu jenen Gewächsen, die im ersten Stadium„insekteublütig", im zweiten„windblütig" sind und damit das Prinzip verfolgen! doppelt hält besser. Die Bierzahl, die wir in den Blüten finden, zeigt sich auch in der Anordnung der winzigen Blättchen, die immer vier Reihen bilden. Sie entsprechen wenig dein Bilde, das man sich üblicher- weise von Blättern macht, sondern sind der Form nach eher mit Schuppen zu vergleichen. Es gehört schon eine stärkere Vergrößc- rung dazu, um den Bau zu erkennen. Ein Querschnitt zeigt dann, daß es an den Rändern umgerollte Blättchcn sind, die auf der Unterseite eine schmale Längsrinne tragen. Während das Blatt sonst Icderartig undurchdringlich ist. wird es in dieser Rinne aus lockeren Zellen gebildet, und nur hier liegen die Spaltöffnungen, deren die Pflanze bedarf, um mit der Atmosphäre in Verbindung zu bleiben. Obwohl das Heidekraut trocknen oder wenigstens nähr- stoffarmen Boden zum Gedeihen braucht, der dann auch feucht sein darf, wie in der ZNoorheide(im eigentlichen Sumpf wächst sie nicht), so liebt sie doch feuchte Luft. Ihre Hauptcntwickelung findet sie da- her auch in Gebieten mit beträchtlichen Niederschlagsmengen, wie z. B. ini nordwestlichen Deutschland, wo sie bis nahezu mannshoch wird.?lber auch bei Berlin, besonders gegen Osten und Süden, nimmt sie stellenweise nicht unerhebliche Flächen ein, wenn sie sich bei uns auch mehr in die Wälder hinein verliert, als reine Bc- stände bildet. Tafür hat das Bild de? blühenden Heidekrautes bei uns auch nicht ganz jenen melancholischen Reiz, den es in seinen eigentlichen Gebieten entwickelt, und der bei vielen Beschauern leicht inS Bedrückende geht.& 2. Ein Muteakr im Gefangsnsnlager. Ter in Stuttgart lebende dänische Ingenieur Julius H. W est hatte dank seiner guten Beziehungen Gelegenheit, den württem- bergischen Gefangenenlagern vielfache Besuche cibzustaiten, und dort, völlig unbeobachtet und unbeeinflußt, Eindrücke und Er- fahrungcn zu sammeln. In einem besonnenen und streng sachlich gehaltenen Aufsatze, den er in der dänischen Zeitung„Politiken" veröffentlicht, gibt er nun ein Bild von den süddeutschen Gc- sangenenlagern, wie es nach seinen Einblicken sich ihm gestaltet hat. Er bat allerlei Interessantes erlebt. So konnte er z. B. mit einigen französischen Sanitätssoldaten auf dem Hohen-Asperg sich unterhalten, die den immerhin überraschenden Entschluß gefaßt hatten, sich nicht, was ihnen frei stand, gegen deutsche Sanitäter auswechseln zu lassen, sondern auf dem Hohen-Asperg zu verbleiben. Tic Antwort, die der eine gab, lautete bezeichnend genug: „Ich habe zu Hause eine Frau; sie hat mich gebeten, hier zu bleiben." Eüvas ausführlicher antwortet ein anderer dieser franzö- fischen Sanitäter: seine Frau habe ihm geschrieben, der erste Ab- schied von ihm sei schon so schwer gewesen, daß sie einen zweiten nicht mehr ertragen könne, und darum wolle sie, daß ihr Mann lieber in der deutschen Gefangenschaft bleibe. Ingenieur West hat sich davon überzeugt, wie sorgsam und menschcnfreundtich durchweg die Behandlung der Gefangenen durch die Teutschen ist. Gefangene, die den gebildeten Ständen ange- hören, werden zu körperlicher Arbeit nicht gezwungen, sondern können sich nach ihrer Art beschäftigen. Im Hohen-Asperg fand West ein großes Zimmer, wo die Akademiker upter den Gefangenen studieren konnten und wo sich u. a. ein französischer Lebrer auss Examen vorbereitete. In einem anderen Zimmer war dort eine kleine Bildhauerwerkstatt eiugerichet, deren Insasse Steinarbeitcn schuf. Es wird nicht allein getan was Recht und Pflicht ist, sonder», das bezeugt der dänische Berichterstatter mit Nachdruck, es ge- schieht mehr.