!lr. 208.- 1915. Unterhaltungsblatt ües vorwärts Freitag, 10. Zeptember. Nöröer unter unseren pfianzen. Bon Alwin Rath. Zarte unschuldsvolle Wesen, die sich sonst nur vom Licht der Sonne und vom Tau des Himmels nähren: Raubmörder!— bluthungrige Fleischfresser! Das aber sei gleich betont, die bare Not des Lebens hat diese kleinen Dämonen unter den Pflanzen zu solch ab'onderlicher Nahrung getrieben. Die Kannenpflanzen z. B. ge- deihen nur auf einem vulkanischen Boden. Der Sonnentau, das Fettkraut, die Fliegenfalle, alle sind arme dürftige Moorbewohner, wahrend Wasserhelm und andere wurzellos im Wasser herum- vagabondieren und sich wie die Zigeuner ihr Futter zusammen- stibitzen müssen. Im Moorboden verhindern die Humussäuren, daß sich die Wohltäter der grünen Pflanzen, die Nitritoakterien ansiedeln und hier im Wasser verhindert es der Wellenschlag. Und so wären diese Absonderlichen unter den zarten Kindern FloraS dem Hunger- iode preisgegeben, wenn sie nicht geradezu tierhafte Beweglichkeit und Raublust sich allmählich angeeignet hätten. Der auch bei uns in Teutichland wachsende, mit einem schönen poetischen Namen ausgezeichnete Sonnentau hat z. B. seine Blätter zu gefährlichen Fangapparaten umgestaltet. Die roten verlockend schimmernden Leimwunpern lassen die Raubfalle wie eine Blüte anziehend erscheinen. Wehe aber der armen Hummel, die Honig suchen kommt! Gleich klebt sie an den„Tautropfen" fest, und zum Entsetzen für die arme Gefangene setzen sich auch die übrigen Fang- Wimpern in Bewegung und kleben sie zuletzt ebenfalls unrettbar fest! Das ganze Blatt mit seinem kleinen runden Teller rollt sich über der deni Tode Geweihten zusammen und ein dem Magensaft des Menschen und der Tiere ähnlicher Schleim zersetzt dann die Stoffe, die die Pflanze zu ihrer Nahrung bedarf. Nach einigen Tagen öffnet sich das Bratenschüsselchen wieder und ein dürres Skelett wird vorn Wind weggefegt. Einer der scharfsinnigsten Beobachter und Bahnbrecher auf dem Gebiete der Pflanzenpsyche wagt gar mit Bezug aus diese mörderischen Pflanze» den Pergleich mit einer vom Zentralgehsrn lwie beim Menschen oder Tier) ausgehenden und geleiteten Tätigkeit. Und er bat nicht so unrecht,— denn beim Sonnentau z. B. geraten, wenn ein Blatt nicht mit der Bewältigung des gefangenen Tieres fertig wird, auch alle übrigen Fangschüsseln der Pflanze in Bewegung und Helsen zuletzt mit ihren Leimapparaten zur Besiegung des Opfers — so etwa bei einer immerbin starken Wasiersungser.— Der innere Anreiz dazu aber wird durch nervenähnliche„Fibrillen" geleitet und man muß zugestehen, daß die Scheidewand zwischen pflanzlichem und tierischem Leben hier in einer großen Bresche nieder- sinkt. Ter Sonnentau ist befähigt, eine ganze Menge von Mücken, Honigbienen, Maikäsern, Marienwürmchen und ähnlichem zugleich zu fangen, das Fettkraut aber hat oft seine rechte Mühe, auch nur ein einziges Lebewesen in seinem länglichen zusammenrollenden dicken Blatt zu bewältigen. Nicht selten zerreißt es auch bei dieser mühevollen Arbeit des Einroll ens und stirbt dann sofort ab. Auch' bei der Lcnusfliegenfalle, die ihre beiden bezahnten Blattzipfel momentan über dem daraufgeflogenen Käfer schließt, verfallen nach- her die Blätter, die ihre Pflicht für das Leben der Pflanze getan haben. Die Spanier nutzen solche Fliegerfänger für sich auS, so das Taublatt, das einer zarten, mir vielen Schnüren versehenen, nach allen Seiten sich ausstreckenden Peitsche nicht unähnlich sieht. Die