„Von dem Auftreten der deutschen Offiziere und Soldaten gegenüber den Gefangenen empfing ich den Eindruck, daß keiner von ihnen die Gefangenen als Feinde betrachtet� oder behandelt. Für sie hört der Gegner in dem Augenblicke auf, ein Feind zu sein, wo er die Waffen niederlegt, und von da cm� wird er so gut behandelt, wie die Verhältnisse es gestatten. Ein kleines sprechendes Beispiel sei angeführt. Unter den Gefangenen in Hohen-Asperg befindet sich ein Geiger, �er Kommandant der Festung hat diesem Manne leihweise eine Geige beschafft, wobei er selbst mit einer Summe von IM M. Bürgschaft dafür übernehmen mußte, daß sie in unbeschädigtem Zustande zurückgeliefert wird." Herr West hat nicht allein die Postlisten, die Strafvcrzeichnissc, die Speisezettel verschiedener süddeutscher Gefangenenlager eingc- sehen, sondern auch init den Gefangenen unter vier Augen sich unterhalten könyen. In M ü n s i n g e n sprach er z. B. init einein englischen Gefangenen und fragte ihn. ob er sich zu behfagen habe. Der Mann erwiderte sehr vernünftig, daß das Essen im Gc- fangenenlager so sei, wie er es von zu Hause gewohnt sei, könne er ja nicht erwarten, aber im übrigen sei alles all rigtu, uich er hatte auch sonst über nichts zu klagen. Tort sowie'in anderen � Lagern klagten die Franzosen freilich über die knappe Brotration. Sie war von 600 Gramm auf 300 herabgesetzt worden, und die Gefangenen glaubten darin eine Strafmaßregel erblicken zu sollen. Es machte daher einen starken Eindruck aus sie, als Ingenieur West ihnen mitteilte, daß die Deutschen nur 240 Gramm am Tage erbielten, und als sie hieraus sahen, daß man bei ihrer Per- pflegung auf die Gewohnheit, reichliche Brotmengen zu verspeisen, in menschenfreundlicher Bjeise Rücksicht genommen hatte. Als ii» Lager Münsingen ein Russe auf Befragen Klage über das Brot vom vorigen Tage vorbrachte, stellte sich heraus, daß die Per- waltung d-S Lagers dieselbe Klage bereits an der zuständigen Stelle erhoben hatte. Die gesamte Brotliefcrung des vorauf- gegangenen Tages, auch die für die württembergischen Truppen in der Kaserne, war nicht tadelfrei gewesen. Im Lager Eglos- Rotes vlamenblut. 'i] Von Pierre Broodcoorens. „Tie Männer: Sic wissen, man kann so viele haben, wie man will. Nur zu viele. Also weshalb soll man da einen schlechten nehmen?" Mit einer bösen Freude beobachtete sie den Eindruck, den duzse grausamen Worte ans ihn machten. Er litt unter ihnen schrecklich, trotzdem aber zog er aus ihnen eine Milde, die ihm Balsam auf die Wunde legte. Er hielt Hilla für aufrichtig und sah sich in dem Spiegel ihrer erheuchelten Entrüstung. nnd er hätte sie in einer langen Umarmung erdrücken mögen, damit sie ihm mit einem Kuß verzeihe. Sie ahnte, was in seiner Seele vorging und nahm die Gelegenheit wahr, ihm endgültig ihre Hand zu entziehen. „Hilla!" Tie Welt um sie her kreiste mit ihrem schallenden Gelärm. „Gute Nacht, Mann!" Sie entfernte sich. Es war ihm. als sei ihm ein Stück seines Lebens geraubt.