sadenlangen, dünnen Blätter sind mit leimigen Drüsen besetzt, und setzt sich nun eine Fliege darauf, rollt sich gleich der Faden zu- lammen, und der kleine Avialiker muß dem Leben Valet sagen. Die heimtückischste Gesellschaft unter diesen stillen Räubern sind jene, die kleine krugartige Fallen aus ihren Blättern bilden, wäh- rend über diesen Mordapparaten in unschuldigem Leuchten mit zarten Blumengefichtern die Blüten im Himmelblau sich sonnen. Außerordentlich schöne, prachtvolle Blüten haben so die Sarazenien, von denen man erstklassige Exemplare im Münchener Botanischen Garten sehen kann. Wie die Konnenpflanzen führen sie ihre Opfer mit Honig auf den Leim, den sie an in das Innere der Falle füh- renden Schlauchmündungen absondern. Die klügste Verführerin unter diesen pflanzlichen Bestien aber ist die eigentliche Kannenpflanze fNepentdos), von der Francä eine nicht zu übertreffende anschauliche Schilderung gibt. Zur Vollkommenheit steigert hier das Blatt feine Umbildungskünste in den Kannen- pflanzen, die den malaischen Archipel von Neuguinea bis Madagaskar bewohnen. Dieie Pflanze vereinigt in sich alle Anpassungen, deren das plastische Organ der Natur fähig ist. Am Grunde des HanptstammeS ein regelmäßiges Hauptblatt, wie jedes andere, kehrt eS gegen seine Spitze die Ordnung der Natur um, denn es geht in einen Stiel über, dieser wieder in eine öfters eingerollte Ranke, und daran sitzt am Ende die Kanne. Wahrhaftig eine regelrechte Kanne mit einem Deckel und einer inneren Einrichtung, die gruseln niachen könnte, versetzt man sich selbst in die Lage, in die ein kleines Kerb- tier gerät, wenn es in solch ein Verließ gefallen ist. Das Botanische Museum zu Berlin besitzt ein Präparat, an dem die Henkersarbeit dieser Kannen sehr anschaulich gemacht ist. Es ist dort eine solche Nepentheskanne ausgestellt, die man der Länge nach ausgeschnitten hat. Da sieht man, daß sie zur Hälfte mit einem dicken Ameisen- drei gefüllt ist. Tausende der kleinen Arbeitsamen sind in dieser Fallgrube verunglückt. Eine schreckliche Palisadenwehr umgürtet den Eingang. Aber heimtiickischei weise sind die Zähne nach unten ber- schränkt— hinein kann man, aber nicht heraus. Warum begeben sich die Ameisen an solch gefährliche Orte?— Sie fallen ihrer größten Leidenschaft, ihrer Genäschigkeit zum Opfer. Der Mund der Kanne ist süß, er trieft von ausgeschiedenem Nektar, oft umkränzt ihn eine Kruste des trockenen Seims. Welches Ameisenmäulchen könnte da wider- stehen? Dicht unter dem süßen Kranz folgt ein breiter Streifen, desfcn Oberhaut Wachs ausscheidet. Auf diesem glatten senkrechten Parkett gleiten die Ameisen leicht aus, und ein erheblicher Teil der Gäste stürzt in die Fallgrube, in jenen verbrennenden Saft, der sie lebendigen Leibes zersetzt.„Was bluirünstige Phantasie schlechter 5tolportageromane kaum mehr zu verzapfen wagt, das ist hier im stillen Waldwinkel erschreckende Wirklichkeit!" Dann haben wir noch eine Fischerin unter diesen Mörderischen, die im Wasfer, wie der größte Räuber der Erde, der Mensch, seine Aalreusen ähnlichen, nur winzig kleinen Fangapparate auslegt oder vielmehr überall im Wasser damit herumschwimmt. In manchen unserer Teiche und Gräben, besonders in Norddeutschland, ragen senkrechte, mit kleinen Blüten besetzte Stengel gerade empor. Man glaubt, sie seien verwurzelt im Boden; aber es braucht nur ein Wind zu kommen, so wandert der Wasjerhelm, dessen BIlltenstengel zugleich sein Wandersegel ist, weiter.. weiter.... Dies