„Ist sie wirklich aufrichtig? Macht sie sich nicht über mich lustig?" fragte er sich. Er hatte gehofft, daß sie sich, che sie in der Menge der- schwand, noch einmal umblicken, ihm noch einen Abschied zu- winken würde. Aber bei einer Wendung hatte er sie ver- loren. Sie hatte hartnäckig gerade vor sich hin geblickt; als ob er gar nicht vorhanden wäre. Endlich zuckte er die Achseln, drehte sich auf den Absätzen herum und tauchte in den Festtumult hinein, entschlossen, sich zu betrinken. 4. In einer Sommernacht im August, vor minmehr dreißig Jahren, hotte ein Mann, nachdem ep ein Fenster eingedrückt, sich in die alte aus Stroh und Lehm errichtete Baracke ein- geschlichen, die Grict Flohil. die seit einem Jabre Witwe war, im freien Feld bei Schoorisse bewohnte. Sie war eine schöne Frau gewesen, die Leidenschaften erregk hatte. Sie schlief mit einer Schwester von Souhe. die zwei Jahre jünger war als er. und von der er nur noch so viel wußte, daß sie auf- fallend lockiges rotes Haar hatte, in einem Gelaß zu ebener Erde. Er seihst batte sich, todmüde von der Arbeit des Tages. ein strammer kleiner Arbeitsmann, der seinen Vater nach dessen Tode rüstig ersetzte, zur Nachtruhe auf dem Boden zwischen den dustenden Strobbündeln ausgestreckt, in die trockene Feldblumen mit eingebunden waren, in denen sich hurtig auf ihren hohen, dünnen Beinen die Spinnen bewegten. Als er in der Morgenfrühe, betroffen von der Stille, die im Hause herrschte, barfüßig die Stiege hcrabgeklommen war, hatte ihn ein fürchterlicher Anblick laute Entsetzensschreie entlockt und ihn dann ini Zustande einer Tollheit, die sich mit stammelnden Lauten und unartikulierten Ausrufen Luft genracht hatte, zu den ersten Hütten des Marktfleckens ge- trieben. Nie.wieder hatte er den schauerlichen Augenblick der- gessen können, den er, mit gesträubtem Haar und bis ins innerste Mark erschauernd, erlebt hatte, als er sich seiner er« inordeten Mutter und Schwester gegenüber befunden. Ein Wutanfall hatte den Verbrecher zum Mord getrieben. Zuerst hatte er mit Hammerschlägen die Frau ermordet, und hatte mit einer derartigen Wut darauflosgeschlagen, daß das Eisenteil losgegangen und, ganz mit Blut und haarigen Hautflecken besudelt, weit fort in eine Ecke geflogen war. Trotzöcm hatte das Opfer nicht sofort den Tod gefunden. Sie mußte sich verteidigt und mit ihrem Angreifer einen fürchterlichen und verzweifelten Kampf gehabt haben. Schließ- lich hatte er ihr mit einem Rasiermesser die Kehle durch- geschnitten. Und in der nächtlichen Finsternis hatte sich noch etwas anderes, Nanienloses ereignet. Souhes Schwester, durch das Stöhnen der Mutter wach geworden, war in ein Gc- schrei ausgebrochen. Ter Mörder, durch diesen Zeugen gc- niert, hatte sie erwürgt und ihr dann noch, der besseren Sicherheit wegen, an der Kaminccke den Schädel zerschmettert. Als Souhe in das Zimmer eingedrungen war, war er auf dem schlüpfrigen Blut ausgeglitten. Seine Augen hatten den Anblick der Mutter aufgenommen, wie sie quer über die Bettlade hin dagelegen hatte, die nackten Füße a.uf den Estrich herniederhängend, die Arme gebogen, die Hände mit einer letzten Gebärde der Abwehr in die zerfleischte Brust gekrallt. Die Schwester hatte in ihrem armseligen, zerlumpten Hemd lang vor ihrer Wiege gelegen. Ein fader Blutgeruch hatte geherrscht. Das Blut hatte Wände und