aber, die Ungebundenheit, kommt ihn: besonders zunutze. Denn im Wasser steht der Wafferhelm auf fein verästelten, zarten Zweigen, die wurzelartig sich ausbreitend, dicht unter der Oberfläche schwimmen und meist in den Astwinkeln ihrer Abzweigungen jene für die Ernährung der Pflanzen so bedeutungsvollen kleinen Blasen tragen, in denen sie auf ihren Schwimmtouren all die kleinen Wassertierchen fangen, wie Ruderkrebschen größere Rädertierchcn, Wasserflöhe und so was. Man findet ab und zu Blasen, in denen sich eine kleine Schar der Gefangenen noch ganz munter, nur etwas beunruhigt ob der Enge und der un- gewöhnlichen Essenzen, die ihnen vorgesetzt werden, umhertummelt, denn die kleinen Kerker sind mit Wasser gefüllt. Allmählich aber fondern sie von ihren Wandungen aus Säfte ab, die die Hüpferlinge und Rädertierchen vergiften, sie absterben lassen und zuletzt in eine faulige, zersetzte Masse zerlösen, von der dann die Pflanze, sie in sich aufsaugend, lebt. kleines Zeuilleton. vom Schwarzbrot. Das Weizenbrot, das der französische Klassiker der Wisienschaft vom Brote Parmentier„ein großmütiges Geschenk der Natur, eine durch keine andere ersetzbare Nahrung" nennt, ist der letzte Ausläufer einer langen Entwicklung in der Geschichte der Getreidenahrung, der Pros. A. Maurizio in der„Naturwissenschaftlichen Wochenschrift eine inhaltsreiche Abhandlung widmet. Die älteste und wohl erste Getreidenahrung waren rohe und geröstete Körner; sie wurde von dem Mehlbrei abgelöst, den zum großen Teil Hirsearten lieferten und dem eine hohe weltgeschichtliche Bedeutung zukommt. Den Uebergang vom Brei zum Brot bildet der noch heute in vielen Gegenden übliche Fladen, der aus vielen Früchten und Samen her gestellt wird, nicht aus einer Getreideart wie das Brot. Als darin das Brot seinen Siegeszug in die Weltkultur antrat, da entstand ein Kamps unter den dazu geeigneten Getreidearten. Zuerst schieden Gerste und Haser aus, dann waren lange Zeit Weizen und Roggen Nebenbuhler, bis der Weizen Sieger blieb. Das Weizen brot wurde anfänglich nicht im Hause bereitet; es war sogenanntes Feilbrot, wurde bei festlichen Gelegenheiten aus dem Kramladen geholt und den Güsten als Leckerbissen vorgesetzt. Die Franzosen wurden schon im IS. und 17. Jahrhundert leidenschaftliche Verehrer des Weizenbrotes; die Reichen und Städter aßen fast nichts anderes mehr, während eS bei den Bauern in den Provinzen nur Roggen-, Gersten- und Buchwcizenbrot gab. Die strenge Sonderung der Klassen bor der Revolution fand ihr Sinnbild in den verschiedenen Brotsorten: die Aristokraten schlemmten in Weißbrot; die Bürger mußten sich mit einem etwas dunkleren Mitlelbrot begnügen, und der Bauer war aus das verachtete Schwarzbrot angewiesen. Nach der Revolution nahnien dann auch die niederen Stände an dem Genuß des Weißbrotes teil. Ueberhaupt sind alle Romanen „Weizenbrötler". während in Deutschland die Vorliebe für das kräftige derbe Schwarzbrot und deft Pumpernickel nie ausgestorben ist. Zäh hielten die Bauern an der alten Kost fest. DaS Schwarzbrot sei kein Bäckereierzengnis, sagt Pfarrer L'Houet in seiner Psychologie des Bauerntums, kein Bäcker darf sich rühmen, es erfunden zu haben.