Zimmerdecke bc- sudelt. Hier und da hatte die blaue Wandiünche rote Hand- spuren gezeigt; die Lampe war zerbrochen gewesen, das Oel hatte sich aus dein Fußboden mit braunroten Fladen ge- mischt, in denen Gehirnteile gelegen hatten. Jedesmal, wenn er an dieses entsetzliche Geschehnis dachte, fragte Souhe sich, in was für einen tiermäßigcn Schlaf er gelegen haben mußte in jener Nacht, daß er so gar nichts gehört hatte. Es war fem Glück gewesen. Ter Mordgeselle hätte nur heraufzusteigen brauchen, um ihm im Dunkeln das Los der anderen zu bereiten. Tie Jahre waren dahingegangen. Niemals hatte das Geheimnis sich gelichtet. Einer aus Opbrakel hatte, als er in der Mordnacht ini Mondschein von der Kirmes zurück- gekehrt war, einen maskierten Mann in der Richtung auf Nederbrak'cl zu an sich vorbeirennen sehen. Ohne Zweifel war es der Unhold gewesen. Von Furcht gehackt, war der Mann quer über ein Kartoffelfeld gelausen und hatte sich unaufhörlich bekreuzigt, um den bösen Geist zu bannen. Es schien, als sei dieie bäuerliche Tragödie die Gc- staltcrin von Souhes Schicksal gewesen, das ihn in noch so früher Jugend als mutterlose Waise zurllchgelassen. Mit mürrischer Bereitwilligkeit hatten ihn dann aber Verwandte väterlicherseits, die Jcksus, aufgenommen, Holzfäller, von denen es hieß, daß sie zu einein primitiven Naturzustand zurückgekehrt wären, und die sich wie die Weinbergschnecken an die Flanken des Mont°des-H6rons, mitten im Walde von Flobecq angeklammert hatten. Ter Reviermcister lebte dort am Rande seiner Schneise freiwillig ein von jedem geselligen Umgange losgelöstes Leben, nichts besitzend als ein Stückchen Ackerland inmisten der unbebauten Rodung und der Bcrgtannen. Ihr Häuschen hatten sie sich eigenhändig gebaut. Ganz» lich bestand es aus zusanimengefügten Fichtenstämmen. Und dies Blockhaus war eine Sehenswürdigkeit des Landes ge- worden. Man entdeckte dort Fernsichten, und man kam von Lnssines und von Ath, sie zu genießen. Ztach und nach hatten sie eine Idee gefaßt, und ihr ungeselliges Leben hatte sich geändert. Man konnte aus der Liebhaberei der Leute, die die Hütte dieser Troglodyten zu sehen kamen, Vorteil ziehen. Sie erweiterten ihre Baracke mit einer Terrasse und setzten zur Sommerszeit unter Gaisblatt und wildem Wein den Touristen Kaffee und große Stücke Schwarzbrot mit weißem Käse vor. Mcwe Jch'us, die damals in den Sechzigern stand) wer kinderlos geblieben. Mit ihren Wolfsgesichtern, von denen die behaarten Klappen ihrer unruhigen Ohren abstanden, lebten die beiden Geizhälse in beständiger Furcht vor Tieben, und sie grollten Souhe, daß er ihr Erbe und ihnen wie eine dicke Last mitten in ihren wachsenden Wohlstand gefallen war. (Forts, folgt.) heim heschwerien sich verschiedene Franzosen darüber, daß hier mit Strafen in neuerer Zeit ziemlich scharf vorgegangen würde> Der Däne ging dieser Sache nach. Es stellte sich heraus, daß etwa vor Monatsfrist 22 Franzosen einen Fluchtversuch aus Lager Eglosheim unternommen hatten. Mit Hilfe von Taschenmessern, Konservenbüchsen usw. hatten sie sich einen unterirdischen Gang gegraben, durch den sie ausbrachen. Sie waren später wieder ge- fangen genommen worden, und da nach Kriegsrecht die Flucht von Kriegsgefangenen nicht strafbar sei, so hatte der Kommandant kein anderes Mittel als das, ein strengeres Regiment im ganzen Lager einzuführen. Ueberdies ergab sich aus den von West eingesehenen Straflisten, daß in der Mehrzahl der zuerteilten Strafen die Ursache in der Aufsässigkeit der französischen Soldaten gegen ihren französischen Stubenältesten bestand. Das sind einige der Bilder und Tatsachen, die der Däne über die suddeutschen Ge- fangenenlager mitteilt. Sie bestätigen von neuem, was wir alle wissen und stolz sagen dürfen: daß die Feinde, die in unsere Hand gefallen sind, nach den Geboten freier Menschlichkeit zu be- handeln sind._ Kleines Feuilleton. Schiller-Theater G.: �Rosmersholm". Das Schiller-Theater eröffnete die neue Spielzeit auf der Charlottenburger Bühne mit Änzengrubers„G'wissenswurm� am Wallner-Theater-Platz mit„Rosmersholm". Es war ein weihe- voller schöner Jbsenabend. Nach all dem Nichtigen, was die Kon- junktur des Tages auf die Bretter spült, taten sich wieder einmal die weiten Horizonte einer aus innerstem Erleben schöpfenden, durch Phantasie und Denken gleichmäßig beschwingten Kunst aus, die alle Kräfte des Gemüts steigert und so, auch unterm Druck des Tragischen, noch Freude wirkt. Schickialssiimmungen von einer Wucht, wie selbst die griechische Tragödie sie nicht erreicht, verweben sich mit einer naturalistisch psychologischen Kleinmalerei von erstaunlicher Farben- fülle. Der mystische Gedanke einer höchsten Liebe, deren Sehnsucht sich in den engen Lebensschranken nicht erfüllen kann, steigt auf aus Charakteren und Situationen, die Zug um Zug gedrängt und zwingend sich vor unserem Blick entfalten. Im Spiegel der Handlung und des Dialoges enthüllt sich eine weitverzweigte Welt des Vergangenen, in dessen dunklem Schoß das Kommende schon vorgebildet liegt. Wir sehen, wie Rebekka, in Rosmers unglückliche Ehe tretend, die schlummernden, vom Dogma gebundenen Gedanken Rosmers weckte, wie aus der Skepsis, seiner Art entsprechend, ein neuer, schwärmerisch humanitärer Menschheits- glaube in ihm wuchs; und werden in Rebekkas schließlichem Be- kcnntniS Zeuge der noch gewaltigeren Umwälzung, die sich durch ihn in fhr vollzogen. Eine machtvoll überlegene Natur, dabei von skrupellosem Egoismus, hat sie, von wilder Liebesleidenschaft für den Pfarrer entbrannt, die geisteskranke Frau von seiner Seite zu verdrängen gesucht, sie, halb bewußt, durch tückische Einflüsterungen zum Selbstmorde getrieben. Erst als das Furchtbare geschehen, verspürte sie, im Umgange mit Rosmer veredelt, die ganze Schwere ihrer Schuld, fühlte den Ab- grund, der sie auf ewig von ihm scheiden muß. So bereitet sich die Sinnesänderung vor, in der sie fähig wird, vor ihm die Wahrheil zu bekennen und Hand in Hand mit ihm, der ohne sie nicht länger leben mag. den Tod zu wählen. Die Darstellung ließ das verborgene Gewebe seelischer Be- ziehungen mit glücklicher Einfühlung in den Sinn des Werkes überall durchschimmern. Weder das Salonmäßige in Else Wasas Er- scheinung. noch die etwas trockene holländische Gesichtsmaske P a e s ch k e s erwiesen sich im weiteren Verlauf als Hemmungen des Eindrucks. Man kann sich die Gestalten anders denken, aber auch in dieser Art schlössen sie sich zu einem einheitlichen starken Ganzen zusammen. Der robust rotbäckige, fanalische Direktor Kroll N o a ck s besaß frappante Natürlichkeit. Stimmungsvoll zeichnete Erwin Kopp die wunder- bare Figur des Ulrik Brendel, dieses tragischen Seitenverwandten des komödiantischen Hjalmar Ekdal aus der„Wildente". Auch Peter Mortensgaard in seiner trostlosen Nüchternheit(nur die Maske hätte man weniger abschreckend gewünscht) und die alte gutmütige Frau Heiseth waren durch Harry Förster und Marie G u i d r a prägnant charakteristisch vertreten.