„Alle arbeiten an ihm wie am Volksliede feit Jahr- Hunderten. All die Abwechslung in den Brotsorten, gar all die Er- zeugnisse der Berufsbäckerei, an denen wir uns erfreuen und ver- derben: nichts von alledem! Stets nur das eine vortreffliche Dhema! Schwarzbrot und Volkslied haben eine Geschichte hinter sich, die in ihren Entwicklungsgrundsätzen merkwürdig ähnlich ist." Stets haben die Franzosen über das deutsche Schwarzbrot ge- stöhnt, die französischen Emigraiften sowohl wie die Soldaten der Großen Arnice und die Gefangenen von 1870. Die napoleonischen Denkwürdigkeiten berichten an zahlreichen Stellen davon, wie die Eroberer das dunkle Brot in deutsdhen und flämischen Landen ver- achteten. Als kostbares Gut trug der Soldat des Korsen im Brot- fack sein Weizenbrot. So hat denn auch Frankreich inmier das weizenreichfte Soldatenbrot beiessen. Hier schlug man schon zu Anfang des 18. Jahrhunderts einen geringen Kleicabzug vor. Doch blieb das Kommißbrot bis zum Jahre 1701 ein Brot aus ganzem kaum gereinigten! Korn. Seit 1798 begann die Verbesserung des französischen Soldatenbrotes, und diese schritt dann fort bis zur Uebertreibung. Dem preußischen Soldatenbrot sind dagegen nur 16 bis 18 Proz. Kleie entzogen. Es ist ein reines Roggenbrot. Der Krieg hat den Deutschen, die auch schon bis zu einem hohen Grade von der Sucht nach Weizenbrot angesteckt waren, die Rückkehr zum alten guten deutschen Schwarzbrot gebracht. Die Finklersche Erfindung der nassen Vermahlung der Kleie liefert zudem jetzt ein Vollkornbrot, das als Nahrungsmittel dem weißen Brote ebenbürtig ist. So stehen wir augenscheinlich, durch den Krieg mit herbeigeführt, an einem.neuen Abschnitt der Brotgeschichte, in dem das Schwarzbrot zu neuen Ehren gelangen wird. Die Russenglocke von Warschau. Die„Deutsche Warschauer Zeitung" bringt unterm 18. August folgende Lokalnotiz: Die grolle Glocke der russischen Kathedrale, die größte ihrer Art in Polen,' etwa 360 Zentner wiegend und mit Silber legiert, wurde vor ungefähr fünfzehn Jahren von Rußland nach Warschau gebracht. Zu ihrem Transport vom Weichselbahnhof bis zur Kathedrale mußte eine Holzschleisbahn angelegt werden, auf der sie einige hundert Soldaten vorwärtszogen. Diese Glocke hat jetzt nach nur dreijähriger Tätigkeit, denn solange hatte sich die Ein- weihung der Kalhedrale hingezogen, aufgehört zu existieren. Als die russische Stellung vor Warschan derartig gefährdet war, daß ein Rückzug nur noch eine Frage von wenigen Tagen war, und als der Abtransport des beweglichen Inhalts der Regierungsgebäude, Laza- rette usw. allmählich zu Ende ging, erließ der Heilige Shnod einen Befehl, demzufolge die Glocken aller orthodoxen Kirchen Warschaus nach Rußland übergeführt werden mußten. Diesem Befehl wurde entsprochen und bei Tag und Nacht waren Arbeiter daran, die kleineren Glocken des obersten Stockwerkes des imposanten Glocken- turms zu entfernen. Als sie aber an die Beseitigung der großen Glocke gingen, die ein«tockwerk niedriger hing, stießen sie auf kaum überlvindliche Schwierigkeiten, da diese Glocke nicht un- geteilt heruntergenommen werden konnte, ohne daß man den Turm teilweise zerstört hätte. Man vernel auf den Plan, die Glocke stückweife zu zersägen, und errichtete zu diesem Zweck eine elektrische Acetylensägevorrichtung, die jedoch in mehrtägiger Arbeit nicht das gewünschte Ergebnis erzielte. Mit vieler Mühe wurde ein Abschnitt losgesägt. und nmn war dabei, ihn mit vorher angebrachten Flaschenzügen herunterzuholen, als er sich loslöste, mit dumpfem Getöse herunterfiel und sich unten in die Erde ein- bohrte, so daß er bloß noch mit dem Rand heraussah. Dies geschah kaum eine Stunde vor der Einnahme Warschaus. Der Turm. der sonst nur an russischen Feiertagen mit elektrischen Glühlampen beleuchtet wurde, war auch bei diesem Zerstörungswerke während einiger Nächte illuminiert. Tausende besichtigten die Stätte dieses einzig in seiner Art dastebendeu Ereignisses, und die Menge konnte nur mit Mühe zurückgehalten werden. Vorgestern vormittags war eine Abteilung Pioniere damit beschäftigt, das Glockenstnck auszu- graben, was eine Arbeit von zwei Stunden erforderte. Notize«. — Berliner Gedächtnistafeln. Zu Ehren des Dichters Emanuel Geibel und des berühmten Mathematikers Weierstraß, deren 100. Geburtstag in den Oktober sällr, läßt der Berliner Magistrat an dem Hause Enckeplatz 3, Ivo Geibel in seiner Berliner Zeit ge- wohnt hat, und an dem Sterbchause von Weierstraß, Friedrich- Wilhelm-Strnße 14, Gedächtnistafeln anbringen. Rotes vlamenblut. IS] Von Pierre Broodcoorens. 11. Zur selben Stunde schnarrten bei den Citters unter den verräucherten Deckenbalken noch zwei Handschuhnähmafchinen. Eine dritte stand unbeschäftigt im Dunkel beim Kamin, eine durchlöcherte Schürze war über das Gehwerk geworfen, um es vor deni feinen Staub zu schützen, der beständig von der Be- ivegung der Pedale und der Handgriffe erregt wurde. Einander gegenüber waren bei dem blakenden Licht einer schirmlosen Lampe, die auf einem Konsol zwischen den Fenstern stand. Florine und Palmyre fieberhaft bei der Ar- beit. Es waren die beiden Jüngsten; Florine nach Aure geboren, war ein Jahr älter als Palmyre, die in ihrem sechzehnten stand. Ueber die Arbeit gebeugt, wechselten sie kaum ab und zu ein Wort. Sieben ihnen lag auf einem Strohstuhl ein Haufen schwarzer Handschuhe. Es waren drei Dutzend in zwei Abteilungen: die eine von den Brüsseler Zuschneidern zurechtgeschnittene Lederstücke mit weißer Kehr- feite, auf die ein Fabrikstempel aufgedrückt war; die andere enthielt die genähten Paare. Die erste Abteilung war erst zu einem Drittel ferttg. Ein kupferner Schraubstock auf einem hölzernem Gestell stand unter den Gewichten einer Standuhr hinter Florine....... Es war ein elendes Loch, das einen Flachenraum von höchstens acht Metern im Quadrat hatte. Die Höhe� war nicht über ein Meter siebzig, was den Luftinhalt emes Stalles be- sagte. Den Tag über und einen Teil des Abends hausten. bunt durcheinander, sieben Personen in ihm, die ihre Aus- atmung mit eiuander mischten, mit Stirn und Ellbogen ein- ander stießen. Sonntags, wenn Hektar von Fontaine- l'Eveque zurückgekehrt war, waren sie ihrer acht, die sich ,n diese sechzehn Meter von Feuchfigkeit und üblem Dunst teilten. Im Hintergrund war die Wand zur Rechten von einem gelben schrank eingenommen, der mit seinem obersten Rand bis an die schwarzen Deckenbalken reichte; zur Linken von eineni Kleiderriegel, der dick niit schmutzigen, ausgeflickten Kleidungsstücken behängt war. Ueber diesem namenlosen Plunder stand eine Tür zu einem Hängeboden offen, zu der Stufen hinaufführten. Mitten in der Wand gegenüber gähnte! eine dritte Tür, die zum Schlafgelatz der Mädchen führte. Der Tisch, der eine Zinkdecke hatte, stand auf seinen gedrun genen Füßen vor dem einzigen Möbel der Wohnung. Auf dem Fußboden war ein Durcheinander von Abfällen, Faden enden und Brotkrümelchen und von draußen mit herein geschleppten, von den Schuhen zertretenen Erdklumpen. Ein abgemagerter, verschmierter, mit einem vergilbten Buchs baumreis versehener Christus beherrschte mit seinen fünf Wunden und feiner ewigen Kreuzigung die häßliche Höhle, in der Männer und Weiber wie die Tiere vegetierten. Der