__ dt. Der Krieg und Sie Marsbewohner. „Die seltsamen Veränderungen der Atmosphäre", so schreibt der Humorist Henriot in einer Groteske in der Pariser Illustration,„die Naturerscheinungen, die der über die Eroberfläche verbreitete Kampf hervorgerufen hat, haben in hohem Maße die Aufmerksamkeit der sagenhaften Bewohner des Planeten Mars erregt. Durch ein Ge- heimnis, das ich nicht verraten darf, bin ich in der Lage, eine Rede wiederzugeben, die der hervorragende Astronom von.Marsstadt" vor den vortrefflichsten Bürgern des Mars hielt:„Meine Herren, eS steht außer Zweifel, daß die Erdbewohner uns feit einem Jahre Zeichen machen, die nur ein Blinder leugnen könnte. Unsere ausgezeich- neten Teleskope haben uns auf der Erdoberfläche Tausende von Ex- plosionen erblicken lassen, die sicherlich Buchstaben bilden sollen. Leider können wir diese Buchstaben nicht lesen und verstehen, aber sie haben ohne Zweifel eine Bedeutung. Die Erdbewohner sind wahr- scheinlich friedliche, reizende Leute, die sich nur mit wissenschaftlichen und künstlerischen Untersuchungen befassen. Nachts nehmen ihre Zeichen eine besondere Schärfe an. Es sind wahrhaftig Feuerwerke von künstlerischer Schönheit. Außerdem sieht man im Lustbereich des Erdplaneten glänzende Punkte schweben. Ja, meine Horren, die Erdbewohner haben Maschinen nach dem Muster der Vögel er- funden, um zu uns zu fliegen. Einen neuen Beweis für die Zeichen- spräche der Erdbewohner erblickt man in zahllosen, grabenartigen Kanälen, von denen in regelmäßigen Zwischenräumen Rauchwolken aufsteigen. Wahrhaftig, das sind Zeichen höchster Vollendung— es sei denn, meine Herren, man wollte annehmen, daß die Erdbewohner seit einem Jahre vollständig wahnsinnig geworden sind!" Das Pferd auf dem Dache. Die gewaltige Wirkung der schweren österrcichisch-ungarischen Mörsergeschütze wissen italienische Blätter von der Front am Jsonzo an einem anschaulichen Beispiel zu erläutern. In den jüngsten Tagen kam ein Offizier auf dem Rückwege zu seinem Regiment zu Pferd durch ein Dorf. Bei einer Gabelung der Landstraße stieg er ab und band sein Tier an die Tür eines Bauernhauses, das dem Augenschein nach unbewohnt war. Er schritt dann auf ein etwas tiefer gelegenes Wirtshaus zu, um sich dort nach dem einzu- schlagenden Weg zu erkundigen. Während er noch an der Tür- schwelle des Wirtshauses mit einem Mädchen unterhandelte das auf seinen Ruf hin aus dem Hause gekommen war, hörte er in der Luft das pfeifende Geheul, das für die schweren Geschosse der österreichischen Mörsergeschütze so charakteristisch ist. Kurz darauf bohrte sich die Granale am Rande der Straße gerade gegenüber der Stelle, wo das Pferd des Offiziers angebunden war, in den Boden. Eine zehn Meter hohe Rauch- und Staubsäule kennzeichnete den Ort des Ein- jchlags, und aus dem riesigen, aufgerissenen Trichter flog eine ge- waltige Erdmasse in die Luft, um dann in einem Umkreis von Hunderten von Metern als Feuerstaubregen zur Erde niederzufallen. Aber das eigentliche Wunder kam