Alte, Jannah, die von einer Migräne geplagt war, Saucipanne, der jüngste der Knaben, schliefen schon unter dem feuchten Strohdach. Florine und Palmyre, einen blassen Schimmer auf ihrem Blondhaar, drehten rastlos die Stücke unter der Stahlnadcl der Maschinen. Zuweilen verlangsamten sie mit einem Griff der Rechten die Bewegung des Eisenhebels, der dann stillstand, um unter einem neuen Antrieb gleich wieder sein schwindelschnelles Ticken aufzunehmen. Um die Augen der mitten in ihrem Wachstum abgeblühten Mädchen lagen blaue Ränder. Vorschreitend verzehrte ihnen die Blutarmut die roten Blutkörperchen. Ihre Schläfen- gruben, ihre bleichen, alten, faltigen Gesichter, ihre abstehenden, blutlosen Ohren, ihre durchsichtigen Hände mit den auf- gewölbten Nägeln sprachen von einer langsamen, vorzeitigen Ausnutzung durch diesen Luxus, der einen Haufen ihnen unbekannter blasierter Nichtstuer jenseits des Meeres behand- schuhte. Schlag V2II Uhr erhob sich Palmyre und warf eine Schaufel Kohlen aufs Feuer. „Sicher brauchen sie starken Kaffee, wenn sie kommen, daß sie nüchtern werden," sagte sie, indem sie mit bedenklicher Miene den Wasserkessel hervorholte und ihn schüttelte. „Mögen sie brauchen, was sie wollen," fluchte Florine. Sie wissen jedenfalls, daß wir zu arbeiten haben. Jannah und Aurö haben noch jede zwei Dutzend Hauben zu machen. Und dann Hilla. Sie hat sich gut lustig machen. Seit wir alt genug sind, um zu nähen, kümmert sie sich den Teufel noch um was. Wir sind's, auf denen alles lastet." „Lämmchen, man muß Geduld haben," flötete die weniger verärgerte Palmyre.„Sic ist nicht mehr frei, hat schon einen Verehrer, den Schlächtergesellcn von Monck Pattets auf dem Op brakeler Markt." Plötzlich entfuhr ihr ein Fluch. „Teufel nich' noch mal!" rief sie.„Er hat auch noch vergessen, Wasser zu besorgen. Ich muß selber danach gehen. Na, er soll sehen!" Sie ging hinaus und kam gleich darauf zurück, unter der Last eines vollen Eimers gebeugt. Florine fuhr sie an. „Du, nichts kann Dich aufregen! Dir ist es ganz einer- lei, das Hundeleben! llebrigens bist nur Du schuld, daß wir nicht mit den anderen in den Streik eingetreten sind vor drei Wochen. Ich bin anders. Ich hob's satt. Ich fühle mein Kreuz und meine Beine nicht mehr. Trotz der 80 Centimes Zulage aufs Dutzend, die wir seit der Versammlung von Auden- Hove haben, möchte ich lieber Kuhhirtin beim Valck oderListel sein. Man ist wenigstens in der frischen Luft." „Da würdest Du nicht viel besser dastehen, hättest fünf Stüber den Tag; außerdem will's Hilla nicht." „Ich weiß," seufzte das Mädchen ergeben. Sie erhob sich und reckte sich gähnend, die Hände im Genick verschränkt. „Einer muß Herr sein," sagte Palmyre gewichtig.„Sie ist die älteste. Mir ist es lieber, daß sie's ist, die kommandiert. Ein Unglück, weun's der Alte wär'. Es bliebe uns nicht cin Heller." „Nun ja", stimmte Floriue bei.„Er würde alles ver- saufen, der Kerl." „Und schon über 70 alt, nicht?'S ist'ne Schande." „Bah I Trotz allem: was hätte man? Das wäre der Teufel, wenn man nach seinem Tode fünf- oder sechshundert Frank vorfinden wü'-de, einen blauen Lappen für jeden. Noch besser, wenn er sih betränke. Vielleicht käme er dabei auf Ideen." „Vielleicht!" antwortete Palmyre, nachdenklich das Kinn in der Hand. Sie raffte sich mit einer Bewegung auf und verscheuchte schnell die traurigen, nutzlosen Gedanken. „Mich hungert", sagte sie munter.„Wenn wir immer äßen?" „Warum nicht?" machte Florian. Auf deni Ofen sang der Kessel. Die Kleine wärmte in einem Steinguttopf Kaffee. Palmyre holte aus dem Kücheuschrank zwei Tasfen und Brot hervor. Sie setzten sich an den Tisch. Draußen wurden plötzlich Stimmen laut, die den gellen- den Zorn der Wächterhunde erregten. (Cforts. folgt.) 88 MM Pfannig JÄNDORF' 1 Woche SpittelmarM Belle-Mancestr. Gr. Frankfurt erstr. Brunnenstr. Eottbnser Damm Wümersdorferstr. Verlangfen Sie bei Einkäufen Rabattmarken Ganz besonders sünstise Einkauf sgelesenheit iSliiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiH Pfennig Dentachea Theater. Direktion: Mar Reinhardt. Vi, Uhr: Faust. I. Sonnabend 8'/»: Faust. II. Kanunerapiele. £ TThr; Die deutschsn Kleinstädter. Sonnabend; Der Welbatenfel Volkabühne. Theater a. BUlowpl. Uhr; Die Räuber. Sonnabend; Die Räuber. für sämtliche Bedarfsartikel URANIA Taubenstraße 48/49. 8 Uhr: 8 Uhr: Zum ersten Male: Dr. Iritz Wertheimei: Von den Karpathen bis BrestsLitowsk. Theater für Freitag;, 10. September. Beritner Theater 8 uhr; Extrablätter. Deutsches Kfinstler-Theater. BrSfinnng: morgen �i|i Uhr: KBnlg Salome. Qeaatn» Theater. £übr: Baumeister Solneß Deutsches Opernhaus Charlottbg. » uhr; Die Fiedermaos. Friedrich-Wilhelmstädl. Theater. F-.'.ubr- Lehmanns Kinder Oebr. Herrnfeld. Theater & uhr; Benjamin macht alles. Kleine. Theater. sv.u.: Ein kostbares Leben. Komische Oper. s uhr; Jung muß man sein. Sonnt. 31/]: Gold gab ich für Eisen. I.n.taplelhi 8';. .aataplelhans. '/.u.tfleirscIialtL Diener gesucht Tlontls Operetten-Theater WiedoreröSn., morgen Sonnabend; Gastspiel Louis Treumann. 8 Uhr; Hoheit tanzt Walzer Residenz-Theater 8'/. uhr: Der Sonnenvogel. Schiller-Theater O. suhxJerRaiibilerSihiiieriien. Schlller-Th.Charlottenbj. s uhr: Rosmersholra. Thalia-Theater. z.i.Maie Drei Paar Schuhe. Theater am BioIIendortpI. 8./.u.: immer feste druff! Theater des Westens s uhr: Andersen. Vorher: Am Wörther See. Theater in der KöniggrätzerStraDe 8 Uhr; RaUSCh. Trlanon Theater. 8'/« U.; Hydra mit Franz ärnold. i�ose-Ikester. Anjang Vj, Übt: Die Stunde kommt! Sonnt. 3U.: Wenn die Uebo erwacht Walhalla-Theater. Heute keine Vorstellung. Im Tunnel grostes Konzert. Sonnob.: D. Maschinenbauer v.Soriin \ olgt-Theater. Badetr. 58. Badetr. 58. Beginn der Winterfaifon: iSO. September ISIS. Abonnements werden entgegen- genommen. Tägl. 8 Uhr. Sonnt. 3'/, u. 8 Uhr. H. D.Vrys neue Allegorien: Untiere Helden (Weddigen, Mackensen, Hlnden- burg, BQlow, Haeseler usw.) R. Steldls neuest. Schlager: Im Zossener Litger. Fem.: Margwüls— Hildegard Clermonte Wanderzirkus u�da5jro6o�r5(lnun£8_�rog� Reichshallen-Theater, Stettiner SHnjcer. Ans. 3 U. Rililärisch. Zeit Mlb von Meysel. MUltärpersonen u. deren Angehö- rlgen vollkommen freier Zlllrittzn d. Stell. Sängern. easino-Tkoater Lothringer Str. 37. Tägl. 8 Uhr: Die neue Berliner Volksposse Familie Schnase. Urberlin. Handlung. Urberlin. Figuren. Vorher der erstkl. Spezialitäten-Teil. Vorverk. f.d. ganze Woche v. 11— 2 Uhr. Sonnt. 4 Uhr: Die g/nte Mama. Themtcr Fo/t'oj Capriee 8"t Possen-Theater 6|| Onkel Mendelsohn Citrons geben sich die Ehre mit Leonhard Haskel und Siesfried Berlsch. 3n Stelen mm - Die- Ivochenschrift für Arbeiterfamilien Wöchentlich 1 Heft für 10 Pf. Vemaltnnc Berlin. Tel.Amt Moritzhlatz 10323, 3578. Bureau: Rungestraße 30. Heute Freitag, de» 10. September, abends 8'/z Ilhr, Rungestr. 30 1 Sitzung der Ortsverwaltung. Einsetzer! Kranchen- Uersammlung Sonntag, den 12. 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