noch. Während das Häuschen unberührt blieb, verursachte die gewaltige Explosion einen so ge- waltigen Luftdruck, daß das Pferd vom Halfter gerissen und hoch in die Luft gehoben wurde, um sich schlietzltch lebendig und unversehrt auf dem Dache des Hauses wiederzufinden. Notizen. — Theaierchronik. Im Charlottenburger Schiller-Theater findet die erste Nachmittagsaufführung von„Wilhelm Teil" Sonntag, den 29. August, statt. — Deutsche Hinterlist. Georges Prade hatte in einer Artikelserie im„Journal" ernsthaft behauptet, Deutschland habe beim Raub der Joconda die Hand im Spiele gehabt. Daraufhin fragt die„Humanito" vom 29. August: Weiß man bestimmt, ob die Tiara des Saitaphernes(die berühmte Fälschung eines russischen Goldarbeiters, mit der die Gelehrten des Louvremuseums herein- gelegt wurden) nicht auf Bestellung des Kaisers angefertigt worden ist, um uns mit Rußland zu entzweien? — Die deutsche Lehrerschaft im Kriege. Die vcr- schiedcncn deutschen Lehrervereine haben Erhebungen angestellt über die Beteiligung der seminaristisch gebildeten Lehrer am Kriege. Dia Zahl der eingezogenen Lehrer betrug am IS. Mai d. I. im Deutschen Reiche S4S18(in Preußen allein 34 269), das ist von der Gesamt- zahl der Lehrer 34,4 Proz.(in Preußen 33,7S Proz.). Der� Anteil war am niedrigsten mit 23 Proz. in Westpreußen, am höchsten mit ö? Proz. in Bremen. Ueberall stieg er sonst auf mehr als ein Viertel aller Lehrer. Ein Viertel bis ein Drittel waren in 13 Provinzen und Staaten, mehr als die Hälfte in drei Landesteilen(Bremen, Baden und Schwarzburg-Sondershausen) eingezogen. — Die Energie, die uns von den Sternen zu- g e st r a h l t wird, ist durch sehr feine Messungen, die Coblentz mit dem Croßley- Reflettor der Licksternwarte angestellt hgt, von neuem fe�qestellt worden. Die Messungen wurden mit Hilfe sehr empfindlicher Thernioelemente vorgenommen: es konnten auch Sterne gemessen werden, die bis zur 6., 7. Größe gehen, also etwa S99mal schwächer sind als ein Stern der 9. Größe. Zum Vergleich diente eine Normalkerze. Es ergab sich, wie die„Naturwissenschaftliche Wochenschrift" berichtet, daß die gesamte Energiestrahlung des Arkturus nur etwa— Vjooooocoo der Kerze in 1 Meter Entfernung ist. Die Messungen erureckien sich auf 112 Sterne und einige Planeten. Die Gesanitwirkung aller Sterne auf die Erdoberfläche würde, wenn man sie 199—209.Jahre lang summieren und aus- speichern könnte, erst so viel ausmachen, daß die Einstrahlung auf je 1 Ouadratzentimeter eine einzige Kalorie betragen würde. Die nächtliche Einstrahlung ist also ein durchaus zu vernachlässigender Faktor. Vvll 16 M. .Mafiss jj. Schulmeister .. Berlin SO, Dresdener Str. 4 D1S Hochbahnstation Kottbuser Tor. bis 40 M. von 15 M. An £*yre Liigemsin-uerschiedenes iTrultreie CigarenentabriK. M ANOLI ZIGARETTEN Uli D e n i* di 1 a n d* führende Marke BOSNIA CIGABETTEN ganz Besonderes I Com p a ny Berlin N. 20 Pankstr. 65. KAM » a ny Hb Fordert nur Kressin I RaucDt tierimoli Ciflarctfen 1 4 AlkohoHp. BntrBnkn ► Abraham Uurnb. Messina-u.Römertrank-Kel!. C�SBarteWr�StJ� B ade-Anltalten Arkona-Bad, Anklamar-Str. M. Landsberger Str.107, Gollnowstr.41, Liefer. efimtlich. Krankenk. ____________ ksenstr. 50. [entral-Bad Anxengruberstr. 25. Diana-Bad SÄ«. Katlonal-Bad, Brunnenstr. 9. 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